Der Islamische Staat hat sich immer wieder auf die Zeit des Frühislams berufen. Hierbei im Besonderen auf die Zeit der vier rechtsgeleiteten Kalifen. Dies nicht ohne Grund, denn diese Zeit gilt als Ideal und wird verklärt im Islam. Die Arbeit beschäftigt sich einerseits mit dem Frühislam, andererseits mit dem Islamischen Statt, um zu analysieren, inwieweit hier Parallelen zu finden sind.
Hintergrund dieses Sujets ist, dass der Rekurs auf vergangene religiöse Traditionen durch islamische Fundamentalisten oftmals rekonstruiert ist, es sich also um "invented traditions" handelt (Tibi 1995: 17). Mit der aufgeworfenen Forschungsfrage soll thematisiert werden, ob der vom islamischen Staat beanspruchte Rekurs auf die Zeit der "vier rechtgeleiteten Kalifen" eine Rückkehr zu dieser Zeit ist oder diese beanspruchte Rückkehr lediglich vom Islamischen Staat konstruiert wird.
Als theoretischer Hintergrund für dies Analyse sollen die Ausführungen Holger Zapfs zum politischen Denken und zur Staatlichkeit im Islam dienen, insbesondere die Ausarbeitungen zum Frühislam.
Im Folgenden wird die Zeit der "vier rechtgeleiteten Kalifen" aus einer politisch-historischen Perspektive erörtert, um in einem zweiten Schritt den Islamischen Staat zu thematisieren. Dieser wird sowohl von seiner Entwicklung seit der Gründung ausgehend betrachtet als auch vonseiner Organisationsstruktur in dem ausgerufenen Kalifat. Nach der Betrachtung dieser beiden Gegenstandsbereiche wird ein Vergleich zwischen der Zeit der "vier rechtgeleiteten Kalifen"und dem Islamischen Staat der Gegenwart gezogen. Im Fazit erfolgt die abschließende Beurteilung hinsichtlich der aufgeworfenen Forschungsfrage.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die frühislamische Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ aus politisch-historischer Perspektive
3. Die Entwicklung des „Islamischen Staats“ seit dem Ausruf zum Kalifat und seine Organisationsstruktur
4. Vergleich der Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ mit dem Islamischen Staat
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch den Anspruch des „Islamischen Staates“, an die frühislamische Ära der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ anzuknüpfen. Dabei wird die Forschungsfrage thematisiert, ob es sich bei der heutigen Organisation tatsächlich um eine Rückkehr zu diesem historischen Vorbild handelt oder ob dieser Rekurs lediglich eine vom „Islamischen Staat“ konstruierte Tradition darstellt.
- Analyse der politisch-historischen Rahmenbedingungen der frühislamischen Zeit
- Untersuchung der Entstehung, Entwicklung und Organisationsstruktur des „Islamischen Staates“
- Vergleich der staatlichen Strukturen und des Umgangs mit Andersgläubigen in beiden Epochen
- Kritische Einordnung des „Islamischen Staates“ als hybrides Staatsmodell der Moderne
Auszug aus dem Buch
Die frühislamische Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ aus politisch-historischer Perspektive
Als die Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ wird die Zeit der frühislamischen Umma unter den ersten vier Kalifen nach Muhammeds Tod bezeichnet. Gemeint ist die Zeit von 632-661. Diesen vier Kalifen werden einige positive Charakteristika und Merkmale zugeschrieben. Es hat sich daher in der sunnitischen Tradition der positiv konnotierte Terminus der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ etabliert (Hartmann 2004: 67). So wird den ersten vier Kalifen nachgesagt, sie seien „vom rechten Glauben“ (Hartmann 2004: 67) erfüllt gewesen, gottesfürchtig und rechtschaffend (Ebd.). Weiter wird ihnen nachgesagt, dass sie einen vorbildlichen Lebensstil führten und keinen Unterscheid machten zwischen den Muslimen der Umma, ob Herrscher oder Untertanen (Ebd.).
Hinsichtlich der Überlieferungen zu diesem frühislamischen Zeitraum ist die eminente Glorifizierung signifikant. Dies zeigt einerseits die positive Konnotation der ersten vier Kalifen, andererseits die Vielzahl an Zuschreibungen positiver Charakteristika. Historisch betrachtet war die frühislamische Umma nach dem Tod ihres Propheten in der Bredouille. Sie befand sich in einer eklatanten Krise. Manche Stämme hatten sich mit dem Tod des Propheten von der Gemeinde losgesagt, andere hatten nur sehr unverbindliche, teils gar keine, Eide abgegeben (Haarmann 2004: 58). Es gab in den Stämmen sogar vier andere Propheten, sogenannte „Nachfolgetäter“ (Ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den aktuellen Kontext des „Islamischen Staates“ und führt die zentrale Forschungsfrage ein, ob der Rekurs auf den Frühislam eine tatsächliche Rückkehr oder eine konstruierte Tradition darstellt.
2. Die frühislamische Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ aus politisch-historischer Perspektive: Dieses Kapitel analysiert die historische Ära der ersten vier Kalifen, wobei insbesondere die prekäre Lage der frühen Umma und die pragmatischen, nicht zentral geplanten Strukturen hervorgehoben werden.
3. Die Entwicklung des „Islamischen Staats“ seit dem Ausruf zum Kalifat und seine Organisationsstruktur: Das Kapitel zeichnet die Genese der Organisation von ihren Anfängen als al-Qaida-Ableger bis hin zur Ausrufung des Kalifats 2014 nach und beleuchtet ihre moderne, ministerielle Organisationsform.
4. Vergleich der Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ mit dem Islamischen Staat: Hier werden die beiden Epochen gegenübergestellt, wobei gravierende Unterschiede in der Toleranz gegenüber Andersgläubigen und im Staatsverständnis aufgezeigt werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Anspruch des „Islamischen Staates“, eine Rückkehr in die Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ zu verkörpern, historisch unbegründet ist.
6. Literaturverzeichnis: Ein Verzeichnis der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Publikationen, die dieser Analyse zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Islamischer Staat, vier rechtgeleitete Kalifen, Frühislam, Kalifat, Fundamentalismus, Ideologie, Staatlichkeit, Scharia, politische Organisation, Historischer Vergleich, Umma, Radikalisierung, Abu Bakr al-Baghdadi, Religion, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem „Islamischen Staat“ und dessen explizitem Rückbezug auf die frühislamische Zeit der sogenannten „vier rechtgeleiteten Kalifen“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind der historische Kontext des Frühislams, die Genese des „Islamischen Staates“, der Vergleich der Organisationsstrukturen sowie die Analyse des Umgangs mit Andersgläubigen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob der vom „Islamischen Staat“ beanspruchte Rekurs auf die Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ eine authentische Rückkehr darstellt oder lediglich eine ideologisch motivierte Konstruktion ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine politisch-historische Perspektive und vergleichende Analyse von historischen Quellen und aktuellem Forschungsstand.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der Organisation, ihre Strukturen im Vergleich zu modernen Staatsformen und stellt diese den historisch belegten Gegebenheiten der frühislamischen Ära gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Islamischer Staat, Frühislam, Kalifat, Fundamentalismus, Staatsmodell und historische Konstruktion charakterisiert.
Welche Rolle spielt die „Schūrā“ in der Argumentation der Arbeit?
Die „Schūrā“ wird als eines der wenigen Elemente angeführt, das sowohl historisch als auch im heutigen „Islamischen Staat“ existiert, wobei ihre Funktion in der Gegenwart stark auf eine „praktische Regierungsführung“ reduziert ist.
Warum wird der „Islamische Staat“ als „halbe Moderne“ bezeichnet?
Der Begriff beschreibt den Widerspruch, dass die Organisation einerseits einen radikalen Gegenentwurf zur Moderne propagiert, andererseits in ihrem ministerialen und administrativen Aufbau stark westlich-modernen Staatsmodellen ähnelt.
Wie unterscheidet sich der Umgang mit „Schriftbesitzern“ in beiden Epochen?
Während die frühislamische Zeit pragmatisch-realpolitische Toleranz zeigte und die Kategorie der „Schriftbesitzer“ sogar erweiterte, zeichnet sich der „Islamische Staat“ durch Intoleranz und Gewalt gegenüber Andersgläubigen aus.
Was ist das Fazit der Arbeit bezüglich der Rückkehr in das Kalifat?
Das Fazit kommt zu dem Ergebnis, dass die Behauptung einer Rückkehr in die Zeit der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ unberechtigt ist, da der „Islamische Staat“ in Struktur und Praxis eklatante Abweichungen vom historischen Vorbild aufweist.
- Arbeit zitieren
- Hendrik Hundertmark (Autor:in), 2015, Der Rekurs des Islamischen Staates auf den Frühislam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498937