Metamorphose oder Sozialer Wandel?

Ein Vergleich zweier soziologischer Konzepte gesellschaftlicher Veränderungsprozesse


Seminararbeit, 2017
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Sozialer Wandel
2.1 Das Konzept des sozialen Wandels in der Soziologie
2.2 „Sozialer Wandel“ bei Ulrich Beck
2.2.1 Die Dimensionen und Ebenen der ersten Modernisierung
2.2.2 Die Dimensionen und Ebenen der zweiten Modernisierung
2.2.3 Die Dimensionen erster und zweiter Moderne im Vergleich

III. Metamorphose
3.1 Das Konzept der Metamorphose in der Soziologie
3.2 „Metamorphose“ bei Ulrich Beck

IV. Metamorphose und sozialer Wandel im Vergleich

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleichende Übersicht der Dimensionen und Ebenen erster und zweiter Modernisierung

Tabelle 2: Vergleichende Übersicht der Dimensionen und Ebenen reflexiver Modernisierung und Ulrich Becks Metamorphose

I. Einleitung

In ‚Die Metamorphose der Welt’ grenzt Ulrich Beck (2017) den im Titel befindlichen Begriff der Metamorphose von verschiedenen bekannten soziologischen Konzepten ab. Darunter finden sich die Konzepte der Transformation, Evolution und Revolution. Die differenzierteste Abgrenzung jedoch nimmt er gegen das lang etablierte Konzept des sozialen Wandels vor. Dieses grundlegende und von William F. Ogburn in die Soziologie eingebrachte Konzept (vgl. Zapf 2016: 367) sei nicht geeignet, um die vorliegenden Veränderungen der Welt zu beschreiben, da die Rede von einem Wandel lediglich „[...] impliziert, dass sich manches ändert, während vieles gleich bleibt [...]“ (Beck 2017: 15). Jedoch lässt sich dem entgegenhalten, dass sich derartige Einschränkungen auch für das Konzept der Metamorphose finden: So verweist der Begriff zum Beispiel bei Robert Castel stets auf die „[...] Dialektik des Gleichen und des Unterschiedlichen [...]“ (Castel 2000: 15). Weiterhin können vermeintlich eigenständige Konzepte wie das der Revolution mittels allgemeiner Charakteristika als Konzept sozialen Wandels rekonstruiert werden (vgl. Meyer 2014: 605), sodass dies möglicherweise auch für das Metamorphosekonzept gilt. Die durch Ulrich Becks Gegenüberstellung beider Konzepte erzeugte Spannung in Bezug auf deren Reichweite, verweist einerseits auf eine Differenzierung des Metamorphosekonzepts von einem allgemeinen Konzept sozialen Wandels. Andererseits stellt sich auch die Frage nach der Vereinbarkeit mit den konzeptionellen Ausführungen zur Theorie reflexiver Modernisierung bei Beck selbst. Beide Aspekte münden letztlich in der Fragestellung die dieser Arbeit zugrunde liegt: Inwiefern unterscheidet sich der Begriff der „Metamorphose“ bei Ulrich Beck vom Konzept des sozialen Wandels in der Soziologie?

Um einen Versuch zur Beantwortung dieser Fragestellung vorzunehmen, wird sich zuerst dem Konzept des sozialen Wandels angenommen (Kapitel 2). Dazu soll sich dem soziologischen Begriff des sozialen Wandels zunächst unter einem allgemeinen Blickwinkel genähert werden (Kapitel 2.1). Dabei werden Dimensionen und Ebenen herausgestellt, die eine allgemeine Charakterisierung eines Konzepts des sozialen Wandels ermöglichen. Nachfolgend sollen diese Dimensionen und Ebenen sozialen Wandels auf Ulrich Becks Theorie reflexiver Modernisierung angewendet werden (Kapitel 2.2). Bevor sich dem Konzept der Metamorphose nach Beck (Kapitel 3.2) angenommen werden kann, wird zunächst ein kurzer allgemeiner Überblick über den Begriff der Metamorphose in theoretischen und empirischen sozialwissenschaftlichen Arbeiten gegeben (Kapitel 3.1). Durch diese Vorgehensweise ergibt sich letztlich eine Perspektive die den Vergleich des Konzepts der Metamorphose mit der bisherigen Theorie reflexiver Modernisierung als auch mit dem Konzept sozialen Wandels im Allgemeinen ermöglicht (Kapitel 4). Auf dieser Grundlage kann im fünften und letzten Kapitel ein Fazit zur Auseinandersetzung mit den betrachteten Begrifflichkeiten gezogen werden.

II. Sozialer Wandel

Ziel dieses Abschnitts ist die Explikation des Begriffs des sozialen Wandels in zweierlei Hinsicht: Zunächst wird versucht sich dem Konzept des sozialen Wandels aus allgemeiner soziologischer Perspektive zu nähern (2.1). Dabei ist das Ziel keine Gegenüberstellung eines Konzepts des sozialen Wandels in der Tradition eines spezifischen theoretischen Paradigmas, sondern vielmehr die Erarbeitung zentraler Kriterien, die eine allgemeinere Charakterisierung eines spezifischen Konzepts sozialen Wandels ermöglichen. Nachfolgend wird in einem zweiten Schritt dargestellt, welches Konzept eines sozialen Wandels Ulrich Beck über seine vielfältigen Ausarbeitungen hinweg entwickelt hat (2.2). Dabei ist wichtig zu betonen, dass im Rahmen der vorliegen Arbeit keine vollständige Rekapitulation des Beck’schen Werkes vorgenommen werden kann. Stattdessen sollen die wesentlichen Merkmale seines Konzepts vom sozialen Wandel expliziert und den im vorherigen Abschnitt entwickelten Charakteristika zugeordnet werden. Am Ende dieses Abschnitts stehen folglich zwei Konzepte des sozialen Wandels – zum einen in Form allgemeiner Charakteristika, zum anderen im Speziellen bei Ulrich Beck – auf deren Grundlage im weiteren Verlauf eine Abgrenzung zum Konzept der Metamorphose vorgenommen werden kann.

2.1 Das Konzept des sozialen Wandels in der Soziologie

Das Konzept des sozialen Wandels zieht sich – zumindest immanent – vermeintlich durch die gesamte Historie der Soziologie als Wissenschaftsdisziplin. Das erste Auftreten des Begriffs des sozialen Wandels findet sich in Form von ‚social change’ als Titel im Jahre 1922 bei William F. Ogburn (vgl. Ogburn 1964), welcher damit aus historischer Perspektive zuerst ein derart explizites Konzept des sozialen Wandels ausarbeitet (vgl. Meyer 2014: 604). Dieses Konzept legt er in Form der Theorie des ‚cultural lag’ dar, welche – grob zusammengefasst – die These aufstellt, dass sich in Gesellschaften ein Wandel vollzieht, insofern mindestens eine von zwei gesellschaftlichen Entwicklungen die sich wechselseitig beeinflussen einer stärkeren Veränderung unterliegt als die andere, wodurch ein entsprechender Abstand (‚lag’) entsteht (vgl. Ogburn 1964; Ogburn 1972: 328 & Strasser/ Randall 1979: 87ff.). Jedoch ist aus der erstmaligen expliziten Verwendung des Begriffs des sozialen Wandels bei Ogburn nicht abzuleiten, dass sich die Soziologie vor 1922 nicht mit derartigen Prozessen auseinandergesetzt hätte. Um nur einen kurzen Überblick zu geben sei an dieser Stelle lediglich exemplarisch auf die Dreistufentheorie von Auguste Comte, die Ausführungen Emile Durkheims zum Wandel von mechanischer zu organischer Solidarität, Herbert Spencers Theorie gesellschaftlicher Evolution sowie auch Karl Marx’ Narrativ gesellschaftlichen Wandels als ‚Geschichte der Klassenkämpfe’ verwiesen. Spannt man den Rahmen soziologischer Klassiker weiter, ließen sich auch Talcott Parsons Strukturfunktionalismus oder die konflikttheoretischen Darstellungen bei Lewis A. Coser und Ralf Dahrendorf aufführen. Mit Blick auf neuere theoretische Entwicklung wären unter anderem die modernisierungstheoretischen Ausführungen zur ‚doppelten Modernisierung’ von Dieter Klein, die ‚weitergehende Modernisierung’ bei Wolfgang Zapf als auch die – im nachfolgenden Abschnitt näher ausgeführte – Theorie ‚reflexiver Modernisierung’ Ulrich Becks (vgl. für alle aufgeführten Theoretiker und deren Einordnung sowie weiterführende Aufzählungen z.B.: Dahrendorf 1969; Dreitzel 1972; Strasser/ Randall 1979; Müller/ Schmid 1995; Weymann 1998; Scheuch 2003 & Meyer 2014).

Für das weitere Vorgehen wäre es nun möglich gewesen einen der hier aufgeführten oder auch einen anderen soziologischen Theoretiker und dessen ausgearbeitetes Konzept des sozialen Wandels für einen Vergleich mit den Konzepten des sozialen Wandels und der Metamorphose bei Ulrich Beck als Grundlage zu nutzen. Unter der zentralen Fragestellung, inwiefern sich diese beiden Konzepte voneinander unterscheiden wäre diese Herangehensweise jedoch weniger fruchtbar, da am Ende womöglich nur ein Vergleich zweier voneinander relativ unabhängiger Konzepte sozialen Wandels stünde. Es erscheint hingegen gewinnbringender, die Kriterien und Charakteristika eines allgemeinen Konzepts des sozialen Wandels herauszukristallisieren. Die stärkere Bedeutung einer allgemeinen Konzeption wird eventuell deutlicher, wenn die verschiedenen Dimensionen der Ausgangsfragestellung präzisiert werden. Diese lautete: Inwiefern unterscheidet sich der Begriff der ‚Metamorphose’ bei Ulrich Beck vom Konzept des sozialen Wandels in der Soziologie? Die offensichtlichere Dimension dieser Frage zielt also auf eine Differenzierung zwischen ‚Metamorphose’ als theoretisches Konzept Ulrich Becks und ‚sozialem Wandel’ als allgemeine soziologische Begrifflichkeit. Berücksichtigt man, dass der Begriff der ‚Metamorphose’ erst in Becks letztem und posthum erschienen Werk ‚Die Metamorphose der Welt’ (2017) explizit konzeptualisiert wird, zielt eine weitere Dimension der Fragestellung auf die Differenzierung zwischen ‚sozialem Wandel’ und ‚Metamorphose’ bei Beck selbst. Um also eine Antwort auf beide Dimensionen liefern zu können bedingt es zunächst allgemeiner Charakteristika sozialen Wandels.

Welche Kriterien zur Beschreibung sozialen Wandels können dazu nun herangezogen werden und wie kann ein allgemeines Konzept definiert werden? Zur Beantwortung dieser Frage kann zunächst der Begriff des Wandels näher betrachtet werden: Strasser und Randall (vgl. 1979: 24f.) halten fest, dass es in Bezug auf sozialen Wandel als soziologisches Konzept hilfreich ist zu unterscheiden, ob sich Teilbereiche innerhalb der Gesellschaft wandeln oder ob es die Gesellschaft im Ganzen ist, die sich wandelt. Abstrahiert man diese Differenzierung, können die Ebenen des sozialen Wandels herausgestellt werden. Meint ‚sozialer Wandel’ einen gesamtgesellschaftlichen Wandel, kann dies als Makroebene bezeichnet werden. Wandeln sich hingegen einzelne gesellschaftliche Teilbereiche, ist zu differenzieren, ob ein Wandel auf der individuellen Ebene sozialen Handelns oder auf der Ebene von Gesellschaftsgruppen und Organisationen stattfindet. Im ersten Fall entspricht dies der Mikroebene, im letzten Fall der Mesoebene (vgl. Strasser/ Randall 1979: 36; Weymann 1998: 14; Meyer 2014: 604 & Zapf 2016: 368). Die Bezeichnungen der verschiedenen Ebenen sozialen Wandels stellen jedoch das Endprodukt einer Analyse sozialen Wandels dar. Also, die Einordnung entsprechender gesellschaftlicher Prozesse, welche als Wandel deklariert und entsprechend der Ebenen differenziert wurden. Offen bleibt jedoch vorerst, anhand welcher Kriterien eine derartige Einordnung vorgenommen werden kann.

Um vor der Einordnung in Mikro-, Meso- und Makroebene anzusetzen, erscheint es hilfreich einzelne Dimensionen zur Beschreibung sozialen Wandels auszumachen. Als erste Dimension sei hier die Ursache sozialen Wandels aufgeführt. Ursachen oder Triebkräfte sozialen Wandels können endogener oder exogener Art sein (vgl. Meyer 2014: 604). Während unter exogenen Ursachen z.B. ökologische Belastungen oder die Folgen wissenschaftlich-technischer Innovationen verstanden werden können (vgl. Strasser/ Randall 1979: 42 & Zapf 2016: 369), sind unter endogenen Triebkräften beispielsweise gesellschaftsinterne Konflikte um Herrschaft, Anerkennung oder sozialen Aufstieg gemeint (vgl. Meyer 2014: 604 & Zapf 2016: 369). An dieser Stelle lässt sich die Frage aufwerfen wie trennscharf die Unterscheidung in exogen und endogen letztlich ist, da gesellschaftlich endogene Prozesse wie z.B. technologischer Fortschritt durchaus Folgen haben kann, die in gesellschaftlich exogenen Ursachen sozialen Wandels münden könnten. Die Stärken und Schwächen dieser und weiterer Dimensionen lassen sich jedoch erst im nächsten Abschnitt anschaulicher darstellen.

Die nächste Dimension kann als Reichweite (vgl. Strasser/ Randall 1979: 29f.) oder auch als Tiefgang (vgl. Zapf 1994: 16f.) sozialen Wandels bezeichnet werden. Worauf diese Dimension zielt, kann letztlich auch als Intensität (vgl. Meyer 2014: 604) beschrieben werden und meint einerseits die Quantität sowie andererseits die Qualität der vom Wandel betroffenen gesellschaftlichen Teilbereiche (z.B. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Institutionen, Familien etc.). Zum besseren Verständnis kann die erwähnte Quantität als simple Anzahl der gesellschaftlichen Teilbereiche und die Qualität als Bedeutsamkeit der vom Wandel betroffenen Teilbereiche für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet werden (vgl. Zapf 1994: 16f.). Hier wird ein Zusammenhang zwischen den Dimensionen und den Ebenen sozialen Wandels insofern erkennbar, als das ein sozialer Wandel auf der Mikro- oder Mesoebene bedeuten würde, dass mehr oder weniger einzelne gesellschaftliche Teilbereiche betroffen wären, wohingegen ein sozialer Wandel auf der Makroebene bedeuten würde, dass alle oder zumindest die qualitativ bedeutsamsten gesellschaftlichen Teilbereiche betroffen wären.

Als weitere Dimension sozialen Wandels führen Strasser und Randall (vgl. 1979: 32) die Richtung ein. Anhand dieser soll beurteilt werden, ob der betrachtete gesellschaftliche Wandel für die jeweilige Gesellschaft einen Fortschritt darstellt oder einen Rückschritt. In weiteren Ausführungen heben Strasser und Randall hervor, dass die letztliche Beurteilung sozialer Wandlungsprozesse in Bezug auf die Richtung notwendiger Weise von der jeweiligen Perspektive des Beobachters und Beurteilenden abhängig sind (vgl. Strasser/ Randall 1979: 32). Wolfgang Zapf (vgl. 1994: 17) geht diesbezüglich sogar soweit, sozialen Wandel als in seiner Richtung weitgehend neutral zu spezifizieren, womit er insbesondere darauf anspielt das Konzept des sozialen Wandels als analytisches Konzept zuvor genutzten und in ihrer Tendenz eher bewertenden Konzepten, wie Fortschritt und Evolution, gegenüberzustellen. Demnach erscheint es nur insofern sinnvoll, die Dimension der Richtung bei der Betrachtung von Theorien sozialen Wandels heranzuziehen, als dass dies möglicherweise über den Geltungsanspruch der jeweiligen Theorie Aufschluss geben kann. Eventuell in der Form, dass die Beinhaltung einer Richtungsangabe ein Indikator für einen regional beschränkten Geltungsanspruch sein könnte.

Die vorletzte aufzuführende Dimension kann als Tempo oder Geschwindigkeit bezeichnet werden. Mittels dieser Dimension wird die Frage aufgeworfen, ob ein sozialer Wandel kontinuierlich oder umbruchartig erfolgt (vgl. Strasser/ Randall 1979: 31 & Zapf 1994: 16). Aus dieser Perspektive betrachtet zeigt sich, dass möglicherweise mit dem Begriff des sozialen Wandels konkurrierende Konzepte wie z.B. ‚Revolution’ mittels dieser Dimension als eine Form des sozialen Wandels mit umbruchartigem Tempo beschrieben werden könnte und diesem somit nicht mehr konzeptionell gegenübersteht (vgl. auch Crossley 2008: 568). An dieser Stelle dient dies nur der Veranschaulichung, wird aber im weiteren Verlauf bedeutsam.

Eng mit den Dimensionen Tempo und Ursache verbunden, steht die letzte Dimension: Steuerbarkeit. Bei der diesbezüglichen Betrachtung eines Prozesses sozialen Wandels steht damit die Frage im Vordergrund, ob (und wenn ja, wie) der jeweilige beobachtete, beschriebene und erklärte gesellschaftliche Wandel von gesellschaftlich endogenen Akteuren beeinflusst werden kann (vgl. Zapf 1994: 17f.). Einen Prozess sozialen Wandels in seiner Steuerbarkeit zu beurteilen setzt in der Regel voraus, dass selbiger bereits auf seine Richtung hin bewertet wurde – dabei würden sich z.B. als in ihrer Richtung negativ bewerte Wandlungsprozesse als verminderungswert beurteilt, als positiv bewertete Wandlungsprozesse hingegen als förderungswert. Dabei ist nochmals zu betonen, dass die Bewertung der Richtung vom jeweiligen Beobachter abhängig ist.

In einigen Ausführungen zu den Dimensionen wurde bereits impliziert, dass mit einer Theorie des sozialen Wandels Funktionen verknüpft sind. Diese bestehen in erster Linie aus drei Aspekten Beschreiben, Erklären und Beurteilen (vgl. Müller/ Schmid 1995: 12ff.) und liefern im Kontext dieses Abschnitts die Möglichkeit abschließend die bisherigen Darstellungen und Erläuterungen zusammenzufassen. Will man die drei verschiedenen Aspekte in Form von W-Fragen formulieren, so stellt der Aspekt des Beschreibens die Frage nach dem ‚Was wandelt sich?’, der Aspekt des Erklärens die Frage nach dem ‚Warum wandelt es sich?’ und der Aspekt des Beurteilens die Frage danach ‚Welche gesellschaftliche Bedeutung hat dieser Wandel?’. In Bezug auf die Dimensionen und Ebenen des sozialen Wandels können unter der Funktion des Beschreibens die möglichen Ebenen (Mikro, Meso, Makro) sowie die Dimensionen des Tempos, der Reichweite und der Steuerbarkeit zusammengefasst werden. Auf die Funktion des Erklärens entfällt die Dimension der Ursachen und auf die Funktion des Beurteilens letztlich die Dimension der Richtung (vgl. Müller/ Schmid 1995: 12ff.).

2.2 „Sozialer Wandel“ bei Ulrich Beck

Soll Ulrich Becks Werk in Bezug auf das Konzept sozialen Wandels thematisiert werden, benötigt es keine neuartigen Einordnungsversuche, dazu sind seine Arbeiten einerseits nicht mehr neu genug und, daraus folgend, andererseits bereits hinreichend im Kanon der Modernisierungstheorien verortet (vgl. dazu z.B. Meyer 2014: 606f.). Was Beck mit sozialem Wandel meint, nennt er ‚reflexive Modernisierung’ und grenzt diese von ‚einfacher Modernisierung’ ab (vgl. Beck 1986: 14). Als Ziel dieses Abschnitts ergibt sich daher zunächst eine grundlegende Erläuterung der Theorie reflexiver Modernisierung im Allgemeinen sowie der für die Fragestellung relevanten Teilaspekte im Speziellen. Dabei wird die von Beck aufgestellte Theorie in die im vorhergehenden Abschnitt dargelegten Dimensionen und Ebenen sozialen Wandels eingeordnet.

Die Ausarbeitung der nun zu besprechenden Theorie reflexiver Modernisierung erfolgt grundlegend und umfassend in Becks ‚Risikogesellschaft’ aus dem Jahr 1986. Hier werden die wesentlichen Unterschiede zwischen erster und zweiter Moderne sowie die gesellschaftlichen Folgen der ihnen zugrundeliegenden Prozesse, als auch die Prozesse selbst erläutert. In beiden Fällen handelt es sich um Prozesse gesellschaftlichen Wandels. Als erste Moderne bezeichnet Beck die Gesellschaft nach ihrem Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft und datiert dies auf den Zeitraum vom Ende des 19. bis ungefähr zur Mitte des 20. Jahrhunderts (vgl. Beck/ Lau 2005: 108, Volkmann 2007: 24 & Poferl 2011: 751). Die zweite Moderne wird analog dazu definiert als Übergang von der Industrie- zur Risikogesellschaft (vgl. Beck 1996: 27f. & Volkmann 2007: 24), welche sich auch im Titel des Werkes wiederfindet. Bezüglich der zeitlichen Datierung handelt es sich nach Beck um einen Prozess sozialen Wandels der im ausgehenden 20. und wesentlich im 21. Jahrhundert stattfindet (vgl. Beck 1986: 27 & Beck/ Lau 2005: 110). Das reflexive an der ‚reflexiven Modernisierung’ ist der veränderte Gegenstandsbereich der Modernisierungsprozesse: Im Rahmen der einfachen Modernisierung werden Traditionen modernisiert, im Rahmen der reflexiven Modernisierung hingegen die Ergebnisse und Selbstverständlichkeiten der einfachen Modernisierung selbst (vgl. Beck 1986: 14). Was Beck mittels dieser Differenzierung zu beschreiben versucht, wird klarer, wenn die zuvor herausgestellten Dimensionen und Ebenen sozialen Wandels als Gerüst herangezogen werden.

2.2.1 Die Dimensionen und Ebenen der ersten Modernisierung

In Bezug auf die Dimension der Ursachen bzw. Triebkräfte ergibt sich für den Übergang in die erste Moderne als gesellschaftlicher Wandlungsprozess der wissenschaftliche-technische Fortschritt. Dieser geht Beck zufolge auf Zweckrationalität mit dem Ziel Überwindung des Zustands als Mangelgesellschaft zurück (vgl. Beck 1986: 25f. & Beck 1996: 40). Demnach handelt es sich beim Prozess wissenschaftlich-technischen Fortschritts vielmehr um eine Art Mechanismus zur Überwindung des gesellschaftlichen Mangelzustands. Die eigentliche Ursache ist daher gesellschaftlich exogener Art. Diese Triebkraft bedingt weitgehend die Dimension der Richtung und daher auch die der Steuerbarkeit des sozialen Wandels in Form der einfachen Modernisierung.

In Bezug auf die Richtung wird eine lineare Idee gesellschaftlichen Fortschritts durch wissenschaftlich-technische Entwicklung unterstellt, die zur damaligen Zeit grundlegend positiv bewertet gewesen sei (vgl. Beck 1996: 65; Münch 2002: 417 & Poferl 2011: 751). Dieser Darstellung der Richtungsdimension folgend ergibt sich implizit, dass die Annahme der Steuerbarkeit des spezifischen sozialen Wandels vorgelegen haben muss. Als für diese These stützend ergibt sich die Gegenüberstellung der reflexiven Modernisierung als Wandel der in seiner Steuerbarkeit ungeplant ist (vgl. Beck 1996: 29). Dazu im nächsten Kapitel ausführlicher.

Als vorletzte zu betrachtende Dimension ergibt sich die des Tempos, welche sich auch nur implizit im Vergleich mit der Geschwindigkeit der zweiten Modernisierung ergibt. Da letztere als schleichend (vgl. Beck 1996: 29) oder latent (vgl. Volkmann 2007: 27f.) charakterisiert wird, erscheint erstere zumindest im Vergleich umbruchartig.

Für die Dimension der Reichweite gilt selbiges und daher auch für die Beschreibung der betroffenen Ebenen des sozialen Wandels in Form der einfachen Modernisierung. Zur besseren Verständlichkeit wird auf diese Dimension daher bei der Betrachtung der reflexiven Modernisierung bzw. im anschließenden zusammenfassenden Abschnitt eingegangen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Metamorphose oder Sozialer Wandel?
Untertitel
Ein Vergleich zweier soziologischer Konzepte gesellschaftlicher Veränderungsprozesse
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Soziologie und Demographie)
Veranstaltung
Metamorphosen der (Welt-)Risikogesellschaft. Lektüreseminar zu Ulrich Beck.
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V498028
ISBN (eBook)
9783346013811
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Risikogesellschaft, Zeitdiagnose, Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft, Sozialstrukturanalyse, Sozialer Wandel, Metamorphose
Arbeit zitieren
Martin Radtke (Autor), 2017, Metamorphose oder Sozialer Wandel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498028

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