Der Holocaust und die Nachkriegspresse

Eine quantitative Analyse zur Aufarbeitung des Holocaust in der österreichischen Berichterstattung der Nachkriegsjahre


Bachelorarbeit, 2019

81 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung – Ein Mosaikstein des Erinnerns

2. Theoretischer Teil – Forschungsstand über Aspekte des Holocaust und die österreichische Presselandschaft der Nachkriegsjahre
2.1. Holocaust
2.1.1. Begriffsklärung: Holocaust & Shoah 6
2.1.2. Vorgeschichte der Shoah
2.1.3. Berichterstattung über den Holocaust während des Krieges
2.1.4. Die Nürnberger Prozesse
2.1.4.1. Dachauer Kriegsverbrecherprozesse
2.1.4.2. Medienberichterstattung über die Nürnberger Prozesse
2.2. Österreichische Presselandschaft der Nachkriegszeit
2.2.1. Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Österreichischen Journalismus nach 1945
2.2.2. Alliierte Medienpolitik
2.2.3. Strukturelle Veränderungen der Presselandschaft ab 1945
2.2.4. Die Parteien und ihre Presse
2.2.5. Entwicklung unabhängiger Zeitungen

3. Empirischer Teil – Quantitative Analysen zur Aufarbeitung des Holocaust in der österreichischen Nachkriegspresse
3.1. Erkenntnisinteresse & Forschungsstand
3.2. Analyseinstrument ANNO
3.2.1. Allgemeines
3.2.2. Volltextsuche
3.3. Vorgehensweise der Analyse
3.3.1. Untersuchung von Zeiträumen (FF1)
3.3.2. Untersuchungen von einzelnen Tagen (FF2, FF3 & FF4)
3.4. Forschungsfragen
3.4.1. Forschungsfrage 1
Holocaust-bezogene Berichterstattung im Laufe der Nürnberger Prozesse
3.4.2. Forschungsfrage 2
Holocaust-bezogene Berichterstattung im Verhältnis zur Gesamtberichterstattung
3.4.3. Forschungsfrage 3
Einfluss der politischen Ausrichtung einer Zeitung auf die Holocaust-bezogene Berichterstattung
3.4.4. Forschungsfrage 4
Einfluss der Vorzensur auf die Holocaust-bezogene Berichterstattung

4. Fazit – Österreichische Presse der Nachkriegszeit zwischen Verdrängung und Aufarbeitung – Neue Wege der Holocaust Forschung durch digitale Zeitungsarchive

Literaturverzeichnis

Literaturquellen

Internetquellen

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beispiel für die Jahresübersicht der Zeitungen auf ANNO

Abbildung 2: Beispiel für die Anzahl der Zeitungen an Tag X

Abbildung 3: Beispiel für die Erweiterte Suche bei ANNO

Abbildung 4: Beispiel für die gefundenen Treffer an Tag X

Abbildung 5: Beispiel für die markierten Textstellen, die einen Treffer beinhalten

Abbildung 6: Detailliertes Beispiel für die markierten Textstellen, die einen Treffer beinhalten

Abbildung 7: Beispiel für die Tagesübersicht der publizierten Zeitungen an Tag X

Abbildung 8: siehe Abbildung 3

Abbildung 9: Tabellarische Darstellung der Anzahl der publizierten Ausgaben mit Holocaust-Bezug im Verhältnis zu der Anzahl der Gesamtausgaben in Prozent

Abbildung 10: Intensität der Holocaust bezogenen Berichterstattung im zeitlichen Verlauf

Abbildung 11: Ausschnitt aus der vorgenommenen Stichprobenanalyse

Abbildung 12: Kreisdiagramm zur Darstellung des Anteils der Ausgaben mit Holocaust Bezug

Abbildung 13: Tabellarische Auswertung des Ergebnisses der Stichprobenanalyse von Mai 1945 und Mai 1947

Abbildung 14: Politische Einordnung der zu analysierenden Zeitungen

Abbildung 15: Säulendiagramm zur Darstellung der Ergebnisse zu FF3

Abbildung 16: Tabellarische Darstellung der Ergebnisse in Phase 1

Abbildung 17: Tabellarische Darstellung der Ergebnisse in Phase 2

Abbildung 18: Tabellarische Darstellung der Unterschiede zwischen Phase 1 und Phase 2

Abkürzungsverzeichnis

Für die empirische Forschung werden einfachheitshalber Abkürzungen für die analysierten Zeitungen verwendet. Dies ist jedoch ausschließlich bei der Stichprobenanalyse und den dabei entstandenen Tabellen (siehe Anhang) der Fall. Bei der Beantwortung der Forschungsfragen bzw. generell im Fließtext werden die Zeitungen ausgeschrieben.

Im Folgenden finden sich die Zeitungen samt ihren Abkürzungen. Es handelt sich dabei nicht um die offiziellen Abkürzungen, sondern lediglich um die vom Autor gewählten.

Der Anzeiger (A)

Badener Zeitung (BZ)

Feldkircher Anzeiger (FA)

Grenzbote (GB)

Innsbrucker Nachrichten (IN)

Kärntner Nachrichten (KN)

Kirchliches Verordnungsblatt (KVB)

Linzer Zeitung (LZ)

Neues Österreich (NÖ)

Neue Warte am Inn (NWI)

Neue Zeit (NZ)

Oberdonau Zeitung (ODZ)

Oberösterreichisches Amtsblatt (OÖA)

Oberösterreichische Nachrichten (OÖN)

Österreichische Volksstimme (ÖVS)

Österreichische Zeitung (ÖZ)

Salzburger Nachrichten (SN)

Salzburger Tagblatt (ST)

Tiroler Bauern Zeitung (TBZ)

Volksblatt (VB)

Volkswille (VW)

Vorarlberger Nachrichten (VN)

Wiener Kurier (WK)

Weltpresse (WP)

Wiener Zeitung (WZ)

Gender-Erklärung

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die Sprachform des generischen Maskulinums verwendet. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.

1. Einleitung – Ein Mosaikstein des Erinnerns

Zwischen 5,6 und 6,3 Millionen Juden wurden systematisch und industriell in sogenannten Vernichtungslagern eliminiert.[1]

Der Holocaust wird von vielen Historikern als das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte betrachtet, einzigartig in seinem Ausmaß, seiner Symbolik und weltgeschichtlichen Bedeutung. Genozide gab es zwar bereits vor dem 20. Jahrhundert, aber die Shoah manifestiert sich in ihrer Einzigartigkeit durch zwei Eigenschaften. Zum einen kann der Holocaust als Weiterentwicklung des Völkermordes verstanden werden, dadurch, dass er im Namen von Zivilisation unter Anwendung fortschrittlichster Technologien erst ermöglicht wurde. Zum anderen, da er in der Mitte Europas stattfinden konnte, in einer Gesellschaft, die einen jahrhundertelangen Zivilisationsprozess, in welchem Aufklärung und Humanismus gelebt wurde, durchlaufen hatte, um ihn dann, in einem beispiellosen Zivilisationsbruch ad absurdum zu führen.[2]

Wie der Historiker Peter Novik berichtet, führte die Befreiung der Lager im Frühjahr 1945 zu einer breiten Berichterstattung über die Verbrechen des Holocaust in den amerikanischen Medien. So schreibt Novik von entsetzten Gesichtern an den Frühstückstischen, wo der „Holocaust in ganz Amerika auf den Zeitungsseiten prangerte.“ [3] Delegationen von Kongressmitgliedern und Zeitungsredakteuren kehrten entsetzt aus den Lagern zurück um zu bestätigen, dass die Meldungen nicht übertrieben seien. Vom Grauen erfüllte Radiokommentatoren beschrieben die Situation in den befreiten Lagern für die amerikanische Bevölkerung.[4] Oft wurde General Dwight Eisenhower zitiert als er kundtat:

„Die Dinge, die ich gesehen habe, spotten jeder Beschreibung (…) Die sichtbaren Beweise und mündlichen Zeugnissee des Hungertods, der Grausamkeit und Bestialität waren (…) überwältigend. Ich habe diesen Besuch absichtlich gemacht, um in der Lage zu sein, diese Dinge aus erster Hand zu bezeugen, falls sich in Zukunft jemals eine Tendenz entwickeln sollte, diese Behauptungen als bloße „Propaganda“ zu verurteilen.“ [5] Kurzum, der Holocaust wurde in der amerikanischen Bevölkerung unmittelbar nach Kriegsende breit thematisiert und rezipiert.

Doch wie war die Situation in Österreich in den unmittelbaren Nachkriegsmonaten? Gab es eine mediale Aufarbeitung?

Die folgende Arbeit richtet ihren Fokus nicht auf eine Wertung der medialen Aufarbeitung. Es soll nicht untersucht werden, ob die Rezeption des Holocaust inhaltlich angemessen oder verharmlosend gewesen ist. Dies würde den Rahmen der Arbeit sprengen und eine Bakkalaureatsarbeit könnte den Ansprüchen, die derartige qualitative Aussagen und Einordnungen mit sich brächten, wohl kaum gerecht werden.

Der empirische Teil der Arbeit richtet seinen Schwerpunkt auf eine quantitative Analyse. Die Frage wird also nicht sein, „wie“ die österreichische Berichterstattung über die Verbrechen des Holocaust zu bewerten ist, sondern „inwieweit“ es überhaupt eine Berichterstattung gab. Es soll also untersucht werden, wie häufig Printmedien darüber berichteten. Damit lassen sich am Ende wohl keine allumfassenden und weltverändernden Aussagen über den Holocaust treffen. Die Arbeit zielt vielmehr darauf ab, ein kleines Mosaiksteinchen im großen Bild des Verständnisses der Shoah zu sein, ein winziger Anteil der Aufarbeitung und des Erinnerns, um dem Versprechen „nie wieder!“ gerecht zu werden.

2. Theoretischer Teil – Forschungsstand über Aspekte des Holocaust und die österreichische Presselandschaft der Nachkriegsjahre

2.1. Holocaust

Um die Ergebnisse dieser Arbeit einordnen und deuten zu können, ist es zunächst notwendig, näher auf den Holocaust einzugehen. Dazu wird im Folgenden ein kompakter Überblick über den Begriff an sich, die Vorgeschichte, und die einzelnen Stationen verschafft.

2.1.1.Begriffsklärung: Holocaust & Shoah

In den letzten Jahrzehnten haben sich versch. Begriffe, die das Verbrechen der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung zu fassen versuchen, etabliert. Dabei hat sich gezeigt, dass in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, sei es in der Kultur, der Politik, der Kunst, den Medien und nicht zuletzt in der Wissenschaft, zwei Termini dominieren, Holocaust und Shoah.[6]

Der Begriff Holocaust leitet sich aus dem altgriechischen Wort „ὁλόκαυστον“ (holókauston) ab, das so viel wie „vollständig verbrannt“, oder auch „Brandopfer“ bedeutet.[7] In den westlichen Sprachgebrauch gelangte der Begriff durch das Kirchenlatein infolge von Bibelübersetzungen.[8] Im Laufe der Jahrhunderte gibt es immer wieder unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs, bis zum 18. Jahrhundert wurde er jedoch vor allem mit religiöser Symbolik konnotiert. Ab den 1850er Jahren setzte sich seine Bedeutung in vermehrt säkularen Schriften als „vollständige Zerstörung oder Vernichtung“ durch. In diesem Zeitraum wurde das Wort auf unterschiedlichste „Katastrophen“ angewandt, beispielsweise der Massenmord an den Armeniern während des 1. Weltkriegs, Angriffe Japans auf chinesische Städte etc..[9]

Erstmals in Verbindung mit Hitlers Plänen zur Vernichtung der europäischen Juden wurde der Begriff 1942 von der britischen Tageszeitung News Chronicle gebracht. Im deutschen Sprachgebrauch etablierte er sich erst Ende der 1970er Jahre: 1979 erschien die US-amerikanische Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ im deutschen TV-Programm, die sich mit dem Schicksal einer jüdischen Familie als Opfer des Nationalsozialismus auseinandersetzt.[10]

Mit der Popularisierung des Begriffs durch Fernsehen und Printmedien in den 1980er Jahren, beginnt parallel dazu die Kritik an dem Terminus. Im Mittelpunkt der Kritik steht dabei die Herkunft des Wortes aus dem religiösen Opferkult.[11] Der Philosoph Giorgio Agamben bezeichnet den Begriff sogar als „antijüdischen Euphemismus“. [12]

Der Begriff Shoah wurde erstmals im jüdischen Sprachgebrauch verwendet. So wird in Israel und im Judentum allgemein der Genozid seit 1948 als Shoah bezeichnet.[13] Der hebräische Begriff wird allgemein mit „Katastrophe“ übersetzt. Seit 1959 erinnert der Gedenktag Jom haScho’a daran.[14] Viele Experten kritisieren auch die Verwendung des Begriffs Shoah. So auch die Historikern Esther Benbassa, wenn sie darauf hinweist, „dass er biblischen Ursprungs ist und in diesem Kontext eine Strafe Gottes bezeichnet.“ [15]

Eine Arbeit, die sich mit dem Genozid an den europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland befasst, steht also vor einem terminologischen Problem.

Abgesehen davon, dass es kaum wertfreie und somit objektive und wissenschaftlich korrekte Begriffe für diesen Genozid im allgemeinen Sprachgebrauch gibt, schwingen damit auch immer bestimmte Bedeutungen und Interpretationen mit, die zumal wandelbar sein können, wie die Vergangenheit gezeigt hat.

Hinzu kommt ein weiterer terminologischer Konflikt, den der französische Politologe Gilbert Achraf treffend formuliert, wenn er schreibt: „Wie soll man etwas benennen, das vom Standpunkt einer humanistischen Ethik für alle Zeit ‚unsagbar‘ bleiben wird“ [16]

Auch die Begriffe Holocaust und Shoah stellen wie erwähnt dabei keineswegs eine Ausnahme dar. Dennoch haben sich die Wörter im deutschen Sprachgebrauch, sowohl was die Alltags- als auch die Wissenschaftssprache betrifft, durchgesetzt.[17] Aufgrund der Übersichtlichkeit, des Rahmens der Arbeit und der Tatsache, dass es sich bei den Begriffen nicht nur um das Ereignis an sich, sondern vor allem auch um die Rezeption dessen handelt, werden die beiden Begriffe in der Arbeit ebenso beibehalten. Auf die Kritik sei jedoch hingewiesen.

So strittig die Frage über die Begrifflichkeiten sein mag, in der Sache ist der Holocaust klar definiert. Denn „als Holocaust bzw. ‚Völkermord an den Juden‘ bezeichnet die Holocaustforschung jenen Vernichtungsprozess, der im zweiten Weltkrieg von angeordneten Massenhinrichtungen osteuropäischer Juden bis hin zur systematischen Vergasung von Juden aus allen vom Deutschen Reich besetzten Gebieten Europas in eigens dazu eingerichteten Vernichtungslagern reichte“. [18]

2.1.2. Vorgeschichte der Shoah

Die Frage, wann der Holocaust begonnen hat, oder ferner, worin die Ursprünge des Verbrechens liegen, würde alleine schon dutzende Arbeiten füllen und könnte dann wohl noch immer nicht vollständig und in seiner gänzlichen Komplexität abdeckend beantwortet werden. Zu vielschichtig und historisch weitreichend zieht sich der Antisemitismus durch Epochen und Regionen. Dabei sei nur erwähnt, dass selbst die Frage, ob der Antisemitismus allein überhaupt die Ursache des Holocaust gewesen ist, in der Geschichtswissenschaft umstritten ist.

Dass der Antisemitismus aber als die Hauptursache der Shoah angesehen werden kann, unabhängig von den Wirren des Krieges, ist historischer Konsens und wird deshalb auch kurz in seinem Verlauf skizziert.

2.1.2.1. Vom Antijudaismus zum Antisemitismus

Traditionelle Gesellschaften während des Ständesystems waren von der christlichen Glaubenslehre geprägt, die den Juden eine soziale Randposition zuwiesen und zu Diskriminierung führten. Der christliche Antijudaismus, der die jüdische Ablehnung Jesus Christus als Messias betonte, ebenso wie die Schuld des jüdischen Volkes an seiner Ermordung, war außerdem geprägt von gezielter Propaganda, Juden würden in geheimen Ritualen fromme Christen ermorden.[19] Parallel dazu entwickelten sich ab dem 12. Jahrhundert in ganz Europa Vorurteile gegen Juden als Betrüger, Wucherer und Ausbeuter, was vor allem daran lag, dass es die jüdische Lehre, im Gegensatz zum christlichen Dogma erlaubte, Geldgeschäfte mit Zinsen auszuüben. Der Historiker Christian Gerlach sieht einen tiefgreifenden Wandel der antijüdischen Einstellungen im Deutschen Reich der 1870er Jahre, in der er eine Verlagerung von einer politischen zu einer rassischen Grundlage konstatiert, die sich in der Prägung des Begriffs „Antisemitismus“ zeige.[20]

2.1.2.2. Ausgrenzung und Diskriminierung: 1933 – 1939

Die Popularität der rassischen Motive stieg rasch an und manifestiert sich in Hitlers Aufstieg, der bereits 1923 in seinem Buch „Mein Kampf“ von der Ausrottung der Juden sinnierte, um den für das deutsche Volk erforderlichen Lebensraum zu erlangen.[21]

Das „ United States Holocaust Memorial Museum“ in Washington D.C. (kurz: „USHMM“), skizziert die einzelnen Stationen, die nach Ansicht der Verfasser zum Holocaust führten.[22] Nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 wird hier der Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 angeführt. Der sogenannte „Judenboykott“ war die erste systematische Maßnahme des NS-Regimes zur Verdrängung der deutschen Juden aus dem Wirtschaftsleben.[23]

Eine weitere Steigerung der Ausgrenzung jüdischen Lebens stellten sicherlich die Nürnberger Rassengesetze von 1935 dar. Die Gesetze institutionalisierten viele der Rassentheorien, die die nationalsozialistische Ideologie begründeten. Bestehend aus dem sog. „Blutschutzgesetz“ und dem sog. „Reichsbürgergesetz“ bildeten sie den rechtlichen Rahmen zur systematischen Judenverfolgung. Das „Blutschutzgesetz“ verbot somit die Eheschließung sowie außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nicht-Juden.[24]

Die sogenannte Reichspogromnacht vom 9. November 1938 läutete eine neue Phase des Ausmaßes an Gewalt gegenüber der jüdischen Bevölkerung in Mitteleuropa ein. Ein Attentat eines polnischen Juden auf einen deutschen Beamten in Paris diente als Vorwand des Regimes um systematische Übergriffe auf Juden zu organisieren.[25] Das „USHMM“ sieht in den Novemberpogromen den Wendepunkt der antijüdischen Politik des Regimes. Wurde bis dahin noch vor allem die Emigration der Juden aus Europa forciert, strebte man nun die Vernichtung des jüdischen Lebens an, die im Holocaust mündete.[26]

2.1.2.3. Völlige Entrechtung und industrialisierter Massenmord: 1939 – 1944

Wann genau der eigentliche Holocaust begonnen hat ist Definitionssache und wird in der Geschichtswissenschaft noch immer diskutiert. Für manche Historiker wie Dieter Pohl begann er bereits im Zuge des Polenfeldzugs 1939, da in der Folge bereits alle späteren Vernichtungsmethoden wie Massenerschießungen, Vergasungen, Isolierung in Ghettos etc. an Juden bereits verübt worden sind, wenn auch nicht im industrialisierten Ausmaß.[27] Andere Historiker beziffern Juni 1942 als Anfang der Shoah, das Datum des Kriegseintritts gegen die Sowjet Union, weil ab da systematische und zentral organisierte Massenmorde in Auftrag gegeben worden sind.[28]

Heutzutage sind sich die meisten Geschichtswissenschaftler einig, dass kein bestimmtes Datum als Beginn des Holocaust festgemacht werden kann. Es bedurfte eines längeren Zeitraums, ehe sich die Mordaktionen an sowjetischen Juden schubweise zu einem Völkermord entwickelten.[29]

Denn mit zunehmender Expansion der Wehrmacht steigt die Zahl der Juden im Reich und aus Sicht des Regimes die Dringlichkeit, sie loszuwerden. So waren es vor Kriegsbeginn 1939 noch ein paar hunderttausend Juden im Reich, mit der Eroberung Polens stieg die Zahl auf ca. zwei Millionen und im Oktober 1941 waren bereits mehr als vier Millionen jüdische Menschen im Deutschen Reich.[30]

Pläne zur Zwangsemigration der jüdischen Bevölkerung, wie die einer Umsiedlung aller Juden nach Madagaskar zur Errichtung eines Großghettos, im Stile eines Konzentrationslagers unter deutscher Polizeiaufsicht, wurden aufgrund logistischer Aussichtslosigkeit schnell verworfen.[31]

Und so gehen die meisten Historiker davon aus, dass der Prozess, der den Beschluss zur „Endlösung der Judenfrage“ durch Massenmord in den Vernichtungslagern zur Folge hatte, in den letzten drei Monaten des Jahres 1941 begann, und sich bis zur Jahresmitte 1942 erstreckte. Als wichtigste Station dafür kann sicherlich die sog. „Wannseekonferenz“ angesehen werden, denn: „in keinem anderen Schriftstück des nationalsozialistischen Staates wurde so deutlich der Gesamtplan zum Massenmord an den europäischen Juden dargelegt“, so der Historiker Wolfgang Scheffler.[32]

Ab Juli 1941 wurden die ersten Vernichtungslager gebaut, oder bestehende Konzentrationslager zu solchen umgestaltet, wie die Vernichtungslager „Belzec“, „Sobibor“, „Treblinka“, oder „Majdanek“. Besonders hervorzuheben sei in dem Zusammenhang das „KZ Auschwitz-Birkenau“, in dem alleine über 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden.[33]

2.1.3. Berichterstattung über den Holocaust während des Krieges

Bevor darauf eingegangen wird, wie die Verbrechen des Holocaust nach Kriegsende an die Weltöffentlichkeit gelangten, wie die Täter zur Rechenschaft gezogen wurden, und der Frage nachgegangen werden soll, inwieweit darüber berichtet wurde, sollte zunächst die Frage geklärt werden, ob es eine Berichterstattung über die Shoah bereits währenddessen gegeben hat. Seriöse Antworten darauf lassen sich freilich nur aus Ländern mit einer ausgeprägten Pressefreiheit und einer funktionierenden, nicht vom Kriegsalltag zerstörten Medienlandschaft herleiten. Als Beispiel dafür kann die USA angeführt werden. Der Frage, wie der Holocaust in der amerikanischen Berichterstattung während des 2. Weltkrieges Einzug fand, widmet sich Peter Novik in seiner Arbeit „Nach dem Holocaust“.[34]

Zu Beginn seiner Ausführungen betont Novik, dass die amerikanische Gesellschaft sehr wohl im Bilde war über den Antisemitismus Hitler-Deutschlands, dem jüdischen Volk als Opfergruppierung anfangs jedoch nur eine marginale Rolle zukommen ließ.[35] Die Reichspogromnacht 1938 zieht zwar kurzzeitig große Aufmerksamkeit der Presse auf das Schicksal der jüdischen Bevölkerung unter der nationalsozialistischen Herrschaft auf sich, infolge des Kriegsausbruchs 1939 fesselt jedoch das militärische Geschehen die Aufmerksamkeit der amerikanischen Öffentlichkeit.

Während des Krieges hat es immer wieder Berichte über Massenerschießungen von Juden gegeben, eine Überprüfung konnte jedoch oftmals nicht vollzogen werden. Hinzu kommt, dass die veröffentlichten Zahlen von jüdischen Opfern immer wieder drastisch verändert wurden, was der Glaubwürdigkeit solcher Berichte ebenso schadete. Als Beispiel kann hier ein Bericht einer Presseagentur herangezogen werden, die im Dezember 1939 einen Bericht veröffentlichte, bei dem sie von ca. 250.000 jüdischen Todesopfer des Nazi-Regimes bisher ausging. Zwei Wochen später berichtigte dieselbe Agentur ihre Zahlen auf ein Zehntel davon.[36] Von 1941 bis 1943 häuften sich die Berichte über Massenmorde an Juden, einem Reporter der New York Times, der die Rote Armee nach Kiew begleitete, wurde sogar das Massaker der Nazis in „Babi Jar“ an über 30.000 Juden berichtet, allerdings, betont Novik, galten Informationen von Vertretern der Sowjetunion als äußerst fragwürdig.[37]

Anfang der 1940er Jahre schrieben amerikanische Zeitungen relativ wenig über den Holocaust, schlicht weil es zu wenig harte Fakten darüber gab.

Jedoch führte dies dazu, dass nur wenigen Amerikanern das Ausmaß der Katastrophe der europäischen Juden bewusst war. So glaubten Ende 1944 zwar dreiviertel der Amerikaner, dass die Deutschen viele Menschen in Konzentrationslager ermordet hatten, die meisten Schätzungen gingen von Zahlen um die 100.000 aus.[38]

Das wahre Ausmaß des Völkermordes wurde also erst nach Kriegsende erfasst.

2.1.4. Die Nürnberger Prozesse

Die Nürnberger Prozesse begannen am 20.November 1945 im Justizpalast in Nürnberg und endeten im Oktober 1946. Obwohl drei der größten Nazi-Verbrecher nicht auf der Anklagebank saßen, nämlich Hitler, Himmler und Goebbels, weil sie sich durch Suizid der Verantwortung bereits entzogen hatten, werden die Ereignisse als der „größte Strafprozess der Weltgeschichte“ bezeichnet.[39]

24 Hauptkriegsverbrecher wurden zur Rechenschaft gezogen. Zu den Angeklagten zählten neben NS-Angehörige der Politik, Wehrmacht und Justiz auch hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Industrie. Zu erwähnen sei hier vor allem Hermann Göring, Reichsluftfahrtminister und Reichsführer der SA, sowie Rudolf Heß, Stellvertreter Adolf Hitlers, Karl Dönitz als oberster Befehlshaber der deutschen Marine und Hitlers Nachfolger, sowie Joachim von Ribbentrop als Reichsaußenminister.[40]

Von den 24 Angeklagten wurden 12 zum Tode, drei zu lebenslanger Haft und vier zu Gefängnisstrafen von 10-20 Jahren verurteilt. Drei der Angeklagten wurden freigesprochen.

Die Vollstreckungen der Todesurteile wurden in der Nacht vom 15. Oktober 1946 verübt, Hermann Göring kam dem zuvor, indem er sich durch eine geschmuggelte Zyankalikapsel das Leben nahm. Von den zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilten, wurden einige vorzeitig begnadigt und bereits nach wenigen Jahren aus der Haft entlassen.[41]

Das Gericht wurde aus Vertretern der vier Siegermächte (USA, Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion) zusammengesetzt.[42] Als ausführendes Organ wurde der Internationale Militärgerichtshof festgelegt.

Wie der Historiker Helmut Butterweck in seiner Arbeit „Der Nürnberger Prozess – Eine Entmystifizierung“ schildert, wurden in Nürnberg, eng ineinander verwoben, zwei Prozesse geführt. Ein politischer Prozess wegen Verbrechen gegen den Frieden und ein Mordprozess wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.[43]

Doch im Vordergrund stand dabei nicht nur die Verurteilung der Nazi-Granden, die geschichtlichen Ursachen für den nationalsozialistischen Vernichtungs- und Rassenkrieg sollten juristisch aufgedeckt werden. „ Insofern war Nürnberg auch der exemplarische Versuch, Geschichte mit den Mitteln des Rechts zu bewältigen.“[44]

2.1.4.1. Dachauer Kriegsverbrecherprozesse

Bevor auf die Medienberichterstattung über die Nürnberger Prozesse näher eingegangen wird, erscheint es aufgrund des starken Holocaust-Bezugs der Arbeit notwendig, auf weitere Kriegsverbrecherprozesse näher einzugehen.

Um den ermordeten Opfern zu gedenken, fanden die meisten Prozesse auf dem Gebiet des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau statt, zwischen 1945 und 1948 insgesamt 489 Prozesse.[45] In den „Dachauer Kriegsverbrecherprozessen“ wurden vor allem Mitglieder der KZ-Bewachungsmannschaften wegen Misshandlungen, Folter und Mord angeklagt. Wie Robert Sigel in seiner Arbeit festhält, waren die Urteile verhältnismäßig hart und fanden in der Öffentlichkeit eine breite Akzeptanz angesichts dessen, dass die begangenen Gräueltaten noch sehr lebendig waren. Allerdings betont er, dass die Urteile mit fortschreitender Zeit immer milder wurden.[46]

Schätzungen von Sachverständigen zufolge, waren ca. 100.000 Menschen an der gesamten Judenvernichtung beteiligt.[47] Dabei wurden nur die Wenigsten zur Verantwortung durch eine Verurteilung gezogen. Der Fokus der Kriegsverbrecherprozesse lag dabei nämlich auf den Hauptverantwortlichen. Selbst unter den Verurteilten wurden fast alle vor Verbüßung der gesamten Haftstrafe in Freiheit gesetzt.[48]

2.1.4.2. Medienberichterstattung über die Nürnberger Prozesse

Durch die akribische Arbeit der Ankläger, vor allem durch die detaillierte Beweisführung kamen viele bis dahin unbekannte Tatbestände erst an die Weltöffentlichkeit. So erfuhr die Öffentlichkeit erstmals von den Verbrechen der Euthanasie, ebenso wie von dem Ausmaß der industriellen Judenvernichtung.[49] Die Berichterstattung der Prozesse kann dabei als durchaus ambivalent bezeichnet werden. So konstatiert Peter Steinbach in seiner Arbeit, dass die Öffentlichkeit teilweise eine „schockartige Betroffenheit“ aufgrund der aufgedeckten Gräueltaten zeigte,[50] der Journalist Victor Reimann von den Salzburger Nachrichten kritisiert den Prozess als zu langwierig und befürchtet, dass die Bevölkerung dadurch das Interesse verlieren könnte.[51]

Doch zumindest der Prozessauftakt wurde von einem breiten Interesse der Medien begleitet, sowohl was den Printjournalismus betrifft, als auch den Rundfunk. So hat der Radiosender „Radio München“ extra ein Studio in Nürnberg eröffnet, um täglich vom Prozess berichten zu können.[52] Als weiterer Beleg kann herangezogen werden, dass der Nordwestdeutsche Rundfunk, kurz NWDR, dreimal täglich über die aktuellsten Ereignisse in Nürnberg berichtete.[53]

Zu Prozessauftakt war die Pressegalerie des Gerichtssaals bis auf den letzten Sitz gefüllt, Journalisten und Schriftsteller aus sämtlichen Ländern der Welt kamen um von den Ereignissen zu berichten, unter ihnen Erich Kästner und Ernest Hemingway.[54]

Es lässt sich also ein durchaus breites Medieninteresse an dem Nürnberger Prozess, zumindest zu Beginn konstatieren.

Zu erwähnen sei allerdings, dass in der österreichischen und deutschen Presseberichterstattung immer wieder Kritik an den Prozessen geäußert wurde. Die Vorwürfe richteten sich dabei vor allem darauf, dass einerseits die begangenen und nun verhandelten Verbrechen zum Zeitpunkt ihres Begehens nicht als Verbrechen angesehen wurden, und andererseits, dass in den Nürnberger Prozessen nie die Kriegsverbrechen der Siegermächte aufgeführt wurden.[55]

Wie Christa Gehrer in ihrer Diplomarbeit schreibt, passe dies zu der Mentalität der Bevölkerung, die keine Vergangenheitsbewältigung vornehmen wollte und sich mehr als Opfer statt als Täter sah. Diktaturen würden dabei über die Bevölkerung wie Naturkatastrophen hereinbrechen, gegen die man machtlos sei.[56] Auch der von den Briten kontrollierte NWDR, registrierte bereits im Frühjahr 1946, dass sich die deutsche Bevölkerung mehr und mehr abwandte und wenig Interesse an den Geschehnissen in Nürnberg zeigte.[57]

2.2. Österreichische Presselandschaft der Nachkriegszeit

Im Folgenden soll ein Querschnitt der Situation der österreichischen Presselandschaft während der Nachkriegszeit aufgezeigt werden. Dabei soll zuerst auf die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit innerhalb des Journalismus eingegangen werden. Darauffolgend wird die alliierte Medienpolitik analysiert, die wichtigsten Zeitungen beleuchtet, sowie strukturelle Veränderungen des Medienapparats und das System der Parteipresse aufgezeigt.

2.2.1. Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Österreichischen Journalismus nach 1945

Zu der mangelnden Bereitschaft der Bevölkerung zur Vergangenheitsbewältigung im Zuge der Nürnberger Prozesse passen auch die Analysen zur Frage nach der Aufarbeitung des Journalismus mit seiner NS-Vergangenheit ab 1945.

Nach Kriegsende sah sich Österreich mit einem zerstörten Mediensystem konfrontiert. Die Strukturen mussten neu aufgebaut, die Ressourcen erschlossen und die Organisation der Presse neu geregelt werden. Doch parallel dazu musste ein Umgang mit der nazistischen Vergangenheit der Presse, die sie vollständig vereinnahmt und nachhaltig geprägt hatte, gefunden werden. Abgesehen von „Säuberungen“, die vor allem Berufsverbote von „belasteten“ Journalisten und Verbote von faschistischen Blättern zur Folge hatte, musste eine Aufarbeitung des Vergangenen vollzogen gehen.

Doch viele Historiker und Kommunikationswissenschaftler sind skeptisch, ob eine Aufarbeitung nach Kriegsende überhaupt stattgefunden hat.

Bemühungen zur Aufarbeitung des Berufsstands gab es zwar in Teilen. Wie die Nachforschungen von Fritz Hausjell zeigen, gab es Entnazifizierungsmaßnahmen der Journalistengewerkschaft zwischen 1946 und 1949, die auch temporäre Berufsverbote von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern zur Folge hatten. Trotz dessen waren noch immer 37,1% der Mitarbeiter in den Zeitungen mit einer NS-Vergangenheit belastet.[58]

Die politischen Parteien schlossen außerdem im Herbst 1946 ein weitreichendes Abkommen, demzufolge keine weiteren Angriffe gegen ehemalige und angebliche NS-Journalisten in den Zeitungen erscheinen sollten.[59]

Auch Hans Heinz Fabris zieht ein vernichtendes Fazit der Aufarbeitung, wenn er schreibt: „Viele Journalisten, die nicht an die eigene Vergangenheit rühren wollten, haben kräftig zur Verdrängung der aktiven Rolle vieler Österreicher im NS-System beigetragen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gab es innerhalb der gesamten Berufsgruppe keine öffentliche Diskussion zur Rolle des Journalismus im NS-Propagandaapparats.“ [60]

Somit hat bis Ende der 1960er Jahre kein österreichischer Journalist gemachte Erfahrungen während des NS-Regimes nach außen getragen. Die darauffolgende Erinnerungsliteratur sei weniger geprägt gewesen von Geständnis- und Bekenntnisform, sondern zumeist von Rechtfertigungen, die Entlastungen in den Vordergrund rücken sollten.[61]

Professor Hausjell untermauert Fabris‘ These, wenn er schreibt: „Somit kann österreichischen Journalisten nach 1945 deshalb ein beträchtliches Maß an Vergangenheitsverdrängung attestiert werden.“ [62]

2.2.2. Alliierte Medienpolitik

Wie Kurt Paupié in seiner Arbeit schildert, ist die Zeit von April 1945 bis 31.Juli 1955 geprägt von einer alliierten Medienpolitik.[63]

Als die alliierten Streitkräfte am 13. April 1945 Wien vom NS-Regime befreit hatten, musste das gesamte österreichische Pressewesen neu aufgebaut werden.[64] Viele Jahre gab es zu dem Zeitpunkt in Österreich nur eine gleichgeschaltete Presse. Die Alliierten erkannten die Wichtigkeit der Medien, und so wurde bereits im April damit begonnen, die Presse- und Rundfunklandschaft einerseits von den nationalsozialistischen Elementen zu säubern, und andererseits neu aufzubauen und zu organisieren.[65] Das dafür verantwortliche, von den amerikanischen Besatzern eingesetzte Organ, war dabei der „ISB“ (Information Service Branch). Die Säuberungen der Medienlandschaft von nazistischen Elementen können laut Michael Schönberg in drei Teile eingeteilt werden:[66]

1. Die Schließung aller Presse-und Rundfunkanstalten bis zum 15. Juni 1945
2. Die Gründung eigener, von den Alliierten herausgegebener Zeitungen
3. Die Übergabe der alliierten Zeitungen an österreichische Herausgeber

Die zur ersten Phase zählende Schließung aller Medienanstalten wurde recht zügig durchgeführt, der ISB konnte sich die Kontrolle über sämtliche Medien sichern und so konnte nationalsozialistischer Einfluss früh unterbunden werden. In der zweiten Phase wurden in allen Landeshauptstädten neue Zeitungen gegründet:[67]

- „Österreichischer Kurier“ in Wien ab dem 1.Juni 1945
- „Oberösterreichische Nachrichten“ in Linz ab dem 11. Juni 1945
- „Tiroler Tageszeitung“ in Innsbruck ab dem 21.Juni 1945
- „Salzburger Nachrichten“ in Salzburg ab dem 7.Juni 1945

In der dritten Phase wurden die Zeitungen an Verleger, deren Vergangenheit einer genauen Prüfung unterzogen wurde, übergeben.

Durch dieses Dreistufenmodell sollte einerseits der „Informationshunger“ der Bevölkerung gestillt werden, andererseits nazistische Elemente beseitigt, und ein neues, von Österreichern geleitetes politisches Denken in den Medien gefördert werden.[68]

Die relativ strenge und auf Kontrolle aufbauende Medienpolitik des ISB wurde im Herbst 1945 gelockert. Am 11. September 1945 nämlich erfolgte eine endgültige, klar definierte Deklaration der Alliierten über die Pressefreiheit in Österreich. Das „Dekret über die Pressefreiheit in Österreich“[69] trat am 1. Oktober 1945 in Kraft. Dadurch unterstand die Presse zwar noch immer bestimmten Restriktionen, so durfte nichts abgedruckt werden, was die Alliierten diffamierte, die öffentliche Ordnung stören würde, oder nazistisches Gedankengut enthielt, die Presse war damit jedoch weitgehend frei.[70]

Aufgrund der genannten Restriktion und dem damit verbundenen Prinzip der Nachzensur muss jedoch von einer eingeschränkten Pressefreiheit die Rede sein.

Offiziell endete die Wirkung dieser Deklaration am 10.Juli 1955.[71]

2.2.3. Strukturelle Veränderungen der Presselandschaft ab 1945

Was die Struktur der Presselandschaft betrifft, hat sich seit 1945 viel geändert. So stammten 1936 noch mehr als die Hälfte aller erschienenen Zeitungen aus dem 19. Jahrhundert, nach 1945 waren es 1959 nicht mal mehr 25%.[72]

Auch was die Inhaltsgestaltung anbelangt, entstanden neue Tendenzen und traditionelle Formen der Gestaltung wurden verworfen. Kurt Paupié sieht die zunehmende Technisierung und die wirtschaftlichen Vorteile der Agenturmeldungen zu der Zeit als Hauptursache.[73] So sei eine Gleichförmigkeit der Nachrichten zu beobachten, hinzu käme ein Bedeutungsverlust des Wirtschaftsteils, demgegenüber die Kultur- und Politikressorts mehr Platz einnähmen.[74]

Außerdem ist die Sportberichterstattung deutlich allgemeiner geworden als vor dem Krieg. Der Inseratenanteil hat im Vergleich zur Vorkriegsära eine bedeutende Abnahme erfahren, so haben vor allem kleine Anzeigen einen gewaltigen Schwund aufzuweisen. Eine „erfreuliche“ Entwicklung sieht Kurt Paupié in der Abnahme von Textinseraten.[75]

Abschließend lässt sich sagen, dass sich die Presse, gemessen am kriegsbedingten, völligen Zusammenbruch des Pressewesens relativ schnell erholt hatte, jedoch noch einige strukturelle Mängel in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zu beobachten waren. Dazu zählt z.B. die Papierknappheit, die die Zeitungen zu gewaltigen Umfangseinschränkungen zwang und den Kaufpreis teurer werden ließ. Aufgrund der prekären Lebenssituation der Bevölkerung führte dies wiederrum dazu, dass sich die Menschen seltener Zeitungsausgaben leisten konnten.[76]

2.2.4. Die Parteien und ihre Presse

Der Beginn der Parteizeitungen war eng mit der Entwicklung der Parteien selbst verknüpft. So hatte jede Partei ihr eigenes Blatt, in dem die eigenen Positionen nach außen vertreten wurden. Der jeweilige Erfolg war dabei recht unterschiedlich. Zwischen den beiden Weltkriegen stieg die Bedeutung der Parteienpresse insgesamt stark an, „im gleichen Maße wie die der Großpresse sank“, so Kurt Paupié.[77] Einen besonders starken Aufstieg zu verzeichnen hatte in dieser Zeit in den jeweiligen Lagern zum einen die klerikale „ Reichspost“, die sich an die katholische Leserschaft wandte, zum anderen die sozialistische „ Arbeiter-Zeitung“. [78]

Während der Phase des Ständestaats, und später unter der NS-Herrschaft wurden sämtliche Parteienzeitungen, die nicht der des Regimes entsprachen, verboten. Teilweise wurden noch illegal Zeitungen gedruckt und verbreitet, so beispielsweise die kommunistische „ Rote Fahne“. [79]

Nach dem 2.Weltkrieg erschienen nach und nach wieder Parteienzeitungen. Als völlig neue Erscheinungsform einer Zeitung erschien am 23. April 1945 das „Neue Österreich“, da alle drei Parteien (SPÖ, ÖVP und KPÖ) an der Veröffentlichung beteiligt waren. Inhaltlich war das „Dreiparteienblatt“, wie die Zeitung oft bezeichnet wurde, dementsprechend „bunt gemischt“, wie Christa Gehrer es in ihrer Diplomarbeit formuliert.[80]

[...]


[1] Vgl. Novick, Peter, (2003) S.34

[2] Vgl. Ehmann, Annegret, Hanns-Fred Rathenow (2000) S.9

[3] Ebd. S.89

[4] Vgl. Ebd. S.89

[5] Jeshjahu Weinberg, Rina Elieli. The Holocaust Museum in Washington, New York 1946 in: Novick, Peter, (2003) S.35 f.

[6] Vgl. Achcar, Gilbert (2012) S.12

[7] Vgl. Wende, Waltraud (2002) S.9

[8] Vgl. Achcar, Gilbert (2012) S.14

[9] Vgl. Achcar, Gilbert (2012) S.15 f.

[10] Vgl. Wende, Waltraud (2002) S.8

[11] Vgl. Pieper, Katrin (2006) S.2

[12] Agamben, Giorgio (2003) S.26 f.

[13] Vgl. Young, James Edward (1988) S.139 ff.

[14] Vgl. Achcar, Gilbert (2012) S.14

[15] Ebd. S.14

[16] Achcar, Gilbert (2012) S.13

[17] Vgl. ebd. S.13

[18] Jäckel, Eberhard (1987) S.10

[19] Vgl. Gerlach, Christian. (2017) S.44

[20] Vgl. Ebd. S.45 f.

[21] Vgl. Lamshöft, Annika (2009) S.155

[22] Vgl. „United States Holocaust Memorial Museum“, URL: https://www.ushmm.org/learn/timeline-of-events/1933-1938 ; zuletzt aufgerufen am: 15.03.2019

[23] Vgl. Adam, Uwe Dietrich (1972) S.39

[24] Vgl. Brechtken, Magnus, Jasch, Hans-Christian (2017) S.165 ff.

[25] Vgl. Longerich, Peter (1998) S.198 ff.

[26] Vgl. „United States Holocaust Memorial Museum“, URL: https://www.ushmm.org/learn/timeline-of-events/1933-1938/kristallnacht ; zuletzt aufgerufen am: 15.03.2018

[27] Vgl. Pohl, Dieter (2008) S.70 f.

[28] Vgl. Browning, Christopher (1978) S. 8.

[29] Vgl. Longerich, Peter (1998) S.392 f.

[30] Vgl. Benz, Wolfgang (1999) S.57

[31] Vgl. Benz, Wolfgang (1999) S.57 f.

[32] Vgl. Gerlach, Christian (1997) S.7

[33] Vgl. Czech, Danuta (1989) S.921

[34] Vgl. Novick, Peter (2003) S.33

[35] Vgl. Ebd. S.34 f.

[36] Vgl. Grobman, Alex (1979) S.331

[37] Vgl. Novick, Peter (2003) S.37

[38] Vgl. Ebd. S.40 f.

[39] Vgl. Butterweck, H. (2005) S.9

[40] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.44 ff.

[41] Vgl. Ebd. S.49

[42] Vgl. Ebd. S.39

[43] Vgl. Butterweck, H. (2005) S.11

[44] Weinke, Annette (2015) S.7

[45] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.34

[46] Vgl. Sigel, R. (1992) S.8 f.

[47] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.35

[48] Vgl. Steinbach, P. (1981) S.74

[49] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.40 f.

[50] Vgl. Steinbach, P. (1981) S.26

[51] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.40

[52] Vgl. Wagner, Hans-Ulrich (2015) S.3

[53] Vgl. Schneider, Christof (1999) S. 162.

[54] Vgl. Ludger Heid (2015) in „Zeit“: https://www.zeit.de/2015/47/nuernberger-prozesse-schriftsteller-journalisten ; Zuletzt aufgerufen am: 15.03.2019

[55] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.52 f.

[56] Vgl. Ebd. S.53 ff.

[57] Vgl. Hans-Ulrich Wagner (2015) S.4

[58] Vgl. Fabris, Hans Heinz, Hausjell, Fritz (1991) S.37 f.

[59] Vgl. Ebd. S.39

[60] Ebd. S.3

[61] Vgl. Ebd. S.39

[62] Ebd. S.39

[63] Vgl. Paupié, Kurt (1960) S.76

[64] Vgl. Paupié, Kurt (1960) S.76

[65] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.7

[66] Vgl. Schönberg, Michael (1975) S.123 f.

[67] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.8 f.

[68] Vgl. Ebd. S.9 f.

[69] Moser, K. (2002) S.29

[70] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.10

[71] Vgl. Ebd. S.11

[72] Vgl. Ebd. S. 77 f.

[73] Vgl. Ebd. S.81 ff.

[74] Vgl. Ebd. S.82

[75] Vgl. Ebd. S.82

[76] Vgl. Ebd. S.82 f.

[77] Vgl. Paupié, Kurt (1960) S.84

[78] Vgl. Ebd. S.84

[79] Vgl. Ebd. S.85

[80] Vgl. Gehrer, Christa (1996) S.19

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Der Holocaust und die Nachkriegspresse
Untertitel
Eine quantitative Analyse zur Aufarbeitung des Holocaust in der österreichischen Berichterstattung der Nachkriegsjahre
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften)
Note
1,2
Autor
Jahr
2019
Seiten
81
Katalognummer
V498421
ISBN (eBook)
9783346008510
ISBN (Buch)
9783346008527
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Holocaust, Nachkriegspresse, Quantitative Analyse, Aufarbeitung des Holocaust, österreichische Berichterstattung, Berichterstattung, Shoah, Nürnberger Prozesse, Dachauer Kriegsverbrecherprozesse, Medienberichterstattung, österreichischer Journalismus, Alliierte Medienpolitik, österreichische Presselandschaft, Holocaustberichterstattung, ANNO
Arbeit zitieren
Simon Garschhammer (Autor), 2019, Der Holocaust und die Nachkriegspresse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498421

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