Die Degrammatikalisierung bildet in der Sprachwissenschaft ein relativ junges Forschungsgebiet, daher haben sich bisher noch nicht viele Linguisten mit diesem Thema beschäftigt. Die Forschungen, die jedoch bereits getätigt wurden, führen zu unterschiedlichen Ergebnissen und Streitigkeiten. In dieser Arbeit geht es darum zu definieren, was die Degrammatikalisierung ist und, ob sie überhaupt tatsächlich existiert.
Der Begriff der Degrammatikalisierung wird teilweise in komplett unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht, deshalb wird das Konzept zunächst von anderen Sprachwandelbegriffen abgegrenzt werden und im Folgenden wird auf die Degrammatikalisierung nach Norde eingegangen, da sie eine überzeugende und ausgereifte Erklärung diesbezüglich in ihrer Monographie darlegt, so dass klar wird, was die Degrammatikalisierung denn eigentlich ist.
Degrammatikalisierung steht in enger Verbindung zu der Grammatikalisierung. Daher wird in dieser Arbeit auch teilweise auf dieses Sprachphänomen eingegangen. Zudem werden die Grammatikalisierungsparameter nach Lehmann in Augenschein genommen und besonders im Hinblick auf die Umkehrung dieser Parameter durch Muriel Norde, um die Degrammatikalisierung benennen zu können, untersucht werden. Zum Abschluss wird versucht sowohl Argumente, die gegen als auch welche, die für die Degrammatikalisierung sprechen widerzuspiegeln, um darlegen zu können, ob dieser Sprachprozess tatsächlich existiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Abgrenzung des Begriffs der Degrammatikalisierung
Lehmannsche Parameter
Parameter der Grammatikalisierung nach Lehmann
Umkehrung der Parameter
Degrammatikalisierung nach Norde
Existenz der Degrammatikalisierung
Argumente gegen die Existenz der Degrammatikalisierung
Argumente für die Existenz der Degrammatikalisierung
Fazit
Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das theoretische Konzept der Degrammatikalisierung, definiert dessen Abgrenzung zu verwandten Sprachwandelprozessen und evaluiert kritisch, ob dieser Prozess in der Linguistik als existent betrachtet werden kann.
- Grundlagen und Definitionen der Degrammatikalisierung
- Analyse und Umkehrung der Lehmannschen Grammatikalisierungsparameter durch Muriel Norde
- Klassifizierung der Degrammatikalisierung nach dem Modell von Andersen
- Gegenüberstellung von Argumenten für und gegen die theoretische Existenz dieses Sprachwandels
Auszug aus dem Buch
Existenz der Degrammatikalisierung
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wirft das Thema der Degrammatikalisierung in der Sprachwissenschaft eine Diskussion auf.
Im Folgenden sollen sowohl die Ansichten der Gegner, als auch die der Befürworter der Degrammatikalisierung betrachtet werden.
Argumente gegen die Existenz der Degrammatikalisierung
Viele Sprachforscher bringen als Gegenargument für die Degrammatikalisierung an, dass die Grammatikalisierung ein gerichteter und somit unidirektionaler Prozess ist, der nicht umkehrbar ist. Da die Degrammatikalisierung als das Spiegelbild der Grammatikalisierung definiert wird, behaupten einige Linguisten diesen systematischen Prozess könne es nicht geben.
Lehmann, der ebenfalls diese Ansicht vertritt, gesteht einige Beispiele ein, die für die Degrammatikalisierung sprechen, entkräftet sie allerdings, da die Geschichte erweise, dass Grammatikalisierung stets in eine Richtung verlaufe (vgl. Lehmann 2006). Auch Joachim Jacobs nennt wenige Beispiele, die die Degrammatikalisierung beweisen könnten, doch benennt er diese als Ausnahmen von der Grammatikalisierung und behauptet: „bei einer kreativen Tätigkeit wie Sprache bleib[e] keine Regel ohne Ausnahme“ (Jacobs 1995: 1256).
Während man im Lateinischen an das Ende eines Verbes beispielsweise das Personalsuffix -o hängen muss, um die 1. Person Singular erkenntlich zu machen, benutzt man im Französischen hierfür zusätzlich das je. Die Strukturmittel des Französischen, das sich aus dem Lateinischen entwickelt hat, sind folglich weniger grammatisch als die des Lateinischen und dennoch handelt es sich laut Jacobs in diesem Fall nicht um Degrammatikalisierung, sondern um Grammatikalisierung. Dies lässt sich dadurch erklären, dass sich je aus ego entwickelt hat. Dazu schreibt er: „Ob bei diachronen Vergleichen der spätere Zustand einen geringeren Grad an Grammatizität aufweist als der frühere, hängt einfach von der Wahl der verglichenen Stadien ab“ (Jacobs 1995: 1257).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Das Kapitel führt in das junge Forschungsfeld der Degrammatikalisierung ein und umreißt die methodische Vorgehensweise sowie die Zielsetzung der Arbeit.
Abgrenzung des Begriffs der Degrammatikalisierung: Hier werden Definitionen sowie Abgrenzungen gegenüber Begriffen wie Lexikalisierung oder Antigrammatikalisierung vorgenommen, um ein klares Begriffsverständnis zu schaffen.
Lehmannsche Parameter: Dieses Kapitel erläutert die von Christian Lehmann entwickelten Parameter zur Messung der Grammatikalisierung, welche als Grundlage für die spätere Analyse dienen.
Degrammatikalisierung nach Norde: Hier wird Muriel Nordes Klassifizierung der Degrammatikalisierung, basierend auf dem Modell von Andersen und der Umkehrung Lehmannscher Parameter, detailliert dargestellt.
Existenz der Degrammatikalisierung: In diesem Kapitel werden die theoretischen Debatten beleuchtet und Argumente sowohl der Kritiker als auch der Befürworter gegenübergestellt.
Fazit: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die aktuelle Beweislage sowie die Zukunftsperspektiven der Forschung zur Degrammatikalisierung.
Schlüsselwörter
Degrammatikalisierung, Grammatikalisierung, Sprachwandel, Lehmannsche Parameter, Muriel Norde, Unidirektionalität, Sprachwissenschaft, Lexikalisierung, Degrammation, Deinflectionalization, Debonding, Morphologie, Syntax, Sprachtheorie, diachroner Vergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem linguistischen Phänomen der Degrammatikalisierung und der Frage, ob dieser Prozess als Gegenbewegung zur Grammatikalisierung existiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Begriffsdefinition, die Auseinandersetzung mit theoretischen Modellen (insbesondere Lehmann und Norde) sowie die kritische Prüfung der Unidirektionalität von Sprachwandelprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, durch die theoretische Aufarbeitung und die Betrachtung konkreter Sprachbeispiele zu klären, ob die Degrammatikalisierung ein real existierender Sprachwandelprozess ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Analyse der Fachliteratur und vergleicht verschiedene linguistische Modelle, um die Degrammatikalisierung zu systematisieren und ihre Existenz zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der begrifflichen Abgrenzung, der mathematischen Umkehrung von Grammatikalisierungsparametern und der Anwendung dieser auf das Modell der Degrammatikalisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Degrammatikalisierung, Grammatikalisierung, Unidirektionalität, Lehmannsche Parameter, Muriel Norde und Sprachwandel.
Was unterscheidet primäre von sekundärer Degrammatikalisierung nach Norde?
Die primäre Degrammatikalisierung beschreibt die Entwicklung eines Funktionswortes zu einer vollen lexikalischen Einheit, während die sekundäre Degrammatikalisierung die Abschwächung der Grammatikalität gebundener Morpheme umfasst.
Wie lautet das Fazit der Autorin bezüglich der Existenz des Phänomens?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es nachweisbare Vorgänge gibt, die der Degrammatikalisierung zuzuordnen sind, und plädiert dafür, die Theorie der absoluten Unidirektionalität in der Sprachwissenschaft kritisch zu überdenken.
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- Suna Vural (Author), 2017, Degrammatikalisierung. Was ist sie und existiert sie wirklich?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498832