Satire im Exil. Erika Manns "Pfeffermühle" von 1933-1937


Akademische Arbeit, 2019
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kabarett als satirischer und politischer Spiegel

3. Erika Mann und die Pfeffermühle

4. Therese Giehse als „Die Dummheit“ im zweiten Exilprogramm der Pfeffermühle von 1934

5. Fazit/-Ausblick

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1.Einleitung

Als Deutschland in den dreißiger Jahren unter das Hakenkreuz kam und somit die Nationalsozialisten an die Macht, war für Zeitkritik, Scherz, Satire, Ironie kein Platz mehr. Vor mehr als 80 Jahren wurden hierzulande die Bücher von Tucholsky, Kästner, Freud, Feuchtwanger, Heinrich Mann, Ossietzky, Erich Maria Remarque, Alfred Kerr und vielen weiteren bedeutenden Personen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. „Druckwerke vieler Satiriker gingen am 10. Mai 1933 in Nazi-Flammen auf. Viele Kabarettisten und Satiriker verbrachten das so genannte „Tausendjährige Reich“ zum Teil im Exil, zum Teil in KZs […].“1

Einige von ihnen welche sich vor dem Regime ins Ausland retten konnten und somit solch einer Gefangennahme, einem Berufsverbot, dem Aufenthalt oder sogar der Ermordung in einem Konzentrationslager aus dem Weg gehen konnten, gingen im Exil aktiv gegen die Machenschaften der Nationalsozialisten mit Wort, oftmals Humor sowie Performance vor. Auch viele bedeutende Kabarettisten flohen als Gegner des Naziregimes ins Ausland oder aber verlagerten ihre politische Agitation in Deutschland von der Bühne in den Untergrund.2 „Es ward die Zeit gekommen, die Zeit, in der ein Einzelner fortwährend einen lebensgefährlichen Balanceakt auf dem politischen Brettl vorführen würde.“3 Denn nicht umsonst beteuerte schon der deutsche Schriftsteller Erich Mühsam: „Sich fügen heißt lügen […]“4, denn wie Friedrich Scheu ergänzt, „[…] in Zeiten der Unterdrückung [blüht] die Satire […].“5

Dabei wurde auch die allseits bekannte Kunstform des Kabaretts auf den Kleinkunstbühnen, kleinen Räumen und Kellertheatern ganze 12 Jahre durch Nazi-Deutschland unterdrückt und damit auch das sozialkritische, freie Wort.6 Im Exil pfefferte zum Beispiel Erika Mann (1905-1969)7 den Nationalsozialisten mit ihrem Exilkabarett, der Pfeffermühle, von der Schweiz aus bis hin nach Deutschland gehörig Kritik entgegen8 und nutzte somit ihren „Humor als Waffe“9.

Die Geschichte des Exilkabaretts, das eines der bedeutsamsten antifaschistischen, politischsten und literarischsten Kabaretts werden sollte, nahm somit ihren Lauf. Erika Manns Aufklärungsarbeit durch die Pfeffermühle zeichnete sich vor allem durch Satire, Witz sowie Humor aus und war eine der einflussreichsten, künstlerischen Gegenstimmen zum aufkommenden Faschismus.10

Das Kabarett oder die kabarettistische Darstellungsform und somit auch das Exilkabarett von Erika Mann bietet, ganz im Sinne aller Kleinkunstbühnen, auch der sozialkritischen und politischen Satire einen immens großen Spielraum. Da in diesem Zusammenhang Satire und Kabarett einmalig miteinander verwoben zu sein scheinen, gilt es zu analysieren, inwiefern und wodurch das Exilkabarett und speziell Erika Manns Pfeffermühle, die Aufklärungsarbeit im Exil, gegen das nationalsozialistische Regime in Deutschland etablierte. Das satirische Konzept11 der Pfeffermühle findet sich z.B. in dem von Therese Giehse (1898-1975)12 kabarettistisch veranschaulichten und von Erika Mann verfassten Chanson-Text „Die Dummheit“ aus dem zweiten Kabarettprogramm der Pfeffermühle vom 1. Januar 193413 wieder.

Dementsprechend wird dies im weiteren Verlauf anhand des Chanson-Textes14 noch weiter beschrieben und durch das von Giehse vorliegenden Foto15 zu ihrer Performance versinnbildlicht. In der vorliegenden Arbeit wird zunächst die Kleinkunstform Kabarett in der Wirkungsweise als eine Art satirischer und politischer Spiegel beschrieben und inwiefern die vorliegenden Aspekte wiederum in diesem historischen Kontext miteinander zusammenhängen. Aufgrund dieser Erkenntnisgrundlage werden Erika Manns Pfeffermühle und ihre Vorgehensweise genauer beschrieben, um dann, darauf basierend, das zweite Exilprogramm von 1934 und besonders die Chanson-Performance von Therese Giehse als „Die Dummheit“ sowie die sich dahinter verbergende politische Botschaft besser beleuchten zu können. Zum Abschluss gilt es sich anschließend der Beantwortung der vorweg gestellten Forschungsfrage zu widmen, sowie gleichzeitig zu elaborieren, inwiefern die Pfeffermühle diese spezifische Aufklärungsarbeit im Exil als Immigranten-Kabarett leistete.

2. Das Kabarett als satirischer und politischer Spiegel

„Was darf [die] Satire?“16 oder „Übertreibt die Satire?“17 Diesen Fragen widmete sich schon im Jahre 191918 der deutsche Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky, der als einer der renommiertesten Publizisten der Weimarer Republik bekannt ist. Er selbst war auch zeit seines Lebens ein bekannter Satiriker und in diesem Zuge schrieb er in seiner, der wohl berühmteste Definition von Satire: Satire „sagt: »Nein!« […] [sie] beißt, lacht, pfeift, trommelt die große Landknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.“19 Damit beschreibt er in diesem Zusammenhang, wie manch anderer sich die Satire, sehr bildlich, in seinem Sinne vorzustellen habe. Nach Tucholsky solle sie jedoch ebenfalls einen Hang zum Dramatischen besitzen, dabei sei es zugleich ihre Aufgabe, die versteckte Wahrheit hervorzubringen und sie dadurch für Jedermann polemisch kenntlich zu machen, mit dem Ziel, sie wesentlich deutlicher für ihren Betrachter erscheinen zu lassen.20 Satire hat keine kathartische, sondern besitzt eine psychische, soziale21 sowie pädagogische22 Funktion. Bei genauerer Betrachtung finden sich hier bedeutsame Parallelen zum Kabarett, dass sich in diesem Fall als „eine zeitbedingte [sic] Sonderform der Satire […]“23 auszeichnet. Das Kabarett hat die Möglichkeit, die Satire performativ darzustellen, facettenreich zu inszenieren, sowie Ereignisse zu kommentieren.24

Des Weiteren bietet die kabarettistische Darstellungsform, welche auf den Brettern der Kleinkunstbühnen zuhause ist25, vor allem die Gelegenheit, die sozialkritische und politische Satire, durch die kabarettistische Darstellungsform enorm zu verinnerlichen. Wie Lothar Schäffner in diesem Zusammenhang beteuert, gehöre es zugleich, sogar zu der Eigenart und zum obersten Gebot des Kabaretts, die Bühne zu verkörpern, an welcher „[...] das politische Geschehen unter Zuhilfenahme der komischen Mittel (im weitesten Sinne) kommentiert [oder kritisiert] wird.“26 Hinzu kommt, dass das Kabarett und die Satire hinsichtlich seines politischen Agierens und Agitierens in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem politischen Bewusstsein seiner Zuschauer stehen.27 Durch diesen Umstand bleibt das Kabarett nicht nur Kommunikationsgegenstand und Mittel des darstellenden Kabarettisten28, „sondern es wird zu einem Spiegel des politischen Bewußtseins [sic]“29, welcher hier seinem Publikum bewusst vorgehalten wird.

Das Kabarett im Sinne David gegen Goliath30 gibt Gleichgesinnten in Oppositionshaltung zur herrschenden Massenmeinung einen Raum.31 Durch die für das Kabarett signifikante Direktheit und Lebendigkeit entfalten sich wiederum vielfältige Möglichkeiten zur Darbietung von Kritik.32

Für wenige Jahre konnte das deutsche Kabarett als Spiegel des politischen Geschehens agieren33. Durch Improvisation, geschickte Tarnung oder Variation des gesprochenen Wortes auf den Brettern der Kleinkunstbühnen ist das Kabarett in der Lage, sich in jeder Hinsicht geschickt anzupassen, ohne dabei seine Seele oder Charakter verlieren zu müssen.34 Zur Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 193335 ist dieses Phänomen zu beobachten, wie Lisa Appignanesi in diesem Zusammenhang elaboriert:

„Dies erwies sich in den Jahren der Heimsuchung zwischen 1933 und 1945. Kabarettmanifestationen kamen an scheinbar so ungeeigneten Orten wie Konzentrationslagern […], Kriegsgefangenenlagern vor.“36

Als die Nationalsozialisten das dritte Reich etablierten, war für politische Zeitkritik, Scherz, Satire, Ironie, für all die Pointen mit und ohne tieferer Bedeutung kein Platz mehr. Tucholsky fügte 1932, in Anbetracht der in Aussicht stehenden Machtübernahme der Nationalsozialosten, zu seiner Definition über die Satire hinzu:

„Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa der herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.“

Als vor mehr als 80 Jahren hierzulande die Bücher von Tucholsky, Kästner, Freud, Feuchtwanger, Heinrich Mann, Ossietzky, Erich Maria Remarque, Alfred Kerr und vielen weiteren bedeutenden Personen auf den Scheiterhaufen geworfen wurden, ging auch ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Kultur in Flammen auf.37 Viele Menschen, welche das Geld besaßen und privilegiert genug waren, flohen aufgrund von Verfolgung, Berufsverbot und der drohenden Haft in den Konzentrationslagern ins Ausland.38 Dort gingen einige von ihnen im Exil aktiv gegen dieses Regime und seine Machenschaften durch Aufklärung vor. Viele bedeutende Kabarettisten dieser Zeit flohen auch als Gegner des Naziregimes ins Ausland oder aber verlagerten in Deutschland ihre politische Agitation vom Brettl in den Untergrund, wie sich am Beispiel der Katakombe unter der Leitung von Werner Finck zeigt.39 Viele Akteure des kabarettistischen Personals immigrierten da, wie Sebastian Dörfler beteuert:

„die große Zahl deutscher Kabarettisten mit jüdischen Wurzeln [konnten] nun auf Grund der nationalsozialistischen Rassenpolitik ihre Kunst höchstens noch im Rahmen des „jüdischen Kulturbundes“ vor ausschließlich jüdischen Publikum ausüben.“40

Eine andere, öffentliche und den Idealvorstellungen der Nationalsozialisten entsprechende, Form des Kabaretts existierte unter dem Hakenkreuz sehr wohl, als „harmloses oder positives“41 Kabarett der NS-Zeit, jedoch wurde dadurch der Wesenszug des Kabaretts durch strenge Zensur erheblich eingeschränkt. Hinter dem Vorgehen der Nationalsozialisten gegen das Kabarett stand nicht nur die Angst vor der Kritik, sondern eine spezifische Vorstellung von Humor, um die Züchtung eines neuen deutschen Humors sowie die Umerziehung des deutschen Volkes zu bewirken. Des Weiteren war ihnen die Macht des Humors und des getätigten Witzes sehr wohl bewusst.42

„[…] [So] entstanden Exilkabaretts […] in Wien, Prag, Zürich, Paris und London. Von diesen Stützpunkten aus setzte […] Schar vertriebener Talente […] ihren Kampf gegen die Nazis fort.“43

Diese Menschen ließen sich nicht von der NS-Diktatur unter Adolf Hitler und im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie umerziehen oder das Wort verbieten.

[...]


1 Kessler, Jürgen: Kabarett! Was sonst?, Eine satirische Inventur, in: Bauschinger, Sigrid (Hg.): Die freche Muse/ The Impudent Muse, Literarisches und politisches Kabarett von 1901 bis 1999, S.15.

2 Werner Frink wie sich am Beispiel der Katakombe unter der Leitung von Werner Finck zeigt.

3 Schäffner, Lothar: Das Kabarett, der Spiegel des politischen Geschehens, Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Christian–Albrechts Universität zu Kiel, S.56.

4 Linder, Christian: „Sich fügen heißt lügen“, Vor 80 Jahren ermordeten die Nazis den Schriftsteller Erich Mühsam“ .

5 Scheu, Friedrich: S.280.

6 Vgl. Kühn, Volker: Hundert Jahre und kein bisschen leise, in: Glodek, Tobias/ Haberecht, Christian/ Von Ungern - Sternberg, Christoph (Hg.): Politisches Kabarett und Satire, Mit Beiträgen von Volker Kühn, Henning Venske, Peter Ensikat, Eckart von Hirschhausen u.a, S.11.

7 Lareau, Alan: „Kabarett Weimarer Republik“.

8 von der Lühe, Irmela: Kabarett gegen Hitler-Kabarett im Exil: Erika Manns Pfeffermühle 1933 1937, in: Bauschinger, Sigrid (Hg.): Die freche Muse/ The Impudent Muse, Literarisches und politisches Kabarett von 1901 bis 1999, S.130.

9 Scheu, Friedrich: Humor als Waffe, Politisches Kabarett in der Ersten Republik (siehe Titel).

10 Vgl. Appignanesi, Lisa: S.156.

11 Vgl. von der Lühe, Irmela: S.134.

12 Lareau, Alan: „Kabarett Weimarer Republik“.

13 Ebd. S.77.

14 Aufgrund der bestehenden Analyse und somit auch bestehender Textgrundlage von Irmela von der Lühe in ihrem Werk: über Giehses Performance, wurde sich explizit für dieses Kabarettstück entschieden und dementsprechend auch inhaltlich sowie die Bedeutung erläutert.

15 Siehe Bild 1: Therese Giehse als „Die Dummheit“.

16 Kessler, Jürgen: S.14.

17 Ebd. S.14.

18 Vgl. ebd. S.14.

19 Tucholsky, Kurt: Was darf Satire?, in: Bauschinger, Sigrid (Hg.): Die freche Muse/ The Impudent Muse, Literarisches und politisches Kabarett von 1901 bis 1999, S.21.

20 Vgl. ebd. S.21.

21 Schäffner, Lothar: S.4.

22 Hofmann, Gerhard: Das politische Kabarett als geschichtliche Quelle, S.9.

23 Schäffner, Lothar: S.1.

24 Ebd. S.3.

25 Ebd. S.1.

26 Ebd. S.4.

27 Ebd. S.4.

28 Vgl. ebd. S.4.

29 Ebd. S.4.

30 Appignanesi, Lisa: S.156.

31 Ebd. S.156.

32 Ebd. S.156.

33 Schäffner, Lothar: S.55.

34 Appignanesi, Lisa: S.156.

35 Vgl ebd. S.156.

36 Appignanesi, Lisa: S.156.

37 Vgl. Berlin Online Stadtportal GmbH & Co. KG.: „″ Schwarze Liste" von Dr. Wolfgang Hermann, 16. Mai 1933“ .

38 Vgl. Kühn, Volker: S.11.

39 Vgl. Dörfer, Tobias: Werner Finck gilt ebenfalls als eine Art Paradebeispiel für einen kritische Kabarettisten während der NS-Zeit. Er selbst leitete die Katakombe und tarnte seine Agitation auch durch die Doppeldeutigkeit des Wortes (siehe S.34)

40 Dörfler, Sebastian: Kabarett während des Nationalsozialismus, in: Bauschinger, Sigrid (Hg.): Die freche Muse/ The Impudent Muse, Literarisches und politisches Kabarett von 1901 bis 1999, S.33.

41 Dörfler, Sebastian: S.38.

42 Vgl. Dörfler Sebastian: Joseph Goebbels als Reispropagandaminister lag es fern, das Kabarett komplett abzuschaffen. Die Nationalsozialisten hatten jedoch eine genaue Vorstellung davon, wie das Kabarett und dessen jeweiliger Humor sein sollte. Nach der nationalsozialistischen Kulturpolitik war es verboten, politische Themen aufzugreifen, so auch während der Kabarett-Performances. Zweideutigkeit war ebenfalls zu unterlassen, sowie sämtliche Anspielungen im Sinne einer Sozialkritik. Viele Kleinkunstbühnen bemühten sich diese endpolitisierten Standards zu erfüllen, einige passten sich sogar gänzlich innerhalb ihrer Performance der NS-Ideologie an.( S.36-39).

43 Appignanesi, Lisa: S.156.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Satire im Exil. Erika Manns "Pfeffermühle" von 1933-1937
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Satire in der Publizistik der Weimarer Republik
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V497428
ISBN (eBook)
9783346004963
ISBN (Buch)
9783346004970
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pfeffermühle Erika Mann Weimarer Republik Satire
Arbeit zitieren
Antonia Sternberg (Autor), 2019, Satire im Exil. Erika Manns "Pfeffermühle" von 1933-1937, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497428

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