Das Bewusstsein ausreiten. Szenische Interpretation mit Primaner und Primanerinnen der Novelle "Die Unbeholfenen" von Botho Strauss


Diplomarbeit, 2009
72 Seiten, Note: 5.5 (CH)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 DIE UNBEHOLFENEN
2.1 ZUM INHALT
2.2 ZUM AUTOR
2.3 ZUR REZEPTION

3 DIE LITERARISCHE INTERPRETATION
3.1 DIE FORM
3.1.1 Kursiv gedruckte Begriffe
3.1.2 Ist es eine Novelle?
3.2 DIE DRAMATISCHE STRUKTUR DES TEXTES
3.2.1 Exposition und erregende Momente
3.2.2 Steigerung
3.2.3 Hauptthema
3.2.4 Peripetie
3.2.5 Auflösung
3.3 DIE ORTE DER HANDLUNG
3.4 DIE ERZÄHLTE ZEIT
3.5 ERZÄHLHALTUNG UND –TECHNIK
3.6 DIE FIGUREN
3.6.1 Florian Lackner
3.6.2 Albrecht
3.6.3 Elena und Ilona, die Zwillinge
3.6.4 Nadja
3.6.5 Der Hausfreund Romero
3.6.6 Die Mutter, später genannt Veneranda
3.7 RÄUME UND GEGENSTÄNDE
3.7.1 Die Metapher Haus 24
3.7.2 Die Metapher Kronleuchter 24
3.8 ZUSAMMENFASSUNG
3.8.1 Das Bewusstsein
3.8.2 Die Kluft zwischen menschlichem Bewusstsein und menschlichem Verhalten

4 DIE SZENISCHE INTERPRETATION
4.1 METHODISCHE VERFAHREN
4.2 didaktische aspekte
4.2.1 Szenenauswahl
4.2.2 Auseinandersetzung mit den Figuren und deren Detailerarbeitung
4.2.3 Heranführung durch Vorstellung der Räume und Szenen
4.2.4 Die Veranschaulichung der Erzählperspektive
4.2.5 Die Entfaltung der Mehrperspektivität
4.2.6 Die Interpretation und Nachbearbeitung

5 UNTERRICHTSSKIZZE
5.1 EXEMPLARISCHER LEKTIONSAUFBAU
5.2 DIDAKTISCHE ANALYSE
5.2.1 Szenenwahl
5.2.2 Erste Eindrücke
5.2.3 Szenen- und Figurenwahl. Einfühlung in die Figuren. Schriftliches Porträt
5.2.4 Diskussion über die Figuren
5.2.5 Schriftliche Interpretation der Szene
5.2.6 Szenisches Spiel: Warming up
5.2.7 Erproben des Szenespiels
5.2.8 Präsentation und Rückfragen
5.2.9 Diskussion
5.2.10 Klausurvorschläge

6 SCHLUSSBEMERKUNG

7 LITERATURLISTE

8 ANHANG
ANHANG I: PERSONEN, THEMEN UND HANDLUNGEN
(Seite für Seite)
ANHANG II: SZENENAUFTEILUNG
ANHANG III: LISTE DER KURSIV GEDRUCKTEN BEGRIFFE
ANHANG IV: BEGRIFFE UND NAMEN, DIE VORKOMMEN (fortlaufend)

ABSTRACT

Gegenstand der Arbeit ist das Werk von Botho Strauss Die Unbeholfenen, dessen szenische Interpretation als beste Lösung zur Behandlung schwieriger Textvorlagen im Deutschunterricht auf der Sekundarstufe II vorgeschlagen wird.

Das Werk von Botho Strauss Die Unbeholfenen ist im Herbst 2007 im Carl Hanser Verlag in München erschienen.

Der Inhalt dieser Bewusstseinsnovelle ist sehr schnell erzählt. Der Ich-Erzähler, Florian, besucht zum ersten Mal seine neue Freundin Nadja in ihrer Wohnung, die sie mit den Geschwistern Albrecht, Elena und Ilona teilt. Bei seiner Ankunft findet Florian alle Geschwister vor, zudem noch den Ex-Freund Nadjas, Romero. Im Gegensatz zu Albrecht, Ilona und Elena, die der Erzähler sofort ins Herz geschlossen hat, verspürt er gegen Romero eine heftige Abneigung. An diesem Abend erfährt der Ich-Erzähler auch, dass Albert 20 Jahre alt war, als er seine Geschwister überzeugte, ohne die Eltern zu leben. Die Geschwister verbannten die Eltern aus dem Haus und lösten jede Verbindung mit ihnen. Zum Zeitpunkt der Erzählung hatten Albrecht und seine Schwestern ihre Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. Da taucht plötzlich die Mutter auf, weil sie Sehnsucht nach ihren Kindern hat. Ihr Mann ist erst kürzlich gestorben, sie möchte ihre Kinder sehen. Per SMS bittet sie Ilona um Einlass. Auf diese Botschaft reagieren die anderen panikartig. Sie verriegeln die Fenster und ziehen die Vorhänge zu.

Botho Strauss (geboren 1944 in Naumburg an der Saale) gehört zu den erfolgreichsten und meistgespielten deutschen Dramatikern auf deutschen Bühnen. Neben Theaterstücken schreibt er auch Erzählungen, Romane und Essays.

Den Einstieg der Arbeit macht die literarische Interpretation, die vor allem von den Figuren her analysiert wird. Darauf folgt die Präsentation der szenischen Interpretation, in der die Methoden und die didaktischen Aspekte dieser Einführung Bestandteil sind. Die Unterrichtsskizze mit exemplarischem Lektionsaufbau – tabellarisch aufgezeichnet – geht auf die konkrete Umsetzung der szenischen Interpretation ein und erläutert in der didaktischen Analyse die einzelnen Schritte der Lektionen. In einer Schlussbemerkung wird auf den qualitativen Gehalt von Die Unbeholfenen eingegangen im Hinblick auf eine eventuelle Aufnahme der Novelle in den Kanon der Pflichtlektüre der Maturanden.

1 EINLEITUNG

Im Rahmen des Studienganges Sekundarstufe II der Pädagogischen Hochschule stellte ich in der Fachdidaktik für den Leistungsausweis NeuerscheinungenDie Unbeholfenen von Botho Strauss vor. Ich wählte diese Bewusstseinsnovelle – so heisst der Untertitel – , weil sie erstens das neueste Werk von Strauss war, und zweitens, weil ich vor langer Zeit mit Theorie der Drohung - ebenfalls von Strauss - bereits einmal einen Interpretationsversuch gemacht hatte. Damals liess ich es beim Versuch bewenden, da ich den Zugang zu Strauss’ Erzählung nicht gefunden hatte. Doch war damit für mich das Kapitel Botho Strauss noch nicht abgeschlossen und deshalb wohl kein Zufall, dass ich auf eine viel versprechende Rezension über Die Unbeholfenen von Charles Linsmayer in Der Bund vom 6. Oktober 2007 gestossen war, der mich bewog, dieses Buch für den besagten Leistungsausweis auszuwählen.

Aber auch dieses Mal – Jahre später nach dem ersten Versuch – macht es Strauss mir nicht leicht. Zwar lassen Die Unbeholfenen zu Beginn auf eine durchschaubare Geschichte schliessen, zumindest auf den ersten Seiten, die Geschichte führte mich jedoch nicht zum erwarteten Beziehungskonflikt, sondern zu verbalen Duellen verschiedenster Themen – unter anderem auch dasjenige der Bewusstseinskrise. Die Gespräche, die eigentlich Monologe sind, enthalten interessante Aussagen zu aktuellen Themen unseres Daseins wie: Ästhetik, Bildung der Bewusstseinsbildung, Demokratie, Familie, Gesellschaft, Internet, Körperkult, Liebesbeziehungen, Materialismus und Technologie. Aus diesen Themen ergaben sich unzählige Fragen, die ich auf die wichtigsten reduzierte:

- Warum nennt Strauss die Geschichte im Untertitel eineBewusstseinsnovelle ? Verknüpft sich damit eine neue Information über ein neues Bewusstsein?
- Ist die Geschichte eine Bestandesaufnahme unseres Bewusstseinszustandes?
- Was machen die Figuren?
Neben den interpretatorischen kommen die Fragen zur didaktischen Verwendung im Gymnasium hinzu:
- Kann man Die Unbeholfenen Primanerinnen und Primanern zumuten?
- Wie begründe ich die Wahl zu diesem Text? Botho Strauss als Lektüre zu wählen, ist ein mutiges Unterfangen, denn Botho Strauss ist prinzipiell selbst für mich als Lehrperson nicht einfach zu lesen, geschweige denn für die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.
- Wie kann ich diesen Text den Primanerinnen und Primanern vermitteln?

Da der Text vor allem aus Behauptungen, Erklärungen oder Betrachtungen besteht, war es für mich nahe liegend, bei der Präsentation von Die Unbeholfenen die Zuhörenden – meine Kollegen und Kolleginnen – mitwirken zu lassen, um die Atmosphäre dieses Werks zu veranschaulichen. Das Mitmachen bestand aus einer einfachen szenischen Darstellung, das heisst jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin sollte entweder einen Satz sprechen und gleichzeitig den Raum abschreiten oder in einer Gruppe stehen und den Satz den anderen in der Gruppe zurufen oder umhergehen und ab und zu bei einer Gruppe stehen bleiben und den Satz als „Gesprächsbeitrag“ einbringen.

Die Reaktionen auf diese Übung gaben mir die Idee, eine ausgefeilte, differenziert ausgearbeitete, szenische Interpretation der Unbeholfenen als Unterrichtshilfe zum Thema meiner Diplomarbeit zu machen.

Mittlerweile bin ich zur Überzeugung gelangt, dass man dieses Werk Primanerinnen und Primanern nur über die szenische Interpretation vermitteln kann. Indem ich diese interpretatorisch schwierige Erzählung szenisch umsetze, hoffe ich, damit auch eine Bresche fürs In-Angriff-Nehmen weiterer relativ komplizierter Werke in Gymnasien zu schlagen.

Im ersten Teil dieser Arbeit ist die literarische Interpretation Gegenstand der Untersuchung. Den Einstieg machen die Werkpräsentation (2) und eine Zusammenfassung des Inhalts (2.1), auf die eine Kurzbiographie des Autors (2.2) und einige Kritiken (2.3) folgen. Danach kommt die eigentliche literarische Interpretation (3) mit der Untersuchung der Form (3.1), der inhaltlichen Struktur (3.2) sowie des Orts (3.3) und der Zeit (3.4) der Handlung. Die Erzählhaltung (3.5), die Figuren (3.6) und die Räume mit den Gegenständen (3.7) werden im Anschluss daran erörtert. Eine Zusammenfassung (3.8) bildet den Abschluss der literarischen Interpretation.

In der szenischen Interpretation (4) wird gezeigt, wie der Zugang zum Text erleichtert werden kann. Dabei werden vorerst die Methoden (4.1) und die didaktischen Aspekte (4.2) aufgeführt. Die Unterrichtsskizze (5) mit exemplarischem Lektionsaufbau (5.1) geht konkret auf die Umsetzung der szenischen Interpretation ein und die didaktische Analyse (5.2) erläutert die einzelnen Schritte der Lektionen. Der Schlussbemerkung (6) folgen die Literaturliste (7) und der Anhang (8).

Alle Zitate sind eingerückt und in kursiver Schrift mit Ausnahme derjenigen, die im Text integriert sind. Personen und Titel von Werken sind ebenfalls kursiv gedruckt.

Ich möchte in diesem Zusammenhang meiner Tutorin Gaby Grossen ganz herzlich für ihre wohlwollende und konstruktiv-kritische Unterstützung danken.

Ich danke im Besonderen Regula Bühler für ihre Bereitschaft, mir mit guten Tipps aus theaterpädagogischer Sicht auszuhelfen, und Heidi Stucki für die Durchsicht.

2. DIE UNBEHOLFENEN

Das Werk von Botho Strauss Die Unbeholfenen ist im Herbst 2007 im Carl Hanser Verlag in München erschienen. Seit Erscheinen hat es unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Eine Auswahl davon wird im Abschnitt 2.3 zitiert. Welchen Stellenwert das Werk innerhalb des Gesamtwerks von Botho Strauss hat, dies zu beurteilen, geht über die Möglichkeiten dieser Arbeit hinaus. Von den Themen her, kann es als Rundumschlag in Bezug auf die Fragen der abendländischen Kultur und Gesellschaft im 21. Jahrhundert betrachtet werden. Und dass die Bewusstseinskrise thematisiert wird, die ja besonders in der frühen Moderne, also vor ziemlich genau 100 Jahren, die Schriftsteller und Künstler bewegt hat, könnte als Rückblick auf die existenziellen Problemstellungen der damaligen Zeit und damit auch als Grundlage dienen für die Aufgaben, die in Zukunft auf uns zukommen und die wir zu bewältigen haben.

2.1 ZUM INHALT

Der Inhalt dieser Bewusstseinsnovelle, wie sie Botho Strauss nennt, ist sehr schnell erzählt. Der Ich-Erzähler, Florian Lackner, 40 Jahre alt, besucht zum ersten Mal seine neue Freundin Nadja, 27 Jahre, in ihrer Wohnung, die sie mit den Geschwistern Albrecht, Elena und Ilona teilt. Bei seiner Ankunft findet Florian alle Geschwister vor, zudem noch den Ex-Freund Nadjas, Romero. Im Gegensatz zu Albrecht, Ilona und Elena, die der Erzähler sofort ins Herz geschlossen hat, verspürt er gegen Romero eine heftige Abneigung.

„Aha“, dachte ich beim Lesen, „es geht um eine Dreiecksgeschichte!“ Die Geschichte führte mich jedoch nicht in die erwartete Beziehungsverwicklung, sondern in hochintellektuelle, verbale Duelle verschiedenster Themen wie Liebe, Internet, Ökologie, Technologie, Ästhetik, Körperkult, usw. Der Ort, wo die Wortfechterei stattfindet, ist ein Saal mit gebogenen Fenstern, eine Art Foyer. Während der Debatten pendeln die Figuren zwischen „Speaker Corner“ und ihren Privatzimmern hin und her.

An diesem Abend erfährt der Ich-Erzähler, dass Albert 20 Jahre alt war, als er seine Geschwister überzeugte, ohne die Eltern zu leben. Die Geschwister verbannten die Eltern aus dem Haus und lösten jede Verbindung mit ihnen. Zum Zeitpunkt der Erzählung hatten Albrecht und seine Schwestern ihre Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. Da taucht plötzlich die Mutter auf, weil sie Sehnsucht nach ihren Kindern hat. Ihr Mann ist erst kürzlich gestorben, sie möchte ihre Kinder sehen. Per SMS bittet sie Ilona um Einlass. Auf diese Botschaft reagieren die anderen panikartig. Sie verriegeln die Fenster und ziehen die Vorhänge zu.

Nach diesem Zwischenfall beginnen die Auseinandersetzungen um die Frage, ob eine Bewusstseinskrise heutzutage stattfinden kann, und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Diese Reden ziehen sich hin, bis ganz unvermittelt Ilona, die Gehörlose, Florian per SMS bittet, zum Hotel mitzugehen, wo die verschmähte Mutter abgestiegen ist. Florian verlässt mit Ilona das Haus und begleitet sie zur Mutter. Dort lässt er sich auf ein Liebesspiel mit den zwei Frauen ein. Als er am nächsten Tag zur Gemeinschaft zurückkehrt, hat sich alles verändert. Die Mutter ist da, bietet Pflaumenkuchen an – es wird gegessen! - und alle akzeptieren sie nun – nicht als Elternteil – sondern als Geliebte Florians.

2.2 ZUM AUTOR

Botho Strauss gehört zu den erfolgreichsten und meistgespielten deutschen Dramatikern auf deutschen Bühnen. Neben Theaterstücken schreibt er auch Erzählungen, Romane und Essays. Botho Strauss wurde am 2. Dezember 1944 in Naumburg an der Saale als Sohn eines Chemikers geboren. 1950 verliess die Familie die damalige DDR und zog nach Bad Ems im westdeutschen Bundesland Rheinland-Pfalz. 1964 begann Strauss Germanistik, Theatergeschichte und Soziologie zunächst in Köln, dann in München zu studieren. Nach einigen Semestern brach er aber sein Studium ohne Abschluss ab. 1967 erschien der erste Artikel in der Zeitschrift Theater heute, die Strauss als freien Mitarbeiter beschäftigte. Ein Jahr später wurde er Redaktor bei Theater heute. 1970 begann seine dramaturgische Mitarbeit an der neu gegründeten Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin. 1972 wurde sein erstes Theaterstück Die Hypochonder im Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt. Seither veröffentlichte er quasi im jährlichen Rhythmus entweder ein Theaterstück, einen Erzählband oder einen Roman, unter anderem, Marlenes Schwester (1975), Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle (1974), Trilogie des Wiedersehens (1976), Die Widmung (1977), Gross und Klein (1978), Rumor (1980), Kalldewey, Farce (1981), Paare, Passanten (1981), Der Park (1983), Der junge Mann (1984), Die Fremdenführerin (1986), Das Sparschwein (1987), Niemand anderes (1987), Besucher (1988), Sieben Türen (1988), Kongress. Die Kette der Demütigungen (1989), Über Liebe (1989), Angelas Kleider (1991), Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie. 1992), Das Gleichgewicht (1993), Wohnen, Dämmern, Lügen (1994), Ithaka (1996), Die Fehler des Kopisten (1997), Der Kuss des Vergessens (1998), Die Gebärdensammler (1999), Das Partikular (2000), Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia (2001), Der Untenstehende auf Zehenspitzen (2004), Die eine und die andere (2005), Mikado (2006), Die Unbeholfenen (2007). Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Zahlreich sind die Auszeichnungen: Förderpreis zum Schiller-Gedächtnispreis (1977), Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1981), Mülheimer Dramatikerpreis (1982), Jean-Paul-Preis (1987), Georg-Büchner-Preis (1989), Theaterpreis Berlin (1993), Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg (2001), Schiller-Gedächtnispreis (2007).

Botho Strauss lebt heute in Berlin und in der Uckermark.

2.3 ZUR REZEPTION

Nikolaus Dominik von der Stuttgarter Zeitung interpretiert Die Unbeholfenen so:

„Galt zunächst für die Protagonisten der intellektuelle Status - keine Eltern, keine Kinder. Kein Vorher, kein Nachher. ... wird als unerhörte Begebenheit auf überraschende Weise das Mutterprinzip in die Runde eingeführt. Die Mutter erfährt durch den Erzähler der Novelle eine Verjüngung zur Geliebten und findet zu ihren plötzlich veränderten Kindern zurück.“[1]

Helmut Böttger wiederum sagt im Radiofeuilleton unter der Rubrik Kritik [2]:

„... Der Text von Botho Strauß ist das Ergebnis einer Krise. Denn er erzählt nicht mehr. Er erzählt jedenfalls ganz anders als die drei Geistesverwandten Kleist, Novalis und Hofmannsthal, auf die Strauß sich beruft. Über weite Strecken ist Die Unbeholfenen ein philosophisches Gespräch, das von kurzen Regieanweisungen unterbrochen wird ...“

In der Rezensionsnotiz von Jens Jessen in Die Zeit vom 13.09.2007 erschliesst sich nicht ganz, wie ernst Jessen dieses Buch genommen, wahrscheinlich aber nicht ganz unberührt gelassen hat:

„.. Botho Strauß lässt in seiner Novelle eine von allen psychologischen Wahrscheinlichkeiten befreite philosophische Großdebatte führen. Themen sind wie üblich bei Strauß der Hass auf die Medien und die Klage über unsere Gegenwart ...“

Peter Mohr[3] meint zu Die Unbeholfenen:

„... Der exzentrische Nonkonformist Botho Strauß, der zur Melancholie neigende erzählerische Philosoph und vehemente Zeitgeistkritiker, hat eine „Bewußtseinsnovelle“ von gerade einmal 120 Seiten vorgelegt und liefert darin Denkanstöße, die ihrerseits Stoff für mehrbändige Abhandlungen hergeben [...]

... Dieses Buch erinnert an ein philosophisches Oberseminar, an ein Repetitorium, in dem auf ein Stichwort das angelernte Wissen brav referiert wird. Schauplatz dieser sonderbaren Schule für Hochleistungsdenker ist ein verlassenes Haus in einem Gewerbegebiet, das von vier Geschwistern bewohnt wird, die sich früh von ihren Eltern getrennt und in eine selbstgewählte Isolation begeben haben. Einziger Gast in der Runde ist Roberto, der verflossene Liebhaber von Nadja, der ältesten von drei Schwestern. [...] Das ist die Hardcore-Version des Straußschen Denkens, und doch kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass der Autor diesen intellektuellen Phrasendreschern mit einer gehörigen Portion Ironie begegnet. Schließlich findet in dieser Runde kein Diskurs statt, sondern alle denken gleichgeschaltet, ...“ -

„... Hat Botho Strauß, der einst selbst in der Abgeschiedenheit der Uckermark ein beinahe isoliertes Leben führte, sein eigenes Dasein, sein elitäres Denken vielstimmig und mit reichlich Ironie Revue passieren lassen? Durchlebt der Autorim Gleichschritt mit seinen Figuren die viel zitierte Bewußtseinskrise? [...]

... Unendlich viele Fragen türmen sich nach der Lektüre von Botho Strauß’ Die Unbeholfenen auf. Ein Buch, das für einen (wertkonservativen) intellektuellen Zirkel taugt, aber nur für einen, in dem auch Widerspruch erlaubt ist.“

Charles Linsmayer[4] nennt die Tätigkeit, die Nadja, ihre Geschwister und Romero ausüben einander „Gedankensplitter zuwerfen.“ Er sieht den Grund der Zurückgezogenheit dieser Menschen darin, „... in einer Gruppendiskussion ihr Bewusstsein zu trainieren.“

„... Die Unbeholfenen, wie sein neues, im Untertitel beziehungsvoll Bewusstseinsnovelle genanntes Buch heisst, liefert nun, sarkastisch relativiert, etwas wie das Protokoll einer Gesprächsrunde zu diesem und anderen Themen nach, bettet das Ganze aber doch so in eine Rahmengeschichte hinein, dass – mit knapper Not – von einer Novelle gesprochen werden kann.“

Meine erste Kritik an Die Unbeholfenen: Es ist mühsam eine Geschichte lesen zu müssen, die voll von Hinweisen auf Autoren und Philosophen ist. Zwar war meine erste Reaktion auf die erwähnten Begriffe und Persönlichkeiten Bewunderung und Respekt ob solch bemerkenswerter Allgemeinbildung. Beim zweiten Lesen hatte ich einen gegenteiligen Eindruck: Es störte mich, dass Botho Strauss sein ausnehmend grosses Wissen den Lesenden unter die Nase rieb. Doch nach sorgfältigrem Studium, sehe ich ein, dass er damit ein Zeichen setzen will: Universalgelehrte wie zum Beispiel Erasmus von Rotterdam kann es heutzutage gar nicht mehr geben. Zu sehr sind wir mit dem Wissen der ganzen Welt vernetzt. Es gibt zu viele Publikationen und Forschungsergebnisse, als dass ein einzelner Mensch die Übersicht darüber haben könnte. Und was nützt uns all dieses Wissen, wenn wir unser Bewusstsein nicht erforscht haben?

3. DIE LITERARISCHE INTERPRETATION

Die philosophische Auseinandersetzung, die sich meistens aus der Lektüre ergibt, wird im Zusammenhang mit der literarischen Interpretation vollzogen, aber die angegangenen Fragestellungen auch noch philosophisch zu betrachten, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Eine Möglichkeit würde bestehen, gemeinsam mit den Dozierenden, die Philosophie unterrichten, ein Projekt zu planen, das wird aber hier nicht erörtert.

Interpretatorisch behandle ich vor allem die Figuren, weil es bei einem solchen Text leichter ist, den Text von den Figuren aus analysieren zu lernen. Die Begründung dazu werde ich im didaktischen Teil darlegen. In der Zusammenfassung wird versucht, die Themen, die Figuren, den Handlungsverlauf sowie den Schluss auf einen Nenner zu bringen.

3.1 DIE FORM

Auf den ersten Blick scheint die Novelle ohne bestimmte Struktur. Die Distanz zwischen den Zeilen beträgt einen einfachen Zeilenabstand und der Text ist in Abschnitte aufgeteilt. Beim zweiten Blick erkennt man neben den Einzeilenabständen Zwei- und Dreizeilenabstände. Es gibt im Ganzen 218 durch ein bis drei Zeilenabstände markierte Abschnitte. Die Zweizeilenabstände kommen nach dem 7., 18., 20., 23., 33., 40., 72., 78., 107., 124., 129., 135., 151., 156., 161., 162., 163., 179., 181., 183., 184 und 214. Einzeilenabstand. Die Dreizeilenabstände kommen nach dem 67. und 131. Zeilenabstand vor. Es ist möglich, dass die Dreizeilenabstände aus Gründen des Layouts entstanden sind, die Zweizeilenabstände hingegen könnte man annehmen, sie seien da, um die einzelnen Kapitel zu markieren. Wenn dem so wäre, dann wären es total 25 Kapitel.

3.1.1 Kursiv gedruckte Begriffe

Es gibt häufig Begriffe, die in kursiver Schrift gedruckt sind. Aber auch da kann man kein System feststellen. Einzig das Wort draussen kommt mehrere Male vor. Die kursiv gedruckten Wörter sind in Anhang III aufgeführt.

3.1.2 Ist es eine Novelle?

„Bei der Novelle handelt es sich um eine Prosaerzählung von mittlerer Länge, als deren Prototyp (Urbild) BOCCACCIOS „Decamerone“ (1349-1353) gilt.[5]

„In der Novelle ist ein Vorgang auf ein krisenhaftes Ereignis zugespitzt, in dem sich schlaglichtartig das Schicksal einer Person oder die Tendenz einer Epoche enthüllt. Hinter der herausgehobenen Begebenheit offenbaren sich gewissermassen tiefere Wahrheiten. Die Handlung ist straff und konzentriert entwickelt, die Zeit gerafft. Die Struktur ist ähnlich wie die des Dramas. nach einer kurzen Exposition wird die Handlung bis zur Krise entwickelt, sodann verzögert durch retardierende Momente und schliesslich zur Lösung oder Katastrophe geführt.“[6]

Wie bei Giovanni Boccaccio, - dessen Erzählungen im Decamerone im Nachhinein als Novellen bezeichnet wurden, als man feststellte, dass eine neue Gattung erschaffen worden war, – sind die Personen abgekapselt von der Welt. Im Gegensatz aber zum Decamerone, wo die Menschen sich vor der Pest schützen mussten und deswegen in einer Burg fest sassen, leben die Menschen in Die Unbeholfenen aus freien Stücken so zurückgezogen. Das „krisenhafte Ereignis“, auf das sich die Handlung “zuspitzt“, ist möglicherweise in Die Unbeholfenen der Schluss, wo sich eine Kette von nicht erwarteten Handlungen abspielt: Ilona verlässt mit Florian die geschlossene Gesellschaft, verlässt das Haus, das heisst sie geht nach draussen. Sie verstösst also gegen eine elementare Regel, auf der die ganze Abgeschiedenheit der Geschwister basiert. Der zweite Regelverstoss, den sie begeht, ist der Besuch der Mutter, und der dritte, das Liebesspiel zu dritt. Danach ist das Verhalten der Figuren verändert. Das Ende führt zwar weder zu einer Lösung noch zu einer Katastrophe, jedoch zu einer Veränderung. Es kann also - mit den Worten Charles Linsmayer gesprochen – „mit knapper Not von einer Novelle“ gesprochen werden (siehe 2.3).

3.2 DIE DRAMATISCHE STRUKTUR DES TEXTES

Wie bereits gesagt, wird in Die Unbeholfenen keine Novelle im herkömmlichen Sinne erzählt, sondern es kommen neben den inneren Monologen des Ich-Erzählers hauptsächlich die Aussagen der Figuren in der direkten Rede vor. (Das war ja der Grund, weshalb ich überhaupt auf die Idee kam, eine szenische Interpretation für Gymnasialklassen auszuarbeiten.) Nebenbei bemerkt verläuft die Handlung einer Novelle ebenso geradlinig wie ein Theaterstück und ihre Architektur ist dem Drama ähnlich. Deshalb habe ich den inhaltlichen Aufbau der Erzählung in 15 Szenen gegliedert und diese dann in die Funktionen, die es für einen Spannungsbogen benötigt, aufgeteilt. Im Anhang 1 sind alle Sprechenden, Themen, Regieanweisungen und Handlungen pro Seite aufgelistet. Daraus ergab sich dann für mich die Szenenaufteilung (Anhang II).

3.2.1 Exposition und erregende Momente

Bereits in der ersten Szene tritt ein erregendes Moment ein: Die Begegnung zwischen dem Ich-Erzähler und Romero, dem Ex-Freund von Nadja. Der Ich-Erzähler reagiert auch wie erwartet: er wird augenblicklich von einer heftigen Abneigung gegen Romero ergriffen. Die vierte und die fünfte Szene scheinen ihm Recht zur Eifersucht zu geben, denn da gibt es einen fast intimen Gedankenaustausch zwischen Nadja und Romero. Zwar behandeln sie eine Dreiecksbeziehung aus der Antike, aber dass ihre Beziehung und die momentane Situation mit dem anwesenden Florian damit gemeint ist, scheint offensichtlich. Die Forderungen, die Nadja dann an den Liebesakt mit Florian stellt, die sie vor allen äussert, sind weitere Momente, die zum Aufbau der Spannung beitragen. Die These Elenas, dass hinter jeder Liebe ein materieller Grund steckt, sowie die Frage, was einem das Heiraten denn eigentlich bringe, mit der sich Albrecht befasst, stecken die ganze Exposition ab.

3.2.2 Steigerung

Das was Ilona, die Gehörlose, in der sechsten Szene performt, mahnt an eine Mischung aus Contact Improvisation und Bodypercussion. Da sie dabei nicht spricht, setzt diese körperbetonte, sinnliche Ausführung einen Kontrapunkt zum bisherigen Geschehen. In der siebten Szene passiert etwas höchst Merkwürdiges: Erstens spricht Ilona. Das ist schon aussergewöhnlich, trotzdem ist dies nicht abwegig. Gehörlose sprechen ja auch. Aber nicht nur das: Sie sagt, dass ihre Mutter vor der Tür stehe und hereinkommen möchte, sie, Ilona, habe gerade eine Nachricht von der Mutter per SMS bekommen. Entgegen der Erwartung, dass der Mutter sofort geöffnet werde, entsteht Hektik, werden Fenster verriegelt, die Vorhänge zugezogen, und Albrecht macht Ilona Vorwürfe, dass sie überhaupt mit der Mutter Kontakt hat. In der achten Szene erklärt Albrecht Florian, dass die Geschwister in sehr jungen Jahren entschieden hatten, die Eltern aus dem Haus zu verbannen. Ilona sei ihr Halt, ihr Zentrum. Deshalb dürfe sie das Haus nicht verlassen, sich nicht verlieben, sie nicht verstehen (hören). Und in der neunten Szene konfrontiert Romero Florian mit den Erwartungen, die Florian vermutlich an den Besuch bei Nadja geknüpft hat, und die nun überhaupt nicht erfüllt werden!

3.2.3 Hauptthema

Erst in der zehnten Szene beginnen die Figuren über ihr eigentliches Thema, ihren Lebensinhalt, den Grund ihrer Abgeschiedenheit zu reden: Die Bewusstseinskrise. Diese Frage wird aus unterschiedlichen Perspektiven, mit verschiedenen Ansätzen erörtert. Ein Thema mit Variationen – man kommt nicht umhin, an Johann Sebastian Bach zu denken. Die zehnte Szene besteht eigentlich nur aus sogenannten Figurenreden. Hier kann absurdes Theater in seiner gedachten Form aufgezeigt werden. Es findet keine Kommunikation, kein echter Gedankenaustausch statt. Das, was der Ich-Erzähler bemerkt, dass die Personen sich wie Marionetten bewegen und mit einer Art Relais verhängt sind, von dem aus ihre Gedanken gesteuert werden, unverstandenen Mechanismen gehorchen, die ausserhalb ihrer Persönlichkeit liegen [7], ist ein Merkmal des absurden Theaters.

3.2.4 Peripetie

Das Weggehen von Ilona und Florian läutet die Wende ein. Das zeigt sich in der elften Szene, wenn die Zurückbleibenden wie zur Salzsäule erstarrt sind. Der Szenenwechsel in der zwölften – im Hotel, wo die Mutter ein Zimmer gebucht hat, - draussen! – eröffnet auch eine gänzlich unerwartete Handlung: Florian wird von Ilona und ihrer Mutter zu Gruppensex verleitet. Er verbringt die Nacht mit den beiden Frauen im Hotel. Am nächsten Tag weckt ihn ein SMS. Er soll sofort ins Haus zurückkehren. Soll er wirklich wieder dorthin? Er überlegt es sich stundenlang und kommt zum Schluss, nochmals in dieses Haus zurückzufahren, nicht zuletzt, weil er neugierig ist, wie die anderen Ilonas Regelbruch aufgenommen haben.

3.2.5 Auflösung

Im Haus hat sich alles verändert. Die Tür ist offen. In der Wohnung ist die vormals verschmähte Mutter als die Geliebte Florians akzeptiert. Die Figuren äussern sich einerseits weniger hochgestochen, - Small Talk scheint möglich - andererseits sind ihre Handlungen eigenartig. Florian versteht nicht, warum die andern so anders sind, aber er scheint es als Einziger zu bemerken. Als der Ich-Erzähler Romero eröffnet, dass er Traumdeuter sei, werden die Lesenden ein letztes Mal überrascht. Natürlich fragen wir uns: War alles nur ein Traum? In der letzten Szene, der 15., verabschiedet sich der Ich-Erzähler, – Eindringling und Troubleshooter – in einem inneren Monolog von Nadja und verlässt bei der nächstbesten Gelegenheit unbemerkt den Bewusstseinstrainingsort.

3.3 DIE ORTE DER HANDLUNG

Zu 96 Prozent spielen sich die Handlungen im Haus ab. Der zweite Ort ist die Pension, wo die Mutter abgestiegen ist. Das Haus sowie das Hotel befinden sich in derselben Stadt. Das Haus befindet sich am nördlichen Rande der Stadt, das Hotel liegt mehr im Zentrum. Wie gross die Stadt ist, wo sie genau liegt, wissen wir nicht. Man kann davon ausgehen, dass Botho Strauss, ein Deutscher, wohl an eine Stadt in Mitteleuropa gedacht hat. Dennoch könnte dieses Haus überall auf der Welt stehen.

3.4. DIE ERZÄHLTE ZEIT

Die Erzählzeit dauert 121 Seiten und die erzählte Zeit beginnt ungefähr an einem Nachmittag und dauert ungefähr bis zum Mittag des nächsten Tages. Die erzählte Zeit erstreckt sich also über weniger als 24 Stunden. Wenn man die Gewohnheiten der westlichen Gesellschaften berücksichtigt, könnte das Geschehen sich während eines Wochenendes ereignet haben, von Samstagnachmittag bis zum darauffolgenden Sonntagmittag.

3.5. ERZÄHLHALTUNG UND -TECHNIK

Der Hergang wird von einem Ich-Erzähler geschildert. So erfahren die Lesenden sowohl über die Handlung als auch über die Figuren nur aus der beschränkten Perspektive des Ich-Erzählers. Um so mehr vernimmt man über das Innenleben dieser Figur, die am Geschehen involviert, Teil der Geschichte ist. Die Erzähltechnik des stream of consicousness wird konsequent angewendet. Die Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Eindrücke des Ich-Erzählers werden manchmal ganz unvermittelt wiedergegeben. Die Geschichte wird aus der Innenperspektive (durch den Ich-Erzähler) berichtet.

3.6 DIE FIGUREN

In der Erzählung kommen sieben Figuren vor. Sie alle spielen zur gegebenen Zeit eine wichtige Rolle. Der Text gibt nicht viel über die Figuren preis, aber sie haben Namen und wir können vielleicht über die etymologische Untersuchungen der Namen etwas über diese Figuren erfahren. Oder wurden die Benennungen nach dem Zufallsprinzip gewählt? Nein. Ich gehe nicht davon aus, dass die Namen zufällig gewählt wurden, und bin überzeugt, dass wir daraus etwas erschliessen können.

Wir wissen also von den Geschwistern den Namen, ihr Alter, ihren Wohnort, dass sie ihre Eltern verbannt haben und jetzt sehr zurückgezogen leben, um ihr Bewusstsein zu trainieren. Wir wissen aber kaum, wie die einzelnen Personen aussehen, wie sie gekleidet sind. Wir wissen auch nicht, wovon sie leben, was sie lesen, wann sie schlafen und essen, wie ihr Tagesrhythmus aussieht.

Deshalb gehe ich erst mal von den Gegebenheiten aus: die Namen und die Tatsache, dass die Geschwister ihre Eltern aus dem Haus geschickt haben. Die Bedeutung der Namen werden bei jeder einzelnen Person in den nächstfolgenden Abschnitten (3.6.1 bis 3.6.6) untersucht. Zunächst stelle ich Überlegungen zur Vertreibung der Eltern an.

1. Was sind das für Eltern, dass sie sich so etwas gefallen liessen? Was sind das für Kinder, die auf eine derartige Idee kamen?
2. Hat man je von so etwas gehört? Gibt es ähnliche Fälle? Und was passierte dann? Kriminalistische Fälle?
3. Was für Gefühle empfinden solche Kinder gegenüber ihren Eltern? Waren die Eltern verletzt? Oder war es ihnen gerade recht, weil sie sehr engagiert in ihrem Beruf waren und eh nie Zeit für ihre Sprösslinge hatten? War das der Grund, dass die Trennung vollzogen worden war?
4. Was ist die Ursache solchen Denkens? Wie kam Albert auf diese Idee? Warum hat Nadja mitgemacht?
5. Ist das es rein juristisch überhaupt möglich, einem 20-jährigen Sohn die unmündigen Geschwister zur Obhut zu überlassen?

Fragen über Fragen! Die sich nicht nur Schülerinnen und Schüler als Einstieg in die Interpretation stellen.

3.6.1 Florian Lackner

Der Name Florian kommt aus dem lateinischen Namen flos und bedeutet Blume. Der Begriff Lack kommt aus dem Persisch-Arabischen und bedeutet wohl rote Färbung.[8] Das Suffix -ner ist eine Nebenform von er und bildet männliche Nomen einer bestimmten Flexionsklasse.

Von der Figur Florian Lackner wissen wir, dass er ungefähr 45 Jahre alt ist und in dieses Haus kommt, weil er Nadja, seine neue Freundin, besucht. Erst am Schluss weiss man, dass er einmal als Traumdeuter sein Leben verdient hat.

„Bevor ich zu euch stiess, stand ich eine Zeitlang als Traumdeuter bei einigen hochgestellten und einflussreichen Persönlichkeiten in Lohn und Brot. Ich legte ihnen aus, was sie in der Nacht an Mahren und Schreckensvisionen heimsuchte.“ (S. 119)

Wovon er heute lebt, wissen wir nicht. Hat er genug Geld bei den CEOs gemacht, um jetzt als Frührentner leben zu können? Wenn nicht, was macht er jetzt? Was machte er vor dem Traumdeuten? Woher kommt er? Hat er Geschwister? Eltern? War er schon mal verheiratet oder ist er vielleicht sogar noch? Hat er Kinder? Wo lebt er? Hat er Hobbys? Wenn ja, welche?

Wir wissen aber, dass er sich gerne von sogenannten Alpha-Tieren beeindrucken lässt. Er wird dann selber sehr unsicher, ist aber von der Person fasziniert und auch neugierig auf diese. Er möchte mehr wissen, um etwas davon zu kopieren, sich aneignen zu können. Der Ich-Erzähler sagt von sich: Ich war eben gern ein Mann unter Einfluss (S. 17). Von Elena aus gesehen ist Florian ein kleiner Mann. Wie sie das ausspricht (S. 35), fühlt sich Florian sehr getroffen. Und der Satz-Bolzen (S. 36) trifft nicht nur ihn, sondern auch Nadja, die ein Schluchzen unterdrückt und ihre Unterlippe zittert (S. 37).

Er liebt Frauen. Oder betrachtet er sie vor allem als Sexobjekt? Er kommt wegen Nadja in diese Familie, geht mit Ilona weg ins Hotel, wo die Mutter Unterkunft gefunden hat, verbringt mit den zwei Frauen die Nacht. Später gibt es Anzeichen, dass er ebenfalls von Elena angezogen ist.

„Elena sass abgesondert von den anderen nah dem zugemauerten Kamin. Sie hielt eine Gitarre im Arm, stützte sie auf die übereinandergeschlagenen nackten Beine. Ich legte meine Hand in ihren Nacken. Für diesen Augenblick war sie mir sehr lieb. Jetzt hiess sie auch für mich nur Elena, während sie früher, solange ich sie vom Wesen ihrer Schwester unterschied, die Gekochte genannt hatte. Dieser Gegensatz war nicht aufrechtzuerhalten.“ (S. 114)

Ist Florian ein Steppenwolf oder ein Casanova? Was sucht er in diesen Frauen? Männliche Bestätigung? Befreiung? Wovon?

Florian kommt wegen Nadja in diese Familie. Wir wissen, wie Florian alle ausser Nadja begrüsst hat oder von ihnen begrüsst worden ist. Die Begrüssung zwischen Nadja und Florian wird nicht kommentiert. Plötzlich taucht sie im Text auf. Wir wissen aber nicht, was vorher passiert ist zwischen Nadja und Florian. Warum ist nicht sie es, die Florian als erste begrüsst? Sie hat ihn doch eingeladen. Was machte sie, als Albrecht Florian die Tür öffnete und ihn willkommen hiess? Wie stark hat das Verhalten Nadjas Florian verletzt? Ist das der Grund, weshalb er gleich bei der ersten Begegnung mit Albrecht, bei dessen Anblick ihm das Herz pocht vor lauter Sympathie (S. 8), von einer möglichen Trennung redet?

„Mein bester Freund würde dieser Albrecht sogar bleiben über den Tag hinaus, an dem seine schöne Schwester und ich kein Paar mehr wären.“ (S. 9)

Wie stark sind seine Empfindungen zu Nadja? Tatsache ist, dass er nicht um sie kämpft. Zu Beginn spricht er von meiner Nadja, fühlt sich aber durch ihr Verhalten in dieser Gemeinschaft nach und nach verraten. Am Ende spricht er von Nadja, meine Nadja bis vor kurzem (S. 113).

Als Nadja dann auf Romero, ihren Ex-Freund, nach Florians Geschmack zu sehr auf dessen Balzverhalten eingeht, denkt er:

„Wie sollte ich es auch begreifen, in welcher Verbindung ich eigentlich zu einer Frau stand, die vor meinen Augen mit ihrem Ehemaligen wunderliche Reflexionen anstellte, poetische Verflechtungen einging, die ich für Balzschritte hielt, ein Balzen nach der Liebe, sicherlich, aber immer noch Schritte, die gegenseitig reizten und gefielen. ... – mir war also, als wäre jene glückliche Nacht nur ein Köder gewesen, mich einzufangen und in diese entlegene Gemeinschaft zu entführen.“ (S. 25)

Was Florian Lackner für Nadja empfindet, ist also nicht ganz eindeutig. Da er den Eindruck erweckt, ein etwas unsicherer Mensch zu sein, könnte ihn die Situation in diesem rätselhaften Haus etwas überfordert haben, und wenn seine Verbindung zu Nadja noch nicht gefestigt war oder eventuell bereits von anderen Erlebnissen mit ihr geschwächt, ist sie zum Zeitpunkt der Erzählung definitiv ins Wanken geraten.

Wie können wir nun aber das Wissen um Florian mit dem Namen Florian Lackner in Verbindung bringen? Wo ist die Blume, das Blühende, wo der rotglänzende Lack in der Figur zu finden? Heisst er Florian, der Blühende, weil er diese Gesellschaft zum Erwecken gebracht hat? Das würde dann auch zum Traumdeuter passen. Oder ist der rotglänzende Lack ein Zeichen, dass er ein Angeber ist, der sein Selbstbewusstsein einzig durch Fraueneroberungen erreichen kann?

3.6.2 Albrecht

Der Alb, der in Albrechts Namen steckt, bedeutete früher ein mythisches Wesen zwischen Menschen, Göttern und Zwergen. Alberich ist ein Zwergenname und meint König der Alben[9] , rich = reich à ungefähr: der an Alb Reiche). Hier aber ist Alb mit recht verknüpft, kann also als richtig, geeignet, passend ausgelegt werden. Im Gegensatz zu Florian erkennen wir natürlich den Zusammenhang (was wiederum meine Theorie bestätigt, dass die Namen nicht zufällig gewählt wurden) mit der Figur Albrecht, denn Albrecht ist so etwas wie ein Zwerg, ist verwachsen und bewegt sich im Rollstuhl fort.

„... ein Mann knapp über dreissig, mit einem Kopf voll silbergrauer Locken und ungewöhnlich breitem Oberkörper. Natürlich sah ich, dass es die Brust eines Verwachsenen war, ... sein Brustkorb sass beinahe ohne Übergang auf den Oberschenkeln, ein Bauch oder Unterleib war nicht zu erkennen. Er fuhr im Rollstuhl auf mich zu, ... “ (S. 7 f.).

Albrecht ist der Älteste und war auch derjenige, der die Geschwister zu diesem abgeschotteten Leben überredet hatte. Es war sein Plan gewesen, er hatte als erste Nadja damit eingeweiht, die Zwillinge wurden nicht gefragt, weil die zu jung waren, um dazu eine Meinung zu haben. Er war damals 20 Jahre alt, das heisst, diese Art von Zusammenleben führen die Geschwister bereits seit 10 Jahren. Er sagt, die Entscheidung sei nicht aus einer pubertären Phase, aus keiner Rebellion gegen die Eltern, entstanden.

„Um unsere geschwisterliche Ordnung ungestört einzurichten und für alle Zukunft zu festigen, haben wir uns schon früh entschlossen, unsere Eltern aus dem Haus zu schicken und jede Verbindung mit ihnen zu lösen. Denn wir, die Kinder und Geschwister, so sagten wir uns damals, werden miteinander das Leben teilen – und unsere Eltern mit ihrem entgegengesetzten Zeitpfeil, mit ihrem Zuendegehen können uns darin nur behindern. ... Vielmehr schwebte mir eine geschwisterliche Familie vor, die längeren und festeren Bestand haben sollte als die Bindung an die Eltern. Und nur eine Bindung, eine Ordnung durfte gelten in diesem Haus, in dem wir uns vor den seelenräuberischen Einflüssen der Zeit, so gut es ging, durch engsten Zusammenschluss bewahren wollten. Wir sind als Einzelmenschen wie als Geistfiguren Endstationen. Keiner von uns wird Kinder haben. Niemand wird je wieder so denken wie wir. Auch verstehen wir uns nicht als Abkömmlinge unserer Eltern. ... Unter der Einwirkung von Eltern und mit der Rücksicht auf eigenen Kinder wären wir nie die geschwisterliche Familie geworden, die wir heute sind und hoffentlich noch lange bleiben werden. Vor allem hätten wir niemals die seltene Anlage der Sympathie entwickelt, die Nadja vorhin erwähnte, als sie von euren Liebesnächten sprach. Eine vielschichtige Empfindung, die nur in dieser abgesperrten Gemeinsamkeit entstehen konnte: Sympathie. Das heisst soviel wie untereinander nicht nach Verständigung suchen, sondern sie von vorneherein als gegeben empfinden. Sie erlaubt nun allerdings, ja zu ihrem Erhalt, ihrer Stärkung fordert sie sogar, dass von Zeit zu Zeit ein Gast zu uns stösst und sich an ihr beteiligt. Oder gegen sie verliert. Also, mit einem Wort: keine Eltern, keine Kinder. Kein Vorher, kein Nachher. Endstationen.“ (S. 45 f.)

Florian hat bei Albrecht keinen Unterleib entdecken können. Daraus kann man folgern, dass Albrecht so verkrüppelt ist, dass er entweder keine ausgewachsenen Geschlechtsteile hat oder sie so entstellt sind, dass er nichts empfindet. Folglich ist es für Albrecht einfach, eine Forderung wie keiner wird von uns Kinder haben aufzustellen, da er selbst keine zeugen kann. Dass er das aber von seinen Schwestern verlangt, ist schon bemerkenswert. Nun mit der Aussage hoffentlich noch lange bleiben scheint Albrecht sich bewusst zu sein, dass eine seiner Schwestern früher oder später abtrünnig werden könnte.

Wie kam Albrecht auf eine solche Idee? Weil er keine Pubertät erlebt hatte? Mit 20 ist die körperliche Pubertät abgeschlossen. Was ist in ihm vorgegangen, bis dieser Plan in ihm reifte? Die gegebene Sympathie, die er von seiner Umgebung verlangt, existiert die nicht ebengerade zwischen den Eltern und Kindern? Konnte er den Gedanken nicht ertragen, dass seine Eltern, weil sie in dem entgegengesetzten Zeitpfeil standen und ihr Leben mit dem Zuendegehen zu rechnen hatte, dass er also ihre Sympathie verlieren würde und sie deshalb weggeschickt hatte? Albert, der Zwerg, mit dem Löwenkopf und der Löwenmähne - zutiefst im Innern eine verzweifelte Seele?

Warum kommt eine verkrüppelte Figur in dieser Geschichte vor? Welche Funktion hat sie? Steht sie für Die Unbeholfenen ? Denn ein Beeinträchtigter kann sich ja nicht gewandt bewegen.

Es ist Albrecht, der Florian sagt, dass geredet wird, um den Weg zu finden, der uns vom Schicksal her bestimmt ist. (Dabei fällt der Name Rosenstock-Huessy.) Die Sprache sei da, um zu fragen, zu erkundigen, und in diesem Haus werde gesprochen, aber einander nicht widersprochen.

„Wir sprechen, um wie bei der Prozession der Römer, den Rogationen, den Acker unserer Zeit zu umschreiten, Ambarvaler, Flurumschreiter, Zeitumschreiter sind wir, wenn wir sprechen. Auch die Zeit wird eine blühende Flur, wenn wir sprechen. Ambarvaler, Flurumschreiter, feierlicher Umzug, um Fruchtbarkeit für die Fluren zu erbitten. Rogationen, Inter-Rogationen; Befragunge, Erkundigung. Wechselbitten. Die Frage bittet um Antwort. Die Antwort bittet um Frage. Das Zwiebitten. So wird es dir bei uns ergehen. Wir widersprechen einander nicht.“ (S. 26).

Es ist wiederum Albrecht, der Paul Valéry zitiert,

„... der einmal bemerkt habe, Menschen von höherem Bewusstsein würden in jedem Augenblick zweifeln, ob sie die Quelle ihrer selbst oder aber bis in die Tiefe ihres Daseinsgefühls hinein Marionetten wären.“ (S. 28)

Albrecht analysiert ebenfalls die Beziehung zwischen Nadja und Romero, um Florian zu beschwichtigen, der ja zwischen den beiden immer noch eine starke Anziehungskraft vermutet (S. 32). Er ist es auch, der auf den Goldgier-Gedanken Elenas eingeht und dabei Goethes Geschichte Der Mann von fünfzig Jahren als Beispiel einbringt (S. 38 f.). Es ist natürlich auch Albrecht, der Florian die Ordnung und die Regeln in diesem Haus erklärt und herausragende Stellung Ilonas in Worte fasst (S. 46 f.). Er behauptet weiter, dass „die Stärke des Menschen“ ist, mit Katastrophen fertig zu werden, und nicht, sie zu verhindern (S. 60). In seinen Ausführungen verweist er auf Heidegger und Heisenberg. Weiter nennt er Flauberts „Wörterbuch der Gemeinplätze“. Er behauptet auch, dass einer zu aufgeklärten Gesellschaft „im Übermass der Selbstreflexion“ die Sinne getrübt und der Verstand entschärft werden (S. 62). Von der Bewusstseinskrise spricht Albrecht vermehrt. Er sagt, dass es erstaunlich ist, wie die geistige Krise mit der historischen zusammenfiel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also von 1902 (Lord Chandos Brief) bis 1945 (Ende des 2. Weltkriegs), heute aber keine Bewusstseinskrise mehr stattfinde, obwohl es doch so viele Krisen gäbe (S. 64). Er macht auf die Tatsache aufmerksam, dass unser Bewusstsein eines Tages auf einem anderen Planeten gerettet werden könnte, während unsere Körper auf der Erde verseucht zurückbleiben würden. Als Bild verweist er auf den Schatten im Märchen von Peter Schlemihl, der seinen Schatten verkauft hatte. Nur dass diesmal der Schatten den Körper verkauft habe! (S. 69) Albrecht ist es auch, der in seinem Monolog betreffend Individualismus und Kollektiv Kierkegaard ins Spiel bringt. Es ist auch Albrecht, der sich über die Technologien aufregt. Er meint, dass diese uns nur die „natürlichen Lebenskräfte“ hemmen würden und wir deshalb gar nicht mehr auf diese vertrauen könnten. Manchmal scheint es, Albrecht würde das Vorhergesagte kommentieren, aber es scheint nur so, in Wirklichkeit nimmt er ein Stichwort auf und entwickelt dann eine ganz andere Idee. So zitiert er Hölderlin auf Romeros Erguss über die Literaturkrise, meint dann aber, dass wir oft die früheren Zeiten und die Gegenwart gegeneinander ausspielen. Joseph Roth (S. 89) und Trakl (S. 97) werden von Albrecht eingebracht und es ist auch Albrecht, der behauptet:

„Was es im Deutschen an höherem Bewusstsein gab, war immer romantisch, gleichgültig zu welcher Epoche. Romantisch nenne ich alles, was lebt, um sich zu sehnen.“ (S. 95)

Man kann also annehmen, dass Albrecht viel gelesen hat und viel weiss. Woher hat er dieses Wissen? Wie hat er sich dieses Wissen angeeignet? Bücher sind keine erwähnt. Hat er das alles im Kopf? Wie speichert er sich diese Daten? Hat ihm dieses Wissen zu einer Bewusstseinserweiterung geführt?

Albrecht war es, der die Idee hatte, eine Bewusstseinsinsel einzurichten. Als sie aber aufgelöst wurde, ist er derjenige, der sich – ausser seiner Bewegungen, die noch ungeschickter wirken - am wenigsten verändert. Sein einziger Kommentar zu diesem Wandel:

„Sind wir denn wirklich anders? ... Wir befinden uns doch mitten im Spiel. Denn es gibt ja keinen lebenden Nicht-Spieler. Niemand lebt, mit dem nicht mindestens der Zufall sein Spiel treibt, so dass er von ihm angespielt wird und ganz unvermeidlich auf diese oder jene Weise parieren muss. Das gilt auch für dieses entlegene Haus und jeden einzelnen von uns.“ (S. 115 f)

War nicht das Bewusstseinstraining sein Lebensinhalt? Deswegen hatte er doch diese eigenartige Lebensform in Kauf genommen. Wie konnte er diesen Lebenssinn denn kampflos aufgeben? Hatte er selber bereits genug davon und wartete nur auf eine Wende?

Möglicherweise ist das Leben für Albrecht tatsächlich nur ein Spiel und im Spiel hat der Hasard eine wichtige Rolle inne. Ist Albrecht ein Gambler in dieser Zurückgezogenheit geworden oder war er schon früher einer gewesen?

3.6.3 Elena und Ilona, die Zwillinge

Die Namen Elena und Ilona haben dieselbe Herkunft: Helena. In der griechischen Mythologie ist Helena die Tochter des Zeus und der Leda. Ihre Entführung löste den Trojanischen Krieg aus. Der Name des griechischen Sonnengottes, Helios, hat dieselben Wurzeln. Ilona ist die ungarisch-finnische Version, Elena die spanisch-italienische. Die zwei Schwestern, Zwillinge, haben also denselben Ursprung ihres Namens, einzig die sprachliche Entwicklung ist verschieden. Ilona steht also für die finno-ugrischen Sprachen, Elena für die romanischen. Symbolisieren sie Janus, den doppelköpfigen Gott? Sollen sie die Zwiespältigkeit darstellen oder eher die Dualität wie Yin und Yang, Anfang und Ende, Himmel und Erde usw.?

Ilona wirkte auf Florian zu Beginn anziehender als Elena, die reine absichtslose Verführung (S. 35). Ilona ist gehörlos. Sie hat ihr Gehör seit einer Masernerkrankung vor 12 Jahren (S. 48) verloren. Sie ist die einzige, die ein Mobiltelefon benutzt, und – wie sich im Lauf der Geschichte herausstellt – damit stets in Kontakt mit der Aussenwelt ist. Ilona und Elena sind ungefähr 25 Jahre alt. Die jungen Frauen haben dieselbe Statur, nur ist Elena die entwickeltere (S. 35). Deshalb nennt Florian sie die Gekochte, Ilona ist die Rohe. Meint er damit, dass Ilona eher ein Naturkind ist, Elena aber bereits von der Kultur beeinflusst? Florian beschreibt Ilona als etwas füllig. Sie hat feine Hände mit langen Nägeln, die mattlackiert sind. Warum kommt plötzlich ein solches Detail? Hat der matte Lack etwas mit Florians Nachnamen Lackner zu tun? Welche Verbindung sollte oder könnte man daraus entnehmen?

Ilona trägt Jeans und möglicherweise ein zu kurzes T-Shirt, denn es heisst, sie hätte einen nabelfreien Bauch. Das heisst, dass sie, wie viele junge Frauen, den nackten Bauch zeigt. Denn dass sie einen Bauch ohne Nabel hat, also den Nabel wegoperiert hat, kann ich mir kaum vorstellen. Trotzdem, wenn sie einen Bauch ohne Nabel hätte, dann könnte Florian dies nicht sehen, wenn sie ihren Bauch bedeckt halten würde. Romero rühmt die feine Biegung ihrer Augenbrauen, und vergleicht sie mit den ausgespannten Flügeln eines schwebenden Adlers (S. 48).

[...]


[1] Dominik, Nikolaus: Botho Strauss: Die Unbeholfenen - <www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/26.10.2007> dpa (20.3.2008)

[2] Böttger, Helmut: Das Dilemma der Gegenwart. Botho Strauss: „Die Unbeholfenen“, Hanser Verlag, München 2007. 122 Seiten. Radiofeuilleton: Kritik <http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/669685> 14. 9. 2007 (20.3.2008)

[3] Mohr, Peter: Die seelenräuberischen Einflüsse der Zeit. Botho Strauss: Die Unbeholfenen - <www.titel-magazin.de/modules.php?op=modload&name=News&file> 23.9.2007 (20.3.2008)

[4] Linsmayer, Charles: Das Bewusstsein ausreiten, in: Der kleine Bund, Samstag, 6. Oktober 2007 (S. 5)

[5] Langermann, Detlef (Hgg.): DUDEN. Literatur. Basiswissen Schule. PAETEC. Mannheim (Dudenverlag) 2006 (S. 99)

[6] Langermann (S. 100)

[7] Langermann (S. 74)

[8] Paul, Hermann: Deutsches Wörterbuch. Tübingen 1992

[9] Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin 1989

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Das Bewusstsein ausreiten. Szenische Interpretation mit Primaner und Primanerinnen der Novelle "Die Unbeholfenen" von Botho Strauss
Hochschule
Pädagogische Hochschule Bern
Veranstaltung
Sekundarstufe 2 - Maturitätsstufe
Note
5.5 (CH)
Autor
Jahr
2009
Seiten
72
Katalognummer
V497690
ISBN (eBook)
9783346013538
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
mit Unterrichtsskizze und didaktischen Überlegungen
Schlagworte
Szenische Interpretation, (Scheller Ingo)
Arbeit zitieren
Mara Bäschlin (Autor), 2009, Das Bewusstsein ausreiten. Szenische Interpretation mit Primaner und Primanerinnen der Novelle "Die Unbeholfenen" von Botho Strauss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497690

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