Martin Luther King und die Printmedien. Eine Erfolgsgeschichte?

Veränderung der Berichterstattung am Beispiel der New York Times


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
22 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Entwicklung der medialen Berichterstattung über Martin Luther King
2.1. Medienliebling als Mittel zum Zweck?
2.2. Riverside Speech: Ein Scheideweg?

3. Qualitative Inhaltsanalyse des Editorials ,,Dr. King’s Error“, New York Times, 7.4
3.1. Definition und inhaltlicher Aufbau des Editorials
3.2. InhaltlicheAnalyse

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

6. Anhang: Artikel ,,Dr King’s Error“ mit Zeilennummerierung

1. Einleitung

Martin Luther King und die Medien - ist das eine Erfolgsgeschichte? Zu Beginn der aufstrebenden Bürgerrechtsbewegung erscheint es fast so. Es ist nicht zu bestreiten, dass vor allem Tageszeitungen wie die New York Times, die Washington Post oder das Time Magazine - um nur die größten Medien zu nennen - erheblich zum Erfolg der Bürgerrechtsbewegung beigetragen haben. Und nicht nur im Printbereich, sondern auch insbesondere im Fernsehen sorgte die Berichterstattung über afroamerikanische Anliegen für Aufsehen. Es ist also ohne Zweifel festzustellen, dass der schnelle Erfolg der Bürgerrechtsbewegung - und damit auch der Erfolg und die Popularität von King als einer der Anführer dieser Bewegung - zu einem großen Teil den Medien zu verdanken ist. Dennoch ist es eine gefährliche Beziehung zwischen den beiden Variablen, denn die Bewegung ist auf die mediale Aufmerksamkeit doch in gewisserweise angewiesen, um Akzeptanz, Aufmerksamkeit und Sympathisanten zu erreichen.

Vor allem ab der Mitte der 60er Jahre beginnt sich das Verhältnis zu verändern. King wird radikaler in seinen Ansichten und versucht, sich für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner auf allen Ebenen (wie z.B. beim Wohnungsbau, Jobchancen und Arbeitsbedingungen) zu engagieren. Ausschlaggebend für diesen Wandel der Berichterstattung ist vor allem seine offene Ablehnung des Vietnam-Kriegs. Aus Sicht der Regierung und der Leitmedien begibt er sich damit in eine Position, die ihm nicht zusteht: Er urteilt jenseits der Bürgerrechtsbewegung über die Außenpolitik der USA. Die Rede „Beyond Vietnam“, die King in der New Yorker Riverside Church im April 1967 hielt, wurde schließlich zum Skandal für die amerikanische Medienwelt. Der einstige Medienheld wurde nun als Mann bezeichnet, der seine persönlichen Ansichten mit seinen politischen Aufgaben vertauschte und nicht wusste, wo sein Platz war: Innerhalb der Bürgerrechtsbewegung1.

So zumindest die New York Times. Dieses Zitat stammt aus dem Editorial ,,Dr. King’s Error“ der New York Times der am 7. April 1967 veröffentlicht wurde. Anhand dieses Beispiels soll das veränderte Verhältnis der Medien zu King analysiert werden. Um eine Grundlage für die Analyse zu schaffen, soll die Entwicklung zwischen King und den

Medien anhand von einzelnen Artikeln und durch die Sekundärliteratur dargelegt und zugeordnet werden. Ein übergeordnetes Werk zu King und den Medien gibt es allerdings nicht, die Forschungsliteratur beschäftigt sich oft nur mit spezifischen Aspekten wie den afroamerikanischen Medien, dem Jahr 1968, bestimmten Ereignissen in Bezug aufKing (wie den Marsch nach Washington oder Selma oder den Montgomery Bus Boykott) oder beziehen sich aufKing als Person. Das ist zwar ein Nachteil, da so immer andere Aspekte im Mittelpunkt stehen, und nie die Medien selbst. Gleichzeitig wird so eine extreme Meinungsvielfalt dargestellt, die es gegeneinander abzuwägen gilt.

2. Entwicklung der medialen Berichterstattung über Martin Luther King

2.1. Medienliebling als Mittel zum Zweck?

„Major dailies like the New York Times and the Washington Post, basically sympathetic to civil rights and racial equality, though more gradualist than the activist organizations, have congratulated the nation upon its good fortune in having a Responsible and moderate‘ leader like King at the head of the nonviolent action movement (though they overestimate his power and underestimate the symbolic nature ofhis role). It would be more appropriate to congratulate the civil rights movement for its good fortune in having as its symbolic leader a man like King.“2

In den 1960er Jahren ist Martin Luther King ein Medienstar. Seine Reden werden im Fernsehen und im Radio übertragen, die Editorials zahlreicher Leitmedien widmen sich ihm und auch die Cover der Magazine sind oft mit seinem Gesicht geschmückt. Es ist unbestreitbar, dass die Bürgerrechtsbewegung vor allem durch die mediale Aufmerksamkeit landesweit Menschen für ihr Anliegen mobilisieren konnte3.

Hat sich Martin Luther King also die Medien zu Eigen gemacht oder wurde er zur Generierung von neuen Schlagzeilen ausgenutzt?

In der Sekundärliteratur zur Bürgerrechtsbewegung werden zwar immer wieder einzelne, negative Medienberichte hinterfragt (ein sehr gutes Beispiel liefert hier das Werk von David J. Garrow: Protest at Selma. Martin Luther King Jr. And the Voting Rights Act of 1965, das sich vor allem auf die Berichterstattung der Washington Post und der New York Times konzertiert),jedoch stehen dabei meist nur die großen, einflussreichen Zeitungen im Vordergrund. Einen kritischen, weitaus weniger verbreitenden Ansatz verfolgt die Wissenschaftlerin Jenny Walker mit ihrem Aufsatz „A Media-Made Movement?“ Walker analysiert die Berichterstattung hinsichtlich des Umgangs mit Gewalt. Zwar stellt sie fest: Vor allem in den Artikeln der New York Times zu Beginn der 60er Jahre wurden Gewalttaten oftmals zugunsten der Polizei ausgelegt. Gleichzeitig lautet das Fazit ihrer Untersuchung: Egal, ob es sich um liberale, konservative, schwarze oder weiße Presse handelt, sie alle haben schwarze Gewalt im Zuge des Medienhypes rund um die Bürgerrechtsbewegung heruntergespielt.4

Doch wie kam es überhaupt zu dem Hype rund um Martin Luther King?

Kings medialer Durchbruch gelang ihm durch den Montgomery Bus Boykott, der im Winter 1955 begann und erst 12 Monate später enden sollte. Obwohl es bereits zuvor Bus Boykotts gegeben hatte, beeindruckte Montgomery durch die Ausdauer und Entschlossenheit der Teilnehmer. Die mediale Aufmerksamkeit sorgte für finanzielle Unterstützung und machten die regionalen und nationalen Möglichkeiten der direkten Aktion bekannt. King wurde erstmals zum Symbol für die Träume und Ziele der Afroamerikaner. Neben den Medien spielte allerdings auch die Unterstützung der nationalen Eliten der Afroamerikaner eine Rolle, wie etwa die der Organisationen NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) und der National Baptist Church (NBC). In diesen Kreisen entstand der Mythos des „Alabama Moses“ oder „American Gandhi“.5

Martin Luther King legte zwar auf Gewaltfreiheit während der direkten Aktionen und Demonstrationen wert, provozierte dadurch allerdings die Gewaltbereitschaft seiner Gegner. Daraus lässt sich ein mögliches politisches Kalkül ableiten, denn so begibt er sich in eine Opferrolle6. Erst diese Opferrolle ermöglichte es der Bürgerrechtsbewegung, weitreichende mediale Aufmerksamkeit zu bekommen: „Essential to King’s success was his ability to attract the media attention to the plight ofblack Americans (...)(.. ,)an analysis ofhis campaigns reveals that while he appeared to be the lamb, in reality his nonviolent method embodied much of the lion and the fox.“7

Ein gutes Beispiel dafür ist die Berichterstattung über die Proteste in Selma. In Selma hatte - wie bei vielen anderen Aktionen auch - erst Kings Erscheinen zur weltweiten Aufmerksamkeit geführt. Zwei Jahre zuvor hatte die SNCC ziemlich erfolglos versucht, etwas in der Stadt zu bewirken.8

Am 4. Mai 1963 war sowohl auf der ersten Seite der New York Times als auch auf der Washington Post das Bild eines Polizisten aus Birmhingham zu sehen, der seinen Hund auf einen Afroamerikaner hetzte. Dazu titelte die New York Times: „Police dog lunges at demonstrator during the protest against segregation in Birmhingham“, während die Washington Post das Ereignis dramatisierte: „A police dog lunges at aNegro during yesterday’s racial demonstrations in Birmingham, Ala. At extreme right, another dog stands ready“.9

Hier werden die unterschiedlichen Ansätze der beiden großen Qualitätszeitungen der USA deutlich: Während die New York Times sich als verlässliches Blatt versteht, dass wenig Risiken eingeht und eher abwartet, bis andere Medien ein Thema erstmals aufgegriffen haben, ist die Washington Post sehr viel aggressiver und innovativer aufgestellt.10 So definiert zumindest Manfred Redelfs in seinem Buch „Investigative Reporting in den USA“ den Unterschied zwischen den beiden Tageszeitungen. Diese Definition trifft - wie an dem obigen Beispiel deutlich zu sehen ist, auf den Untersuchungszeitraum der 60er Jahre durchaus zu. Spätestens seit dem Amtsantritt von Donald Trump investiert aber auch die New York Times deutlich mehr in investigativ arbeitende Reporter11. Im Zeitalter der digitalen Medien und Fake News hat das Alleinstellungsmerkmal der Enthüllungsrecherche deutlich an Bedeutung gewonnen.

Wie das die Inszenierung des Opfer-Täter-Verhältnisses, das bei der Berichterstattung immer häufiger angewendet wurde, auf die Rezipienten wirkte, zeigt ein Leserbrief, der in der Washington Post am 16. Mai 1965 als Reaktion auf die Fotos des aggressiven Polizeihunds abgedruckt wurde. Dort schrieb Ruth R. Hemphill aus Forest Heights, Maryland:

„The news photographer who took the picture of a police dog lunging at a human being has shown us in unmistakable terms how long we have sunk and will surely have awakened a felling of shame (...). The man being lunged at was not a criminal being tracked down to prevent his murdering other men; he was, and is, a man. (...) If the United States doesn’t stand for some average decent level ofhuman dignity, what does it stand for?“12

Die Verfasserin des Leserbriefes spricht sich zwar deutlich gegen den Vorgang aus, betont allerdings auch, wann ein solches Vorgehen für sie akzeptabel wäre: Und zwar, wenn von dem Gegenüber eine Gefahr ausgehen würde. Es wird deutlich: Ihre Sympathie für den angegriffenen Afroamerikaner hängt von seiner Opferrolle ab, die bei der Leserin ein Gefühl des Unrechts auslöste. Auf die inhaltlichen Forderungen der Proteste in Selma (gegen die Segregation) geht sie nicht ein. Was bleibt also übrig, wenn das Mitleid durch das verursachte Unrecht abhanden kommt? Wenn die Rollen in der medialen Berichterstattung getauscht werden und die Täter zu den Opfern werden? Genau dieses Problem führte zum Wandel der Berichterstattung und soll im nächsten Kapitel behandelt werden.

2.2. Riverside Speech: Ein Scheideweg?

Um den Wandel in der medialen Berichterstattung über Martin Luther King verstehen zu können, die mit der Riverside Speech, auch „Beyond Vietnam“-Rede genannt, nur ihren Höhepunkt fand, müssen zunächst die Vorboten dieses Wandels benannt werden.

Bei den Demonstrationen in Albany, Georgia, die im Herbst 1961 begannen, griff die bisherige gewaltfreie Taktik der direkten Aktion nicht mehr. Die Polizei ließ sich nicht provozieren, sondern reagierte bestimmt aber ohne den Demonstrierenden gegenüber übergriffig zu werden. Die Demonstrationen dauerten einige Monate lang an, bis einige Afroamerikaner in Straßenschlachten verwickelt wurden und King die Stadt verließ.13

Eine weitere Zuspitzung stellen die Unruhen in Chicago im Juli 1966 da. Beim sogenannten West Side Riot kam es zu massiven gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Afroamerikanern und Polizisten. Hier schien die Opferrolle der Afroamerikaner erstmals nicht mehr zu greifen. King betonte in diesem Konflikt allerdings, er sei sehr enttäuscht darüber, dass die Nation den Fehler beging, gewaltfreien Protest als Vorspiel gewaltsamer Aufstände zu verstehen. Er kämpfte darum, die immer dünner werdende Grenze zwischen Randalierern und Demonstranten in der Berichterstattung aufrecht zu erhalten: „Nothing hurts me more than to see the television commentators refer to the chaotic outburst of an angry mob as a demonstration“14

[...]


1 The New York Times Editorial Team: “Dr. Kings Error“, New York Times (7.4.1967), online abrufbar unter: https://www.walterlippmann.com/docsl083.html (auch unter Gliederungspunkt 6 im Anhang zu finden)

2 John A. Kirk: Martin Luther King, Jr and the Civil Rights Movement (New York: Palgrave MacMillan, 2007), S.27.

3 Gareth Morgan: Images of Organization, S. 140, zitiert nach: Lutz Komdörfer, 1968 im Spiegel der Presse (Berlin: LIT Verlag, 2014),, S. 156

4 Vgl. Walker, Jenny: “A Media-Made Movement?”, in Media, Culture, and the Modern African American Freedom Struggle, edited by Brian Ward, (Gainesville: University Press of Florida, 2001), S. 41-42+48.

5 Jackson, Thomas F. From Civil Rights to Human Rights (Philadelphia: University of Pennsylvania Press, S. 52.

6 Vgl. Cleghom, Reese. „Martin Luther King: Apostle of Crisis“, Saturday Evening Post (15. Juni 1963), online abrufbar unter: http://www.saturdayeveningpost.com/wp- content/uploads/satevepost/martin_luther_kingJr_apostle_of_crisis.pdf

7 James Colaiaco Frederick Douglass and the Fourth O , S. 102., zitiert nach: Komdörfer: 1968 im Spiegel der Presse, S. 158.

8 Kirk, Martin Luther King Jr. And the Civil Rights Movement, S. 26

9 New York Times und Washington (4. Mai 1963) jeweils Seite 1, zitiert nach: Garrow, David J. Protest at Selma (New Heaven and London: Yale University Press, 1978), S. 167.

10 Vgl. Redelfs, Manfred. Investigative Reporting in den USA (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1996), S. 235.

11 Meade, Amanda: “Investigative reporting more vital than ever “, The Guardian, 27.10.2017, online abrufbar unter: https://www.theguardian.com/media/2017/oct/28/investigative-reporting-more-vital-than- ever-nyt-managing-editor

12 Ruth RHemphill, Leserbrief, Washington Post (16.5.1965), zitiert nach: Garrow, Protestat Selma, S. 168.

13 Vgl. Komdörfer, 1968 im Spiegel der Presse, S.156.

14 Martin Luther King, „The Core of It“, NYAN, 30 July 1966, zitiert nach: Thomas F. Jackson, From Civil Rights to Human Rights, S.287.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Martin Luther King und die Printmedien. Eine Erfolgsgeschichte?
Untertitel
Veränderung der Berichterstattung am Beispiel der New York Times
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Martin Luther King and the Struggle for Black Equality in America
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V497877
ISBN (eBook)
9783346013019
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Black Equality, Black Power Movement, New York Times, Medien, Medienanalyse, Martin Luther King, Amerika, USA, Washington Post
Arbeit zitieren
Natalie Meyer (Autor), 2018, Martin Luther King und die Printmedien. Eine Erfolgsgeschichte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497877

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