Europakonstruktionen in "Schakale und Araber" von Franz Kafka


Essay, 2015

5 Seiten


Leseprobe

Franz Kafka „Schakale und Araber“

In Franz Kafkas Erzählung „Schakale und Araber“ (1917) wird durch die Figuren der Schakale, der Araber und des Europäers ein uralter Konflikt dargestellt.

Ein mit einer Karawane durch die Wüste reisender Europäer wird während einer Rastpause von Schakalen angesprochen. Diese bieten ihn den uralten Konflikt mit den Arabern zu beenden. Mit einer Nähschere soll der Europäer die Araber töten, worauf er sich nicht einlässt. Beim Kadaver eines verendeten Kamels können die Schakale ihrem Instinkt nicht widerstehen und stürzen sich darauf. Auch die Peitsche des Arabers kann sie nicht vom Fressen abhalten.

Die drei Hauptfiguren bilden eine Konstellation, die unbedingt aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden sollte. Je nach Standpunkt erschließt sich die Sicht der Figuren aufeinander. Das gesamte Konstrukt bleibt zwar gleich (Schakale-Araber-Europäer), jedoch ist dieses in sich geschlossene System nicht als ein statisches anzusehen. Um zum Kern der Geschichte vorzudringen, wäre die am besten geeignete Vorgehensweise, genau das im Auge zu behalten. Die verschiedenen Standpunkte und das Verhältnis der Figuren zu einander bilden das Fundament der Erzählung.

Da ist zunächst der Europäer, der wie die beiden anderen nur als Bezeichnung / Repräsentant einer Gruppe vorgestellt wird. Aus unbekannten Gründen ist er in der Wüste unterwegs und ist demnach nur ein Gast in dieser Gegend. Aus seiner Perspektive ist hier alles unbekannt, neu, unergründet. Mit dieser Figur macht Kafka den Einstieg in die Geschichte und in die Welt der Schakale und der Araber, die hier leben.

In der Oase trifft der Europäer auf Schakale, die im Rudel auftreten. Schon die Ansprache deren Anführers lässt vermuten, dass es um etwas sehr Wichtiges geht. In einem Abschnitt (S.280) werden die Dauer, Vergangenheit, Zukunft, Bedeutung, Erwartungen einzelner und aller sowie der Glaube an eine Sache konzentriert („der älteste Schakal“, „ wir warten unendlich lange“, „ meine Mutter, ihre […] Mutter aller Schakale“, „Glaube es!“). Das hat auf den ersten Blick etwas Biblisches an sich oder lässt zumindest ein religiöses Motiv vermuten.

Es stellt sich unausweichlich die Frage, warum die Schakale auf die Ankunft des Europäers warten und was sie von ihm wollen. Anscheinend verachten sie seit geraumer Zeit die Araber, die ihrer Meinung nach „keinen Funken Verstand“ besitzen. „Sie töten Tiere, um sie zu fressen, und Aas mißachten sie.“ (S.281)

Den Europäer betrachten die Schakale als einen klugen Mann, vor allem als er behauptet, er „maße [sich] kein Urteil an Dingen, die [ihm] so fern liegen“ und als er den sehr alten Streit zwischen den Schakalen und Arabern erkennt (vgl. S.281).

Das, was der Europäer machen soll deuten die Schakale bereits zum Anfang des Gesprächs an: „Wir nehmen ihnen also ihr Blut und der Streit ist zu Ende.“(ebd.) Der Hass auf die Araber offenbart sich in der extrem negativen Beschreibung der Schakale für dieses Volk (vgl. S.283). Daraufhin bringen sie eine alte Schere und bitten den Europäer mit Nachdruck, den Arabern damit die Hälse durchzuschneiden (vgl. ebd.).

Ein Araber, der Anführer der Karawane, kommt hinzu und bringt einen Kamelkadaver für die Schakale. Er scheint gar nicht so zu sein, wie die Tiere ihn beschrieben haben und er weiß auch über die Bitte der Schakale Bescheid. „Das ist doch allbekannt; solange es Araber gibt, wandert diese Schere durch die Wüste und wird mit uns wandern bis ans Ende der Tage.“, klärt er den Europäer auf. Er bezeichnet die Schakale als Narren, die „eine unsinnige Hoffnung“ in jeden Europäer setzen, der in dieser Gegend vorbeikommt (vgl. ebd.). Die Schakale sind wie Hunde für die Araber, die sie lieben und füttern; sie sind sich auch ihres Hasses bewusst, sehen diesen jedoch nicht als Gefahr an. Mit einer Reitpeitsche versucht der Araber die Tiere von dem Kadaver zu vertreiben, sie kommen aber immer wieder zurück.

Insgesamt macht der Europäer einen eher neutralen Eindruck, denn seine Handlungen und Verhalten sind nicht sehr stark ausgeprägt. Er hört zu, ermahnt die Schakale nicht zu laut zu sein, weist sie darauf hin, dass die Araber im Fall eines Angriffs sich währen würden. Das zeigt, dass sein Denken rational ist und dass er sich nicht von Emotionen nicht mitreißen lassen würde oder aber auch, dass in diesem speziellen Fall die Probleme der anderen einfach zu fern von ihm sind. Er beobachtet den Konflikt zwischen den beiden Parteien, ohne eingreifen zu wollen oder zu können. Nur am Ende hält er den Araber davon ab, die Peitsche gegen die Schakale einzusetzen.

Die Schakale erweisen sich in der Erzählung als sehr widersprüchlich und vermitteln einen unangenehmen Eindruck. Sie verhalten sich kriecherisch, hasserfüllt, benutzen abwertende Bezeichnungen für die Araber, halten den Europäer fest, obwohl sie seine Hilfe brauchen. Diesen sehen sie als Erlöser an, auf den sie seit ewigen Zeiten gewartet haben, und setzen alle ihre Hoffnungen in ihn (S. 280,282). Sie streben nach Reinheit, das scheint ihr Idealzustand zu sein, aber immer wieder ist bei ihnen vom Blut die Rede. Mit dem Auftauchen des Anführers der Araber mit dem Kadaver erkennt man, dass sie Schakale trotz ihres Geredes von Reinheit, dem Blutrausch verfallen und sich am Fleisch satt fressen.

Die Figur des Arabers wird am Anfang kurz erwähnt, wird aber erst nach dem Gespräch der Schakale mit dem Europäer richtig eingeführt. Der Mann wirkt stark und überlegen, er tritt selbstsicher und handlungsbereit auf. Er ist nicht von der Geschichte der Schakale überrascht und erklärt dem Europäer den Konflikt mit den Tieren aus seiner Sicht. Insgesamt macht der Araber einen aktiven Eindruck: er treibt die Schakale weg vom Europäer, wirft ihnen einen Kadaver zum Fressen zu, behält die Kontrolle mittels Peitsche. Er hört aber auch auf den Einspruch des „Mann[es] aus dem Norden“ (vgl. S. 280), wahrscheinlich aber nur, weil es seiner eigenen Meinung entspricht.

Interessant ist dabei, dass sowohl der Araber als auch der älteste Schakal den Europäer als „Herr“ bezeichnen (S.282ff.).

Zur Interpretation von Kafkas Erzählung gibt er in der Forschung verschiedene Ansätze. Die wichtigste Frage lautet: wer wird als die drei Hauptfiguren bezeichnet?

Ohne Hintergrundwissen zur historischen Entwicklung um 1917 kann man die Europäer und die Araber auch als solche betrachten. Wen sollen aber die Schakale darstellen? Die auffällige Andeutung auf den Europäer als den Erlöser der Schakale, lässt die Schlussfolgerung zu, diese seien die Juden, die auf ihren Messias warten. Damit kann man dieses lange Warten, die Hoffnung und den Glauben der Schakale/des jüdischen Volkes erklären. Von dieser Interpretation ausgehend, würde die Erzählung ein rein religiöses Motiv haben.

Seltsam dabei ist das äußerst negative Bild der Juden, das Kafka hier kreiert. Mit dem Erscheinen der „Schakale und Araber“ in der Zeitschrift „Der Jude“ wurde Kafka u.a. jüdischer Selbsthass vorgeworfen. Unumstritten ist aber Kafkas Kritik an den Figuren, unabhängig davon wen genau diese darstellen sollen.

Es gibt einen ganz anderen Ansatz zur Interpretation der Erzählung bzw. zur Rollenzuordnung innerhalb dieser. Diesem nach sollen die Schakale Tschechen sein, der Europäer soll die Deutsch-Juden repräsentieren und die Araber sollen die Deutschen in Prag sein. Zeitlich passt das vielleicht ganz gut in den Kontext und zu Kafkas Umfeld, jedoch würde man bei Lesen und vor allem schon beim Titel nicht diese Verbindung erkennen.

Wenn man in der Zeit um 1917 bleibt und die politische Situation im Nahen Osten und Europa betrachtet, so kann man sicherlich passendere Interpretationsansätze finden. Die Balfour-Erklärung von November 1917 der Briten sicherte der zionistischen Bewegung dem jüdischen Volk die Errichtung eines Heimatstaates zu. Die Rechte der in Palästina lebenden arabischen Bevölkerung sollten dabei bewahrt werden. Da es zu diesem Zeitpunkt in Europa Krieg herrschte, versprachen sich die Briten Vorteile von dieser Erklärung. Aus dieses Perspektive könnte man also die Schakale als Zionisten betrachten.

Für die eigene Interpretation würde ich zum letzteren Ansatz tendieren, jedoch den religiösen Aspekt mit dem Erwarten des Messias auch berücksichtigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Europakonstruktionen in "Schakale und Araber" von Franz Kafka
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Europakonstruktionen in Prosa und Lyrik des Expressionismus
Autor
Jahr
2015
Seiten
5
Katalognummer
V498199
ISBN (eBook)
9783346015082
Sprache
Deutsch
Schlagworte
europakonstruktionen, schakale, araber, franz, kafka
Arbeit zitieren
Katharina Kogan (Autor), 2015, Europakonstruktionen in "Schakale und Araber" von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498199

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