Die sechs Tafelbilder des sogenannten Nürnberger Marienaltars zeichnen sich durch die künstlerische Qualität ihrer Gestaltung und den guten Erhaltungszustand aus. Dies lässt sie zu ganz besonderen Vertretern ihrer Stilrichtung, dem Weichen Stil, werden.
Zugleich aber wirft der Altar Fragen auf, die trotz eingehender Forschung nicht einfach zu beantworten sind und deren Lösung wohl auch nur annähernd erreicht werden kann. Zum einen sind Herkunft und ursprünglicher Standort des Werkes völlig unbekannt, zum anderen ist der Altar mit sechs Bildtafeln nur fragmentarisch erhalten. Damit sind Gesamtaufbau und Bildprogramm ungeklärt.
Im Zentrum dieser Arbeit soll die Vorstellung des zweiten Problemkomplexes und seiner Lösungsansätze stehen, die Frage nach der Rekonstruktion des Altars. Diese soll eingehend erörtert werden.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
1.1) Vorgehensweise
2) Vorstellung des Bildmaterials
3) Gesamtprogramm
3.1) Überblick über die stilistischen Gemeinsamkeiten der Tafeln
3.2) Blaugrundige Tafeln – Christuspassion
3.2.1) Christus am Ölberg
3.2.2) Gefangennahme Christi
3.2.3) Geißelung Christi
3.3) Rekonstruktion der Passionsszenen
3.4) Goldgrundige Tafeln – Marienszenen
3.4.1) Begegnung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei häuslicher Arbeit
3.4.2) Bethlehemitischer Kindermord
3.4.3) Grabtragung Mariä
3.5) Rekonstruktion Marienszenen
3.5.1) Einfachflügelaltar
3.5.2) Doppelflügelaltar
4) Skizzierung der stilistischen Einordnung
5) Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, den fragmentarisch erhaltenen Marienaltar des Germanischen Nationalmuseums (GNM) umfassend zu analysieren, um ein plausibles Gesamtprogramm für die ursprüngliche Form des Altars zu rekonstruieren. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die hypothetische Anordnung der sechs erhaltenen Bildtafeln in einem ehemaligen Flügelaltar.
- Rekonstruktion des ursprünglichen Bildprogramms unter Berücksichtigung von Innen- und Außenseiten.
- Ikonografische Analyse der Passionsszenen (Christuspassion) und Marienszenen.
- Stilistische Einordnung der Tafelbilder zwischen Nürnberger und böhmischer Kunst.
- Untersuchung der Entstehungszusammenhänge und möglichen Auftraggeber (franziskanisches Umfeld).
Auszug aus dem Buch
3.2.1) Christus am Ölberg
Das auf dieser Tafel gezeigte Geschehen am Ölberg ist reduziert auf seine wesentlichen Elemente. Die Szene ist in zwei Hälften geteilt. Auf der linken Seite kniet Christus in einem bordeauxroten Kleid nach rechts gewandt, Haupt und die gefalteten Hände erhoben zu einem goldenen Kelch, der in der Bildmitte über einem Felsvorsprung schwebt. Dieser Fels nimmt die senkrechte Mittelachse des Bildes ein und schafft so eine Zweiteilung des Bildes, die mit der inhaltlichen Komposition der Szene korrespondiert. Auf der rechten Bildhälfte nämlich sind drei der Jünger zu sehen, die Jesus auf den Ölberg begleitet haben. Petrus, in einem dunkelblauen Gewand, sitzt direkt neben dem Fels, den Körper nach links geneigt, Christus zu. In den Händen hält er ein zweischneidiges Schwert. Beide Figuren bilden ein Art offenen Kreis, eine aufeinanderbezogene Einheit und bestimmen so das Zentrum des Bildes.
Hinter Petrus sitzen zwei weitere Jünger. Alle drei werden im Moment des Einschlafens gezeigt, einer schläft bereits, während Petrus und der andere Jünger noch halboffene Augen haben.
Dieser Moment wird eher selten gezeigt, daher ist dieser Umstand für die stilistische Zuordnung von Bedeutung. Bei der Gestaltung des Bodens fällt die feine Ausarbeitung von kleinen Gräsern und Blüten des Garten Gethsemane auf. Tiefenräumliche Wirkung wird allerdings nur andeutungsweise durch das Hintereinandersitzen der drei Jünger erreicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Einleitung stellt den fragmentarischen Zustand des Nürnberger Marienaltars dar und definiert die Rekonstruktionsfrage als zentralen Untersuchungsgegenstand der Arbeit.
1.1) Vorgehensweise: Das Kapitel erläutert die methodische Entscheidung für eine ikonografische Analyse, um Rückschlüsse auf das Bildprogramm und die Anordnung der Tafeln zu gewinnen.
2) Vorstellung des Bildmaterials: Es erfolgt eine Bestandsaufnahme der sechs erhaltenen Holztafeln, unterteilt in drei Passionsszenen und drei Marienszenen, und deren Zuordnung als Teile eines ehemaligen Flügelaltars.
3) Gesamtprogramm: Dieses Kapitel begründet anhand der Hintergrundfarben (Blau für Passion, Gold für Marienleben) die Aufteilung in Innen- und Außenseiten des Altars.
3.1) Überblick über die stilistischen Gemeinsamkeiten der Tafeln: Eine Zusammenfassung der prägenden Stilelemente, wie der plastischen Figurengestaltung im Weichen Stil und der Verwendung von Weißhöhungen.
3.2) Blaugrundige Tafeln – Christuspassion: Die detaillierte ikonografische Betrachtung der Passionsszenen.
3.2.1) Christus am Ölberg: Analyse der kompositorischen Einheit von Jesus und Petrus sowie der symbolischen Bedeutung des Kelches.
3.2.2) Gefangennahme Christi: Untersuchung der dichten Figurenszenerie und der Hervorhebung des Verrats durch Judas.
3.2.3) Geißelung Christi: Erörterung der ungewöhnlichen Raumgestaltung, die architektonische Elemente mit einem offenen Naturraum verbindet.
3.3) Rekonstruktion der Passionsszenen: Zusammenführung der Erkenntnisse zur Anordnung der Passionsbilder als Außenseite eines Flügelaltars.
3.4) Goldgrundige Tafeln – Marienszenen: Ikonografische Untersuchung der Marienszenen, die weniger chronologisch als die Passionsszenen strukturiert sind.
3.4.1) Begegnung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei häuslicher Arbeit: Analyse der bekanntesten und rätselhaftesten Tafel im Kontext franziskanischer Erbauungsliteratur.
3.4.2) Bethlehemitischer Kindermord: Betrachtung der Tafel im Vergleich zu zeitgenössischen Bildtraditionen der Darstellung von Herodes.
3.4.3) Grabtragung Mariä: Untersuchung der seltenen Darstellung in der deutschen Tafelmalerei und ihrer Anbindung an italienische Vorbilder.
3.5) Rekonstruktion Marienszenen: Erörterung der Schwierigkeiten bei der Anordnung der Marienszenen innerhalb der verschiedenen Altartypen (Einfach- oder Doppelflügelaltar).
3.5.1) Einfachflügelaltar: Vorstellung einer möglichen Bildfolge in einem einfacheren Retabeltypus.
3.5.2) Doppelflügelaltar: Diskussion einer komplexeren Rekonstruktionsmöglichkeit mit integriertem Schnitzwerk.
4) Skizzierung der stilistischen Einordnung: Die Abwägung zwischen Nürnberger und böhmischer Herkunft, wobei der böhmische Einfluss auf Basis stilistischer Vergleiche als wahrscheinlicher bewertet wird.
5) Schluss: Zusammenfassendes Fazit zur Rekonstruktionsfähigkeit der Bildzyklen und Ausblick auf weiterführende Forschungsansätze in klösterlichen Haushaltsbüchern.
Schlüsselwörter
Marienaltar, GNM Nürnberg, Spätmittelalter, Weicher Stil, Rekonstruktion, Flügelaltar, Passionsszenen, Marienszenen, Ikonografie, Christus am Ölberg, Grabtragung Mariä, böhmische Malerei, franziskanisches Umfeld, Tafelmalerei, Kunstgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit widmet sich der kunsthistorischen Untersuchung des sogenannten Nürnberger Marienaltars. Da das Werk nur fragmentarisch erhalten ist, liegt der Schwerpunkt auf der Rekonstruktion seines ursprünglichen Bildprogramms und Aufbaus.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die ikonografische Analyse der Passions- und Marienszenen, die stilistische Einordnung des Werks im Kontext des Weichen Stils sowie Überlegungen zu seiner Herkunft und dem ursprünglichen Standort.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das primäre Ziel ist es, durch eine detaillierte Auswertung der vorhandenen sechs Bildtafeln ein plausibles Modell für die Anordnung des ehemaligen Flügelaltars zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit stützt sich primär auf die ikonografische Analyse der Bildtafeln. Ergänzend wird eine stilistische Einordnung vorgenommen, um Herkunftsfragen anhand von Vergleichen mit anderen zeitgenössischen Altären zu klären.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die einzelnen Tafeln der Passion und der Marienszenen im Detail, bewertet deren kompositorische Merkmale und leitet daraus Rekonstruktionsvorschläge für einen Einfach- beziehungsweise Doppelflügelaltar ab.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Marienaltar, Weicher Stil, Ikonografie, Flügelaltar-Rekonstruktion und die stilistische Zuschreibung an das böhmische Umfeld.
Warum ist die Tafel „Begegnung von Maria und Elisabeth“ so besonders?
Sie ist die bekannteste, aber auch umstrittenste Tafel, da für die dargestellte Szene keine etablierte Bildtradition existiert und sie vermutlich eng mit franziskanischer franziskanischer Erbauungsliteratur verknüpft ist.
Zu welchem Ergebnis kommt die Autorin hinsichtlich der Herkunft?
Die Autorin stellt die bisherige Nürnberger Zuschreibung in Frage und favorisiert aufgrund stilistischer Ähnlichkeiten, etwa zum Wittingauer Altar, eine böhmische Herkunft und eine Datierung auf ca. 1400–1405.
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- M. A. Simone Kraft (Author), 2002, Der Marienaltar des Germanischen Nationalmuseum Nürnberg - Versuch einer Rekonstruktion des Gesamtprogramms, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49747