Das Fremde in der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von "Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm" von Rafik Schami


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Moderne Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur
2.2 Problemorientierte Bilderbücher

3. Das Fremde in der Gesellschaft
3.1 Definition des Fremden
3.2 Definition von Fremdheit
3.3 Definition von Xenophobie
3.4 Zur literarischen Bedeutung des Fremden

4. Die Problematik des Fremden in Schamis „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“
4.1 Zum Inhalt des Buches
4.2 Figurenanalyse
4.3 Illustrationen
4.4 Thematik des Fremden

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich erzähle euch jetzt was, das werdet ihr nicht glauben“ (Schami 2003, o.S.) beginnt Rafik Schamis „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“. Nicht glauben oder fassen, kann die Erzählerin, wie sich ihr Vater in Anwesenheit von Menschen mit dunkler Hautfarbe verhält. „Immer wenn uns ein Schwarzer auf der Straße begegnete, wurde die Hand meines Papas hart und drückte zu wie ein Nussknacker. Er hatte Angst vor Fremden, vor allem vor Schwarzen“ (ebd. o.S.).

Diese literarische Darstellung des Fremden veranlasste mich das Fremde in der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur am Bespiel von „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“ zu untersuchen. Wie kann es sein, dass der Vater Angst vor Fremden hat? Warum sind Fremde fremd? Und wie wird in der Kinder- und Jugendliteratur mit dem Fremden umgegangen?

Gerade in der heutigen Gesellschaft und durch gegebenen Anlass in Zeiten des Flüchtlingszuwachses, wird der Problematik des Fremdseins und des Fremdfühlens eine hohe Relevanz zugesprochen.

Die Aktualität einer multikulturellen Gesellschaft in der Fremdheit, Andersheit auf Grund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse, Nation, Kultur oder Ethnie (vgl. Büker 2003, 13) präsent sind, lässt auch auf einen literarischen Zugang zu dieser Thematik schließen. Auch in der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur findet diese strukturelle Fremdheit Einzug. Im Einzelnen stellen sich die Fragen, mit welchen literarischen Techniken der Autor Fremdheit darstellt und wie es ihm gelingt, seine Intention zu übermitteln. Diese Fragen sollen mit Hilfe einer Analyse der Charaktere und der Illustrationen in „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“ beantwortet werden. Im Voraus soll die problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur vorgestellt werden, da das zu analysierende Buch in diese Gattung einzuordnen ist. Es folgt die Darstellung theoretischer Grundlagen um darauf aufbauend die Analyse des Fremden zu entwickeln.

2. Moderne Kinder- und Jugendliteratur

2.1 Problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur

Mit dem Begriff „problemorientierte Kinder-und Jugendliteratur“ wird Literatur bezeichnet, in der aktuelle gesellschaftliche sowie soziale oder politische Probleme thematisiert werden. Historisch betrachtet, entwickelte sich die problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur aus der 1968 in Gang gebrachten „neuen Sicht auf Kindheit, auf das Verhältnis von Generationen und auf die Schattenseiten der modernen Gesellschaft“ (Gansel 2010, 111). Diese stofflich-thematische Erweiterung der Kinder- und Jugendliteratur sorgte für eine kritische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen einer Gesellschaft in der Erwachsene und Kinder leben (vgl. ebd.). „Die Darstellungsgegenstände der Kinder-und Jugendliteratur waren von dort an nicht mehr (phantastische) Schonräume oder spannungsreiche Abenteuer, sondern jene „wirkliche Wirklichkeit“, mit der Kinder und Erwachsene tagtäglich konfrontiert wurden“ (ebd.). Diese Veränderung führte zu einem Austausch der Schauplätze. Zudem traten an die Stelle der exotischen Freiräume „normale“ Alltagswelten, die Handlungen wurden auf eine soziale Erkundung angepasst und auch die Figurenbeziehungen, insbesondere im Verhältnis von Kindern und Erwachsenen unterlagen einem Wandel (vgl. ebd.). Bei den meisten problemorientierten Kinderbüchern sind es die Kinder, die Handlungsträger darstellen und aus deren Sicht die Welt und Probleme gesehen werden. Das Ziel der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur ist es, „dem kindlichen Leser einen kritischen Blick auf die Gesellschaft zu vermitteln, hinter die Kulissen zu schauen, um ihn aufzuklären und damit seine Mündigkeit zu befördern“ (ebd.,112). Das Werk: Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm, ist in die Gattung der problemorientierten Bilderbücher einzuordnen, welche im Folgenden kurz erläutert wird.

2.2 Problemorientierte Bilderbücher

Eine vereinfachte Definition des Bilderbuches könnte lauten: „Ein Bilderbuch ist eine spezielle Untergattung der Kinderliteratur, die in der Regel 30 Seiten nicht überschreitet und sich durch eine enge Wechselbeziehung von Bild und Text auszeichnet“ (Thiele 2003, 17). Demnach ist ein Bilderbuch durch Illustrationen/ Bilder gekennzeichnet, die die Erzählungen und Handlungen untermauern und visualisieren. Das Bilderbuch stellt auf der Textebene eine Kurzform der Erzählungen dar, zeichnet sich aber dadurch aus, dass sich Bild und Text gegenseitig ergänzen und zu einer verbundenen Einheit werden (vgl. Lange 2005, 229). Besonders für jüngere Leser haben Bilderbücher eine besondere Bedeutung, da sie somit „grundlegende ästhetische Kompetenzen und Qualifikationen erlernen“ können. (Thiele 2003, 72). Bilderbücher können Kindern dazu verhelfen, Neues kennenzulernen, die Sprachfähigkeit sowie Wahrnehmung zu fördern und neugierig auf das Lesen zu machen (vgl. Kurpjuhn 2000, 16). Die problemorientierten Bilderbücher oder auch sogenannte Problembilderbücher weisen einen Realitätsbezug auf und thematisieren soziale Konflikte oder tabuisierende Themen wie Krankheit, Tod, Armut und Fremdheit (vgl. Lange 2005, 237). Somit ist auch das Bilderbuch: Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm, in diese Gattung einzuordnen.

3. Das Fremde in der Gesellschaft

3.1 Definition des Fremden

Der Begriff des Fremden wird umgangssprachlich weitläufig gebraucht. „Kinder fremdeln, wenn sie vor Unbekannten ängstlich sind. Manches befremdet uns, wenn es uns fremd und unangenehm berührt“ (Sader 2002, 34). Das Fremde ist somit etwas, was negativ behaftet ist und mit der Persönlichkeit des Menschen zusammenhängt. Wagner geht davon aus, dass, „wenn Fremdes nicht an sich Fremdes, sondern lediglich für mich Fremdes ist, dann bedeutet das, dass Ich selbst durch mein Verhalten, mein Handeln bestimmen kann, ob etwas für mich fremd bleibt“ (Wagner 2001, 63).

3.2 Definition von Fremdheit

Für die Auseinandersetzung mit interkulturellen Aspekten „kann man Fremdheit als Negation von etwas definieren, also etwa als das Fehlen von Charakteristika des Eigenen, des Hiesigen, des Heimischen, des Sicheren, des Vertrauten“ (Sader 2002, 36). Somit erläutert Sader folgende Definition: „Als fremd bezeichne ich die von mir (subjektiv) erlebten Charakteristika von Personen oder Personengruppen, wenn sie für mich mehrere der folgenden Kennzeichen in erheblichem Ausmaß aufweisen:

- Unbekannt
- Unvertraut
- Bedrohlich
- Nicht einfühlbar.

Fremdheit ist demnach nicht eine Eigenschaft von Personen, sondern Kennzeichnung einer Beziehung“ (ebd. 37).

3.3 Definition von Xenophobie

Ursprünglich verbarg sich hinter dem Griechischen Begriff der Xenophobie eine eher harmlose und kindliche Angst (phobos) vor einem Fremden (xenos) (vgl. Oeser 2015, 15). Doch seit dem 20. Jahrhundert hat sich dieser Begriff auf einen kulturellen und politischen Raum ausgeweitet, somit existieren heutzutage Begrifflichkeiten, die sich auf spezielle Kulturen und Ethnien beziehen. Es gibt die „Islamphobie“, „Arabophobie“, „Turkophobie“, „Negrophobie“ usw. – Begriffe, deren gemeinsamer Nenner die Fremdenfeindlichkeit darstellt (vgl. ebd.). Demnach verbirgt sich hinter dem Begriff der Xenophobie mehr als eine Angst vor Fremden, viel mehr eine ethnozentrisch-nationalistische Weltanschauung.

3.4 Zur literarischen Bedeutung des Fremden

Ausgehend von den vorangegangenen Erklärungen, richtet man nun den Blick auf die Literatur, die sich mit der Problematik des Fremden und der Fremdheit beschäftigt.

Seit geraumer Zeit findet die Thematik des Fremden und Anderen Einzug in die Kinder- und Jugendliteratur.

Gegenwärtig wird in Publikationen vielfach die Auffassung vertreten, dass belletristische Werke positive Effekte auf die interkulturelle Kompetenzentwicklung bzw. auf die Fähigkeit des Fremdverstehens eines Menschen ausüben kann (Dierckx 2010, 48).

Michaela Mondschein vertritt sogar die Ansicht, „dass Literatur eines der wichtigsten Hilfsmittel für das Verstehen fremder Kulturen sei“ (Mondschein 2000, 121). Somit wird deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen dem literarischen Verstehen und dem interkulturellen Verstehen geben muss.

Lothar Bredella begründet den Zusammenhang, der zwischen dem lebensweltlichen und literarischen Fremdverstehen besteht, mit folgenden Worten:

„Literarisches Verstehen ist insofern auch interkulturelles Verstehen, als sich der Leser auf eine andere Welt mit eigenen Regeln und Konventionen einlässt“ (Bredella 2004, 197). Das bedeutet, dass den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geboten wird, sich durch die Literatur mit Fremdheit und Andersartigkeit zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Die Literatur bietet dafür einen neuen Zugang, doch wie genau wird das Fremde in der Kinder- und Jugendliteratur eigentlich dargestellt?

„Die literarische Darstellung des Fremden meint die Gestaltung von Fremdenverhältnissen, in denen es um Differenz zwischen Einzelnen oder einer Minderheitengruppe und der jeweils herrschenden Norm geht“ (Büker 2003, 12). Dabei muss das Fremde gar nicht direkt das Thema oder Motiv des Werkes sein, sondern kann lediglich durch einen fiktiven Auseinandersetzungsprozess dargelegt werden. Die Thematik des Fremdseins aufgrund von kulturellen Unterschieden gehört zu den am häufigsten verarbeiteten Alteritätsphänomen der Kinder- und Jugendliteratur und weist vielfältige Formen des und Beziehungen zum kulturell Fremden auf (vgl. ebd.14). Es gibt beispielsweise Werke über andere Kulturen, die ihre Kulturen von ihrem Herkunftsland darstellen oder auch Migrationsliteratur, die das Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen thematisieren.

Die Migrationsliteratur spielt häufig im nahkulturellem Raum und verarbeitet schwerpunktmäßig Probleme der Integration und des interkulturellen Verstehens im alltäglichen Zusammenleben einer multikulturell gewordenen Gesellschaft (ebd. 14).

Charakterisierend für die Migrationsliteratur ist die literarische Darstellung von Figuren, als „benachteiligte und bemitleidenswerte, zwischen den Kulturen zerrissene, ihre Lebenssituation selbstbewusst und fähig meisternde […] Typen“ (ebd. 16). Fremde sind dem zur Folge auch gleichzeitig Helden, weil sie Stärke und Mut repräsentieren und nicht nur mit negativen Eigenschaften behaften sein können.

Figuren, wie das kleine Mädchen mit dem dunklen Teint und dem schwarzen kurzen Haar, welches eine Heldin in der Geschichte: Als ich Maria war, von Jutta Bauers (2010, illustriert von Jacky Gleich) verkörpert. Es wird ersichtlich, was es für eine Herausforderung sein kann, anders und auch fremd zu sein. „Als ich noch klein war, habe ich geglaubt, ich müsste mich mit Schnee waschen, um so weiß zu werden wie andere Kinder. […] Du bist ganz besonders, hat Mama gesagt. Dabei will ich gar nicht besonders sein“ (Richter 2010, o.S.).

In Manfred Mais Geschichten: „Ausländer bei Uns“, wird beschrieben wie sich bereits Kinder fremd fühlen und versuchen sich in einem neuen Umfeld zu orientieren und mit Vorurteilen umzugehen (vgl. Mai 1993, 15-23). Charaktere, wie der kroatische Junge Goran, der mit seiner Mutter vor zwei Monaten aus Kroatien geflohen war und sich nun in Deutschland zurechtfinden muss oder auch ein türkischer Junge, der sich mit Vorteilen seiner Klassenkameraden auseinandersetzen muss. „Türken stinken auch immer nach Knoblauch“ und „sie klauen wie die Raben“ (ebd. 19).

Im Anschluss an diese theoretische Einführung, werden als nächstes die Figurengestaltung sowie die Illustrationen der Kinderlektüre in Hinblick auf die literarische Darstellung des Fremden untersucht.

4. Die Problematik des Fremden in Schamis „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“

4.1 Zum Inhalt des Buches

Das 2003 erschienene Kinderbuch „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“ von Rafik Schami handelt von einem kleinen Mädchen, dessen Vater an Xenophobie leidet. Text und Bild berichten davon, wie sie ihrem Vater beibringt, dass man sich nicht vor anderen Menschen fürchten muss, nur, weil sie einer anderen Kultur oder Nationalität entspringen.

Fremde, insbesondere Schwarze, hier Afrikaner/innen verursachen bei ihrem Vater ungute Gefühle. Er hat Angst vor ihnen, da sie überall seien sowie dunkel, schmutzig und laut. Seine Tochter versteht diese Furcht nicht, schließlich stammt ihre beste Freundin Banja aus Tansania und ist garantiert kein Grund zum Fürchten. Aus diesem Grund möchte Sie ihrem Vater dazu verhelfen, keine Angst mehr vor Fremden haben zu müssen. Sie überredet ihren Vater dazu, auf einer Geburtstagsparty als Zauberer aufzutreten, verrät ihm jedoch nicht, dass es sich um eine Familie aus Tansania handelt. Als er zusagt, berichtet sie es sofort ihrer Freundin Banja, die es daraufhin ihren Eltern erzählt. Bei dieser Bekanntgabe wird der Vater des Mädchens zu einer sagenhaften Gestalt aufgebauscht, die auf der Geburtstagsparty gebührend empfangen werden sollte, „Meine Güte, und so ein Mann will uns die Ehre geben!“ (Schami 2003, o.S.). Als der Tag gekommen war und das Mädchen mit ihrem Vater vor der Tür der Freundin steht, erleben sie eine große Überraschung. Alle Stereotype des Vaters werden bedient und versetzen ihn in einen Schockzustand.

Schwarze Menschen stürmten uns tanzend, musizierend und lachend entgegen. Sie trugen Bunte Gewänder und funkelnden Schmuck, einige auch Messer, Speere oder Pfeil und Bogen, manche schlugen Trommeln, andere spielten auf Flöten und Trompeten (ebd., o.S.).

Der Vater wird als „Exzellenz“ angesprochen und bekommt einen „Trunk der Freundschaft“ von der Familie. Obwohl im etwas mulmig zu Mute ist, geht er in die Wohnung der Familie und nimmt auf dem Sofa Platz. Um ihren Vater die Angst zu nehmen, ergriff seine Tochter das Wort:

Liebe Banja, mein Papa wird jetzt speziell für dich seinen Lieblingstrick vorführen. Schon als Kind hat er damit einen echten Räuber so durcheinandergebracht, dass er glatt vergessen hat, ihn zu überfallen. Das ist eine wirklich wahre Geschichte (ebd., o.S.).

Ihr Vater lächelte glücklich, stand auf, breitete seine Zaubersachen aus und vergaß die Angst vor Fremden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Fremde in der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von "Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm" von Rafik Schami
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V498210
ISBN (eBook)
9783346016188
ISBN (Buch)
9783346016195
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Das Fremde, problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur, Rafik Schami, KJL, Anmderssein, Fremdheit, Ausländer
Arbeit zitieren
Lisa Hedtfeld (Autor), 2016, Das Fremde in der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von "Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm" von Rafik Schami, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498210

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