Der Tugendbegriff von Aristoteles und Niccoló Macchiavelli


Studienarbeit, 2015
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tugend im Allgemeinen

3. Aristoteles (384-322)
3.1. Tugendverständnis von Aristoteles

4. Niccolo‘ Macchiavelli (1469-1527)
4.1 Tugenden bei Macchiavelli

5. Vergleich des Tugendbegriffes von Aristoteles und Macchiavelli

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit strebt einen Vergleich des Tugendbegriffes von Aristoteles und Niccolo Macchiavelli an. Die Arbeit geht zuerst auf den Tugendbegriff im Allgemeinen ein, erläutert im Anschluss die Tugendlehre von Aristoteles und setzt sich danach mit dem Tugendverständnis von Macchiavelli auseinander. Der letzte Teil der Ausarbeitung vergleicht das Tugendverständnis der beiden Philosophen und schließt mit einem Schlusswort der Verfasserin dieser Arbeit.

2. Tugend im Allgemeinen

Griech. arete, lat. virtus: Die Tugend ist die Lebensform der Sittlichkeit, die Einheit von Wissen um das sittlich Gute zusammen mit der Bereitschaft und Tatkraft, dieses in die Realität umzusetzen. Von Platon kennen wir vier Kardinaltugenden, die Weisheit, die Tapferkeit, die Besonnenheit und die Gerechtigkeit. Aristoteles hat auf dieser Grundlage die Tugendlehre weiter entwickelt. Im Christentum wurden der Tugendlehre weitere Tugenden, wie der Glaube, die Liebe und die Hoffnung hinzugefügt (vgl. Zwenger in Rehfus, Wullf, 2012).

In anderen religiösen Traditionen gibt es eine ähnliche Auflistung derartiger Werte; der »Achtfache Pfad« im Buddhismus ist ein klassisches Beispiel hierfür. Stehen Verhaltensweisen diesen Werten entgegen, sind sie als »Laster« zu bezeichnen. Der Begriff Tugend wird in erster Linie in moralischen Zusammenhang gebracht und bedeutet im allgemeinen Sinne eine positive Eigenschaft oder Kraft. Tugend wurde seit der Antike als gute moralische Gewohnheit definiert, die den Menschen befähigen soll, instinktiv zu erkennen, welche Vorgehensweise in einer bestimmten Situation richtig ist, ohne ins Übermaß oder in Verfehlungen zu verfallen. Sie wird dem Menschen den goldenen Mittelweg zeigen und kann durch Praxis und Schulung erworben werden. Tugenden stehen somit im Gegensatz zu Lastern, also schlechten moralischen Gewohnheiten.

Zu tun, was recht ist, und zu vermeiden, was unrecht ist, zeichnet ein tugendhaftes Leben aus (vgl. Lexikon/Ethik in www.global-ethic-now.de).

3. Aristoteles (384-322)

Nicht bloß ein außergewöhnlicher Denker, sondern ein zugleich ein großer Mensch, der der Menschheit ein mehr als umfangreiches Werk hinterlassen hat und nicht mehr weg zu denken ist aus der Welt der Wissenschaft, Aristoteles (vgl. Höffe, 1996, S.13f). Geboren als Sohn eines Arztes 384 v. Chr. in Stageira, einer kleinen Stadtrepublik im nördlichen Griechenland, zu einer Zeit in der die Gesellschaftsform der Griechen, die freie Stadtrepublik dabei ist, ihre Freiheit zu verlieren. Der Vater Nikomachos, Leibarzt des makedonischen Königshofes, lässt seinem Sohn eine hervorragende Ausbildung angedeihen. Im Zentrum der griechischen Kultur, in Athen, studiert der siebzehnjährige Aristoteles bei Platon. Dessen Akademie gilt bis heute als Vorbild für die Einheit von Lehre und Forschung. Nach Platons Tod zieht es Aristoteles in die Welt, bis er um ca. 342 v. Chr. an den Hof des Makedonenkönigs Phillip II. gerufen wird, um dessen Sohn Alexander zu unterrichten. Nach der Thronbesteigung Alexanders nimmt Aristoteles in Athen wieder seine Lehrtätigkeit auf und gründet eine Schule. Als nach dem frühen Tod des Alexander die Stimmung in Athen gegen Aristoteles zu kippen droht und er einer Anklage der Gottlosigkeit gegenüber steht, zieht er sich nach Chalkis, dem Geburtsort seiner Mutter, zurück. Er starb nur wenige Monate später in seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr (vgl. Weber-Schäfer in Maier, Denzer, 1979, S.36f). Als Ausländer in Athen konnte Aristoteles, der nicht über ein Bürgerrecht verfügte, wenig am politischen Taggeschehen der Polis teilhaben. Umso bedeutender ist die von ihm begründete Wissenschaft der Politik, deren Entwicklung und Ausarbeitung Aristoteles in seinen berühmten Werken „Nikomachische Ethik“ und „Politik“ niederschrieb.

Ein wesentlicher Teil der Nikomachischen Ethik ist die von ihm entwickelte Tugendlehre, mit der sich das folgende Kapitel auseinandersetzt.

3.1. Tugendverständnis von Aristoteles

„Das oberste Gut ist zweifellos ein Endziel. Daher der Schluß: wenn es nur ein einziges wirkliches Endziel gibt, so ist dies das gesuchte Gut, wenn aber mehrere, dann unter diesen das vollkommenste. Als vollkommener aber bezeichnen wir ein Gut, das rein für sich erstrebenswert ist gegenüber dem, das Mittel zu einem anderen ist“ (EN I, 5.) Ein solches Gut stellt das Glück dar, da es um seiner selbst willen erwählt und angestrebt wird. Dies ist die Grundannahme, die Aristoteles dazu bewegt hat, seine Tugendlehre zu verfassen. Er geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus ein politisches Wesen ist und zur Erfüllung seiner Anlagen stets auf die Gemeinschaft seiner Mitmenschen, die Polis, angewiesen sei. (P I, 1253a)

„Ob man aber behaupten darf, dass die Glückseligkeit jedes einzelnen Menschen und die eines Staates dieselbe ist oder nicht dieselbe, [ist es doch] eigentlich offenbar, denn alle dürften wohl darin übereinstimmen, dass sie dieselbe ist.“ (P VII, 1324a)

Als Grundlage um die richtige Ordnung der Gesellschaft dient das Wissen um die richtige Ordnung des zielgerichteten menschlichen Handelns. So wie der einzelne Mensch mit Tugenden ausgestattet sein muss, muss es auch die Polis sein. Denn die Bürger sollen gut und fähig sein, edel zu handeln. Wiederum setzt das Glück ethische Vollkommenheit und die Verwirklichung derer voraus. (EN I, 10.)

In der Tugendlehre unterscheidet Aristoteles zwischen den ethischen und den Verstandestugenden.

„[…] es gibt Vorzüge des Verstandes (dianoetische) und Vorzüge des Charakters (ethische). Die ersteren nun gewinnen Ursprung und Wachstum vorwiegend durch Lehre, weshalb sie Erfahrung und Zeit brauchen, die letzteren sind das Ergebnis von Gewöhnung.“ (EN II, 1.)

Die sittlichen Vorzüge des Charakters (ethisch) beziehen sich auf die Leidenschaften und Handlungen, die aus den Leidenschaften hervorgebracht werden.

„[…] aus gleichen Einzelhandlungen erwächst schließlich die gefestigte Haltung. Darum müssen wir unseren Handlungen einen bestimmten Wertecharakter erteilen, denn je nachdem sie sich gestalten, ergibt sich die entsprechende feste Grundhaltung.“ (EN II, 1.)

Dabei gilt es stets darauf zu achten, das richtige Maß zu treffen, die Mitte zwischen Mangel und Übermaß. „Die Tugend ist also ein Verhalten der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde.“ (EN II,6.) Zu den ethischen Tugenden zählen die Tapferkeit, die Besonnenheit und die Großzügigkeit. Das richtige Maß, die Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit stellt die Tapferkeit dar.

Tapferkeit: “Daher ist das Sittlich-edle jenes Endziel, um dessentwillen der Tapfere das besteht und verwirklicht, was sich an Tapferkeit im Einklang befindet.“ (EN III, 9.)

Besonnenheit: „Daher sollte das Begehrende in dem besonnenen Manne mit dem rationalen Element in Einklang sein, denn beider Ziel ist ja das Edle, und es begehrt der Besonnene das richtige Ziel, in der richtigen Weise und zur richtigen Zeit: eben dies ist aber das Gebot der richtigen Planung.“ (EN III, 15.)

Großzügigkeit: „Da bekanntlich wertvolle Handlungen edel sind und um des Edlen willen getan werden, müssen wir schließen, dass auch der Großzügige um des Edlen willen bereit ist zu geben und zwar in der richtigen Weise […]. (EN IV, 2.)

Die Verstandestugenden sind auf die intellektuellen Aufgaben des Menschen ausgerichtet. Sie sind als Bereitschaft zu sehen, die richtigen Mittel zu erkennen. Zu den dianoetischen Tugenden, den Vorzügen unseres Verstandes, zählt Aristoteles u. a. die Wissenschaft (episteme), die Klugheit (phronesis), die Wahrheit (theoria), die Weisheit (sophia), den Verstand (logos) und die Kunstfertigkeit (techne). Die Verstandestugenden zeichnen sich dadurch aus, dass es nur ein Mehr oder Weniger geben kann und sie den ethischen Tugenden hierarchisch übergeordnet sind. Laut Weber-Schäfer kann sich der Mensch, handelt er nach den dianoetischen Tugenden, zur wahren Glückseligkeit des besinnlichen Lebens erheben (vgl. Weber-Schäfer in Maier, Denzer, 1979, S.45). Die Klugheit beispielsweise, gibt eine handlungsleitende Antwort darauf, die Frage nach dem menschlichen Gut zu beantworten. Auch hilft sie ein Urteil darüber zu fällen, was gut ist und getan werden muss. Sie ist ebenso ein Wissen um die guten Zwecke und Ziele. Die Klugheit ist sowohl eine Verstandes- als auch eine Charaktertugend.

„Es gibt bekanntlich eine Fähigkeit, die man als »intellektuelle Gewandtheit« bezeichnet. Für sie ist es charakteristisch, dass sie das auf ein gegebenes Ziel Hintendierende zu tun und zu treffen vermag. (EN VI, 13.)

An dieser Stelle soll noch die Gerechtigkeit erwähnt sein. Sie gilt als Grundhaltung, die den Menschen die Fähigkeit gibt, gerechte Handlungen zu vollziehen und die in ihnen ein festes Verlangen nach dem Gerechten etabliert. Die Gerechtigkeit ist ebenso eine Mitte, allerdings nicht wie die übrigen Tugenden, sondern sie ist die Tugend, die die Mitte schafft. (EN V, 1.)

„Die Gerechtigkeit aber ist eine Form des mittleren Verhaltens, aber nicht im selben Sinn wie die anderen ethischen Vorzüge, sondern, weil sie einen Mittelwert festsetzt, während die Ungerechtigkeit auf die Extreme gerichtet ist.“ (EN V, 9.)

Abschließend kann gesagt werden, dass die Tätigkeiten, die das gute Leben ausmachen, um ihrer selbst willen und nicht um ein äußeres Ziel willen, erstrebenswert sind. Bedingungen dafür erfüllen das tugendhafte Handeln, die Künste des Lebens sowie die Schau der Wahrheit (vgl. Weber-Schäfer in Maier, Denzer, 1979, S45f). Die tugendhaften Handlungen machen das beste Leben für den Menschen aus und darin liegt für den Menschen die vollkommenste ihm mögliche Aktualisierung seiner zusammengesetzten Natur. „Für die meisten Menschen wird immer – und für alle Menschen meistens – die Glückseligkeit im Leben des guten Handelns liegen.“ (Weber-Schäfer in Maier, Denzer, 1979, S.47)

4. Niccolo‘ Macchiavelli (1469-1527)

Macchiavelli wurde 1469 während der Renaissance in der Stadt Florenz geboren und wuchs dort auf. Die Zeiten waren politisch geprägt von sich tödlich befehdender größerer und kleinerer Fürstentümer und Republiken. Ruhe und Frieden sind selten in diesen Zeiten, mehr zerreibt sich das Land in unaufhörlichen Kleinkriegen. Gewaltherrschaften, die sich Staaten nennen, prallen ständig aufeinander (vgl. Schmitt in Maier, Denzer, 1979, S.198f.). Effizienz ist in dieser Epoche das wesentlichste Merkmal für politische und persönliche Behauptung. Legitimes Herrschen gilt nur für den, der erfolgreich ist und bei den Untertanen Gehorsam findet. Allerdings bietet der erbitterte Konkurrenzkampf unter all den kleinen Tyrannen, wissenschaftlichen, künstlerischen und militärischen Talenten die Chance, sich zu entwickeln und aufzustreben. Die neuesten Waffen, Belagerungstechniken oder Festungsarchitekturen zu dieser Zeit kommen aus Oberitalien. Einhergehend mit diesem wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolg ist der Verlust aller moralischen Bindungen. Der Selbstbehauptungstrieb des jeweils kleinsten politischen Organismus wird zum wichtigsten Antrieb politischem Handelns. Politik dient in diesem Zusammenhang nicht mehr der Ordnung des Gemeinwohls, sie stellt lediglich ein technisches Utensil der Machtbehauptung dar (vgl. Maier in Schmitt in Maier, Denzer, 1979, S.199). Dies ist der politische und gesellschaftliche Rahmen, in dem sich Macchiavelli bewegt. Nach Überwindung der Medici-Vorherrschaft tritt Macchiavelli um 1498 in den Dienst der Republik Florenz und arbeitet als Sekretär für die Kanzlei Inneres, später auch für die Kanzlei Außenpolitik und Verteidigung. Nachdem 1512 die Medici nach Florenz und damit in die politische Herrschaft zurückkehrten, wurden viele Republikaner, darunter auch Macchiavelli, verhaftet. Er wurde anschließend verbannt und die Rückkehr in ein politisches Amt blieb ihm zeitlebens verwehrt. In der Verbannung schrieb er seine beiden Hauptwerke „Discorsi“ und „Il Principe“ (vgl. Llanque, 2012, S.38f.). Für Llanque zeigt sich in diesen beiden Werken die Bandbreite von Macchiavellis Denken. In den „Discorsi“ beschäftigt sich Macchiavelli mit dem Republikanismus und der damit verbundenen Gründung und Erhaltung der kollektiven Freiheit einer Bürgerschaft. Im „Il Principe“ hingegen befasst er sich mit den Problemen bezüglich der Ethik bis hin zur Verfassungspolitik, stets unter dem Gesichtspunkt der Machterhaltung.

[...]

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Details

Titel
Der Tugendbegriff von Aristoteles und Niccoló Macchiavelli
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Philosophie)
Veranstaltung
„Aristoteles Ethik und Politik“
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V497186
ISBN (eBook)
9783346024978
ISBN (Buch)
9783346024985
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niccoló Macchiavelli, Aristoteles, Tugend
Arbeit zitieren
Verena Lemnitzer (Autor), 2015, Der Tugendbegriff von Aristoteles und Niccoló Macchiavelli, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497186

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