Metaphorische Bildungen in der Sprache der Informatik


Masterarbeit, 2007
78 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhalt

1 Grundlegung
1.1 Einleitung
1.2 Gang der Untersuchung
1.3 Begriffsabgrenzung
1.3.1 Metapher
1.3.2 Informatik
1.3.3 Computer

2 Betrachtung und Analyse ausgewählter Metapherntheorien
2.1 Die Substitutionstheorie
2.2 Die Vergleichstheorie
2.3 Die Interaktionstheorie
2.4 Die Kontexttheorie der Metapher
2.4.1 Das Bildfeld
2.4.2 Erweiterung der Kontexttheorie: Metaphernkontexte
2.5 Die kognitive Metapherntheorie
2.5.1 Hauptthesen von Lakoff & Johnson
2.5.2 Das menschliche konzeptuelle System in der kognitiven Theorie
2.5.3 Kategorisierung von Metaphern
2.5.4 Kritik an Lakoff & Johnson
2.5.5 Erweiterung der Theorie von Lakoff & Johnson: Blending

3 Betrachtung und Analyse von Metaphern in der Sprache der Informatik
3.1 Konzeptuelle Metaphern in der Wissenschaft
3.1.1 Funktionen
3.1.2 Exkurs: Modelle der Softwareentwicklung und ihre konzeptuellen Metaphern
3.2 Die Desktop-Metapher
3.3 Reisemetaphern
3.3.1 Die Reisemetapher in der Informatik
3.3.2 Die Reisemetapher in der Wissenschaftssprache außerhalb der Informatik
3.3.3 Exkurs: Surfen
3.4 Vermenschlichende Metaphern
3.4.1 Die „Mensch-als-Maß-aller-Dinge“-These
3.4.2 Die „Spinning Jenny”-These
3.4.3 Die „Computer denken“ –These und künstliche Intelligenz

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Grundlegung

1.1 Einleitung

Die vorliegende Magisterarbeit befasst sich mit dem Thema Metapher und metaphorische Bildungen in der Sprache der Informatik. Die wesentliche Fragestellung lautet hierbei, ob und wenn ja, warum Metaphern in der Wissenschaftssprache allgemein und in der Sprache der Informatik speziell vorkommen und inwieweit diese für deren begriffliche Verständlichkeit notwendig sind. Die Zielsetzung in diesem Zusammenhang ist zu erarbeiten, wie sich Metaphern in der Sprache der Informatik konkret niederschlagen und welchen Nutzen die Informatik von metaphorischen Bildungen hat.

Der theoretische Teil dieser Arbeit befasst sich sprachtheoretisch mit dem Phänomen Metapher in seiner ganzen Reichweite: vom bloßen Stilmittel, über die tragende Rolle bei der Konzeptualisierung der menschlichen Realität, bis hin zur strukturalistischen Funktion in der Sprache.

Diese Arbeit stützt sich hauptsächlich auf die kognitive Metapherntheorie von Lakoff & Johnson. Es werden jedoch auch ausführlich die Bildfeldtheorie der Metapher von Weinrich, sowie zum einen ihr vorausgehende und zum anderen weiterführende Metaphertheorien, die den aktuelleren Stand der Metaphernforschung widerspiegeln bzw. andere Forschungsrichtungen aufzeigen, berücksichtigt.

Anhand einer Korpusuntersuchung werden Begriffsbeispiele aus dem Bereich der Informatik ausführlich daraufhin analysiert, inwieweit sie metaphorische Eigenschaften aufweisen.

Diese korpusbasierte Analyse verfährt dabei nach der Methode des lexical approach [1]. Auf dem Wege der sprachlichen Analyse soll die dahinterliegende konzeptuelle Metaphorik aufgedeckt werden. Als Gegenstand der onomasiologischen Analyse wurden zum größten Teil Fachwörterbücher und zum kleineren Teil (für die Kategorie der sogenannten vermenschlichenden Metaphern) Computerfachzeitschriften ausgewählt, weil sie eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und alltäglicher Anwendung darstellen und deshalb eine Vielzahl an anthropomorphisierenden (vermenschlichenden) Metaphern sowohl aus der wissenschaftlichen als auch der alltäglichen Sprache über Computertechnologie aufweisen.

Die Ergebnisse sollen den Zusammenhang zwischen Metapher und der Wissenschaftssprache Informatik zeigen und deutlich machen, welche Bedeutung metaphorische Bildungen für die Terminologie der Informatik haben.

1.2 Gang der Untersuchung

Die vorliegende Arbeit ist in einen einleitenden Teil, zwei Hauptteile und einen nachbereitenden Teil untergliedert. Im einleitenden Teil wird die dieser Arbeit zugrundeliegende Fragestellung vorgestellt, es werden Methodik und Aufbau der Arbeit beschrieben und ausgewählte Begriffe als Wissensgrundlage für die folgenden Gliederungspunkte hergeleitet und erklärt.

Im anschließenden zweiten Gliederungspunkt, dem ersten Hauptteil, werden ausgewählte Metapherntheorien betrachtet, analysiert und zueinander in Bezug gesetzt. Es wird die Entwicklung der unterschiedlichen Metapherntheorien und ihrer Erweiterungen dargestellt und untersucht, inwieweit sie aufeinander aufbauen. Ebenfalls wird herausgearbeitet, welche der vorgestellten Metapherntheorien am besten geeignet ist, abstrakte Bereiche der Wissenschaft zu konzeptualisieren.

Diese wird dann im dritten Gliederungspunkt, dem zweiten Hauptteil dieser Arbeit, bei der anschließenden Betrachtung und Analyse von Metaphern in der Sprache der Informatik als Grundlage dienen. Dort wird zunächst die Notwendigkeit konzeptueller Metaphern in der Wissenschaft nachgewiesen, sowie deren Funktionen erklärt. Anschließend werden verschiedene Metaphernkomplexe, die im Bereich der Informatik vorkommen, thematisch geordnet, ausführlich untersucht.

Im vierten Gliederungspunkt werden die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst.

1.3 Begriffsabgrenzung

1.3.1 Metapher

Der Terminus Metapher geht auf das griechische μεταφορά (metaphorá = hinüber tragen) zurück.[2] (lat. Metaphora, engl. Metaphor, frz. Métaphore, ital. Metafora).[3]

Der Duden definiert die Metapher als:

Wort mit übertragener Bedeutung, bildliche Wendung, z. B. „Haupt der Familie“[4]

Mit Haupt der Familie wählen die Autoren des Duden ein bekanntes Beispiel aus der Alltagssprache. Für das Wort Haupt gibt es zum einen die wörtliche Bedeutung „Kopf“, zum anderen die metaphorische Bedeutung in Haupt der Familie mit „wichtigste Person (oder Autorität) in der Familie“. Ebenso funktioniert die Metapher Haupt, wenn der Papst das Oberhaupt der katholischen Kirche genannt wird. Metaphern müssen aber nicht immer Substantive sein, wenngleich es diese sind, die uns als Beispiele zuerst einfallen. Wenn wir sagen, dass man Bücher verschlingen kann oder geistig verhungert, dass ein Computer abstürzt oder ein Virus den Computer angreift, verwenden wir Metaphern.

Wer auch immer kommuniziert, verwendet Metaphern, meistens unbemerkt und ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Wer auch immer denkt, versucht seine Welt mithilfe von Metaphern zu ordnen. Wer auch immer fühlt, kann seine Gefühle auf keine andere Weise als metaphorisch ausdrücken. Dann kreieren wir Menschen neue Metaphern, greifen zu den in unserer Gesellschaft bekannten zurück oder revitalisieren bereits ‘tote’ und machen sie durch die Einbindung in neue Kontexte wieder lebendig.

In den Anfängen des wissenschaftlichen Diskurses über die Metapher wurde zum Ort des „Metapherngeschehens“ allein die Dichtung und die Rhetorik erklärt. So betrachtete

Aristoteles die Metapher als einen verfremdeten Ausdruck, als Schmuck:

“Die sprachliche Form ist am klarsten, wenn sie aus lauter üblichen Wörtern besteht; aber dann ist sie banal. [...] Die sprachliche Form ist erhaben und vermeidet das Gewöhnliche, wenn sie fremdartige Ausdrücke verwendet. Als fremdartig bezeichne ich die Glosse, die Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was nicht üblicher Ausdruck ist.”[5]

Die Sichtweise, dass die Metapher hauptsächlich für die Dichtung und die Rhetorik geeignet sei und daher eine rein ornamentale Funktion übernehme, ist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts überholt. Zwei wichtige Erkenntnisse der jüngeren Sprachwissenschaft haben einen Beitrag zur Veränderung der aristotelischen Auffassung geleistet. Zum einen gewann man die Erkenntnis, dass sich das Vorkommen der Metapher nicht auf die Dichtung und Rhetorik beschränkt. Die Metapher ist ein sprachliches Phänomen aller Kommunikationsbereiche. Sprachliche Kommunikation ist ohne die Metapher nicht denkbar. Zum anderen gelangte man zur Einsicht, dass die Metapher nicht nur ein Stilmittel der Dichtung, sondern auch ein umfassenderes sprachwissenschaftliches Phänomen mit phonologischen, syntaktischen, semantischen und pragmatischen Eigenschaften ist. Diese Themen werden unter Gliederungspunkt 2 ausführlich untersucht.[6]

Durch häufige Verwendung im alltäglichen Sprachgebrauch können Metaphern Eingang in das Lexikon finden. Eine Lexikalisierung der Metapher findet statt. Dann wird aus dem einen Wort, das wörtlich und metaphorisch verwendet werden kann, ein Wort mit zwei Bedeutungen. Der ursprüngliche Zusammenhang wird normalerweise erst durch Nachdenken bewusst.

Hierzu zwei Beispiele (1. die wörtliche Bedeutung, 2. die metaphorische Bedeutung):

Strom: (1. Wasserlauf, 2. elektrischer Strom)

Maus: (1. Tier, 2. Eingabegerät für den Computer)

Da Metaphern wie in den beiden Beispielen in der Regel nicht mehr als Metaphern wahrgenommen werden, werden sie auch „tote“ Metaphern genannt. Max Black verwendet die Bezeichnung dormant [7] (schlafend, schlummernd) um anzudeuten, dass die metaphorische Bedeutung durch Reflektion jederzeit wieder bewusst gemacht (geweckt) werden kann. Die Bezeichnung einer Metapher als „tot“, weil sie in das Lexikon aufgenommen und konventionalisiert wurde, scheint irreführend. Denn im Zusammenhang mit Sprachen sind „tote“ Sprachen solche, die nicht mehr gesprochen werden (z.B. Latein). Die hinter der Verwendung von „tot“ stehende Vorstellung, dass Sprachen wie Lebewesen eine bestimmte „Lebenszeit“ besitzen, impliziert für eine Sprache die beiden Pole tot und lebendig und dazwischen die Möglichkeit, dass Sprachen aussterben können.

Im Gegensatz dazu werden die vermeintlich „toten“ Metaphern aber gerade beim Sprechen verwendet, sie „sterben“ dadurch, dass sie häufig verwendet werden. Das Attribut „tot“ will hier nur deutlich machen, dass das metaphorische Konzept nicht mehr wahrgenommen wird. Die Bezeichnung „tote Metapher“ birgt das Risiko missverstanden zu werden .Treffender wäre die Bezeichnung „lexikalisierte Metapher“.

Der vorangegangene Text soll als Einführung zum Thema Metapher genügen. Die Fragen nach der Funktion der Metapher und wie Metaphern auf der Grundlage gedanklicher Konzepte entstehen, werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit ausführlich behandelt.

1.3.2 Informatik

Die Informatik ist eine relativ neue Wissenschaft und jede neue Wissenschaft braucht einen neuen Namen. Wie der Name Informatik entstand, soll hier kurz erklärt werden. Wer hat dieses Wort erfunden? Französische Lexika nennen Phillipe Dreyfus, der 1962 den Begriff Informatique aus den Wörtern „ Infor mation + Auto matique “ gebildet haben soll.[8] Die Académie Française übernimmt das Wort 1967 und definiert Informatique als:

„Science du traitement rationnel, notamment par machines automatiques, de l'information considérée comme le support des connaissances humaines et des communication dans les domaines techniques, économiques et sociaux. [9]

Die erste offizielle Verwendung der deutschen Entsprechung Informatik erfolgte 1968 durch den damaligen Bundesbildungsminister Stoltenberg in einer Rede an der Technischen Universität Berlin.[10] Allerdings wird auch der Schwabe Karl Steinbuch als Erfinder gehalten, der schon 1957 für eine Veröffentlichung den Titel „Informatik: Automatische Informationsverarbeitung“ wählte.[11]

Betrachten wir das Wort selber. Der Name Informatik beinhaltet vor allem die Information, um deren Verarbeitung es in dieser Wissenschaft laut Definition im Duden geht: „Wissenschaft von der Informationsverarbeitung, insbesondere mit Hilfe von Computern.“[12]

Die Erklärung französischer Lexika, der Begriff sei eine Verschmelzung aus den Wörtern Information und Automatique ist nicht wahrscheinlicher als die Möglichkeit einer Verschmelzung mit Mathematique. Ebenso gut könnte man die Wurzeln Electronique, Cybernetique usw. in Informatique vermuten. Unvoreingenommen betrachtet - das heißt ohne das Wissen um die Bedeutung anderer Disziplinen für die Informatik - geben Informatique oder Informatik allein keinen Hinweis auf etwaige Verschmelzungen. Im weitesten Sinne kämen schließlich alle auf die Silbe „–ique“ endenden Disziplinen als mögliche Verschmelzungspartner in Frage.

Fest steht aber Eines: Bei der Namensgebung bildet, im Deutschen wie im Französischen, das Wort Information den Schwerpunkt. Hierin unterscheidet sich die Benennung der neuen Wissenschaft von der amerikanischen gerätefixierteren Variante C omputer Science (wörtlich: Die Wissenschaft vom Computer)[13]. Da der Computer aber eine zentrale Stellung im Selbstverständnis der Disziplin Informatik besetzt, die sich aus dem Duden entnommenen oben zitierten Definition: „insbesondere mit Hilfe von Computern“ erschließen lässt, wird im Deutschen diese Unterscheidung zwischen computer science und information science nicht gemacht. In diesem Sinne wird sie auch in dieser Arbeit behandelt: als übergreifende Wissenschaft, die sowohl den „gerätefixienten“ Bereich, als auch den Bereich der allgemeineren Informationsverarbeitung umfasst.

1.3.3 Computer

Der deutsche Begriff Computer ist eine Übertragung des gleichlautenden englischen Begriffs. Solche Übertragungen aus dem Englischen finden sich in der Informatik häufig, denn Englisch ist heute die Lingua franca der Wissenschaft geworden. Laut englischem Wörterbuch bedeutet das Verb to compute: „to calculate something“[14] (rechnen, berechnen). Ein Computer ist demzufolge zunächst einmal „a person who computes”; die Person, die diese Rechnungen ausführt. Diese Bedeutung lässt sich in Texten aus den Anfängen der Computertechnik nachweisen. Als Alan Turing 1936 schrieb „We may now construct a machine to do the work of this computer“[15], meinte er mit computer noch den (rechnenden) Menschen – in der Regel waren das Frauen[16] - während er die geplante digitale Maschine computing machine nannte. Vierzehn Jahre später, in Computing Machinery and Intelligence [17] unterscheidet Turing zwischen human computer und digital computer.

Bei dem Begriff Computer handelt es sich genau genommen um eine Metapher.

Die in der englischen Sprache erfolgte Übertragung des Wortes, das zuerst einen rechnenden Menschen bezeichnete, auf eine Maschine, die das Gleiche – nur schneller – ausführt, ist eine Metaphorisierung.

Ganz anders ist das französische Ordinateur für Computer entstanden. In Frankreich, wo die Académie Française über die Landessprache wacht, im Radio eine Quote für französischsprachige Musik existiert und Anglizismen mit größerer Skepsis als hierzulande betrachtet werden, kam der Name Computer nicht in Frage.

Als IBM Frankreich 1954 einen Namen für ihre neue elektronische Maschine suchte, wandte sich die Firma an den Sprachwissenschaftler Jacques Perret, Professor für lateinische Sprache an der Sorbonne.[18] Der Bitte um einen Namensvorschlag kam Jacques Perret am 16. April 1955 in einem Brief nach:

„Cher Monsieur“, schreibt Jacques Perret, „que diriez vous d’ Ordinateur ?“

(„Sehr geehrter Herr, was sagen Sie zu Ordinateur?“) Ordinateur, so erklärt Perret, sei ein korrekt geformtes Wort, das sich im Französischen des 19. Jahrhunderts mit dieu o rdinateur auf Gott bezieht, in der Bedeutung „qui met de l’ordre dans le monde“. Einer, der Ordnung in die Welt bringt.[19] IBM Frankreich übernimmt Ordinateur und der Name verbreitet sich schnell auch außerhalb der Firma. Über die Wortwahl kann man sich heute sicherlich streiten, ob der Ordinateur tatsächlich Ordnung in die Dinge, die ihm anvertraut werden, bringt. Allerdings steht die deutsche und angloamerikanische Alternative Computer auch nicht besser da: Ist das „Rechnen“ wirklich das, wofür ein Computer heute hauptsächlich Verwendung findet?

Mit diesem kurzen deutsch-französisch-angloamerikanischen Überblick über die Entstehung der Begriffe Informatik, Informatique und Computer Science sowie Computer, Ordinateur und Computer sollte gezeigt werden, dass es sich auch bei vermeintlichen Neubildungen genau genommen häufig um Metaphern handelt. Zusammen mit den einführenden Erläuterungen zu Metaphern wurde in diesem ersten Kapitel die begriffliche Grundlage für die weiteren Kapitel dieser Arbeit geschaffen.

2 Betrachtung und Analyse ausgewählter Metapherntheorien

Schon seit der Antike haben verschiedene wissenschaftliche Disziplinen Theorien entwickelt, die Wesen, Herkunft und Funktion der Metapher erklären sollen. Die Metapher wurde z.B. in der Rhetorik, Poetik, Philosophie, Theologie, Psychologie, Ethnologie und Sprachwissenschaft untersucht - mit entsprechend unterschiedlichen Ergebnissen.

Es gibt die These, Fachsprachen müssten aufgrund ihres wissenschaftlichen Charakters metaphernfreie Sprachen sein. Vertreter dieser These gehen davon aus, dass Metaphern allein dem Bereich Rhetorik/Poesie angehören, der sich ihrer Auffassung nach wie folgt vom Bereich Fachsprache unterscheidet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Vermeintliche Zweiteilung Fachsprache vs. Rhetorik/Poesie

Dass eine solche Zweiteilung nicht sinnvoll ist und nicht der sprachlichen Realität entspricht, wird eines der Ergebnisse dieses Kapitels sein, in dem ausgewählte Metapherntheorien betrachtet, analysiert und zueinander in Bezug gesetzt werden. Es wird die Entwicklung der unterschiedlichen Metapherntheorien und ihrer Erweiterungen dargestellt und untersucht, inwieweit sie aufeinander aufbauen. Ebenfalls soll herausgearbeitet werden, welche der vorgestellten Metapherntheorien die Realität am besten widerspiegelt.

2.1 Die Substitutionstheorie

Der griechische Philosoph, Logiker und Naturforscher Aristoteles (384-322 v. Chr.) behandelt die Metapher in seinen Schriften über Poetik und Rhetorik. Auf ihn geht die Substitutionstheorie zurück, eine der ältesten und verbreitetsten Theorien. Danach wird die Metapher als ein Wort betrachtet, welches von seiner eigentlichen lexikalischen Stelle an eine fremde Stelle übertragen wird. Dort erhält es eine neue Bedeutung, die von seiner ursprünglichen abweicht. Die Bedeutung der Wörter ergibt sich hier also durch eine konventionell festgelegte Zuordnung zu den Dingen. Das ersetzte und das ersetzende Wort stehen in einer paradigmatischen Beziehung, die auf Bedeutungsähnlichkeiten zwischen den beiden Wörtern basiert. Es kommt bei Aristoteles also nicht auf den Kontext an, der schließlich auch bedeutungsbestimmend ist, sondern auf den Austausch zweier Wörter und warum dieser möglich ist.[20]

Der Vorgang der Übertragung findet somit mehr Beachtung als das Ergebnis. Wenn jedes Wort seine eigentliche lexikalische Stelle hat, wird eine Metapher bewusst als fremdes Wort wahrgenommen. Zum Verständnis der Metapher ist daher nötig, das ersetzte Wort zu erkennen. Der Hörer muss aber auch die ursprüngliche Bedeutung des übertragenen Wortes kennen, damit es ihm in einer bestimmten Verwendungsweise als Metapher auffallen kann.[21]

Aristoteles’ Typologie der Metapher folgt logischen Kriterien. Je nach Ursprungsort und -ziel werden vier Kategorien unterschieden:

1.Übertragung von der Gattung auf die Art: stillstehen für „vor Anker liegen“2.Übertragung von der Art auf die Gattung: zehntausend für „viel“3. Übertragung von Art zu Art: abschöpfen für „abschneiden“ (Gattung: „wegnehmen“)4. Übertragung nach einer Analogie: Abend des Lebens für „Alter“

Die erste Kategorie bezeichnet demnach eine verallgemeinernde Metapher (stillstehen als Oberbegriff), die zweite eine präzisierende Metapher („viel“ als Oberbegriff). In den ersten drei Fällen geht es um Ähnlichkeiten (Similaritäten), welche die einzelnen Wörter verbinden und austauschbar machen.[22]

Der vierte Typ der Metapher wird eingehender behandelt. Er basiert auf einem proportionalen Verhältnis zwischen zwei Relationen: A verhält sich zu B wie C zu D (Alter verhält sich zu Leben wie Abend zu Tag). Bei der Metapher wird nun ein Wort aus seiner Position in einer Relation in die entsprechende Stelle in der anderen Relation übertragen. Derartige Analogien gehören zum vorsprachlichen Wissen, welches hier die Basis für das Verstehen einer Metapher ausmacht. Die Übertragung nach einer Analogie kann auch stattfinden, wenn ein analoger Begriff nicht existiert. Ein Motiv, Metaphern zu verwenden, ist also der Mangel an einer passenden Bezeichnung für einen Gegenstand oder einen Sachverhalt.[23] Nach Aristoteles beruht das Erkennen von Similaritäten und Analogien auf Begabung. Gute Metaphern zu bilden, kann daher nicht erlernt werden.[24]

2.2 Die Vergleichstheorie

Eine Variante der Substitutionstheorie ist die Vergleichstheorie, welche auf den römischen Rhetoriklehrer, Redner und Schriftsteller Quintilian (ca. 35 bis ca. 96 nach Christus) zurückgeht. Ihr zufolge ist die Metapher ein um die Partikel „wie“ gekürzter Vergleich. Die Vergleichstheorie setzt immer eine Ähnlichkeit oder Analogie zwischen den verglichenen Gegenständen voraus. Nach ihr sind alle Metaphern reduzierbar auf wortwörtlichen Gebrauch, da sie lediglich einen Vergleich ausdrücken. Doch diese Auffassungen greifen zu kurz, da sich Metaphern nicht nur auf Wirkliches beziehen, reale Ähnlichkeiten und Analogien aufgreifen, sondern auch Ähnlichkeiten erzeugen. Sie schaffen neue Wirklichkeiten, alternative Wahrnehmungsmöglichkeiten, indem sie Sprach- und Ordnungskonventionen sprengen und scheinbar Unvereinbares verschmelzen.[25]

2.3 Die Interaktionstheorie

Die zweite einflussreiche Metapherntheorie ist die Interaktionstheorie der Metapher.

Als Gründungsvater der Interaktionstheorie gilt Richards (1932), der die Metapher nicht mehr als Abweichung vom normalen Sprachgebrauch, sondern als ein Produkt des vergleichend-begriffsbildenden Denkens versteht und somit über den bisher auf die rhetorischornamentale Funktion reduzierten Metaphernbegriff hinausgeht.[26]

Black (1977) hat die Interaktionstheorie Richards ergänzt und weiterentwickelt. Seine Interaktionstheorie des metaphorischen Verstehens hat vor allem die Metaphernforschung in den Kognitionswissenschaften beeinflusst.

Die Metapher ist in der Interaktionsstheorie eine metaphorische Aussage [27], denn sie besteht nicht aus einem isolierten Wort, sondern aus Sätzen. Eine metaphorische Aussage verbindet die beiden unterscheidbaren Teile Primär - und Sekundärgegenstand miteinander. Der Sekundärgegenstand ist nicht ein einzelnes Wort, sondern ein System von Prädikaten[28]. Bei der metaphorischen Operation werden bestimmte Prädikate auf den Primärgegenstand projiziert, die eine kulturelle Sprachgemeinschaft eigentlich mit dem Sekundärgegenstand assoziiert. Die Bedeutung wird durch die Interaktion und die Konstruktion eines Implikationszusammenhangs [29] zwischen den beiden Gegenständen der metaphorischen Aussage generiert.

Im Gegensatz zur Substitutionstheorie bezieht Black sowohl den sprachlichen als auch den außersprachlichen Kontext in die Interpretation der metaphorischen Aussage ein, um eine adäquate Bedeutungserfassung zu gewährleisten. Darüber hinaus betrachtet er Sprache als Teil und Funktion einer kommunikativen Situation. Demnach kommen metaphorische Aussagen in spezifischen Kommunikationssituationen vor und werden von Sprechern verwendet, um bestimmte Absichten auszudrücken.[30]

Die metaphorische Aussage in der Interaktionsstheorie ist durch wörtliche Paraphrasierung (wie sie in der Substitutionstheorie möglich wäre) nicht ersetzbar, denn jeder Übersetzungsversuch ins Wörtliche würde einen Verlust des kognitiven Inhalts bedeuten.[31]

Black schreibt der metaphorischen Aussage Kreativität zu, da sie neue Ähnlichkeiten zwischen dem Primär- und dem Sekundärgegenstand durch die interaktive Verbindung konstruiert, die diese vor dieser Verbindung noch nicht besitzen. Ihre Kreativität liegt also gerade darin, Beziehungen zwischen bezeichneten Dingen zu verändern und dadurch neue Erkenntnisse hervorzubringen:[32]

“Aus diesen Gründen möchte ich festhalten, dass manche Metaphern uns in die Lage versetzen, bestimmte Aspekte der Wirklichkeit zu sehen, zu deren Konstitution die Herstellung der Metapher beiträgt.”[33]

Damit wird auch deutlich, dass die Interaktionsstheorie starke kognitive Ansätze beinhaltet. Nach ihr ist die Metapher vor allem eine sprachliche Form des bildlichen Denkens. Deswegen ist sie allgegenwärtig, worauf bereits Richards hinweist:

“That metaphor is the omnipresent principle of language can be shown by mere observation. We cannot get through three sentences of ordinary fluid discourse without it.”[34]

Gerade wegen ihrer Allgegenwärtigkeit kann die metaphorische Aussage keine Abweichung vom normalen Sprachgebrauch sein: Sie ist normaler Sprachgebrauch.[35]

Trotz der anscheinend so fortschrittlichen und überzeugenden Darstellung des Ansatzes werden doch zwei Punkte in kritischen Auseinandersetzungen zur Interaktionsthorie nach Black bemängelt. Zum einen geht Black in seiner Darstellung nur sehr kurz auf die von ihm neu eingeführten Begriffe ein und ergänzt diese nicht mit erläuternden Beispielen.[36]

Zum anderen konstatiert er eine umgekehrte Projektionsrichtung zwischen dem Primär- und dem Sekundärgegenstand, somit erübrigt sich die Frage nach der Projektionsrichtung.[37] Black meint mit Implikationszusammenhang die gegenseitige Beeinflussung der beiden Gegenstände der metaphorischen Aussage mittels Interaktion. Dieses bedeutet aber, dass die metaphorische Aussage „bidirektional“ ist:

“Aber dass die Metapher ‘Man is a wolf’, die den Menschen zweifelsohne raubtierähnlich macht, gleichzeitig den Wolf vermenschliche, so dass es eigentlich keinen Ursprungs- und Zielbereich, sondern nur zwei irgendwie ‘interagierende’ Bereiche gäbe, lässt sich kaum halten.”[38]

2.4 Die Kontexttheorie der Metapher

Der Romanist Weinrich entwickelte seine Bildfeld- und Kontexttheorie in fünf Aufsätzen zwischen 1958 und 1976, die er allesamt in überarbeiteter Version in sein Buch Sprache in Texten (1976) aufgenommen hat.[39] Bei der Bildfeldtheorie handelt es sich um eine weitergeführte Variante der Interaktionstheorie. Der Germanist Zhu nimmt Weinrichs Kontexttheorie auf und entwickelt sie in seiner Habilitationsschrift Wenn sich das Gras bewegt, dann muß auch der Wind blasen- Studienzur Metapher in der deutschen politischen Pressesprache - unter besonderer Berücksichtigung der China-Berichterstattung (1993) weiter. Im Gegensatz zu Weinrich, der ausschließlich poetische Beispiele zur Erläuterung heranzieht, wendet Zhu die Kontexttheorie auf pressesprachliche Texte an. Die Kontexttheorie rückt den sprachlichen und außersprachlichen Metaphernkontext in den Mittelpunkt der Theorie und begreift die Metapher in erster Linie als ein Kontextphänomen.

2.4.1 Das Bildfeld

Die Bildfeldtheorie nach Weinrich, die er in seinem Aufsatz Münze und Wort: Untersuchungen an einem Bildfeld (1958) entworfen hat, ist grundlegend für die linguistische Metapherntheorie; der Begriff des Bildfeldes gehört seit 40 Jahren zu den zentralen Begriffen europäischer Sprachwissenschaft.[40]

Ausgangspunkt für Weinrichs Bildfeldtheorie ist einerseits die von Ferdinand de Saussure eingeführte Differenzierung von langue (Sprache) und parole (Sprechakt), andererseits die Unterscheidung von Synchronie und Diachronie. Übertragen auf die Metaphernforschung gehört das Bildfeld zur langue und die Einzelmetapher zur parole. Während die Skizzierung solcher Bildfelder Aufgabe der synchronischen Metaphernforschung ist, übernimmt die diachronische Metaphernforschung den Traditionsnachweis der Einzelmetapher.[41]

Nach Weinrich steht die Einzelmetapher in einem sprachinternen Zusammenhang mit anderen Metaphern in einem Bildfeld[42] das für beinahe alle Metaphern existiert. Denn isolierte Metaphern sind sehr selten.[43] Die beiden in der Metapher “durch einen geistigen, analogiestiftenden Akt”[44] verbundenen Sachverhalte bilden die beiden Elemente des Bildfeldes, das Weinrich in Analogie zur Wortfeldtheorie bildspendendes und bildempfangendes Bedeutungsfeld nennt.[45] So wie das Einzelwort seine inhaltliche Bedeutung durch die Beziehung zu den Bedeutungen anderer Wörter in seinem Wortfeld empfängt, so erhält auch die einzelne Metapher durch die Verbindung im Bildfeld ihre Bedeutung. Nach Peil lässt sich das Bildfeld auffassen als “die Summe aller möglichen metaphorischen Äußerungen im Umkreis der jeweiligen Zentralmetapher oder metaphorischen Leitvorstellungen”.[46] Das Bildfeld kann nicht mit einem seiner beiden Bereiche allein identifiziert werden:[47]

“Insofern zwei Sinnbezirke Bestandteile eines Bildfeldes sind, benennen wir sie [...] als bildspendendes und bildempfangendes Feld. In unseren Beispielen wird das bildempfangende Feld vom Sinnbezirk Sprache gebildet, das bildspendende Feld vom Sinnbezirk Finanzwesen; das Bildfeld, das sich in der Koppelung der beiden Sinnbezirke konstituiert, wollen wir nach seiner Zentralmetapher ‘Wortmünze’ benennen .[48]

Die Kopplung bildspendender mit bildempfangenden Feldern erfolgt nicht willkürlich, sondern liegt in einem so genannten “tertium comparationis”[49], einem gemeinsamen Vergleichspunkt, begründet. Doch ist diese Ähnlichkeit zwischen bildempfangendem und bildspendendem Feld nicht selbstverständlich, sondern wird vom Autor der Metapher intendiert und vom Leser oder Hörer wahrgenommen.[50] Dieser Enkodierungs- und Dekodierungsakt setzt ein gemeinsames Wissen voraus, das auf einem gemeinsamen soziokulturellen Hintergrund beruht und ein gemeinsames Sprachbewusstsein hervorbringt.[51]

Bildfelder sind als objektive, soziale Gebilde in der Gesamtheit der Sprache enthalten. Die Stiftung eines neuen Bildfeldes ist äußerst selten, während die zu einem Bildfeld potentiell hinzufügbaren Metaphern immer wieder neu geschöpft werden können. Diesen schöpferischen Akt nennt Weinrich Autorenschaft.[52] Zwischen Bildfeldern gibt es Überlagerungen, denn viele Metaphern gehören nicht exklusiv einem einzigen Bildfeld an.[53]

Weinrich zeigt am Beispiel des abstrakten Konzepts „Zeit“[54] die sprachliche Notwendigkeit der Metapher auf:

“Wir können ja die Zeit gar nicht anders benennen als metaphorisch. Wir sprechen also geläufig vom Zeitenfluss oder Zeitenlauf. In diesen Metaphern ist wohlverstanden die Zeit Bildempfänger, Fluss oder Lauf sind Bildspender.”[55]

Die sprachliche Notwendigkeit der Metapher beruht letztendlich auf der kognitiven Notwendigkeit der Metapher, die Weinrich am Beispiel des bildempfangenden Feldes

„Gedächtnis“ erläutert:

“Wir können einen Gegenstand wie die Memoria nicht ohne Metaphern denken. Metaphern, zumal wenn sie in der Konsistenz von Bildfeldern auftreten, haben den Wert von (hypothetischen) Denkmodellen.”[56]

Weinrich erweitert die Aussage seines Zitats und konstatiert, daß Bildfelder in ihrer Funktion als Denkmodelle demiurgische Werkzeuge [57] sind, da sie Ähnlichkeiten und Analogien zwischen bildempfangendem und bildspendendem Feld erst stiften.

Aufgrund der Notwendigkeit der Metapher resultiert ihre Allgegenwärtigeit.[58] Zugleich zeigt ihre Notwendigkeit aber, dass sie nicht nur zum Schmuck da ist, sondern weitergehende Funktionen übernimmt.[59]

Weinrich rückt die Frage auch nach einer “überindividuelle[n] Bilderwelt als objektive[r], materiale[r] Metaphernbesitz einer Gemeinschaft”[60] in den Blick:

“Die konkreten Bildfelder sind wohl kaum jemals Allgemeinbesitz der Menschheit, aber auch nicht exklusiver Besitz der Einzelsprache (Muttersprache). Sie gehören zum sprachlichen Weltbild eines Kulturkreises.”[61]

Und solch ein Kulturkreis, in dem die Bildfelder homogen sind, ist z.B. das Abendland, das dadurch eine Bildfeldgemeinschaf t[62] repräsentiert. Mit den Worten Ecos zeichnet sich die kulturelle Relevanz der Metapher in der Intertextualität eines kulturellen Universums aus.[63] In seinem späteren Aufsatz erweitert Weinrich seine These, indem er auf den universalen Status einiger Metaphern hinweist. Aufgrund anthropologischer Grunderfahrungen [64] des Menschen existieren einige Bildfelder in verschiedenen Kulturkreisen.

2.4.1.1 Die wirklichkeitsschaffende Funktion

Weinrich stellt die These auf, dass Bildfelder aufgrund ihrer Funktion als (hypothetische) Denkmodelle [65] weltschöpferische Instrumente sind. Denn Metaphern lösen traditionell normierte Denkmuster auf und eröffnen dadurch die Möglichkeit, neue Erfahrungs- und Denkmuster herzustellen, welche die Wirklichkeit in neue Relationszusammenhänge bringen und somit einen neuen Sinn ergeben.[66] Diese Relationszusammenhänge bestehen in der Schaffung neuer Ähnlichkeiten oder Analogien zwischen zwei semantischen Feldern.

Mit der Metapher kann der Autor bestimmte Wahrnehmungen intensivieren, die dazu führen, dass nicht mehr die objektive Realität wahrgenommen, sondern eine neue subjektive Realität konstruiert wird:

“Weil wir unsere soziale Realität auf weiten Strecken metaphorisch verstehen und weil unsere Wahrnehmung der physischen Welt partiell metaphorisch ist, spielt die Metapher eine sehr wichtige Rolle, wenn wir bestimmen, was für uns real ist.”[67]

In seinem Aufsatz Metapher und Krieg (1991) stellt Lakoff dar, wie die amerikanische Kriegsmetaphorik am Vorabend des Golfkrieges eine völlig neue Realität aufbaute, indem sie die Idee vom “Gerechten Krieg”[68] verbreitete, und in letzter Konsequenz wahrscheinlich sogar zum Krieg führte.

2.4.1.2 Kontextdetermination und semantische Inkompatibilität

Metaphern kommen im Text nicht isoliert vor, sondern entstehen erst durch die Mitwirkung ihres Kontextes. Deswegen definiert und erklärt Weinrich in seiner Kontexttheorie, in der Literatur auch Konterdeterminationstheorie genannt, die Metapher vom Kontext aus.

Zwar betrachtet Weinrich die Metapher in seinen Aufsätzen zur Metaphorik unter verschiedenen Gesichtspunkten, um sie ganzheitlich erfassen zu können - so definiert er die Metapher u. A. als “eine widersprüchliche Prädikation”[69] Aber aus allen Aufsätzen geht deutlich hervor, dass er die Metapher auf der Sprachebene in aller ersten Linie als ein Kontextphänomen auffasst und somit einen textsemantischen Ansatz verfolgt:

“Eine Metapher, und das ist im Grunde die einzig mögliche Metapherndefinition, ist ein Wort in einem Kontext, durch den es so determiniert wird, dass es etwas Anderes meint, als es bedeutet. Vom Kontext hängt wesentlich ab, ob eine Metapher sich selber deutet oder rätselhaft bleibt. Eine starke Kontextdetermination zwingt auch das fremdeste Wort in den gemeinten Sinnzusammenhang.”[70]

“Wer jedoch eine Metapher von jeglichem Kontext (und dazu ist hier natürlich immer auch ein Situationskontext zu rechnen) zu entblößen versucht, zerstört damit die Metapher. Eine Metapher ist folglich nie ein einfaches Wort, immer ein - wenn auch kleines - Stück Text.”[71]

Weinrich bezeichnet als Kontextdetermination die gegenseitige Determination der einzelnen Textelemente, indem jeweils ein Textelement dem anderen Kontext gibt. Auch die Metapher ist in ein ‘Determinationsgeflecht’ mit den sie umgebenden Textelementen eingebunden. Aber während bei ‘normalen’ Wörtern der Bedeutungsumfang durch den Kontext reduziert, dadurch präzisiert und näher bestimmt wird, entsteht bei der Metapher[72] durch die Konterdetermination des Kontextes eine neue, übertragene Bedeutung, die ihre lexikalische Bedeutung übersteigt:

“[...] die durch den Kontext bestimmte Meinung liegt nicht innerhalb, sondern außerhalb des Bedeutungsumkreises. Es entsteht ein Überraschungseffekt und eine Spannung zwischen der ursprünglichen Wortbedeutung und der nun vom Kontext erzwungenen unerwarteten Meinung. Wir wollen diesen Vorgang Konterdetermination nennen, weil die tatsächliche Determination des Kontextes gegen die Determinationserwartung des Wortes gerichtet ist. Mit diesem Begriff ist die Metapher definierbar als ein Wort in einem konterdeterminierenden Kontext.”[73]

Diese „unerwartete“ Meinung entsteht dadurch, dass zwischen dem Kontext und der Metapher eine semantische Inkompatibilität besteht. Letztere Besonderheit lässt sie von „normalen“ Wörtern unterscheiden.

“Der menschliche Geist ist immer von neuem geneigt, mit diesem großartigen Instrumentarium der wechselnden Kontexteinstellung und Kontextdetermination zu spielen. Hier liegt der „Ursprung“ der Metapher. [...] Wenn wir noch einmal von dieser Seite her fragen: was ist genau die Metapher? - dann ist die Metapher offenbar nicht bloß das Wort, das konterdeterminiert wird, sondern das Wort zugleich mit dem konterdeterminierenden Kontext.”[74]

2.4.2 Erweiterung der Kontexttheorie: Metaphernkontexte

Auf der Basis der Kontexttheorie ergänzt Zhu (1993) Weinrichs Ansatz und entwickelt ihn weiter, wobei er hauptsächlich die Definition des Kontextes, die Unterschiede zwischen den Kontexten bei Metaphern und normalen Ausdrücken, die Funktion und die Distribution des Kontextes bei Metaphern untersucht und herausarbeitet.

Zhu unterscheidet zwischen Metaphernkontexten und allgemeinen Kontexten. Allgemeine Kontexte sind die Kontexte, die sich zusätzlich im Text befinden, zum Erkennen der Metapher aber keinen Beitrag leisten. Metaphernkontexte hingegen ermöglichen das Erkennen der Metapher auf vielfältige Weise:[75]

Metaphernkontexte sind ein Mittel gegen Kommunikationsstörungen [76], denn sie helfen zu erkennen, dass die ursprüngliche lexikalische Bedeutung zugunsten einer metaphorischen Lesart aufgegeben werden muss.

Somit sind Metaphernkontexte ein Mittel, um Metaphern zu erkennen. Denn Metaphern und ihre Metaphernkontexte stehen in einer konterdeterminierenden Beziehung, die eine semantische Unvereinbarkeit aufweist.

Schließlich ermöglichen Metaphernkontexte nicht nur das Erkennen von Metaphern, sondern auch ihre Interpretation. Beim Interpretationsprozess übernimmt der Metaphernkontext die Funktion eines Filters, „durch den die Bedeutungskomponenten der Wörter, die eine Metapher bilden, gefiltert werden können, wobei die semantischen Komponenten, die zur Metapher nicht passen, ausgeschlossen werden, und die semantischen Komponenten, die der Metapher zugrunde liegen, erhalten bleiben.”[77]

Nach Zhu gibt es verschiedene Kategorien von Metaphernkontexten:

1. Der sprachliche Metaphernkontext

Zhu unterscheidet zwischen unmittelbaren und mittelbaren sprachlichen Metaphernkontexten, welche die Metapher erkennbar machen. Der unmittelbare Metaphernkontext steht syntaktisch in unmittelbarer Umgebung der Metapher. Und der mittelbare Metaphernkontext steht im Text in weiterer Entfernung.[78]

Besteht ein Metaphernkontext aus nur einem Wort, so handelt es sich um einen Minimalkontext. Während bei einem komplexen Metaphernkontext mindestens eine Wortgruppe, ein Satz oder sogar ein ganzer Textabschnitt die Metapher umgibt.[79]

2. Der außersprachliche Metaphernkontext

Neben dem sprachlichen Metaphernkontext gibt auch oft der außersprachliche Metaphernkontext Hinweise auf die Interpretation der Metapher. Zu den außersprachlichen Kontexten gehören der Situationskontext, der soziokulturelle Kontext und der Emotionalkontext. Der Emotionalkontext (z.B. Mimik und Gestik) ist nur bei gesprochener Sprache von interpretatorischer Relevanz, deswegen wird er im Folgenden nicht näher erläutert.

Metaphern beziehen sich häufig auf ein Geschehen oder Ereignis und müssen deswegen vor dem Hintergrund ihres Situationskontextes interpretiert werden. Weinrich analysiert in seinem Aufsatz Streit um die Metapher (1976) den Text Möwen von Walter Benjamin. Er stellt fest, dass es mindestens zwei Lesarten für diesen Text gibt. Man kann den ganzen Text wörtlich nehmen und ihn in diesem Fall als ein Reisebericht verstehen. Oder man interpretiert ihn metaphorisch und zieht die historisch-politische Situation hinzu.[80]

Weinrich plädiert für eine pragmatische Textanalyse, denn als Ort des Metaphernereignisses ist seiner Meinung nach immer der “Text-in-der-Situation” anzusehen.[81]

Der soziokulturelle Kontext ist der Kontext, der hinter der Metapher steckt. In einem Kulturkreis wie dem christlichen Abendland eignen sich die Menschen während ihrer Sozialisation ein bestimmtes Weltwissen an, das ihnen hilft, in der alltäglichen Lebenswelt den Hintergrund von kulturell spezifischen Metaphern zu ergründen.

[...]


[1] Kövecses, Zoltan (1986): Metaphors of anger, pride, and love: a lexical approach to strusture of concepts, S.1

[2] Damit ist das Wort „Metapher“ selbst eine Metapher

[3] Gerd Ueding (Hrsg.) Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 5, L – Musi, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2001, S. 1099

[4] Duden. Band 1. S. 647

[5] Kövecses, Zoltan (1986): Metaphors of anger, pride, and love: a lexical approach to strusture of concepts, S.1

[6] Vgl. Zhu (1993) S. 3f.

[7] Max Black zitiert in Jäkel, Olaf. (1997) Metaphern in abstrakten Diskurs-Domänen. S. 103.

[8] PC Global Services. Internet: http://www.gpcservices.com/dictionnaire/I/informatique.html

[9] ebenda

[10] Coy, Wolfgang. „Informatik und Informationsgesellschaft”. Skript zur Vorlesung im Sommersemester 2000. HU Berlin

[11] Universität Karlsruhe. „Zum Tod des Informationstechnikers Karl Steinbuch“. Pressemeldung vom 14.06.2005. Internet: http://www.presse.uni-karlsruhe.de/3553.php

[12] Duden. Band 1, S. 496

[13] Man unterschiedet im amerikanischen Raum zwischen Infomation Science und die o.g. Computer science

[14] Oxfords Advanced Learner’s Dictionary, S. 249

[15] Turing, Alan. (1936) On Computable Numbers with an application to the Entscheidungsproblem

[16] Vgl. Busch, Carsten. (1998) Metaphern in der Informatik. S. 40

[17] Turing, Alan. (1950) Computing Machinery and Intelligence

[18] Presse Francophone. Internet :http://www.presse-rancophone.org/apfa/Motdor/Etymolog/Etymolog.htm

[19] Perret, Jacques. Brief an IBM France vom 16.04.1955. In: 10e Semaine de la Langue Francaise et de la Francophonie. 17.-24. mars 2005.“Internet:http://www.semainefrancophonie.culture.fr/presse/livret.pdf

[20] Vgl. Gerhard Kurz, Theodor Pelster (1976): Metapher. Theorie und Unterricht, Düsseldorf , S. 11ff

[21] Kurz (1976) S. 15

[22] Vgl. Andreas Blank: Prinzipien des lexikalischen Bedeutungswandels am Beispiel der romanischen Sprachen, Tübingen 1997, S. 172

[23] Vgl. Kurz et. al., (1976) S. 16ff.

[24] Vgl. Kurz et. Al (1976)., S. 22

[25] Vgl.Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 5, S. 1111ff.

[26] Vgl. Zhu (1993) S. 38f.

[27] Deswegen wird in diesem Unterkapitel fortan von metaphorischer Aussage die Rede sein, wenn auch Black selbst nicht konsequent in der Verwendung der Terminologie ist.

[28] Black (1983) S.386

[29] Black (1983) S. 392

[30] Black (1983) S. 386

[31] Vgl. ebd. S. 383 und Jäkel (1997) S. 101

[32] Vgl. Black (1983) S. 404f.

[33] Ebd. S. 409

[34] Richards (1936) S. 92 zit. nach Jäkel (1997) S. 103

[35] Kurz (1988) S. 16f.

[36] Vgl. Frieling (1996) S. 30

[37] Vgl. Peil (1990) S. 229.

[38] Jäkel (1997) S. 104.

[39] Die fünf Aufsätze sind: Münze und Wort: Untersuchungen an einem Bildfeld (1958), Semantik der kühnen Metapher (1963), Metaphora memoriae (1964), Allgemeine Semantik der Metapher (1967) und Streit um Metaphern (1976)

[40] Vgl. Jäkel (1997) S. 139

[41] Vgl. Weinrich (1976) S. 277 und 285

[42] Vgl. ebd. S. 283

[43] Vgl. ebd. S. 282

[44] Ebd. S. 284

[45] Weinrich (1976) S. 284

[46] Peil (1993) S. 190

[47] Weinrich (1976) S. 284

[48] Ebd. S. 284. Andere Bildfelder sind z.B. Staatsschiff, Welttheater, Liebesjagd und Textgewebe

[49] Vgl. ebd. S. 308

[50] Vgl. Weinrich (1976) S. 308f.

[51] Vgl. ebd. S. 288

[52] Ebd. S. 288

[53] Vgl. ebd. S. 286

[54] Im Folgenden werden bildspendende und bildempfangende Felder in Majuskeln geschrieben.

[55] Ebd. S. 316

[56] Vgl. Weinrich (1976) S. 294. Klammern im Original

[57] Ebd. S. 309

[58] Vgl. ebd. S. 300

[59] Vgl. ebd. S. 302

[60] Ebd. S. 277

[61] Ebd. S. 287. Klammern im Original

[62] Vgl. Weinrich (1976) S. 287

[63] Vgl. Eco (1992) S. 211

[64] Vgl. Weinrich (1975) S. 355

[65] Weinrich (1976) S. 288. Klammer im Original. Vgl. auch ebd. S. 309

[66] Vgl. Köller (1975) S. 256f.

[67] Lakoff & Johnson (1998) S. 169

[68] Lakoff (1991) S. 224

[69] Weinrich (1976) S. 308

[70] Weinrich (1976) S. 311

[71] Ebd. S. 319

[72] Vgl. ebd. S. 318

[73] Ebd. S. 320

[74] Weinrich (1968) S. 116

[75] Vgl. Zhu (1993) S.62f

[76] Zhu(1993) S. 64

[77] Zhu (1993) S. 68

[78] Vgl. ebd. S. 67

[79] Vgl. Zhu (1993) S. 65

[80] Vgl. Weinrich (1976) S. 340f.

[81] Ebd. S. 337

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Metaphorische Bildungen in der Sprache der Informatik
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2.0
Autor
Jahr
2007
Seiten
78
Katalognummer
V498009
ISBN (eBook)
9783346014498
Sprache
Deutsch
Schlagworte
metaphorische, bildungen, sprache, informatik
Arbeit zitieren
Vesna Nikolovska (Autor), 2007, Metaphorische Bildungen in der Sprache der Informatik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498009

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