Zwischen 5,6 und 6,3 Millionen Juden wurden systematisch und industriell in sogenannten Vernichtungslagern eliminiert. Der Holocaust wird von vielen Historikern als das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte betrachtet, einzigartig in seinem Ausmaß, seiner Symbolik und weltgeschichtlichen Bedeutung. Wie der Historiker Peter Novik berichtet, führte die Befreiung der Lager im Frühjahr 1945 zu einer breiten Berichterstattung über die Verbrechen des Holocaust in den amerikanischen Medien. So schreibt Novik von entsetzten Gesichtern an den Frühstückstischen, wo der „Holocaust in ganz Amerika auf den Zeitungsseiten prangerte.“ Doch wie war die Situation in Österreich in den unmittelbaren Nachkriegsmonaten? Gab es eine mediale Aufarbeitung?
Der theoretische Teil der Arbeit bietet einen kompakten Überblick über den Forschungsstand in Bezug auf den Holocaust einerseits, und die österreichische Nachkriegspresse andererseits. Der Themenkomplex "Holocaust" umfasst Begriffsdefinitionen, Zahlen, Vorgeschichte des Holocaust, das eigentliche Verbrechen, sowie Berichterstattung & Rezeption darüber währenddessen & danach. Der Themenkomplex "Österreichische Presselandschaft der Nachkriegszeit" umfasst einen Überblick über die Medienlandschaft der Nachkriegsjahre, die alliierte Medienpolitik, die Aufarbeitung der NS-Verbrechen im Journalismus, sowie die Entwicklung der Nachkriegspresse ab 1945.
Der empirische Teil der Arbeit richtet seinen Schwerpunkt dann auf eine quantitative Analyse, in der vier relevante Forschungsfragen beantwortet werden. 1. "Kam es im Laufe des Nürnberger Prozesses zu Unterschieden in der Intensität der Berichterstattung über Themen des Holocaust?" 2. "In welcher Intensität wurde in der österreichischen Presselandschaft in den Nachkriegsmonaten von Mai 1945 bis Mai 1947 über Themen des Holocaust berichtet?" 3. "Hat die politische Ausrichtung einer Zeitung Einfluss auf die Intensität der Berichterstattung mit Themen des Holocaust?" 4. "Gab es Veränderungen in der Häufigkeit der Berichterstattung über Themen des Holocaust zwischen der Phase der Vorzensur und der Phase nachdem die Vorzensur abgeschafft wurde?"
Das Analyseinstrument ist dabei das Online-Archiv der österreichischen Nationalbibliothek "ANNO", bei dem historische Zeitungen archiviert und gesammelt werden. Am Ende gibt es durchaus überraschende und aussagekräftige Erkenntnisse, die fundiert und streng nach wissenschaftlichen Regeln herausgearbeitet wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Ein Mosaikstein des Erinnerns
2. Theoretischer Teil – Forschungsstand über Aspekte des Holocaust und die österreichische Presselandschaft der Nachkriegsjahre
2.1. Holocaust
2.1.1. Begriffsklärung: Holocaust & Shoah
2.1.2. Vorgeschichte der Shoah
2.1.3. Berichterstattung über den Holocaust während des Krieges
2.1.4. Die Nürnberger Prozesse
2.1.4.1. Dachauer Kriegsverbrecherprozesse
2.1.4.2. Medienberichterstattung über die Nürnberger Prozesse
2.2. Österreichische Presselandschaft der Nachkriegszeit
2.2.1. Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Österreichischen Journalismus nach 1945
2.2.2. Alliierte Medienpolitik
2.2.3. Strukturelle Veränderungen der Presselandschaft ab 1945
2.2.4. Die Parteien und ihre Presse
2.2.5. Entwicklung unabhängiger Zeitungen
3. Empirischer Teil – Quantitative Analysen zur Aufarbeitung des Holocaust in der österreichischen Nachkriegspresse
3.1. Erkenntnisinteresse & Forschungsstand
3.2. Analyseinstrument ANNO
3.2.1. Allgemeines
3.2.2. Volltextsuche
3.3. Vorgehensweise der Analyse
3.3.1. Untersuchung von Zeiträumen (FF1)
3.3.2. Untersuchungen von einzelnen Tagen (FF2, FF3 & FF4)
3.4. Forschungsfragen
3.4.1. Forschungsfrage 1
Holocaust-bezogene Berichterstattung im Laufe der Nürnberger Prozesse
3.4.2. Forschungsfrage 2
Holocaust-bezogene Berichterstattung im Verhältnis zur Gesamtberichterstattung
3.4.3. Forschungsfrage 3
Einfluss der politischen Ausrichtung einer Zeitung auf die Holocaust-bezogene Berichterstattung
3.4.4. Forschungsfrage 4
Einfluss der Vorzensur auf die Holocaust-bezogene Berichterstattung
4. Fazit – Österreichische Presse der Nachkriegszeit zwischen Verdrängung und Aufarbeitung – Neue Wege der Holocaust Forschung durch digitale Zeitungsarchive
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Intensität der Holocaust-bezogenen Berichterstattung in der österreichischen Presse der Nachkriegsjahre. Dabei wird analysiert, inwieweit die Shoah in den Printmedien thematisiert wurde und welchen Einfluss Faktoren wie politische Ausrichtung und Zensur auf diese Berichterstattung hatten.
- Quantitative Analyse der Holocaust-Rezeption in österreichischen Printmedien nach 1945.
- Untersuchung der Korrelation zwischen politischer Ausrichtung von Zeitungen und deren Berichterstattung über den Holocaust.
- Evaluation des Einflusses alliierter Medienpolitik und Vorzensur auf die mediale Aufarbeitung.
- Methodische Anwendung der Volltextsuche im digitalen Zeitungsarchiv ANNO.
- Beurteilung der Verdrängungs- und Aufarbeitungstendenzen in der österreichischen Nachkriegsöffentlichkeit.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Begriffsklärung: Holocaust & Shoah
In den letzten Jahrzehnten haben sich versch. Begriffe, die das Verbrechen der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung zu fassen versuchen, etabliert. Dabei hat sich gezeigt, dass in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, sei es in der Kultur, der Politik, der Kunst, den Medien und nicht zuletzt in der Wissenschaft, zwei Termini dominieren, Holocaust und Shoah.
Der Begriff Holocaust leitet sich aus dem altgriechischen Wort „ὁλόκαυστον“ (holókauston) ab, das so viel wie „vollständig verbrannt“, oder auch „Brandopfer“ bedeutet. In den westlichen Sprachgebrauch gelangte der Begriff durch das Kirchenlatein infolge von Bibelübersetzungen. Im Laufe der Jahrhunderte gibt es immer wieder unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs, bis zum 18. Jahrhundert wurde er jedoch vor allem mit religiöser Symbolik konnotiert. Ab den 1850er Jahren setzte sich seine Bedeutung in vermehrt säkularen Schriften als „vollständige Zerstörung oder Vernichtung“ durch. In diesem Zeitraum wurde das Wort auf unterschiedlichste „Katastrophen“ angewandt, beispielsweise der Massenmord an den Armeniern während des 1. Weltkriegs, Angriffe Japans auf chinesische Städte etc..
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Ein Mosaikstein des Erinnerns: Einführung in die Thematik der Holocaust-Aufarbeitung und Darlegung der Forschungsabsicht, die Rolle der Presse in der Nachkriegszeit quantitativ zu untersuchen.
2. Theoretischer Teil – Forschungsstand über Aspekte des Holocaust und die österreichische Presselandschaft der Nachkriegsjahre: Theoretische Einbettung der Begriffe Holocaust und Shoah sowie detaillierte Darstellung der medienpolitischen Lage und Zeitungslandschaft in Österreich nach 1945.
3. Empirischer Teil – Quantitative Analysen zur Aufarbeitung des Holocaust in der österreichischen Nachkriegspresse: Durchführung der Untersuchung mittels der Datenbank ANNO, inklusive der methodischen Vorgehensweise, Erläuterung der Forschungsfragen und der Ergebnisdarstellung.
4. Fazit – Österreichische Presse der Nachkriegszeit zwischen Verdrängung und Aufarbeitung – Neue Wege der Holocaust Forschung durch digitale Zeitungsarchive: Zusammenfassende Auswertung der Erkenntnisse, kritische Reflexion der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Holocaust, Shoah, Österreichische Nachkriegspresse, Zeitungsarchiv, ANNO, Medienpolitik, Vergangenheitsbewältigung, Quantitative Analyse, Nürnberger Prozesse, Parteipresse, Alliierte Medienpolitik, Antisemitismus, Journalismus, NS-Vergangenheit, Zeitungsanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert quantitativ, in welchem Ausmaß die österreichische Presse in den unmittelbaren Nachkriegsjahren (1945–1948) über den Holocaust und damit zusammenhängende Verbrechen berichtet hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die mediale Aufarbeitung des Holocaust, die Struktur der österreichischen Presselandschaft nach 1945, der Einfluss der alliierten Medienpolitik sowie die politische Einordnung der verschiedenen Zeitungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwieweit das Thema Holocaust in der österreichischen Tagespresse präsent war, ob es Zusammenhänge mit der politischen Ausrichtung der Zeitungen gab und wie sich die Vorzensur auf die Häufigkeit der Berichterstattung auswirkte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine quantitative Inhaltsanalyse unter Verwendung des digitalen Zeitungsarchivs ANNO (AustriaN Newspaper Online), um anhand ausgewählter Suchbegriffe die Frequenz von Holocaust-bezogenen Artikeln zu ermitteln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt zunächst die theoretische Aufarbeitung des Holocaust-Begriffs und der Geschichte der österreichischen Medien. Daran schließt sich der empirische Teil an, der mithilfe von Stichprobenanalysen die Berichterstattung über verschiedene Zeiträume hinweg misst und auswertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Holocaust, Shoah, ANNO-Zeitungsarchiv, österreichische Nachkriegspresse, Medienpolitik, Vergangenheitsbewältigung und quantitative Analyse charakterisiert.
Welchen Einfluss hatte die politische Ausrichtung auf die Berichterstattung?
Die Analyse zeigt, dass linksgerichtete, kommunistisch geprägte Zeitungen deutlich häufiger über Holocaust-Themen berichteten als christlich-konservativ orientierte Medien.
Welches Fazit zieht der Autor zur "Verdrängung" in den Medien?
Der Autor stellt fest, dass in den ersten Nachkriegsjahren keineswegs von einem totalen "Todschweigen" die Rede sein kann, da im Durchschnitt mehr als jede zweite Zeitung in ihren Ausgaben Berührungspunkte mit der Thematik aufwies.
- Arbeit zitieren
- Simon Garschhammer (Autor:in), 2019, Der Holocaust und die Nachkriegspresse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498421