Die Genforschung hat spätestens seit dem letzten Drittel des 20 Jahrhunderts zahlreiche Fortschritte erzielen können, aufgrund derer eine stetige Zunahme der Gestaltungsmöglichkeiten der Natur durch den Menschen zu verzeichnen sind. Die Entdeckung der Struktur der DNA in Form einer Doppelhelix in den 1950er Jahren war eine wichtige Voraussetzung für die Gründung des Humangenomprojekts, welches kein geringeres Ziel hatte als die Entschlüsselung des menschlichen Genoms – was auch kurz nach der Jahrtausendwende als erreicht erklärt wurde (vgl. Nationales Genomforschungsnetz). [...] Mit dem Aufkommen und der Weiterentwicklung der Genforschung im Allgemeinen und der Humangenomforschung im Besonderen entsteht ein öffentlicher Diskurs über deren Chancen und Risiken. Dieser wird beispielsweise bereits gegen Ende der 1990er Jahre im Rahmen eines Sammelbands herausgegeben von Jäger (vgl. 1997) und Merten (vgl. 1999) analysiert. Danach nehmen sich Gerhards und Schäfer in den frühen 2000ern (vgl. 2006; 2007) erneut dem Gendiskurs an. Auffällig ist dabei z.B. die zentrale Erkenntnis von Gerhards und Schäfer (vgl. 2007: 218) des nahezu vierfach so hohen Standings – also die relative Häufigkeit des Vorkommens eines Akteurs oder einer Akteursgruppe – der Biologen und Naturwissenschaftler im Vergleich zu den Sozial- und Geisteswissenschaftlern. Darüber hinaus stellen Genforscher ihren Forschungsgegenstand und ihre Ergebnisse eher positiv dar, während insbesondere Sozialwissenschaftler eine eher kritischere Haltung einnehmen (vgl. ebd.: 220). Obwohl Gene und Umwelt in einem wechselseitigen Interaktionsverhältnis zu einander stehen, scheinen die Disziplinen der Genforschung und der Sozialwissenschaften eher in einem Gegensatzverhältnis zueinander zu stehen. Deutet man diesen Umstand als ein mögliches Aufleben der Debatte um das Selbstverständnis und die Legitimation der Soziologie wie sie beispielsweise bereits 1996 unter dem Titel „Wozu heute noch Soziologie?“ (Fritz-Vannahme 1996) geführt wurde, ergibt sich für die vorliegende Arbeit die folgende Fragestellung: Inwiefern konkurrieren Soziologie und Genforschung um eine wirksame Stellung in der Öffentlichkeit?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Genetik, Soziologie und die Öffentlichkeit
III. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Soziologie und Genforschung in der öffentlichen Wahrnehmung, um zu klären, inwiefern diese Disziplinen um eine wirksame Stellung konkurrieren und wie sich ihre mediale Darstellung im Zeitverlauf verändert hat.
- Analyse der medialen Berichterstattung über Genforschung und Humangenetik.
- Vergleich der öffentlichen Präsenz und des "Standings" von Sozial- und Naturwissenschaftlern.
- Untersuchung der Rolle genetischer Metaphern im öffentlichen Sprachgebrauch.
- Bewertung der soziologischen Perspektive auf genetische Erklärungsansätze.
- Diskussion über potenzielle interdisziplinäre Kooperationsmöglichkeiten.
Auszug aus dem Buch
II. GENETIK, SOZIOLOGIE UND DIE ÖFFENTLICHKEIT
Um einen Antwortversuch auf die zentrale Fragestellung vorzunehmen, muss diese jedoch zunächst in einzelne Teilfragen aufgebrochen werden, sodass sich die abschließende Antwort aus der Synthese der Teilantworten ergibt. Zunächst ließe sich die Frage stellen, ob und wie lange die Genforschung in der medialen Öffentlichkeit eine bedeutende Rolle spielt.
Spätestens seit zentrale Erkenntnisse der Genforschung beispielsweise im Sinne der Gentechnik Einzug in die Medizin und Landwirtschaft gehalten haben oder im Sinne der Humangenomforschung und weiteren biologischen Disziplinen genetische Erklärungsansätze in Bezug auf Fragestellungen des sozialen Verhaltens angeboten werden, hat sich ein reger Diskurs in der öffentlich-medialen Berichterstattung angeschlossen. Dieser wurde und wird aus sozialwissenschaftlicher Perspektive begleitet und damit wiederum selbst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Um das anhaltende Interesse an der Analyse der öffentlichen Berichterstattung zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle exemplarisch auf einige zentrale Untersuchungen verwiesen: So nahmen sich in der frühen Phase zum Beispiel in einem von Jäger (vgl. 1997) herausgegebenen Sammelband mit dem Titel „Biomacht und Medien“ zahlreiche Autoren der Betrachtung des Diskurses anhand von Printmedien an – angefangen bei der Bild, über die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) bis hin zur Tageszeitung (taz).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Fortschritte der Genforschung, den damit verbundenen gesellschaftlichen Diskurs sowie die daraus resultierende Forschungsfrage nach der Konkurrenz zwischen Soziologie und Genforschung um öffentliche Wirksamkeit.
II. Genetik, Soziologie und die Öffentlichkeit: Dieses Kapitel analysiert anhand verschiedener Studien die mediale Berichterstattung über die Humangenetik und den Vergleich der öffentlichen Wahrnehmung soziologischer versus naturwissenschaftlicher Expertise.
III. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass kein starkes Konkurrenzverhältnis besteht, sondern dass sich durch die interdisziplinäre Komplexität der Forschung neue Möglichkeiten der Kooperation ergeben.
Schlüsselwörter
Genforschung, Soziologie, Öffentlichkeit, Humangenomforschung, Medienanalyse, Epigenetik, Gen-Umwelt-Interaktion, Wissenschaftssoziologie, Genetisierung, Diskursanalyse, Legitimation, soziale Disziplinen, Humangenetik, Wissenschaftstradition, interdisziplinäre Forschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das öffentliche Verhältnis zwischen der Genforschung und der Soziologie sowie die Frage, ob diese beiden Disziplinen in einem Konkurrenzkampf um öffentliche Aufmerksamkeit und Deutungshoheit stehen.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse behandelt?
Im Zentrum stehen die mediale Berichterstattung über die Humangenomforschung, der Vergleich der öffentlichen Präsenz von Natur- und Sozialwissenschaftlern sowie die Bedeutung genetischer Metaphern in der Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, inwiefern Soziologie und Genforschung um eine wirksame Stellung in der Öffentlichkeit konkurrieren und wie sich diese Dynamik über die Zeit entwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für diese Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine literaturbasierte Analyse bestehender inhalts- und diskursanalytischer Studien, um die mediale Repräsentation beider Wissenschaftsdisziplinen zu bewerten.
Was genau wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der medialen Darstellung der Genforschung, einen Vergleich der Sichtbarkeit soziologischer Forschung im Diskurs und eine Diskussion über die Herausforderungen, denen sich die Soziologie durch genetische Erklärungsmodelle gegenübersieht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Genetisierung, öffentliche Legitimation, Gen-Umwelt-Interaktion, Diskursanalyse und wissenschaftliches Standing geprägt.
Wie hat sich die mediale Berichterstattung über die Genforschung laut der Autorin über die Zeit verändert?
Die Berichterstattung war in den späten 1990er Jahren quantitativ höher und stärker von genetischem Determinismus geprägt, während sie im Zeitverlauf abnahm, aber gleichzeitig differenzierter und kritischer hinsichtlich der Grenzen der Forschung wurde.
Welche Rolle spielt die Soziologie laut der Arbeit in diesem Diskurs?
Die Soziologie nimmt eine kritische Position ein, die jedoch nicht als bloße Ablehnung zu verstehen ist; sie hinterfragt einfache Kausalzusammenhänge und betont die Relevanz sozialer Umweltfaktoren.
- Quote paper
- Martin Radtke (Author), 2018, Die Stellung der Genetik in der Öffentlichkeit und die Rolle der Soziologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498033