Die Stellung der Genetik in der Öffentlichkeit und die Rolle der Soziologie


Essay, 2018
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Genetik, Soziologie und die Öffentlichkeit

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Genforschung hat spätestens seit dem letzten Drittel des 20 Jahrhunderts zahlreiche Fortschritte erzielen können, aufgrund derer eine stetige Zunahme der Gestaltungsmöglichkeiten der Natur durch den Menschen zu verzeichnen sind. Die Entdeckung der Struktur der DNA in Form einer Doppelhelix in den 1950er Jahren war eine wichtige Voraussetzung für die Gründung des Humangenomprojekts, welches kein geringeres Ziel hatte als die Entschlüsselung des menschlichen Genoms – was auch kurz nach der Jahrtausendwende als erreicht erklärt wurde (vgl. Nationales Genomforschungsnetz). Einerseits konnten die gewonnenen Erkenntnisse für menschliche Zwecke auf medizinischer oder auch wirtschaftlicher Ebene – beispielsweise zur Erkennung von Erbkrankheiten oder zur gentechnischen Veränderung von Lebensmitteln – genutzt werden. Andererseits wendet sich die Biologie seit diesem Zeitpunkt u.a. im Rahmen der Disziplinen der Humangenomforschung, der Verhaltensgenetik, der Endokrinologie sowie der Soziobiologie verstärkt sozialen Fragestellungen zu. Die verwendeten Erklärungsansätze für soziales Verhalten und Handeln von Individuen führen dabei jedoch nicht allein genetische Ursachen als letzte Gründe an, sondern verweisen häufig auf die Wechselwirkungen mit der sozialen Umwelt in Form von Gen-Umwelt-Interaktionen (vgl. Asendorpf, 2005; Diewald, 2010).

Mit dem Aufkommen und der Weiterentwicklung der Genforschung im Allgemeinen und der Humangenomforschung im Besonderen entsteht ein öffentlicher Diskurs über deren Chancen und Risiken. Dieser wird beispielsweise bereits gegen Ende der 1990er Jahre im Rahmen eines Sammelbands herausgegeben von Jäger (vgl. 1997) und Merten (vgl. 1999) analysiert. Danach nehmen sich Gerhards und Schäfer in den frühen 2000ern (vgl. 2006; 2007) erneut dem Gendiskurs an. Auffällig ist dabei z.B. die zentrale Erkenntnis von Gerhards und Schäfer (vgl. 2007: 218) des nahezu vierfach so hohen Standings – also die relative Häufigkeit des Vorkommens eines Akteurs oder einer Akteursgruppe – der Biologen und Naturwissenschaftler im Vergleich zu den Sozial- und Geisteswissenschaftlern. Darüber hinaus stellen Genforscher ihren Forschungsgegenstand und ihre Ergebnisse eher positiv dar, während insbesondere Sozialwissenschaftler eine eher kritischere Haltung einnehmen (vgl. ebd.: 220). Obwohl Gene und Umwelt in einem wechselseitigen Interaktionsverhältnis zu einander stehen, scheinen die Disziplinen der Genforschung und der Sozialwissenschaften eher in einem Gegensatzverhältnis zueinander zu stehen. Deutet man diesen Umstand als ein mögliches Aufleben der Debatte um das Selbstverständnis und die Legitimation der Soziologie wie sie beispielsweise bereits 1996 unter dem Titel „Wozu heute noch Soziologie?“ (Fritz-Vannahme 1996) geführt wurde, ergibt sich für die vorliegende Arbeit die folgende Fragestellung: Inwiefern konkurrieren Soziologie und Genforschung um eine wirksame Stellung in der Öffentlichkeit?

II. Genetik, Soziologie und die Öffentlichkeit

Um einen Antwortversuch auf die zentrale Fragestellung vorzunehmen, muss diese jedoch zunächst in einzelne Teilfragen aufgebrochen werden, sodass sich die abschließende Antwort aus der Synthese der Teilantworten ergibt. Zunächst ließe sich die Frage stellen, ob und wie lange die Genforschung in der medialen Öffentlichkeit eine bedeutende Rolle spielt.

Spätestens seit zentrale Erkenntnisse der Genforschung beispielsweise im Sinne der Gentechnik Einzug in die Medizin und Landwirtschaft gehalten haben oder im Sinne der Humangenomforschung und weiteren biologischen Disziplinen genetische Erklärungsansätze in Bezug auf Fragestellungen des sozialen Verhaltens angeboten werden, hat sich ein reger Diskurs in der öffentlich-medialen Berichterstattung angeschlossen. Dieser wurde und wird aus sozialwissenschaftlicher Perspektive begleitet und damit wiederum selbst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Um das anhaltende Interesse an der Analyse der öffentlichen Berichterstattung zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle exemplarisch auf einige zentrale Untersuchungen verwiesen: So nahmen sich in der frühen Phase zum Beispiel in einem von Jäger (vgl. 1997) herausgegebenen Sammelband mit dem Titel „Biomacht und Medien“ zahlreiche Autoren der Betrachtung des Diskurses anhand von Printmedien an – angefangen bei der Bild, über die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) bis hin zur Tageszeitung (taz). Des Weiteren analysierte Merten (vgl. 1999) die Berichterstattung um die Entwicklungen der Gentechnik aus inhaltsanalytischer Perspektive neben den Printmedien zusätzlich im Fernsehen. Das besagte Humangenomprojekt und der darum entstandene Diskurs wurden anschaulich von Andreas Lösch (vgl. 2001) analysiert. Einige Jahre später untersuchten Gerhards und Schäfer (vgl. 2006) die Berichterstattung in der US-amerikanischen und deutschen Presselandschaft unter dem Fokus der Mechanismen zur Herstellung einer hegemonialen Position der Humangenomforschung. Weitaus aktuellere Fortführungen finden sich beispielsweise bei Bonfadelli (vgl. 2012) unter dem Titel „Fokus Grüne Gentechnik: Analyse des Medienvermittelten Diskurses“, bei Sperer (vgl. 2015) in einer Analyse der Berichterstattung des Spiegels sowie bei Seitz (vgl. 2016) mit einem Fokus auf den Diskurs um die Epigenetik.

Anhand der hier erfolgten Auflistung der lediglich beispielhaft ausgewählten Studien lässt sich in Bezug auf die erste Teilfrage folgendes festhalten: Zunächst verweist der lange Zeitraum der kontinuierlichen Analyse medialer Berichterstattung des Genforschungsdiskurses im Umkehrschluss darauf, dass eben jene Berichterstattung überhaupt vorliegt bzw. vorgelegen haben muss. Demnach besteht also mindestens für den hier dargestellten Zeitraum wissenschaftlicher Publikationen von 19 Jahren die Aufrechterhaltung öffentlich-medialer Berichterstattung über Genforschung. Weiterhin wird an den aufgezählten Untersuchungen deutlich, dass in der öffentlichen Darstellung sowohl humangenetische Themen als auch Aspekte der Gentechnik – beispielsweise in Bezug auf die landwirtschaftliche Nutzung – behandelt werden. Da nachfolgend jedoch der Fokus auf dem Verhältnis von Soziologie, Öffentlichkeit und Genforschung liegt, wird sich insbesondere auf die Berichterstattung über die Humangenomforschung als exemplarische Disziplin der Genetik konzentriert.

Nachdem nun ersichtlich ist, dass die Humangenomforschung eine zentrale Rolle im Interessenbereich medialer Berichterstattung einnimmt, stellt sich die Frage, welche Darstellung diese dadurch in der Öffentlichkeit erfährt. In einer Studie aus dem Jahr 2007 gehen Gerhards und Schäfer (vgl. 2007) am Beispiel der Humangenetik eigentlich der Frage nach, ob und inwiefern onlinebasierte Kommunikation demokratischer ist als die öffentliche Kommunikation in Printmedien. Obwohl der Fokus dieser Studie also nicht im Sinne der zentralen Fragestellung dieser Arbeit zu verorten ist, zeigt sich darin eine spannende Erkenntnis: Im Vergleich der relativen Häufigkeiten des Auftretens der Akteursgruppen (Standing) der Sozial- und Geisteswissenschaftler sowie der Bio- und Naturwissenschaftler fällt auf, dass letztere im Kontext der Humangenomforschung etwa viermal häufiger vorkommen (vgl. Gerhards & Schäfer, 2007: 218). Weiterhin wird konstatiert, dass die entsprechende Darstellung der Humangenomforschung von beiden Akteursgruppen unterschiedlich ausfällt: Während die Bio- und Naturwissenschaftler ihren Forschungsbereich vorwiegend positiv darstellen, nehmen Sozial- und Geisteswissenschaftler eine eher kritischere Position ein (vgl. ebd.: 220). Aus der Kombination beider Ergebnisse lässt sich also auf eine überwiegend positive mediale Darstellung der Humangenomforschung – übrigens in beiden untersuchten Medien – schließen. Darüber hinaus erscheint der Themenbereich der Humangenetik in Anbetracht der von den beiden Autoren verfolgten Fragestellung als ausreichend diskussionserzeugend, um daran beispielhaft ihre Hypothesen zu überprüfen.

Im Gegensatz dazu stellt Sperer (vgl. 2015) in einer Analyse des Spiegels über den Zeitraum von 2005 bis 2012 zwei zentrale Erkenntnisse heraus: Zum einen nimmt die Berichterstattung über humangenetische Themen über die Zeit sukzessive ab. Zum anderen verschiebt sich die zu Beginn häufig sehr positive Darstellung über die Zeit zu einer differenzierteren, in deren Folge zunehmend die Grenzen und Einschränkungen der Humangenetik betont werden (vgl. Sperer, 2015: 126ff.). Derartige Eingrenzungen der Aussagekraft genetischer Erklärungsansätze können Seitz (vgl. 2016) folgend den Erkenntnissen der Epigenetik zugeordnet werden. Diese verdeutlichen, dass die humangenetische Annahme Gene als zentrale Ursache zu betrachten, Einflussfaktoren wie die (soziale) Umwelt und die kulturelle Beeinflussung der Vererbung vernachlässigt (vgl. ebd.: 102f.). Weiterhin ist festzuhalten, dass sich genetische Metaphern wie das „Mutieren“ und „Klonen“ scheinbar derart öffentlichkeitswirksam etabliert haben, dass diese einerseits in Kontexten verwendet werden, die keine direkte Verbindung mit Genetik aufweisen (vgl. Bartens 1999: 265). Andererseits erfahren Gene im öffentlichen Diskurs eine Personalisierung in der Form, dass sie zu eigenständig handelnden Akteuren werden (vgl. Kovács 2009: 131).

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Details

Titel
Die Stellung der Genetik in der Öffentlichkeit und die Rolle der Soziologie
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Soziologie und Demographie)
Veranstaltung
"Socio-Genomics": Neue Herausforderungen für die Sozialwissenschaften?
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V498033
ISBN (eBook)
9783346013835
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Familiensoziologie, Genetik, Öffentlichkeitswirksamkeit, Socio-Genomics
Arbeit zitieren
Martin Radtke (Autor), 2018, Die Stellung der Genetik in der Öffentlichkeit und die Rolle der Soziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498033

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