Zwischen Basis und Parteiführung. Mittlere Parteieliten in der Partei DIE LINKE


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Akteursebenen-Modell
2.1 Historie
2.2 Parteiführung
2.3 Mittlere Parteieliten
2.4 Parteimitgliedschaft und Wähler

3. Responsivität und Repräsentation

4. Vergleich
4.1 Gesamtzahl
4.2 Geschlechterverteilung
4.3 Herkunft
4.4 Alter
4.5 Bildungsniveau
4.6 Gewerkschaftsmitglieder

5. Schlussfolgerungen

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

8. Tabellenverzeichnis

9. Syntax

1. Einleitung

Bereits 1911 stellte Robert Michels in seinem Hauptwerk „Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“ fest, dass sich Parteien zu tragenden Säulen in unserer Demokratie entwickelt haben, weshalb eine nähere Betrachtung der inneren Ordnung von zentraler Bedeutung ist (vgl. Michels 1989: XV). Nach Artikel 21 Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland muss die innere Ordnung von Parteien „demokratischen Grundsätzen entsprechen“. Es wird jedoch immer noch kontrovers darüber gestritten, wie diese Grundsätze realisiert werden.

Michels bezeichnet jede Parteiorganisation, als „eine mächtige, auf demokratischen Füßen ruhende Oligarchie“ (Michels 1989: 371). Grund dafür ist Michels Ideal einer Demokratie als unmittelbare Selbstbestimmung des Volkes (vgl. Hübner 1992: 170). Jedoch sieht er auch realistisch, dass die Masse der Arbeiterbewegung in der wilhelminischen Kaiserzeit zu groß ist, weswegen eine Organisation und Repräsentation benötigt wird. Dort setzt dann auch genau das unauflösbare Dilemma an, denn ohne Organisation ist Demokratie in Form von miteinander um Wählerstimmen kämpfende Parteien undenkbar, da Hierarchien und Machtkonzentrationen an den Parteispitzen elementare Erfolgsvorrausetzungen für diesen Kampf sind (vgl. Wiesendahl: 17-23). Organisation ist demnach wichtig für Demokratie, aber „wer Organisation sagt, sagt auch Tendenz zur Oligarchie“ (Michels 1989: 25).

Die Allgemeingültigkeit des „Vorhandensein[s] immanenter oligarchischer Züge in jeder menschlichen Zweckorganisation“ (Michels 1989: 13) wurde mittlerweile mehrfach, beispielsweise durch die Arbeit von Samuel J. Eldersveld, sowohl theoretisch als auch empirisch widerlegt (vgl. Hofmann 2001: 157). So beschreibt Eldersveld Parteien, entgegen der hierarchischen Anordnung von Michels, auf allen Ebenen bis zur Parteiführung als offen, ungezwungen und personalisiert, wenn es den Parteimachtansprüchen nützt. Diese Durchlässigkeit und Anpassungsfähigkeit führt dazu, dass die interne Kontrolle der Parteiführung erschwert wird und verschiedene vertikal und horizontal verschränkte Interessensgruppen in einem ständigen Aushandlungsprozess stehen (vgl. Eldersveld 1964: 5). So spricht Eldersveld nicht von einer hierarchischen, sondern von einer stratarchischen Struktur innerhalb der Partei. Diese verschiedenen Interessensgruppen bzw. Teilorganisationen bilden jeweils ihre eigenen lokalen bzw. mittleren Parteieliten heraus, wodurch es zu einer Machtumverteilung kommt. Die Parteiführung besitzt zwar die Autorität im Namen der Partei zu sprechen, jedoch muss sie immer auf die Forderungen und Interessen der Basis Rücksicht nehmen.

Eldersvelds Analyse kann als „bottom-up“-Modell benannt werden, wohingegen Michels Oligarchietheorie als „top-down“-Modell bezeichnet werden kann (vgl. Zeitler 2006: 245-250). Die vorliegende Arbeit richtet den Blick auf die Verhältnisse und sozialen Zusammensetzungen der verschiedenen Akteursebenen bei der Partei DIE LINKE. Es soll untersucht werden, inwieweit von einem isolierten berufsmäßigen Führertum nach Robert Michels oder von einem offenen und anpassungsfähigen System nach Samuel J. Eldersveld gesprochen werden kann. Es wird die Frage gestellt, ob in den höher- bzw. innerliegenden Ebenen beträchtliche Unterschiede soziodemographischer Merkmale zu den äußeren Akteursebenen erkennbar sind. Dabei stehen im Fokus der Betrachtung die totale Anzahl, die Altersstruktur, die Herkunft, der Frauenanteil, der Gewerkschaftsanteil und das Bildungsniveau der Akteursebenen. Maurice Duverger (1959: 126f.) stellte dazu fest:

Es wäre interessant, wenn sich das Verhältnis von Aktivisten zu Parteimitgliedern zahlenmäßig bestimmen ließe. Wenn es möglich wäre, der Zahl der Mitglieder im Verhältnis zur Zahl der Wähler die Zahl der Aktivisten zu der der Mitglieder gegenüberzustellen, so ließe sich eine sehr viel deutlichere Vorstellung von der wirklichen Macht der politischen Parteien gewinnen. Wenn man dazu noch diese Verhältniszahlen nach sozialen Schichten, nach Altersstufen und nach Landesgegenden spezifizieren könnte, dann ließe sich die Stellung der politischen Gruppen im Ganzen der nationalen Gemeinschaft mit größerer Genauigkeit feststellen.

Zur Bearbeitung dieser Fragestellung wurde nach Vorbildern von Robert Michels, Maurice Duverger, sowie Karlheinz Reif, Hermann Schmitt und Oskar Niedermayer ein Parteizugehörigkeitsmodell entwickelt, welches im ersten Teil der Arbeit aus den anderen Modellen herausgearbeitet und vorgestellt wird. Im zweiten Teil der Arbeit werden dann die Ergebnisse der Untersuchung in das Modell gespeist und daran anschließend ausgewertet, ehe ich zu meinem Fazit komme.

2. Das Akteursebenen-Modell

2.1 Historie

Die Grundlage für die Betrachtungsweise lieferte 1911 Robert Michels, in dem er die angewandte Demokratie mit folgender Struktur staffelförmig teilnehmeranzahlzunehmend beschreibt: Vorstände, Funktionäre, Generalversammlungsbesucher, Parteimitgliedschaft und Wählerschaft. Er beschreibt die Wählerschaft als breite Bodenfläche über welche sich die kleinere Masse der Parteimitglieder, welche nur Ein-Zehntel bis Ein-Dreißigstel der Wählerschaft ausmacht, erhebt. Über dieser Gruppe steht wiederum die geringköpfigere Zahl der regelmäßigen Generalversammlungsbesucher und die noch kleinere Gruppe der Funktionäre. Über allem stehen die Vorstände, welche ungefähr das halbe Dutzend vollmachen (vgl. Michels 1989: 50).

1951 veröffentlichte Maurice Duverger, ehemaliger Professor in Paris, sein Buch „Die Politischen Parteien“ in welchem er, die heute noch häufig zitierten, Stufen der Zugehörigkeit definiert. Duverger, welcher ebenfalls von einer oligarchischen Wirklichkeit innerhalb von Parteien ausgeht, unterscheidet bei Parteien drei Kreise der Teilnahme. Der weiteste Kreis umfasst wie bei Michels die Wählerschaft. Diese Gruppe hat im Vergleich zu den anderen den großen Vorteil, dass sie relativ leicht und genau zu messen ist, da im Allgemeinen sehr zuverlässige Wahlstatistiken zur Verfügung stehen. Die Gruppe der Sympathisierenden ist dagegen unbestimmt und vielfältig. Während der Wähler seine Stimme im Verborgenen abgibt und geheim hält, macht der Sympathisierende kein Geheimnis aus seiner politischen Einstellung und tritt für die Partei ein und unterstützt sie unter Umständen auch finanziell. Zur Einordnung der Größenverhältnisse verweist Duverger auf eine Studie aus dem Jahre 1949, bei welcher auf ein Mitglied ca. 5 Sympathisierende kommen. Mitglieder sind ähnlich wie Sympathisierende mit dem Unterschied, dass sie mit der Partei durch eine offizielle Bindung verbunden sind und gegebenenfalls Beitragszahlungen leisten. Duverger spricht beim dritten Kreis vom sogenannten inneren Kreis. Im weitesten Sinne des Wortes gehören diesem die Aktivisten und die Parteiführer an. Im engeren Sinn bezeichnet der innere Kreis einzig die Führer. Die Aktivisten sind tätige Mitglieder. Sie besuchen beispielsweise regelmäßig Versammlungen, sind an der Organisation der Propaganda beteiligt oder bereiten den Wahlkampf vor. Sie dürfen nicht mit Parteileitern/-führern verwechselt werden, sondern sie sind Ausführende. Genaue Aussagen über die Verhältnisse von Aktivisten zu Mitgliedern lasse sich laut Duverger nicht treffen, da die Studien diesbezüglich zu komplex wären. Schätzungen gehen aber von einem Anteil der Aktivisten von 33% bis 50% aus (vgl. Duverger 1959: 107- 132).

Duverger beschreibt wie Michels das Führertum, den inneren Kreis, als eine mehr oder weniger geschlossene Gruppe, zu welchem der Zutritt von außen schwierig ist (vgl. Duverger 1959: 166). Die Parteileiter, wie Duverger sie nennt, sind die Führer der Mitglieder einer Partei (vgl. Duverger 1959: 194). Abschließend ist zu sagen, dass die verschiedenen Ebenen, beispielsweise Parteimitglieder oder Parteiführer, sich weniger durch die Stärke ihrer Bindung an die Partei, sondern vielmehr durch deren Charakter unterscheiden. Ein Parteiführer ist nicht doppelt so stark an die Partei gebunden, als ein normales Mitglied, jedoch ist er in anderer Weise mit der Partei verbunden (vgl. Duverger 1959: 132).

Karlheinz Reif, Hermann Schmitt und Oskar Niedermayer haben das Modell von Maurice Duverger erweitert und differenziert, mit dem Ziel das Modell der Realität zeitgenössischer organisierter Mitgliederparteien näherzubringen. Die Autoren erweitern das Modell von Duverger von 5 auf 8 Akteursebenen, in dem sie Akteure hinsichtlich ihrer Charakteristika genauer differenzieren, die bei Duverger aufgrund von Ähnlichkeitsvermutungen jeweils eine gemeinsame Ebene bilden. Im konkreten bedeutet dies, dass die Autoren die Wähler in Stamm- und Wechselwähler, die Mitglieder in aktive und passive Mitglieder und die Aktivisten in lokale Führung und Mittlere Parteieliten unterschieden haben (vgl. Schmitt 1987: 58). Diese acht Akteursebenen lassen sich jedoch, anhand des Kriteriums der funktionalen und motivationalen Ähnlichkeit, in fünf Gruppen regruppieren. Den äußeren Ring bilden die Wähler. Den nächstinneren Ring bilden die Sympathisanten und Passivmitglieder, die sich nur durch die direkte Parteifinanzierung in Form von Mitgliedsschaftsbeiträgen unterscheiden. Die lokale Parteiführung und die Aktivmitglieder beschäftigen sich mit der Politik „vor Ort“ und bilden gemeinsam den nächsten Ring. Darüber hinaus folgen separat die Mittleren Parteieliten und die Parteiführung (vgl. Schmitt 1987: 58f.).

Auf Grundlage dieser unterschiedlichen Modelle, habe ich in Bezug auf meine Erhebung auf dem Bundesparteitag der Partei DIE LINKE im Juni 2018, ein eigenes Akteursebenen-Modell erstellt. Der äußerste Ring bildet die Wählerschaft, der nächstliegende Ring die Parteimitglieder und darauffolgend, wie bei dem Modell von Reif/Schmitt/Niedermayer, die Mittleren Parteieliten und die Parteiführung. Ein Ringmodell ist hier passend, da die Akteure der inneren Kreise auch jeweils die äußeren Kreise repräsentieren. Akteure der äußeren Kreise jedoch nicht Akteure der innerliegenden Kreise sind. So ist ein Parteiführer immer auch ein Parteimitglied und ein Parteimitglied ist immer auch ein Wähler, zumindest nehmen wir den letzten Fall zur Vereinfachung an. Jedoch ist ein Parteimitglied nicht zwangsläufig ein Akteur der Mittleren Parteieliten oder Parteiführer. Im Folgenden sollen die einzelnen Akteursebenen näher erläutert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Akteursebenen nach Robert Michels (1911)

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Abbildung 2: Stufen der Zugehörigkeit nach Maurice Duverger (1959)

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Abbildung 3: Parteibezogene Akteursebenen nach Reif/Schmitt/Niedermayer (1979)

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Abbildung 4: Parteibezogene Akteursebenen (eigenes Modell)

2.2 Parteiführung

Die Parteiführung ist die höchste und gleichzeitig kleinste Akteursebene und ist in der Größenordnung bis 100 Personen zu suchen (vgl. Reif et al. 1980: 205). Bei der bundesrepublikanischen Partei DIE LINKE besteht die Parteiführung im Jahre 2018 aus 46 Personen, davon zwei Fraktionsvorsitzenden (Sarah Wagenknecht und Dietmar Bartsch), zwei Bundesvorsitzenden (Katja Kipping und Bernd Riexinger), sechs stellvertretende Bundesvorsitzende, einem Bundesgeschäftsführer, einem Bundesschatzmeister und 34 Parteivorständen.

Laut eigener Bundessatzung ist der Parteivorstand nach §18 Abs. 1 das politische Führungsorgan der Partei und leitet die Partei. Die Aufgaben als Parteivorstand sind beispielsweise die Abgaben von Stellungnahmen der Partei zu aktuellen politischen Fragen, die Vorbereitung von Parteitagen und Wahlen, die Koordinierung der internationalen Arbeit und die Beschlussfassungen über alle politischen und organisatorischen sowie Finanz- und Vermögensfragen. Zudem ist der Bundesvorstand gegenüber dem Parteitag rechenschaftspflichtig und an seine Beschlüsse gebunden.

Über den auf dem 6. Bundesparteitag der Linken gewählten Parteivorstand hinaus, zähle ich noch die zwei Fraktionsvorsitzende zur Parteiführung, da diese vor allem durch die Abgabe von Stellungnahmen zu tagespolitischen Fragen eine hohe öffentlichkeitswirksame Stellung auch außerhalb der Partei innehaben.

2.3 Mittlere Parteieliten

Die Angehörigen der Mittleren Parteieliten können als „Inhaber zumindest eines überörtlichen Partei- und/oder Wahlamtes, der nicht dem Kreis der engeren Parteiführung angehört“ (Schmitt 1987: 206), definiert werden. Es sind demnach all diejenigen Mitglieder gemeint, welche oberhalb der kommunalen Parteiführung und unterhalb der nationalen Parteiführung agieren (vgl. Hofmann 2001: 159). Laut Reif, Schmitt und Niedermayer ergibt eine Hochrechnung dieser Definition circa 3.000 bis 9.000 Mittlere Parteieliten pro Partei (vgl. Reif et al. 1980: 206). Aus praktischen Gründen beschränkt sich die Erhebung auf den 6. Parteitag der Partei DIE LINKE vom 8. bis 10. Juni 2018 in Leipzig. Dort wurden an 724 Parteimitglieder der Partei DIE LINKE Fragebögen ausgeteilt, auf welchen sie nach ihren sozialstrukturellen Merkmalen befragt worden.

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Details

Titel
Zwischen Basis und Parteiführung. Mittlere Parteieliten in der Partei DIE LINKE
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V498203
ISBN (eBook)
9783346018809
ISBN (Buch)
9783346018816
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, basis, parteiführung, mittlere, parteieliten, partei, linke
Arbeit zitieren
Maurice Schmidt (Autor), 2018, Zwischen Basis und Parteiführung. Mittlere Parteieliten in der Partei DIE LINKE, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498203

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