In der europäischen Politik können wir seit geraumer Zeit eine interessante Entwicklung beobachten, welches wir bis heute, aufgrund der Aufarbeitung der europäischen Geschichte, für zurückgedrängt hielten: Die des Nationalismus. Einige Politiker in Europa haben hierbei für sich ein neues politisches Feld gefunden, um neue Anhänger zu gewinnen und ihre Anhängerschaft zu mobilisieren, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen geht. Dabei nutzen sie nationalistischen Parolen und bedienen sich zum Teil, eine sich von anderen abspaltenden Rhetorik, um komplexe gesellschaftliche Ereignisse vereinfacht ihrer Gruppe darzustellen. Die Menschen bekennen sich plötzlich forscher und selbstbewusster zu ihrer Identität, weil sie auch wissen, dass es gesellschaftlich gesehen nicht mehr ein Tabu bricht und sie auch Zuspruch und Unterstützung aus der Politik bekommen können. Auffallend ist diese Entwicklung vor allem in den Ländern wie Ungarn, Polen, Österreich und zuletzt auch die Türkei.
Dabei fällt zuletzt einer in der Weltpolitik besonders auf: Recep Tayyip Erdogan. Von einem Reformer, der sich politisch anfangs der 2000er stark an die EU orientiert hat, zu einem Politiker, der mit nationalistischen und islamistischen Parolen abermals schafft seine Anhänger immer wieder aufs Neue, sowohl gegen die Opposition im Inland als auch gegen politische Akteure im Ausland, zu mobilisieren. Ich habe mir hierbei zur Aufgabe gemacht, die aktuelle türkische Politik durch meine wissenschaftliche Ausarbeitung zu beleuchten und Erdogans Politik, und der mit ihm neuaufkommende Nationalismus in der Türkei ursächlich zu erklären und zu beschreiben.
Doch um diesen Phänomen auf den Grund zu gehen und die aktuelle türkische Politik erklären zu können, müssen wir einen weiten Blick in die Geschichte der Türkei werfen, um zu verstehen wieso es der AKP gelingt, Menschen für ihre Politik zu begeistern.
Inhaltsverzeichnis
2. Einleitung
3. Die ideologische Basis
3.1 Die Entstehung und die Erfolge der AKP
3.2 Ideologie der Grauen Wölfe
3.3 Nationalismus in der Türkei und die Verbreitung Atatürks Staatsdoktrin durch die Institutionen
5. Erdogans politisches Handeln
5.1 Erdogan in der Innen- und Außenpolitik
5.2 Der Kampf gegen die Opposition
6. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen und die Entwicklung des Nationalismus in der Türkei während der Amtszeit von Recep Tayyip Erdoğan. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie es der AKP durch den Rückgriff auf historische Narrative und institutionalisierte Staatsdoktrinen gelingt, große Teile der Bevölkerung für ihre politische Agenda zu mobilisieren und den gesellschaftlichen Diskurs zu prägen.
- Historische Genese und Ideologie der AKP und ihrer Vorläuferparteien
- Einfluss der Ideologie der Grauen Wölfe auf den türkischen Nationalismus
- Die Rolle staatlicher Institutionen bei der Verbreitung nationalistischer Narrative
- Analyse der innen- und außenpolitischen Strategien Erdoğans unter Berücksichtigung autokratischer Tendenzen
- Wechselwirkung zwischen gesellschaftlicher Sozialisation und der Akzeptanz nationalistischer Parolen
Auszug aus dem Buch
3.3 Nationalismus in der Türkei und die Verbreitung durch die Institutionen
Damit wir den Nationalismus in der Türkei und deren Auswirkung auf die Gesellschaft besser verstehen können, müssen wir uns zunächst mit Mustafa Kemal Atatürk und seine Staatsdoktrin beschäftigen. Genauso müssen wir die Institutionen, mit deren Inhalt, beleuchten um herauszufinden, wie sich diese Institution aufrechterhält.
Wenn wir in der Soziologie von einer Institution sprechen und gleichzeitig es auf die Politik übertragen möchten, müssen wir aufpassen, diesen Begriff so präzise wie möglich zu definieren. Den die Erwartungen innerhalb der Institution „Staat“ unterscheidet sich grundsätzlich von dem der Familie oder der einer Religion. Der Grund ist, dass der Staat andere Formen von Erwartungen stellt und nicht dieselben Sanktionsmechanismen benutzt.
Um den Begriff „Institution“ dem Leser näher zu erläutern und unserem politischen Kontext besser anzupassen, möchte ich zuerst zwei Definitionen hinzufügen. Francis F. definiert eine Institution als „ a rule constraining human choices and which permits collective action among a group of people” (Dinello & Popov, 2007, S. 1) und Stefanie Engel und Bhaghirat Behera beschreiben den Begriff Institution als eine “formal and informal rules of a society. They [instituions] set the limits of individual action and crucially determine the incentives faced by individual resource users” (ebd. S.1).
Hier wird deutlich, dass von einem bestimmten Akteur oder einer Gesetzgebung ein Rahmen geschaffen wird, um die Institution mit all ihren Normen und Regeln zu reglementieren.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Wiederaufleben nationalistischer Tendenzen in Europa und der Türkei und definiert das Ziel der Arbeit, die Ursachen für Erdoğans Erfolg in diesem Kontext zu ergründen.
Die ideologische Basis: Dieses Kapitel analysiert die Entstehung der AKP, die Wurzeln der Ideologie der Grauen Wölfe sowie die Etablierung des Kemalismus als staatsprägende Doktrin durch Institutionen.
Erdogans politisches Handeln: Dieser Abschnitt untersucht Erdoğans innen- und außenpolitische Strategien sowie seine Konfrontationspolitik gegenüber der Opposition, insbesondere gegenüber der Gülen-Bewegung und der PKK.
Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass Erdoğans Mobilisierungserfolg auf der geschickten Nutzung kollektiver Narrative und der tiefen Verankerung nationalistischer Identitätsmuster in der türkischen Gesellschaft basiert.
Schlüsselwörter
Türkei, Nationalismus, Erdoğan, AKP, Graue Wölfe, Kemalismus, Institutionen, Identität, Sozialisation, Kollektivbewusstsein, politische Mobilisierung, Demokratisierung, Autokratisierung, Diskurs, Staatsdoktrin
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Faktoren, die zum Erstarken des Nationalismus in der Türkei während der Regierungszeit von Recep Tayyip Erdoğan geführt haben, unter Einbeziehung historischer und soziologischer Perspektiven.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte islamistischer Strömungen in der Türkei, die Rolle des kemalistischen Erbes, die Ideologie des Pantürkismus und die strategische Nutzung politischer Institutionen zur Machtausweitung.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das primäre Ziel ist es, die Ursachen für die Mobilisierungskraft Erdoğans zu erklären, indem aufgezeigt wird, wie er historische Narrative nutzt, um eine Bevölkerung anzusprechen, die in einem nationalistisch geprägten institutionellen Kontext sozialisiert wurde.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Der Autor stützt sich auf eine politiksoziologische Analyse, die theoretische Konzepte (u.a. von Foucault, Parsons und Durkheim) mit historischen Entwicklungen und Diskursanalysen verknüpft.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die ideologische Herleitung (AKP-Genese, Graue Wölfe, Kemalismus) und die Untersuchung der konkreten politischen Praxis Erdoğans (Reformpolitik, Umgang mit der Opposition, Umgang mit dem Putschversuch).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Nationalismus, Kollektivbewusstsein, Identitätsstiftung, institutionelle Macht und politischer Wandel in der Türkei definieren.
Inwiefern spielt der Kemalismus eine Rolle für Erdoğans aktuelle Politik?
Obwohl sich Erdoğan ideologisch von Atatürk abgrenzt, zeigt die Arbeit auf, dass er sich der von Atatürk etablierten institutionellen Strukturen bedient, um heute eigene, nationalistisch gefärbte Narrative durchzusetzen.
Wie bewertet der Autor den Umgang Erdoğans mit der Opposition?
Die Arbeit beschreibt einen Wandel von einer anfangs konsensorientierten Reformpolitik hin zu einer repressiven Konfrontationsstrategie, die insbesondere nach dem Putschversuch 2016 zur massiven Einschränkung oppositioneller Akteure führte.
- Arbeit zitieren
- Ismail Ekinci (Autor:in), 2018, Die Gründe für die Entwicklung des Nationalismus in der Türkei unter Erdogan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497444