Das Trauma der Juden vor der Staatsgründung Israels


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entwicklung in Palästina von 1882 bis 1933

3 Die Entwicklung in Palästina von 1933 bis 1939

4 Die Entwicklung in Palästina von 1939 bis 1945

5 Die Entwicklung in Palästina nach 1945 bis zur Staatsgründung Israels 1948

6 Fazit

7 Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Quellenverzeichnis
7.2 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Deutschland und Israel sind und bleiben, und zwar für immer, auf besondere Weise durch die Erinnerung an die Shoah[1] verbunden“[2]. Dieser Satz ist ein Auszug aus der Rede der Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des 60. Jahrestages der Staatsgründung Israels. In einer weiteren Passage erklärte sie offiziell, dass die Sicherheit Israels immer Teil der historischen Verantwortung Deutschlands gewesen ist und weiterhin sein werde.[3] Worauf Merkel in ihrer Rede hinweist, ist die im deutschen Namen verübte antijüdische Politik im Nationalsozialismus, durch welche zahlreiche Juden nicht nur entrechtet, ausgegrenzt und zur Emigration gezwungen, sondern durch welche letztendlich im Holocaust auch zwischen fünf und sechs Millionen Juden systematisch verfolgt und vernichtet wurden.[4] Auch in der israelischen Unabhängigkeitserklärung von 1948 wird zu Beginn ein möglicher Zusammenhang zwischen Holocaust und der Staatsgründung Israels angedeutet:

„Die über das jüdische Volk in der letzten Zeit hereingebrochene Katastrophe, in der in Europa Millionen Juden zur Schlachtbank geschleppt wurden, bewies erneut und eindeutig die Notwendigkeit, die Frage des heimat- und staatenlosen jüdischen Volkes durch Wiedererrichtung des jüdischen Staates in Eretz Israel zu lösen.“[5]

Mit der Staatsgründung Israels 1948 schließlich erreichte der Zionismus sein großes Ziel. Es scheint sich auf den ersten Blick um ein historisches Ereignis zu handeln, das aus zeitlicher Hinsicht unmittelbar an das Ende des Holocausts und des Zweiten Weltkriegs anschließt. Daraus ergibt sich die Frage, ob es neben dem chronologischen auch einen kausalen Zusammenhang zwischen den Ereignissen Holocaust und Staatsgründung gibt. Zumal der Holocaust, wie bereits erwähnt, immer wieder mit der Staatsgründung in einen Zusammenhang gebracht wird.

Dieser mögliche Zusammenhang wird dabei schon länger diskutiert und auch immer wieder von den Arabern und Israelis politisch instrumentalisiert. Für die Araber im Nahen Osten bedeutete die Staatsgründung Israels einen großen Einschnitt in ihre eigenen nationalen Bestrebungen. In vielen Teilen der arabischen Bevölkerung wird ein Zusammenhang zwischen dem Holocaust und der Staatsgründung Israels angenommen. Diese sahen sich bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg als Sekundäropfer des Holocaust, da sie die Staatsgründung als Konsequenz daraus deuteten und diese Einschätzung ist bis heute in breiten Bevölkerungskreisen vertreten.[6] Im neugegründeten Israel dagegen wurde der Holocaust bis in die 1990er Jahre stets dazu genutzt, sich als Opfer zu sehen und die eigenen Handlungen und Absichten zu rechtfertigen. Rückblickend für diese Zeit wird der Holocaust als „Israels ultimative Trumpfkarte“[7] bezeichnet, auf den man sich immer wieder berief und womit man sich immer wieder in Verbindung gebracht hat. Auf politischer Ebene kam es in der jüngeren Vergangenheit zu einem Wandel. Eine mögliche Verbindung wird abgelehnt. In einer offiziellen Erklärung des israelischen Außenministeriums von 2010 wird zwar zunächst eingeräumt, dass der Holocaust viele Menschen dazu bewogen hat, mit dem Schicksal der Juden und einem Staat Israel zu sympathisieren, der Holocaust dennoch aber lediglich als Beschleuniger für einen Staatsbildungsprozess anzusehen ist.[8]

Letztendlich bleibt festzuhalten, dass der Holocaust im narrativen Erzählbild beider Gruppierungen verankert ist, was sich auch in den Forschungen der jeweiligen Historiker und Politikwissenschaftler widerspiegelt. Aber auch in der europäischen und amerikanischen Forschung wird die Frage nach einer Verbindung von Holocaust und Staatsgründung intensiv diskutiert.

In dieser Arbeit soll eine nähere Betrachtung der Ereignisse und Aspekte - vor, während und nach der NS-Zeit - vorgenommen werden, welche letztendlich zum Staat Israel geführt haben. Um eine mögliche Verbindung zum Holocaust zu überprüfen, lautet die Forschungsfrage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Staatsgründung Israels und dem Holocaust?

Dazu soll eine Analyse von Primär- und Sekundärliteratur zu diesem Thema erfolgen. Bei den Quellen sind vor allem die Untersuchungsberichte des UNSCOP[9] anzuführen, da diese einen Einblick in den Entscheidungsprozess der Vereinten Nationen liefern können. Bei den Werken, die sich bereits mit dem Forschungsproblem beschäftigen und welche als Grundlage für diese Arbeit dienen, sind die Forschungsarbeiten von Neil Caplan und Gert Krell zu nennen. Eine umfassende Gesamtdarstellung über die Geschichte des Nahost-Konflikts liefert Gudrun Krämer.

Der Hauptteil dieser Arbeit behandelt die Entwicklung in Palästina von der ersten jüdischen Einwanderungswelle 1882 bis zur Staatsgründung in Israel im Jahr 1948. Eine vollständige Aufarbeitung des Nahost-Konflikts in dieser Zeitspanne soll dabei nicht vorgenommen werden. Vielmehr sollen einzelne Ereignisse und Aspekte auf deren Relevanz bezüglich der Fragestellung überprüft werden. Trotzdem soll ein kurzer Exkurs über die Vorgeschichte in den Jahren 1882 bis 1933 auf die Ereignisse während und nach der NS-Zeit thematisch hinführen, um die Forschungsfrage ganzheitlicher analysieren zu können. Diese Vorgeschichte ist notwendig um den Nahost-Konflikt zu diesem Zeitpunkt nachvollziehen zu können. Die Gliederung und Aufarbeitung soll dabei so gut wie möglich chronologisch erfolgen. Im Anschluss soll die Arbeit im Fazit noch einmal kurz zusammengefasst sowie eine Antwort auf die Forschungsfrage gegeben werden.

2 Die Entwicklung in Palästina von 1882 bis 1933

Gegen Ende des 19. Jahrhundert war das Gebiet Palästina im Interesse mehrerer Staaten: Großbritannien, Frankreich, Russland, der Vatikan sowie im kleineren Umfang auch Preußen und die USA.[10] In Palästina selbst siedelte eine arabischstämmige Bevölkerung an. Die Juden, welche das Gebiet in der Antike besiedelten, befanden sich seit dem jüdischen Bar Kochba Aufstand gegen die Römer Jahr im Jahr 135 n. Chr. im Exil[11] und lebten in Diaspora-Gemeinden auf der ganzen Welt.

In Europa waren die Juden einer langen Entwicklung des Antijudaismus ausgesetzt, durch welchen sie seit der Antike immer wieder als Feinde angesehen wurden und sich im 19. Jahrhundert letztendlich auch ein Antisemitismus entwickelt hat, der in Europa in verschiedener Intensität anzufinden war. In diesem Zusammenhang kam es 1881 zu einer Serie von Pogromen gegen Juden in Osteuropa.[12] Die Konsequenz daraus waren Flucht und Vertreibung. Viele Juden nutzten die Gelegenheit, nach Palästina zurückzukehren, wo sie nicht an der Einreise gehindert wurden. So kam es zwischen 1882 und 1903 zur ersten großen Einwanderungswelle von ca. 25.000[13] osteuropäischen Juden nach Palästina.[14] Verstärkt wurde die Einwanderungswelle durch Theodor Herzls Buch ,Der Judenstaat’, eine wissenschaftliche Abhandlung über die Notwendigkeit zur Errichtung einer jüdischen Heimstätte.[15] Herzl galt fortan als Begründer des Zionismus[16], aus welchem kurze Zeit später die Zionistische Weltorganisation hervorging. Zu den ersten jüdischen Siedlern zählten sowohl ostereuropäische Juden als auch Zionisten.

Im Anschluss hat sich zwischen Teilen der neu-immigrierten jüdischen Siedler und der bereits dort ansässigen arabischen Bevölkerung ein „quasi-kolonialer Siedlungskonflikt“[17] entwickelt. Es bleibt unklar und ist heute auch nicht mehr zu klären, wer von beiden Seiten diesen Konflikt begonnen hat, jedoch kann dieser kleinere regionale Konflikt als Auslöser des Nahost-Konflikts bezeichnet werden.[18] Aufgrund der geringen Anzahl von Juden kam es auf Seiten der Araber noch nicht zu Widerstand, dieser entwickelte sich erst im weiteren Verlauf flächendeckend. Dennoch begannen sich die Fronten ab diesem Zeitpunkt erstmalig zu verhärten.

Palästina selbst wurde jedoch nicht von den Arabern autonom beherrscht. Zu Beginn und im Laufe des Ersten Weltkriegs war es den Briten gelungen sich als Hegemonialmacht im Nahen Osten durchzusetzen.[19] Im Fokus deren Politik standen dabei primär die eigenen Interessen sowie die europäische Machtpolitik; regionale und lokale Interessen der dortigen Völker wurden mehr oder weniger vernachlässigt.[20] Das Hauptziel der Briten bestand darin, den Ersten Weltkrieg zu gewinnen sowie ihr Imperium abzusichern und so versprach man den Arabern auf der einen Seite in der Husain-McMahon-Korrespondenz 1915 sowie den Juden in der Balfour-Erklärung 1917 auf der anderen Seite jeweils die Errichtung ihres eigenen Nationalstaates.[21] Vollständig die Kontrolle über Palästina übernahm Großbritannien daraufhin am 4. Juli 1922, als der Völkerbund das britische Mandat über Palästina bestätigte.[22] Die Ausgangssituation von Arabern und Juden war dabei die gleiche wie bereits während des Ersten Weltkriegs: Beide Seiten pochten weiterhin auf ihre schriftlichen Zusagen und forderten in Palästina ihren eigenen Nationalstaat ein. Der Unterschied bestand jedoch darin, dass die Juden in Europa mit der zionistischen Lobby-Arbeit voranschritten, während die Araber im Nahen Osten mit Aufständen gegen die britische Mandatsregierung begannen.[23] Mit der dritten Einwanderungswelle von 1923 bis 1931 gelangten weitere 80.000 Juden - vorwiegend aus Russland und Polen - nach Palästina.[24]

3 Die Entwicklung in Palästina von 1933 bis 1939

1933 schließlich übernahm Adolf Hitler im Deutschen Reich die Macht und veranlasste erste Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung dort. Ab dieser Zeit begann in etwa auch die fünfte und bisher größte jüdische Einwanderungswelle nach Palästina, in welcher von 1932 bis 1938 ca. 200.000 Juden nach Palästina emigrierten.[25] Palästina als Einwanderungsland galt dabei nicht nur aus religiösen Gründen als erklärtes Wunschziel der Juden, auch waren die wirtschaftliche Ausgangslage zu dieser Zeit aufgrund einer Wirtschaftshochphase in Palästina günstig und die britische Einwanderungspolitik großzügig.[26] Durch diese Einwanderungswelle wuchs der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung im britischen Mandatsgebiet von ca. 18 % 1932 auf ca. 30 % im Jahr 1939.[27] Ein direkter Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und fünfter Einwanderungswelle kann jedoch nicht hergestellt werden. Dafür ist der Anteil der aus dem Herrschaftsbereich des Deutschen Reiches[28] emigrierten Juden zu gering. Lediglich ca. 25 % aller nach Palästina ausgewanderten Juden[29] stammten aus diesem, die restlichen 75 % verteilten sich auf die europäischen Länder außerhalb des Deutschen Reichs.[30] Nach Krell liegen die Gründe für die geringe Auswanderung aus dem Deutschen Reich vor allem in der Tatsache, dass der politische Zionismus dort noch nicht sehr bedeutend ausgeprägt und die meisten deutschen Juden bereits assimiliert waren und vorerst keine Veranlassung sahen, das Deutsche Reich zu verlassen.[31] Auch waren zu Beginn der NS-Diktatur die antijüdischen Maßnahmen und der damit verbundene Druck noch nicht so gravierend und umfangreich wie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Die sukzessive Entrechtung und Verfolgung stand zu diesem Zeitpunkt noch am Anfang und fand ihren Höhepunkt erst mit der Reichsogromnacht 1938. Ab diesem Zeitpunkt kam es zu einem Wandel in der NS-Politik: Statt den Juden bei der Ausreise zu helfen, begann man damit, diese zu enteignen und zu vertreiben.[32] Dennoch wurde die Situation für die deutschen Juden vorher schon zunehmend schwieriger. Chaim Weizmann, der Präsident der Zionistischen Weltorganisation fasste deren Lage 1936 mit folgenden Worten zusammen: „[...] the world is divided in places where they cannot live and places into which they cannot enter.“[33] Worauf Weizmann damit anspielt, ist die Tatsache, dass Antisemitismus in Europa und den USA weit verbreitet war. Viele Länder weigerten sich Juden aufzunehmen und das führte zum Dilemma der Juden in den 1930er Jahren. Auf der Evian-Konferenz 1938 konnte zwischen den europäischen Großmächten und den USA keine Einigung darüber erzielt werden, wie man den deutschen Juden helfen könnte.[34] Keines dieser Länder war gewillt, in großem Umfang Juden aufzunehmen.

[...]


[1] Im weiteren Verlauf soll die in der Forschung gebräuchlichere Bezeichnung ‚Holocaust’ verwendet werden.

[2] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.), Verantwortung Vertrauen Solidarität, Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18. März 2008 vor der Knesset in Jerusalem, Berlin 2008, S. 5.

[3] Markus Kaim, Israels Sicherheit als deutsche Staatsräson, Was bedeutet das konkret, in: APUZ 6 (2015), URL: http://www.bpb.de/apuz/199894/israels-sicherheit-als-deutsche-staatsraeson?p=all.

[4] Alexander Brakel, Der Holocaust, Judenverfolgung und Völkermord, Berlin 2008 (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Bd. 9), S. 175.

[5] Julius Höxter, Quellenbuch zur jüdischen Geschichte und Literatur, Wiesbaden 2009, S. 652.

[6] Gert Krell, Schatten der Vergangenheit, Nazi-Deutschland, Holocaust und Nahost-Konflikt, Frankfurt 2008, S. 3.

[7] Idith Zertal, Nation und Tod, Der Holocaust in der israelischen Öffentlichkeit, Aus dem Hebräischen von Markus Lemke, Göttingen 2003, S. 11.

[8] Vgl. Axel Berger, Die Diffamierungskampagne gegen Israel, Fragen und Antworten.

[9] UNSCOP steht für ,UN special committee on palestine’.

[10] Gudrun Krämer, Geschichte Palästinas, Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel, München, 4. Aufl. 2003, S. 166.

[11] Werner Eck, The Bar Kokhba Revolt, The Roman Point of View, in: Journal of Roman Studies 89 (1999), S. 76.

[12] Antony Best et al., International History oft he Twentieth Century, Abingdon 2004, S. 107.

[13] Vgl. Jan Schneider, Historische Entwicklung der jüdischen Einwanderung, o. O. 2008.

[14] Best, International, S. 107.

[15] Best, International, S. 108.

[16] Ebd., S. 108f.

[17] Krell, Schatten, S. III.

[18] Ebd.

[19] Ebd., S. 166.

[20] Ebd., S. 168.

[21] Ebd., S. 169.

[22] Krämer, Palästina, S. 191.

[23] Best, International, S. 114.

[24] Vgl. Schneider, Einwanderung.

[25] Krell, Schatten, S. 9.

[26] Ebd., S. 10.

[27] Ebd., S. 9.

[28] Hierbei zählen bis zum Kriegsbeginn im September 1939 hauptsächlich das Deutsche Reich, Österreich sowie die Tschechoslowakei.

[29] Insgesamt geht man von ca. 45.000 bis 55.000 deutschen Juden aus. Vgl. Hagit Lavsky, Before Catastrophe, The Distinctive Path of German Zionism, Jerusalem 1996, S. 252.

[30] Krell, Schatten, S. 9.

[31] Ebd., S. 10.

[32] Krell, Schatten, S. 11.

[33] Neil Caplan, The Israel-Palestine Conflict, Contested Histories, Malden 2010, S. 101.

[34] Caplan, Conflict, S. 103.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Trauma der Juden vor der Staatsgründung Israels
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V497288
ISBN (eBook)
9783346013392
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trauma, juden, staatsgründung, israels
Arbeit zitieren
Julian Grasser (Autor), 2016, Das Trauma der Juden vor der Staatsgründung Israels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497288

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