Die Ideen Ralph Waldo Emersons als Verbindung deutschem Idealismus und gelebtem amerikanischen Transzendentalismus


Hausarbeit, 2019
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einflüsse des deutschen Idealismus bei Emerson
2.1 Self-reliance
2.2 Nature
2.3 The American Scholar

3. Praktikalisierung des amerikanischen Transzendentalismus: Henry David Thoreau’s Walden
3.1 Beeinflussung Thoreaus durch Emerson
3.2 Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Idealismus

4. Politisierung des Amerikanischen Transzendentalismus: Margaret Fuller’s The Great Lawsuit
4.1 Beeinflussung Fullers durch Emerson
4.2 Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Idealismus

5. Schlussfolgerung

Bibliographie

1. Einleitung

Ralph Waldo Emerson wurde als Mitbegründer des Amerikanischen Transzendentalismus auch von den Ideen der großen Denker des deutschen Idealismus beeinflusst, womit sich der erste Teil der Arbeit befasst. Insbesondere die Konzepte über das Verhältnis von Natur und dem Selbst, von Universalität und Individualismus, die Bestandteil der Philosophie sowohl Kants als auch Fichtes als auch Schellings sind, schlagen sich in Emersons eigenen Werken wieder und werden insbesondere in der intellektuellen Loslösung von Europa als auch im Streben nach einer spezifisch amerikanischen Identität von ihm weiterentwickelt.

Emersons Gedankengut inspirierte auch andere amerikanische Transzendentalisten, darunter Margaret Fuller und Henry David Thoreau. Von beiden werden Emersons Ideen nicht nur angenommen, sondern nun auch in praktischer Form gelebt, was im zweiten und dritten Teil der Arbeit herausgearbeitet werden soll: Thoreau zieht sich an den Walden Pond zurück und lebt die Praktikalisierung von Emersons Auffassung von Natur und Selbst vor. Fuller dagegen vollzieht die Politisierung von Emersons Individualismus und wird zu einer Verfechterin des Feminismus.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Rolle Emersons als Bindeglied zwischen den Ideen des deutschen Idealismus in Bezug auf Natur und Selbst und die Jahrzehnte später entwickelten praktischen Ansichten von Fuller und Thoreau aufzuzeigen.

2. Einflüsse des deutschen Idealismus bei Emerson

Emersons Denken ist stark von den Ideen des deutschen Idealismus und der deutschen Romantik geprägt. Mit den Vertretern der englischen Romantik Samuel Taylor Coleridge und William Wordsworth sowie dem Schotten Thomas Carlyle, der sich für die Romantik begeisterte, kommt Emerson zu Lebzeiten persönlich in Kontakt1, die zweifellos für Emersons Bezüge zum Idealismus der deutschen Romantik verantwortlich zeichnen.

2.1 Self-reliance

In seinem Essay Self-Reliance 2 proklamiert Emerson das Vertrauen in sich selbst, unabhängig von der Meinung der Öffentlichkeit, von äußeren Einflüssen und etablierten Institutionen. Emersons Konzept der “self-reliance“ ist deutlich auf den deutschen Idealismus und seine Verarbeitung in der europäischen Romantik zurückzuführen. Die Dialektik aus Individuum und Gesellschaft entspricht aus romantisch-idealistischem Blickwinkel der Unterscheidung Johann Gottlieb Fichtes zwischen „Ich“ und „Nicht- Ich“, von der auch Emerson inspiriert wird. Das „Ich“ soll das „Nicht-Ich“, die äußere Welt, die es geschaffen hat, dominieren. Das „Ich“ kommt somit dem Absoluten, Göttlichen nahe.3 Fichte vertritt eine subjektiven Idealismus, der sich auch bei Emersons Fokus auf das Selbst, dass nur seiner selbst zum Verständnis der Welt bedarf, wiederfindet und aus dem das selbstbestimmte Individuum, wie es typisch für die Ideen des amerikanischen Transzendentalismus ist, erwächst. Emersons „self-reliance“ basiert auf der „intuition“4. Diese Rechtfertigung der „self-reliance“ geht ebenfalls auf den deutschen Idealismus zurück, auch wenn es Coleridge ist, dessen fehlerhafte Interpretation von Immanuel Kants „Verstand“ als „intuition“ Emerson übernimmt.5

2.2 Nature

Auch in Emersons Essay Nature 6 zeigt sich die Beeinflussung von Fichtes idealistischer Dialektik „Ich – Nicht-Ich“: Emerson überträgt diese Dialektik in seine Gegenüberstellung von „soul“ und „nature“, dem individuellen „man thinking“ und der Gesellschaft.7 Sein Verständnis des Verhältnisses von Mensch und Natur bezieht sich auf Kants subjektiven idealistischen Blickwinkel auf die äußere Welt, aus dem Friedrich Wilhem Joseph Schelling wiederum in Umkehrung zu Fichte eine Einheit macht.8 Als Unitarist übernimmt Emerson diese Gedanken, die sich für ihn keineswegs ausschließen – der Dualismus Mensch und Natur besteht darin, dass die Natur der Spiegel des Selbst ist.9 Dies ist der Grundpfeiler des amerikanischen Transzendentalismus, der den Überlegungen des deutschen Idealismus zur Beziehung zwischen Mensch und Umwelt entspringt: „It is the discovery of ourselves through the process of giving shape to the natural world.“10

2.3 The American Scholar

In seiner Rede The American Scholar 11 führt Emerson seine Gedanken zu „nature“ und „self-reliance“ erneut aus und formuliert für sein Konzept des „man thinking“ die Maximen „Study nature“ und „Know thyself“12, die sich auf diese beiden zentralen Aspekte von Emersons Transzendentalismus beziehen. Er praktikalisert dadurch bereits die Gedanken des deutschen Idealismus, indem er „intuition“ zur Voraussetzung für „self- reliance“ und das dualistische Verhältnis von Mensch und Natur zugleich zu einer Einheit macht; beide Aspekte werden in The American Scholar untrennbar verbunden und zu einer Anleitung für das Erreichen des Ideals des „man thinking“13, auf dessen Selbstbestimmtheit, Individualität, Konzentration auf das eigene, subjektive Innere und Nähe zur Natur auch Thoreau und Fuller sich beziehen werden. Bereits in Emersons Überlegungen zeigt sich somit bereits die Tendenz des amerikanischen Transzendentalismus zu einer praktischen Umsetzung der Ansichten, die aus dem deutschen Idealismus hervorgehen.

Emersons zentrale und eng miteinander verknüpfte Ideen zu „nature“ und „self-reliance“, die auch die Ideen anderer amerikanischer Transzendentalisten ausmachen, sind also stark vom deutschen Idealismus, teilweise in direkter Beeinflussung, vor allem jedoch durch die Übermittlung von Wordsworth, Carlyle und insbesondere Coleridge, geprägt. Die Werke der amerikanischen Transzendentalisten Henry David Thoreau und Margaret Fuller weisen wiederum eine starke Beeinflussung durch Emerson auf, der somit eine Brücke zwischen den rein philosophischen Ausführungen des deutschen Idealismus und der praktischen, politischen und damit auffallend lebensnahen Umsetzung idealistischer Ideen ist, die Thoreau und Fuller beide auf ihre Weise durchführen.

3. Praktikalisierung des amerikanischen Transzendentalismus: Henry David Thoreau’s Walden

Henry David Thoreau gehört neben Emerson zu den großen Vertretern des amerikanischen Transzendentalismus. Emerson und Thoreau zeichnet eine innige Freundschaft aus, und so ist es nicht verwunderlich, dass Walden Pond, an den sich Thoreau 1845 zurückzieht, auf Emersons Grundstück liegt. Zwei Jahre und zwei Monate lang lebte Thoreau abgeschieden am Walden Pond, ganz im Einklang mit der Natur. In seinem Buch Walden 14 berichtet Thoreau von seinen Erfahrungen eines zurückgezogenen, möglichst autarken Lebens und seiner Arbeit in der Natur. Zugleich ist das Werk aber auch eine Anleitung für das Leben, die viel weiter geht als nur ein Bericht über Thoreaus eigene Erfahrungen. In Walden hält er auch Gedanken zur Einsamkeit, dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur sowie der Gesellschaft fest, die er während seiner Zeit am Walden Pond entwickelt hat.

3.1 Beeinflussung Thoreaus durch Emerson

Thoreaus Gedanken erinnern dabei stark an Ideen aus Emersons Essays Nature, Self- Reliance und seiner Rede T he American Scholar, die auch ähnlich unterteilt werden – jedoch immer mit Bezug auf seine eigenen Lebenserfahrungen, wodurch Thoreau im gesamten Werk eine deutliche Praktikalisierung von Emersons Ideen beweist.

Im Abschnitt Economy geht Thoreau zunächst auf die Lebensumstände der breiten Bevölkerung ein, die sie dazu zwingen, maschinengleich harte Arbeit zu leisten, ohne Zeit für „the manliest relations to man […] He has no time to be anything but a machine”15. Diese Kritik erinnert an Emersons Idee des “man thinking”, der nach Thoreau der amerikanische Durchschnittsmensch, von seiner Arbeit völlig eingenommen, nicht werden kann. Neben dem Leben der weißen Amerikaner als Sklaven von Armut und Schulden, prangert Thoreau auch die Sklaverei an: „I sometimes wonder that we can be so frivolous, I may almost say, as to attend to the gross but somewhat foreign form of servitude called Negro Slavery […]”16 In seiner für die damalige Zeit noch provokative Ablehnung der Sklaverei wird deutlich, dass Thoreaus Rückzug in die Natur ein Interesse für politische Umstände und die Gesellschaft nicht ausschließt; all dies sind für ihn relevante Aspekte, die bei seiner Vorstellung eines selbstbestimmten Menschen eine Rolle spielen. Thorau sieht als Ursache für die Sklaverei die Dominanz der allgemeinen Meinung über die eigene, die Zugleich „divinity“ voraussetzt: „Public opinion is a weak tyrant compared with our own private opinion.“17 In dieser Aussage ist deutlich Thoreaus Bezug auf Emersons Wertschätzung von „self-reliance“ basierend auf dem deutschen Idealismus, jedoch mit konkretem Fokus auf ein unabhängiges Amerika, erkennbar. Wo Emerson fordert, sich von der Orientierung an den Großen der Vergangenheit, vor allem des kulturellen Europas, zu lösen, da hat auch Thoreau einen Menschen im Sinn, der sich zurück auf die Natur besinnt und sich freimacht von der Vergangenheit:

It would be some advantage to live a primitive and frontier life, though in the midst of an outward civilization, if only to learn what are the gross necessaries of life and what methods have been taken to obtain them […] For the improvements of ages have had but little influence on the essential laws of man’s existence: as our skeletons, probably, are not to be distinguished from those of our ancestors. 18

[...]


1 Vgl. Keane, Patrick J.: Emerson, Romanticism, and Intuitive Reason: The Transatlantic Light of All Our Day. Columbia: University of Missouri Press, 2005, S. f.

2 Emerson, Ralph Waldo: “Self-Reliance.” In: Turpin, Edna H.L. (Hrsg.): Emerson’s Essays. New York: Charles E. Merrill Co., 1907. S. 26-38.

3 Vgl. Keane, Emerson, Romanticism, and Intuitive Reason, S. 237.

4 Emerson, Ralph Waldo: “Self-Reliance.” In: Turpin, Edna H.L. (Hrsg.): Emerson’s Essays. New York: Charles E. Merrill Co., 1907. S. 26-38, S. 31.

5 Vgl. Keane, Emerson, Romanticism, and Intuitive Reason, S. 57.

6 Emerson, Ralph Waldo: “Nature.” In: Turpin, Edna H.L. (Hrsg.): Emerson’s Essays. New York: Charles E. Merrill Co., 1907. S. 60-67.

7 Ebd., S. 171.

8 Vgl. Krusche, Thomas: R.W. Emersons Naturauffassung und ihre philosophischen Ursprünge: Eine In terpretation des Emersonschen Denkens aus dem Blickwinkel des deutschen Idealismus. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1987, S. 237.

9 Vgl. Mott, Wesley T.: Emerson in Context. Cambridge: Cambridge University Press, 2014, S. 85f.

10 Ebd., S. 90.

11 Emerson, Ralph Waldo: “The American Scholar.” In: Turpin, Edna H.L. (Hrsg.): Emerson’s Essays. New York: Charles E. Merrill Co., 1907. S. 8-17.

12 Ebd., S. 10.

13 Ebd., S. 9.

14 Thoreau, Henry David: Walden [1854]. Bradford Torrey (Hrsg.). Boston: Houghton, Mifflin and Company, 1887.

15 Ebd., S. 12.

16 Ebd., S. 14.

17 Ebd., S. 14f.

18 Thoreau, Walden, S. 21.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Ideen Ralph Waldo Emersons als Verbindung deutschem Idealismus und gelebtem amerikanischen Transzendentalismus
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V496914
ISBN (eBook)
9783668997592
Sprache
Deutsch
Schlagworte
idealismus, ralph waldo emerson, margaret fuller, henry david thoreau, transzendentalismus
Arbeit zitieren
Sophie Barwich (Autor), 2019, Die Ideen Ralph Waldo Emersons als Verbindung deutschem Idealismus und gelebtem amerikanischen Transzendentalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496914

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