Die Veränderung jüdischer Rituale am Beispiel des Sukkotfestes


Seminararbeit, 2018

15 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Sukkotfest
2.1 Beschreibung und Ursprung
2.2 In der Mischna

3. Rituelle Veränderung
3.1 Allgemeine Faktoren
3.2 Das Sukkotfest in der Moderne

4. Analyse

5. Fazit.

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man heute jemanden fragt, warum er Weihnachten feiert, so hört man eher selten die Antwort „aus religiösen Gründen“. Viele ursprünglich religiöse Feste und Rituale werden eher des Brauches wegen beibehalten und weniger aus religiöser Überzeugung. Sie werden abgewandelt, verändert, oder gar komplett abgelegt. Dass Rituale nur in den seltensten Fällen noch das sind, was sie vor hunderten von Jahren waren, ist nichts Neues. Interessant ist jedoch, welche Einflüsse zu den Veränderungen führen. Dies soll in der folgenden Seminararbeit am Beispiel des jüdischen Sukkotfestes untersucht werden.

Das Sukkotfest wird in verschiedenen Werken geschildert und untersucht. Einen guten Überblick bietet dabei das Werk von Efrat Gal-Ed „Das Buch der jüdischen Jahresfeste“, in dem die verschiedenen Theorien zum Entstehen des Sukkotfestes dargelegt werden. Durchaus sinnvoll für diese Seminararbeit sind darüber hinaus noch die entsprechenden Passagen der Mischna und Werke in denen die Mischnatraktate untersucht werden, wie Beispielsweise das Werk „ Die Mischna/Seder 2. Mo'ed Traktat 6“, herausgegeben unter anderem von Prof. D. Dr. Beer, Prof. D. Holtzmann, Prof. Dr. Krauß und Priv.-Doz. Lic. Rengstorf. In diesem Band, welcher sich ausschließlich mit der Sukka und dem Laubhüttenfest befasst, ist auch ein textkritischer Anhang und eine Tafel von Dr. theol. Bornhäuser vorhanden, die für die folgende Seminararbeit durchaus relevant sind.

Die Veränderung der Rituale wird unter anderem in Nathan MacDonalds Essay „Strange Fire before the Lord: Thinking about Ritual Innovation in the Hebrew Bible and Early Judaism” behandelt und ist ein wichtiger Bestandteil dieser Seminararbeit.

Einen guten Einblick darüber, wie das Sukkotfest in Israel in der Moderne gefeiert wird bietet das Werk „Framing Sukkot: tradition and transformation in Jewish vernacular architecture“ von Gabrielle Anna Berlinger, die 2010 nach Israel reiste und dort einige Familien während des Laubhüttenfests besuchte.

Das Sukkot-, oder auch Laubhüttenfest genannt, ist eines der ältesten hebräischen Feste und beginnt am 15. des Monats Tischrej. Sieben Tage lang soll dann in der selbstgebauten Sukka (dt. Lehmhütte) gewohnt werden.1 Diese Hütten werden am Vorabend des 15. Tischrej gebaut, wobei wichtig ist, dass zumindest ein Teil des Daches aus Laubwerk besteht.2 Über den Ursprung dieses Sukkotfestes gibt es verschiedene Vermutungen, die im Laufe der Seminararbeit noch erläutert werden sollen.

In der folgenden Seminararbeit soll zuerst wiedergegeben werden, was das Sukkotfest genau ist und welche Theorien es zu der Entstehung dieses Festes gibt. Des Weiteren werden die Passagen der Mischna, welche den Bau der Sukka oder den Verlauf des Festes beschreiben, geschildert. Auch wird darauf eingegangen, wie das Fest „zur Zeit Jesu“ in Israel gefeiert worden sein soll.

Daraufhin soll dies mit der Art verglichen werden, wie Juden in der Moderne mit dem Sukkotfest umgehen, wobei mit einigen Beispielen aus Israel gearbeitet wird. Anschließend sollen Veränderungen untersucht und analysiert und abschließend zu einem Fazit zusammengefasst werden.

2. Das Sukkotfest

2.1 Beschreibung und Ursprung

Um die Veränderung eines Rituals zu untersuchen ist es von Vorteil zu wissen um welches Ritual es sich handelt, unter welchen Umständen dieses entstand und wie es praktiziert wurde.

Bei dem Sukkotfest handelt es sich um ein jüdisches Fest, welches vom 15. bis zum 21. Tag des hebräischen Monats Tischri stattfindet.3 Im Duden wird das Laubhüttenfest kurz zusammengefasst mit den Worten: „mehrtägiges jüdisches Herbstfest (Erntedankfest) mit dem Brauch, in Laubhütten zu essen [und zu wohnen]“.4

Das Sukkotfest gilt als eines der ältesten hebräischen Feste.5 Dies kann auch einer der Gründe sein, weshalb der genaue Ursprung dieses Festes noch nicht geklärt ist. Es gibt jedoch einige Theorien über die Entstehung des Festes.

So besagt eine Theorie, dass das Laubhüttenfest als eine Art Erntefest entstand. In Israel schliefen die Bauern während der Erntezeit in Laubhütten auf den Feldern um den Ertrag zu bewachen. Das Laubhüttenfest findet nach dem Einsammeln der Ernte statt, was zusammen mit dem Wissen, dass Erntedankfeste in den antiken Kulturen des Nahen Ostens bekannt sind, durchaus darauf schließen lassen könnte, dass auf diese Art das Laubhüttenfest entstand. 6

Eine weitere Theorie über den Ursprung des Laubhüttenfestes ist, dass das Fest als Neujahrsfest entstand, was damit begründet wird, dass Ro’sch ha-Schanach und Jom Kippur nur in der als Priesterkodex bezeichneten späteren Bibelquelle erwähnt werden. Dadurch vermuten einige Forscher, dass das Sukkotfest das Neujahrsfest war, bevor Ro’sch ha-Schanach und Jom Kippur diese Rolle übernahmen.7

Auch gibt es die Theorie, dass das Sukkotfest als ein Naturfest entstand. Hierbei werden die mit dem Fest einhergehenden Riten, besonders die Segnung des Regens, zur Argumentation genutzt. Ebenfalls gestützt wird diese Theorie durch die unter freiem Himmel stehende Laubhütte, den Feststrauß aus Palm-, Myrte- und Bachweidenzweigen und den Paradiesapfel.8

Dies sind nur einige der vielen verschiedenen Ursprungstheorien dieses farbenfrohen Festes. Sicher ist dabei nur, dass es das Sukkotfest schon seit langer Zeit gibt.

In Israel beispielsweise begann man das Laubhüttenfest zu Zeiten Jesu damit, auf den flachen Dächern und auf freien Plätzen leichte Laubhütten zu errichten. Diese konnten zwar sehr verschieden sein, hatten jedoch alle ein Dach, welches, zumindest zum Teil, aus Laub bestand.9 Am Abend des 14. Tischri nahmen die Juden die Hütte, die sie mit allem zum Wohnen Notwendigen ausgestattet hatten, mit einem Lobspruch in Benutzung und hielten dort dann auch das erste feierliche Festmahl ab.10

Ab diesem Moment wohnten, aßen, und schliefen die Juden, zumindest die dazu verpflichteten Männer, für sieben Tage in den Laubhütten.11

Doch auch außerhalb der Hütten wurde gefeiert. Am Morgen des 15. Tischri stiegen die Priester zum Schiloaḥ herunter um dort mit einer goldenen Kanne frisch quellendes Wasser zu schöpfen. Daraufhin kehrten die Priester zum Tempel zurück, wo sie von weiteren Priestern und von der Menge des Volkes umjubelt wurden.

Der mächtige Brandopferaltar im Tempel wurde mit großen Zweigen geschmückt und auch jeder männliche Jude trug einen Strauß, bestehend aus einer Zitronatfrucht (Etrog), Bachweiden, Myrthen und dem Palmzweig.12 Dieser Feststrauß, der Lulav, wurde auch nach dem darin enthaltenen, herausragenden Palmzweig (לוּלָב, Lulav) benannt.13

Das tägliche Morgenopfer beinhielt am 15. Tischri nicht nur die übliche Weinspende, sondern auch das frische Quellwasser, welches der Priester mit hocherhobener Hand in die zwei Schalen auf dem Altar goss, woraufhin die Tempelmusik einsetzte und die Leviten ihren Tagespsalm vorlasen. Das Volk begann zu beten und die Priester liefen um den Altar mit den Feststräußen in der Hand. Sobald die Leviten mit der Rezitation des Hallel bei Psalm 118 angekommen waren, schüttelte das Volk bei „Danket dem Herrn“ und bei „Hosianna“ den Feststrauß.14

Auch die täglichen Gebete wurden in Tempelsynagogen abgehalten, einige blieben auch in Lehrhäusern um den Schriftgelehrten zuzuhören. Die meisten jedoch gingen zum Altar, wo die Festopfer dargebracht wurden. Insgesamt wurden während des Laubhüttenfestes 13 Stiere, 14 Lämmer, 2 Widder und 1 Bock geopfert.15

Gegen Abend wurde der Tempel dann hell erleuchtet und die Festgemeinde, inklusive der Frauen, zog zum Heiligtum hinauf, wo dann ausgiebig mit Gesang und Musik bis zum Morgengrauen gefeiert wurde. Auch an den anderen Tagen des Laubhüttenfestes wurde gebetet, gefeiert und es wurden Opfer dargebracht. Man besuchte auch die Kranken und Trauernden, wobei der Feststrauß immer mitgeführt wurde.16

Am siebten Tag des Sukkotfestes fand der Umzug um den Altar sogar sieben mal statt. Danach schlugen die Priester das Laub der Bachweidenzweige ab und symbolisierten somit den Beginn des Winters. An diesem Tag schliefen die Juden auch ein letztes Mal in den Laubhütten.

Das eigentliche Sukkotfest ist somit vorbei, jedoch wurde ein achter Feiertag eingeführt – der sogenannte Schemini azerer, das Ende des Laubhüttenfestes, am 22. Tag des Monats Tischri.17 Dieser Feiertag verlief ruhiger als die übrigen Festtage. Die Zahl der Opfer war geringer, man verzichtete auf die Laubhütte, den Feststrauß, Wasserspende, Bachweidenumzug und Nachtlichtfest. Jedoch blieb man an diesem Tag in Jerusalem. Erst am darauffolgendem Tag brachen die Pilger wieder in ihre Heimat auf. 18

2.2 In der Mischna

Betrachtet man nun die entsprechenden Traktate in der Mischna, so fallen verschiedene Dinge auf.

Zuerst einmal wäre da die Genauigkeit zu den Grundbedingungen einer tauglichen Hütte. So soll die Laubhütte nicht höher als zwanzig Ellen sein, Rabbi Jehuḏa jedoch erklärt eine größere Laubhütte für tauglich. Auch soll sie mindestens zehn Handbreit hoch sein, mindestens drei Wände besitzen und soll mehr Sonne als Schatten gewähren.19 Die Schule Schammais erklärt eine alte Laubhütte für untauglich, die Schule Hillels hingegen erklärt sie für Tauglich. Alt ist eine Laubhütte dann, wenn sie dreißig Tage vor dem Fest gebaut wurde. Wenn man sie jedoch extra für das Laubhüttenfest angefertigt hat, so ist auch eine ältere Laubhütte tauglich.20

Ähnlich detailliert sind die weiteren Angaben zur Laubhütte, wann diese tauglich ist und wann nicht. So muss beachtet werden, dass die Laubhütte nicht tauglich ist, wenn man sie unter einem Baum oder in einem Haus errichtet. Ebenfalls nicht tauglich ist eine Laubhütte, wenn man auf ihr eine weitere Laubhütte errichtet. Wenn man in der oberen jedoch nicht wohnen kann, so ist die untere nach Rabbi Jehuḏa sehr wohl tauglich.21

Ebenfalls zu beachten sind die verschiedenen tauglichen und untauglichen Materialien für das Laubdach,22 die Wände der Laubhütte,23 das Verhältnis des Laubdaches zu den Wänden24 und weitere genauere Angaben zu der Größe und Beschaffenheit der Laubhütte, insbesondere des Laubdachs.

[...]


1 E. Gal-Ed, „Das Buch der jüdischen Jahresfeste“, Frankfurt am Main und Leipzig, 2001, S. 144.

2 „Die Mischna/Seder 2. Mo'ed Traktat 6“, herausgegeben von H. Bornhäuser, Berlin, 1935, S. 4.

3 U. Gerhardt, „Jüdisches Leben im jüdischen Ritual“, Heidelberg, 1980, S. 120.

4 „Laubhüttenfest“ auf Duden online. URL: https://www.duden.de/node/673515/revisions/1244900/view (letzter Aufruf: 27.03.2018, 12:28 Uhr).

5 E. Gal-Ed, „Das Buch der jüdischen Jahresfeste“, Frankfurt am Main und Leipzig, 2001, S. 144.

6 E. Gal-Ed, „Das Buch der jüdischen Jahresfeste“, Frankfurt am Main und Leipzig, 2001, S. 144.

7 Ebd., S. 145.

8 Ebd., S. 145-146.

9 „Die Mischna/Seder 2. Mo'ed Traktat 6“, herausgegeben von H. Bornhäuser, Berlin, 1935, S. 4.

10 Ebd., S.4-5.

11 Ebd., S.5.

12 „Die Mischna/Seder 2. Mo'ed Traktat 6“, herausgegeben von H. Bornhäuser, Berlin, 1935, S.5.

13 Vorpahl, Jenny (2015): »Sukkot (Fest)«, in: Bibelwissenschaft.de, das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft, http://www.bibelwissenschaft.de/de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/sukkot-fest-1/ch/1ced4ae40572eaa4b83e80c886f95d53/ (letzter Zugriff: 28.03.2018, 11:55 Uhr).

14 „Die Mischna/Seder 2. Mo'ed Traktat 6“, herausgegeben von H. Bornhäuser, Berlin, 1935, S. 5.

15 Ebd., S.6.

16 Ebd., S.6-7.

17 U. Gerhardt, „Jüdisches Leben im jüdischen Ritual“, Heidelberg, 1980, S. 120.

18 „Die Mischna/Seder 2. Mo'ed Traktat 6“, herausgegeben von H. Bornhäuser, Berlin, 1935, S. 7.

19 Ebd., S. 27, 29, 31.

20 Ebd., S. 31, 33.

21 Ebd., S. 41.

22 Ebd., S. 43.

23 Ebd., S. 48.

24 Ebd., S. 51.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Veränderung jüdischer Rituale am Beispiel des Sukkotfestes
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1.7
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V499182
ISBN (eBook)
9783346031884
ISBN (Buch)
9783346031891
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ritual, jüdisch, jüdische, Rituale, Sukkotfest, Laubhüttenfest, Veränderung, Judentum, Sukkot, Laubhütte, Fest
Arbeit zitieren
Nina Schulz (Autor), 2018, Die Veränderung jüdischer Rituale am Beispiel des Sukkotfestes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499182

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