Wille und Leib. Ein lebensphilosophisches Konzept bei Arthur Schopenhauer?


Wissenschaftliche Studie, 2019
17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

Wille, Vorstellung, Leben

Leiblichkeit und der Wille

Wille zum Leben und die Realität

Abgrenzungen

Literatur:

Abstract

Arthur Schopenhauer hat mit seiner Philosophie den Weg zurück zum Menschen eingeschlagen und damit vielleicht auch den Weg der jungen lebensphilosophischen Strömungen, die von der Romantik ausgingen beschleunigt. Wie dies Schopenhauer gelingen könnte, fragt diese Studie und nähert sich besonders den weitreichenden Begriffen „Wille“ und „Leib“, die in seinem Denken eine große Rolle spielen, an.

Arthur Schopenhauer has taken the path back to mankind with his philosophy and thus perhaps also accelerated the path of the young life-philosophical currents that emanated from romanticism. How this Schopenhauer could succeed, asks this study and approaches particularly the far-reaching concepts "will" and "body", which play a large role in his thinking.

Einleitung

Die Philosophie Schopenhauers und auch Nietzsches späteren Strömungen zuzuordnen, ist immer ein schwieriges Unterfangen, gibt es doch Momente des "Dazu passens", wie auch die des "völligen Entgegen gesetzt seins". Dies gilt in hohem Maße von der Existenzphilosophie1 aber auch speziell für die Lebensphilosophie. Für die zuletzt genannte soll hier der Versuch unternommen werden, Schopenhauers Wegbereitung dahin gehend aufzuzeigen, was natürlich auch bedeutet, die Punkte herauszuarbeiten, mit denen er sich nicht im Bereich der Lebensphilosophie befindet. Schopenhauer ist ja auch kein Lebensphilosoph im engeren Sinne. Schopenhauer beflügelte neben der Lebensphilosophie auch die Anthropologie im Bereich des philosophischen Fachs, und dies gerade dadurch, dass er in seiner Zeit wieder den Zugang zum Menschen suchte. Hat ihn doch Rickert als Ahnherr der Lebensphilosophie gesehen, weil er nicht das gestaltete Leben, sondern den „Willen zum Leben“ als ungestalteten Kern der Welt einordnet.2

Da die Lebensphilosophie mehr oder minder aus der Romantik hervorgegangen ist, stellt sich natürlich die Frage nach einer Verbindung dieser zu Schopenhauer. Es gibt Abneigungen und gleichzeitig Hinwendungen seitens Schopenhauer.3 Gerade für Friedrich Schlegel, der im Prinzip die lebensphilosophische Tradition eröffnete, hatte Schopenhauer nicht viel Lob übrig.4 Wichtiger als das, ist die Wirkung auf die nach Schopenhauer folgende Generation von Denkern, worauf am Schluss der Arbeit hingewiesen werden wird. Das Wesen der Welt ist für Schopenhauer ein blinder Drang, ein vernunftloser Wille. Dennoch ist er kein Irrrationalist, denn man kann sehr wohl über dieses Prinzip des Seins reden und argumentieren. Eine besondere Pionierleistung Schopenhauers ist auch der Gedanke, dass sich das, was für uns Bedeutung hat, sich am eigentlichsten in unserem Leib ereignet. Auf diese beiden Tatsachen ist später auch genauer einzugehen, da sie in das Mark des lebensphilosophischen Denkens hineintreffen. Ich werde im Folgenden die Philosophie Schopenhauers mit der lebensphilosophischen Brille betrachten, was bedeutet, dass ich seiner ganzen Philosophie nicht gerecht werden kann. Aufgrund der Kürze der vorliegenden Arbeit verbietet sich aber auch mehr.

Kai Haucke spricht von einer Aporie in Schopenhauers Denken, die sich als „ANTINOMIE in unserem Erkenntnißvermögen“5 zeigt. Die Welt ist durchgängig meine Vorstellung, was bedeutet, sie existiert nur für, in und durch ein transzendentales Subjekt, welches selbstbestimmt und frei sei, allmächtig und auch unerkennbar. Auf der anderen Seite aber ist dieses Subjekt ein leibliches Individuum und daraus resultiert, dass das transzendentale Subjekt als Inhaber und Träger der Welt selbst ein Teil eben dieser Welt ist.6 Gerade dieser Aspekt hebt die Bedeutung Schopenhauers für die Lebensphilosophie ganz entscheidend.

In Teil II werde ich besonders auf das Verhältnis von Wille und Vorstellung eingehen, da dies grundlegend für die Philosophie Schopenhauers ist. Unter III. wird das Verhältnis von Wille und Leben analysiert um danach in IV. den Willen zum Leben mit der Realität abzugleichen. Im Teil V soll es um die Grenzlinie des lebensphilosophischen Denkens seitens Schopenhauers gehen.

Wille, Vorstellung, Leben

Die Abkehr, weg von der Vernunft und hin zum Leben beginnt damit, dass Schopenhauer sich mit der logischen Identität als Zentrum der Subjektivität nicht mehr zufrieden gibt. „Der Schopenhauersche Wille steht nicht gegen die Vernunft, sondern nur außerhalb ihrer und deshalb auch außerhalb ihres Gegenteils.“7 Die Vernunft ist nicht mehr das Primat, wie in Kants Philosophie, sondern sie ist im Willenskonzept in sekundärer Weise eingeschlossen.8 Das logische Ich9 ist für ihn unzureichend für die Erklärung der erlebten Einheit des Selbstbewusstseins. Für ihn liegt der Ursprung der Ich-Identität im ursprünglichen Erlebnis des eigenen Willens.10 Die Grundlage des Erlebens ist ganz anders geartet, von ganz anderer Natur, drängend, quälend, unstillbar, kurz ausgedrückt der "beharrende" und "unveränderliche" Wille. Mit dieser Willenserfahrung meint Schopenhauer, zum wahren, letzten Einheitspunkt des Bewusstseins11 durchgedrungen zu sein. Dieses Ansich des Willens ist nicht der vorgestellte oder erscheinende Wille, sondern der unmittelbare, der konsequenterweise auch kein bestimmter sein kann, also keinesfalls mein Wollen oder dasjenige eines anderen Menschen. Es ist schlechterdings unbewusstes Wollen überhaupt, dessen Ziele schon illusionär sind, denn es ist Vorgestelltes, Vorgespiegeltes.12 Es ist auch nicht der freie Wille im Sinne Kants darunter zu verstehen, sondern den triebhaften Drang, sich am Leben zu erhalten, so wie ihn auch die Tiere haben.

Diese Aufwertung des Willens bewirkt eine Verschiebung im Denken, die in der Geistesgeschichte eine Eruption ausgelöst hat, die bis in die Gegenwart anhält. Die Wendung zu Wille und Vorstellung bedeutet nicht, dass damit zwei Eigenschaften der Welt bezeichnet werden, sondern zwei substantielle Bestimmungen der Welt: sie soll „ganz und gar“ Vorstellung und „außerdem noch“ Wille sein.13 Dies mutet im Grunde paradox an, wie hölzernes Eisen.

„Die Welt ist meine Vorstellung“14 – so beginnt Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. Dies lässt sich auch ganz einfach verstehen, denn Schopenhauer zeigt sich ganz als Kantianer, da er wie dieser, einen transzendentalen Idealismus vertritt. Danach ist die Welt nur ein Inbegriff von Erscheinungen oder anders ausgedrückt: Alles Erkannte ist relativ zu einem Erkennenden. Die Welt wird damit keinesfalls zu einer Illusion, sie ist für das erkennende Subjekt „vollkommen real, und ist durchaus das, wofür sie sich giebt, und sie giebt sich ganz und ohne Rückhalt als Vorstellung, zusammenhängend nach dem Gesetz der Kausalität. Dieses ist ihre empirische Realität.“15 Als Erkenntnisgegenstand hat die Welt nichts Verborgenes, denn „sie läßt sich vollständig in einen Beziehungszusammenhang von gesetzmäßig aufeinanderfolgenden Vorstellungen auflösen.“16

Schopenhauer bleibt aber nicht auf dem Standpunkt des Erkennens stehen. Er erkennt die Realität der erkannten Welt durchaus an, äußert jedoch Vorbehalte gegenüber dem berechenbaren Vorstellungszusammenhang. In diesem Kontext würde die Welt: „wie ein wesenloser Traum oder ein gespensterhaftes Luftgebilde an uns vorüberziehen“17. Dafür ist es entscheidend, dass er das Realitätsdefizit nicht auf die Grenzen der Berechenbarkeit zurückführt, sondern auf die Gleichgültigkeit des gefühlsmäßigen Erlebens gegenüber dem Erkennen. Das Erleben hat seine eigene Realität, was von Schopenhauer erstmalig vehement vertreten worden ist. So glaubt er an die Selbstständigkeit der „gefühlten Bedeutung“, die durch die Vorstellungen „ein Interesse erhalten, welches unser ganzes Wesen in Anspruch nimmt“18. Mit dieser Äußerung beginnt er die lebensphilosophische Wende im Denken der Welt, und eröffnet einen eigenen logischen Raum, die ‚Lebensbedeutsamkeit‘, die von der rein begrifflichen Bedeutung unterschieden werden muss.19 Der Ausgangspunkt des Erlebens wird in den Lebensphilosophien besonders von Wilhelm Dilthey und Ludwig Klages noch eine wichtige Rolle spielen.

Gleichzeitig hat diese Wende eine immense erkenntnistheoretische Konsequenz: Das Kriterium der Wirklichkeit ist jetzt nicht mehr die Kongruenz des Erkenntniszusammenhangs, sondern die gefühlte Bedeutung dessen, was mit dem Menschen in der Welt zusammentrifft. Der Wille steht hinter dem Gefühl, der nicht dem Satz vom Grunde unterliegt und somit nicht weiter erforschbar ist. Deshalb bezeichnet Schopenhauer auch den Willen als „Ding an sich“, wie auch Kant ihn als Grenzbegriff für eine nichtdiskursive Erkenntnis nutzt. So entwickelt sich der Wille zu einem metaphysischen Konzept, welches als Erfahrungs- wie auch als Seinsgrund der Welt auftritt.

Tritt der Wille in die Sphäre des Erkennens, so bildet er eine „Objektivation“ in der Welt. „Damit ist nicht eine verstandesmäßige ‚Formung‘ von Sinneseindrücken zu Gegenständen gemeint, sondern die Tatsache, daß Gegenstände als Ziele oder Hindernisse menschlichen Tuns erfahren werden.“20 Der Willensbegriff konkretisiert sich auf diese Weise. In der Praxis des Lebens manifestiert sich der Wille als „Wille zum Leben“21. ‚Leben‘ ist dabei gleichbedeutend mit ‚Welt‘ aber keinesfalls mit der theoretisch erkennbaren, sondern mit der im Lebensvollzug erfahrbaren Welt, die der Mensch so ungern lassen und verlassen will, auch wenn sein Leben überwiegend Leiden bedeutet.

Primär ist für Schopenhauer das praktische Lebensverhältnis, woraus verständlich wird, warum er den Subjekt-Objekt-Dualismus als das Ergebnis eines „Zerfallens“ annehmen kann. Danach bilden Subjekt und Objekt die „Grenze“ eine im Willen zum Leben erfahrbaren Einheit, die erst durch die intellektuelle Erkenntnis in zwei Hälften gebrochen wurde.22 Diese Aufspaltung ist für Schopenhauer nicht hinnehmbar, denn Leib und das erkennende Subjekt gehören zusammen. Bereits vor Die Welt als Wille und Vorstellung findet sich diesbezüglich eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1816: Schopenhauer möchte darin von der Erscheinung in der Natur ausgehen „welche meinem Erkennen am allernächsten liegt und die zugleich die vollkommenste, die höchste Potenz aller andern ist, daher am deutlichsten und vollständigsten das Wesen aller ausspricht: und diese ist des Menschen Leibundseine Aktion.“23 Dieses Denken liefert das Grundschema des lebensphilosophischen Erfahrungsbegriffs, der bis in die Gegenwart nichts an Aktualität eingebüßt hat. Auch in der theoretischen Philosophie geht es immer mehr um die Erforschung eines ‚Dazwischen‘, um das In-der-Welt-Sein, worin sich Subjektivität und Umwelt einander begegnen. Würde diese Zwischen-Zone des Lebens aufgehellt, so wäre das Paradoxon der Welt, Wille und Vorstellung gleichzeitig zu sein, aufgelöst. Es gilt sich diesem Entwurf, d. h. der Wendung zum leiblichen Erkennen weiterhin zu widmen, was im nächsten Abschnitt geschehen wird.

Leiblichkeit und der Wille

1938 bemerkt Arnold Gehlen über Schopenhauer im Sinne der philosophischen Anthropologie: „Kein Denker vor ihm hat das Vollzugsbewußtsein der Handlung an den Anfang der Philosophie gestellt, und darin liegt sein erstes Resultat, wenn er es auch sofort nach den Interessen seiner Metaphysik ausdeutet: kommt er doch, von hier aus zu der These, daß der ganze Leib ebenfalls Objektivationen des Willens und daher, nach Analogieschluß, alle Organismen und endlich auch die anorganische Natur Objektivationen des Willens sind.“24 Schopenhauer vollzieht damit die für die Lebensphilosophie so entscheidende Wende von der Vernunft zum Leib und zur Betonung der Gefühle. Wir sind nicht nur „Kopfmenschen“, also Rationalisten, sondern auch Individuen mit einem beseelten, fühlenden und wollenden Leib; der Zugang zur Welt ist dann ein leiblich-fühlender.25 Der Leib ist damit nicht nur ein Objekt für die Wissenschaft, so wie z. B. die Medizin oder Physiologie, sondern etwas durch das Erkennen Vermitteltes. So ist auch in Rechnung zu stellen, dass alles, was immer es auch sei, durch das Erkennen – die Vorstellung – hindurchgegangen ist.26

Der Körper bzw. der Leib ist der Sitz des Willens. Er ist nichts anderes, „als der objektivierte, d. h. zur Vorstellung gewordener Wille…“27. Er hat die Aufgabe, das rein erkennende Subjekt zu individualisieren und damit zu einem Teil der Welt zu machen. Der Leib ist zweifach gegeben; er ist ‚von außen‘ gegeben als ein Objekt unter Objekten, andererseits ‚von innen‘ als direkte Erscheinung des Willens. Wie der Wille das „Jedem unmittelbar Bekannte“28 ist, so ist nach Schopenhauer der Leib „Jedem das Realste“29. Die Tatsache einen Körper zu haben ist keine objektive Erkenntnis sondern eine Empfindung, so wie der Schmerz auch. Dies geschieht „auf eine unmittelbare Weise, in der man Subjekt und Objekt nicht ganz deutlich unterscheidet.“30 Hier zeigt sich die lebensphilosophische Dimension des Lebens, das man führt und des Lebens, das man objektiv erkennt.

Durch die Relativierung des Subjekt-Objekt-Dualismus ist das Problem des Leibes bei Schopenhauer philosophisch von besonderer Brisanz. Gegenständliche Erkenntnis, die für Kant die einzige Erkenntnisart darstellt, wird durch die Erfahrung des Leibes als eines „unmittelbaren Objekts“ erweitert.31 Schopenhauer hat dies in folgenden Worten ausgesprochen: „Wir sehen schon hier, daß von AUSSEN dem Wesen der Dinge nicht beizukommen ist: wie immer man auch forschen mag, so gewinnt man nichts, als Bilder und Namen. Man gleicht Einem, der um ein Schloß herumgeht, vergeblich einen Eingang suchend und einstweilen die Fassaden skizzierend.“32 In dieser Situation der objektiven Erkenntnis erscheint die Welt als Vorstellungszusammenhang, der äußerlich bleibt. Soll die Körperwelt mehr sein als unsere bloße Vorstellung, so kann dieser Mehrwert an Realität nur in der Körpererfahrung gewonnen werden und sie bildet dann den Eingang in die Festung der eigentlichen Wirklichkeit, die das innere Wesen der Dinge ausmacht.33 Es ergibt sich dadurch nicht nur, dass die Welt nicht nur rational mit dem Verstand wahrgenommen wird, sondern auch vermittelst der Gefühle als leiblich-fühlenden Zugang zu ihr.

Der leiblich verkörperte Sinn ist bei Schopenhauer der Wille, der zum Paradigma wird, um die Beziehung zwischen Wesen und Erscheinung formulieren zu können. Dies kulminiert in der Frage nach der Bedeutung dieser Erscheinungen der Welt. So muss die Erfahrung in Gänze wie eine Art von Geheimschrift entziffert, praktisch „aus sich heraus selbst GEDEUTET, AUSGELEGT werden … Demnach ist die Philosophie nichts Anderes, als das richtige, universelle Verständniß der Erfahrung selbst, die wahre Auslegung ihres Sinnes und Gehaltes. Dieser ist das Metaphysische, d. h. in die Erscheinung bloß Gekleidete und in ihre Formen Verhüllte, in Das, was sich zu ihr verhält, wie der Gedanke zu den Worten.“34 Hier klingt durchaus ein hermeneutisches Moment an. Die Relation von Leib und Wille bildet die Entschlüsselung dazu.

Der Wille drückt sich im Leib aus, denn nur das, was zu einer Tat, zu einer Leibesaktion wird, ist genuiner Wille, was sich auch entsprechend äußert: „So macht Schreck blaß; Furcht macht alle Glieder zittern; der heftige Zorn wirkt meistens eben so, … sogleich die Stimme lauter, bis zum Schreien.“35 In der Einheit von Wille und Leib verkörpert sich der Wille und in Gestalt des Leibes wird er so zu einem sichtbaren Willen.36 „Sagt nicht das Gebiß des Haifisches, die Kralle des Adlers, der Rachen des Krokodils schon aus, was sie wollen und wozu sie hergekommen? … Immer ist zwischen der Gestalt und dem Willen die vollkommenste Harmonie…“37 Und der leibliche Sinn ist immer ein bestimmter, da es diesem bestimmten Leib um dieses oder jenes geht, also um den Leib, der er selbst ist. Dieser Sinn ist allerdings nicht kausal aus dem Körper erklärbar und somit nicht aus dem Satz vom zureichenden Grund.38 An dieser Stelle greift eine hermeneutische Bestimmbarkeit, die zwar nur ein temporäres, provisorisches Resultat in einem Deutungsprozess darstellt, aber dennoch wieder verfließt, weil jeder festgelegte Sinn „nur“ eine Auslegung und somit eine mögliche Sichtweise darstellt. Die einzelnen Verkörperungen sind jeweils Auslegung, die einen letzten Sinn, eine endgültige Fixierung des jeweiligen Selbst ausschließt.39

Ein Sinn kann niemals ohne seine Verkörperung im Materiellen ein Sinn sein, dennoch kann man daraus nicht folgern, dass sich unmittelbar ein konkreter Sinn ergeben könnte. Das Materielle unterliegt bestimmten Naturgesetzen, die einen Rahmen bilden, worin dessen Gegenstände verschiedene, aber nicht beliebige Sinnbezüge erhalten können. Es ist genauso schwierig, ein exakt halbvolles Glas als halbvoll oder halbleer zu verstehen. Gleiches gilt allgemein für das Wollen, denn ein Wille unterscheidet sich vom Wünschen, dadurch, dass er auch Mittel und Wege will, um die Ziele verwirklichen zu können und dazu gehört die Begrenztheit durch die Naturgesetzlichkeit. Dies ist keine Einschränkung seiner Freiheit, sondern im Gegenteil, kann der Wille beliebige Spielräume an Alternativen sondieren.40

Ein weiterer Aspekt der Leiblichkeit ist die Körpererfahrung und die Art, wie der Wille erlebt wird: als Drang und als Begierde, was sich konkret im Geschlechtstrieb ausdrückt, „der Wunsch der Wünsche, die Konzentration alles unseres Wollens [und] die Genitalien [sind der] Brennpunkt des Willens.“41 „Dazu gehört, daß der Drang nicht partikular bleibt, nicht intentional auf einen bestimmten Gegenstand, sondern auf alle und alles gerichtet ist.“42 Dies ist nicht der „Wille nach etwas“, sondern als „Wille zum Leben“ die totale Erweiterung, die nirgends halt macht: der „blinde“ Wille. Der Lebenswille ist so massiv und ausgeprägt, dass für Schopenhauer die Frage, warum jemand überhaupt etwas will, sinnlos erscheint, worin der Beweis liege, „daß er selbst nichts als Wille ist“43. Dies macht den Willen zu einem „Ding an sich“, was völlig unerklärbar bleibt. Schopenhauers Menschenbild ist mit einem an der Welt leidenden Erotikers zu vergleichen: „Im erotischen Lebensgefühl sind Begierde und Enttäuschung, Liebe und Hass so eng miteinander verwoben, dass die Welt für ihn ein Tollhaus ist. Das betrifft nicht nur die Reaktionen der anderen, sondern auch die eigenen Emotionen, deren Ambivalenz unser Verhalten unkalkulierbar macht. Daraus folgt, dass im normalen Leben die Rolle der Vernunft eher gering einzuschätzen ist.“44

[...]


1 Vgl. dazu besonders Regehly, Thomas, Schubbe, Daniel (Hg.): Schopenhauer und die Deutung der Existenz Perspektiven auf Phänomenologie, Existenzphilosophie und Hermeneutik. Stuttgart 2016. S. 81-93.

2 Vgl. Rickert, Heinrich: Die Philosophie des Lebens. S. 18.

3 Vgl. dazu Hübscher, Arthur: Denker gegen den Strom. S. 30ff.

4 Vgl. ebd. S. 52.

5 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 7. S. 65.

6 Vgl. Haucke, Kai: Leben & Leiden. Zur Aktualität und Einheit der schopenhauerschen Philosophie. S. 10f.

7 Simmel, Georg. Schopenhauer und Nietzsche. GA Bd. 10. S. 210.

8 Vgl. Kozljanič, Robert J.: Lebensphilosophie. Eine Einführung. S. 50.

9 Das „logische Ich“ ist etwa mit Kants „Einheit Apperzeption“ vergleichbar und dient dazu, die „Totalität des Lebens“ überblicken zu können.

10 Vgl. Esser, Franziska: Die Funktion des Leibes in der Philosophie Schopenhauers. S. 236.

11 Vgl. Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. II. Kap. 15. S. 162.

12 Vgl. Glockner, Hermann: Schopenhauer-Meditationen. In: Salaquarda, Jörg (Hg.): Schopenhauer. S. 96.

13 Vgl. Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie. Elemente einer Theorie der Selbsterfahrung. S. 38.

14 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 1. S. 31.

15 Ebd. Bd. I. § 5. S. 45.

16 Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie. S. 38.

17 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 17. S. 150.

18 Ebd. S. 145.

19 Vgl. Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie. S. 39.

20 Ebd.

21 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 54. S. 364.

22 Vgl. ebd. § 2. S. 34.

23 Schopenhauer, Arthur: Handschriftlicher Nachlaß. Bd. 1. Nr. 548. S. 366.

24 Gehlen, Arnold: Die Resultate Schopenhauers. In: Salaquarda, Jörg (Hg.): Schopenhauer. S. 41. (Hervorh. M. K.)

25 Vgl. Kozljanič, Robert J.: Lebensphilosophie. S. 45.

26 Vgl. Malter, Rudolf: Was ist heute an Schopenhauers Philosophie aktuell? In Birnbacher, Dieter (Hg.): Schopenhauer in der Philosophie der Gegenwart. S. 11.

27 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 18. S. 152.

28 Ebd.

29 Ebd. § 19. S. 158.

30 Ebd. § 21. S. 163.

31 Vgl. Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie. S. 41.

32 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 17. S. 150.

33 Vgl. Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie. S. 41.

34 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. II. Kap. 17. S. 212 u. 214.

35 Schopenhauer, Arthur: Metaphysik der Natur. Philosophische Vorlesungen II. Cap. 3, S. 75.

36 Vgl. Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 20. S. 160.

37 Schopenhauer, Arthur: Metaphysik der Natur. Cap. 5, S. 92.

38 Schopenhauer unterscheidet noch nicht Leib und Körper. Der Körper ist, insofern er einen Sinn verkörpert, der Leib.

39 Vgl. Haucke, Kai: Leben & Leiden. S. 82.

40 Vgl. ebd. S. 84.

41 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. II. Kap. 42. S. 596.

42 Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie. S. 42.

43 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 29. S. 227f.

44 Fellmann, Ferdinand: Vom Cogito zur Lebenswelt. Drehkreuz Schopenhauer. In: Regehly, Thomas, Schubbe, Daniel (Hg.): Schopenhauer und die Deutung der Existenz Perspektiven auf Phänomenologie, Existenzphilosophie und Hermeneutik. S. 17.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wille und Leib. Ein lebensphilosophisches Konzept bei Arthur Schopenhauer?
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V496856
ISBN (eBook)
9783346016690
ISBN (Buch)
9783346016706
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wille, Lebensphilosophie, Leib, Leben, Metaphysik
Arbeit zitieren
Dr. Manfred Klein (Autor), 2019, Wille und Leib. Ein lebensphilosophisches Konzept bei Arthur Schopenhauer?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496856

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wille und Leib. Ein lebensphilosophisches Konzept bei Arthur Schopenhauer?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden