Gawan. Eine figurennarratologische Analyse einer Hauptfigur in Wolfram von Eschenbachs "Parzival"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1. Einleitung
1.1 Erkenntnisinteresse
1.2. Methode
1.3. Forschungsstand

2. Gawan als transtextuelle Figur

3. Die Blutstropfenszene: Gawan als ritterlicher Konfliktlöser

4. Gawan als Teil der Tafelrunde: Verhältnis und Verpflichtung gegenüber seiner Verwandtschaft
4.1 Gawan als Ritter: Höfisches Ideal oder subideale Realisierung?

5. Gawans Minnebeziehungen
5.1 Obilot: Selbstloser Frauendienst oder Ironie?
5.2 Antikonie: Minneverhältnis ohne Minnedienst
5.3 Orgeluse: Von gefährlichem Liebesdienst zu aufrichtiger Liebe und Ehe

6. Mimetische Dimension der Gawan-Figur

7. Resümee

8. Literatur

1. Einleitung

1.1. Erkenntnisinteresse

Die Geschichte rund um Parzival kann aus heutiger Sicht, vor allem in der deutschen Mediävistik, wohl als das bedeutendste Werk von Wolfram von Eschenbach angesehen werden. Als ein literarisches Manifest ist der Roman zum Forschungsgegenstand vieler Literaturwissenschaftler/innen geworden, die sich sowohl mit dessen Bedeutung als auch mit der Interpretation unterschiedlichster Aspekte beschäftigt haben. Die berühmte Entwicklung vom einst tumben Knaben und fehlerhaften Königssohn Parzival zum Erlöser des Gralskönigs steht dabei zumeist im Fokus des Interesses und wirft einen Schatten auf ebenso wichtige wie notwendige Figuren, wie den Ritter Gawan. Die Bedeutsamkeit der Figur lässt sich sowohl daran manifestieren, dass sie als Hauptprotagonist von sieben der insgesamt sechzehn Büchern fungiert und sie an vielen Textstellen mit dem namensgebenden Patron des Epos auf einen Nenner gebracht wird.1

Aus diesem Grund soll Gawan Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung sein. Von Interesse ist dabei seine Konzeption aus figurennarratologischer Sicht unter Berücksichtigung adäquater Historisierung und moderner literaturwissenschaftlicher Methoden und Herangehensweisen. Die Zielsetzung liegt in einer modernen Analyse einer vormodernen literarischen Figur, deren Merkmale und spezielle Werte sowie Einzigartigkeit und Individualität, die für die mittelhochdeutsche Literatur und ebenso für die moderne Neuinterpretation des Stoffes einen wichtigen Stellenwert einnimmt.

1.2 Methode

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der literarischen Figur Gawan in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“. Wie bereits erwähnt steht dabei die narrative Figurenkonzeption des jungen Ritters im mittelalterlichen Epos im Fokus. Um das Ziel einer modernen Analyse einer vormodernen literarischen Figur erfüllen zu können, wird die Untersuchung möglichst umfangreich angegangen.

Unterteilt wird die Arbeit der Übersicht halber daher in vier grobe Teile: Die Blutstropfenszene, Gawan als Teil der Tafelrunde, Gawan als Ritter sowie seine Minnebeziehungen zu Obilot, Antikonie und Orgeluse. Gezeigt werden soll anhand dieser ausgewählten Teilbereiche die figurennarratologische Ausprägung Gawans Person.2 Da diese Untersuchung den Hauptteil der Arbeit ausmacht, wird ein Vor- bzw. Basiswissen des wolframschen Parzival vorausgesetzt. Auf den Inhalt des Buches wird nicht explizit eingegangen. Zunächst soll ein grober Überblick über den aktuellen Forschungsstand gegeben werden, um aufzuzeigen, in welcher Art und Weise und mit welchem Untersuchungsschwerpunkt sich Forscher und Forscherinnen bereits der Gawan-Figur genähert haben. Zudem soll kenntlich gemacht werden, dass sich bisher noch keine vergleichbare Arbeit auf Grundlage moderner figurennarratologischer Herangehensweisen finden lässt.

Nach einer Darstellung Gawans hinsichtlich seiner Transtextualität soll die praktische Auseinandersetzung folgen, bevor ein Blick auf die mimetische Dimension der Gawan-Figur und ein Resümee die Arbeit abschließt.

Die Untersuchung geschieht anhand unterschiedlicher moderner Methoden von Phelan und Rabinowitz3 sowie Jannidis4 und Elke Brüggen5, die im Kurzen angeschnitten werden sollen.

Für einen narratologischen Einblick in die Figurenkonzeption des Gawan soll die Theorie von James Phelan und Peter Rabinowitz als Hauptforschungsgrundlage dienen. Die Wissenschaftler arbeiten mit drei Dimensionen, mit denen die literarische Figur beschrieben werden kann. Diese Dimensionen bezeichnen sie als mimetisch, narrativ, bzw. synthetisch und thematisch. Dabei umfasst die mimetische Komponente alle Eigenschaften, die die Figur zu einem nachvollziehbaren und realen Charakter mit Identität machen und die Figur menschlich erscheinen lässt. Die narrative/synthetische Dimension beschreibt die Figur im narratologischen Sinne in Hinblick auf ihre narrative Funktion. Die thematische Dimension lässt sich fast synonym zur semantischen Figur fassen. Diese Kategorie beschreibt die Figur als einen Träger thematischer, ideologischer oder inhaltliche Elemente.

Zusätzlich soll die mentale Ebene auf Grundlage Jannidis' kognitiven Figurenmodells in den

Blick genommen werden. Jannidis geht in seiner Theorie von einer Grundstruktur jeder Figur aus, dem Basistypus. Über diese Grundstruktur hinaus erhalten Figuren durch Zuschreibung kontinuierlicher Informationen, wie soziale und private Beziehungen oder berufliche und soziale Rollen, erst ihre eigentliche Gestalt. Jannidis fasst dies als Figureninformationen zusammen, die vom jeweiligen Text vorgegeben und auf der Ebene des discours konzeptualisiert sind. Diese Informationen setzen sich zusammen aus Angaben zum äußeren Erscheinungsbild und zu inneren mentalen Zuständen sowie aus raumzeitlichen Lokalisierungen. Unterschieden wird hier in Zuschreibungen und Inferenzen ausgehend von figurenbezogenen Tatsachen, die je bereitgestellt vom Erzähler oder indirekt durch Figurenreden auftauchen.

Anknüpfend an diese Theorie dient ein Modell von Elke Brüggen als hervorragende Ergänzung. Brüggen verwendet das Konzept des „Irisierenden Erzählens“, um das Wechselspiel beim Zugriff auf die Figurendarstellung zwischen Erzähler- und Figurenrede zu anderen Erzählverfahren zu beschreiben, wodurch eine Blick- und Stimmvielfalt im Text entsteht. Sie beschäftigt sich mit der Relation von Perspektivierung, mit der Intertextualität und textinterne Verknüpfungen, Aspekten zur Namensgebung und Namensnennung, mit Angaben zur materiellen Kultur bzw. impliziten Charakterisierungen, mittels Erwähnung lebensweltlich-kultureller Details sowie mit der Einführung der Figur und der Relevanz der figuralen Fremdkommentare für den Aufbau eines Figurenprofils.

Anhand dieser drei Herangehensweisen, in sinnvoller Kombination, soll die Gawan-Figur untersucht werden, um eben dieses Figurenprofil aus figurennarratologischer Sicht so genau wie möglich bestimmen zu können.

1.3 Forschungsstand

In der literarischen Beschäftigung mit der Gawan-Figur liegt der Fokus meist auf bestimmten Aspekten, die zwar punktuell Aufschluss geben aber keine tiefere Einsicht in die außergewöhnliche Figurenkonzeption des Ritters bieten. Im Gegensatz zu Parzival entsteht in der Forschung ein oft einseitiges Bild, was insbesondere an der Forschungslage, in Hinblick auf dessen Konzeption, zu belegen ist. Reduziert wird die Funktion der Figur Gawan dabei nicht selten auf die eines Kontrast- und Parallelcharakters zu Parzival, gleichwohl sie einen eigenständigen Baustein des Romans darstellt.

Als einer der Ersten befasste sich 1853 Literaturwissenschaftler Friedrich Wilhelm Rührmund mit der Gawan-Figur und der literarischen Berechtigung derselben und deren Einschübe. Aus seiner Untersuchung geht hervor, dass sich die Bücher fünf, acht und zehn bis dreizehn zwar sinnvoll in die Gesamthandlung fügen, sie aber zu nicht mehr dienen als den Leser zu unterhalten.6

Mit Ausnahme dieser Untersuchung können erst die in den 1950er Jahren erschienenen Arbeiten von Wolfgang Mohr als richtungsweisend angesehen werden.7 Anders als Rührmund unternimmt Mohr in seinen fünf Aufsätzen8 eine genauere Analyse der Gawan-Figur und begreift die Gawan-Episoden als bewusstes Gegenbild zur Erlöseraufgabe des Hauptprotagonisten Parzival, denn auch Gawan fällt diese Aufgabe zu.9 Mohr charakterisiert die Figur Gawan als Ritter, „[…] durch dessen pures Dabeisein die Welt, wo er auch hinkommt, menschlicher wird.“10 . Da er den jungen Ritter in seinem Aufsatz aber lediglich als Vergleichswert zum Protagonisten darstellt, fallen die eigenständigen und spezifischen Zuschreibungen des Ritters weg. Wie andere Wissenschaftler seiner Zeit zweifelt auch Mohr nicht daran, dass Parzival alleine als Hauptfigur des wolframschen Werks begriffen werden kann. Es ist also nicht verwunderlich, dass Gawan, in Anlehnung an den Wissenschaftler, in den Jahren nach 1950 als Parzival ungeordnet angesehen wird und seiner eigenständigen Konzeption kaum nachgegangen wird.

Dies ändert sich mit dem Beitrag von Helmut Brall aus dem Jahr 1983, in dem er neue Gesichtspunkte über den jungen Ritter individuell zur Schau stellt. Laut Brall zeigen Gawans Abenteuer „ […] Modelle der Konfliktbewältigung und Versöhnung, die gesellschaftliches Zwangsverhalten und politische Antagonismen wo irgend möglich auflösen.“11 Mit diesem Aspekt macht er deutlich, dass sich Gawans Figur sowohl durch Ehrverständis als auch durch das Suchen nach übergeordneten und geregelten Verhältnissen auszeichnet. Nichtsdestotrotz werden auch in Bralls Beitrag figurenbezogene Aspekte und Zielsetzungen kaum berücksichtigt und werden lediglich in Zusammenhang mit der Artusgesellschaft als Gemeinschaft angeführt.

Ein Jahr später erscheint ein Aufsatz von Alfred Schopf, in dem Gawan erneut als Vergleichsfigur zu Parzival dient. Er sieht im Zusammenspiel beider Figuren ein Konstrukt, das für die strukturelle Einheit des Gesamtwerks verantwortlich ist und stellt Gawan als einen vorbildhaften und unfehlbaren Ritter der Tafelrunde dar.12 Dennoch unterbleibt auch hier eine tiefer gehende Untersuchung der Figurenkonzeption.

Ulrike Draesners stellt in ihrem 1992 erschienenen Werk fest, dass insbesondere die Minnethematik für die Konzeption Gawans eine zentrale Rolle spielt und dass sich aus dieser, in Zusammenhang mit seiner Aventiure, sein neues Rittertum manifestieren lässt.13 Laut Draesner wird die Gawan-Figur als Vertreter dieses neuen Rittertums von Idealen und Werten wie Empathie, Konfliktthematik und den Minnedienst beeinflusst.14 Dennoch ist anzumerken, dass sich ihre Untersuchung lediglich auf intertextuelle Verweise beschränkt.

Auch Ina Karg nimmt ein Jahr später, 1993, Gawan in Zusammenhang mit der Minne analytisch ins Zentrum ihrer Arbeit.15 Laut ihrer Untersuchung ist es der Ritter, der gegenüber seiner Minnedame, handlungstechnisch in den Hintergrund rückt. Allerdings unterbleibt eine explizite Analyse der Figur und deren Motivationen, die ihre These untermauert.

Einen deutlich interessanteren Ansatz nimmt Isolde Neugart 1996 ins Zentrum ihrer Forschung.16 Sie demonstriert, unter Einbezug der Tatsache, dass Gawan einige nicht-standesgemäße Taten vollbringt und damit seinem direkten Umfeld zu Hilfe kommt, dass dem jungen Ritter einige konzeptionelle Attribute anhaften. Diese Merkmale zeigen ihn alleine, aufgrund seiner konzeptionellen Kennzeichen, als Erlöser von Schastel Marveile und als Ehemann Orgeluses.

Rund fünf Jahre später beschäftigt sich Joachim Bumke in seiner Untersuchung zur Erkenntnis und Wahrnehmung im Parzival mit der Erkenntnisfähigkeit der Gawan-Figur.17 Der Artusritter fungiert häufig als Konfliktlöser und Handlungsführer, da er sich auf Anhieb mit Unbekanntem konfrontiert zurechtfindet.18 Ebenso betont Bumke, dass es für den jungen Ritter figurentypisch sei, sein Umfeld über seine Beweggründe, gewisse Absichten zu verfolgen, im Unklaren lässt.19 Trotzdem hebt er die Figur als Repräsentant der höfischen Gesellschaftsordnung hervor.20

Sonja Emmerling untersucht in ihrer 2003 veröffentlichten Arbeit21 die Gawan-Handlung unter besonderer Berücksichtigung der Frauenfiguren und deren handlungsaktive und selbstständige Stellung. Gawans Figur stellt für Emmerling, aufgrund seiner „zutiefst menschlichen“22 Züge eine neue Art des Aventiure-Ritters dar, der von den gewohnten literarischen Vorläufern abweicht. Ihre Untersuchung beschränkt sich jedoch auf seine Einstellung und Beziehungen zum anderen Geschlecht, wodurch weitere konzeptionelle Merkmale unberücksichtigt bleiben.

Nachdem sich Manuela Niesner 2007 mit der von Gawan verfolgten Geheimdiplomatie beschäftigt und damit weitere Merkmale des jungen Ritters ins Zentrum ihrer Forschung nimmt23, erscheint ein Jahr später eine umfangreiche Untersuchung von Bernhard Anton Schmitz24, der die Interaktion und Funktion der Gawan-Figur in den Blick nimmt. Als Untersuchungskorpus nutzt Schmitz Figurendarstellungen aus Romanen des 12. und 13. Jahrhunderts und untersucht sie in Hinblick auf ihrer Unterschiede. Er stellt fest, dass Gawan im wolframschen Parzival eine größere Bedeutung zugeschrieben wird, da er „mit personalen Anliegen“25 ausgestattet und nicht nur als Teil des Artushofs dargestellt wird. Aufgrund seines überaus großen Untersuchungskorpus, geht Schmitz nur oberflächlich auf Gawans weitere Figurenkonzeption ein, wodurch wichtige Handlungsmuster und Motivationen unberücksichtigt bleiben.

Bei der Betrachtung der bereits geleisteten Forschung wird deutlich, dass die Gawan-Figur eine aufwertende Entwicklung durchlebt hat, gleichwohl sie überall nur auf einzelne Aspekte hin untersucht worden ist. Er wird überwiegend als Zuträger Parzivals oder in Zusammenhang mit der Minnethematik in den Fokus genommen. Eine explizite Analyse aus figurennarratologischer Sicht wurde bisher nicht oder kaum vorgenommen und soll daher Ziel dieser Arbeit sein.

2. Gawan als transtextuelle Figur

Die literarische Figur Gawan taucht unter verschiedenen Namen und auf unterschiedlichen Sprachen in vormodernen Texten auf. Sein Name entspringt dem Walisischen Gwalchmei ap Gwyar. Im Französischen ist er bekannt als Gauvain; im Deutschen überwiegend als Gawan; in Italien als Galvano und in englischsprachigen Texten als Gawain.26 Es wird allgemein angenommen, dass die späteren Formen vom walisischen Gwalchmei stammen.27 Das Teil-Element Gwalch bedeutet so viel wie Falke/weißer Falke und ist ein typischer Inbegriff der mittelalterlichen walisischen Dichtung.28 Hier ist anzumerken, dass die etymologische Verbindung des Namens Gwalchmei mit dem französisch Gauvain oder dem lateinischen Vorläufer Galvanus nicht sicher erschlossen ist.29

Ebenso vielfältig wie sein Name ist auch sein Vorkommen in der Literatur. Da es in dieser Arbeit um den Ritter Gawan geht, bleibt die Figur in walisischen Sagen unbeachtet.

Ausgehend von den fünf Werken von Chrétien de Troyes wurde er zu einer beliebten Figur in historischen französischen Ritterromanen. Chrétien legt einige Merkmale fest, die spätere Darstellungen durchdringen, einschließlich seiner beispiellosen Höflichkeit und seines Umgangs mit Frauen, der sich insbesondere in den Minneepisoden des Parzival manifestieren lässt.

Gawan ist eine transtextuelle, stehende Figur und taucht neben dem Parzival im Iwein sowie im Erec auf. Er verkörpert ein bestimmtes Bild, das in allen Artusromanen, denen er als Haupt- oder Nebenfigur angehört, präsent ist. Angesehen werden kann Gawan als Musterritter, Freund und Maßstab des Protagonisten, dem er als Verbündeter und Vorbild dient.

Deutlich wird dies bereits im Roman Erec und Enide, Chrétiens erstem Werk. Er nimmt hier eine Beraterfunktion des Königs und somit eine wichtige Stellung ein. Der König beschließt

eine Jagd auf den weißen Hirsch, von der Gawein abrät, um einen Streit unter den Teilnehmern zu verhindern, da der Preis ein Kuss der schönsten Jungfrau am Hofe ist. Als es dann doch zu dem besagten Zank kommt, ist es erneut Gawein der um Rat gefragt wird.

Berichtet wird hier von einem Gawein, der doch nie lasters teil gewan und aller tugend wielt30. Es heißt, kein Ritter sei besser als er:

des ist sîn lop noch stæte.

Vil ritterlîchen stuont sîn muot:

an im erschein niht wan guot,

rîch und edel was er genuoc,

sîn herze niemen nît entruoc.

Er was getriuwe

und milte âne riuwe,

stæte unde wol gezogen

sîniu wort unbetrogen

starc schœne und manhaft.

An im was aller tugende kraft.

Mit schœnen zühten was er vrô.31

Der Tugendkatalog, der dem Repräsentanten des Artushofes gilt, ist mit dieser Beschreibung „erstmalig und vollgültig in seinen wesentlichen Teilen dargeboten“.32 Hartmann von Aue hebt zudem hervor, dass er eine vil gr ô ze manheit33 besitzt und daz nie man s ô vollekomen an des künec Art û ses hof bekam34. Die Aussagen über den jungen Ritter überschneiden sich mit den Zuschreibungen der Erzähler im Iwein und im Parzival, wie sich im Folgenden noch zeigen wird. Das Bild, das hier verkörpert wird, ist ein Bild eines freundlichen, tapferen, edlen und ehrenhaften Ritters. Aufgrund dessen, dass sein Name unmittelbar an erster Stelle nach Erec genannt wird, ebenso bei Chrétien, kann Gawein als Freund des Artushelden angesehen werden und steht somit in enger Beziehung zum Protagonisten.35 Ebenfalls steht er in enger Vernetzung mit dem Artushof selbst. Er als Schwestersohn des Königs und damit als sein möglicher Erbe besitzt eine herausragende Position am Hofe und gilt als der vorzüglichste Kämpfer.36 Wie schon zuvor erwähnt, geht Gawein mit einer beispiellosen Höflichkeit einher,

was im Text auch explizit gesagt wird.37 Mit dieser Höflichkeit begegnet er insbesondere seinem Freund Erec, den er n â ch vr î untlicher stimme unde niht grimme38 grüßt und ihn sogleich fest an sich drückt39. Seine freundliche Begrüßung entspricht seinen vorbildlichen höfischen Wesenszügen, die sich auch später im Parzival an vielen Stellen finden lassen.40 Dass Erec und der junge Ritter in einer engen Freundschaft zueinander stehen, zeigt sich vor allem daran, dass er seinem Freund im Streit trotzdem mit güete41 und nicht mit zorn42 gegenübersteht und sich sogleich mit vil tugentl îchen43 mit dem Protagonisten versöhnt. Zudem sagt Gawein selbst: jâ enlebet er niht , den ich vür in iezuo wolde sehen.44

In Hartmann von Aues Iwein agiert Gawein ebenfalls als Freund des Protagonisten, indem er ihn bei dem Versuch seine Ehre zurückzuerlangen für ein Jahr zu Turnieren begleitet. Zuvor ist er es, der Iwein mit warnendem Hinweis auf Erec mahnt, wieder mit den Artusrittern zu ziehen und sich für eine befristete Zeit von Laudine zu trennen. Hier kann auch seine narrative Funktion manifestiert werden, denn an diesem Punkt kommt Gawain eine Stellung als Helferfigur zu, indem er versucht einen bevorstehenden Konflikt in Iweins Leben zu verhindern. Beide kämpfen zum Ende des Romans anonym gegeneinander und beenden den Zwist mit Artus Hilfe, als sie sich gegenseitig erkennen. Gawein wird als sehr zuvorkommend und loyal dargestellt, was besonders deutlich wird, als er sich für Iwein einsetzt:

do sprach mîn her Gawein

> wie nû, mîn her Key?

nû sprechet ir doch, ir sît frî

falscher rede. Wie schînet daz?

ir erzeiget doch iezuo grôzzen haz

disem guoten knehte.

nû tuot ir im unrehte.

ern gedâhte iuwer nie wan wol,

als ein rîter des andern sol:

und daz er her niht chomen ist,

daz hât lîhte an dirre frist

ein selch unmuozzen benomen,

daz er niht mohte chomen.

durch got ir sult die rede l â n.<45

An dieser Stelle werden der „vorbildlichste Ritter“ am Artushof als exemplarisch vorbildlicher Freund46 und der „unhöfische Spötter“47 eingeführt. In diesem Zitat wird deutlich, dass Gawein in einer textinternen, freundschaftlichen Verbindung mit Iwein steht, die bis zum Ende des Romans aufrecht erhalten wird. Zudem inszeniert der Erzähler mit der Phrase mîn her Gâwein48 bereits eine zwischenmenschliche Nähe zum Protagonisten49, die durch das anschließende Freundschaftslob als stärkste soziale Verbindung bestätigt wird.50 Hartmann von Aue spielt mit den Begriffen herzeminne und bitter haz51 , die er entgegen ihrer grundsätzlichen Haltung als individualisierte und die Freundschaft von Gawein und Iwein unterstreichende Affekte einsetzt.52

[...]


1 Mohr, Wolfgang. Wolfram von Eschenbach. Aufsätze von Wolfgang Mohr. Kümmerle Verlag. Göppingen 1979. Nr.275. S. 63

2 Auch, wenn bei einer literarischen Figur eigentlich nicht von einer Person bzw. einer Persönlichkeit gesprochen werden kann, erscheint mir die Bezeichnung an dieser Stelle angemessen.

3 James Phelan; Peter Rabinowitz; Brian Richardson et al. Narrative Theory: Core Concepts and Critical Debates. Ohio State University Press. 2012

4 Fotis Jannidis. Igur und Person. Beitrag zu einer historischen Narratologie. Berlin. 2004. Narratologia 3. S.197-235, 237-245

5 Elke Brüggen. Irisierendes Erzählen. Zur Figurendarstellung in Wolframs Parzival. Wolfram Studien XXIII Erich Schmidt Verlag Berlin. 2014

6 Friedrich Wilhelm Rührmund. Inwieweit ist die Episode von Gawan in Wolfram's von Eschenbach „Parzival“ gerechtfertigt? In: Hagens Germania 10. 1835. S. 17-25.

7 Wolfgang Mohr. Wolfram von Eschenbach. Aufsätze von Wolfgang Mohr. Hrsg. Heinz Rupp. Göppingen. Kümmerle Verlag. Göppingen 1979. Nr. 275

8 Titel der Aufsätze: Parzival und Gawan; Obie und Meljanz. Zum 7. Buch von Wolframs ‚ Parzival ‘; Landgraf Kingrimursel. Zum 8. Buch von Wolframs ‚ Parzival ‘; Zu den epischen Hintergründen in Wolframs ‚ Parzival ‘; König Artus und die Tafelrunde. Politische Hintergründe.

9 Vgl. Mohr, Wolfgang. Parzival und Gawan. S. 71.

10 Ebd. S. 79.

11 Helmut Brall. Gralssuche und Adelsheil. Studien zu Wolframs Parzival. Heidelberg. Winter 1983. Germanistische Bibliothek. 3. S.290

12 Alfred Schopf. Die Gestalt Gawains bei Chrétien, Wolfram von Eschenbach und in Sir Gawain and the Green Knight. In: Spätmittelalterliche Artusliteratur. Hrsg. Göller, Karl Heinz. Paderborn. 1984. S. 92.

13 Ulrike Draesner. Wege durch erzählte Welten. Intertextuelle Verweise als Mittel der Bedeutungskonstitution in Wolframs „Parzival“. Frankfurt/M. Lang 1993.

14 U. Draesner. Wege durch erzählte Welten. S. 365.

15 Ina Karg. …sîn süeze sûrez ungemach… Erzählen von der Minne in Wolframs Parzival. Kümmerle Verlag. Göppingen 1993.

16 Isolde Neugart. Wolfram, Chrétien und das Märchen. Erzählstrukturen und Erzählweisen in der Gawan-Handlung. In: Europäische Hochschulschriften, Deutsche Sprache und Literatur. 1571. Lang Verlag. Frankfurt/M. [u.a.] 1996

17 Joachim Bumke. Die Blutstropfen im Schnee. Über Wahrnehmung und Erkenntnis im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. Niemeyer Verlag. Tübigen 2001

18 Vgl. J. Bumke. Blutstropfen im Schnee, S. 159.

19 Vgl. Ebd, S. 160.

20 Vgl. Ebd. S. 164

21 Sonja Emmerling. Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des “Parzival”. Niemeyer Verlag. Tübingen 2003

22 S. Emmerling. Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des “Parzival”. S. 55.

23 Manuela Niesner. Swes got an mir gedâhte, daz biutet dienst sîner hant: Gawans Geheimdiplomatie in Wolframs „Parzival“. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 129. 2007. S. 38-65.

24 Bernhard Anton Schmitz. Gauvain, Gawein, Walewein. Die Emanzipation des ewig Verspäteten. Niemeyer Verlag. Tübingen. 2008.

25 Ebd. S. 199

26 Rachel Bromwich. Trioedd Ynys Prydein: The Triads of the Island of Britain. University Of Wales Press. 2006. S. 369

27 Ebd.

28 Ebd. S. 367

29 Helmut Birkhan. Nachantike Keltenrezeption. Praesens Verlag. Wien 2009 S. 108 f und Anm. 4.

30 Hartmann Von Aue. Erec Mittelhochdeutsch, Neuhochdeutsch. Herausgegeben , übersetzt und kommentiert von Volker Mertens. Philipp Reclam. Stuttgart 2008. S.154 V.2667

31 Ebd. S. 158 V.2728-V.2740

32 Dietrich Homberger. Gawein: Untersuchungen zur Mittelhochdeutschen Artusepik. Dissertation. Bochum 1969 S.40

33 Erec. S. 158 V.2747

34 Ebd. S. 158 V.2743 - V.2744

35 Ebd. S. 148 V.2560 und Kommentar. S. 649 zu V.2560

36 Ebd. Kommentar S.650 zu V.2759

37 Ebd. S.282 V.4898

38 Ebd. S.282 V.4900 - V.4901

39 Ebd. S.482 V.4910 – V.4911

40 Ebd. S.664 Kommentar zu V.4898 - V.4906

41 Ebd. S.292 V.5068

42 Ebd.

43 Ebd. S.292 V.5082

44 Ebd. S.280 V.4883 – V.4884

45 Hartmann von Aue. Iwein. Mittehochdeutsch, Neuhochdeutsch. Herausgegeben und übersetzt von Rüdiger Krohn. Kommentiert von Mireille Schnyder. Philipp Reclam. Stuttgart. 2012. S.148 V.2508 – V.2521

46 Vgl. ebd. Kommentar S.524 V.2697 – V.2713

47 Vgl. ebd. Kommentar S.439 V.73 – V.76

48 Vgl. Langzitat oben

49 Vgl. Iwein. Kommentar S.522 V.2508

50 Vgl. ebd. S.158 V.2697- S.160 V.2708 und Kommentar S.524 zu V.2697 – V.2713

51 Ebd. S.413 V.7042

52 Ebd. Kommentar. S.557 zu V.7042

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Gawan. Eine figurennarratologische Analyse einer Hauptfigur in Wolfram von Eschenbachs "Parzival"
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
31
Katalognummer
V499012
ISBN (eBook)
9783346027542
ISBN (Buch)
9783346027559
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gawan, Parzival, Mediävistik
Arbeit zitieren
Melissa Rohlfs (Autor), 2019, Gawan. Eine figurennarratologische Analyse einer Hauptfigur in Wolfram von Eschenbachs "Parzival", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499012

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