Verhalten und Interaktion von Individuen in der Öffentlichkeit. Erving Goffmans Werke "Wir alle spielen Theater" und "Das Individuum im öffentlichen Austausch" in praktischer Anwendung


Hausarbeit, 2018
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2. Vorstellung der Theorien
2.1 „Wir alle spielen Theater“
2.2 „Das Individuum im öffentlichen Austausch“

3. Interpretation
3.1 Vorder- und Hinterbühne
3.2 Darstellungen
3.3 Interaktionsrituale
3.4 Fortbewegungseinheiten

4. Methodik

5.Schluss

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1 Beobachtungsprotokoll 1
7.2 Beobachtungsprotokoll 2

1 Einleitung

Im Alltag sind wir mit Situationen konfrontiert, die von uns abverlangen, eine bestimmte Rolle einzunehmen und diese nach außen zu präsentieren. Jene Rollen beinhalten, je nach sozialem Kontext, Erwartungen die es zu erfüllen gilt. In diesem Kontext kommt hinzu, dass eine bestimmte soziale Ordnung vorherrscht, an der sich das Individuum orientiert. Die soziale Ordnung ist darüber hinaus mit Bedingungen und Einschränkungen verbunden, deren Konsequenz in der Interaktion, die Entstehung von sozialen Strukturen sein kann.

Die vorliegende Arbeit thematisiert die Interaktion von Menschen mit ihrer Umgebung und nimmt überwiegend die Theorieansätze von Erving Goffman Werken „Wir alles spielen Theater“ und „Das Individuum im öffentlichen Austausch“ zur Hand .

Ziel der Arbeit ist herauszufinden, wie die soziale Ordnung in der Skateanlage konstituiert ist und anhand von zwei Werken von Erving Goffmans zu untersuchen und anschließend mit soziologischen Theorieansätzen zu erklären. In gleicher Art und Weise möchte ich die Beobachtung, die ich in einem Café getätigt habe, mit derselben Methodik erklären. Bei dem letzteren gehe ich der Frage nach, wie lange die beiden Verkäuferinnen ihre Freundlichkeit aufrechterhalten können und darzustellen, wie sie mit den Kunden kommunizieren.

Im Anschluss daran möchte ich Stellung zum Hauptteil nehmen indem ich auf die Argumente eingehe und prüfen ob meine Befunde, die Thesen bestätigen.

2. Vorstellung der Theorien

2.1 „Wir alle spielen Theater“

„Die soziale Welt ist eine Bühne, eine komplizierte Bühne sogar, mit Publikum, Darstellern und Außenseitern, mit Zuschauerraum und Kulissen, und mit manchen Eigentümlichkeiten, die das Schauspiel dann doch nicht kennt.“ (Goffman, 2017, Vorwort). Dieses Zitat spiegelt sehr gut wieder, was Erving Goffman uns mit seinem Werk „Wir alle spielen Theater“ zeigen möchte. Sein Anliegen ist es, einen Rahmen einer sozialen Interaktion zwischen Individuen zu skizzieren und die wichtigsten Bestandteile einer sozialen Interaktion zu beleuchten. Um uns das besser zu veranschaulichen benutzt er die Metapher des Theaters und gibt an, dass jedes Individuum als Darsteller eines Theaterstücks eine bestimmte Rolle (z.B. Kellner) einnimmt und diese in einer Interaktion dem Publikum zeigt.

Dabei umfasst das Modell des Theaters für Goffman eine Bühne, die Darsteller und die Zuschauer. Jedes Individuum versucht dabei in einer Interaktion mit einer Person dem Gegenüber ein Bild zu vermitteln, mit dem Wissen, dass er beobachtet wird. In seiner Darstellung versucht das Individuum „die anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen“ (Goffman, 2017, S.18), um ein bestimmtes Bild zu projizieren, welches die Erwartungen des Gegenübers erfüllen soll. Das Bühnenbild, welches Goffman beschreibt, „lässt sich - getrennt durch Vorhänge, Wände, Türen – in eine Vorder- und Hinterbühne unterteilen“ (Markus Schroer, 2017, S.220).

Die Interaktion definiert Goffman in seinem Buch „grob als der wechselseitige Einfluss von Individuen untereinander auf ihre Handlungen während ihrer unmittelbaren physischen Anwesenheit“ (Goffman, 2017, S. 18). Während dieser Interaktion versucht das Individuum seinem Interaktionspartner, wie oben beschrieben, ein gewisses Bild von sich preiszugeben und benutzt dafür eine Fassade. Unter der Fassade versteht Goffman hierbei ein „standardisiertes Anwendungsrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewusst oder unbewusst anwendet“ (Goffman, 2017, S. 23) und wird in unserer Metapher symbolisch als Bühnenbild gekennzeichnet. Das Anwendungsrepertoire hat sich der Akteur im Laufe seines Lebens durch Beobachtung und anschließendes Internalisieren angeeignet und es beinhaltet bspw. Mimik, Gestik oder Reflexe. Dieses Repertoire ist dann wiederum ein integraler Bestandteil eines Handlungsmusters, welches der Akteur abruft, wenn er in Interaktion mit einer Person ist. An dieser Stelle unterscheidet Goffman zwei Bereiche, in denen sich der Akteur während einer Interaktion befindet: Vorder- und Hinterbühne.

In der Vorderbühne möchte das Individuum „den Eindruck erwecken, seine Tätigkeit in dieser Region halte sich an gewisse Normen“ (Goffman, 2017, S. 100). Hier zieht sich der Akteur gewissermaßen eine Maske auf und wendet Strategien an, um sein Pendant zu beeinflussen. Er schlüpft in eine Rolle und versucht sich authentisch in seinen Handlungen zu zeigen. Es ist der Ort der Darstellung, bei dem das Individuum weiß, dass es beobachtet wird und sich so zeigt, dass der Eindruck gewonnen wird, dass es sich an Normen, die in diesem Kontext von Bedeutung sind, hält. Dabei trennt Goffman die Normen in Höflichkeitsregeln und Anstandsregeln.

Unter Höflichkeitsregeln versteht G. die Form, wie der Akteur in einem Gespräch oder beim Austausch von Gesten, sich gegenüber seines Pendants verhält. Die Anstandsregeln wiederum unterteilt Goffman in zwei Unterkategorien: Zum einen die moralische (bspw. Respekt gegenüber kulturellen oder religiösen Normen) und zum anderen die instrumentale (bspw. Regeln die ein Lehrer von seinem Schüler erwartet).

Die Hinterbühne beschreibt Goffman als den Ort, an den sich der Akteur zurückziehen und seine Maske fallenlassen kann. Der Darsteller sammelt sich und verarbeitet die Eindrücke, die er in der Interaktion gewonnen hat. Laut Goffman werden hier „Illusionen und Eindrücke offen entwickelt“ (Goffman, 2017, S. 104). Ebenfalls kann das Ensemble im Rückraum zusammengekommen und auf Fehlverhalten des Anderen hinweisen und für die Vorstellung proben, falls sie wieder auf die Vorderbühne möchten. Den Begriff „Ensemble“ definiert Goffman „als eine Gruppe von Individuen, die eng zusammenarbeiten muss, wenn eine gegebene Situationsbestimmung aufrechterhalten werden soll“ (Goffman, 2017, S. 96).

2.2 „Das Individuum im öffentlichen Austausch“

Durch Regelmäßigkeiten entsteht die soziale Ordnung (vgl. Durkheim,1984,). Diese Ansicht von Emile Durkheim, mit welcher womöglich jeder Geisteswissenschaftler einmal konfrontiert wurde und soll die infolgedessen Teil meiner Erklärung zu diesem Abschnitt werden.

Erving Goffman möchte uns mit diesem Aufsatz die Dichotomie „zwischen einem Element der sozialen Struktur, nämlich den sozialen Beziehungen, und dem öffentlichen Leben“ (Goffman, 1982, S. 10) zeigen und die Grundstrukturen einer sozialen Ordnung näher erläutern. Die damit auftretenden Verhaltensmuster, die in der Interaktion mit dem Gegenüber stattfinden, sind mit Grundregeln verbunden, die für uns auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Diese Verhaltensmuster sind eine Ansammlung von Ritualen, die u.a. Catherine Bell wie folgt beschreibt: „Sie lenken, inspirieren und treiben Handeln voran, sie selbst aber sind keine Handlungen“ (Belliger, 2008, S. 37).

Albert Bergesen schreibt in seinem Aufsatz „Der Kern des rituellen Prozesses besteht darin, die individuellen Teilgefühle zu sammeln und daraus ein kollektives Gefühl zu machen, denn nur im gesammelten und konzentrierten Zustand kann sich die spezifisch kollektive Natur dieser Gefühle manifestieren“ (Belliger, 2008, S.49). So gesehen sind wir in einer Interaktion mit vielen Wiederholungen konfrontiert, die eine „Ehrerbietung“ (Goffman, 1982, S. 97) und „Respekt“ (ebd. S. 97) gegenüber der Person, mit der sich der Mensch unterhält, zeigen soll.

Goffman führt weiter aus und erwähnt in seinem Werk die positiven und negativen Rituale, die er von Emile Durkheim (aus seiner Forschung zu Religionen) übernommen hat. Darin beschreibt er die negativen Rituale als jene Handlung, in der eine „Vermeidung, Verbot oder Fernbleiben“ (ebd. S.97) stattfindet. Die positiven Rituale fasst er als „Verhaltensweisen, bei denen durch Opfer, die implizieren, dass sich der Ausführende dem Empfänger in irgendeiner Form nähert, Ehrerbietung erzeugt wird“ (ebd. S. 97) auf. Hier wird deutlich, welche Bedeutung Rituale für die Aufrechterhaltung einer sozialen Ordnung haben und zeigt die Wichtigkeit ihrer Existenz.

Auch Parsons hat sich Gedanken darüber gemacht und widmete sich der Frage, wie eine soziale Ordnung überhaupt stabil gehalten wird und wie diese von einem Individuum gepflegt wird. Er war der Auffassung, dass sich Individuen „allesamt an einer Art normative[m] Kollektivbewusstsein orientieren, dass er Zivilregion nennt und das den Individuen gleichsam als summum bonum entgegengilt“ (Wagner, 2016, S.116). Er verdeutlich damit, dass Menschen einem gewissen Informationspool annehmen, um zu erfahren, wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat.

Des Weiteren beschäftigt sich Goffman in seinem Buch „Das Individuum im öffentlichen Austausch“ mit einem weiteren Aspekt, um herauszufinden, wie soziale Ordnung gewährleistet wird. Er nennt dieses Element „Fortbewegungseinheiten“.

Anhand eines Beispiels mit einem Fußgänger zeigt er die Technik, die der Akteur anwendet, um in einer Menschenmenge Zusammenstöße zu vermeiden. Goffman sagt, dass überall wo es eine Ansammlung von Menschen gibt, es auch Regeln geben muss, um eine soziale Ordnung beizubehalten und verdeutlicht, dass die Fortbewegungsheit sich auch an Normen hält, um sich fortzubewegen zu können. Er beschreibt dabei die Fortbewegungsheit als „ein Gehäuse, das (gewöhnlich von innen) von einem menschlichen Piloten oder Navigator gelenkt wird“ (Goffman, 1982, S. 27).

Um hierbei Zusammenstöße zu vermeiden, folgt der Akteur einer Regel, die Goffman „Verkehrskodex“ nennt. Unter einem Verkehrskodex versteht Goffman „eine Sammlung von Regeln, deren Befolgung es den Fortbewegungseinheiten erlaubt, zum Zweck der Fortbewegung von einem Punkt zu einem anderen unabhängig voneinander eine Reihe von Verkehrswegen zu benutzen“ (ebd. S. 27). Wird der Verkehrskodex eingehalten, erzeugt es „eine Struktur, die sichere Fortbewegung erlaubt“ (ebd. S. 27).

Damit es im weiteren Verlauf der Interaktion zu keinem Zusammenstoß kommt, zeigt das Individuum „gezielt durch körperliche Gesten im umfassendsten Sinne des Wortes Informationen über seine Situation“ (Goffman, 1982, S. 32), welches Goffman dann mit dem Terminus „Externalisation“ (ebd. S. 32) beschreibt.

In dieser Interaktion achtet der Akteur ebenfalls darauf, „ständig einen Abtastungsraum- oder Kontrollbereich im Auge zu behalten“ (Goffman, 1982, S. 33) um einen Aufprall mit einer Person zu vermeiden und gegeben falls auszuweichen. Diese Technik nennt Goffman „Abtastung“ (Goffman, 1982, S. 33) .

Im Kontrast zu den Fortbewegungseinheiten möchte Goffman einen weiteren Begriff einführen, welcher in diesem Kontext von Bedeutung ist: Den der Partizipationseinheit. Für Goffman treten Individuen „in der Öffentlichkeit entweder als Einzelne oder in einem Miteinander auf“ (ebd. S. 43). Hierbei ist ein Einzelner eine Partei, „die nur aus einer Person besteht“ (ebd. S. 43) und „ein Miteinander ist eine aus mehreren bestehende Partei, deren Mitglieder als zusammengehörig wahrgenommen werden“ (ebd. S. 43). Wenn beispielsweise ein Polizist mit einem bestimmten Abstand neben einem Kind läuft, nehmen wir sie nicht als zusammengehörig wahr. Wenn jedoch in selben Abstand ein Kind zu einer Frau steht, ist es für uns vorstellbar, dass sie zusammengehören.

Goffman möchte mit dieser These zeigen, dass Individuen nicht nur als Einzelne in einer Einheit fungieren, sondern dass eine Einheit auch aus mehreren Personen bestehen kann. Somit „soll das Individuum das Bezugssystem der Rollentheorie und damit die Grundeinheit der Rollenuntersuchung bilden“ (Miebach, 2013, S. 106) und plädiert für eine neue Perspektive bei der Analyse.

3. Interpretation

Das folgende Kapitel beleuchtet die Handlungen der Akteure aus meinen Beobachtungen und kontrastiert diese mit den jeweils zugeordneten soziologischen Theorien. Hierbei nehme ich zu aller erst die Theorieansätze und analysiere für meine Interpretationen die verschiedenen Sequenzen meiner Beobachtungen. Dem zugrunde liegt die Absicht, meine Fragestellungen, die ich anfangs formuliert habe, zu beantworten und den Inhalt meiner Protokolle sukzessiv zu analysieren.

3.1 Vorder- und Hinterbühne

Wie bereits oben erläutert geht es bei der Vorder- und Hinterbühne um die Beschreibung der Region, welche in einer sozialen Situation vorhanden ist. Dieser sozialen Situation können wir sogar einen Rahmen geben. Goffman hat es „als ein Ort, der bis zu einem gewissen Grade durch Wahrnehmungsschranken begrenzt ist.“ (Goffman, 2017, S. 99) definiert und zeigt hierbei genauso, dass jede Region für den Akteur eine andere Bedeutung haben kann.

Die Vorderbühne kommt im ersten Beobachtungsprotokoll dann zum Vorschein, als die Verkäuferin 1 den Kunden bedient, den Kunden mit einem „Hallo“ (vgl. Beobachtungsprotokoll 1, Z. 39) begrüßt und ihn daraufhin fragt „was darf es denn sein?“ (vgl. Beobachtungsprotokoll 1, Z. 42). Sie weiß in dem Moment, dass sie beobachtet wird und möchte dabei ihrer Rolle gerecht werden, indem sie den Eindruck erweckt, „ihre Tätigkeit in dieser Region halte sich an gewisse Normen“ (Goffman, 2017, S.100). Das Publikum ist hierbei sowohl der angesprochene Kunde als auch die Kunden, die hinter ihm in der Schlange stehen.

Es wird eine Situation konstituiert, die Parsons als „Komplementarität des Verhaltens zweier Akteure“ (Horster,2013, S. 50) bezeichnet und macht deutlich, dass hier ein sozialer Kontext entsteht, bei dem beide Akteure eine gegenseitige Erwartungshaltung haben. Niklas Luhmann beschreibt es als „doppelte Kontingenz“. Die Bedingungen dafür sind für Luhmann „ein Mindestmaß wechselseitiger Beobachtung und ein Mindestmaß an auf Kenntnissen gegründeter Erwartungen“ (Luhmann,1999, S. 155).

Im Anschluss daran konnte ich beobachten, wie die Verkäuferin 1 bemüht war, ihre Freundlichkeit (indem sie lächelte) beizubehalten, obwohl sie in regelmäßigen Abständen Kunden bedient hat. Sie hielt ihre Fassade lange aufrecht.

Als die Verkäuferin 2 einen Kunden bedient (vgl. Beobachtungsprotokoll 1, Z. 64-65) und die Verkäuferin 1 dann keinen Kunden mehr hat, den sie bedienen kann, dreht sie sich um, damit sie den Ofen betätigen kann. Hierbei begibt sie sich in die Hinterbühne und ändert ihre Fassade. Sie legt ihr Lächeln ab und fokussiert sich auf eine neue Tätigkeit.

Nach Goffman wird in der Hinterbühne der „durch die Darstellung hervorgerufene Eindruck bewusst und selbstverständlich widerlegt“ (Goffman, 2017, S. 104) und er fügt noch hinzu, dass hier die „Eindrücke und Illusionen“ (vgl. Goffman, 2017), die sich während der Interaktion mit Menschen ergeben haben, verarbeitet werden. Dies wird hier sehr gut sichtbar.

In der Hinterbühne kommt ebenfalls sehr gut das „Ensemble“ (Goffman, 2017, S. 73) zum Vorschein. Das Ensemble ist deshalb wichtig, weil hier von den Akteuren ein gemeinsames Bild, in Form einer Zusammenarbeit und gegenseitiger Überprüfung, nach außen vermittelt werden soll, welches gewährleistet, „einen bestimmten Eindruck vor ihrem Publikum zu wahren“ (ebd. S. 78). In meinem Beobachtungsprotokoll wird es dann ersichtlich, als die beiden Verkäuferinnen sich im Gang treffen und unterhalten (Beobachtungsprotokoll 1, Z. 79-81). Hierbei unterhalten sich beide befreit und können ihre Fassade (das Lächeln bspw.) für einen Moment ablegen. An dieser Stelle wird deutlich, dass die Hinterbühne ein Ort ist, wo beide ihre Fassade ablegen können.

3.2 Darstellungen

Um eine Rolle darstellen zu können, muss der Akteur einen überzeugenden Auftritt hinlegen, um nicht in Verdacht zu geraten, er sei nicht überzeugt von seinem Handeln. In unserem Fallbeispiel versuchen die Verkäuferinnen nach außen eine Fassade zu präsentieren, welche sie in jeder Interaktion zu pflegen versuchen. Goffman hat dabei diesen Punkt in verschiedene Unterthemen gegliedert, wovon ich jedoch nur die wichtigsten erläutern werde. Anfangen möchte mit dem Glauben an die eigene Rolle.

In unserem Fallbeispiel ist es sehr gut zu erkennen, wie beide Verkäuferinnen versuchen bei jedem Kunden ihre Freundlichkeit aufrecht zu erhalten, indem sie den Kunden anlächeln oder fortwährend fragen, „ob sie noch etwas dazu möchten“. Vor allem dann, als die Verkäuferin 1 ihren Mund weit öffnet (vgl. Beobachtungsprotokoll 1, Z. 82-83) um zu Lächeln und den Kunden mit einem fokussierten Blick anschaut. Ebenso als sie einen Kunden fragt, ob er bedient wird (vgl. Beobachtungsprotokoll 1, Z. 68-71), obwohl sie währenddessen mit einer anderen Tätigkeit beschäftigt ist.

Die Darsteller, die in solch einer Szene „an den Eindruck glauben, den ihre eigene Vorstellung hervorruft“ (Goffman, 2017, S. 20) kategorisiert er in dieser Untergliederung als „aufrichtig“ (ebd. S. 20). Im Gegensatz dazu steht der Begriff „zynisch“, was dann für Goffman auftritt, wenn „der Darsteller nicht von seiner eigenen Rolle überzeugt und nicht ernsthaft an den Überzeugungen seines Publikums interessiert“ (Goffman, 2017, S.70) ist. Dies wird in meinem Beobachtungsprotokoll zu diesem Zeitpunkt deutlich, als die Verkäuferin 2 ein verkrampftes Lächeln (vgl. Beobachtungsprotokoll 1, Z. 73-74) gezeigt hat. Im letzteres kann bei dem Kunden den Eindruck erwecken, als habe die Verkäuferin 2 einen Mangel an Überzeugung für ihre Rolle übrig.

An dieser Stelle möchte ich den Punkt „ Idealisierung“ hervorheben. Der Akteur ist hier bemüht, „beim Publikum einen auf verschiedene Art idealisierten Eindruck zu erwecken“ (Goffman, 2017, S. 35). Das heißt, dass das Individuum nach außen ein Bild abgeben möchte, welches die Wertevorstellungen der Gesellschaft innehat. In unserem Kontext (das Café) bedeutet dies, dass von den Verkäuferinnen erwartet wird, freundlich, höflich oder auch kommunikativ zu sein. Das ist in meinem Beobachtungsprotokoll vor allem dann zu sehen, als die Verkäuferinnen die Kunden begrüßen oder verabschieden. Die Verkäuferinnen möchten durch ihr Auftreten zeigen, dass ihr Rollenspiel etwas „Besonderes und Einmaliges“ (ebd. S. 47) sei und dadurch das Idealbild der Rolle erfüllen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Verhalten und Interaktion von Individuen in der Öffentlichkeit. Erving Goffmans Werke "Wir alle spielen Theater" und "Das Individuum im öffentlichen Austausch" in praktischer Anwendung
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V497437
ISBN (eBook)
9783346012388
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhalten, austausch, individuum, theater, werke, goffmans, erving, öffentlichkeit, individuen, interaktion, anwendung
Arbeit zitieren
Ismail Ekinci (Autor), 2018, Verhalten und Interaktion von Individuen in der Öffentlichkeit. Erving Goffmans Werke "Wir alle spielen Theater" und "Das Individuum im öffentlichen Austausch" in praktischer Anwendung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497437

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