Spirituals im Amerika der Sklaverei


Seminararbeit, 2002
17 Seiten, Note: 2+

Leseprobe

Jede Untersuchung über schwarze Kultur in Amerika trifft zwangsläufig Aussagen über das

Verhältnis zwischen weißen und schwarzen Amerikanern. In dieser Arbeit wird das aber nicht nur ein unvermeidbarer Nebeneffekt sein, sondern ist von vornherein beabsichtigt.

Auf den folgenden Seiten werde ich die Frage beantworten, ob die Spirituals – Gesänge der vom Christentum inspirierten Sklaven - primär als “Krisenmusik“ angesehen werden sollte, die nur durch Unterdrückung und Ausbeutung durch Weiße entstanden ist und nur den einen Zweck hat : eine Plattform zu bilden, die Schwarzen eine Möglichkeit bietet sich frei zu fühlen und ihre Gedanken, Ängste und Schmerzen zu verarbeiten, oder ob sie als ein Motor verstanden werden kann, der nicht nur dem Einzelnen die Möglichkeit bietet sich individuell zu entfalten, sondern auch ganzen Massen Antrieb und Kraft gibt, um auf bestehende Missstände innerhalb der Gesellschaftsstruktur aufmerksam zu machen und eine kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Veränderung zu bewirken.

Kurz : Haben Spirituals den Sklaven auf den Baumwollfeldern nur die Arbeit erträglicher gemacht oder waren sie es, die sie aus der Sklaverei hinausführten ? Ist diese Form schwarzer Musik ein Zeitvertreib gewesen oder hat sie tatsächlich etwas bewirkt ?

Ich werde versuchen eine Antwort auf diese Frage zu finden, indem ich herausarbeiten werde, warum `Black Music´ als Fortführung der oral culture verstanden werden muss und erläutere, was man eigentlich unter oral culture versteht, welche Rolle der Rhythmus in der Musik der Schwarzen spielt und welche Auswirkungen Musik und Rhythmus auf die black community haben. Da Musik, speziell die hier angesprochenen Spirituals, sehr eng mit Emotionen verbunden ist, und Veränderungen in der Gemütslage verarbeiten sowie hervorrufen kann, werde ich mich mit verschiedenen Spirituals befassen und zeigen, dass schwarze Musik nicht nur aus Noten und Harmonien besteht, sondern auch aus Melancholie und Hoffnung. Davor ist es jedoch nötig, auf das Christentum einzugehen, in dem Spirituals ihren Ursprung fanden und dass die Sklaven derart beeinflusste, dass aus emotional aufwühlenden Gottesdiensten Lieder entstanden, die Jahrzehnte nach der Befreiung der Sklaven sogar kommerziell erfolgreich waren.

Schwarze Musik kann nicht einfach – wie Musik im europäischen Kontext gerne behandelt wird – als Mittel zur Unterhaltung angesehen werden, vielmehr nimmt sie einen weitaus wichtigeren Platz in der schwarzen Geschichte Amerikas ein :

Sie muss als eine Art Sprache verstanden werden. Als das einzige Sprachrohr einer Kultur, auf das weiße Unterdrücker keinen Einfluss nehmen konnten und das im Laufe der Jahrhunderte zum Inbegriff von Freiheit avancierte. `Black Music´, als Sammelbegriff für Gospel, worksongs, Jazz, Blues, Rock´n Roll, Bebop und auch für Spirituals, ist daher die künstlerische Verbindung aus musikalischer Tradition und gesellschaftlichen Problemen.

In ihr werden die sozialen Verhältnisse der Gegenwart verarbeitet und somit auch für die Nachwelt festgehalten. In diesem Sinne liegt es nahe, diese Musik als Fortführung der oral culture anzusehen, da dies eine Kulturform war, in der das Erlebte mündlich weitergegeben wurde um anderen Menschen und den eigenen Nachfahren Geschichten und Geschichte zu hinterlassen. Diese Mitteilungsform ist nicht nur bei verschiedenen indianischen Kulturen zu finden, sondern auch in der Kultur Afrikas.

Die afrikanischen Kulturen, aus denen die amerikanischen Schwarzen abstammen, kannten keine schriftliche Überlieferung. Und das, was an Informationen in Form von Zauberei und Ritualen mit nach Amerika hinübergebracht wurde, erachteten die Weißen als primitiv und barbarisch. Sie hielten es nicht für nötig, die Riten und Bräuche der Schwarzen schriftlich festzuhalten oder es gar in Geschichtsbüchern zu verewigen. Dennoch war es eine Tatsache, dass afrikanische Kulturen orale Überlieferung pflegten und diese führten sie auch in Amerika fort. In Amerika waren sie kulturell isoliert und so gelang es dem amerikanischen Schwarzen seine oral culture zu bewahren, ja sie sogar über ihre Grenzen hinaus erweitern und ihr neuen Einfluss verschaffen: durch Musik.

Die oral culture der Schwarzen in den USA stand jahrhundertelang in Schatten der literate culture und konnte sich daher im Verborgenen entwickeln, weshalb sie kaum auf Widerstand von Seiten des weißen Amerika stieß. Angehörige einer oral culture erleben die Welt um sich herum, ihre Kultur und ihre Musik viel intensiver als die Angehörigen westlicher Kulturen, die anscheinend Wert auf die Ausgrenzung sinnlicher Wahrnehmung legen. Sie sind der Auffassung, es sei nicht von Vorteil “zu viel“ Wirklichkeit in sich aufzunehmen.

Doch gerade davon lebt oral culture, deren Überreste man immer noch im Geschichtenerzählen, im Tanz und in Liedern, Feldgesängen und Jodelrufen findet. Während Papier und Tinte die Medien der literate culture darstellen, braucht die mündlich orientierte Kultur nur eines : die Anwesenheit Anderer.

Es ist eine Kommunikationsform, die auf Unmittelbarkeit beruht und dessen einziges Medium die Botschaft selbst ist. Somit entwickelt ein Angehöriger der oral culture ein Gespür für Spontaneität und Flexibilität, da er quasi in jedem Atemzug zugleich agieren und reagieren muss. Er steht niemals in intellektueller Distanz zu seiner Umgebung, sondern ist Teil seiner Umgebung. Schwarze Musik als eine erweiterte Form der früheren afrikanischen oral culture anzusehen, ist daher nicht so abwegig. Angehörige dieser mündlichen Kulturform gehen völlig in ihrer Musik auf, werden Teil von Rhythmus, Harmonie und Gesang.

Für die Wirkung der schwarzen Musik sind dabei vor allem zwei Faktoren verantwortlich : der vokalisierte Ton und ihre spezifische Rhythmik.[1]

„Die Schwarzen sind die einzige Minoritätengruppe dieses Landes, die

über keine eigene Sprache verfügt. Sprache jedoch dient dazu, einer Gruppe

Zusammenhalt zu geben und sie vor Außenstehenden zu schützen. [...]

[Der Schwarze] verfügt jedoch über eine andere Sprache, und dies ist

der Rhythmus.[2]

Die schwarze Rhythmik der Musik ist sehr komplex, was unter anderem mit der ihr eigenen Spontaneität zu tun hat. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Musik und auch der Rhythmik ist die Improvisation - orale Improvisation – die kollektiven Charakter hat. Ein Beispiel dafür ist z.B. auch das zustimmende Beifallklatschen, das rhythmische Füßestampfen und das bejahende Zwischenrufen von Gottesdienstbesuchern, die auf diese Art und Weise ihre Sympathie mit dem Prediger und das Verstehen der Predigt signalisieren. Auf diese Gottesdienste werde ich später genauer eingehen, wenn ich mich mit dem “weißen“ Christentum und dessen Einfluss auf die Sklaverei befasse.

Ein anderes interessantes Beispiel für rhythmische Improvisation gibt Ralph Ellison[3], der während eines Afrikaaufenthaltes Zeuge wurde, wie eine große Anzahl von Angehörigen eines Stammes zu den Fehlzündungen eines Benzinmotors tanzte. Es wird also deutlich, dass schwarzer Rhythmus sich wesentlich von westlichen Rhythmikvorstellungen unterscheidet : Spontaneität und das Integrieren ungewöhnlicher “Musikinstrumente“ wie Benzinmotoren gehören zum Verständnis der schwarzen Musikkultur. Experimentieren und Offenheit gegenüber allem Neuen hilft dieser Musikkultur dabei, sich immer neu zu erfinden und auch über mehrere Jahrhunderte bestehen bleiben zu können.

Auch ist die community ein wichtiger Faktor der Musikkultur Afrikas, aus dem die heutige schwarze Musikkultur hervorgegangen ist. Musik ist eine Ausdrucksform, in der sich jedes Mitglied der community wiederfindet und zu der er etwas beisteuern kann.

Denn in der oral culture Afrikas kannte man nicht den Unterschied zwischen “Künstler“ und “Publikum“: Musik war ein integraler Bestandteil religiöser Rituale sowie des alltäglichen Lebens und wurde oft bis zur völligen Erschöpfung der Teilnehmer zelebriert. Der ganze Stamm – oder im weiteren Sinne `Sozialverband´ - war an diesem Prozess beteiligt und durch die unendliche Zahl verschiedener rhythmischer Variationen konnte jeder Musiker seine individuelle Persönlichkeit einbringen. Dieser Vorgang hatte die Funktion, das Individuum in den Sozialverband zu integrieren – immer und immer wieder.

Der daraus resultierende Gemeinschaftssinn bildet den Kern einer jeden Kultur – die community. Dadurch, dass jedes Mitglied dieser community seine Fähigkeiten und Interessen in die Musik einbringen und weiterentwickeln konnte, ohne dabei durch Gruppenzwang an seiner individuellen Entfaltung gehindert zu werden, unterschieden sich die Angehörigen der oral culture nicht nur durch speziell entwickelte Fähigkeiten sondern auch durch ihre individuelle emotionale `Mixtur´.

„Das Innenleben des oralen Menschen ist ein Gestrüpp von

Gefühlen und Stimmungen, die der westliche Mensch schon lange

geglättet oder im Interesse größerer Leistungsfähigkeit und des

praktischen Wertes wegen verdrängt hat.“[4]

Es überrascht nicht, dass die oral culture, deren Kommunikationsprozesse unmittelbar körperlich sind, sich auf die oben angesprochene Rhythmik als Kommunikationsfaktor verlässt. Die Gruppenaktivität der schwarzen Kultur erschließt sich wesentlich über den Rhythmus. Dieser kann Spannung aufbauen und lösen. Spannung liegt der Empfindung von Lust sehr nahe; wenn sie nicht unmittelbar ein angenehmes Gefühl erzeugt, verhindert sie zumindest das Aufkommen von Langeweile. Darüber hinaus wirkt rhythmische Spannung beruhigend und befreit von Ängsten.[5]

Entspannung durch pulsierenden Rhythmus ist oft mit dem Sexualakt verglichen worden und gerade bei den afrikanischen Rhythmen hat sich bei Weißen diese Assoziation aufgedrängt. Der Weiße, sprich : wir, speichert Informationen dadurch, dass er sie sich in irgendeiner Weise notiert, der Angehörige der oral culture hingegen dadurch, dass er sie sich körperlich einverleibt : er wird selbst zu Information. Rhythmus bedeutet für den Afroamerikaner aber vor allem ein Ventil für angestaute Aggressionen; in ihm drückt sich das schwarze kulturelle Ego aus und das Selbstverständnis des Oralen wird bewahrt und verteidigt.. Der sozialen Befreiung der schwarzen Amerikaner ist gewöhnlich die Entfaltung rhythmischer Freiheit vorausgegangen. Musikalischer Rhythmus steht daher in unmittelbarem Zusammenhang mit der sozialen Entwicklung der oral culture.

[...]


[1] Ben Sidran. Black Talk. Hofheim : Wolke Verlag, 1993. S.25.

[2] Julius Lester. Look Out, Whitey! Black Power´s Gon´ Get Your Mama !. New York, 1968. S. 90.

[3] Sidran, S.26.

[4] Marshall McLuhan. Understanding Media. New York, 1964. S.59

[5] Desmond Morris. Der Menschen – Zoo. München – Zürich, 1969. S. 90.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Spirituals im Amerika der Sklaverei
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Anglistik/Amerikanistik)
Note
2+
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V49803
ISBN (eBook)
9783638461627
ISBN (Buch)
9783656071570
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spirituals, Amerika, Sklaverei
Arbeit zitieren
M.A. Nicole Gast (Autor), 2002, Spirituals im Amerika der Sklaverei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49803

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