Kants Ethikotheologie. Eine plausible Alternative zur Physikotheologie?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis>

Einleitung

1. Die Physikotheologie – Begriff, Definition, Ursprung

2. Kants Kritik an der Physikotheologie

3. Kants Konzeption einer Ethikotheologie

4. Kritische Prüfung der kantischen Ethikotheologie

Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung>

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse; daß sie durch Frage belästigt wird, die sich nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ 1

Die Philosophie hat es mit den großen Fragen der Menschheit zu tun. Die Frage nach der Existenz Gottes gehört zweifellos in diesen Kanon. Wie das Zitat Kants veranschaulichen soll fällt es schwer, wenn nicht gar unmöglich, sie aus unserem Leben gänzlich zu exkludieren. Nicht zuletzt aus diesem Grund stellt die Gottesfrage gleichsam die vielleicht wichtigste und meist diskutierteste Frage der Philosophieund Religionsgeschichte dar.2

Ob wir über Gott, seine mögliche Existenz sowie seine Eigenschaften überhaupt Aussagen treffen können, wurde über die Jahrhunderte hinweg unterschiedlich beantwortet. Eine überwiegende Mehrheit von christlichen Philosophen3 im 13. bis zum 18. Jahrhundert hat diese Frage ausdrücklich bejaht. Laut Swinburne wurde diese Einstellung auch von den meisten Philosophen der vorangegangenen zwölf Jahrhunderte geteilt.4 Im 17.

Jahrhundert erhielt dann insbesondere die Idee einer natürlichen Theologie Aufwind. Im Gegensatz zu den Offenbarungsreligionen wollten ihre Anhänger zu einer Gottesbegründung gelangen, die allein auf den Grundsätzen der Vernunft ruhen sollte. Damit zogen die Anhänger der natürlichen Theologie die Lehre aus den Glaubenskriegen und den konfessionellen Konflikten der Frühen Neuzeit. Sie gingen davon aus, dass es keinen Streit über Vernunfteinsichten geben könne.5 Statt sich auf eine heilige Schrift zu berufen, wurde die Natur fortan zum Lieferanten einer rational begründeten Theologie erkoren – der Physikotheologie. Die Zweckmäßigkeit und Ordnung der Natur konnte in den Augen der Physikotheologen nicht das Produkt blinder Materie oder des Zufalls sein. Für sie bedurfte es der Existenz eines höheren Wesens. Erst Ende des 18. Jahrhunderts mehrten sich die kritischen Stimmen. Auf philosophischer Grundlage äußerten sich zum Projekt der Physikotheologie allen voran David Hume und Immanuel Kant skeptisch.6 In ihren Abhandlungen versuchten sie aufzuweisen, dass die Vernunft, anders als von den Physikotheologen angenommen, nie zu begründeten Ergebnissen über Gegenstände gelangen könne, die gänzlich außerhalb unserer unmittelbaren Erfahrungswelt liegen. Infolge ihrer Kritik waren beide Denker maßgeblich für das Ende des Trends zur natürlichen Theologie verantwortlich.

Doch obwohl Kant von Heinrich Heine auch als Himmelsstürmer tituliert wurde, stand für den Königsberger bei aller Kritik die Gottesfrage stets im Zentrum seiner Philosophie.7 Sie begleitete Kants Schaffen von den Anfängen bis zum Ende seiner philosophischen Überlegungen.8 Sein erstes kritisches Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft, ist vor allem eine Absage an jegliche dogmatische Metaphysik. Sie bildet zugleich jedoch die Grundlegung für eine aus ihr entstehende kritischen Metaphysik.9 Kants Bemerkungen zur Unzulänglichkeit der natürlichen Theologie sind daher nicht rein negativer Art. Wenngleich die Physikotheologie in Kants Augen scheitert, soll an ihre Stelle fortan die Ethikotheologie treten. Kants Ethikotheologie ist noch immer aktuell, wird sie doch nach wie vor von Philosophen aufgegriffen und rezipiert.10 Aus diesem Grund möchte die vorliegende Hausarbeit sich näher mit der kantischen Religionsphilosophie beschäftigen.

Im Folgenden soll eruiert werden, inwiefern Kants Konzeption einer Ethikotheologie eine vernünftige Alternative zur Physikotheologie bieten kann und wo gegebenenfalls Schwächen in Kants Argumentation liegen. Ehe auf Kants Ethikotheologie eingegangen wird, soll zunächst das Anliegen der Physikotheologen genauer dargestellt werden. Das erste Kapitel beschäftigt sich daher mit den Ursprüngen und den grundlegenden Aussagen der Physikotheologie. Im Anschluss an diese Überlegungen wird die Kritik Kants an der Physikotheologie dargestellt. Hierzu ist es von Nöten, insbesondere die Defizite der theoretischen Gottesbeweise zu verdeutlichen. Ausgehend von der kantischen Kritik an den skizzierten Gottesbeweisen ist es dann möglich, zu seiner Ethikotheologie überzuleiten. Da Kants Ethikotheologie für sich genommen selbst wiederum sehr komplexe Überlegungen beinhaltet, beschäftigt sich das dritte Kapitel intensiv mit seinem Begründungsversuch. Im vierten Kapitel wird geprüft, ob die kantische Ethikotheologie als echte Alternative zur Physikotheologie gelten darf. Wie wir sehen werden, ist auch die Ethikotheologie nicht vor kritischen Einwänden gefeit. Zum Abschluss dieser Arbeit werden die gewonnen Ergebnisse in einem Resümee zusammengefasst.

1. Die Physikotheologie – Begriff, Definition, Ursprung>

Der Begriff „Physikotheologie“ entstammt der christlich-apologetischen Literatur des 17. Jahrhunderts. Sein geographischer und historischer Ursprung findet sich in England. Erstmalig erwähnt, wird der Begriff Physikotheologie im Werk des britischen Naturphilosophen Walter Charleton. Seine Abhandlung The darkness of atheism dispelled by the light of nature aus dem Jahr 1652 trägt den Untertitel A physico-theologicall treatise.11 Zu einer breiten Verwendung des Begriffs trug jedoch erst William Derhams Schrift Physico-Theology bei. Sie erschien 1713 und wirkte namensgebend für die sich fortan konstituierende physikotheologische Bewegung.12 Zwar blühte die Physikotheologie vor allem im 18. Jahrhundert, Versuche, die göttliche Existenz auf diese Weise zu plausibilisieren, beziehungsweise sie zu beweisen, gab es jedoch schon früher.13 Bereits in der Antike lassen sich in Platons Dialog Timaios physikotheologische Überlegungen finden.14

In Deutschland beginnt die Hochphase der Physikotheologie 1721 mit dem Erscheinen des Gedichtbandes Irdisches Vergnügen in Gott von Barthold Heinrich Brockes. Von Beginn an richteten sich die physikotheologischen Schriften an eine breite Öffentlichkeit und erschienen in der jeweiligen Volkssprache des Landes.15 Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts verlor die Physikotheologie dann wieder an Einfluss. Grund hierfür bildeten, wie bereits erwähnt, zum einen die Kritik David Humes als auch Kants philosophische Widerlegungen aller bisher aufgestellten Gottesbeweise. Mindestens genauso wirkungsvoll wie Kants und Humes intellektuelle Einwände dürfte jedoch Voltaires ironische Kritik im Candide gewesen sein. In ihm sprach sich der Franzose publikumswirksam und mit spitzer Zunge gegen jegliche optimistisch-theologischen Weltdeutungen aus.16

Möchte man das Anliegen der Physikotheologie möglichst prägnant zusammenfassen, so lässt sich festhalten, dass Physikotheologen versuchen, ausgehend von der Schönheit und Zweckmäßigkeit der Welt, auf einen göttlichen Urheber zu schließen. Oftmals lässt sich in der Literatur ebenfalls der Begriff „Physikoteleologie“ finden. Hierdurch soll angedeutet werden, dass die Natur auf ein Ziel hin ausgerichtet ist.17 Ihr Urheber soll ein zwecksetzender Gott sein, der die Natur nach seinen Vorstellungen, ähnlich wie ein Ingenieur oder Künstler, eingerichtet hat. Die gesamte Welt und der Mensch selbst, werden von den Physikotheologen als zweckmäßig konstruierte Maschinenmodelle betrachtet. Als geistige Strömung kann die Physikotheologie folglich auch als Reaktion auf die kausalmechanische Naturwissenschaft Newtons gelten.18 Sein 1687 erschienenes Werk Philosophiae Naturalis Principia Mathematica hatte eine beträchtliche Vereinfachung der Physik herbeigeführt. Die zudem kurz vor Newtons Veröffentlichung erfolgten Erfindungen des Mikroskops und des Teleskops, klärten den Menschen über den wohlgeordneten Ablauf im mikround makrokosmischen Bereich auf.

Physikotheologen verfahren in ihrem Vorgehen somit a posteriori, die Betrachtung von Natur und Naturphänomenen bildet den Ausgangspunkt ihrer Gotteserkenntnis.19 War anfangs noch die gesamte Natur Gegenstand des physikotheologischen Interesses, spezifizierte sich dieses Interesse im Laufe der Zeit. Es entstanden physikotheologische Abhandlungen zu diversen Teilbereiche der Natur, wie zum Beispiel die Betrachtung von Gewittern (Brontotheologie) oder Insekten (Insecto-Theologia).20 Für eine möglichst exakte Bestimmung für den Terminus „Physikotheologie“ soll im Folgenden mit der Definition Hans Joachim Waschkies´ gearbeitet werden:

„Die Physikotheologie umfaßt als Seitenzweig der natürlichen Theologie alle Versuche, unabhängig von jeder Offenbarung oder mythischen Tradition durch die Beobachtung von zweckmäßig, geordnet oder auch nur schön erscheinenden Strukturen oder Prozessen aus dem Bereich der sinnlich wahrnehmbaren, vom Menschen nicht gezielt beeinflußten Natur zur Überzeugung von der Existenz oder auch nur zur Einsicht in gewissen Eigenschaften desjenigen göttlichen Wesens zu gelangen, das die fraglichen Strukturen bzw. Prozesse erschaffen oder doch zumindest installiert hat.“ 21

Wie sich zeigt, verweist das Projekt der Physikotheologie in zwei Richtungen. Zum einen soll die zweckmäßige Einrichtung der Natur auf die Existenz Gottes hindeuten. Zugleich verweist aber auch Gottes Existenz zurück auf die Natur. Bereits die Tatsache, dass überhaupt eine materielle Welt existiert, soll durch die Wirksamkeit Gottes erklärt werden.22

Das letztendlich resultierende Gottesbild der Physikotheologen konnte trotz gleicher Methodik mitunter voneinander abweichen. Die physikotheologische Gemeinschaft kann in zwei Gruppen eingeteilt werden. Die erste Gruppe von Physikotheologen sah in Gott einen Ingenieur, der, ähnlich wie bei Leibniz, das von ihm vorgefundene Material lediglich geformt und eingerichtet hat. Die zweite Gruppe, zu denen auch der junge Kant zu zählen ist, wollte darüber hinaus zeigen, dass Gott die verwendete Materie mitsamt den vorzufindenden Naturgesetzen selbst erschaffen hat. Im letzteren Fall hat Gott die Welt somit im Rahmen einer creatio ex nihilo geschaffen.23 Beide Gruppen eint dennoch die zeitliche Blickrichtung ihrer Argumentation. Es ist die Frage nach dem Ursprung dieser Welt, die sie mittels der Annahme Gottes erklären wollen.24

2. Kants Kritik an der Physikotheologie>

Kritik am Projekt der Physikotheologen lässt sich bereits in David Humes Werk An Enquiry Concerning Human Understanding finden.25 Im Folgenden wird sich jedoch auf die Kritik Kants an der Physikotheologie konzentriert. Anders als Hume stand Kant zu Beginn seiner philosophischen Karriere der Physikotheologie bejahend gegenüber. Sein erstes Hauptwerk die Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels stellt rein formal betrachtet den Versuch eines physikotheologischen Gottesbeweises dar.26 Im Laufe seines Schaffens wendete sich Kant dann jedoch von der Physikotheologie ab und begründete eine kritische Metaphysik und Religionsphilosophie.27

In der Kritik der reinen Vernunft unterscheidet Kant drei Gottesbeweise voneinander. Alle Wege, Gott zu beweisen, resultieren nach Kant entweder (1.) aus unseren Erfahrungen über die Gesetzmäßigkeiten der Sinneswelt an, (2.) aus der Suche nach einer obersten Kausalität der Welt, (3.) oder letztlich, frei von jeder Erfahrung, aus den bloßen Begriffen unserer Vernunft nach einer ersten Ursache.28 Kant klassifiziert diese drei Möglichkeiten in den (1.) physikotheologischen, (2.) kosmologischen und (3.) ontologischen Gottesbeweis. Alle drei Gottesbeweise eint, dass sie mit Hilfe der Vernunft im theoretischen Gebrauch gewonnen werden.29 Für Kant ist jedoch der ontologische Gottesbeweis der entscheidende, da sich sowohl der kosmologische als auch der physikotheologische Gottesbeweis auf ihn zurückführen lassen.30 Aus diesem Grund richten sich auch Kants argumentative Einwände hauptsächlich gegen den ontologischen Gottesbeweis.

Im ontologischen Gottesbeweis wird versucht, aus der rein begrifflichen Vorstellung Gottes seine objektive Realität zu beweisen. Die argumentative Rekonstruktion stellt sich wie folg dar: Es wird behauptet, dass Gott seinem Begriff nach das vollkommenste Wesen ist. Über das vollkommenste Wesen kann nichts Größeres gedacht werden. Wäre Gott lediglich eine kognitive Fiktion unseres Geistes, so ließe sich über Gott noch ein vollkommeneres Wesen denken. Ein Wesen, dem auch das Merkmal der Existenz zukäme. Diese Schlussfolgerung steht nun aber im Widerspruch zum eben postulierten Gottesbegriff. Aus diesem Grund folgt, dass Gott notwendigerweise existieren muss, sofern er dasjenige Wesen sein soll, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.31

Für Kant stellt sich der ontologische Gottesbeweis als Fehlschluss heraus. Kant zufolge darf die unbedingte Notwendigkeit von logischen Urteilen nicht mit der unbedingten Notwendigkeit der Sachen selbst – ihrer Existenz – gleichgesetzt werden.32 Bei Kant heißt es: „Sein ist offenbar kein reales Prädikat“.33 Durch Prädikate sprechen wir Gegenständen Eigenschaften zu beziehungsweise ab. Beispielsweise sprechen wir Angela Merkel im Jahr 2019 die Eigenschaft zu Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland zu sein.34 Wenn wir nach der Existenz eines Gegenstandes fragen, so wollen wir jedoch nicht fragen, was dieses Etwas ist. Vielmehr wollen wir fragen, ob gesagt werden kann, dass dieses Etwas ist. Weil nun die Frage nach dem „Dass“ eines Gegenstandes auf etwas anderes abzielt als die Frage nach dem „Was“ eines Gegenstandes, kann Existenz kein reales Prädikat sein.35 Zur Verdeutlichung sollen wir uns nach Kant den Begriff „Dreieck“ denken. Dem Begriff „Dreieck“ kommt notwendigerweise die Eigenschaft zu, drei Winkel zu besitzen. Wer den Begriff Dreieck denkt, der denkt auch immer an drei Winkel. Dieser Denknotwendigkeit folgt aber noch keine Existenznotwendigkeit. Nur, wenn die Winkel oder das Dreieck bereits als existierend gesetzt sind, folgt auch die Existenz des Dreiecks, beziehungsweise der Winkel. Hebt man stattdessen die Existenz des Dreiecks auf, so verschwinden mit seiner Existenz auch das ihm zukommende Prädikat drei Winkel zu besitzen. Übertragen wir dieses Vorgehen nun auf Gott. Heben wir die Existenz Gottes auf, so ist auch sein Prädikat vollkommenstes Wesen aufgehoben. Aus der Behauptung seiner Nichtexistenz folgt daher kein Widerspruch.36 Für Kant wird hieraus ersichtlich, dass das Wort „Sein“ im logischen Gebrauch lediglich zwei Begriffe aufeinander bezieht. Im Satz: Sokrates ist ein Mensch, fungiert das Word „ist“ nur als verbindendes Element, als Kopula.37 Das „Sein“ kann, da es logisch vorrangig ist, nicht zum echten Prädikat eines Subjekts erklärt werden.38 Genau in diesem Punkt findet sich der Fehler des ontologischen Gottesbeweises. In ihm fungiert das „Sein“ als echtes Prädikat. Für Kant steht darum fest: „Unser Gegenstand mag also enthalten, was und wie viel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um ihm die Existenz zu ertei- len.“ 39

Im kosmologischen Gottesbeweis wird hingegen aus dem Begriff Gottes herausgegangen. Es tritt ein empirischer Aspekt hinzu. Aus der Tatsache der Existenz der Welt soll auf die Existenz Gottes geschlossen werden. Der kosmologische Gottesbeweis lässt sich wie folgt rekonstruieren: Die Welt existiert nicht schlechterdings grundlos, sie existiert vielleicht zufällig, bedarf aber nach dem Gesetz der Kausalität dennoch einer Ursache. Die Ursache der Welt muss aber selbst wiederum eine Ursache haben. Um nicht in einer endlosen Ursachenkette gefangen zu sein, bedarf es einer absolut notwendigen Ursache, die ihrerseits nicht weiter verursacht wurde. Diese absolute Ursache ist Gott. Er ist der unbewegte Beweger, die prima causa.40 Kant akzeptiert zwar den empirischen Teil des kosmologischen Gottesbeweises, verweist jedoch darauf, dass dieses Vorgehen nur schmuckes Beiwerk ist. Die Kausalität des Kosmos wird letztlich dazu benutzt, um einen reinen Vernunftbegriff zu plausibilisieren. Gott wird im kosmologischen Gottesbeweis darum ganz analog wie auch schon im ontologischen Gottesbeweis als notwendig existierend gedacht. Damit verschuldet sich der kosmologische Gottesbeweis des gleichen Fehlschlusses, wie es der ontologische Gottesbeweis getan hat.41

Wie sich zeigt, lässt sich auf diese Art auch der physikotheologische Gottesbeweis kritisieren. Für ihn hegt Kant nichtsdestotrotz noch die größten Sympathien.42 Der physikotheologische Gottesbeweis besteht streng genommen aus drei Schritten. Zunächst wird von der Ordnung und Zweckmäßigkeit der Welt auf einen Urheber geschlossen. Dann wird in einem zweiten Schritt von der beobachteten Zweckmäßigkeit der Welt auf eine absolute Vollständigkeit der Zweckmäßigkeit der Welt geschlossen. Dieser absolut vollständigen Zweckmäßigkeit der Welt muss ein absolut notwendiger Urheber entsprechen.

In einem dritten Schritt wird nun von der Annahme eines absolut notwendigen Urhebers auf dessen Dasein geschlossen.43 Das Schlussverfahren ist für Kant zunächst auf der empirischen Ebene unzulänglich. Der Grund hierfür ist die unangemessene Analogie, auf deren Basis der Beweis verfährt. Im physikotheologischen Gottesbeweis nimmt man an, dass die Objekte der Natur eines intelligenten Schöpfers bedürfen, ähnlich wie die Existenz einer Uhr einen menschlichen Verstand voraussetzt, der diese Uhr erschaffen hat. Doch mittels dieser Analogie ließe sich nur ein Weltbaumeister begründen und kein Weltschöpfer. In Analogie zum Menschen findet der Weltbaumeister das Material nur vor, er hat es aber nicht selbstständig erzeugt. Der Beweis kann in seinem empirischen Teil nur eine Ursache erschließen, deren Weisheit und Macht proportional zur Zweckmäßigkeit der beobachteten Naturerscheinungen steht. Wollen wir uns eine Vorstellung von Gott machen, suchen wir jedoch nach einer absoluten Macht. Zudem wird mit einem Verweis auf die Zweckmäßigkeit der Welt nichts über Gottes moralische Attribute ausgesagt.44

Kant gelangt deshalb zu dem folgenden Resultat: „Der Schritt zu der absoluten Totalität ist durch den empirischen Weg ganz und gar unmöglich.“ 45 Damit bleibt dem physikotheologischen Gottesbeweis nur noch die Möglichkeit seine empirische Unzulänglichkeit durch nichtempirische Gründe auszugleichen. Dies beinhaltet der Beweis im zweiten Schritt. Er erweist sich fortan jedoch als versteckter kosmologischer Gottesbeweis und hierdurch in letzter Instanz als Abwandlung des ontologischen Gottesbeweises.46

[...]


1 S. Kant, KrV A VII.

2 Vgl. Swinburne, Richard: The Existence of God, S. 1f.

3 In dieser Arbeit wird aus Gründen der Leserlichkeit das generische Maskulin verwendet, weibliche und diverse Formen sind implizit mitzulesen.

4 Vgl. Swinburne, Richard: The Existence of God, S. 2.

5 Vgl. Kreimendahl, Lothar: Humes frühe Kritik der Physikotheologie, S. 198.

6 Vgl. Kant, KrV A 620f.; Hume, David: Dialoge über natürliche Religion.

7 Vgl. Sans, Georg: Philosophische Gotteslehre, S. 9.

8 Vgl. Fischer, Norbert: Vom Rang und Sinn der Gottesfrage in der Philosophie Kants, S 1.

9 Vgl. Ebd., S. 2.

10 So zum Beispiel von Peter Rohs in seinem Werk „Der Platz zum Glauben“. Vgl. Rohs, Peter: Der Platz zum Glauben.

11 Zum Begriff Physikotheologie, vgl. Lorenz, Art. Physikotheologie, 947-955.

12 Vgl. Ebd.; Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 471.

13 Vgl. Zimmermann, Walter: Evolution und Naturphilosophie, S. 77.

14 Vgl. Rohs, Peter: Der Platz zum Glauben, S. 71.

15 Vgl. Krolzik, Udo: Säkularisierung der Natur - Providentia-Dei-Lehre und Naturverständnis der Früh- aufklärung, S. 151.

16 Vgl. Waschkies, Hans-Joachim: Physikotheologie als Gegenstand historischer Forschung, S. 171.

17 Ebd., S. 167.

18 Vgl. Kreimendahl, Lothar: Die Kirche ist mir ein Greuel, S. 10.

19 Vgl. Petersen, Henrik: Physikotheologie im Norddeutschland des 18. Jahrhunderts zwischen theologi- scher Erbauung und Wissensvermittlung, S. 23.

20 Vgl. Dehmel, Gisela: Die Arzneimittel der Physikotheologie, S. 49.

21 S. Waschkies, Hans-Joachim: Physikotheologie als Gegenstand historischer Forschung, S. 164; der Be- griff „natürliche Theologie“ bezeichnet das Wissen von Gott, welches der Mensch durch reines Nachden- ken erlangen kann. Vgl. Sans: Philosophische Gotteslehre, S. 10.

22 Vgl. Rohs, Peter: Der Platz zum Glauben, S. 71.

23 Vgl. Waschkies, Hans-Joachim: Physikotheologie als Gegenstand historischer Forschung, S. 167.

24 Vgl. Rohs, Peter: Der Platz zum Glauben, S. 71.

25 Vgl. Hume, David: An Enquiriy Concerning Human Understanding, Abschnitt XI.

26 Vgl. Waschkies, Hans-Joachim: Kosmonogie und Physikotheologie beim jungen Kant, S. 183.

27 Vgl. Düsing, Klaus: Kritik der Theologie und Gottespostulat bei Kant, S. 57.

28 Vgl. Kant, KrV A 590f.

29 Vgl. Fischer, Norbert: Philosophie der Religion, S. 57.

30 Vgl. Düsing, Klaus: Kritik der Theologie und Gottespostulat bei Kant S. 58.

31 Vgl. Anselm von Canterbury, Proslogion, Kap. II, S. 54ff.; zu den Gottesbeweisen vgl. Schlüter, Art. Gottesbeweis, 818-830.

32 Vgl. Kant, KrV A 593f.

33 S. Kant, KrV A 598.

34 Sollte Angela Merkel zum Zeitpunkt dieser Lektüre nicht mehr Bundeskanzlerin der BRD sein, muss das Prädikat in „Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland a. D.“ geändert werden.

35 Vgl. Gölz, Walter: Kants „Kritik der reinen Vernunft“ im Klartext, S. 148f.

36 Vgl. Fischer, Norbert: Philosophie der Religion, S. 59.

37 Vgl. Ebd., S. 59.

38 Vgl. Irrlitz, Gerd: Kant-Handbuch, S. 256.

39 S. Kant: KrV A 601.

40 Vgl. Gölz, Walter: Kants „Kritik der reinen Vernunft“ im Klartext S. 156f.

41 Vgl. Gölz, Walter: Kants „Kritik der reinen Vernunft“ im Klartext S. 156f.; Fischer, S. 60f.

42 Vgl. Kant, KrV A 651.

43 Vgl. Höffe, Otfried: Immanuel Kant, S. 161.

44 Vgl. Rohs, Peter: Der Platz zum Glauben, S. 72f.

45 S. Kant, KrV A 628.

46 Vgl. Höffe, Otfried: Immanuel Kant, S. 162f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Kants Ethikotheologie. Eine plausible Alternative zur Physikotheologie?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V498730
ISBN (eBook)
9783346018281
ISBN (Buch)
9783346018298
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant, Ethikotheologie, Physikotheologie, rational, Theologie, Gottesbeweise
Arbeit zitieren
Sebastian Lübken (Autor), 2019, Kants Ethikotheologie. Eine plausible Alternative zur Physikotheologie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498730

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