„Lieber mach’ ich mir einen Feind, als daß ich auf eine Pointe verzichte“, sagte einst der irische Lyriker und Dramatiker Oscar Wilde. Für viele belletristische und subjektiv journalistische Texte sind Pointen das Salz in der Suppe. Mit ihnen steht und fällt oftmals die Relevanz für den Leser, die Spannung und nicht zuletzt auch die Aussagekraft des gesamten Textes. In der wissenschaftlichen Literatur jedoch muss man schon sehr gründlich suchen, um Analysen und Definitionen zum Phänomen „Pointe“ zu finden. Ihre bis heute erst ansatzweise begonnene wissenschaftliche Aufarbeitung wird ihrem hohen Stellenwert in der literarischen und journalistischen Realität nicht gerecht. Auch Wenzel konstatiert ein „Theoriedefizit der Erzählsschlußanalayse“ (Wenzel 1989, 10).
Nicht viel weiter unten in der Hitliste der am meisten vernachlässigten medienwissenschaftlichen Themen folgt die journalistische Darstellungsform Feuilleton. Die heute als oft Standardliteratur herangezogenen Werke stammen fast ausschließlich aus den Sechziger und Siebziger Jahren, einer Zeit, in der diese Textgattung zugegeben auch einen entsprechend höheren Stellenwert hatte. Aktuelle Abhandlungen zum Feuilleton lassen sich in den Buchhandlungen und Bibliotheken ähnlich schwer finden, wie zur Pointe. So bleibt das Feuilleton in dem Standardwerk „Einführung in den praktischen Journalismus“ von Walther von La Roche gänzlich unerwähnt. An anderen Stellen in der Literatur taucht es zumindest als Stichwort auf, einige Werke widmen ihm vielleicht gar ein Kapitel – doch die wissenschaftlichen Standard-Definitionen und Analysen sind zum größten Teil älter als vierzig Jahre. So stellt Kauffmann fest: „Die Feuilletonfor- schung ist niemals zum dem geplanten Großunternehmen geworden, das ebenso systematisch wie interdisziplinär hätten arbeiten sollen und müssen. […] Lehrer wie Emil Dovivat, Wilmont Haacke […] sind ohne Nachfolger geblieben“ (Kauffmann 2000, 11). Dieser Umstand muss andererseits aber auch als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Aussagen vergangener Jahre bis heute Gültigkeit beanspruchen dürfen.
Was nun aber geschieht, wenn man die Themen „Pointe“ und „Feuilleton“ in einem Hausarbeitsthema kombiniert, liegt leider auf der Hand: Wenige und alte wissenschaftliche Quellen lassen die Beschäftigung mit der „Pointierung im Feuilleton“ zu einem gewagten Experiment mit ungewissem Ausgang werden; eine Tatsache, aus der dieses Experiment aber auch seinen Reiz bezieht. [...]
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Begriffdefinitionen
1.1 Feuilleton
1.2 Pointe
2. Die Pointe im Feuilleton
2.1. Der pointierte Schreibstil
2.2 Die Schlusspointe im Feuilleton
2.3 Unterschiede zur Pointierung in anderen Textsorten
2.4 Befreiung von der Zwangsjacke - der pointenlose Schluss
3. Analyse der Pointierung in der ZEIT-Kolumne „Das Letzte“
4. Fazit
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Funktion von Pointierung innerhalb der journalistischen Darstellungsform des Feuilletons. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, inwiefern der „Zwang zur Schlusspointe“ noch zeitgemäß ist und wie sich Pointierung als strukturelles Gestaltungsmittel von einer rein schlussorientierten Pointe abgrenzen lässt.
- Theoretische Grundlagen und Definitionen von „Feuilleton“ und „Pointe“
- Differenzierung zwischen Schlusspointe und pointiertem Schreibstil
- Vergleichende Analyse der Pointierung in verschiedenen journalistischen Textsorten
- Bedeutung des pointenlosen Schlusses im modernen Feuilleton
- Praktische Untersuchung der Kolumne „Das Letzte“ aus der Wochenzeitung DIE ZEIT
Auszug aus dem Buch
2.1 Der pointierte Schreibstil
Wie bereits kurz im Punkt 1.1 beschrieben, hat sich der Ausdruck „feuilletonistisch“ für einen Schreibstil mit bestimmten Merkmalen durchgesetzt: Rhetorische Figuren wie Antithese, Klimax oder Parallelismus bilden dabei zusammen einen bildhaften, verschwommenen Stil.
Doch wie feuilletonistisch muss das Feuilleton eigentlich sein? Im Fremdwörterbuch des DUDEN findet man unter dem Stichwort „feuilletonistisch“ die schlichte Beschreibung „im Stil eines Feuilletons geschrieben (Duden 2001, 309). Doch ist es wirklich so einfach? Weiter kommen wir in dieser Frage, wenn wir den Begriff „pointierter Schreibstil“ in unsere Überlegungen einbeziehen.
Im Gegensatz zum „feuilletonistischen Stil“ ist der Ausdruck „pointierter Stil“ kein geflügeltes Wort in der Wissenschaft. In der einschlägigen Literatur ist er kaum zu finden und bedarf daher für die weitere Verwendung zunächst einer eigenen Definition.
„Pointiert“ schreibt, wer seinen Text nicht geradlinig vorwärtsstrebend und gewissermaßen vorhersehbar aufbaut, sondern immer wieder Überraschungsmomente, sei es nur zur Auflockerung oder zur abrupten inhaltlichen Richtungsänderung, einbaut. Diese thematischen Wenden, wie beim Pferd auf der Rennbahn, sind charakteristisch für einen pointierten Schreibstil. „Texte können durchaus pointiert, d.h. zugespitzt, hervorhebend und gezielt betonend geschrieben sein, ohne dass sie eine Pointe haben“ (Camen 1984, 165). Nach Michaelis dagegen ist das Pointieren ausschließlich „durch eine Gedankenführung gekennzeichnet, die für den Rezipienten eine bestimmte Erwartung aufbaut und dieser dann eine überraschende, knappe Aufschluss (die Pointe) folgen lässt (Michaelis 1985, 110). Eine Zuspitzung oder Betonung allein reicht daher nicht aus, um zu pointieren. „Pointieren heißt, auf eine Pointe hinarbeiten“ (Sommer 1994, 46).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Darstellung der Relevanz der Pointe im Feuilleton und Einordnung des „Theoriedefizits“ der gängigen medienwissenschaftlichen Forschung.
1. Begriffdefinitionen: Herleitung und Definition der zentralen Begriffe „Feuilleton“ als journalistische Darstellungsform und „Pointe“ als überraschende inhaltliche Wendung.
2. Die Pointe im Feuilleton: Untersuchung verschiedener Stilelemente, der Abgrenzung zu anderen Genres wie Glosse oder Witz sowie der Debatte um die Notwendigkeit von Schlusspointen.
3. Analyse der Pointierung in der ZEIT-Kolumne „Das Letzte“: Praktische Anwendung der theoretischen Erkenntnisse anhand konkreter Beispiele aus der Kolumnen-Reihe.
4. Fazit: Zusammenführung der Ergebnisse und Bestätigung, dass Pointierung als flexibles Gestaltungsmittel über das bloße Ende eines Textes hinausgeht.
5. Literatur: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Feuilleton, Pointe, Schlusspointe, Journalismus, pointierter Schreibstil, Medienwissenschaft, Kolumne, Darstellungsform, Rhetorik, journalistische Stilistik, Textanalyse, Pointe-Funktion, Überraschungsmoment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die theoretische und praktische Bedeutung des Gestaltungsmittels „Pointe“ innerhalb des Feuilletons.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Definition von Feuilleton und Pointe, die Analyse des pointierten Schreibstils sowie der kritische Umgang mit dem sogenannten Zwang zur Schlusspointe.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Unterschied zwischen einer bloßen Schlusspointe und einer durchgängigen Pointierung des Schreibstils herauszuarbeiten und die Vielgestaltigkeit des Begriffs „Pointe“ aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse zur Begriffsbestimmung, gefolgt von einer praktischen Analyse ausgewählter Kolumnen-Beispiele aus der Zeitung „DIE ZEIT“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Begriffsdefinitionen, eine differenzierte Untersuchung der Pointe im Feuilleton, die Abgrenzung zu anderen Textsorten und eine konkrete Analyse der Kolumne „Das Letzte“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Feuilleton, Pointe, pointierter Schreibstil, journalistische Stilistik und Textanalyse.
Wie unterscheidet der Autor zwischen der Pointe im Feuilleton und in der Glosse?
Während die Pointe in der Glosse oft das unverzichtbare Ziel des gesamten Textaufbaus ist, dient sie im Feuilleton häufig eher der inhaltlichen Abrundung oder als ein Stilmittel von mehreren.
Welche Rolle spielt das Zitat von Johannes R. Becher in der Argumentation?
Das Zitat dient als Leitmotiv für die Erkenntnis, dass Texte – ähnlich wie ein „Groschen“ – einen Anstoß benötigen, um beim Leser einen Aha-Effekt auszulösen.
Warum analysiert der Autor die Kolumne „Das Letzte“?
Diese Kolumnen dienen als Anschauungsmaterial, um zu belegen, wie ein moderner feuilletonistischer Text mit mehreren Wendepunkten arbeiten kann, statt sich lediglich auf eine knallige Schlusspointe zu verlassen.
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- Henry Berndt (Author), 2005, Pointierung im Feuilleton - eine theoretische und praktische Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49835