Hintergrund und Prozess der personenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers


Seminararbeit, 2019

17 Seiten, Note: 1,0

Sophie Koenen (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Carl Ransom Rogers

3. Menschenbild und grundlegende Annahmen des personenzentrierten Ansatzes
3.1 Die Grundhaltungen
3.2 Der Klientenbegriff

4. Prozess der personenzentrierten Beratung

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

„Kein Ansatz, der sich auf Wissen, auf Training, auf die Annahme irgendeiner Lehre verlässt, kann auf Dauer von Nutzen sein. Haltung ist entscheidend, nicht Worte.“ (Rogers, 1989, S. 46).

Diese Aussage des Theologen und Psychologen Carl Ransom Rogers bietet Einblick in den Kern seiner psychotherapeutischen Arbeit. Die richtigen Haltungen des Therapeuten1 oder Beraters sind bei ihm Voraussetzung für alles erfolgreiche therapeutische Handeln. Ursprünglich für die Psychotherapie entwickelt, wird der von ihm begründete personenzentrierte Ansatz bis heute in verschiedensten Therapien vielfältig angewendet. Mittlerweile stellt er auch in der Beratung eine bedeutende Methode dar (Sander & Ziebertz, 2010, S. 267). Die Grundannahmen und Merkmale des personenzentrierten Ansatzes lassen sich auf Rogers bewegte Lebensgeschichte zurückführen. In ihr zeigt sich auch, wie es zur Entwicklung dieses Ansatzes kam und wie er das in seinen Haltungen enthaltene humanistisch geprägte Menschenbild erlangte.

Ziel dieser Arbeit ist es, den personenzentrierten Ansatz und seine Hintergründe vorzustellen und diesen anschließend auf die Beratung anzuwenden. Aufgrund des beachtlichen Umfangs des Themas wird in der vorliegenden Arbeit jedoch ausschließlich auf die Beratung im schulischen Kontext Bezug genommen. Um die Hintergründe und Grundannahmen der personenzentrierten Beratung nachvollziehen zu können, wird im Folgenden zuerst die Biographie Carl Rogers geschildert. Anschließend werden − bezugnehmend auf diese − sein Menschenbild und die daraus gewonnenen grundlegenden Annahmen, auf denen der personenzentrierte Ansatz beruht, erläutert. In diesem Abschnitt werden überdies die seitens des Beraters nötigen Grundhaltungen gegenüber dem Klienten ausgeführt und die Verwendung des Klientenbegriffs erläutert. Daraufhin wird die Beratung von der Psychotherapie abgegrenzt und schlussendlich der Prozess beschrieben, der in der personenzentrierten Beratung abläuft.

2. Carl Ransom Rogers

Carl Ransom Rogers wurde am 8. Januar 1902 in Oak Park, einer Vorstadt von Chicago (USA), als viertes von sechs Kindern geboren. Sein Vater Walter studierte an der University of Wisconsin und arbeitete anschließend als Geschäftsmann im Ingenieurswesen. Seine Mutter Julia hatte ebenfalls eine Hochschule besucht. Eine universitäre Bildung war zu dieser Zeit noch nicht weit verbreitet, folglich stammte Rogers aus einer zur damaligen Zeit äußerst gebildeten Familie. Er wurde streng christlich erzogen, so waren in der Familie beispielsweise der Konsum von Alkohol, Kartenspiele und Theaterbesuche verboten, stattdessen wurde fleißige Arbeit gefordert (Thorne, 1998, S. 1). In der Familie galt Rogers als schwächlich und übersensibel, weil er als Kind oft krank war. Deshalb wurde er von seinen Geschwistern gehänselt und war viel alleine. Das führte dazu, dass er schon von klein auf Zuflucht in Fantasiewelten suchte und folglich außergewöhnlich viel las. Seine in dieser Zeit entwickelte Wissbegier sollte ihn sein ganzes Leben lang begleiten (a.a.O., S. 2f.).

Im Jahr 1914 zog die Familie Rogers auf eine Farm, wo sie sehr abgeschieden und isoliert lebte. Dort entwickelte Rogers sein Interesse für das Agrarwesen, aufgrund dessen er schließlich ein Studium der Agrarwissenschaft an der University of Wisconsin begann (ebd.). Seine neu gewonnene Freiheit weit weg von der elterlichen Heimat und die Möglichkeit, zum ersten Mal enge soziale Kontakte außerhalb der Familie zu knüpfen, führten bei Rogers zu einer großen Persönlichkeitsentwicklung. Im Zuge dieser besann er sich zurück auf seinen christlichen Glauben und wollte Pfarrer werden. So wechselte er sein Studienfach zu Geschichte, welches er als bessere Basis für seinen Berufswunsch empfand. Jedoch fand im Laufe seines Studiums ein großer Wandel bezüglich seines Glaubens statt. Er lehnte den evangelischen Fundamentalismus ab, in dem er erzogen wurde, und war mehr und mehr fasziniert vom menschlichen Jesus, der persönliche Freiheit versprach (a.a.O., S. 3f.). Auf einer internationalen christlichen Konferenz für Studenten in China stellte Rogers schließlich fest, dass es gute und aufrichtige Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen vom Glauben gibt, die alle friedlich miteinander zusammenleben können (a.a.O., S. 4). Diese Erfahrung half ihm vollständig aus dem Glauben seiner Eltern auszubrechen und seine eigenen unabhängigen Ansichten zu entwickeln (ebd.). Im Rückblick stellte Rogers fest, dass es diese Reise war, die seine Wertschätzung für die persönliche Individualität anstieß, die später in seinem psychotherapeutischen Ansatz eine bedeutende Rolle einnehmen sollte (a.a.O., S. 5).

Durch die Veränderung seiner religiösen Ansichten distanzierte er sich mehr und mehr von seiner Familie. Gleichzeitig vertiefte er die Beziehung zu einer Bekannten aus Kindertagen, Helen Elliot. Sie heirateten im August 1924, zwei Monate nachdem Rogers seinen Abschluss an der Universität absolviert hatte (ebd.). Später hatten sie zwei gemeinsame Kinder (Sander & Ziebertz, 2010, S. 58). Mit seiner Frau zog Rogers nach New York, wo er am liberalen Union Theological Seminary seine theologische Ausbildung fortsetzte. Währenddessen besuchte er außerdem Seminare in klinischer Psychologie am Teachers‘ College der Colombia University. Nach und nach stellte Rogers fest, dass ihm missfiel, etwas Bestimmtes glauben zu müssen, um seinen Beruf als Pfarrer ausüben zu dürfen (Thorne, 1998, S. 6f.). Also wechselte er vollständig zur Psychologie, wo er wie in der Theologie seelsorgerische Tätigkeiten ausüben und dennoch die Freiheit seiner Gedanken bewahren konnte (Sander & Ziebertz, 2010, S. 58). Sein Psychologiestudium war sehr behavioristisch orientiert und hatte folglich eine streng strukturierte und statistische Herangehensweise (Schmid & Keil, 2001, S. 16). Als Rogers nach seiner Promotion ein Jahr lang an einem Institut für Erziehungsberatung arbeitete, kam er hingegen mit dem psychoanalytischen Ansatz Freuds in Kontakt (Thorne, 1998, S. 7). Rogers unabhängige und individuelle Ansichten, die ihn in erster Linie zur Psychologie gebracht hatten, hinderten ihn jedoch daran, sich auf einen der zwei psychologischen Ansätze komplett einzulassen.

Im Anschluss an seine Zeit im Institut für Erziehungsberatung trat er eine Stelle im Child Study Department of the Rochester Society for the Prevention of Cruelty to Children in Rochester an, wo er zwölf Jahre lang arbeitete (a.a.O., S. 8). Dort stellte er fest, dass sowohl der behavioristische als auch der psychoanalytische Ansatz in seiner praktischen Realität nicht wirkungsvoll waren (Schmid & Keil, 2001, S. 16). So begann er, eigene Ideen umzusetzen und entwickelte diese mithilfe seiner praktischen Erfahrungen weiter. Nach einigen Jahren in Rochester kam es bei einer seiner Sitzungen zu einem einschneidenden Erlebnis. Rogers gab die Beratung einer hochintelligenten Mutter eines schwierigen Kindes auf, da sie über einen langen Zeitraum hin wirkungslos blieb. Wenige Momente später fragte diese Mutter Rogers an, ob er auch Erwachsene berate. Sie erzählte ihm in der anschließenden Sitzung von ihrer schwierigen Ehe und wie verzweifelt sie war. Rückblickend war das für Rogers der Augenblick, der ihm bewies, dass der Klient besser als der Berater weiß, wie in der Therapie vorgegangen werden muss. Der Berater muss sich folglich auf den Klienten einlassen, um die Richtung, in die die Beratung gehen soll, herauszufinden (Thorne, 1998, S. 9). Nach dieser Erfahrung nahm die Entwicklung seines eigenen Therapieansatzes, der vor allem auf der Einstellung des Beraters gegenüber dem Klienten beruht, seinen Lauf.

1939 veröffentlichte Rogers sein erstes Buch mit dem Titel The Clinical Treatment of the Problem Child und wurde daraufhin an der Ohio State University zum Professor berufen (a.a.O., S. 11). Dort publizierte er einige Artikel, war Mitglied in diversen Komitees, etablierte ein Praktikum in Beratung und Psychotherapie an der Universität und hielt regelmäßig Vorlesungen. Eine dieser Vorlesungen bezeichnete er nachträglich als „birthday of the client-centered therapy“ (a.a.O., S. 12), da er in ihrem Rahmen die traditionellen psychotherapeutischen Ansätze kritisierte und sein eigenes Beratungs- und Therapiekonzept vorstellte. Seine Zweifel an der Wirksamkeit von Ansätzen, die rein auf Theorie beruhen, werden bereits im einleitenden Zitat deutlich. Es wird ersichtlich, dass er im Gegensatz zum behavioristischen und psychoanalytischen Ansatz seinen eigenen Ansatz nicht aus einem theoretischen Grundgedanken heraus entwickelte, sondern auf Basis der Erfahrungen mit seinen Klienten (Rogers, 1992, S. 22f.). Rogers grundlegende Annahme lautete, dass es in der Psychotherapie nicht um das Lösen von Problemen gehen solle, sondern um eine persönliche Entwicklung, der der Therapeut begleitend zur Seite stehen solle. Ferner müsse die Gegenwart und nicht die Vergangenheit betrachtet werden (Schmid & Keil, 2001, S. 17).

1963 beendete Rogers seine Tätigkeit als Professor und gründete mit anderen Institutsmitarbeitern das Center for Studies of the Person in La Jolla, Kalifornien. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Gruppen, deren Mitglieder sich ein Persönlichkeitswachstum erhofften, darunter auch interkulturell verfeindete Gruppen (Sander & Ziebertz, 2010, S. 60). Rogers schrieb insgesamt 16 Bücher und publizierte über 200 berufsbezogene Artikel (Thorne, 1992, S. 40). Zeit seines Lebens veränderte er seine Konzepte und entwickelte seinen Ansatz weiter (Sander & Ziebertz, 2010, S. 61). Er starb am 4. Februar 1987 im Alter von 85 Jahren (Thorne, 1998, S. 20).

3. Menschenbild und grundlegende Annahmen des personenzentrierten Ansatzes

In humanistischen Ansätzen ist es wichtig, dass sich der Berater bezüglich seines Menschenbilds kritisch hinterfragt (Korunka, 2001, S. 34). So hinterfragt auch Rogers sein eigenes Menschenbild, indem er sich die Fragen stellt, was der Mensch ist und wie er sich verhalten muss, um gesund und glücklich zu leben (Eisenga, 1989, S. 20). Er kommt zu dem Schluss, dass Menschen krank werden, „wenn sie nicht in Übereinstimmung mit ihrer eigenen Natur handeln“ (a.a.O., S. 23). Diese nicht erfolgte Übereinstimmung nennt er Inkongruenz. Allerdings lehnt er ein allgemeines Menschenbild ob der Einzigartigkeit eines jeden Menschen ab. Als Gemeinsamkeit aller Menschen sieht er lediglich den Erhaltungs-, Entwicklungs- und Reproduktionsdrang (ebd.). Dieser Drang führt den Menschen zu einer steten Weiterentwicklung seiner selbst. Rogers nennt dies die Aktualisierungstendenz (Hutterer, 1992, S. 154).

Rogers Menschenbild „wurde konsequent aus der praktisch-therapeutischen Erfahrung abgeleitet“ (Korunka, 2001, S. 34). Auch Einflüsse aus seiner Biographie sind darin wiederzufinden. So positioniert er sich mit der Annahme, dass jedem Menschen ein positiver Kern innewohnt, aktiv gegen seine pietistische Erziehung (a.a.O., S. 35f.) .2 Laut Rogers ist eben dieser „gute[n] Kern“ (Korunka, 1992, S. 71) im Menschen eine innere Kraft, die nach Selbstverwirklichung strebt und wachsen kann. Tief verankert in seinem Menschenbild findet sich darüber hinaus der Individualismus wieder. Jeder Mensch hat demnach individuelle Neigungen und Talente und kann sich gemäß derer zu einem vollkommen individuellen Menschen entwickeln. Dieselbe Annahme ist ein grundlegender Bestandteil des Humanismus (Böhme & Tenorth, 1990, S. 63). Die Berücksichtigung des Individualismus bei Rogers kann auf den amerikanischen Traum zurückgeführt werden (a.a.O., S. 39), auf dessen Wurzeln sich die Familiengeschichte der im 17. Jahrhundert ursprünglich aus Europa zugewanderten Familie Rogers gründet (Thorne, 1998, S. 1). Menschen sind laut Rogers ferner soziale Wesen, haben einen freien Willen und Entscheidungsfreiheit zwischen verschiedenen Auswahlmöglichkeiten (ebd.).

Im Normalfall verhält sich ein Mensch konstruktiv und ist entwicklungsorientiert, durch äußere Einflüsse kann dies jedoch beeinträchtigt werden, woraus destruktives Verhalten resultieren kann (a.a.O., S. 78). Dieses Menschenbild ist ausschlaggebend für die Vorgehensweise in der personenzentrierten Psychotherapie und Beratung und ebenfalls für die Beziehung zwischen dem Berater und dem Klienten im personenzentrierten Ansatz. Denn auf dieser Grundlage werden das persönliche Wachstum und die persönliche Entwicklung als Lösungsansatz für Probleme verstanden. Die Grundannahme hinter Rogers Ansatz besagt, dass ein Mensch sich zu einem besseren Selbstkonzept und einer Verhaltensänderung bewegt, wenn der Berater ein entsprechend „entwicklungsförderndes psychologisches Klima“ schafft (Rogers, 1992, S. 23). Folglich erfolgt bei Rogers keine klassische Behandlung mit dem Ziel einer Heilung, sondern vielmehr eine Unterstützung bei der Persönlichkeitsentwicklung (a.a.O., S. 22). Heute gilt Rogers aufgrund seines Menschenbildes und den Wertvorstellungen, die seinem Ansatz zugrunde liegen, als Mitbegründer der humanistischen Psychologie (Mikhail, 2009, S. 374).

3.1 Die Grundhaltungen

Um die Persönlichkeitsentwicklung des Klienten optimal unterstützen zu können, sind gemäß dem personenzentrierten Ansatz drei wichtige Grundhaltungen seitens des Beraters einzuhalten. Diese lauten Empathie, Akzeptanz und Kongruenz (Sander & Ziebertz, 2010, S. 69f.).

Empathie bezeichnet das Einfühlungsvermögen des Beraters. Er soll das Problem aus der Perspektive des Klienten betrachten, da Lösungsvorschläge nur auf diesem Weg angepasst an den Klienten und seine jeweilige Situation gegeben werden können. Des Weiteren entsteht durch Empathie eine Atmosphäre, die dem Klienten durch „Spiegelungen“ (Schwarzer & Posse, 2008, S. 445) ermöglicht, eigene Lösungsansätze zu entwickeln (ebd.). Laut Rogers (1992) ist die Grundhaltung Empathie sehr komplex in ihrer Umsetzung, da der Berater seine eigene Welt verlassen muss und für „eine Zeitlang in ihrem Leben [das Leben der Klienten] leben“ muss, ohne die Empfindungen des Klienten zu beurteilen (S. 24). Dabei soll auch wahrgenommen werden, was „knapp unterhalb der Schwelle des Bewußtseins [sic]“ (a.a.O., S. 25) liegt. Hier ist es wichtig, nicht in die Zukunft vorauszugreifen oder in die Vergangenheit zurückzublicken, sondern den aktuellen Gefühlszustand zu betrachten. Empathie muss vom Berater empfunden werden und ist folglich nicht erzwingbar (ebd.).

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden weiterhin ausschließlich das generische Maskulinum verwendet. Gemeint sind damit aber immer beide Geschlechter.

2 Das Christentum geht davon aus, dass der Mensch von Geburt an die Erbsünde in sich trägt und nur durch den Glauben erlöst werden kann (Schnädelbach, 2000, S. 41).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Hintergrund und Prozess der personenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V497886
ISBN (eBook)
9783346024701
ISBN (Buch)
9783346024718
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carl Rogers
Arbeit zitieren
Sophie Koenen (Autor), 2019, Hintergrund und Prozess der personenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497886

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