Einflussfaktoren der beruflichen Orientierung

Welche Akteure müssen verstärkt kooperieren, damit eine qualifizierte Berufswahlentscheidung bei Jugendlichen erreicht wird?


Hausarbeit, 2019

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Relevanz einer qualifizierten Berufswahlentscheidung

3. Die Bewegungsfelder der Jugendlichen und der Einfluss der Akteure
3.1 Der Privatbereich – die Bezugspersonen
3.2 Der Nahbereich – die Schule
3.3 Der öffentliche Raum – die Unternehmen

4. Die unzureichende Nutzung der Kooperationen

5. Die Möglichkeiten guter Kooperationen und der Mehrwert entstehender Synergien

6. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

Die wichtigste Angelegenheit ist die Wahl des Berufes: Der Zufall entscheidet darüber. Die Gewohnheit macht Maurer, Soldaten, Dachdecker (…). Wie viele Naturen sind in der des Menschen! Wie viele Berufe und durch welchen Zufall greift gemeinhin jeder nach dem, was er hat loben hören! (Blaise Pascal, 1623 - 1662)

Das Zitat des Philosophen Pascal Blaise stammt aus dem 17. Jahrhundert, als die Berufswahl selten abhängig vom eigenen Talent und dem Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung entschieden wurde. Vielmehr waren es die wirtschaftlichen- und gesellschaftlichen Belange, die zum späteren Beruf geführt haben. Beim Vergleich zur aktuellen Situation ist festzustellen, dass sich die Anforderungen der Berufswelt zwar geändert haben, die Jugendlichen aber bei der Entscheidung für einen Beruf vor ähnlichen Problemen stehen. So bezeichnete der Autor Achenbach im Jahre 1992 die Berufswahl Jugendlicher als „Schicksalswahl” und unterstellt auch ein hohes Maß an Zufälligkeit.

Verknüpft mit Blaises Aussage, dass „…der Zufall entscheidet“, wird das Ziel für alle Akteure, die am Prozess der Berufswahl beteiligt sind, klar: Jugendliche zu einer qualifizierten Berufswahlentscheidung zu befähigen. Viele Bedingungen haben sich im Vergleich zum 17. Jahrhundert geändert und wir bewegen uns heute in einer Informationsgesellschaft. Auszubildenden falsche Vorstellungen. Das führt dazu, dass die Jugendlichen und alle am Berufswahlentscheidungsprozess Beteiligten Zugriff auf Informationen zu den Ausbildungsbetrieben, auf Tests, die der Selbsteinschätzung dienen, auf virtuelle Rundgänge aus der Arbeitswelt und auf etliche Austauschmöglichkeiten in Foren und Online-Communities haben. Demnach könnten die Voraussetzungen nicht besser sein, sich die Kompetenzen anzueignen, um den für sich geeigneten Beruf auszusuchen. Dennoch belegt die Statistik der Bundesagentur für Arbeit, dass sich die Ausbildungsabbruchquote seit 1990 konstant zwischen 20 und 25 % bewegt (vgl. Studie des Forschungsinstituts Göttingen, Exit statt Voice, 2016). Die Studie führt an, dass der Hauptgrund für das Lösen von Ausbildungsverträgen darin liegt, dass „die Auszubildenden falsche Vorstellungen hatten und somit auch die Anforderungen für den ausgewählten Beruf nicht mitbrachten”. (Studie des Forschungsinstituts Göttingen 2016, Exit statt Voice, S. 7)

Zudem sind die Ansprüche der Arbeitswelt gestiegen und die Berufsorientierung und -beratung ist komplexer geworden. Auszubildenden falsche Vorstellungen. „So kann eine fundierte, systematische sowie kontinuierliche Berufsorientierung und -beratung nur dann wirksam und wirtschaftlich geleistet werden, wenn alle Akteure miteinander kooperieren und in den Prozess miteinbezogen werden” (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2006, S. 18).

Ein Blick auf die gängigen Standardwerke zum Thema Berufsorientierung (z.B. von Beinke. L.: Berufsorientierung und peer-groups 2004, Berufswahl und ihre Rahmenbedingungen 2006, Elterneinfluß auf die Berufswahl 2000, Bedeutsamkeit der Betriebspraktika für die Berufswahl 1999 und Kaminski, H. Berufsorientierung in der Schule 2008 uvm.) zeigt, dass die Berufsorientierung selten als ganzheitliche Aufgabe der beteiligten Akteure gesehen wird. Daraus ergibt sich ein gemeinsames Problem. Der Prozess der Berufsorientierung wird oft nur aus der Sicht von einem oder zwei Akteuren betrachtet. Der Austausch aller beteiligten Akteure (Schule, Eltern, Unternehmen und die Peer Groups) ist nur vereinzelt vorhanden und es fehlt ein ganzheitliches Konzept, um eine qualitativ hochwertige Berufsorientierung zu erreichen.

Dementsprechend stellt sich die Grundfrage, welche der Akteure zukünftig vermehrt und wie miteinander zusammenarbeiten sollten, um die Qualität der Berufswahlkompetenz der Jugendlichen zu verbessern. Aufgrund der Komplexität und Reichweite der Thematik bezieht sich diese Ausarbeitung auf die Sekundarstufe I, also auf Jugendliche, die sich nach der Realschule für eine Ausbildung entscheiden.

2. Die Relevanz einer qualifizierten Berufswahlentscheidung

Nach Pascal Blaise ist die Wahl des Berufes schon im 17. Jahrhundert die wichtigste Entscheidung gewesen. Auch damals wie heute, wird jeder Mensch von seinem Beruf geprägt. In unserem Sprachgebrauch ist die Bezeichnung des Arbeitslebens geläufig und steckt den zeitlichen Rahmen, in dem wir am Marktgeschehen erwerbstätig sind, klar ab. Zwar ist ein Beruf, den ein Jugendlicher nach dem Abschluss der mittleren Reife im Alter zwischen 16 und 18 Jahren wählt und bis zu seiner Rente ausübt, von Seltenheit geprägt und es gibt eine Vielzahl von Umschulungsmöglichkeiten. Dennoch ist die Entscheidung für die erste Berufsausbildung von enormer Wichtigkeit. Ludger Bußhoff (1995, S. 9) bezeichnet „die Wahl beim Übergang von Schule und dem Erreichen einer Erstposition im Beschäftigungssystem als primäre Berufswahl und bemisst ihr eine hohe Bedeutung in der Erwerbsbiographie bei, da sie eine gesellschaftliche Identität stiftet, auch wenn von mehreren Berufswechseln auszugehen ist”. So gibt die erste Berufswahlentscheidung zumindest eine Richtung vor. Mit einem Blick auf die Lebensarbeitszeit wird deutlich, welch weitreichende Entscheidung ein Jugendlicher für sich treffen muss. Denn die durchschnittliche Lebensarbeitszeit für einen Jugendlichen, der im Jahr 2017 15 Jahre alt geworden ist, beträgt statistisch betrachtet 38,4 Jahre (Vergleichswert: europäischer Durchschnitt: 35,9 Jahre) (vgl. Janson, M. 2019).

Der Blick auf die aktuellen Zahlen der Arbeitsagentur zur Ausbildungssituation in Deutschland zeigt auf, wie viele Jugendliche jedes Jahr vor einer ihrer wichtigsten Lebensentscheidungen stehen und inwieweit es zu Fehleinschätzungen gekommen ist. Insgesamt werden jährlich über eine halbe Million neuer Ausbildungsverträge abgeschlossen und aktuell befinden sich mehr als 1,32 Millionen Jugendliche in einer Ausbildung (vgl. statistisches Bundesamt, Berufliche Bildung 2017, S. 12). Die Abbruchquote liegt seit 1990 bis heute konstant im Bereich von 20 und 25 % (vgl. Berufsbildungsbericht 2019). Somit wurde in den letzten 29 Jahren mindestens jeder fünfte abgeschlossene Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst. In den meisten Fällen bringt dies eine konfliktreiche Phase für den Jugendlichen mit sich und der Start in die Berufswelt ist mit einem negativen Ersterlebnis behaftet. Das Scheitern mindert die Motivation, an der Arbeitswelt teilzunehmen und aus der Unternehmenssicht geht Ausbildungspotenzial und eine spätere vollwertige Arbeitskraft verloren (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016). Ökonomisch betrachtet, stellt dies erhebliche Mehrkosten für die Unternehmen dar und betriebswirtschaftlich ausgedrückt ist dieser Vorgang mit einer Entwertung in investierte Ressourcen gleichzusetzen. Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung verursachen Vertragslösungen jährliche Kosten in Höhe von ungefähr 580 Millionen Euro (Wenzelmann, F. und Lemmermann H. 2012, Betriebliche Kosten von Vertragsauflösungen, BIBB, BWP5). Hinzu kommen die gesamtwirtschaftlichen Kosten, die durch den Wegfall der Arbeitskraft und aufgrund der Arbeitslosigkeit der Jugendlichen entstehen, aber nur sehr schwer bezifferbar sind. Deshalb können diese statistisch nicht erfasst werden und fanden bei dieser Berechnung keine Berücksichtigung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der aus dem Bericht der Agentur für Arbeit hervorgeht, ist die große Herausforderung der Zusammenführung von Angebot und Nachfrage. 2018 ist die Zahl der unbesetzt gebliebenen betrieblichen Ausbildungsstellen weiter auf fast 57.700 gestiegen. Zugleich stieg auch die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber auf etwa 24.500. Hinzu kommen 54.100 junge Menschen, die trotz einer Alternative zur Ausbildung ihren Vermittlungswunsch weiter aufrechterhalten. An dieser Stelle zeigt sich die Notwendigkeit einer intensiveren beruflichen Orientierung und Berufsberatung. Jungen Menschen können dadurch auch weniger bekannte Alternativen zum Wunschberuf aufgezeigt werden, die ihrer Neigung, Eignung und Leistungsfähigkeit entsprechen. Ein Blick auf die Anzahl der Ausbildungsberufe zeigt deutlich, wie groß die Auswahl ist. Diese liegt aktuell bei 325, die nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) bzw. der Handwerksordnung (HwO) staatlich anerkannt sind und für viele Jugendliche eine unübersichtliche Dimension darstellt.

Des Weiteren gaben bei einer Umfrage zur Berufsorientierung in der achten Klasse über 90 % der befragten Haupt- und Realschüler an, dass es für sie wichtig sei, sich schon zu Beginn der Klasse 8 gut auf die Wahl eines Berufes vorzubereiten (vgl. Brüggemman & Rahn 2013, S. 112). Bezugnehmend auf die angeführten Statistiken, die Vielzahl der miteinbezogenen Akteure und die Berufswahlmöglichkeiten, gepaart mit der Bedeutung für das spätere Leben, ist die Berufsorientierung ein essentieller Bestandteil der Bildung, mit einer hohen Bedeutsamkeit für die Gesellschaft und explizit für heranwachsende Jugendliche.

3. Die Bewegungsfelder der Jugendlichen und der Einfluss der Akteure

Die Bewegungsfelder von Jugendlichen sind immer individuell zu betrachten, da sie neben den persönlichen Präferenzen stark dem Einfluss des sozialen Milieus unterliegen, in dem sie agieren. Insofern stellen Vertrauenspersonen eine wichtige Quelle zur Unterstützung bei der Berufswahl dar. Personen wie Lehrerinnen und Lehrer oder Berufsberaterinnen und Berufsberater nehmen dagegen nur einen sehr geringen Einfluss auf die berufliche Orientierung von jungen Menschen ein.

Dennoch sind sie wichtige Akteure der beruflichen Orientierung, da sie als Vermittler und Informanten in Erscheinung treten. Sie sind somit für den Berufsfindungsprozess unabdingbar. Ein theoretischer Ansatz, der sowohl stärkende als auch hemmende Faktoren berücksichtigt und weiter differenziert, findet sich im „Gatekeeper-Konzept” wieder, welches die Bedeutung und Funktion dritter Personen im Lebenslauf beleuchtet (Behrens/Rabe-Kleberg 2000). Auch Bührmann (2008, S.22) verweist auf die Wichtigkeit, gerade in den Übergangsperioden zwischen Schule und Beruf, des Einflusses von dritten Personen und bezeichnet diese als „Gatekeeper”. Diese steuern, kontrollieren oder ermöglichen Zugangsprozesse von Individuen zu Institutionen. Traditionellerweise werden Vertreterinnen und Vertreter von Institutionen (in der Berufsorientierung vorrangig Lehrpersonen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Beratungsstellen, Personalverantwortliche etc.) als Gatekeeper betrachtet. Behrens und Rabe-leberg (2000) plädieren dafür, „darüberhinausgehend auch Personen im persönlichen Umfeld mit einzuschließen und die Funktion der Gatekeeper um einen unterstützenden Charakter zu erweitern“. „Diese Primärgruppen sind durch einen geringen Formalisierungsgrad gekennzeichnet, weisen dabei aber eine hohe Dichte an Interaktionen auf“ (vgl. Behrens/ Rabe-Kleberg 2000, S. 110). Ihre Gatekeeper-Funktion bleibt dabei eher diffus und findet in Alltagsdiskursen statt. Da die Beleuchtung aller Bewegungsfelder zu komplex ist, erfolgt hier eine Untergliederung in die folgenden drei Bereiche.

3.1 Der Privatbereich – die Bezugspersonen

Der Privatbereich von Jugendlichen besteht nicht nur aus dem Freundeskreis und den Eltern, sondern aus einer Vielzahl von Personen wie zum Beispiel der Geschwister, Verwandten und Bekannten. Da der Einfluss des Freundeskreises, den sogenannten Peers und den Eltern am größten ist, wird hierauf das Augenmerk gelegt.

Die Jugendstudie 2015 zeigt deutlich, dass die Eltern die wichtigsten Partner für ihre Kinder bei der Berufswahl darstellen (vgl. Shell Jugendstudie 2015, S. 77). Allerdings sind die Förderungen seitens der Eltern individuell und auch die Familienkonstellation ist zu beachten. Vielen Eltern ist ihre Rolle in der Berufsorientierung nicht immer bewusst, aber die Elternarbeit stellt ein hilfreiches Instrument in diesem Zusammenhang dar. Wenn sich Eltern einbringen, führt es meistens dazu, dass die Jugendlichen beruflich erfolgreicher und zufriedener sind, vor allem aber seltener die Ausbildung abbrechen (vgl. Baum et al. 2011, S.64).

Elternarbeit bedeutet aber nicht nur, dass sie mit ihren Kindern über eine berufliche Zukunft sprechen, sondern sie bedeutet auch, sie zu aktiven Unterstützern ihrer Kinder bei der Berufswahl zu etablieren. Die Arbeit mit und an den Eltern lebt vor allem auch von deren Individualität und Vielfalt, sowie von deren bisherigen Erfahrungen in der Berufswelt. Genau deshalb sollten alle Akteure, die mit den Eltern in Kontakt treten, diesen Erfahrungsschatz miteinbeziehen und nicht unbemerkt lassen. Für die Schule besteht die Aufgabe, den Eltern mit Toleranz und Respekt entgegenzutreten, um eine Basis für die Zusammenarbeit zu schaffen (vgl. Sacher 2014, S. 141). Kinder haben ihre Eltern immer auch als Vorbilder und nehmen diese in ihren unterschiedlichsten Alltagsrollen wahr: als Berufstätige, Eltern, Studierende, Arbeitssuchende und in vielen mehr und immer abhängig von der individuellen Lebenssituation.

Studien belegen, dass die Eltern für die Jugendlichen die wichtigste Orientierungshilfe bei der Berufswahl sind. Auch wenn die Pubertät oft für eine Distanzierung zu den Eltern sorgt, sind sie als Ratgeber für die berufliche Zukunft der erste Ansprechpartner. Das ist vorteilhaft, da sie oft die Stärken und Schwächen des eigenen Kindes am besten einschätzen und demnach unterstützen können. Die in der Erziehung vermittelten Werte und Einstellungen, gerade auch zu Beruf und Arbeit, das Verhalten bei Frust oder Freude in den eigenen Berufsfeldern und die Möglichkeiten, sich im eigenen Beruf zu entfalten, beeinflusst die Kinder. Weitergegebene Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß, Höflichkeit, die auch ein Bestandteil der Ausbildungsreife sind und von den Eltern mitgefordert wurden, stellen einen indirekten Einfluss dar (vgl. Brüggemann 2013, S. 207). Selbst wenn sich Eltern aus den beruflichen Themen heraushalten möchten, beeinflussen sie ihre Kinder, oft gänzlich unbewusst. Die Eltern bilden die Charaktereigenschaften ihrer Kinder und können sich dadurch nicht aus der Berufsorientierung herausziehen, geschweige denn heraushalten, auch wenn sie es möchten (vgl. Baum et al. 2011, S. 64).

Ein weiteres wichtiges Umfeld für die Persönlichkeitsentwicklung sind die Gleichaltrigen und der Freundeskreis, die sogenannten Peers. So bestätigen vielfache Studien, dass Freunde nach den Eltern die wichtigsten Bezugspersonen sind, um sich über berufliche Themen auszutauschen (vgl. Reißig et al. 2008; Kuhnle / Reißig 2007). Da sich die Peer Group aus vielen Bereichen zusammensetzen kann (Freunde, Partner, Klassenkameraden und Bekannten, Verwandte), können sie auch ganz unterschiedliche Funktionen einnehmen. Als Türöffner fungieren junge Menschen, wenn sie Freunden Zugang zu Betrieben, Beratungsstellen und anderen Institutionen verschaffen. Das kann zum einen über die Weitergabe von Informationen erfolgen, zum anderen aber auch durch die Weiterreichung von Kontaktdaten zu Institutionen oder Personen. Wenn Peers ihre Freunde dazu ermutigen, einen Ausbildungsberuf anzustreben, ihnen Mut zusprechen und ihnen ihre Zustimmung vermitteln, dass ein solches Ziel erreichbar ist, trägt dies deutlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Motivation bei. Bei Misserfolgen geben die Peers einen emotionalen Rückhalt und beeinflussen somit auch den Verlauf der Übergangsbiografien.

In Form von Interesse, durch Gespräche, aber auch durch konkrete Unterstützungsleistungen und dem Verständnis für knapper werdende zeitliche Ressourcen üben sie eine persönliche Bestätigung aus. Sowohl Personen aus dem familiären Umfeld, als auch Fachkräfte können die Rolle eines Ratgebers, Coaches oder fürsorglichen Mentors einnehmen. Diese Rolle wird besonders häufig in Orientierungs-, Such- und Bewerbungsphasen nachgefragt. Die Unterstützung kann unterschiedlich stark benötigt werden. Von der Informationsgewinnung bis hin zum Erstellen der Bewerbungsmappe können die Hilfestellungen unterschiedlich sein. Auch wenn während der späteren Ausbildung Probleme auftreten, wird oft Rat bei erfahreneren Peers gesucht. Peers suchen sich Tandempartner, also Bezugspersonen, die sich in der gleichen Situation befinden und vergleichbare Ziele verfolgen. Gleiche Ziele motivieren und dadurch steigt die Aktivität zu recherchieren oder das Berufsinformationszentrum zu besuchen. Diese Funktion hat einen stabilisierenden Charakter, da die jungen Menschen nicht auf sich alleine gestellt sind. Schwierige Entscheidungs- oder Übergangssituationen werden gemeinsam angegangen.

Natürlich kann der Einfluss der Peers auch ein anderer sein. Anstelle der Motivation kommt es zur Hemmung und Demotivation. Dieser Fall tritt ein, wenn die Eignung für einen geplanten Bildungs- oder Ausbildungsweg abgesprochen wird. Mobbing und Neid spielen hierbei eine treibende Rolle und führt zu einer zusätzlichen Belastung für die Jugendlichen. Meistens können die Eltern entgegenwirken. Ein weitaus größeres Problem liegt in der Funktion des Türschließers. Diese Eigenschaft wird vielmehr Lehrerinnen und Lehrern oder Personalverantwortlichen zugesprochen, die aufgrund von Erfahrungswerten und Zeugnissen von einem gewünschten Ausbildungsweg abraten (vgl. Beinke 2006).

Gaupp hat in der Jugendstudie 2013 qualitative Interviews durchgeführt und diese unter anderem in Hinblick auf die oben genannten Gatekeeper-Funktionen untersucht. Verglichen wurde der Unterschied zwischen den erfolgreichen und den gescheiterten Ausbildungsplatzbewerbern. Auffallend ist, dass die Mehrzahl der Erfolgreichen davon berichtete, dass sie Personen in ihrem Umfeld hatten, die sich in einer ähnlichen Situation befanden, sie mitgezogen wurden und somit die Funktion eines Tandempartners eingenommen haben (vgl. Gaupp, 2013 DJI). Es ist festzuhalten, dass die sozialen Vergleichsprozesse eine maßgebliche Rolle spielen und motivationsfördernd wirken. Bei den Jugendlichen, die keine Ausbildungsmöglichkeit erhalten haben, war dies weitaus seltener der Fall und sie waren in der Regel auf sich selbst gestellt. Beinke (2006) hat in einer früheren Studie, in der 2020 Jugendliche der 8. und 9. Jahrgangsstufe befragt wurden, ein ähnliches Ergebnis feststellen können. Denn auch er fand heraus, dass der Einfluss der Freundesgruppe auf den Entscheidungsprozess der Berufswahl gewachsen und als mitentscheidend für die Berufswahl anzusehen ist. Die Jugendlichen reagieren auf die Haltung ihrer Freunde und stabilisieren oder destabilisieren demnach ihre Neigungen und Anstrengungen.

Der Einfluss der Eltern wird dadurch aber nicht belastet. Vielmehr kann von einer einvernehmlichen Verteilung von Aufgaben zwischen beiden Akteuren gesprochen werden. Stärkend können Peers bei jenen Jugendlichen wirken, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden und Ausgrenzungserfahrungen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen erlebten. Durch die Unterstützungsleistungen aus dem Freundeskreis während der Bewältigung der oftmals schwierigen Übergangsphase zwischen Schule und Berufsleben – auch entgegen den Einflüssen der Eltern – ist den Peers eine wichtigere Rolle zuzuschreiben. Weiterhin kann das persönliche Umfeld einen gewissen Gegenpol zu diversen Risikofaktoren bilden. Die Studie bestätigt, dass die Wahl eines Berufes, trotz aller Bemühungen, rationale Informationen in den Berufswahlprozess miteinzubeziehen, stark geleitet durch herkunftsspezifische Faktoren ausfällt (Beierle 2013, S. 10-12). Der Vergleich der Berufswünsche der Jugendlichen mit den Berufen der Eltern oder den Berufswünschen der Freundinnen und Freunde ergibt, dass dort eine große Übereinstimmung, zumindest in den Berufsbereichen, vorliegt. (Beinke 2006, S. 253). Beinke benennt deshalb die Weitergabe eines Berufes von den Eltern an die eigenen Kinder als „Berufevererbung”. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich Berufswahlentscheidungen von Absolventinnen oder Absolventen mit niedrigen Bildungsabschlüssen eher an situative Aspekte bzw. an Optionen orientieren, die sich in ihrem sozialen Nahraum ergeben.

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Details

Titel
Einflussfaktoren der beruflichen Orientierung
Untertitel
Welche Akteure müssen verstärkt kooperieren, damit eine qualifizierte Berufswahlentscheidung bei Jugendlichen erreicht wird?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V496786
ISBN (eBook)
9783346017130
ISBN (Buch)
9783346017147
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berufsorientierung, Berufliche Orientierung, Peer Groups, Kompetenzen für die Berufswahl
Arbeit zitieren
Tobias Ochs (Autor), 2019, Einflussfaktoren der beruflichen Orientierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496786

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