Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich im Theorieteil zunächst ausführlich mit der Entwicklung der deutschen Orthographie von ihren historischen Anfängen bis ins 19. Jahrhundert. Sie geht detailliert auf zahlreiche Normierungsversuche ein und erläutert mögliche Gründe für ihr Scheitern. Ebenso werden einige typische Merkmale der deutschen Schriftlichkeit des betrachteten Zeitabschnitts betrachtet und es wird beschrieben, welchen Wandeln die Schreibkonventionen bis zur endgültigen Normierung im Jahr 1901 unterlegen waren. Berücksichtigt werden hier auch die Umsetzung der ermittelten Schreibkonventionen in den Alltagsbriefen der Bevölkerung und die daraus resultierenden Mehrfachschreibungen.
Anschließend werden einige Informationen über die Auswanderung aus Deutschland nach Amerika dargelegt, gefolgt von der Klärung der Frage, was Auswandererbriefe überhaupt sind und warum sie etwas über die orthographischen Normen des 19. Jahrhunderts und deren Umsetzung aussagen können. Der Empirieteil der Arbeit weist die zuvor beschriebenen Schreibkonventionen und deren Problematiken anhand zweier Auswandererbriefe aus den Jahren 1855 und 1887 nach. Hierzu werden exemplarisch einige orthographische Besonderheiten der betrachteten Briefe herausgestellt und sie mit der zuvor ermittelten vorherrschenden Schreibkonvention in Verbindung gesetzt. Im Anschluss daran wird die Frage nach der Briefkonzeption als eher mündlich oder schriftlich tradiert behandelt, was dann in die abschließende Zusammenfassung und Bewertung der Analyse münden wird.
Inhaltsverzeichnis
I. Theorieteil
1. Problemstellung
2. Die Entwicklung der normierten Schriftlichkeit bis 1901
2.1. Entwicklung der deutschen Schriftlichkeit bis zum 15. Jahrhundert
2.2 Entwicklungen im 16. Jahrhundert
2.3 Entwicklungen im 17. Jahrhundert
2.4 Entwicklungen im 18. Jahrhundert
2.5 Normierung im 19. Jahrhundert
2.5.1 Entwicklungen bis 1876
2.5.1 Die I. Orthographische Konferenz 1876
2.5.2 Die II Orthographische Konferenz 1901
3. Auswandererbriefe – Zeugen der Entwicklung einer normierten Orthographie?
3.1 Wie kommt es zur Auswanderung?
3.2 Was sind Auswandererbriefe und können sie etwas über die orthographischen Normen des 19. Jahrhunderts aussagen?
II. Empirieteil
1. Hintergrund der betrachteten Briefe
1.1 Brief von C. Städler
1.2 Brief von Johanna Getzlaff
2. Bereiche mit orthographischen Variationen.
2.1 Groß- und Kleinschreibung
2.1.1 Brief von C. Städler
2.1.2 Brief von Johanna Getzlaff
2.2 Getrennt- und Zusammenschreibung
2.3 Graphemische Schreibvariationen
2.3.1 th/t
2.3.2 d/t
2.3.3 ie/i
2.4 Orthographische Besonderheiten
3. Sprachliche Konzeption der Briefe
3.1 Brief von C. Städler
3.2 Brief von Johanna Getzlaff
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der deutschen Orthographie von ihren historischen Anfängen bis zur verbindlichen Normierung im Jahr 1901. Zentrales Ziel ist es, anhand von zwei ausgewählten Auswandererbriefen des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen, inwieweit theoretische Normierungsbemühungen in der Alltagschriftlichkeit der Bevölkerung tatsächlich umgesetzt wurden und welche Konzeptionen (mündlich vs. schriftlich) diesen Dokumenten zugrunde liegen.
- Historische Entwicklung der deutschen Rechtschreibung bis 1901
- Analyse und Vergleich der Normierungsbestrebungen (traditionell, historisch, phonetisch)
- Untersuchung der orthographischen Varianz in privater Korrespondenz
- Bewertung von "Alltagsbriefen" als Quellen für die Sprachgeschichte
- Diskussion zur konzeptionellen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Auszug aus dem Buch
2.1. Entwicklung der deutschen Schriftlichkeit bis zum 15. Jahrhundert
Die Vorgeschichte der deutschen Graphie ist uns in Texten vorwiegend römischer oder griechischer Autoren überliefert. Diese schrieben z. B. aus historischem Interesse über die Stämme oder über Einzelpersonen der Germanen und überlieferten so eine Fülle von Eigennamen in lateinischer Schrift. Diese antiken Quellen sind uns allerdings erst in sehr viel späteren Handschriften erhalten (z. B. die „Germanica“ des Tacitus), jedoch lassen sie dennoch Rückschlüsse auf germanische Laute zu.
In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten übernahmen die Germanen norditalienische Alphabete, wandelten sie um und verwandten diese als Runenschrift. Die verschiedenen Runenalphabete begründen jedoch keine ausgedehnte Schriftlichkeit, fanden sie doch überwiegend nur als Inschriften auf Schmuck, Grabsteinen und Waffen Verwendung (Nerius 2000a, S. 280).
Die erste germanische Schriftlichkeit in Buchform entwickelte im 4. Jahrhundert der Bischof Wulfila, indem er Teile der Bibel ins Westgotische übersetzte und hierbei aus den ihm bekannten griechischen und lateinischen Alphabeten eine eigene Schrift entwickelte (Überlieferung aus dem 6. Jahrhundert).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung: Einleitung in das Thema, Vorstellung der Zielsetzung sowie kurze Erläuterung der methodischen Vorgehensweise anhand von Auswandererbriefen.
2. Die Entwicklung der normierten Schriftlichkeit bis 1901: Detaillierte historische Übersicht über die Entwicklung der deutschen Schriftsprache und die verschiedenen Konferenzbeschlüsse und theoretischen Ansätze zur Normierung.
3. Auswandererbriefe – Zeugen der Entwicklung einer normierten Orthographie?: Erläuterung der Gründe für die Auswanderung und Klärung der Funktion und Bedeutung der Auswandererbriefe für die linguistische Forschung.
II. Empirieteil: Anwendung der theoretischen Erkenntnisse auf konkrete Quellenbeispiele sowie Analyse der orthographischen Besonderheiten und der konzeptionellen Struktur der untersuchten Briefe.
4. Zusammenfassung: Abschließende Reflexion der Ergebnisse, die eine Diskrepanz zwischen Normierung und tatsächlicher Anwendung in der Arbeiterschicht aufzeigt.
Schlüsselwörter
Orthographiegeschichte, Normierung, Auswandererbriefe, 19. Jahrhundert, Schreibkonventionen, Phonetik, Schriftlichkeit, Mündlichkeit, Alltagsbriefe, Sprachgeschichte, Grammatik, Rechtschreibkonferenz, Schriftsprache, Adelung, Lautlehre
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und Normierung der deutschen Rechtschreibung bis 1901 und analysiert, wie diese Normen in privaten Alltagsbriefen von Auswanderern des 19. Jahrhunderts umgesetzt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der deutschen Schriftlichkeit, den verschiedenen theoretischen Normierungsansätzen (Adelung, Grimm, Raumer) und dem Vergleich dieser mit der Sprachpraxis in Dokumenten der damaligen Bevölkerung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Einfluss orthographischer Normierungsversuche auf die tatsächliche Schreibweise in Briefen der unteren sozialen Schichten im 19. Jahrhundert zu erforschen und deren konzeptionellen Status (nähesprachlich vs. distanzsprachlich) zu bestimmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine linguistische Textanalyse angewandt, die theoretische Grundlagen aus der Sprachgeschichte mit der Untersuchung primärer Quellen (Auswandererbriefe) kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen Theorieteil, der die Geschichte der Schriftsprache beleuchtet, und einen Empirieteil, in dem zwei spezifische Auswandererbriefe hinsichtlich orthographischer Variationen und sprachlicher Konzeption ausgewertet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Orthographiegeschichte, Normierung, Auswandererbriefe, Schreibkonventionen und konzeptionelle Schriftlichkeit/Mündlichkeit beschreiben.
Warum sind Auswandererbriefe für die Forschung so interessant?
Sie bieten eine hohe Authentizität, da sie außerhalb professioneller Kanzleien oder Druckereien entstanden sind und somit einen direkten Einblick in die subjektive Schreibpraxis und den Bildungsstand der Bevölkerung gewähren.
Welche orthographischen Mängel werden in den Briefen von C. Städler besonders deutlich?
Besonders auffällig sind die unsystematische Groß- und Kleinschreibung, Fehler bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie eine häufige Verwechslung von d/t und Mängel in der ie/i-Schreibung.
Inwieweit lässt sich der Brief von Johanna Getzlaff einordnen?
Der Brief weist zwar eine gewisse Konstanz auf, zeigt aber wie Städlers Brief eine Mischung aus mündlich geprägten, parataktischen Satzstrukturen und schriftlich-formalen Elementen, was auf eine eher ungeübte Schreibhaltung hindeutet.
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- André Sperlich (Author), 2005, Die deutsche Orthographiegeschichte bis zum 19. Jahrhundert - Eine Analyse ihrer Normierung und Umsetzung anhand von Amerika-Auswandererbriefen des 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49696