Märtyrerbildnisse zur Zeit der Französischen Revolution

Jacques-Louis Davids propagandistische Maßnahmen zum Erhalt der revolutionären Bestrebungen


Hausarbeit, 2018
37 Seiten, Note: 3,0
Hanno Dampf (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die historischen Entwicklungen der Französischen Revolution
2.1 Die Phase der Vorrevolution (1789-1791)
2.2 Die Phase der gegenrevolutionären Bestrebungen (1791-1794)

3. Das Märtyrerbild im Kontext des Historienbildes

4. Der Tod des Peletier (um 1793)
4.1 Bildbeschreibung
4.2 Propagandistische Ziele und Umredaktionen

5. Der Tod des Marat (1793)
5.1 Bildbeschreibung
5.2 Propagandistische Ziele und Umredaktionen

6. Der Tod des Joseph Bara
6.1 Bildbeschreibung
6.2 Propagandistische Ziele und Umredaktionen

7. Schlussbetrachtung

Angegebene Abbildungen sind aus urheberrechtlichen Gründen nicht Teil der Veröffentlichung!

1. Einleitung

Im letzten Jahrzehnt des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde der europäische Kontinent von der ausgreifenden Französischen Revolution (1789-1799) geprägt, die den Ausgangspunkt eines politisch und gesellschaftlich unsteten Zeitabschnitts bildete und eine Zäsur für die bestehenden Machtverhältnisse in Frankreich bedeutete. Mit der Gründung der Französischen Republik am 21. September des Jahres 1792, wurde eine Jahrzehnte anhaltenden Phase des Kampfes zwischen den revolutionären Republikanern und den monarchietreuen Verfechtern des Ancien Régimes, die eine politische Restaurierung einzuleiten versuchten, eingeläutet. Für die handelnden Akteure und Agitatoren des Widerstands, im Namen der noch jungen Republik, war die Gefahr konterrevolutionärer Bestrebungen im In- und Ausland demnach omnipräsent. Umso mehr wurde versucht die französische Bürgerschaft auf die gewaltsame Wiederumkehrung der neuen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse vorzubereiten und das revolutionäre Gedankengut aufrechtzuerhalten. Hierfür wurde auf zahlreiche propagandistische Maßnahmen und Umredaktionen der historischen Tatbestände zurückgegriffen. Eine zentrale Rolle kam dabei der linksradikalen Partei der Jakobiner zu, denen unter anderem die Protagonisten Maximilien de Robespierre (1758-1794), Jean Paul Marat (1743-1793) und Jacques-Louis David (1748-1825) angehörten. Vor allem eben jener David ergriff nahezu jegliche Möglichkeit, um die bereits angeheizte Stimmung gegenüber den Konterrevolutionären weiter zu schüren und zu konzentrieren. Hierfür griff er neben zahlreichen öffentlichen Inszenierungen, auch auf die Wirkkraft seiner eigens für die öffentliche Propaganda geschaffene Helden- und Märtyrerbilder bekannter Widerständler zurück und scheute sich nicht die eigentlichen zeitgenössischen Tatbestände innerhalb seiner Werke umzudeuten und zuzuspitzen.

In der Folge der anstehenden Ausarbeitungen wird der Themenkomplex eben jener Helden- und Märtyrerbilder im Zuge der Französischen Revolution Gegenstand dieser Arbeit sein. Als analytische Grundlage werden dabei die von Jacques-Louis David geschaffenen Bildnisse des Abgeordneten des Nationalkonvents Michel Le Peletier de Saint-Fargeau (1760-1793) – „Der Tod des Peletier“ (Abb. 1 +Abb. 2) –, des Autors und Mediziners Jean Paul Marat – „Der Tod des Marat“ (Abb. 3) –, sowie des republikanischen Kindersoldaten Joseph Bara (1779-1793) – „Der Tod des Bara“ (Abb. 4) – dienen, wobei der Fokus dieser Ausführungen auf der Auseinandersetzung mit dem Werk des Marats liegen wird. Dabei soll der vordergründigen Frage nachgegangen werden, inwiefern David das Ableben der genannten Personen im Sinne der Revolution, aufgriff, umdeutete und propagandistisch verwertete. Des Weiteren wird von entscheidendem Interesse sein, wie er das sich gegenseitig bedingende, bipolare Kontrast-verhältnis zwischen der aufstrebenden Republik und der untergehenden Monarchie aufzubauen und in eine unmittelbare Verbindung zu setzen vermochte.

Um die gesamte Tragweite der politischen und gesellschaftlichen Umstände zu Zeiten der Französischen Revolution nachvollziehen zu können, wird zuvor jedoch ein kurzer Exkurs über die historischen Entwicklungen der französischen Republik vorangestellt werden, bevor eine Einordnung der vermeintlichen Gattung des Märtyrerbildes im Kontext des Historienbildes erfolgen soll. In Folge dieses einleitenden Überbaus wird die analytische Besprechung der zuvor erwähnten Einzelwerke in chronologischer Reihenfolge anschließen.

Historische Einordnung

2. Die historischen Entwicklungen der Französischen Revolution

Der Ausbruch der Französische Revolution im Jahre 1789 ist auf eine Systemkrise des Ancien Régimes im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zurückzuführen, die sich im Gleichschritt mit dem wachsenden Selbstverständnis des französischen Bürgertums, respektive des sich erhebenden Dritten Standes, im Zuge der Aufklärung sowie den sich chronisch verschlechternden sozioökonomischen Verhältnissen einherging. Der Verlauf der Französischen Revolution lässt sich grob in drei Phasen untergliedern: Die vorrevolutionäre Phase (1789-1791), die Phase der gegenrevolutionären Bestrebungen und Gründung der Republik (1791-1794), sowie die Phase der sogenannten Direktoralzeit (1795-1799).1

Im Hinblick auf den Rahmen der vorliegenden Arbeit werden im Zuge dieser Ausarbeitungen jedoch lediglich die essentiellen Ereignisse der ersten beiden Phasen von besonderem Interesse sein, da sich das nationale Wirken Davids, aufgrund seiner Verhaftung am 29. Juli des Jahres 1794, auf diesen Zeitrahmen beschränkte.2

2.1 Die Phase der Vorrevolution (1789-1791)

Die Phase der Vorrevolution war zunächst von dem ausgehenden Konflikt des französischen Adeltums und des in Opposition stehenden absolutistischen Königshof um den bourbonischen Monarchen Ludwig XVI. (1754-1793) (Abb. 5) und seiner habsburgischen Gemahlin Marie-Antoinette (1755-1793) (Abb. 6) geprägt. Dieser geriet aufgrund der konstant anwachsenden Kosten des Hofstaates – in Anbetracht der ohnehin schon hohen Staatsschulden und zahlreicher weiteren Skandale – mehr und mehr in den Verruf der Verschwendungssucht und verlor so zunehmend an Ansehen und Prestige. Ein weiterer Grund für den Zerfall des monarchischen Rückhaltes lag zudem am Voranschreiten aufklärerischer Tendenzen innerhalb des Bürgertums, sodass Ludwig XVI., der in der Bevölkerung ohnehin bereits als ein geschwächter König galt, weiter an seiner integrativen Kraft und sakralen Aura einbüßen musste.3

Um einen Staatsbankrott abzuwenden und den Haushalt des französischen Staates zu sanieren, leitete der damalige französische Finanz-Generalkontrolleur Charles Alexandre de Calonne (1743-1802) (Abb. 7) Reformen ein, die die Konjunktur ankurbeln und die massiven Ungleichheiten des Steuersystems anpassen sollten. Weitere durchaus bürgerfreundliche Maßnahmen sahen unter anderem die Liberalisierung der Getreidewirtschaft sowie das Abtragen der Binnenzölle vor. Da für solche Reformen die Zustimmung der Obersten Gerichtshöfe, die der Monarchie zunehmend skeptischer gegenüberstanden, notwendig waren, den sogenannten Parlements, wurde zunächst eine Notabeln-Versammlung, bestehend aus Klerikern, Aristokraten und geadelten Bürgen in Versailles einberufen, die die Pläne Calonnes absegnen und in Kraft setzten sollten. Da der Adelstand seine Privilegien und Vorrechte in Gefahr sah, erhielt das Vorhaben letztlich jedoch keine der notwendigen Mehrheiten. In Folge dessen entließ Ludwig XVI. den Finanz-Generalkontrolleur Calonne und löste die einberufene Versammlung am 25. Mai 1787 auf.4

Ausgehend vom französischen Zentrum Paris verstärkte das Parlement sein Engagement gegen den Königshof allerdings weiterhin und wurde dabei sowohl von den niedrigeren, als auch von großen Teilen der höher gestellten Stände uneingeschränkt unterstützt. Voltaire hielt diesen Zustand folgendermaßen fest:

„Das Volk sieht im Parlament nur den Feind der Steuern, und die Reichen ermutigen das Murren des Pöbels.“5

Im darauffolgenden Jahr 1788, bekam die Bewegung weiteren Auftrieb, indem sich auch die französischen Provinzen dem Pariser Widerstand anschlossen. Bereits kurz nachdem eine Tagung des Parlements in der süd-östlichen Region Dauphiné verboten wurde, kam es zu einer Radikalisierung des ansässigen Bürgertums und damit verbundenen Aufständen in der Provinzhauptstadt Grenoble, welche letztlich in einer gemeinschaftlichen Versammlung in Vizille gipfelten, die gegen den ausdrücklichen Willen Ludwig XVI. abgehalten wurde. Die Mehrheit dieser Versammlung stellten Vertreter des Dritten Standes, die die Einberufung der Generalstände, dem sogenannten État Généraux – hier auf einer kolorierten Radierung von Jean-Michel Moreau aus dem Jahr 1790 (Abb. 8) – einforderten. Dieses Instrument setzte sich aus Gesandten aller drei Stände des französischen Volkes zusammen und war in Krisenzeiten dazu befugt politische Entscheidungsprozesse abzusegnen und zu legitimieren – in diesem Fall die geplanten Steuerreformen. Aufgrund des öffentlichen Drucks und seiner ohnehin geschwächten Position, berief Ludwig XVI. eben diese Generalversammlung für den 5. Mai des Jahres 1788 in Versailles ein. Bei der letzten Einberufung eben jener Generalstände im Jahr 1614, stellte jeder der Stände 300 Abgeordnete, was dem privilegierten Klerus und Adel aufgrund eines Wahlmodus, bei dem jeder Stand eine einheitliche Stimme abgeben musste, unweigerlich die Mehrheit einbrachte. Da der Dritte Stand mit zirka 95 Prozent jedoch die absolute Mehrheit des Staates ausmachte und somit eine unmittelbare Bedrohung für die gehobenen Stände bedeutete, wurde ihnen eine Verdoppelung der stimmberechtigten Vertreter zugesprochen. Aufgrund dieser neuen Zusammensetzung blieben die Debatten und Verhandlungen aufgrund von Blockaden zunächst ergebnislos. Der Dritte Stand war zu keinerlei Kompromissen bereit, verschickte jedoch Einladungen an einzelne Vertreter der anderen Stände an einer ihrer Sitzungen teilzunehmen. In Folge dessen schlossen sich am 13. Juni 1788 einige volksnahe und reformwillige Adelige und Kleriker – darunter hauptsächlich Dorf- und Gemeindepfarrer – der Bewegung des Dritten Standes an, der somit die numerische Mehrheit stellte. Bereits einige Tage später, am 17. Juni erklärte sich eben diese neue Mehrheit zur Assemblée Nationale Constituante, der sogenannten Nationalversammlung zusammen, die 96 Prozent der französischen Bevölkerung abbildete und es sich zum Ziel gemacht hatte eine Verfassung auszuarbeiten die die Stärkung des Bürgertums vorsah. Nachdem der König anschließend den Versammlungssaal versperren ließ, kam es im nahegelegenen Ballhaus von Versailles zum sogenannten Ballhausschwur (Abb. 9), der das gegenseitige Versprechen beinhaltete, sich nicht zu trennen bevor eine Verfassung ausgearbeitet wurde.

Als Gegenmaßnahme infolge der nicht genehmigten Versammlung ließ Ludwig XVI. die Truppen in der Pariser Region zusammenziehen und formieren. Mit der Entlassung des beim Dritten Stand hoch angesehenen Finanzkontrolleurs Jacques Necker (1732-1804) am 11. Juli 1789, erfolgte nun ein rasanter Stimmungsumschwung innerhalb der Nationalversammlung. Die Formation der Truppen sowie die Entlassung Neckers wurden als ein Zeichen der beginnenden Konterrevolution der Aristokraten gewertet. Die Bürger in Paris versammelten sich daraufhin im Palais Royal, dem Stadtpalast unweit des Louvres, wo einer der Wortführer der Revolution Camille Desmoulins (1760-1794) zum bewaffneten Widerstand aufrief:

„Die Entlassung Neckers ist die Sturmglocke zu einer Bartholomäusnacht der Patrioten! Die Bataillone der Schweizer und Deutschen werden uns noch heute den Garaus machen. Nur ein Ausweg bleibt uns: zu den Waffen zu greifen!“6

Nur drei Tage nach der Entlassung Neckers, am 14. Juli 1789 wurden im Zeughaus zirka 32.000 Waffen geplündert. Im Anschluss daran folgte der Sturm auf die Bastille, dem Pariser Stadtgefängnis, das zum Symbol der Unterdrückung der Monarchie stilisiert wurde, wie Huber Roberts bereits kurz nach den Ereignissen geschaffenes Gemälde „Die Bastille in den ersten Tagen nach ihrer Zerstörung“ (Abb. 10) zeigt. Als Konsequenz zog Ludwig XVI. die Truppen daraufhin zurück und setzte Necker wieder in das Amt des Finanzkontrolleurs. Noch am folgenden Tag reiste er nach Paris, wo er das Handeln der Aufständischen durch das Anstecken der Kokarde, die zum Erkennungszeichen der Revolutionäre wurde, widerwillig legitimierte.

Das Vorgehen in Paris war eine Initialzündung für Revolten in ganz Frankreich. Nahezu überall kam es zu Gründungen von Nationalgarden, die in den Städten und Gemeinden die Verwaltungsaufgaben übernahmen und die Regionen somit vom klassischen französischen Feudalsystem entkoppelten. Im August desselben Jahres erfolgte die Ausarbeitung einer neuen und verbindlichen Nationalverfassung, die die Menschen- und Bürgerrechte nach amerikanischem Vorbild ins Zentrum setzte (Abb. 11). Der Staat sollte dabei auf den Grundwerten der Freiheit (liberté), Gleichheit (égalité) und Brüderlichkeit (fraternité) aufbauen. Die Souveränität lag demnach nicht mehr beim nun nur noch repräsentierenden Monarchen, sondern ging vom französischen Volk aus, das von diesem Zeitpunkt an zudem von der Ständegesellschaft befreit war. Weitere Erfolge der neu gewonnenen Freiheit lagen unter anderem in der Trennung von Legislative, Judikative und Exekutive, dem Recht auf freie Meinungsäußerung, der Gleichheit vor dem Gesetz sowie in der Presse- und Religionsfreiheit. Am 3. September 1791 trat die ausgearbeitete Verfassung mit ihrer Verabschiedung endgültig und bindend in Kraft. Bereits einen Monat später wurde eine neue Nationalversammlung auf ein Jahr hin gewählt, die in der Manègerie, dem ehemaligen Reitsaal des Tuilerien-Schlosses, tagen sollte. Die Abgeordneten setzten sich aus den politisch Clubs der linken Girondisten, den in der Mitte anzusiedelnden Indépendants und den rechten, königsteuen Feuillants zusammen.7

In Folge der neu geschaffenen Ordnung, bestand die Hauptaufgabe der politischen Führung der noch jungen Republik nun darin, die bestehenden Verhältnisse sowie die erkämpften Rechte des Bürgertums zu stabilisieren und gegen mögliche konterrevolutionäre Bestrebungen aus dem In- und Ausland zu verteidigen. In dieser Phase wurden neben radikalen Maßnahmen zur Abwehr der Unterstützer der alten Monarchie auch auf klare propagandistische Mittel der neu etablierten Parteien zurückgegriffen.

2.2 Die Phase der gegenrevolutionären Bestrebungen (1791-1794)

Die Haltung Jean Paul Marat (Abb. 12), einem Arzt, Journalisten und Naturforscher, sowie die von Jacques-Louis David (Abb. 13) – zwei treibenden Kräften der politischen Propagandamaschine – waren zum Zeitpunkt des Ballhausschwures von 1789 noch von gemäßigter Natur. Beide brachten sich damals zunächst für den Erhalt einer konstitutionellen Monarchie ein.8 Diese wurde in Folge der Festnahme, der anschließenden Absetzung und der späteren Hinrichtung Ludwig XVI. im Herbst des Jahres 1792, aufgrund seiner konterrevolutionären Bestrebungen jedoch endgültig abgeschafft. In diesem Zeitraum ereigneten sich zudem auch die von Jean Paul Marat initiierten „Septembermorde“, bei denen im ganzen Land zirka 3000 Royalisten und geistliche Konterrevolutionäre ermordet wurden, die versuchte die alten Verhältnisse wiederherzustellen.9 Der damalige Justizminister Georges Danton (1759-1794) (Abb. 14) – ein Anhänger der Jakobiner – ließ diese Taten ungeahndet vonstatten gehen.

Die Habsburger, die das Geschehen in Frankreich lange Zeit interventionslos verfolgt hatten, beunruhigten die aktuelle Situation sowie die angespannte internationale Stimmungslage zunehmend. In Folge dessen kam es in der Nationalversammlung verstärkt zu Debatten über einen möglichen bevorstehenden Krieg mit Österreich, deren Befürworter die Girondisten waren. Diese versprachen sich davon nichts weniger als das Ausgreifen der revolutionären Tendenzen in den anderen europäischen Nachbarländern und warben daher nun offen für den Krieg gegen Österreich. Während der Redeführer der Jakobiner, Maximilien de Robespierre (Abb. 15), in einer Rede vor den Abgeordneten des Parlaments ausdrücklich vor diesem Schritt warnte: „Fangt damit an, eure Blicke auf die innere Lage zu werfen! Schafft bei Euch selbst Ordnung, bevor Ihr daran geht, die Freiheit anderswohin zu tragen!“,10 erklärte der Nationalkonvent Österreich am 20. April 1792 jedoch den Krieg, dem bald die Preußen, später auch die Russen und Briten beitraten und der erst durch den Wiener Kongress im Jahr 1815 beendet wurde.11

Für die Hinrichtung des verhafteten Königs, die das Voranschreiten der sich emanzipierenden Republik besiegeln sollte, votierte am 19. Januar 1793 nun unter anderem auch Jacques-Louis David, der sich nach der Bestätigung seiner Nominierung als Abgeordneter durch Jean Paul Marat, im neuen Nationalkonvent den Montagnards – einer radikalen Bewegung der links angesiedelten Partei der Jakobiner – angeschlossen hatte, der unter anderen auch Marat, Robespierre und Danton angehörten. Bereits am darauffolgenden Tag kam es durch die Ermordung des Abgeordneten Michel Le Peletiers (Abb. 16), der sich ebenfalls für das Todesurteil eingesetzt hatte, zu einem Gegenschlag der Royalisten. Als Täter stellte sich ein ehemaliger Leibwächter Ludwig XVI. heraus. Bereits einen Tag nach dem Anschlag erfolgte die Hinrichtung des abgesetzten Königs. Die treibende Kraft dieser Bestrebungen waren die Jakobiner, die während der zeitlichen Periode zwischen 1793 und 1794, der sogenannten Phase der Terreur, die größte Machtfülle hinter sich vereinen konnten und zunehmend radikalere Positionen einnahmen. Dies lag zum einen an der für Frankreich äußerst kritischen Kriegslage sowie an der eng damit in Zusammenhang stehenden ökonomischen Folgen der ausgebrochenen Hyperinflation. Das Prestige und der Rückhalt der kriegsbefürwortenden Girondisten schwanden, aufgrund der bereits seit Jahren anhaltenden Unruhen und bewaffneten Konflikte sowohl innerhalb als auch außerhalb der nationalen Grenzen, nun auch verstärkt innerhalb der Arbeiterschaft und des Kleinbürgertums, den sogenannten Sansculotten, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachten. So konnte der Aufstieg der skrupellosen Jakobiner unaufhaltsam voranschreiten, was eine Phase der zunehmenden Radikalisierung mit sich brachte, die sich letztendlich als ein Zeitabschnitt der Schreckensherrschaft herausstellen sollte. In eben jenem Zeitabschnitt der Terreur (1793 – 1794), geriet jeder Bürger unweigerlich in Verdacht ein Gegner der Republik zu sein, der sich der Bewegung nicht uneingeschränkt anschloss. So kam es auch innerhalb der Partei zu Verdächtigungen und Machtkämpfen, denen im Sommer des Jahres 1794 unter anderem auch die Wortführer Robespierre und Danton zum Opfer fielen. Bereits ein Jahr zuvor, am 13. Juli 1793, erfolgte aufgrund der sich anbahnenden Tendenzen die Ermordung Jean Paul Marats, dem Präsidenten des Jakobiner-Clubs, durch die Adelige Charlotte Corday (1768-1793) (Abb. 17). Diese stand der Revolution, angesichts der Schwäche des Königs, grundsätzlich zwar nicht abgeneigt gegenüber, jedoch verurteilte sie das radikale Vorgehen der Montagnards und versuchte die in Gang geratene Spirale der Gewalt durch das Attentat auf Marat zu durchbrechen.

Die vorausgegangen Ausführungen zu den historischen Verhältnissen der jungen französischen Republik des späten 18. Jahrhunderts, lassen die Zuspitzung der großen politischen Unruhen und Verflechtungen sowie die unsichere und unberechenbare Gemengelage innerhalb des Bürgertums, als auch unter den verantwortlichen Wortführern der jeweiligen Parteien evident werden, was eine zielführende propagandistische Verwertung der zeitgenössischen Umwälzungen durch die relevanten Akteure und Agitatoren erst ermöglichte.

Einer dieser Akteure war unter anderem Jacques-Louis David, der es verstand die aktuellen politischen Stimmungen durch die Umredaktion der historischen Tatbestände innerhalb seiner Gemälde und Portraits zu schüren und zu lenken. Bevor nun jedoch die genaueren historischen Umstände und späteren propagandistischen Vereinnahmungen der Attentate auf Michel Le Peletier und Jean Paul Marat im Kontext der Werkanalysen von Davids Heldenbildnissen Gegenstand dieser Arbeit sollen, muss zunächst jedoch ein allgemeines Kapitel über die Entwicklung des Typus des Märtyrerbildes im Zuge der Historienmalerei vorangestellt werden.

Der Wandel Des Heldenbildnisses von der Antike bis zur Frühen Neuzeit

3. Das Märtyrerbild im Kontext des Historienbildes

In der Geschichte der Kunst erscheint das Märtyrerbild ursprünglich in Verbindung mit Darstellungen von Heiligen oder im Zusammenhang des Passionszyklus, bei denen dem Rezipienten die Wundmale und Stigmata der jeweiligen Person offen und nahezu schonungslos präsentiert werden, so etwa bei Andrea Mantegnas (1431-1506) um das Jahr 1470 entstandene Gemälde der „Beweinung Christi“ (Abb. 18) oder aber in Paul Peter Rubens (1577-1640) Werk „Der Heilige Sebastian“ (Abb. 19) um 1614. Dabei liegt die Konzentration auf dem politisch oder religiös motivierten Glaubenskrieger, der, nach dem Prinzip des Pyramidialsystems, nicht selten in einer exponierten oder bühnenartig erhöhten Position dargestellt wird.12 Somit werden in diesem Zusammenhang ganz bewusst die eindeutigen Darstellungskonventionen des typischen Heldenbildnisses zitiert, die in den mythologischen Bildszene der Antike konstituiert und auf die in den darauffolgenden Jahrhunderten immer wieder zurückgegriffen wurde.13

Mit dem Beginn der frühneuzeitlichen Kunst – Werke der zeitgenössischen Kunst werden in Anbetracht des Rahmens dieser Arbeit keine genauere analytische Untersuchung erfahren –, so bei Benjamin Wests Historienbild „Der Tod des General Wolfe“ (Abb. 20) aus dem Jahr 1770 oder aber Johann Christoph Frischs Werk „Der Tod des preußischen Generals Schwerin“ (Abb. 21) von 1787, wurde hingegen auf besonders blutige und abschreckende Darstellungen weitestgehend verzichtet.14 Nach der deutschen Professorin für Literatur und Linguistik Irmela Krüger-Fürhoff, liege dies zum einen an der Vorstellung, die ungeschönte Präsentation eines verstümmelten Leichnams würde der heldenhaften Darstellung der jeweiligen Person entgegenstehen und den Typus des Märtyrerbildes somit im gleichen Zug konterkarieren.15 Zum anderen sei die Verharmlosung der Sujets auf das Ausbleiben der entsprechenden Erlösungssymbolik im Bildnis zurückzuführen, wie sie noch zu Zeiten der Renaissance oder Barocks üblich waren, was wiederum auf die abnehmenden Religiosität sowie der in Frankreich beginnenden Säkularisierung, im letzten Drittel des 18. Jahrhundert, zurückgehe. Die fehlende Aussicht auf Erlösung führe somit zu dem Versuch einer Reduzierung von Leidesdarstellungen im Diesseits.16

Nach dem deutschen Professor für Kunstgeschichte Werner Busch erlebte die Entwicklung des Historienbildes in Verbindung mit Helden- oder Märtyrerdarstellungen im Verlauf der Jahrhunderte demnach drei unterschiedlich Entwicklungsphasen:17 In einer ersten Phase stünden die klassisch-antiken Helden der Mythologie, dem christliche Helden, der die zweite Phase begründete, entgegen. Dennoch würde dieser weiterhin klare klassisch-antike Darstellungskonventionen aufweisen. Erst infolge der dritten und letzten Entwicklungsphase des Historienbildes, so Busch, entferne sich das Helden- und Märtyrerbild jedoch allmählich von der klassischen Darstellungsweise des antiken Archetypen, sodass sich die Protagonisten des modernen Heldentypus letztlich in erster Linie an seinen christlichen Vorbildern orientiere.

Einigen Künstlern jedoch, darunter auch Jacques-Louis David, gelang es aufgrund entsprechender Zitate und impliziter Anspielungen, die „ikonographische[n] Tradition[en] und das aktuelle Thema [also die zeitgenössischen politischen Ereignisse (Anm. des Autors)] in ein spannungsreiches Verhältnis“18 zu setzen, sodass es gerade bei diesen Darstellungen zu einer allegorischen „Synthese aus Historienbild, Portrait und idealisiertem Heldenmonument“19 kommen konnte. Eben diese Zitate und Anspielungen, aber auch die damit in Zusammenhang stehenden Umredaktionen der historischen Tatbestände, sollen in Folge der nun anstehenden analytischen und werkimmanenten Auseinandersetzungen mit Davids Heldendarstellungen der Revolution ausführlich herausgearbeitet und beleuchtet werden.

[...]


1 Die Grundlage für die folgenden Ausführungen über die historischen Entwicklungen der Französischen Revolution bildet folgendes Standardwerk: Schulin, Ernst: Die Französische Revolution. München 2004, S.71 f.. (= Beck’s historische Bibliothek, Bd. 4)

2 Schmoll, Josef: Epochengrenzen und Kontinuität. Studien zur Kunstgeschichte [Hrsg.: Nerdinger, Winfried / Schubert, Dietrich]. München 1985, S. 158 ff..

3 Muskat, Jörg: Ludwig XV. und Ludwig XVI.. Krise und Niedergang des Ancien Régimes. München 2015, S.2 f.

4 Jones, Peter: Reform and Revolution in France. The Politics of Transition. Cambridge 1995, S.115 ff..

5 Büttner, Sabine: Die Französische Revolution. Eine Online Einführung. München 2004, S.2. (URL: https://www.historicum.net/de/themen/franzoesische-revolution/einfuehrung/verlauf/) [Stand: 24.02.2018]

6 Schulin 2004, S.71 f..

7 Erbe, Michael: Geschichte Frankreichs von der Großen Revolution bis zur Dritten Republik. 1789-1884. Stuttgart (u.a.) 1982, S.89.

8 Traeger, Jörg: Der Tod des Marat. Revolution des Menschenbildes. München 1986, S.14.

9 Busch, Werner: Das sentimentalische Bild. Die Krise der Kunst im 18. Jahrhundert und die Geburt der Moderne. München 1993, S.83.

10 Plat, Wolfgang: Deutsche Träume oder der Schrecken der Freiheit. Aufbruch ich 19. Jahrhundert. München 1981, S.72.

11 Fahrmeier, Andreas: Europa zwischen Restauration, Reform und Revolution. 1815-1850. München 2012, S.31ff.

12 Krüger-Fürhoff, Irmela Marei: Der versehrte Körper. Revisionen des klassizistischen Schönheitsideals. Göttingen 2001, S.55.

13 Ebd., S.55.

14 Ebd., S.55.

15 Ebd., S.55.

16 Ebd., S.55.

17 Busch 1993, S.24 ff..

18 Krüger-Fürhoff 2001, S.55.

19 Abend, Sandra: Der Tod des Marat. Vorbild für Nachbilder. In: Vor-Bilder. Ikonen der Kulturgeschichte [Hrsg.: Abend, Sandra / Körner, Hans]. München 2015, S.75-96, (hier: S.75).

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Details

Titel
Märtyrerbildnisse zur Zeit der Französischen Revolution
Untertitel
Jacques-Louis Davids propagandistische Maßnahmen zum Erhalt der revolutionären Bestrebungen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (IEK - Institut für Europäische Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Von der Revolution zur Restauration. Darstellungen zeitgenössischer Ereignisse in der Malerei um 1800.
Note
3,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
37
Katalognummer
V498931
ISBN (eBook)
9783346032751
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Revolution, Französische Revolution, Tod des Marat, Restauration, Propanda, Märtyrer, Märtyrerbildnisse, Der Tod des Peletier, Charlotte Corday, Nationalkonvent, Der Tod des Bara
Arbeit zitieren
Hanno Dampf (Autor), 2018, Märtyrerbildnisse zur Zeit der Französischen Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498931

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