Die Stillung des Sturms im Lukasevangelium


Hausarbeit, 2014

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Übersetzung

2. Textanalyse

3. Literarkritik

4. Formgeschichte/-kritik

5. Traditionsgeschichte

6. Redaktions- und Kompositionsgeschichtliche Analyse

7. Zusammenfassende Auslegung

8. Literaturverzeichnis

1. Übersetzung

Thema dieser Proseminararbeit ist die Stillung des Sturms nach dem Evangelium von Lukas. Hierfür soll in mehreren Schritten eine Analyse der Bibelstelle Lukas 8,22-25 erfolgen. Münden soll die Hausarbeit in einer zusammenfassenden Auslegung dieses Textabschnitts. Eingangs muss dafür folgendes aus dem Altgriechischen übersetzt werden:

22Ἐγένετο δὲ ἐν μιᾷ τῶν ἡμερῶν καὶ αὐτὸς ἐνέβη εἰς πλοῖον καὶ οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ καὶ εἶπεν πρὸς αὐτούς· διέλθωμεν εἰς τὸ πέραν τῆς λίμνης, καὶ ἀνήχθησαν.

23πλεόντων δὲ αὐτῶν ἀφύπνωσεν. καὶ κατέβη λαῖλαψ ἀνέμου εἰς τὴν λίμνην καὶ συνεπληροῦντο καὶ ἐκινδύνευον.

24προσελθόντες δὲ διήγειραν αὐτὸν λέγοντες· ἐπιστάτα ἐπιστάτα, ἀπολλύμεθα. ὁ δὲ διεγερθεὶς ἐπετίμησεν τῷ ἀνέμῳ καὶ τῷ κλύδωνι τοῦ ὕδατος· καὶ ἐπαύσαντο καὶ ἐγένετο γαλήνη.

25εἶπεν δὲ αὐτοῖς· ποῦ ἡ πίστις ὑμῶν; φοβηθέντες δὲ ἐθαύμασαν λέγοντες πρὸς ἀλλήλους·

τίς ἄρα οὗτός ἐστιν ὅτι καὶ τοῖς ἀνέμοις ἐπιτάσσει καὶ τῷ ὕδατι, καὶ ὑπακούουσιν αὐτῷ;

Übersetzt lautet es:

22 Aber es wurde der Tag und er stieg in ein Schiff auch seine Jünger auch und er sagte zu ihnen: „Lasst uns zum jenseitigen Ufer des Sees übersetzen. Und sie fuhren ab.“

23 Während sie aber zur See fuhren, schlief er ein und das Wehen des Sturmes kam herab auf die See und sie wurden angefüllt und begaben sich in Gefahr.

24 Nachdem sie zu ihm gegangen waren, wecken sie ihn und sagten: „Lehrer, Lehrer, wir kommen um. Nachdem der aber aufgeweckt worden war, tadelte er den Wind und die Woge des Wassers; und es wurde beendet und Stille geschah.

25 Er sagte aber zu ihnen: „Wo (ist) euer Glauben? [Das „ist“ steht nicht im griechischen Test, dient aber des besseren Verständnisses; statt „Vertrauen“ hätte man auch Glauben in die Übersetzung schreiben können] Als sie sich fürchteten, staunten sie aber und sagten zueinander: „Wer ist demnach dieser, dass er sich auch über den Wind und das Wasser hinwegsetzt, und sie auf ihn hören?

2. Textanalyse

Der Text grenzt sich durch die einleitenden Worte „Ἐγένετο δὲ ἐν μιᾷ τῶν ἡμερῶν“ sowie mit den weiterführenden Worten „αὐτὸς ἐνέβη εἰς πλοῖον“, die von einem neuen Tag und dem Besteigen eines Bootes oder Schiffes handeln, ab. Es kann geschlussfolgert werden, dass der Ort des Geschehens ein See ist. Damit beginnt hier eine neue Geschichte, da die vorangegangene Geschichte noch von einer großen Volksmenge spricht sowie von seiner Mutter und seinen Brüdern. Am Kapitelende bleibt die offene Frage der Jünger nach der Person Jesus, die als Abschluss der Geschichte gesehen werden muss. Nach der Frage beginnt das Kapitel über die Heilung des besessenen Geraseners mit den Worten „Καὶ κατέπλευσαν εἰς τὴν χώραν τῶν Γερασηνῶν“, was eine Veränderung der geografischen Lage aufweist und ein Ende der Sturmstillungsgeschichte auf dem See.

Die Stillung des Sturms gemäß Lukas ist eingebettet von Gleichnissen und Wanderschaften. Eingangs des Kapitels 8 wird gesagt, dass er durch Städte und Dörfer zog, zusammen mit seinen Jüngern sowie einigen Frauen, namentlich erwähnt wird dabei Maria Magdalena. Ferner gelangt er im besagten Textabschnitt an einen See und steigt dort an Bord eines Schiffes oder Bootes. Der Name des Sees ist nicht genannt. Ob an Bord nur seine Jünger waren oder auch einige der erwähnten Frauen, wird nicht eindeutig ersichtlich. Festzuhalten ist jedoch, dass sie dann nicht explizit erwähnt wurden. An die Geschichte der Sturmstillung fügt sich bei Lukas die Heilung des besessenen Geraseners an, d.h. auch dort findet der Name des Sees keine Erwähnung.

Die sprachliche Analyse des Textes zeigt eine Häufung der Wörter λίμνη, ἄνεμος, λέγω und ὕδωρ. Diese kommen in der Geschichte der Sturmstillung in unterschiedlichen Formen vor. Als Präpositionen benutzt Lukas die Wörter ἐν und εἰς, welche allein in diesem Textabschnitt gleich dreimal Verwendung findet. Zum Text hinzu kommen die Konjunktionen δὲ, καὶ und ἄρα, sowie die nebensatzeinleitende Konjunktion ὅτι. Dabei gibt es im Textabschnitt nur einmal die nebensatzeinleitende Konjunktion ὅτι, womit es auch nur einen einzigen Nebensatz gibt. Denn andere nebensatzeinleitende Konjunktionen benutzt Lukas nicht. Der Nebensatz steht am Schluss und lässt die Sturmstillung mit einer Frage enden. Der restliche Test ist durchzogen mit Hauptsätzen, die wiederum angereichert sind mit Partizipialkonstruktionen, beispielsweise διέλθωμεν, πλεόντων oder auch φοβηθέντες. Hinzu kommen die zwei Fragewörter ποῦ und τίς, welche im letzten Vers stehen. Das Personalpronomina ὑμῶν steht zusammen mit dem Wort πίστις in dem vom Wort ποῦ eingeleiteten Fragesatz.

Lukas 8,22 beginnt mit einem Hauptsatz. Das erst Worte Ἐγένετο ist ein Verb und die 3. Person Singular Aorist Indikativ Passiv von γίγνομαι. An diesen Hauptsatz ist durch das Verbindungswort καὶ ein weiterer Hauptsatz angeschlossen mit dem Verb ἐνέβη. Dieses Verb ist die 3. Person Singular Aorist Indikativ Aktiv von ἐμβαίνω. Hier sei angemerkt, dass βαίνω ein Wurzelaorist ist, d.h. ἐμβαίνω muss man zu diesen ebenfalls klassifizieren. Ein weiteres καὶ schließt einen dritten Hauptsatz an, der zusammen mit dem Wort εἶπεν, dieses ist die 3. Person Singular Starker Aorist Indikativ Aktiv von λέγω, zu einer wörtlichen Rede hinführt. Die wörtliche Rede besteht aus einem kurzen Hauptsatz mit dem Verb διέλθωμεν, das von διέρχομαι in der 1. Person Plural Aorist Indikativ Aktiv steht. Daran angefügt ist ein aus zwei Worten bestehender Hauptsatz: Aus der Konjunktion καὶ und dem Verb ἀνήχθησαν. Dieses steht in der 3. Person Plural Aorist Indikativ Passiv.

Lukas 8,23 beginnt mit dem Partizip πλεόντων, das im Präsens Genitiv Plural Maskulinum steht, zusammen mit dem Verb ἀφύπνωσεν in der 3. Person Singular Aorist Indikativ Aktiv. Darauf folgt ein mit καὶ eingeleiteter Hauptsatz, wo λαῖλαψ im Nominativ Singular Femininum steht, weswegen vom Subjekt λαῖλαψ der Genitiv ἀνέμου abhängig ist und das Verb κατέβη, welches, in der 3. Person Singular Aorist Indikativ Aktiv stehend, die Tätigkeit vom Subjekt angibt. Weitere zwei Verben werden ebenfalls mit καὶ angefügt, erstens συνεπληροῦντο, die 3. Person Plural Imperfekt Indikativ Passiv von συμπληρόω, und ἐκινδύνευον, das in der selben Form steht wie συνεπληροῦντο.

Lukas 8,24 beginnt wie Lukas 8,23 mit einem Partizip, hier προσελθόντες. Dieses steht im Aorist Nominativ Plural Maskulinum Aktiv und meint an dieser Stelle die Jünger, die zusammenkommen. Daran angefügt ist das Verb διήγειραν, das die 3. Person Plural Aorist Indikativ Aktiv von εγειρω ist. Auf das Verb folgt mit λέγοντες ein weiteres Partizip, das ebenso wie προσελθόντες die Jünger meint und daher in der gleichen Form steht. Dadurch wird das Verb διήγειραν im Text von zwei Partizipien flankiert. Auf diesen Hauptsatz folgt eine weitere wörtliche Rede. Diese beginnt mit dem zweimaligen Anruf Jesu als ἐπιστάτης durch die Jünger. Darauf folgt das Verb ἀπολλύμεθα, die 1. Person Plural Präsens Indikativ Medium von ἀπόλλυμι. Daraufhin kommt es zu einem Wechsel der handlungsagierenden Protagonisten im nächsten Vers. Die Tätigkeiten Jesu beschreiben die Verben διεγερθεὶς und ἐπετίμησεν. Hier steht das Wort διεγερθεὶς als Partizip im Aorist Nominativ Singular Maskulinum Passiv und ἐπετίμησεν in der 3. Person Singular Aorist Indikativ Aktiv. Ein καὶ leitet einen weiteren Wechsel der Handlungsakteure ein. Der Sturm ist nun der Agierende. Seine Aktion wird mit den Worten ἐπαύσαντο und ἐγένετο beschrieben. Während ἐπαύσαντο 3. Person Plural Aorist Indikativ Passiv ist, muss ἐγένετο, dessen Form schon eingangs bestimmt wurde, zusammen mit γαλήνη gelesen werden.

Lukas 8,25 fängt mit dem Prädikat εἶπεν an, dieses ist die 3. Person Singular Aorist Indikativ Aktiv von λέγω. Es führt zu einer weiteren wörtlichen Rede hin. Der Redner ist Jesus. Dieser wird zwar im Satz selbst nicht explizit als Subjekt aufgeführt, ergibt sich aber aus dem vorzufindenden Kontext, da die Handlung im letzten Satz von Lukas 8,24 Jesus als letzten menschlichen Handlungsakteuer thematisiert. Die wörtliche Rede von Jesus besteht aus einem einzelnen Hauptsatz, genauer gesagt einer Frage, die eingeleitet wird durch das Fragewort ποῦ. Im darauffolgenden Satz steht zu Beginn das Partizip φοβηθέντες im Plural Aorist Passiv Maskulinum. Nach diesem folgt im gleichen Hauptsatz das Prädikativ ἐθαύμασαν in der 3. Person Plural Aorist Indikativ Aktiv. Auf das Prädikativ ἐθαύμασαν folgt wieder ein Partizip. Hierbei handelt es sich mit λέγοντες wieder um eine Form von λέγω, nämlich Partizip Plural Präsens Aktiv Maskulinum Nominativ. Des Weiteren flankiert das Partizip λέγοντες mit dem Partizip φοβηθέντες das Wort ἐθαύμασαν, das Prädikat des Satzes. Eine derartige Wortstellung findet sich auch schon in Lukas 8,24. Dort mit den Partizipien προσελθόντες wie auch λέγοντες, das auch in Lukas 8,25 am Satzende vorkommt, und mit dem Prädikat διήγειραν. Ferner kann man hier eine sprachliche Besonderheit bei Lukas verordnen, da man aufgrund des zweimaligen Auftretens dieser Satzstellung, zwei Partizipien flankieren das Prädikat des Satz, von einem beabsichtiger Anordnung der Wörter ausgehen kann. Besonders unter Berücksichtigung der Länge der Geschichte von der Sturmstillung, es handelt sich nur um fünf Verse, ist von einer beabsichtigten Wortkonstellation auszugehen. Da diese sich immerhin in 50% der Verse zur Sturmstillung findet. Weiter war in beiden Fällen auffällig, dass das letztgenannte Partizip im jeweiligen Satz immer λέγοντες war. An diesem Hauptsatz schließt ein weiterer Fragesatz an; hier mit dem Fragewort τίς und dem Prädikat ἐστιν. Das Prädikat ist die 3. Person Singular Präsens Indikativ Aktiv von ειμι. Fortgeführt wird die Frage mit einem Nebensatz, an dessen Anfang die nebensatzeinleitende Konjunktion ὅτι steht. Im Nebensatz gibt es zwei Prädikate: Zum einen ἐπιτάσσει, zum anderen ὑπακούουσιν. Ersteres ist die 3. Person Singular Präsens Indikativ Aktiv von ἐπιτάσσω. Das andere Prädikat die 3. Person Plural Präsens Indikativ Aktiv von ὑπακούω. Aufgrund des Inhalts des Fragesatzes kann man die Frage als eine rhetorische Frage sehen, weil diese Frage nicht beabsichtigt eine Antwort zu erhalten. Vielmehr soll sie zum Nachdenken über die Person Jesus anregen.

Im Textabschnitt Lukas 8,22-25 liegt eine semantische Kohärenz vor, d.h. es gibt in dem Abschnitt keine Brüche im Text. Es ist somit eine abgeschlossene Geschichte. Während die Wörter διήγειραν und φοβηθέντες zentral sind für die Jünger im Text, kann man zur näheren Erläuterung Jesus die Prädikate ἐπετίμησεν und ἐπαύσαντο benutzen. Es lässt sich darin eine Gegenüberstellung ausmachen. Denn während die Jünger Jesus aus Furcht vor dem Sturm wecken, tadelt Jesus Wind und Wasser und fragt nach der πίστις der Jünger. Aus deren Furcht vor dem Umkommen auf hoher See, ἀπολλύμεθα, wird Ehrfurcht gegenüber Jesus. Diese Ehrfurcht mündet in einer offenen Frage nach der Person Jesu.

Die narrative Struktur des Textes ist im Wesentlichen geprägt vom Dialog zwischen den Jüngern und Jesus. Nach den einführenden Worten, also dem Eintreffen am See und der Beschreibung des Heraufziehens vom Sturm, fällt die Handlung in den dialogischen Stil. Die Jünger wecken angesichts der unmittelbaren Katastrophe ihren ἐπιστάτης Jesus, welcher, sogleich wach, den Sturm und die Wellen allein Kraft des Wortes zum Schweigen bringt. Nachdem die See sich beruhigt hat, herrscht Jesus die Jünger an und hinterfragt ihren Glauben. Damit hat an dieser Stelle zum einen ein Wechsel der handlungsagierenden Protagonisten stattgefunden, Jesus ist ab hier der zentrale Handlungsakteur, indem er die See beruhigt. Zum anderen hat ein Dialogsprecherwechsel stattgefunden, indem Jesus das Wort an seine Jünger richtet. Diese erwidern die Rüge Jesus mit einer offenen Frage, die Dialog und Geschichte zu einem Ende führen und die Frage nach dem wer zur Person Jesu stellen, sodass diese Frage aus Sicht des Lesers offen im Raum bleibt.

Aus textpragmatischer Sicht scheint Lukas mit der Geschichte von der Sturmstillung den Begriff πίστις vertiefen zu wollen. Gemeint ist damit der Aspekt des Gottvertrauens sowie des Glaubens. Die ganze Besatzung des Bootes, alle Jünger, geraten in Seenot. Das Wasser schabt schon in das Boot hinein und die Jünger bangen um ihr Leben. Währenddessen schläft Jesus und steht mit seinem Verhalten im klaren Kontrast zu den Jüngern. Die schwankende See bringt somit auch den Glauben der Jünger ins Wanken und sie stehen im Zuge dessen nicht nur auf dem wackligen Bootsboden, sondern auch auf einem wackligen Glaubensboden. Lukas verbildlicht hier also den wankelmütigen Glauben und stellt dem die Größe von Jesus starkem Glauben und Gottvertrauen gegenüber. Jesus ermahnt die Jünger zum standhaften Glauben und versinnbildlicht ihn durch den Schlaf an Bord, der durch den Sturm nicht gestört werden kann. Weiter gedacht kann der Sturm als Indiz für stürmische Glaubenszeiten symbolisch gedeutet werden. Ferner wäre der Sturm ein Symbol für alle Schwierigkeiten mit denen die frühe christliche Gemeinde zu Zeiten der Niederschrift des Lukasevangeliums zu kämpfen hatte. Der feste Glaube wäre demnach das Mittel der Gemeinde diese Zeiten zu überstehen. Das Vertrauen auf Gott als Schutz der Gemeinde vor dem frühen Ende der Religion, indem man im christlichen Glauben Hoffnung für die Zukunft schöpft. Ein Indiz hierfür ist auch Jesus Verhalten während des Sturms, der sich aufgrund seines gefestigten Glaubens und Gottvertrauens nicht aus der Ruhe bringen lässt. Den Wahrheitsgehalt der Indiziendeutung im Teil der Textanalyse wird die weitere Betrachtung der Geschichte von der Stillung des Sturmes zeigen.

3. Literarkritik

Für den synoptischen Vergleich wurden die Übersetzungen aus der „Synopse der vier Evangelien“ genommen, mit dem revidierten Text von 1984. Näheres zur Bibliographie kann aus dem Literaturverzeichnis vernommen werden.

Die Geschichte von der Stillung des Sturmes ist neben Lukas auch von Matthäus und Markus verfasst worden. Bei Matthäus ist sie bei 8,23-827, bei Markus unter 4,35-41 zu finden. Markus hat von allen die längste Fassung von der Sturmstillungsgeschichte.

Sprachlich-syntaktisch zeichnet sich das Markusevangelium durch seine sprachlich einfache Ebene aus. Zum einen benutzt er immer den gleichen Versanfang mit καὶ, zum anderen benutzt er das volkstümliche Präsens historicum.1 Bei Markus wird der Entschluss über den See zum jenseitigen Ufer hinüberzufahren am Abend gefasst, d.h. hier findet die Handlung abends statt tagsüber statt. Schon bei Markus 4,1 wird berichtet wie Jesus an einen See kommt und dort in ein Boot steigt. Vom Boot aus predigt Jesus einige Gleichnisse: Das Gleichnis vom Sämann (Markus 4,1-20), das Gleichnis von der Lampe (Markus 4,21-25), das Gleichnis vom Aufwachsen der Saat (Markus 4,26-29) und das Gleichnis vom Senfkorn (Markus 4,30-34). Erst nach den Gleichnissen folgt die Fahrt zum jenseitigen Ufer. Es wird explizit genannt, dass sie von einigen anderen Booten begleitet werden auf ihrer Fahrt. Danach wird das Aufkommen eines Sturmes beschrieben, wie auch große Wellen, die das Boot überschwämmen. Zusätzlich wird erwähnt wie Jesus währenddessen auf einem Kissen hinten im Bott einschläft. Die Jünger wecken ihn und fragen im vorwurfswollen Ton, ob er sich gar nicht um sie sorge. Beim Anruf an Jesus wird dieser διδάσκαλος genannt. Der aufgewachte Jesus gebärdet Sturm und Wellen leise zu sein, woraufhin diese zur Ruhe kommen. Danach wendet sich Jesus an seine Jünger und hinterfragt ihren Glauben. Genauer gesagt wirft er ihnen vor keinen wahren Glauben zu haben.

Im Vergleich zu Lukas ist die Fassung von Markus über die Sturmstillung länger. Er folgt bei der Reihenfolge aber der Erzählung von Markus. Verändert aber die Vorgabe von Markus, indem er das Einschlafen Jesu in die Einleitung schreibt und ein ausgebautes Ende formuliert.2 Des Weiteren weist die markinische Fassung viele Details auf, die bei Lukas fehlen. Beispielsweise beschreibt Markus wie andere Boote das Boot von Jesus begleiten. Auch wird bei Markus detailreicher beschrieben wie und wo Jesus an Bord schlief. So schreibt Markus, dass Jesus hinten im Boot schlief, wobei explizit genannt wird, dass er auf einem Kissen schlief. Lukas Fassung von der Sturmstillung ist wesentlich fokussierte auf das eigentliche Geschehen der Sturmstillung. Er erwähnt weder ein Kissen noch wo im Boot Jesus schläft. Derartige Details werden bei Lukas als überflüssige Information gestrichen. Dafür muss Lukas explizit schreiben, wie Jesus in das Boot einsteigt (Lukas 8,22), da er bei ihm nicht vom Boot aus predigt. Denn Lukas Ausgangspunkt ist der umherziehende Jesus, der durch Städte und Dörfer zieht (Lukas 8,1). Bemerkenswert ist auch, dass Jesus bei Lukas vor Beginn des Sturmes einschläft. Hierdurch wird der chronologische Verlauf der Geschichte schlüssiger, lässt Jesus aber überrascht vom Eintreffen des Sturms wirken. Die Komponente, dass Jesus trotz des Sturmes, vom Chaos draußen unbeeindruckt, einschläft, fällt weg.3 Als die Jünger Jesus auf die Gefahr des Sturms hin anreden, nennen diese ihn nicht wie bei Markus διδάσκαλος, sondern ἐπιστάτης. Sprachlich-syntaktisch betrachtet weist Markus keine Variabilität bei den Versanfängen auf. Er beginnt jeden Vers mit καὶ. Lukas hingegen variiert seine Versanfänge. Teilweise beginnt er die Verse mit dem Prädikat, teils mit einem Partizip, z.B. προσελθόντες. Ein weiterer Unterschied hinsichtlich des sprachlich-syntaktischen Aufbaus zeigt sich in Bezug auf die Anzahl der Nebensätze. Während in der lukinischen Fassung einzig ein durch ὅτι eingeleiteter Nebensatz existiert (Lukas 8,25), benutzt Markus zweimal ὅτι (Markus 4,38 und 4,41) sowie ὡς als Konjunktion an einer Stelle (Markus 4,36). Hinzu kommen die üblichen Kürzungen von Lukas gegenüber Markus, besonders illustriert an dem Weglassen von μέγας,4 das man bei Markus u.a. bei 4,39 und 4,40 auffindet. Lukas bereinigt in seiner Geschichte von der Sturmstillung die markinische Sprechweise.5 Statt des Präsens historicum verwendet Lukas die Vergangenheitstempora.

[...]


1 Bovon, F., Das Evangelium nach Lukas (EKK 3), Neukirchen-Vluyn 1989. S. 421.

2 Wolters, M., Das Lukasevangelium, Tübingen 2008. S. 314.

3 Wolters, M., Das Lukasevangelium, Tübingen 2008. S. 314.

4 Wolters, M., Das Lukasevangelium, Tübingen 2008. S. 314.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Stillung des Sturms im Lukasevangelium
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V498939
ISBN (eBook)
9783346017567
ISBN (Buch)
9783346017574
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sturmstillung Lukasevangelium, Bibelanalyse
Arbeit zitieren
Hendrik Hundertmark (Autor:in), 2014, Die Stillung des Sturms im Lukasevangelium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498939

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