Poetry Slam in Deutschland. Interpretation zu Texten von Bas Böttcher


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Poetry Slam?
2.1 Bastian Böttcher
2.2 „Hand, Wort, Mensch, Zeit, Licht“ und „Die Macht der Sprache“

3. „Die Sprache der Welt“ im Vergleich mit Bas Böttchers Texten

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis und Quellen

6. Anhang

1. Einleitung

Poetry Slam boomt. In den vergangenen Jahren haben sich Poetry Slams immer stärker in das öffentliche Interesse von überwiegend Teennagern und junger Erwachsener gedrängt. Die modernen vorgetragenen Slam Poetrys haben sich zu einer Art Gegenbewegung zu herkömmlichen Literaturveranstaltungen entwickelt und erfreuen sich so großer Beliebtheit. Aufgegriffen werden dabei sehr aktuelle Themen, die die alltäglichen Lebenswelten der Menschen betreffen und die auf literarischen Wettkämpfen vorgetragen werden. Die Poetry Slams sind neben dem Gegenwartsbezug besonders auch durch die Performance der Künstler, die sich mal lustig, mal nachdenklich, mal grotesk und auch oft gesellschaftskritisch auf den Bühnen gebärden, äußerst reizvoll.

Aber nicht nur live, sondern auch im Internet sind Poetry Slams präsent: Die digitalen Clips erreichen auf vielen Kanälen, wie unter anderem auf Youtube rund 30.000 Aufrufe in kürzester Zeit, die von über 500 Zuschauern angeschaut werden.1

Um dieses aktuelle Literaturphänomen näher in den Blick zu nehmen, soll der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit auf einen bestimmten Poetry Slammer gelegt werden: Bastian Böttcher.

Bevor ich allerdings auf Böttcher als Person eingehe und anschließend einen seiner Texte analysiere und interpretiere, möchte ich eine kurze Einführung in die Begrifflichkeit des Poetry Slams geben, um eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen.

Im Anschluss daran soll ein selbst verfasstes Werk meinerseits in den Blick genommen werden und mit Bastian Böttchers Text sowohl sprachlich als auch inhaltlich verglichen werden.

Ein Schlusswort und eine kurze Zusammenfassung der Thematik soll die Arbeit in ihrer Gesamtheit abschließen.

2. Was ist Poetry Slam?

Die Anfänge des heute sehr bekannten Poetry Slam sind in den 1980er Jahren zu verzeichnen. Die Lokalität bildet dabei der berühmte Chicagoer "Get Me High Jazz Club", in dem der Slam-Poet Marc Kelly Smith den Poetry Slam ins Leben gerufen hat.2 Er selbst bezeichnet die vorgetragenen Werke als Texte , "which hit the bullsesye", die also sozusagen ins Schwarze treffen.3 Seit diesem Augenblick gilt Smith als eine Art geistiger Mentor in der Slam-Bewegung, sodass es nicht verwunderlich ist, dass ihm von Anhängern der Szene der liebevolle Kosename "Slampapi" gegeben wurde.

Schon früh kritisierte er unter anderem die Darbietungsform der ursprünglichen Poesie, in dem er die Frage in die Öffentlichkeit warf, wieso es bei Jazzkonzerten immer sehr lebendig vorgehe, Menschen aber bei Lesungen und Vorträgen so oft in die Ecken starren.4 Er animierte viele auch unbekannte Autoren dazu, ihre Gedanken und sinnlichen Erfahrungen poetisch vor einem breit gefächerten Publikum vorzutragen und versuchte ihnen so eine Stimme zu geben.5 Angesprochen werden sollten dabei, laut der New York Times, neben literaturbegeisterten Menschen auch Besucher, die zunächst von anmaßender Prosa eher abgeschreckt worden sind:

"The 'Slam' as it is known here, is Mr. Smith´s brainchild, to bring poetry to average people who might otherwise feel intimidated by more pretentious prose. 'Too much of poetry tries to put itself above the audience', Mr. Smith said. 'Poetry schould be true and honest and direct. And the people shouldn't be afraid of poetry. People shouldn't be afraid to say >Hey, that stinks.< [...] Most of the people who come to the Slam have never been to petry readings. (Johnson 1988)"6

Laut Smith ist die Dichtung zudem nicht dazu da, den Poeten als einzelnes Individuum zu würdigen, sondern das gemeinschaftliche Zusammensein und die Gemeinschaft als eigenes Konstrukt zu zelebrieren.7 Die Slammer werden so zu einem Mitglied des Publikums und sprechen das aus, was theoretisch jeder Besucher auch selbst aussprechen könnte.

Der erste richtige Slam startete als „Uptown Poetry Slam“ in einem neuen Chicagoer Club namens „Green Mill“, der von Dave Jemilo eröffnet worden ist.8

Der Poetry Slam verbreitete sich daraufhin über ganz Amerika, begonnen mit San Francisco über Boston und New York bis hin zu Europa und letztlich auch 1933 nach Deutschland.9

Erste Aufführungsstätten waren hier unter anderem der Berliner Club „Ex´n Pop“ und die Münchner Kneipe „Substanz“, in denen regelmäßig Poetry Slams veranstaltet wurden.10 Die erste richtige Meisterschaft fand allerdings erst im Jahr 1997 in Berlin statt, die der aus Bremen angereiste Rap-Musiker Bas Böttcher im alter von nur 22 Jahren für sich entschied.11

Aber was genau ist Poetry Slam? Bastian Böttcher definiert es so:

„Ich würde […] es nicht als Stilform definieren wollen; dafür ist einfach der Facettenreichtum zu groß, den man auf Slams sieht. Man findet dort ja Kurzgeschichten, genauso wie Rap-Texte oder kleine Dialoge oder Comedy-Texte. Daran erkennt man, dass es keine wirkliche Slam-Poetry als Genre gibt. Es ist keine Stilbezeichnung, sondern für mich ist Poetry Slam die Plattform, auf der verschiedene gesprochene Texte auf die Bühne gebracht werden.“12

Kurz gesagt kann Poetry Slam also allgemein als eine Art „Live-Literatur bezeichnet werden, bei der Autoren und Autorinnen ihre Texte performativ auf der Bühne präsentieren und dabei gegen andere Teilnehmer antreten.

„Slams sind ja Wettbewerbe, da muss man strategisch denken, wie kann ich jetzt kontern, was hat der vor mir gebracht, kann ich dem jetzt was entgegnen, kann ich den vielleicht noch toppen mit etwas.“13

Den Sieger bestimmt dabei entweder das Publikum oder eine Jury, durch die Veranstaltung führt meist ein so genannter „Master of Ceremony“, der nebenbei auch zur Interaktion zwischen den einzelnen Akteuren anregt.14

Der Begriff Poetry Slam stammt ziemlich offensichtlich aus dem englischen Sprachgebrauch und hat vielerlei Bedeutungen. Auf den Sport bezogen bedeutet es zum Beispiel einen Sieg beim Tennis oder das Versenken eines Korbes beim Basketball. Wörtlich betrachtet kann der Begriff „slam“ mit schlagen, eine Tür zuknallen oder jemanden heruntermachen gleichgesetzt werden.15 Trotz dieser unterschiedlichen Auffassungen können sie in Beziehung zueinandergesetzt werden: Slammen bedeutet also einem Publikum eine Aussage präzise und schlagfertig näherzubringen, beziehungsweise es mit dieser zu konfrontieren. Wichtig dabei ist, dass die eigene Meinung des Poeten vertreten wird und dass das vorgetragene Werk eine Art Pointe beinhaltet, die die Besucher zum Nachdenken anregen und dazu leiten, sich mit dem jeweiligen Thema auseinanderzusetzen.16

Bastian Böttcher sagt dazu:

„Ich denke man sollte […] über Dinge schreiben, die einen selbst betreffen. Beim Slam ist es […] wichtig, dass man eigene Texte auf die Bühne bringt […] und persönlich dafür geradesteht. Man stellt sich mit dem eigenen Text auf die Bühne und kommuniziert mit dem Publikum.“17

In der heutigen Zeit ist die Slam-Szene einem ständigen Wandel unterworfen. Themen, die damals relevant waren, sind heute veraltet und werden durch aktuelle Ereignisse und Gedanken ersetzt. Gleiches gilt auch für die Poeten an sich. Alte Slammer gehen, neue Slammer folgen.

Was allerdings bis heute gleich geblieben ist, sind die Regeln und das grundlegende Format des Poetry Slams, was für ähnliche Wettbewerbsbedingungen sorgen sollen:18

1. Perform your own work (Selbstverfasste Werke)
2. Perform three Minutes or less (kurzes Zeitlimit)
3. No props or costumes (ohne Küstume und Hilfsmittel)
4. Scores range from 0 to 10 or down to minus infinity (Anschließende Publikumsbewertung)19

2.1. Bastian Böttcher

"Meine Texte betrachte ich als sinnliche Ereignisse. Sie finden auf Lesebühnen, im Fernsehen, in Literaturhäusern, in Diskotheken, in Bibliotheken, in Büchern, auf Festivals und auf CD statt."20

Das sagt Bastian (Bas) Böttcher, der als erster deutscher Slam-Poet gilt, über sich selbst und seine lyrischen Werke. Er ist ein deutscher Slammer und Schriftsteller aus Bremen. Nachdem er in Weimar Mediengestaltung studierte, zog er im Jahr 2000 nach Berlin. Heute zählt er zu den Mitbegründern der Spoken-Word-Szene in Deutschland und gewann Mitte der Neunzigerjahre mehrfach den Poetry-Slam-Preis der Berliner Literaturwerkstatt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass seine Texte, Clips und Audioaufnahmen als eine Art Klassiker der zeitgenössischen Bühnenlyrik anerkannt werden können.21

Nachdem Böttcher zusammen mit DJ Loris Negro die Rap-Band „Zentrifugal“ gründete, war es sein Ziel, auch poetische Elemente in die deutsche HipHop-Welt einzubringen.22

„Es ging nicht darum, literarische Texte zu verfassen, sondern es war eine ganz klassische Rap-Band. Wir haben einfach versucht, dass wir uns von den anderen Rap- Bands unterscheiden. So hat sich rauskristallisiert, dass unser Style mehr der poetische Rap-Stil ist.“23

Mit dieser Band entstanden später auch viele Studioaufnahmen, aus denen ein Poesiealbum und eine CD resultierte, auf denen vertonte Nietzsche- und Goethe-Texte zu hören waren.24 Mit ihren Auftritten haben es Zentrifugal auch relativ schnell geschafft, international erfolgreich zu werden und Menschen unter anderem in Kanada, Groß Britannien in Irland und Brasilien zu begeistern.25

Mit damals gerade einmal 20 Jahren schafft es Bastian Böttcher sich eine Einladung zum Nuyorican Poets Festival in New York zu sichern, bei dem er unter anderem mit Durs Grünbein und Thomas Kling auf der Bühne steht.26 Er selbst bezeichnet dieses Festival als „Mekka der Spoken-Poetry-Bewegung“27. Seit diesen bereits sehr erfolgreichen Jahren hat Bas Böttcher viele weitere Projekte begonnen, so arbeitet er seit 2000 unter anderem mit dem Berliner Filmemacher Wolf Hogekamp an der Etablierung und Entwicklung des Poetry Clip Formates, in dem sich Böttcher selbst auch schon verwirklicht hat.28 Zudem doziert er gemeinsam mit Herbert Wentscher an der Bauhaus-Universität Weimar, die er in früheren Jahren selbst als Student besucht hat.29

Im Jahr 2006 entwickelte und baute der Slam-Poet für die Frankfurter Buchmesse die sogenannte Textbox, bei der es sich um eine Sprechkabine aus Plexiglas handelt, in der Poeten auftreten können. Dem Publikum ist es möglich, den Dichter mittels Kopfhörer in Studioqualität zu hören.30 Diese Erfindung fand auch international großen Anklang und wurde seitdem auf Buchmessen von Abu Dhabi, Taipeh, Pekin, Sao Paulo und vielen weiteren Orten wie unter anderem Paris und in der Nationalgalerie in Berlin ausgestellt.

Seit wenigen Jahren tritt Bas Böttcher aus Gastdozent für Sprache und Inszenierung am Deutschen Literaturinsitut in Leipzig in Erscheinung.31 Seinen Stil bezeichnet er selbst ganz bewusst nicht als Slam-Poetry, sondern als Rap-Poetry, „Es bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Rap und Poesie“, um nicht mit anderen Slam-Poeten in einen Topf geworfen zu werden.32 Böttcher ist es wichtig, den Inhalt seiner Texte und die Sprache, mit der er diese auf die Bühne bringt miteinander zu verbinden,

„Im besten Fall sollte beides verschmelzen. Sprache und Inhalt. Dann kann man auch nicht mehr trennen, was wichtiger ist. Ich würde nie gewisse Dinge sagen, die ich normalerweise nicht sagen würde, nur weil es sich sprachlich gerade anbietet.“33

[...]


1 Petra Anders: Deutschdidaktik Aktuell Band 34. Poetry Slam. Unterricht, Workshops, Texte und Medien. Herausgegeben von Günter Lange. Schneider Verlag Hohengehren GmbH. Baltmannsweiler, 2013. S.1

2 Petra Anders: Poetry Slam. Live-Poeten in Dichterschlachten. Ein Arbeitsbuch. Verlag an der Ruhr. Mülheim 2004. S.18

3 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. Aus einer für Jugendliche bedeutsamen kulturellen Praxis Inszenierungsmuster gewinnen, um Schreiben, Sprechen und Zuhören zu fördern. Schneider Verlag Hohengehren GmbH. Baltmannsweiler, 2012. S.18

4 Brunke, Angelika und Timo (Hg.). Pressematerial des Stuttgarter German International Poetry Slam 2004.

5 Kordula Marisa Hildebrandt. Performanz der Bild-Assoziation im Poetry Slam, München 2006, GRIN Verlag. Einleitung.

6 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 20

7 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 25

8 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 22

9 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 20 f.

10 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 21

11 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 21

12 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. Geführt von Maike Lipczinski. In: Verbalträume. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Herausgegeben von Andrea Bartl. Wißner-Verlag. Augsburg 2005. S. 286

13 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 288

14 http://www.slam2014.de/regeln/ Abgerufen am 25.07.2017. 16:33 Uhr

15 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 18

16 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 19

17 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 287 f.

18 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 21 ff.

19 Petra Anders: Poetry Slam im Deutschunterricht. S. 23

20 http://www.basboettcher.de/?page=Kurzinformation Abgerufen am 27.07.2017 um 14:40 Uhr

21 Ebd.

22 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 285

23 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 286

24 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 285

25 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 285

26 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 285

27 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 286

28 Poetry Clips (Vol. 1), Lingua Video Medien GmbH (2005)

29 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher S.285

30 http://www.textbox.biz/ Abgerufen am 27.07.2017 um 15:19 Uhr

31 http://www.deutsches-literaturinstitut.de/archiv-gastdozenten.html#bas-boettcher Abgerufen am 27.07.2017 um 15:28 Uhr

32 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S.287

33 „Der Blick aufs Alltägliche, aber aus einer etwas amderen Perspektive“. Interview mit Bas Böttcher. S. 288

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Poetry Slam in Deutschland. Interpretation zu Texten von Bas Böttcher
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Visuelle Poesie
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V499005
ISBN (eBook)
9783346025234
ISBN (Buch)
9783346025241
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poetry Slam, Bas Bötcher, Bastian Bötcher, Visuelle Poesie
Arbeit zitieren
Melissa Rohlfs (Autor), 2017, Poetry Slam in Deutschland. Interpretation zu Texten von Bas Böttcher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499005

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