Das Hildebrandslied. Inwiefern wird der historische Kern im Vater-Sohn-Konflikt erkennbar und umgedeutet?


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Steckbrief

2. Gattungseinordnung

3. Textstelle und Übersetzung

4. Inwiefern wird der historische Kontext im Vater-Sohn-Konflikt erkennbar und umgedeutet?

5. Literaturverzeichnis

1. Steckbrief

Das Hildebrandslied gilt als einzig erhaltenes Zeugnis einer germanischen Heldendichtung in althochdeutscher Sprache.[1] Heldendichtungen basieren auf Heldensagen, die als Erzählstoff die germanische Kultur beinhalten, welche an Personen und Geschehnisse der Völkerwanderungszeit anknüpft. Inhalt der Dichtungen sind Helden mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten, die sich zu behaupten haben und Situationen überstehen müssen, die Normalsterbliche nicht bewältigen können. Im Mittelpunkt stehen Konflikte, die in solch einer Situation aufkommen und mit denen sich der Held auseinandersetzen muss. Er bekommt den Auftrag, sich zu opfern, wenn es für die Idealbilderfüllung des Menschen nötig ist.[2]

Als Sprossfabel der historischen Dietrichsage setzt das Hildebrandslied relativ wenige Vorkenntnisse über diese Sage voraus. Wegen seiner Geschichte, der Eigenart und der sprachlichen Form ist das Hildebrandslied, als altgermanisches Heldenlied von unersetzbarem Wert .[3] Hildebrand gilt als treuer Begleiter des aus dem Exil flüchtenden Dietrichs, der 30 Jahre zuvor von Odoaker vertrieben wurde. Damit ist das Lied ein frühes Zeugnis der Heimkehr Dietrichs.

Das Lied ist langobardischen Ursprungs, entstand also in Oberitalien zur Zeit der Völkerwanderung. Der Weg von dort führte nach Bayern und schließlich nach Fulda, wo es 840 im Kloster aufgezeichnet wurde. Zudem muss das Lied von zwei Autoren geschrieben worden sein, was man an der veränderten Handschrift in den mittleren Versen erkennen kann.[4]

Das ältere Hildebrandslied basiert auf ostgotischer Geschichte, in welcher Theodorich der Große, der im Lied mit „Theotrich“ identisch ist, von Odoaker, der dem „Otachere“ im Lied ähnelt, vertrieben und schließlich vor Ravenna besiegt wurde. Die gemeinsam vereinbarte Regentschaft Odoakers wollte Theodorich letztlich nicht akzeptieren und tötete diesen schließlich. Diesen Hintergrund erkennt man allerdings nicht im Lied. Hier wird lediglich auf die Flucht des Theodorich verwiesen, der durch Hildebrand begleitet wird. Diese Handlung reicht jedoch nicht, um als historischen Kern des Liedes zu fungieren.[5]

Im älteren Hildebrandslied wird das Thema „Vater-Sohn-Kampf“ behandelt, welcher auf der Heimkehr Hildebrands aus dem Exil und der Unwissenheit über das familiäre Verhältnis von Hadubrand basiert. Sagengeschichtlich ist dieser Erzählstoff ein Zeugnis der weltweit verbreiteten Tradition vom Vater-Sohn-Kampf.[6] Dieses Motiv tritt in einigen außergermanischen Dichtungen auf, allerdings unterscheiden sich diese Gerüste vom Hildebrandslied in der Hinsicht, dass sie die hier fehlende Vatersuche thematisieren.[7]

Hildebrand und Hadubrand treffen aufeinander, wobei der ältere Hildebrand um den Namen Hadubrands bittet. Darüber hinaus erfährt Hildebrand den Namen des Vaters von Hadubrand und damit stellt sich für ihn Hadubrand als seinen Sohn heraus. Zudem gibt Hadubrand Preis, was er von der Flucht seines Vaters vor Odoaker mit „Theotrihhe“, auch Dietrich von Bern, weiß. Außerdem behauptet Hadubrand, dass sein Vater tot sei. Hildebrand dagegen versichert, dass er sein Vater sei und bietet ihm einen Ring aus Kaisergold an. Hadubrand lehnt ihn allerdings mit der Beschimpfung als „alten Hunnen“[8] ab und bekräftigt die Aussage über den Tod seines Vaters aufgrund der Schiffsleute, die den Tod Hildebrands im Kampf zu wissen behaupten. Auf die Herausforderung Hadubrands zum Kampf, klagt Hildebrand vor Gott über sein Schicksal, entweder das eigene Kind zu töten oder von ihm getötet zu werden. Schließlich beginnt der Kampf mit dem Schleudern der Lanzen. Mitten im Kampf bricht das Lied in Vers 68 ab.[9]

Es herrscht ein innerer Konflikt, der typisch für Heldendichtungen ist und der hauptsächlich auf die Person Hildebrands übertragen wird. Es wird eine Entscheidung zwischen Pflichtgebot und Rechtsbewusstsein, Sippengefühl und Ehrgebot und auch zwischen Vaterliebe und Kriegerehre verlangt. Hildebrand würde bei einem Sieg wissentlich sein eigenes Geschlecht, durch die Tötung des Sohnes, auslöschen. Es besteht die Möglichkeit, dass Hadubrand die tragische Rolle in dem Lied trägt, da er blind vor dem Vater steht und durch sein Misstrauen, aber unwissentlich über sein Geschlecht, seinen eigenen Vater umbringen würde. Hildebrand dagegen verkörpert durch das bewusste Zulassen des Vater-Sohn-Kampfes, obwohl er über das Geschlecht seines Gegners Bescheid weiß, vielmehr die tragische Gestalt in dem Lied.[10]

Das Lied beinhaltet aufgrund der überlieferten Version christliche und heidnische Elemente, was einerseits die Anrufungen Gottes sind und andererseits das Schicksalsbewusstsein. Allerdings ist das Schicksalsbewusstsein in der heidnisch-germanischen-heroischen Denkweise verankert, während die Gottesanrufungen nur ein Zeichen der formalen Christlichkeit Hildebrands sind.[11]

Zur Sprache und zum Aufbau des älteren Hildebrandslied gibt es einige Besonderheiten zu nennen: Das Lied bricht nach einer Einleitung, einem Dialogteil, einem kurzen Handlungsteil und einem weiteren Dialogteil in Vers 68 ab. Daran erkennt man deutlich, dass der Dialogteil überwiegt. Weshalb das Lied abbricht, geht lediglich auf vage Vermutungen zurück. Die 68 fortlaufenden Verse sind nicht in Versform gehalten. Hauptsächlich ist das Lied als Stabreimform mit einigen Ausnahmen geschrieben.[12]

Sprachlich überwiegt das Althochdeutsch, jedoch treten auch altsächsisch-altbairische Mischformpassagen auf, was an der erst mündlichen Verbreitung und der späteren Niederschrift liegen kann. Zum einen kommt damit die ungeschickte Abschrift eines hochdeutschen Textes in eine Mischform zustande, zum anderen erhielten einige der Verse erst damit ihre Reinform.[13]

Abschließend ist zu erwähnen, dass das ältere Hildebrandslied in vielen weiteren Epen und Sagen aufgegriffen wird, unter anderem im jüngeren Hildebrandslied, jedoch wird nie auf eine gemeinsame Interpretation des Endes eingegangen. Damit liegen bis heute etliche, verschiedene Möglichkeiten vor, wie der Vater-Sohn-Kampf ausgegangen sein könnte.

2. Gattungseinordnung

Das ältere Hildebrandslied ist in die mittelhochdeutsche Gattung der Heldenepik, genauer der Heldenlieder, einzuordnen. Merkmale dieser Gattung kristallisieren sich im Lied eindeutig heraus. Diese sind der historische Kern, der auf einer historischen Begebenheit basiert, einige Aspekte der Mündlichkeit, sowie Aspekte der Schriftlichkeit. Außerdem handeln die Lieder von Personen aus der Völkerwanderungszeit. Zur Einleitung steht stets die Formel „Ik gihorta dat seggen...“, welche insbesondere die Verbreitung auf mündlicher Basis und damit die Tradition des Weitererzählens, bestätigen lässt.[14]

Die Helden in den Heldenliedern zeichnen sich durch besondere Kräfte und Stärken, sowie einen konfliktreichen Gedankengang aus. Je nach Kultur und Zeitalter wurden die Helden von verschiedenen Affekten bestimmt.[15] Im älteren Hildebrandslied kann davonausgegangen werden, dass Hildebrand den Verwandtenkampf aufgrund der Rachesuche Dietrichs an Odoaker zulässt, er also von Rache bestimmt ist. Hadubrand dagegen ist blind vor Gier, da er die schöne Rüstung seines angeblichen Vaters beneidet. Er sucht den Kampf aus Neid, Kriegerehre und Kampflust.

Der historische Kern ist ein wichtiges Merkmal der Heldenepik. Er bedeutet nicht, dass Heldenlieder als historische Quelle dienen.[16] Sie sind ein Zeichen des historischen Gedächtnisses und lediglich Personen und Ereignisse wahrer historischer Begebenheiten dienen als Umriss für ein Heldenlied. Im älteren Hildebrandslied sind diese Personen und Ereignisse der ostgotische König Theoderich der Große, auch Dietrich von Bern, und seine politischen Kämpfe, sowie der Römer Odoaker. Laut Exilsage kommt Theoderich aus Gefangenschaft zurück und soll, nach Auftrag von König Zenon, Odoaker aus Italien vertreiben und dort herrschen. Schließlich wird dieser von Theoderich in der Rabenschlucht „Ravenna“ getötet. Im älteren Hildebrandslied werden diese Ereignisse jedoch gegenteilig dargestellt und Theoderich/Dietrich von Bern wird als Flüchtender dargestellt, wobei Hildebrand mit ihm vor Odoaker flüchtet.[17] Er verlässt deshalb Frau und Kind und kann erst nach vielen Jahren aus dem Exil zurückkehren, woraufhin Hadubrand, sein Sohn, ihn nicht erkennt und ihm auch nicht glaubt.

Als weitere Merkmale der Heldenepik und in Bezug auf die Mündlichkeit sind die anonyme Überlieferung, die Reduktion historischer Hintergründe, die Assimilation bzw. Synchronisierung historischer Ereignisse und die Form anzuführen. Beim älteren Hildebrandslied werden diese Merkmale deutlich, da es keine Verfasser gibt und das Lied damit als anonyme Aufzeichnung im Kloster Fulda anzunehmen ist. Es stützt sich schließlich auf Sagenwissen und damit ebenfalls auf mündliche Überlieferungen und keine festen Zeugnisse. Das Reduzieren von historischen Hintergründen ist unverkennbar, da politische Konflikte zwischen Heeren auf den Vater-Sohn-Konflikt, also einen Zweikampf innerhalb einer Familie, heruntergebrochen werden. Dieser Konflikt kommt einem elementar-menschlichen Konflikt nahe, bewältigt damit den komplexen historischen Hintergrund durch Reduktion und ist so ein eindeutiges Gattungsmerkmal. Weiter ist das Motiv des Zweikampfes anstatt einem Kampf ganzer Heere beispielhaft für die Heldendichtung, da Ereignisse, die bedeutend sind für eine Gemeinschaftsbildung eines Stammes durch Einzelpersönlichkeiten ausgetragen werden.[18] Der vorliegende Kampf im Lied zwischen den Hunnen und den Oströmern ist ein ausschlaggebendes Ereignis in der Geschichte für die danach folgende Herrschaft Theoderichs über Italien. Hildebrand und Hadubrand sind die Helden und damit die Einzelpersönlichkeiten, die den Kampf und damit das wichtige Ereignis entscheiden. Sie vertreten die Kennzeichen solcher besonderen Persönlichkeiten, welche ein starker Körper, eine gute Gestalt oder Intellekt sind.[19]

Verschiedene Personen, verschiedener Zeiten und verschiedener Situationen werden gleichzeitig präsentiert und so gestaltet, dass es eine flüssige Erzählung gibt. Diese Assimilation, mehr die Synchronisierung verschiedener historischer Ereignisse, um diese in das traditionelle Erzählschemata einzubauen, wird im älteren Hildebrandslied durch die Handlungen Theoderichs und seine Exilsuche bei König Attila, welcher zu einer ganz anderen Zeit lebte und regierte, erkennbar. Ein weiteres Merkmal ist die Form der langzeiligen Stabreimverse. Diese Form wird auch im älteren Hildebrandslied vertreten. Durch die gebundenen Strophen gehörten die Heldenlieder damals zur gepflegten Poesie.[20]

Schließlich wird noch auf das letzte Merkmal, das sich auf die Schriftlichkeit bezieht eingegangen. Die Variantenbildung sagt aus, dass stets konkurrierende Wirklichkeitsversionen und konkurrierende Perspektiven auf Symbole gleichzeitig existieren. Beim behandelnden Beispiel stehen sich einerseits das Hörensagen, also wage Aussagen und die Evidenz, also das Unbezweifelbare, andererseits das Herkunftszeichen oder Geschenk und der Köder oder die Täuschungsfurcht gegenüber. Es können also verschiedene Ansätze aus dem Lied aufgefasst werden, die kontrastieren und variieren. Durch das Aufzeigen der verschiedenen Merkmale mit den Beispielen wird eindeutig, dass das ältere Hildebrandslied der Gattung Heldenepik untergeordnet werden darf.

3. Textstelle und Übersetzung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Düwel, Klaus: Hildebrandslied. Die deutsche Literatur des Mittelalters Verfasserlexikon, hg. von Kurt Ruh [u.a.], Band 3, Berlin/New York 2010, Sp. 1240.

[2] Wisniewski, Roswitha: Mittelalterliche Dietrichdichtung. Realien zur Literatur, in: Sammlung Metzler, Band 205, Stuttgart 1986, S. 1-2.

[3] Wisniewski, Roswitha: Mittelalterliche Dietrichdichtung. S. 113.

[4] Wisniewski, Roswitha: Mittelalterliche Dietrichdichtung. S. 112-113.

[5] Düwel, Klaus: Hildebrandslied. Sp. 1244.

[6] Wisniewski, Roswitha: Mittelalterliche Dietrichdichtung. S. 114.

[7] Düwel, Klaus: Hildebrandslied. Sp. 1244.

[8] Wisniewski, Roswitha: Mittelalterliche Dietrichdichtung. S. 113.

[9] ebd. S. 112-113.

[10] Düwe, Klausl: Hildebrandslied. Sp. 1247-1249.

[11] ebd. Sp.1247-1249.

[12] Lühr, Rosemarie: Studien zur Sprache des Hildebrandliedes. Teil I: Herkunft und Sprache, in: Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, Band 22, Frankfurt a. M., Bern 1982, S. 255.

[13] Ebd. S. 255.

[14] Abubaker Aslamzada: Das Hildebrandslied und die Besonderheit der Vater-Sohn-Konstellation. München, GRIN Verlag, 2017.

[15] Schmidt-Wiegand, Ruth: Hildebrandslied. https://www.hrgdigital.de/.download/pdf/hildebrandslied.pdf (letzter Abruf: 30.07.2018, 14:07).

[16] Abubaker Aslamzada: Das Hildebrandslied und die Besonderheit der Vater-Sohn-Konstellation.

[17] ebd.

[18] Schmidt-Wiegand, Ruth: Hildebrandslied. https://www.hrgdigital.de/.download/pdf/hildebrandslied.pdf (letzter Abruf: 29.07.2018, 14:07).

[19] ebd.

[20] Abubaker Aslamzada: Das Hildebrandslied und die Besonderheit der Vater-Sohn-Konstellation.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Hildebrandslied. Inwiefern wird der historische Kern im Vater-Sohn-Konflikt erkennbar und umgedeutet?
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V497608
ISBN (eBook)
9783346014610
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hildebrandslied, inwiefern, kern, vater-sohn-konflikt
Arbeit zitieren
Selina Steinich (Autor), 2018, Das Hildebrandslied. Inwiefern wird der historische Kern im Vater-Sohn-Konflikt erkennbar und umgedeutet?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497608

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Hildebrandslied. Inwiefern wird der historische Kern im Vater-Sohn-Konflikt erkennbar und umgedeutet?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden