Mémoire involontaire. Erinnerung in Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"


Hausarbeit, 2012
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die mémoire volontaire
a. Das drame de mon coucher

3. Die mémoire involontaire
a. Die Madeleine-Episode
b. Die petite phrase der Sonate von Vinteuil
c. Vergleich der Madeleine-Episode und der petite phrase

4. Fazit: Die Bedeutung der mémoire involontaire für die Recherche du temps perdu

5. Literaturverzeichnis

1.inleitung

„Et tout d’un coup le souvenir m’est apparu.“ Und plötzlich war die Erinnerung da. Dieser Satz aus Marcel Prousts A la recherche du temps perdu – einem Monumentalwerk von sieben Bänden, veröffentlicht zwischen 1913 und 19271 – leitet in der berühmten Madeleine-Episode die Erkenntnis des Erzählers und somit die Erklärung für das Madeleine-Ereignis ein. In dieser Szene wird die Erinnerung an die frühe Kindheit des Ich-Erzählers durch den Geschmack eines Gebäckstücks, der Madeleine, eingetaucht in Lindenblütentee, evoziert. Diese Form der Erinnerung, die mémoire involontaire, bewirkt genau das, was das Gegenstück, die willentliche Erinnerung, von Proust als mémoire volontaire bezeichnet, nicht zu erreichen vermag: das Wiederaufleben einer längst vergessenen Ära. Diesem Phänomen der verschiedenen Formen des Erinnerns wollen wir uns im Folgenden widmen und wir stellen uns die Frage, welche Bedeutung die mémoire involontaire für die Erzählung und vor allem für die Suche Marcels nach der verlorenen Zeit hat.

2. Die mémoire volontaire

Zuerst wollen wir uns mit der bekannteren Form des Erinnerns beschäftigen, der mémoire volontaire. Diese, auch genannt mémoire de l’intelligence, bezeichnet – als Gegenspieler der mémoire involontaire – eigentlich das, was man allgemein unter Erinnern versteht, nämlich bewusstes Nachsinnen, um etwas in der Vergangenheit Erlebtes wieder in sein Gedächtnis zu rufen. „In der Regel wird das Verhältnis des Menschen zu seiner erlebten Vergangenheit von der ‚mémoire volontaire‘ […] bestimmt, in deren Licht, die Erlebnisse durch die Wirkungsformen der Zeit verblassen.“2 Die hier diskutierte Form der Erinnerung schafft es (im Unterschied zur mémoire involontaire) nicht, das Ich an den erinnerten Zeitpunkt in der Vergangenheit zurückzusetzen und somit das damalige Ich zu reanimieren. Die mémoire de l’intelligence ist an sich eine leblose Art des Erinnerns, denn sie ist lediglich zu simpler Reproduktion von faktisch Geschehenem in der Lage. Sie ist nicht fähig, das Ich in die vergangene Gefühlswelt hineinzuversetzen. Selbst die gerade genannte Reproduktion ist begrenzt, weil sie in gewissen Fällen versagt und es nicht schafft, die Vergangenheit hervorzubringen, sodass diese also der mémoire de l’intelligence entweder vollkommen verschlossen bleibt, oder sich höchstens in „verzerrte[n] Bilder[n]“3 zeigt. Zu einem solchen Fall gehört die Kindheit des Erzählers in Combray. Der Versuch, sich bewusst daran zu erinnern, scheitert. Im folgenden Kapitel wollen wir dies näher beleuchten.

a. Das drame de mon coucher

Zu Beginn des Bandes Du côté de chez Swann liegt der Ich-Erzähler Marcel im Bett und erinnert sich an verschiedene Räume, in denen er jemals genächtigt hat, darunter sein Zimmer in Combray, wo er in seiner Kindheit die Ferien verbrachte. Beim Versuch, sich an mehr als das tägliche Zubettgehen zu erinnern, scheitert Marcel.

C’est ainsi que, pendant longtemps, quand, réveillé la nuit, je me ressouvenais de Combray, je n’en revis jamais que cette sorte de pan lumineux, découpé au milieu d’indistinctes ténèbres, pareil à ceux que l’embrasement d’un feu de Bengale ou quelque projection électrique éclairent et sectionnent dans un édifice dont les autres parties restent plongées dans la nuit […] en un mot, toujours vu à la même heure, isolé de tout ce qu’il pouvait y avoir autour, se détachant seul sur l’obscurité, le décor strictement nécessaire (comme celui qu’on voit indiqué en tête des vieilles pièces pour les représentations en province), au drame de mon déshabillage; comme si Combray n’avait consisté qu’en deux étages reliés par un mince escalier, et comme s’il n’y avait jamais été que sept heures du soir.4 5

Die durch die mémoire volontaire evozierten Bilder von Combray beschränken sich das immer gleiche drame de mon coucher und auf die gleichen leeren und toten Räumlichkeiten. Als ob es nie etwas anderes gegeben hätte als diese wiederkehrende Szene an jedem Abend um sieben Uhr, bleiben alle übrigen Aspekte der früher erlebten Zeit in Combray verdeckt. Der Erzähler beschreibt das drame de mon coucher, welches sich als einziges Erlebnis dieses Lebensabschnitts offenbart, dessen er sich zurückbesinnen kann, mit dem Begriff pan lumineux. Damit bezeichnet der Ich-Erzähler die Erinnerungsstücke als einen einzigen beleuchteten Ausschnitt der einstmals erlebten Zeit, während der Rest seiner Kindheit in Combray im Dunkeln bleibt. „Das Kontinuum des Vergangenen zerfällt in isolierte und in sich bewegungslose Parzellen, deren Statik ihren Bild- und deren Distanz zum Ich ihren Vergangenheitscharakter ausmachen.“6

Mais comme ce que je m’en serais rappelé m’eût été fourni seulement par la mémoire volontaire, la mémoire de l’intelligence, et comme les renseignements qu’elle donne sur le passé ne conservent rien de lui, je n’aurais jamais eu envie de songer à ce reste de Combray. Tout cela était en réalité mort pour moi.7

Wie im théâtre et drame de mon coucher sichtbar wird, wurden von der Erinnerung an Combray

nur Bruchstücke aus dem Panoptikum der individuellen Vergangenheitswelt bewahrt […]. Die Schuld an diesem Selektiervorgang gibt der Erzähler der ‚mémoire volontaire‘ [...], die anscheinend nichts Wesentliches von der Vergangenheit konservieren kann, ja nicht einmal den Wunsch erweckt, den Rest, der sich unter der Spitze des Eisberges verbirgt, zu ergründen […].8

Marcel sieht überhaupt keinen Grund dazu, sich an weitere Aspekte von Combray zu erinnern, weil diese Form der Erinnerung, die mémoire volontaire, leblos ist. Sie ist das Gegenteil zum lebendigen Zurückversetzen in die Vergangenheit; stattdessen erzeugt die mémoire de l’intelligence nur tote Erinnerungen, hier sind es einerseits leere Schauplätze dessen, was einmal passiert ist, als Erlebtes jedoch nicht wieder hervorgerufen werden kann; andererseits die Erinnerung an das alltägliche Zubettgehen, das allerdings als pan lumineux nur einen Bruchteil des Autors Kindheit in Combray darstellt. Der Ich-Erzähler beschreibt das Leben in Combray als „mort pour moi“.9 Er schafft es nicht, die Vergangenheit in Combray als lebendigen und greifbaren Lebensabschnitt hervorzurufen. Marcel vermag nicht, die Vergangenheit auferstehen zu lassen. Deshalb ist sie tot. Tot, weil sie nicht fassbar ist, weil Marcel sich nicht in sie zurückversetzen kann. Dieser Teil der Vergangenheit ist für Marcel verloren, nicht mehr aufzufinden, nicht mehr hervorzurufen und somit nicht mehr existent. Hölz stellt zusammenfassend fest:

Jedesmal, wenn er sich während seiner unruhigen Nächte früherer Kindheitseindrücke in Combray zu erinnern versucht, entstehen in seiner Vorstellung verzerrte Bilder, die wenig geeignet sind, ein vergangenes Ich wiedererstehen zu lassen. Die mémoire volontaire versagt, so daß Marcel kaum Neigung verspürt, sich an ihren Erinnerungsbildern über seine Vergangenheit zu orientieren.10

3. Die mémoire involontaire

Als Gegensatz zur mémoire volontaire als leblose Art der Erinnerung findet sich in Prousts Werk À la recherche du temps perdu außerdem eine andere Form des Erinnerns: die unwillentlich Erinnerung, die mémoire involontaire. „Proust unterscheidet in der Recherche eine willkürliche, ‹intelligente› Erinnerung (mémoire volontaire) von der [ mémoire involontaire ], die allein den Zugang zur Wahrheit einer vergangenen und zugleich verlebendigten Zeit eröffnen kann.“11 Die Vergangenheit, die Marcel bloß als „Abfolge unverbundener Einheiten“ erfährt, verwandelt sich durch die mémoire involontaire zu einem Kontinuum. Diese Erinnerung lässt die frühere Zeit wiederaufleben, sie wird dem Ich-Erzähler wieder lebhaft präsent.12 Dabei wird die unwillentliche Erinnerung nur durch eine minimale Sinneserfahrung ausgelöst. Dies kann durch Geruch („odeur de fumée, apaisée pas la fraîche odeur d’un cadre forestier“13 ), Geschmack sowie Gehör (vgl. Madeleine-Episode und Sonate von Vinteuil), Gefühl („je posai mon pied sur un pavé qui était un peu moins élevé que le précédent“14 ) oder Sehen (die Kirchtürme von Martinville15 ) geschehen. In den folgenden Kapiteln werden zwei Beispiele davon näher betrachtet.

a. Die Madeleine-Episode

Zu Beginn dieser Szene, stellt der Erzähler heraus, dass „il y avait bien des années que, de Combray, tout ce qui n‘était pas le théâtre et le drame de mon coucher, n’existait plus pour moi“.16 Die Kindheit in Combray ist bereits lange her, als Marcels Mutter ihm eine Madeleine mit Tee anbietet. Sobald diese den Gaumen berührt, stellen sich bei dem Jungen ein unerklärlicher „plaisir délicieux“ sowie eine „puissante joie“ ein.17 Allein durch den Verzehr dieses Lebensmittels fällt der Ich-Erzähler in einen Rausch von Glücksgefühlen, ohne zu wissen, was der Auslöser dafür ist. Marcel fragt sich, „d’où venait-elle? Que signifiait-elle?“18 Der Versuch, etwas darüber zu erfahren, indem er weiter die teegetränkten Madeleines konsumiert, scheitert. Der dritte Schluck „[lui] apporte un peu moins que la seconde.“19 Marcel versucht krampfhaft, zu verstehen, was dieses Ereignis zu bedeuten hat, als „tout d’un coup, le souvenir [lui] est apparu.“20 Auf einmal erinnert sich Marcel daran, woher er jenen Geschmack kennt: in seiner Kindheit in Combray hat er bei seiner Tante Léonie immer Madeleines mit Lindenblütentee gegessen. Mit dieser Erkenntnis kommt beim Erzähler die gesamte Erinnerung an Combray hoch, während er sich vorher doch nur des théâtre et drame de mon coucher entsinnen konnte. Gleichzeitig ist diese ganzheitliche Erinnerung hier so lebhaft, so gegenwärtig, dass Marcel sich wie in die damalige Zeit zurückversetzt fühlt.

[...]


1 Jürgen Grimm (Hrsg.): Französische Literaturgeschichte. Stuttgart 52006, S. 323.

2 Franz Josef Zapp: Die „mémoire involontaire“ bei Marcel Proust. München 1963, S. 19.

3 Karl Hölz: Das Thema der Erinnerung bei Marcel Proust. Strukturelle Analyse der mémoire involontaire in A la recherche du temps perdu. München 1972, S. 21.

4 Marcel Proust: Du côté de chez Swann, in: A la recherche du temps perdu. Band I. Paris 1987, S. 43.

5 Im Folgenden wird der Einfachheit halber der Titel A la recherche du temps perdu in Fußnoten mit „RTP“ abgekürzt.

6 Henning Teschke: Proust und Benjamin. Unwillkürliche Erinnerung und dialektisches Bild. Würzburg 2000, S. 16f.

7 Proust (1987): RTP I, S. 43.

8 Rainer Zaiser: Die Epiphanie in der französischen Literatur. Zur Entmystifizierung eines religiösen Erlebnismusters. Tübingen 1995, S. 253.

9 Proust (1987): RTP I, S. 43.

10 Hölz (1972), S. 21.

11 Nicolas Pethes (Hrsg.): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon. Reinbek 2001, Artikel: Memoire involontaire, S. 367.

12 Vgl. Grimm (52006), S. 323f.

13 Proust (1987): RTP IV, S. 446.

14 Proust (1987): RTP IV, S. 445.

15 Vgl. Proust (1987): RTP IV, S. 445 u. a.

16 Proust (1987): RTP I, S. 44.

17 Proust (1987): RTP I, S. 44.

18 Proust (1987): RTP I, S. 44.

19 Proust (1987): RTP I, S. 44.

20 Proust (1987): RTP I, S. 44.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Mémoire involontaire. Erinnerung in Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V496898
ISBN (eBook)
9783346024060
ISBN (Buch)
9783346024077
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Proust, A la recherche du temps perdu
Arbeit zitieren
Karina Karstens (Autor), 2012, Mémoire involontaire. Erinnerung in Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496898

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