Adenauer und die wirtschaftspolitischen Konzepte der CDU 1945-1949


Seminararbeit, 2004

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Der Parteitag von Neheim-Hüstens
Vorgeschichte: Der Christliche Sozialismus
Der Charakter des Programms

Das Ahlener Programm
Der „Weg nach Ahlen“
Das Programm von Ahlen

Die Soziale Marktwirtschaft
Die Idee der Sozialen Marktwirtschaft
Der liberale Umschwung und das Ende von Ahlen

Die Düsseldorfer Leitsätze
Der Wirtschaftsrat
Adenauer und die Leitsätze von 1949

Fazit

Quellen

Literatur

Einleitung

Konrad Adenauer war kein Wirtschaftstheoretiker. Trotzdem stand die konzeptionelle wirtschaftliche Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg im Zentrum der Programme aller Parteien. Auch die westdeutsche CDU im Rheinland versuchte aus unterschiedlichsten Konzepten der Basis ein einheitliches Programm zu erstellen. Adenauer stand zur Zeit der Gründung der CDU und der Schöpfung des ersten Programms noch nicht an deren Spitze, sondern war der Partei nicht einmal beigetreten und verfolgte eigene Pläne zur Teilsouveränität des Rheinlandes.

Diese Arbeit möchte an Hand von drei Schlüsseldokumenten Adenauers Strategie zur Festigung der Wirtschaftspolitik der neuen Partei mit allen Basisgruppen einerseits, und zur Etablierung seiner selbst an deren Spitze andererseits, nachvollziehen. Bei diesen Dokumenten handelt es sich zum einen um die Beschlüsse des Parteitags von Neheim-Hüstens 1945, der zwar nicht den Beginn der Karriere Adenauers in der CDU darstellte, aber dafür das erste Parteiprogramm unter seinem Einfluss verabschiedete. Des weiteren beschäftigt sich diese Arbeit mit der Abschlusserklärung des Treffens von Ahlen 1947 („Ahlener Programm“) und schließlich mit den sog. „Düsseldorfer Leitsätze“ von 1949, in denen die Soziale Marktwirtschaft offiziell zum Leitsatz der CDU erklärt wurde.

Zwei konträre Begriffe prägten die Grundsatzdiskussion dieser Zeit: Erstens der des „Christlichen Sozialismus“, ein noch im Krieg entwickeltes linksliberales Konzept, das gerade in der katholischen Parteibasis innerhalb der britischen Besatzungszone großen Rückhalt hatte. Der zweite Begriff, die „Soziale Marktwirtschaft“, entstand als eine Idee liberaler Unternehmenspolitik in der sog. „Freiburger Schule“, wurde ab dem 24.6.1948 offizielle Wirtschaftspolitik Deutschlands und gilt bis heute als deren wirtschaftspolitischer Leitsatz.

Beide Begriffe spiegeln die Diskussion zweier politischer Lager innerhalb der jungen CDU in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands wieder, deren Zusammenführung nicht zuletzt als Leistung Adenauers verstanden werden kann. Wie hat Adenauer dazu beigetragen trotz gegensätzlicher Konzepte eine geschlossene Parteilinie zu etablieren, 1948 eine Wirtschaftspolitik zu unterstützen, die ein Großteil der eigenen Basis zuvor abgelehnt hatte, deren Erfolg aber schließlich Garant seiner weiteren Karriere werden sollte? Da sich zeitgeschichtliche Themen mit einer Fülle von Quellen konfrontiert sehen, kann der Rahmen dieser Hausarbeit lediglich einen kleinen Einblick gewähren, muss z.B. auf die Rolle der Besatzungsmächte verzichten und kann auch die Arbeit des Wirtschaftsrates der Bizone nur am Rande einbeziehen. Die aktuelle Situation der Forschung präsentiert sich zweigeteilt: Die Literatur behandelt meist entweder die wirtschaftsgeschichtliche Etablierung der Sozialen Marktwirtschaft oder die Ereignisse um die sozialistische Parteibasis der CDU und den Aufstieg Adenauers. Überhaupt hat man sich diesem Aspekt der Frühgeschichte der CDU erst in den 1980 stärker zugewandt, vielleicht weil weder die Stadt Ahlen, noch das dort erarbeitete Programm in Adenauers Autobiographie „Erinnerungen“ auftauchen. Unter Einbeziehung dieses Programms und der „Düsseldorfer Leitsätze“ will diese Arbeit versuchen, diese Teilung zu einem gewissen Grade zu überwinden. Eine Leitlinie bieten dabei die großen Adenauer-Biographie von Henning Köhler, die von Hans-Peter Schwarz, Adenauer: Der Aufstieg 1876-1952, zeigt sich in Wirtschaftsfragen nicht detailliert genug.

Der Parteitag von Neheim-Hüstens

Vorgeschichte: Der Christliche Sozialismus

Der sog. christliche Sozialismus bezeichnet ein Wirtschaftskonzept, das schon 1941 im „Walberberger Kreis“, im gleichnamigen Dominikanerkloster, entwickelt worden war. Es wurde dabei versucht, die sozialistische Idee von der Wirtschaft als teilgelenktem Staatsinstrument, welches die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen sollte, von ihrem atheistisch/marxistischen Überbau zu lösen und an dessen Stelle die christliche Nächstenliebe zu positionieren. Nach dem Krieg veröffentlichte die Gruppe um Pater Laurentius Siemer, Pater Welty und Johannes Albers ihre Idee: Die lebendige katholische Arbeiterschaft des Rheinlandes sollte in der Tradition der christlichen Gewerkschaften Träger einer neuen Partei werden, deren wirtschaftspolitisches Leitbild der „Christliche Sozialismus“ sein sollte.[1] Am 24. Juni 1945 wurde ein Parteiprogramm diskutiert, das später in den sog. „Kölner Leitsätzen“ seine Veröffentlichung fand.

Adenauer stand dem Kreis und seinen Ideen stets mit Skeptik gegenüber: Er weigerte sich an Sitzungen wie Beratungen teilzunehmen und verfolgte statt dessen eigene Planungen für einen autonomen Rheinstaat. Die Ablehnung ging auch nicht nur von ihm aus, einige Mitglieder der jungen CDUD warfen ihm seine Passivität während der NS-Zeit vor. Neben dem Verbot parteipolitischer Betätigung durch die britischen Besatzer nach Adenauers Absetzung als Bürgermeister und seiner Ungewissheit ob des möglichen Erfolges der neugegründeten Zentrumspartei, haben ihn nicht zuletzt die sozialistischen Vorstellungen der CDU in seiner Skepsis geleitet.[2] Als Oberbürgermeister von Köln hatte Adenauer vor dem Krieg hinreichend mit Staats- und Privatbetrieben arbeiten müssen und kannte somit die Grenzen des Realisierbaren. Für den industriell noch wenig entwickelten, protestantischen Süden, sah er durch den Sozialismus außerdem das Prinzip der überkonfessionellen Partei gefährdet. Als der geschasste Oberbürgermeister schließlich dem Drängen von Düsseldorfer Parteikreisen nachgab den glücklosen Vorsitzenden Schwering abzusetzen, suchte er nach Verbündeten um seine Position gegen die „Kölner Leitsätze“ in der neuen Partei durchzusetzen und „vorsichtig von den gefährlichen Klippen des christlichen Sozialismus (wegzusteuern)“[3]. So betont er am 21.8.1945 in einem Brief an Karl Scharnagl, den damaligen Oberbürgermeister von München, Ziel der neuen Partei sei „ betont fortschrittliche soziale Reform und soziale Arbeit, nicht Sozialismus “.[4] Auch mit der Führung des linken Flügels war die neue Führungsrolle Adenauers abgesprochen: Zu seinem 70. Geburtstag lud er Karl Arnold und Johannes Albers zu sich nach Röhndorf, um dort weitere Schritte gegen Schwering abzustimmen. Diesen galten letztendlich die Führungsqualitäten und die Erfahrung Adenauers mehr als seine konservativ kapitalistische Gesinnung.[5] Konrad Adenauer wurde mit ihrer Hilfe auf dem Parteitag von Herford am 22.1. 1946 in einer turbulenten Sitzung Vorsitzender der CDU in der britischen Zone. Zwischen dem 26.2. und dem 1. 3. 1946 tagte die Parteiführung schließlich in Neheim-Hüstens. Sie bestätigte die Wahl Adenauers und Holzapfels zu Vorsitzenden und verabschiedet das erste Parteiprogramm der CDU.[6]

Der Charakter des Programms

In seiner neuen Partei sah sich Adenauer mit einer breit prosozialistischen Basis konfrontiert, weshalb er zunächst wirtschaftspolitische Zugeständnisse zu seinem Konzept machen musste, das er selbst seit 1945 erarbeitet und in Herford einem Ausschuss vorgelegt hatte.[7] Das (wirtschafts-)Programm von Neheim-Hüstens gliedert sich im Abschnitt II (wirtschaftliches und soziales Leben) in:

1. Der Bestimmung der Leitlinie: „Ziel aller Wirtschaft ist die Bedarfsdeckung des Volkes.“
2. Die Rolle des Arbeiters: „ Soziale Neuordnung der Wirtschaft [...] und eine gerechte Verteilung der wirtschaftlichen Ertrages [...].“„Arbeit für jeden, der arbeiten will.“
3. Verstaatlichung der Kohle: „ Wir fordern die Vergesellschaftung der Bergwerke.“
4. Kompromisse mit dem konservativen Flügel: „ Anerkennung des Privateigentums “, „Der Erwerb mäßigen Besitzes [...] ist zu fördern.“ „Die sich aufdrängende Frage der Vergesellschaftung [...] ist zur Zeit nicht praktisch, da die deutsche Wirtschaft nicht frei ist.“[8]

Es ist zu bemerken, dass gerade der letzte Punkt insofern die Handschrift Adenauers trägt, dass die Schlüsselfrage nach der Verstaatlichung auf unbestimmte Zeit verschoben wurde; ebenso fällt auf, dass man den Begriff des „Christlichen Sozialismus“ im gesamten Dokument vermieden hat. Die gewerkschaftsnahen Basisgruppen konnten sich damit nicht zufrieden geben. Doch auch aus dem protestantisch-konservativen Lager schrieben unzufriedene Parteimitglieder an Adenauer. Otto Schmidt, Führer einer Gruppe Wuppertaler Protestanten, monierte bei Adenauer unklare Formulierungen im bestehenden Programm, die eine Beteiligung der Arbeitnehmer in Fragen der Betriebsführung nicht grundsätzlich ausschloss. Eine entsprechende Formulierung hatte es im ursprünglichen Entwurf gegeben, sie wurde dann, ob auf Druck Schmidts ist unklar, entfernt.[9]

Das Programm des Zonenausschusses stellt also einen ersten Kompromissversuch zwischen dem linken und dem konservativen Flügel dar. Die entscheidende Neuerung gegenüber den „Kölner Leitsätzen“ versteckt sich jedoch schon in der Präambel:

„Die christliche Weltauffassung allein gewährleistet Recht, Ordnung und Maß, Würde und Freiheit der Person und damit eine wahre und echte Demokratie(...)“[10] Dieser Punkt in Adenauers Programm bringt erstmals und scheinbar ohne, dass man dies damals als radikalen Schritt empfunden hätte[11], das Prinzip der Individualität in Zusammenhang mit der christlich-politischen Grundauffassung. Von dort war es nicht mehr weit zum wirtschaftlich frei handelnden Bürger, der Grundlage einer liberalen Marktwirtschaft.

[...]


[1] Vgl. John, Antonius: Ahlener Programm und Bonner Republik, Bonn 1997, S.29ff.

[2] Vgl. Uertz, Rudolf: Christentum und Sozialismus in der frühen CDU. Grundlagen und Wirkungen der christlich-sozialen Ideen in der Union 1945-1949, Stuttgart 1981(=VfZ 43), S. 72.

[3] Vgl. Köhler, Henning: Adenauer: eine politische Biographie, Frankfurt a. Main/Berlin 1994, S. 375.

[4] Adenauer: Briefe 1945-1947. Hrsg. für die. Stiftung Bundeskanzler-Adenauer Haus von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz, Berlin 1983, S77.

[5] Uertz, Christentum, unterstellt ihnen, sie hätten „zu diesem frühen Zeitpunkt offenbar noch keine Vorahnungen bezüglich der konservativen wirtschafts- und sozialpolitischen Einstellung Adenauers“ gehabt. Vgl. S. 74.

[6] Vgl. Köhler, Biographie, S.394.

[7] Vgl. ders., S. 398.

[8] Das Parteiprogramm von Neheim-Hüstens vom 1.3.1946, in: John, Antonius, Ahlen und das Ahlener Programm. Dokumente-Ereignisse-Erinnerungen, Ahlen 1977, S. 49.

[9] Der ursprüngliche Text hatte gelautet: „ Herstellung eines gerechten Ausgleichs in Wirtschaftsführung und Ertrag in Arbeit und Kapital.“. Vgl. Uertz, Christentum, S. 78.

[10] Programm von Neheim-Hüstens, S.48.

[11] Vgl., Uertz, Christentum, S.76.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Adenauer und die wirtschaftspolitischen Konzepte der CDU 1945-1949
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut ür Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
PS: Biographie und Geschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V49780
ISBN (eBook)
9783638461399
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adenauer, Konzepte, Biographie, Geschichte
Arbeit zitieren
Lukas Freise (Autor), 2004, Adenauer und die wirtschaftspolitischen Konzepte der CDU 1945-1949, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49780

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