Auswirkungen des demographischen Wandels auf das Gesundheitssystem


Hausarbeit, 2008
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Demographische Bevölkerungsentwicklung in Deutschland
2.1 Demographische Alterung
2.1.1 Entwicklung der Lebenserwartung
2.1.2 Niedrige Geburtenziffern
2.2 Bevölkerungsrückgang
2.3 Einfluss der Migration

3 Epidemiologie und Alteration des Morbiditätsspektrums
3.1 Aktuelle Morbiditätsentwicklung
3.1.1 Einflussfaktoren auf die Morbiditätsstrukturen
3.1.2 Zunahme chronisch-degenerativer Erkrankungen
3.1.3 Psychische Erkrankungen und Demenz
3.1.4 „Zivilisationserkrankungen“
3.1.5 Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit
3.2 Perspektiven der Morbiditätsentwicklung

4. Anforderungen und Handlungsbedarfe im Gesundheitssystem
4.1 Konsequenzen für Finanzierung der Sozialsysteme
4.2 Konsequenzen für Effizienz und Qualität
4.3 Konsequenzen für Kompetenzentwicklung
4.4 Konsequenzen für Prävention und Gesundheitsförderung

5 Exempel: Konkrete Anforderungen an die Gesundheitsversorgung im Bereich der Pflege

6 Resümee: Implikationen für die Gestaltung und Modernisierung des Gesundheitswesens

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die demographischen Effekte der vergangenen Jahrzehnte sowie die zu erwartenden Trends lassen deutliche Veränderungen des Krankheitsspektrums künftig erwarten und stellen eine der größten Herausforderungen an das Gesundheitssystem dar.

In der vorliegenden Arbeit sollen die Aspekte der Bevölkerungsentwicklung sowie Veränderungen des Morbiditätsspektrum schwerpunktmäßig für die Situation der Bundesrepublik Deutschland zusammenfassend dargestellt und anhand von Daten belegt werden.

Auf dieser Grundlage sollen sich abzeichnende Konsequenzen und Bedarfe für das Gesundheitssystem abgeleitet werden und der Frage nachgegangen werden, inwieweit das deutsche Gesundheitswesen auf diese eingestellt ist.

Abschließend soll auf die Frage eingegangen werden, welche Anforderungen und welcher Handlungsbedarf sich aus dem veränderten Versorgungsbedarf auch hinsichtlich seiner ökonomischen Konsequenzen ergeben. Dies soll für den Bereich der Dienstleistung Pflege exemplarisch konkretisiert werden.

Abschließend werden Implikationen für die Gestaltung und Modernisierung des Gesundheitswesens zusammengefasst.

Methodisch liegt dieser Arbeit eine aktuelle Literaturrecherche zugrunde, aufgrund derer diese summarische Darstellung vorgenommen wird.

2 Demographische Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

Eingangs sollen wesentliche Aspekte und Trends der Bevölkerungsentwicklung zum besseren Verständnis von Veränderungsprozessen des Krankheitsspektrums herausgestellt werden.

Die allgemeine Bevölkerungsentwicklung in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten ist bereits weitgehend vorgezeichnet und umfasst im Rahmen des demographischen Wandels (Förderland 2006) die Dimensionen Alterung, Bevölkerungsrückgang, zunehmend multi-ethnische Gesellschaft und Veränderungen der Familienstrukturen (Ulrich 2005). Die demographische Entwicklung lässt sich dabei unter anderem durch die gesellschaftlichen Aspekte Fertilität und Zeitpunkt der Geburten, Lebenserwartung, Migration und Wanderungssaldo, Familienbildung und Haushaltszusammensetzung kennzeichnen und beschreiben (Buck et al. 2002). Die sich abzeichnenden Veränderungen zeigen sich vor allem in den Industriestaaten (Kessler 2006).

Die anstehenden Herausforderung des demographischen Wandels könnte in Deutschland bezogen auf die meisten OECD-Länder eine besondere Ausprägung gewinnen, da die bestehende Altersrelation vergleichsweise ungünstig ist (Böcken et al. 2000). Die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes stellt Szenarien zur Prognose der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland bis in das Jahr 2050 auf. Andere Prognosen zur zukünftigen demographischen Entwicklung in Deutschland weisen ähnliche Zahlen und eine diesbezüglich geringe Varianz auf (Statistisches Bundesamt 2006; Grohmann 2003, S. 449ff; Deutscher Bundestag 2002, S. 60ff; United Nations 2002; Schulz 1999).

2.1 Demographische Alterung

Die Vereinten Nationen prognostizierten 2002 eine globale Zunahme der Weltbevölkerungsanteile über 65 Jahren von 600 Millionen auf etwa zwei Milliarden im Jahr 2050 (United Nations 2002). Bei Betrachtung der demographischen Entwicklung auf europäischer Ebene lassen sich vergleichbare Trends erkennen (Müller 2002): Lebensverlängerung zusammen mit dem Absinken der Geburtenzahlen unter das Bestandsniveau wird im 21. Jahrhundert in allen Mitgliedstaaten die demographische Alterung „dramatische Formen“ annehmen Entsprechend der Kommission der europäischen Gemeinschaften (1999) wird in Europa in den nächsten 20 Jahren die Zahl der über 65-Jährigen um 17 Millionen zunehmen, die Anzahl der Hochbetagten um 5.5 Millionen.

Für Deutschland wird es zu einer absoluten und relativen Zunahme der Bevölkerungszahlen in den höheren Altersklassen kommen (Gesundheits-berichterstattung des Bundes 2006). Die Zahl der über 60-Jährigen wird bis zum Jahr 2030 voraussichtlich auf knapp 28,1 Mio. ansteigen, ebenso der Altersquotient von heute 38,6 auf 76.4-99.1 im Jahre 2050 (Enquete-Kommission 2002). Die Altersgruppe der 65-Jährigen und Älteren wird um rund 50% von knapp 16 Millionen im Jahr 2005 auf über 23 Millionen Personen (bis 30%) im Jahr 2050 ansteigen. Auch die absolute und relative Zahl der Hochbetagten unterliegt signifikanten Veränderungen: Die Zahl der Hochbetagten, also 80-Jährigen und Älteren, steigt von 3,7 Mio. auf 6 Mio. (2020) bis auf 10 Mio. im Jahr 2050 (Statistisches Bundesamt 2006), entsprechend Anteilen von 0,5% im Jahre 1910 auf heute 4% und auf ca. 12% im Jahre 2050 (Bundesministerium des Inneren 2004).

Ursächlich liegt der absoluten und relativen Alterung der Bevölkerung das Phänomen „double-aging“ (Bundeszentrale für Politische Bildung 2008) zugrunde, dessen beide wesentlichen Prozesse die Steigerung der Lebenserwartung und die seit den 1970er Jahren konstant niedrigen Geburtenraten darstellen.

2.1.1 Entwicklung der Lebenserwartung

Grundlage steigender Lebenserwartung sind Fortschritte im Gesundheitswesen, die Entwicklung im medizinisch-technischen Bereich, Hygiene, Ernährung, Veränderungen bei den Wohn- und Arbeitsbedingungen sowie der gestiegene materielle Wohlstand (Statistisches Bundesamt 2003). Ende des 19. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen (Männern) bei 40 (35) Jahren (Bundeszentrale für Politische Bildung 2004), während sie 2002/2004 schon bei 81.6 (76) Jahre lag (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2006). Der Trend steigender Lebenserwartung wird sich erwartungsgemäß fortsetzen (Klever-Deichert 2006). Auf Grundlage von Vorausberechnungen wird 2050 die Lebenserwartung ab Geburt zwischen 83.5-85.4 Jahren (Männer) und 88.0-89.8 Jahren (Frauen) liegen und damit nochmals signifikant angestiegen sein (Statistisches Bundesamt 2006).

2.1.2 Niedrige Geburtenziffern

Anhaltend niedrige Geburtenziffern stellen den zweiten Aspekt der doppelten Alterung dar. Seit den 1970er Jahren sind stetig sinkende Geburtenquoten zu beziffern, die laut Statistischem Bundesamt zwischen 1.4 und 1.6 Kindern lagen. Es wird erwartet, dass ab 2011 weiter niedrige Geburtenquoten deutlich unter 2.1 pro Frau bis zum Jahr 2050 bestehen bleiben werden. In der Folge nimmt jede Generation um etwa ein Drittel abnimmt, da sowohl die Anzahl potenzieller Eltern als auch die Geburten je Frau rückläufig sind (Statistisches Bundesamt 2006).

2.2 Bevölkerungsrückgang

Unter Berücksichtigung von Wanderungssalden wird bis in das Jahr 2050 ein stetiger Bevölkerungsrückgang auf 69-74 Mio. Menschen angenommen (Statistisches Bundesamt 2006). Dieser ist für die unter 20-Jährigen und in der Gruppe der 20-40-Jährigen bereits heute nachweisbar (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2007). Im Jahr 2030 werden voraussichtlich fast ein Viertel weniger Kinder und Jugendliche in Deutschland leben als heute (12.7 Mio. unter 20-Jährige statt 16.5 Mio. heute). Die Personen im erwerbsfähigen Alter (20-65-Jährige) werden ebenfalls um ca. 15% (7.7 Mio.) zurückgehen. Mit entsprechenden Konsequenzen zeigt sich auch das Verhältnis Erwerbstätige zu Nicht-Erwerbstätigen bereits aktuell regredient (Enquete-Kommission 2002).

2.3 Einfluss der Migration

Bei der Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung kommen auch Effekte der Migration zum Tragen (Gerlinger 2006; Schulenberg & Greiner 2000; Dinkel 1989; Statistisches Bundesamt 2003). Seit den 60er-Jahren sind mehrere Millionen Menschen nach Deutschland immigriert. Die Zuwanderung erfolgte schwerpunktmäßig zuerst aus dem Mittelmeerraum, seit 1990 auch aus der der ehemaligen Sowjetunion (Münz et al. 1999).

Die Migration stellt grundsätzlich einen langfristig positiven Verjüngungseffekt für die demografische Entwicklung Deutschlands dar, welche dieser theoretisch entgegenwirken könnte. Von ihren praktischen Auswirkungen auf die Altersstruktur wird sie bei einem Wanderungssaldo von 100.000-200.000 jährlichen Immigranten voraussichtlich von untergeordneter Bedeutung bleiben (Statistisches Bundesamt 2006), impliziert jedoch Handlungsbedarfe im Gesundheitswesen, auf die später noch eingegangen werden soll.

3 Epidemiologie und Alteration des Morbiditätsspektrums

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung erscheinen Änderungen im Gesundheits- und Krankheitsspektrums naheliegend nähere Betrachtung finden. Es folgt zunächst eine Darstellung der Entwicklung bis in die heutige Zeit, der sich eine Extrapolation der Morbiditätsentwicklung der kommenden Jahrzehnte anschließt.

3.1 Aktuelle Morbiditätsentwicklung

Entsprechend Daten der Weltgesundheitsorganisation (HALE-Konzept 2000-2002) lag die mittlere gesunde Lebenserwartung in Deutschland für Frauen bei 74.0 Jahren (7.6 Jahre in beeinträchtigter Gesundheit) und bei Männern bei 69.6 Jahre (5.9 Jahre mit Beschwerden). Mit Hinblick auf das subjektive Empfinden lässt sich für die Mehrzahl der Deutschen eine grundsätzliche Zufriedenheit mit ihrem Gesundheits-zustand konstatieren. Interessanterweise kommt Bruker (1994) zu der sicherlich provokanten Ansicht, dass „...der Gesundheitszustand der Menschen in den zivilisierten Völkern noch nie so schlecht war wie heute“. Eine nähere Betrachtung erscheint entsprechend angezeigt.

3.1.1 Einflussfaktoren auf die Morbiditätsstrukturen

Für die jüngere deutsche Entwicklung zeigt sich eine zusehende Nivellierung von Unterscheiden zwischen neuen und alten Bundesländern. Differenzen sind jedoch für distinkte Bevölkerungsgruppen zu verzeichnen (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2006). Gruppen mit niedrigem Sozialprestige, geringem Bildungsniveau sowie relativ schlechten Ressourcen werden durch bestehende Versorgungssysteme nicht voll erreicht und zeigen zusätzlich ein schlechteres Gesundheitsverhalten. Hier zeigen sich höhere Morbiditätsziffern und vorzeitige Sterberaten (Marmot & Wilkinson 1999, Mielck 2000, Naidoo & Wills 2003, Rosenbrock & Gerlinger 2004).

Auch zwischen den Geschlechtern lassen sich Differenzen ausmachen: Männer versterben häufiger als Frauen an Krankheiten, die durch ungünstige Arbeits-bedingungen oder risikoreicheren Lebensstil mit verursacht werden, während bei Frauen chronische Erkrankungen zu überwiegen scheinen. Die Entwicklung einzelner Krankheitsbilder ist dabei in unterschiedlicher Ausprägung neben dem Geschlecht auch vom Alter beeinflusst.

Entsprechend dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2005) zeichnet sich im Rahmen der demographischen Entwicklung insbesondere eine Zunahme chronischer und Demenzerkrankungen ab, die mit der Alterung der Gesellschaft in Zusammenhang zu bringen sind.

3.1.2 Zunahme chronisch-degenerativer Erkrankungen

Historisch ist in den vergangenen hundert Jahren infolge medizinischer und gesellschaftlicher Entwicklungen ein grundsätzlicher Wandel des Krankheits-spektrums von akuten, gut heilbaren (Infektions-) Erkrankungen zu vorherrschend chronisch-degenerativen, oft nicht heilbaren Krankheiten belegt (Schwartz & Busse 1995; Deutscher Bundestag 2002). Heute leidet etwa die Hälfte der Bevölkerung an einer chronischen Erkrankung und fast ein Viertel aller gesetzlich Versicherten leiden an einer oder mehreren Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Brustkrebs, Asthma, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung (Enquete-Kommission 2002). Dieser Effekt ist in älteren und jüngeren Bevölkerungsschichten nachweisbar.

Prinzipiell bestimmt das Niveau der demographischen Transition den Verlauf der epidemiologischen Transition, so dass die Zunahme chronischer Erkrankungen in erster Linie vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung betrachtet werden muss. In diesem Kontext verwundert es nicht, dass mit steigendem Alter der Anteil derjenigen Menschen mit positiver Gesundheitseinschätzung insgesamt sinkt (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2006). Güther konnte 1998 eine Alterskorrelation an zwölf ausgewählten chronischen Krankheitsbildern aufzeigen. Einige Aspekte werden im Folgenden skizziert.

Kardiovaskuläre Erkrankungen zählen hierbei weiter zu den häufigsten Todes-ursachen, gleichzeitig ist ihr Anteil an der Gesamtsterblichkeit erfreulicherweise rückläufig. Außerdem werden heute weniger Erwerbstätige als vor zehn Jahren wegen Herz-Kreislauferkrankungen arbeitsunfähig oder vorzeitig berentet. Erkrankungen von Muskel- und Skelettsystems (Rückenschmerz und Arthrose) haben große volkswirtschaftliche wie individuelle Bedeutung. Auch wird mit steigenden Inzidenzen an Krebserkrankungen infolge steigender Lebenserwartung bei gleichzeitig rückläufiger Sterblichkeit gerechnet.

Trotz rückläufiger Trends bei den Infektionserkrankungen gewinnen bestimmte Krankheitsbilder (HIV, Tuberkulose) durchaus wieder Zuwachs und stehen in Zusammenhang mit Tourismusverhalten, politischen Wandlungen in Osteuropa, Zunahme riskanter Verhaltensweisen und dem Auftauchen resistenter Erreger (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2006).

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen des demographischen Wandels auf das Gesundheitssystem
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Gesundheitswissenschaften)
Veranstaltung
Modul 2
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V497100
ISBN (eBook)
9783346008800
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net schüler-wissen
Schlagworte
auswirkungen, wandels, gesundheitssystem
Arbeit zitieren
Dr. Manuel Anhold (Autor), 2008, Auswirkungen des demographischen Wandels auf das Gesundheitssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497100

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