Großbritannien im Europäischen Konzert. Britische Außenpolitik in der spanischen Frage zwischen 1820 und 1822


Hausarbeit, 2016
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil
Hinweise zur Methode
Britische Außenpolitik im Europäischen Konzert
Vorgaben der europäischen Verträge 1815 – 1821
Robert Stewart, Marquess of Londonderry und Viscount Castlereagh
Handlungsspielräume der britischen Außenpolitik 1815 - 1822
Castlereagh und die Interventionsfrage in Spanien
Weiter ohne Castlereagh – Wellington und Canning im Jahr 1822
Canning und das Erbe Castlereaghs
Wellington – ein Diplomat auf Abruf in Verona

C. Zusammenfassung und Ausblick

QUELLENVERZEICHNIS

LITERATURVERZEICHNIS

A. Einleitung

Die neue alte Ordnung erneuerte sich in Paris und Wien. Nach mehr als zwei Jahrzehnten ideologischer Herausforderungen, territorialer Veränderungen, dynastischer Verwerfungen und machtpolitischen Kampfes, sollten die verschiedenen Vertragswerke von Paris und Wien dem europäischen Staatensystem als Stützen dienen, um mit ihnen europaweit beschädigte und desavouierte Pfeiler des monarchischen Systems erneut einfassen zu können. Nach dem Sieg über das napoleonische Frankreich beschlossen die Taktgeber der wichtigsten europäischen Mächte (Österreich, Preußen, Russland und Großbritannien) vier Verträge, die dieser Funktion dienen sollten: Vorgreifend von 1814 den Vertrag von Chaumont (1. März 1814), die Kongressakte des Wiener Kongresses (9. Juni 1815), die Heilige Allianz (26. September 1815) und den Vertrag über die Quadrupelallianz, den sogenannten Vierbund (20. November 1815). Letzterer sollte als Fortsetzung des Vertrages von Chaumont die Allianz der Siegermächte in die neue Friedenszeit überführen.

Großbritanniens (resp. Englands) Regierungen, mit deren Europapolitik diese Arbeit ihren Gegenstand finden wird, waren die gesamte neuere Geschichte hinweg skeptisch zu Fragen eines längerfristigen Engagements auf dem europäischen Kontinent, wie dieses aber nach den Vorzeichen von Bonapartes Niedergang seit 1814 immer offenkundiger wurde.1 Dass sich Großbritannien seit Chaumont aber darauf einließ, auf nicht absehbare Zeit an den kontinentalen Friedensbestimmungen und ihrer Durchsetzung zu binden, war daher zum einen eine neue Erfahrung, zum anderen eine Entwicklung, die insbesondere auf das Wirken des englischen Außenminister Robert Stewart, Marquess of Londonderry (seit 1821: Viscount Castlereagh) zurückzuführen war.2

Die nun anbrechende nachnapoleonische Zeit war aber selbst für Großbritannien, das seine Ziele in den Friedensverträgen weitestgehend durchzusetzen vermocht hatte, weniger von einer Befriedung seiner innenpolitischen Verhältnisse, als von weit um sich greifenden Unsicherheiten geprägt: Unruhen auf der politischen Führungsebene, dem Ausbrechen einer Wirtschaftskrise mit einem Ansteigen der Nahrungsmittelpreise, sowie erste Erfahrungen von strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes bei gleichzeitig hohem Bevölkerungswachstum.3

Was die innenpolitischen Unruhen in Großbritannien in der Zeit nach Napoleon betraf, waren sie in zahlreichen europäischen Staaten ebenso zu beobachten. Waren die Ausprägungen dieser Unruhen zwar je nach Land verschieden, so diente der geschlossene Vierbundvertrag der vier europäischen Großmächte auf politischer Ebene zumindest dazu, auf die Tendenzen der Zeit in gemeinschaftlichem Sinn reagieren zu können. Die innenpolitischen Herausforderungen in ihrer revolutionären Dynamik zusammen einzuhegen, sowie Frieden und Stabilität einer restaurierten und als legitim befundenen Ordnung zu garantieren, war auch Grundabsicht für die Aufnahme des Artikel 6 gewesen: Zur Sicherung der Vertragsziele zu bestimmten Zeiten miteinander erneut in Klausur zu gehen.4

Mit dem ersten dieser Zusammentreffen, der Konferenz von Aachen 1818, und der Aufnahme Frankreichs in die Allianz der europäischen Mächte (nunmehr als Pentarchie formiert) durch das Aachener Protokoll vom 18. November, war der Gipfel der gemeinsamen Überzeugungen erreicht, wenn nicht gar bereits überschritten. Wurden zwar noch einmal Positionen bekräftigt und Folgen der Besatzung in Frankreich geregelt, so unternahm Zar Alexander von Russland jedoch bereits Versuche, das bisher begrenzt und zwischenstaatlich angelegte Friedensbündnis im Sinne einer „Weltregierung“5 auszuweiten. Waren diese Bestrebungen ein erster Stein des Anstoßes für Großbritannien, das in keinem Sinne gewillt war, den begrenzten Zweck des Bündnisses auszuweiten, so wurden die Beziehungen der europäischen Großmächte (v.a. der Ostmonarchien Russland, Preußen und etwas später Österreich) zu Großbritannien erheblich weiter strapaziert, als die Probleme in Europa real zu werden begannen und nicht nur in Vertragslagen ohne Problemstellung bestanden.

Diese Dissonanzen, die im Verlauf hier nicht einzeln nachzuzeichnen sind, hatten im Kern eine Problemstellung: Wie sollte sich das europäische Bündnis verhalten, wenn in den europäischen Staaten neue Unruhen, Aufstände, oder Revolutionen gegen die herrschende monarchische Ordnung entstehen sollten? Mit militärischen Interventionen? Wenn ja, dann im Bündnis? Mit den Unruhen im spanischen Cadiz seit Januar 1820, ihrem Übergreifen auf das Königreich Neapel und beider Sizilien ab dem Juli 1820 und – unter anderen Vorzeichen für die Allianzpartner – dem Beginn der griechischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die osmanische Herrschaft 1821 begannen sich an Europas südlichen Peripherien schnell derartige Problemfälle auszubilden. Die Frage einer Intervention der europäischen Mächte in Süditalien, vor allem aber in Spanien, trennte in diesen Jahren die europäischen Mächte zunehmend. Als Zäsur in dieser Frage gilt der Forschung das Jahr 1822. In diesem Jahr verdichtete sich aus englischer Perspektive der Tod ihres Außenministers Castlereagh, die vorerst letzte Konferenz der Pentarchie in Verona und die Zuspitzung der innenpolitischen Situation in Spanien.

Wie erwähnt, hatte insbesondere Castlereagh die englische Außenpolitik seit seinem Amtsantritt als Außenminister 1812 beeinflusst. Vor dem Hintergrund der Bedeutung, die dem Jahre 1822 zugesprochen wird, soll seine Haltung in dieser Frage diese Arbeit leiten: Wie unterschied sich Castlereaghs Haltung zur spanischen Frage von seinen Nachfolgern Wellington und Canning bis Ende des Jahres 1822? Dieser Frage soll am Beispiel der Interessengegensätze innerhalb der europäischen Allianz in einer Reaktion auf die spanischen Unruhen nachgegangen werden. Schmerzlich wiegt allerdings, dass aufgrund des begrenzten Umfanges dieser Arbeit Wechselwirkungen und Motive der britischen Außenpolitik um die sich in dieser Zeit vom spanischen Mutterland loslösenden südamerikanischen Kolonien außer Acht gelassen werden müssen.6 Ebenfalls nicht zu leisten ist eine Analyse und Diskussion der innerspanischen Konfliktentwicklung, wie sie sich seit Januar 1820 darstellte.

B. Hauptteil

Hinweise zur Methode

Eine Auswertung der bereits skizzierten Verträge und der beschlossenen Protokolle der Konferenzen des Europäischen Konzerts von Aachen, Troppau und Laibach soll den Beginn dieser Arbeit darstellen. Sie nicht in Gänze zu diskutieren, erscheint selbstredend, vielmehr sollten sich im Lichte der Leitfrage relevante Bestimmungen hervorheben lassen.

Was den weiteren Gang des Forschungsprozesses angeht, ist er ungleich selektiver zu gestalten. In dieser Arbeit wird die Außenpolitik Englands als Gegenstand dieser Arbeit überwiegend personal verstanden. Dass dies notwendigerweise einhergeht mit einer verminderten Rücksicht auf strukturelle Einflüsse, etwa der englischen Innenpolitik, ist hinzunehmen, erscheint vor dem Hintergrund des begrenzten Umfanges der Arbeit aber vertretbar.

In einer Linie des Gesagten werden die Schriftwechsel der für die britische Perspektive einflussreichsten Außenpolitiker als Primärquellen herangezogen. Für den längsten Zeitraum bis 1822 ist dies die Korrespondenz Castlereaghs. Dass die von ihm wichtigsten kundgemachten Memoranden von 1818 und 1820 nicht außer Acht gelassen werden können, ist selbstredend. Weit dichter und ausführlicher für den relevanten Zeitraum ist der überlieferte Nachlass von Arthur Wellesley, Herzog von Wellington, der Castlereagh nach dessen Tod 1822 als britischer Bevollmächtigter auf der Konferenz von Verona vertrat. Da auch eine Sichtung der wichtigsten Diplomatennachlässe auf den Kongressen des Konzerts zu weit führte, soll der Nachlass Metternichs zumindest in wichtigen Fragen die Perspektive einer zentralen und einflussreichen nichtbritischen Figur des Kongressparketts geben.

Darstellungen zum behandelten Zeitraum gibt es reichlich. Hier auszuwählen ist nicht minder schwierig wie bei den umfangreichen Quellenbeständen. Die Suche nach geeigneter Literatur erfolgte systematisch und unsystematisch. Hierzu kurz eine Erläuterung: Alle Suchen fanden Eingang in ein Rechercheprotokoll. Mit Stich und Schlagwortsuche wurden die zielführendsten Rechercheergebnisse in den Jahresberichten für Deutsche Geschichte und den Periodicals Index Online (PIO) ermittelt. Die hohe Anzahl der Ergebnisse selbst bei einengender Kategorisierung lassen in der Auswahl viele alte Aufsätze hin zu relativ neuen Arbeiten der zweiten Hälfte des 20. zurückgreifen. Die Auswahl der Monographien folgte aber tendenziell unsystematisch, da wenige Werke hier Klassiker der unmittelbaren Zeit nach dem Wiener Kongress darstellen, vielzitiert und für die hier behandelte Forschungsfrage relevant. Neben den schon zitierten Webster und Doering-Manteuffel sind dies etwa die Werke von Kissinger, Nichols, Schroeder.7 Besondere Erwähnung muss ebenfalls die Habilitationsschrift von Heydemann finden, die in ihren zentralen Ergebnissen auch in Aufsatzform einzusehen ist.8

Britische Außenpolitik im Europäischen Konzert

Vorgaben der europäischen Verträge 1815 – 1821

Neben Bestimmungen zum besiegten napoleonischen Frankreich fand sich im Vertrag von Chaumont der Artikel 2, der als vorsichtiger Versuch verstanden werden konnte, als Spielraum für Interventionsgedanken etwa von den Ostmonarchien zu dienen.9

Die verabschiedeten Protokolle der Mächte vom Aachener Kongress fügten den Bestimmungen hinsichtlich der Interventionsfrage nichts hinzu. Bestrebungen des Zaren zu einer Ausweitung der Allianz zu kommen, gab es trotzdem.10

Angesichts der Problemstellungen, die sich in Süditalien und Spanien mittlerweile entwickelt hatten, las sich das Protokoll des zweiten Kongresses der Pentarchie im böhmischen Troppau 1820 in der Interventionsfrage sehr viel schärfer: Neben der Nichtanerkennung aller illegalen Veränderungen in europäischen Staaten zum Schutz der Regierungen gesellte sich Artikel 3, der Zwangsmaßnahmen bei der Gefährdung nahegelegener Länder ermöglicht hätte.11 Zuletzt wäre von der just gemachten Bestimmung des Vertrages sogleich rückwirkend (!) Gebrauch gemacht worden, um rechtlich die Basis für eine Zwangsmaßnahme im Königreich beider Sizilien zu schaffen. Das Protokoll, das von den Gesandten Frankreichs und Großbritanniens zu Wien (de la Farronaye und Stewart) in Troppau nicht unterzeichnet wurde, trat zwar nie in Kraft, ist aber für die Streitfrage von nicht unwesentlicher Bedeutung. Jedoch beschlossen die Ostmonarchien eine gemeinsame Zirkulardepesche und sandten sie an die Höfe Londons und Paris, um zumindest mit dieser Depesche Zustimmung zu erreichen.

[...]


1 Vgl.: Charles Webster: The foreign policy of Castlereagh. 2. Aufl. London 1963. S. 3

2 Castlereaghs maßgeblicher Anteil an der britischen Außenpolitik rund um 1814/1815 ist in der Literatur weitgehend unbestritten, vgl. u.a.: Anselm Doering-Manteuffel: Vom Wiener Kongreß zur Pariser Konferenz. England, die deutsche Frage und das Mächtesystem 1815 - 1856. Göttingen 1991. S. 30; Webster, 1963. S. 225ff.; Norman Lowe: Mastering modern British history. 4. Aufl. Hampshire u.a. 2009. S. 35ff.

3 Für einen vergleichenden Überblick der innenpolitischen Zustände Großbritanniens nach 1815 bieten sich an: Ellis A. Wasson: A history of modern Britain. Malden u.a. 2010; Lowe, 2009; Kurt Kluxen: Geschichte Englands. 3. Aufl. Stuttgart 1985.

4 Im Original: „Pour assurer et faciliter l’execution traité […] les quatre souverains pour le bonheur du monde, les hautes parties contractantes sont convenues de renouveler à des epoques déterminées […]“, in: Wilhelm G. Grewe: Fontes historiae iuris gentium = Quellen zur Geschichte des Völkerrechts. Band 3, Halbband 1-2; 1815-1945. Berlin 1992. S. 103f.

5 Zit. nach: Doering-Manteuffel, 1991. S. 44f.

6 Für eine komprimierte und präzise Fassung dieses Einflusses vgl.: Irby C. Nichols: The Spanish Colonial Question and the Congress of Verona. In: Southwestern Social Sciences Quarterly 40 (1959), S. 28–40

7 Vgl.: Henry Kissinger: Grossmacht Diplomatie. Von der Staatskunst Castlereaghs und Metternichs. Düsseldorf 1962; Irby C. Nichols: The European Pentarchy and the Congress of Verona, 1822. The Hague 1971; Paul W. Schroeder: Metternich's diplomacy at its zenith 1820 - 1823. Austin 1962

8 Heydemann leistet in der Habilitationsschrift insbesondere mit seiner Kommentierung der vorhandenen Literatur bis 1991 über die britische Europapolitik nach 1815 wertvolle Dienste. Vgl.: Günther Heydemann: Konstitution gegen Revolution. Göttingen u.a. 1995; Ders.: Das folgenschwere Zerwürfnis: Großbritannien, Österreich und das europäische Staatensystem nach 1815. In: Petronilla Gietl (Hrsg.): Vom Wiener Kongreß bis zur Wiedervereinigung Deutschlands. Betrachtungen zu Deutschland und Österreich im 19. und 20. Jahrhundert ; Festschrift für Hubert Rumpel zum 75. Geburtstag. Stamsried 1997

9 „[Nach Erklärungen zu Napoleon Bonaparte; P.U.A.] Und da auch dieselben revolutionären Grundsätze […] noch unter anderer Gestalt Frankreich in Aufruhr bringen, demnach auch die Ruhe fremder Staaten von neuem bedrohen könnten: so erkennen die hohen contrahirenden Mächte feierlichst die Pflicht, unter solchen Umständen mit verdoppelter Sorgfalt für die Ruhe und das Wohl Ihrer Völker zu wachen, und verpflichten sich […] diejenigen Maaßregeln zu verabreden, welche zu ergreifen Sie für die Sicherheit Ihrer respectiven Staaten und für die allgemeine Ruhe von Europa, alsdann nothwendig erachten werden.“ Zit.: Grewe, 1992. S. 102

10 Siehe oben, S. 4

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Großbritannien im Europäischen Konzert. Britische Außenpolitik in der spanischen Frage zwischen 1820 und 1822
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V497294
ISBN (eBook)
9783668997998
Sprache
Deutsch
Schlagworte
großbritannien, europäischen, konzert, britische, außenpolitik, frage
Arbeit zitieren
Philipp Ulrich Abele (Autor), 2016, Großbritannien im Europäischen Konzert. Britische Außenpolitik in der spanischen Frage zwischen 1820 und 1822, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497294

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