Gattung: Briefroman. Goethes 'Die Leiden des jungen Werther'. Perspektive und zentrale Charakteristika.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
17 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Briefroman als solcher

3 „Die Leiden des jungen Werther“ als Beispiel eines Briefromans
3.1 Die Perspektive des Briefromans
3.2 Charakteristika des „Werther“ als Briefroman
3.3 Vergleich mit anderen Briefromanen des 18. Jahrhunderts

4 Schlussbemerkungen

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Leiden des jungen Werther“ ist ein Briefroman von Johann Wolfgang von Goethe, erstmalig erschienen 1774, als überarbeitete Fassung im Jahre 1787. Sein Erscheinen ist ein für die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts denkwürdiges Ereignis, dessen herausragende Wirkung sich nicht nur aus dem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Inhalt und dem Selbstmord des Helden ergibt, sondern aus der großen Identifikation vieler Leser mit Werther. Vor allem unter den Jugendlichen brach ein regelrechtes „Werther-Fieber“ aus, das Werther zu einer Kultfigur werden ließ. Es gab unter anderem die Werther-Mode (gelbe Hose, gelbe Weste, blauer Rock) und sogar ein Eau de Werther. Der Roman galt als Initialzündung der Empfindsamkeit in der Literatur, aber auch als Schlüsselroman des Sturm und Drang, wurde in für damalige Zeiten sehr hohen Auflagen gedruckt und war Mitauslöser der so genannten „Lesesucht“.

Literarisch gesehen schuf Goethe mit „Die Leiden des jungen Werther“ das erste deutsche Werk von Weltgeltung und erwarb sich bleibenden weltliterarischen Ruhm.[1]

Wesentlich für den „Werther“ ist das Bemühen um die Ich-Identität eines Helden, die mit der ihn umgebenden modernen, konfliktzerrissenen Welt dargestellt wird. Dieses Ich

„ringt um seine Identität, weil es sich von Gesellschaft umstellt weiß. In die Mitte genommen von den Sanktionen, die ihm drohen, wenn es seine vitalen Wünsche ausleben will, bedrängt von den Normierungszwängen, von Moral und den Institutionen des Über-Ich, hält es sich mühevoll im Gleichgewicht“.[2]

Zentral für diese Fokussierung auf ein Ich und seine Identitätsbemühungen ist die Briefform des Romans. Im Folgenden soll der „Werther“ auf die zentralen Merkmale der Briefform bezogen werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie die Perspektive des Briefromans gerade auf die in ihr angelegte Ich-Identität des „Werther“ bezogen werden kann. Dabei geht es auch um einen kurzen Vergleich des „Werther“ mit anderen Briefromanen des 18. Jahrhunderts. In Kapitel 2 dieser Arbeit sollen zunächst ein kurzer theoretischer Abriss der Geschichte und wesentliche Merkmale des Briefromans dargelegt werden. Im 3. Kapitel wird die Perspektive des Briefromans im „Werther“ dargestellt und es werden zentrale Charakteristika herausgearbeitet. Mit einigen kurzen Bemerkungen schließt die Arbeit ab.

2 Der Briefroman als solcher

Bei einem Briefroman handelt es sich um eine Sonderform des Romans, die als Abfolge bzw. Wechsel von fingierten Briefen eines bzw. einer oder mehrerer Korrespondent(inn)en komponiert ist. Diese Briefe werden dabei zum Teil durch andere autobiographische Zeugnisse (Tagbuchnotizen) oder Kommentare eines „Herausgebers“ ergänzt. Zwar gab es schon im 13. Jahrhundert literarisch verarbeitete Briefwechsel, so z.B. den Briefwechsel zwischen Abelard und Heloise - eingebunden in Jean de Meun's Roman de la Rose (1280)-, aber der eigentliche Briefroman entstand aus den Ansätzen des französischen höfischen Romans des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert setzte sich der Briefroman mit Montesquieus „Lettres Persanes“, Samuel Richardsons „Epistolary novels“ und Rousseaus „Novelle Heloise“ als anerkannte Romanform durch.[3] Die Blütezeit des Briefromans war das 18. Jh. Bereits um 1780 war jeder dritte neu veröffentlichte Roman ein Briefroman. In Deutschland wurde z.B. der Briefroman „Fräulein von Sternheim“ (1771) von Sophie La Roche veröffentlicht, jedoch weist Honnefelder darauf hin, dass es eine rein deutsche Tradition des Briefromans nicht gibt.[4]

Charakteristisch für einen Briefroman ist die Tatsache, dass nicht mehr der Erzähler das Geschehen schildert, sondern die Figuren in Briefen und Dialogen selbst zu Wort kommen. Der Autor eines Briefromans hatte damit die Möglichkeit, sich vom allwissenden Erzähler zu lösen und den Anschein von Authentizität zu erwecken. Da das Geschehen scheinbar nach nur kurzer zeitlicher Distanz aufgezeichnet wird, entsteht die Fiktion, dass die Helden ihre seelischen Regungen unreflektiert wiedergeben. So lässt sich der Abstand zwischen Erleben und Schreiben auf ein Minimum verringern:

Die Begebenheiten erscheinen nicht als episch Vergangenes, sondern als von den Briefe schreibenden Personen als soeben Erlebtes und in der brieflichen Mitteilung Gegenwärtiges.[5]

Damit verbunden ist eine Ausrichtung des Textes auf die innere Einstellung dieser Personen im Sinne einer intimen Selbstdarstellung. Konflikte und Empfindungen werden dabei aus der Perspektive der Briefeschreiber dargestellt.

Das erzähltheoretische Potential des Briefromans besteht deshalb in einer von der subjektiven Position eines Individuums gestalteten Beziehung zur Umwelt und zu anderen Personen. Diese Beziehung kann durchaus den Charakter von Erwiderungen in einem Dialog annehmen und damit ein den dramatischen Texten nicht unähnliches Kommunikationsschema aufweisen.[6] Für den Leser wird das Geschehen dabei in einem Brief scheinbar unmittelbar übermittelt, jeder einzelne Brief ist somit Selbstdarstellung des Schreibers und zugleich subjektive Fremdcharakterisierung anderer fiktiver Figuren.[7]

Die große Popularität des Briefromans im 18. Jahrhundert war verbunden mit einer zunehmenden Individualisierung der bürgerlichen Gesellschaft, die begonnen hatte, sich wichtig zu nehmen und in ihrem veränderten Selbstverständnis auch ihre Gefühle wichtig nahm, ja ein sentimentaler Gefühlskult populär wurde, in dem es zu einer Steigerung des privaten Briefwechsels und des Tagebuchtschreibens kam. Die eigenen Empfindungen waren aber nun mal Gleichdenkenden und -fühlenden am authentischsten über die Briefform zugänglich. Dabei wurden Selbstreflexion und subjektive Wirklichkeitswahrnehmung zu Kommunikationsinhalten. Wichtig war die Thematisierung der eigenen Identität und der sozialen Beziehung zur Umwelt. Die Briefe eines Briefromans waren daher keine an bestimmte Festlegungen und Konventionen gebundene starre Formen, sondern freie Mitteilungen eines selbstreflexiven und empfindenden Subjekts. Briefe wurden nicht geschrieben, um etwas mitzuteilen, sondern um sich selbst mitzuteilen. Der Brief diente als Medium der Gefühlserkundung, Gefühlsverfeinerung und Gefühlsübermittlung. Diese Perspektive war beeinflusst von der im 18. Jahrhundert vorherrschenden Empfindsamkeit. Hierbei ging es, als Ausgleich zur von der Aufklärung geforderten Lehrhaftigkeit, darum, moralische oder religiöse Gefühle darzustellen und zu wecken.[8]

Mit dieser Popularität des Briefromans im 18. Jahrhundert ist für Heilmann eine Krise der Aufklärung verbunden. Die im Briefroman dargestellten empfindsam-moralischen Ansprüche eines Subjektes sind dabei den Konzepten und Ansprüchen normativer Moral der Aufklärung entgegengesetzt. Der Briefroman ist für Heilmann daher durch ein ambitioniertes und hochbewusstes wie prekäres Verhältnis zu den überlieferten Sinnangeboten geprägt, womit die tradierten weltanschaulichen Prämissen bisher dargestellter Weltverständnisse überprüft und in Frage gestellt werden.[9]

Auffallendes Wesensmerkmal der Gattung Briefroman ist ihre besonderes Leserorientiertheit und Leserangewiesenheit. Diese bezeichnet Vosskamp als „doppelte Funktion des Lesers“[10]. Die Leseraktivität beim Briefroman impliziere die wahrnehmende Identifikation und mitschaffende Reaktion, die sich aus den fragmentarisch vermittelten Ereignissen auf der Briefebene ergebe, zum anderen geht es um die gleichzeitige Distanzierung des Lesers von dem Geschehen, die nun wiederum auf die als „Reflexionsstufe“ funktionalisierte zweite Fiktionsebene zurückgeführt werde.[11] Aufgrund dieser Gefühlsübermittelung und offeneren und subtileren Selbstdarstellung eines Ichs hat der empfindende Leser dabei die Möglichkeit, sich ganz auf das Geschehen einzulassen, denkend und fühlend mitzuerleben und -gestalten.[12] Mit dem Einblick in die intime seelische Welt des Helden wird der Leser als Teil des vertrauten Freundeskreises um den Helden angesprochen.[13] Damit macht der Autor den Leser zum Vertrauten und ermöglicht eine unmittelbarere Anteilnahme der Lesenden am Geschehen, die sogar zu einer distanzlosen Identifikation führen kann.

Charakteristisch für einen Briefroman ist weiterhin die besondere Zeitstruktur des Erzählten. Entscheidend für Personalisierung des Ich-Erzählers ist die zeit-räumliche Distanz zum Erlebten. Dies bedeutet, dass durch die Briefe kein kontinuierliches erzähltes Geschehen entsteht. Dabei muss der Autor eines Briefromans daher keinen fortlaufenden Bericht schreiben, sondern der Held bewegt sich in den Briefinhalten von Höhepunkt zu Höhepunkt. Die Briefe bilden eine fortgesetzte Reihe von Empfindungsbildern, von „Spiegelungen der Seele“. Einzelne Elemente der „Handlung“ werden in einen kausalen Zusammenhang gebracht, um eine gewisse Ordnung im Roman aufrecht zu erhalten.[14]

[...]


[1] Vgl. Müller 1969, S. 5.

[2] Blessin 1996, S. 60.

[3] Vgl. Engel 1988, S. 41.

[4] Vgl. Honnefelder 1975, S. 79 ff.

[5] Picard 1971, S. 11.

[6] Vgl. Moravetz 1990, S. 25.

[7] Vgl. ebd., S. 26.

[8] Vgl. Rumpf 1997, S. 32.

[9] Vgl. Heilmann 1992, S. 2-3.

[10] Vgl. hier und im Folgenden Vosskamp 1971, S. 109 ff.

[11] Ebd.

[12] Maier 2004, o.S.

[13] Vgl. Engel 1988, S. 42.

[14] Vgl. Engel 1988, S. 41.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gattung: Briefroman. Goethes 'Die Leiden des jungen Werther'. Perspektive und zentrale Charakteristika.
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Goethe und der Roman. Von Werther bis Wilhelm Meister.
Note
1,0
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V49763
ISBN (eBook)
9783638461269
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Erfreulich präzise Beschreibung der Gattungsfrage (auch sprachlich) und intensive Verwendung der Forschungsliteratur. DIe Eigenart des Goetheschen "Werther" wird vor diesem Hintergrund guterfaßt. Daher: Sehr gut.
Schlagworte
Goethes, Leiden, Werther, Beispiel, Briefroman, Hauptseminar, Roman, Wilhelm, Meister, Thema Die Leiden des jungen Werther
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Gattung: Briefroman. Goethes 'Die Leiden des jungen Werther'. Perspektive und zentrale Charakteristika., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49763

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