Die legitime und illegitime Macht. Macht, Herrschaft, Widerstand und Freiheit in Foucaults Werk


Hausarbeit, 2018

21 Seiten, Note: 3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frasers Kritik an Foucault

3. Genealogie und Normativität
3.1 Genealogie in der Praxis
3.2 Kritik ohne normative Kriterien

4. Der Widerstand gegen die moderne Macht

5. Herrschaft und Widerstand bei Foucault

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die individuelle Freiheit jeder Person stellt die Grundnorm jeder menschlichen Gesellschaft dar. Die politische Philosophie des Liberalismus hat großen Anteil daran, dass diese Grundnorm als politische Grundrichtung in fast allen modernen Staaten als Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens angesehen wird. Vor allem das Eingreifen des Staates, in das Leben des Einzelnen, soll im Gegensatz zu früheren politischen Ausrichtungen möglichst vermieden werden. Jedoch fordert der Liberalismus auch, dass das Leben und die Freiheit des Einzelnen durch staatliche Macht geschützt werden müssen. Die Ausübung der Macht erfolgt hier im Besonderen durch das geschaffene System von Gesetz und Recht. Die Gesetze des Staates sollen nun aber auch nicht die Freiheit des Einzelnen beschränken. Jedoch ist Kultur und Gesellschaft immer eine Form von Beschränkung, weil der Einzelne unweigerlich ein Stück seiner individuellen Freiheit für das Zusammenleben mit anderen aufgeben muss. Im liberalistischen Denken kämpft der Einzelne daher oft für sein individuelles Recht gegen die gesetzlichen Verbote des Staates, die den Einzelnen in seiner individuellen Freiheit einzuschränken drohen.

Durch das liberalistische Denken hat sich in der westlichen Moderne damit auch ein Begriff von Macht entwickelt, der Macht definiert als, Macht haben aufgrund von Gesetzen. Da der Staat die Verbote ausspricht, konzentriert sich der Einzelne häufig auf die Macht des Staates gegenüber dem Einzelnen. Die Macht scheint damit wesentlich beim Staat zu liegen.

Für Michel Foucault verschleiert dieses liberale Denken, in dem sich ein normativer Gegensatz von legitimer und illegitimer Macht ausdrückt, den wesentlichen Charakter moderner Macht. Für ihn steckt Macht nicht nur im Recht und dem Staat, sondern in jeder kleinsten sozialen Beziehung. Die Macht ist eher überall, in jedem von uns und vor allem auch nicht repressiv, sondern produktiv. Er behauptet sogar, dass die befreienden Diskurse ein typisches Werkzeug moderner Macht sind, um Menschen strategisch zu steuern.

Nancy Fraser sieht Foucaults neuen Machtbegriff als sehr gewinnbringend für die Analyse, wie moderne Gesellschaften funktionieren. Jedoch sieht sie in der Ablehnung des traditionellen westlichen liberalen Denkens, welches normativ zwischen legitimer und illegitimer Macht unterscheidet, die größte Schwäche seines ganzen Werkes. In ihrem Text Foucault über die moderne Macht: Empirische Einsichten und normative Unklarheiten kritisiert sie Foucault entsprechend dieser Thematik in einigen Punkten und zieht am Ende das Fazit, dass Foucaults gesamtes Werk normativ verworren sei.

Diese Hausarbeit soll die vorgetragene Kritik von Nancy Fraser überprüfen und herausarbeiten, ob sich in Foucaults Werk wirklich keine normativen Kriterien finden lassen. Denn gerade in den letzten Jahren wurden postum auch immer wieder Interviews, kleinere Texte und Vorlesungen aus Foucaults Spätwerk veröffentlicht, die eine Kritik gegenüber Frasers Kritik gewinnbringend erscheinen lassen. Zudem haben sich in den letzten 20-30 Jahren rund um Foucaults Werk viele philosophische Deutungsoptionen und Debatten entwickelt, die es nicht normativ verworren erscheinen lassen.

Im nächsten Abschnitt stelle ich zunächst drei wesentliche Kritikpunkte Frasers an Foucault dar. Anschließend werde ich diese im Einzelnen näher darstellen und versuchen Gegenargumente zu finden, die Foucault entlasten. Am Schluss wird sich dann herausstellen, dass Fraser Kritikpunkten eine berechtigte Kritik entgegenzusetzen ist.

2. Frasers Kritik an Foucault

Nancy Fraser kritisiert Foucault in ihrem Text Foucault über die moderne Macht: Empirische Einsichten und normative Unklarheiten zum Ersten dahingehend, dass Foucaults gesamtes Werk normativ verworren sei, denn in seinen Analysen der modernen Macht klammere er die normative Bewertung dieser völlig aus. Dies ergibt die Schwierigkeit, wie Foucaults Machtbegriff verstanden werden soll.[1] Seine Begriffe wie Herrschaft, Unterjochung und Unterwerfung, welche er für die Beschreibungen der modernen Macht nutzt, klingen eindeutig oppositionell gegenüber der Macht. Foucault sagt jedoch selbst, dass er sich der Macht gar nicht normativ zugewendet hat, sondern viel mehr strategisch. Aber um sich der Macht vor allem strategisch zuzuwenden, damit all ihre Kräfte und Zielsetzungen sich offenlegen, benötigt dies eine unbefangene Herangehensweise[2]. Wie mir scheint, beleuchtet Fraser in ihren Ausführungen diese methodologische Herangehensweise, welche Foucault auch die Genealogie nennt, nicht gänzlich in ihrer Tiefe. Diese zielt vor allem auf eine deskriptive Beschreibung von historischen Ereignissen ab, welche methodologisch so aufbereitet sind, dass sie uns auf eine bestimmte Art und Weise richtungsweisend motivieren sollen. So wie es Martin Saar in einem kurzen Satz ausdrückt: „Die Beschreibung ist die Wertung“[3].

Zum Zweiten, wirft Fraser Foucault vor, dass er zu viele Dinge Macht nennt, weil er Begriffe wie Autorität, Herrschaft, Zwänge und andere Formen der Macht unter einer Art Sammelbegriff der Macht zusammenfasst, woraufhin jede Form der Machtausübung als normativ gleichwertig erscheint, ein zweipoliger normativer Gegensatz fehlt bei Foucault. Fraser gibt hier auch selbst zu, dass jedwede soziale Praxis ohne Macht nicht möglich sei, für sie bedeutet das aber nicht, dass es keine Unterscheidungen zwischen guten und schlechte Praktiken bzw. Formen der Macht gibt. Sie kritisiert Foucault daher explizit darin, dass er keine Grundlage zur Unterscheidung zwischen Machtformen, die Herrschaft enthalten und jenen, die keine enthalten, aufzeigt.[4] Dies scheint jedoch nicht im Einklang mit Foucaults Gesamtwerk zu stehen, denn er hat durchaus in verschiedenen Texten und Gesprächen im Besonderen bezüglich der Unterscheidung zwischen Macht und Herrschaft gewisse Unterscheidungsmerkmale aufgezeigt.

Zum Dritten, ist nach Frasers Meinung, in Foucaults Werk, nicht nur fragwürdig, inwiefern Foucault sich normativ neutral gegenüber der Macht verhält, sondern selbst bei einer politisch engagierten Leseart von Foucaults Werk, sei nicht klar, was oppositionell gegen die Macht ausgerichtet werden kann. Die Lösung gegen die Macht, ein Widerstand oder eine entgegenwirkende Kraft fehlt bei Foucault, so Fraser.[5] Die Kritik, welche Nancy Fraser darstellt, scheint jedoch auch wieder nicht korrekt zu sein, denn sie blendet den sogenannten späten Foucault aus, der sich vermehrt mit Selbstpraktiken auseinandersetzte, die in der Lage sind, Macht auf sich selbst auszuüben und sich damit von Herrschaftszuständen zu befreien. In einigen späteren Texten spricht Foucault nun sogar von einer Praxis der Freiheit[6].

3. Genealogie und Normativität

Nancy Fraser beginnt ihre Kritik an Foucault mit dem Abschnitt I. Die genealogische Methode und die Ausklammerung der Legitimitätsproblematik. In diesem Abschnitt stellt sie Foucaults Methode der Genealogie dar und versucht damit schon die ersten normativen Probleme an Foucaults Werk festzustellen. Sie berichtet über die Foucaultsche Genealogie, dass diese sich vor allem reflexiv mit der Erforschung kultureller und historischer Phänomene auseinandersetzt. Darin verrichtet die genealogische Methode ihre Arbeit dahingehend, dass sie Kultur als Praktiken auffasst. Kulturelle Praktiken, die sich über einen langen Zeitraum in Verbindung mit den verschiedensten geschichtlichen Ereignissen bildeten und somit als Praktiken eine eigene Historie haben. Die Historie einer Praktik lässt sich anhand von verschiedenen geschichtlichen Ereignissen ermitteln, die letztendlich allesamt zu ihrem Begriff führten. In ihrer Genealogie als bestimmte Praktik erweisen sich die Ereignisse, welche zu ihrer Begriffsdefinition führen, jedoch nicht als chronologisch und kontinuierlich, sondern viel eher als zufällig, unbegründet sowie diskontinuierlich.[7]

Fraser zeigt auf, dass Foucault in seinen Genealogien vor allem kulturelle Praktiken beschrieb, die sich dahingehend entwickelten, dass sie sich nach einer bestimmten Zeit in Prozessen und Prozeduren von gesellschaftlichen Institutionen widerfanden. Dabei legte er keinen großen Wert auf die Erforschung, wer hinter diesen Institutionen steht, sondern viel mehr darauf, wie diese Institutionen arbeiten und wie sie bestimmte Praktiken einsetzen. Und wie sie durch ihre Arbeit mit bestimmten Praktiken, als gesellschaftliche Institution ein bestimmtes Wissen, eine bestimmte Wahrheit und Überzeugungen diskursiv[8] in die Gesellschaft tragen. Foucault nennt diese auch die Politik des diskursiven Regimes, diese sich unter seinem Begriff des Macht/Wissen-Regimes einfügt, unter welchem er das gesamte Netz von Objekten, Kriterien, Praktiken, Prozeduren, Institutionen, Apparaten und Operationen zusammenfasst, welche alle gemeinsam in wechselseitiger Beziehung ein Wissen oder eine bestimmte Wahrheit erzeugen.[9] Das Wissen wird durch dieses heterogene Netz über die Produktion von Diskursen innerhalb der Gesellschaft verbreitet, was nach Foucault Formen von sozialem Zwang beinhalten muss, dass diese diskursiven Regime überhaupt funktionieren[10]. Fraser beschreibt die Charakteristik dieser eher subtilen Zwangspraktiken des diskursiven Regimes wie folgt:

[…] die Wertschätzung einiger Aussageformen und die damit einhergehende Entwertung anderer; die institutionelle Autorisierung einiger Personen, autoritative Wissensansprüche vorzubringen, und den damit einhergehenden Ausschluß anderer; Verfahren der Informationsbeschaffung von und über Personen, wobei verschiedene Formen des Zwangs eingeschlossen sind; schließlich die Ausbreitung von Diskursen über Forschungsobjekte, die gleichzeitig Ziele im Anwendungsbereich der Sozialpolitik sind.[11]

Fraser zeigt mit diesen Beispielen, warum Foucault sich mit seiner genealogischen Methode auf den Korpus sozialer Praktiken richtet, denn er möchte genau die Verbindung zwischen Diskurs und sozialem Zwang oder Macht, wie es Foucault viel eher nennt, offenlegen.

Nach dieser ersten Darstellung über Foucaults Werk, fallen sofort die politisch gefärbten Begriffe wie Regime, Zwang oder Macht ins Auge. Und genau an diesen stört sich auch Nancy Fraser in ihrem Text, denn dadurch, dass Foucault das Wie der Macht behandelt, unterlässt er die Frage nach der Legitimität der zwangsgeladenen Praktiken des Macht/Wissen-Regimes[12]. Fraser stellt nun die Frage, was Foucault mit der Ausblendung der normativen Gültigkeit von Macht beabsichtigt? Geht es ihm nur darum, die Macht als neutral darzustellen, um eine bestimmte Befreiungspolitik zu verhindern? Wie sollen dann aber die Darstellungen über die Macht, Regime und zwangsgeladene Praktiken bewertet werden? Wie passt sein politisch engagierter Schreibstil zu seiner Suspendierung der normativen Gültigkeit von Macht? Für Fraser sind diese normativen Ungereimtheiten ein ernstes Problem in Foucaults Werk, denn nach ihrer Meinung, versiebt hier die Möglichkeit einer politisch wertvollen Analyse der Macht.[13]

Damit sich diese Problematik noch detaillierter heraushebt, geht Fraser in ihrem nächsten Schritt detaillierter auf das Macht/Wissen-Regime in der Moderne ein. Auch ich erachte diesen Schritt als sinnvoll und werde ihr in ihrer Darstellung von Foucaults Genealogie der modernen Macht weiter folgen.

3.1 Genealogie in der Praxis

Im zweiten Teil ihrer Untersuchung gibt Fraser nochmal präzisierter an, dass sich für Foucault das Macht/Wissen-Regime vor allem mit Beginn der Moderne im späten 18. Jahrhundert Schritt für Schritt entwickelte und langsam perfektionierte. Die Entwicklung des Macht/Wissen-Regimes begann nämlich zunächst mit einer Vielzahl von Mikropraktiken, wie sie Foucault auch nennt. Diese Mikropraktiken stellt er als Techniken zur Ausübung von Macht über Individuen dar, die sich über die Zeit zu einer ganzen Wissenschaft vom Menschen entwickelten und welche sich in die politischen Strategien und Zielsetzungen von sogenannten disziplinierenden Institutionen integrierten.

Fraser führt im weiteren Verlauf ihres Abschnitts verschiedene Details zu den Mikropraktiken auf, welche ich jedoch mit einem inhaltlich gleichwertigen Beispiel von Foucault abkürzend und klarer darstellen möchte, um zu zeigen, was unter der Entwicklung von Mikropraktiken zu verstehen ist.

Foucault gibt in einer seiner Vorlesungen zum Thema Macht ein Beispiel der Entwicklung der Armee vor, welche ab dem Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts einen Umbruch erlebte. Am Anfang jenes Zeitraums war die Armee in kleine Einheiten mit relativ austauschbaren Individuen organisiert, die im weiteren Verlauf durch hierarchische Einheiten mit Unterführern und Unteroffizieren ersetzt wurden. Der Grund hierfür war die Erfindung des technischen Gewehrs, welches die Armee auch wirkungsvoll einsetzen wollte. Das gelang jedoch nur mit Soldaten, die eine spezielle technische Ausbildung für die Anwendung des Gewehrs absolvierten. Hierfür mussten zunächst Stellen für Ausbilder geschaffen werden und des Weiteren auch zusätzliche Unteroffiziere, welche die einzelnen bewaffneten Soldaten in speziellen Formationen und Stellungen an der Front einsetzten. Dies führte dazu, dass unter den einzelnen Soldaten eine neue Disziplin gefordert und gefördert wurde. Beispielsweise mussten sie nun ihre Stellung an der ausgedehnten Front nach Befehlen verändern, um angreifbare Lücken an der Kampflinie zu vermeiden. Die Armee wurde somit zu einer komplexen hierarchischen Struktur aufgebaut, um sicherzustellen, dass die Wirkung jedes einzelnen Elements die größtmögliche Entfaltung hervorbringt. Das Ziel dieser neuen Disziplinen und Strukturen bestand also eindeutig darin, eine bessere Leistung und Produktivität der Menschen hervorzurufen.[14]

[...]


[1] Vgl. Fraser 2015, S. 50.

[2] Vgl. Ruoff 2009, S. 151.

[3] Saar 2004, S. 166, Hervorhebung: Autor.

[4] Vgl. Fraser 2015, S. 52 f.

[5] Vgl. Fraser 2015, S. 48 f.

[6] Vgl. Foucault 2015a.

[7] Vgl. Fraser 2015, S. 33 f.

[8] Zum Diskurs-Begriff von Foucault: "Ein sprachlicher Ausdruck hat im Diskurs eine Funktion, die zur Herstellung und gesellschaftlichen Unterhaltung von komplexen Wissenssystemen dient. Der Diskurs steht für die Bildung von ->Wahrheiten, die sich innerhalb von Denksystemen in der Geschichte formieren." Ruoff 2009, S. 92. Und Diskurse sind "[…] als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen." Foucault 1981, S. 74, Auslassung: M.K.

[9] Vgl. Fraser 2015, S. 34.

[10] Vgl. Fraser 2015, S. 35.

[11] Fraser 2015, S. 35, Auslassung: M.K.

[12] Vgl. Fraser 2015, S. 36.

[13] Vgl. Fraser 2015, S. 32 f. und 36 f.

[14] Vgl. Foucault 2005, S. 225 f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die legitime und illegitime Macht. Macht, Herrschaft, Widerstand und Freiheit in Foucaults Werk
Hochschule
Universität Potsdam
Note
3
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V496862
ISBN (eBook)
9783346008404
ISBN (Buch)
9783346008411
Sprache
Deutsch
Schlagworte
macht, herrschaft, widerstand, freiheit, foucaults, werk
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die legitime und illegitime Macht. Macht, Herrschaft, Widerstand und Freiheit in Foucaults Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496862

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