Positionen des Utilitarismus zur Abtreibung

Eine Übersicht am Beispiel Peter Singers


Studienarbeit, 2019
14 Seiten, Note: 15

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Utilitarismus
1.1 Was ist ‚der‘ Utilitarismus?
1.2 Zentrale Prinzipien utilitaristischer Ethiken
1.2.1 Konsequentialismus
1.2.2 Eudämonismus
1.2.3 Aggregation
1.2.4 Maximierung
1.2.5 Universalismus

2. Utilitaristische Positionen
2.1 Über das Töten
2.2 Abtreibung

Fazit

Literatur:

Einleitung

Zu welchen Ergebnissen kommt utilitaristisches Denken im Bezug auf Abtreibung? Diese Frage wird in dieser Arbeit anhand von Positionen Peter Singers im Wesentlichen beantwortet. Peter Singer ist nicht etwa der Sprecher aller Utilitaristen. Dafür ist die ethische ‚Schule‘ des Utilitarismus zu divers. Jedoch ist er zweifelsohne der prominenteste Vertreter im Bereich der Bioethik, an dessen Positionen sich viel gerieben und gestoßen wird.1 Um die Positionen Singers zu verstehen, muss aber zunächst ein Grundstein gelegt werden. Dazu werde ich im ersten Kapitel den Utilitarismus umreißen. Dabei ist mir besonders die Einführung in denselben von Jack Nasher hilfreich. Er schafft es, in seinem Buch „Die Moral des Glücks“ auf gut 80 Seiten, die Wesensmerkmale utilitaristischen Denkens zusammenzufassen.

1. Utilitarismus

1.1 Was ist ‚der‘ Utilitarismus?

Beim Utilitarismus handelt es sich um einen teleologischen Ansatz der Ethik. Teleologie ist die „Lehre von Zwecken und Zielen“2 und dementsprechend ist der Utilitarismus auf ein Ziel hin ausgerichtet. Das Ziel, auf welches utilitaristische Ethiken ausgerichtet sind, heißt: „soviel Glück für so viele Menschen wie möglich“3.

Wenn man es wörtlich übersetzt, kommt Utilitarismus von „utility“ und strebt daher nach der Maximierung der allgemeinen Nützlichkeit; jedoch ist Inhalt dieses Nutzens letztlich immer das Glück4.

Utilitaristische Ethiken

‚Den‘ Utilitarismus gibt es allerdings nicht. Als Gründerväter des Utilitarismus gelten Jeremy Bentham (1748 - 1832) und John Steward Mill (1806 - 1873). Schon bei diesen beiden Begründern der Denkrichtung (in Europa) gibt es allerdings signifikante Unterschiede, auf die ich in dieser Arbeit aus Platzgründen nicht weiter eingehe.5 Danach hat sich der Utilitarismus bis heute, nachdem er zwischenzeitliche totgesagt war6, immer wieder aufgegliedert, wobei die zentralen Pole, zwischen denen sich utilitaristische Ethiken bewegen, immer die von Regel- und Handlungsutilitarismus auf der einen Achse und quantitativem und qualitativem Hedonismus auf der anderen Achse darstellen.

Ich werde mich in den folgenden Ausführungen nicht auf einen bestimmten Vertreter oder eine bestimmte Denkrichtung des Utilitarismus beschränken, sondern stattdessen die Schnittmengen herausstellen und die wesentliche Bandbreite erläutern, damit die Grundlage für die utilitaristischen Positionen zur Abtreibung gelegt ist. Dies werde ich anhand der wichtigsten Prinzipien utilitaristischer Ethiken tun.

1.2 Zentrale Prinzipien utilitaristischer Ethiken

Gemein haben utilitaristische Ethiken im Wesentlichen fünf Merkmale, die ich nun beschreiben werde.

1.2.1 Konsequentialismus

Der Utilitarismus beurteilt Handlungen und Regeln ausschließlich nach den daraus folgenden Konsequenzen und gilt daher auch als teleologische Ethik. Er steht somit im Widerspruch zur Deontologie (z.B. Kant), bestimmten Regeln und Handlungen intrinsische Werte zuschreibt.7

Im Utilitarismus ist also nie die Handlung an sich gut, auch zählt die der Handlung zugrunde liegende Intention nicht. Allein die Folgen einer Handlung können gut oder schlecht sein.

Trotzdem kommen Deontologie und Utilitarismus in vielen Fragen zu ähnlichen moralischen Ergebnissen:

„Ein Deontologe etwa verurteilt Diebstahl, weil er das Eigentumsrecht des Individuums verletzt. Ein Utilitarist wird darin übereinstimmen […], allerdings ist für ihn die Eigentumsverletzung nicht an sich verwerflich, sondern weil sie in der Regel einen schlechten Einfluss auf das Wohlergehen der Menschen hat.“8

Die große Schwierigkeit des Konsequenzialismus ist die beschränkte Voraussagekraft des Akteurs: Ein Mensch kann oft nicht alle Konsequenzen seiner Handlungen überblicken. Dies wird umso deutlicher, wenn man Prognosen vor dem Hintergrund der Lorenzschen Chaostheorie trifft. Daher kommt es immer wieder zu einer Hinwendung vom Handlungsutilitarismus hin zum Regelutilitarismus, der versucht, die Konsequenzen von Regeln zu bewerten.9

1.2.2 Eudämonismus

Der Eudämonismus besagt, dass Menschen nach Glückseligkeit streben. In der hedonistischen Tradition wird diese Glückseligkeit oft als Lust begriffen. Utilitaristische Ethiken sind deshalb eudämonistisch, weil sie als einziges Ziel die Förderung der Glückseligkeit setzen. In der Regel strebt der Utilitarismus dabei die Glückseligkeit von Menschen, in einigen Fällen zusätzlich die von Tieren an.10

Das eudämonistische Prinzip stammt ursprünglich von Aristoteles. Für ihn kann ein Mensch die vollkommene Glückseligkeit nur erreichen, wenn er handelt, wie es seiner Natur entspricht.11

Für Jeremy Bentham war lediglich die Quantität des Glücks ausschlaggebend, für Mill hingegen zunehmend auch die Qualität. Intellektuelle Freuden setzte er höherwertig im Vergleich zu körperlichen. Diese Ausdifferenzierung setzte sich mit neuen Utilitaristen immer weiter fort.12

Letztlich liegt darin die Schwierigkeit des Eudämonismus, zu beurteilen, wie man Glückseligkeit quantitativ bzw. qualitativ misst, und ob es objektive Maßstäbe oder nur subjektive Empfindungen gibt. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob Quantität nicht auch eine eigene Qualität ist, bzw. ob jede Qualität nicht letztlich doch quantifiziert werden muss.

1.2.3 Aggregation

Dass man Leid und Glück gegeneinander aufrechnen kann, besagt das Prinzip der Aggregation. Dabei geht man davon aus, „dass Einzelglück von Einzelleid abgezogen werden kann, um den Gesamtnutzen von Handlungen zu kalkulieren.“13 Bentham führt dazu das ‚hedonistic calculus‘ ein, mit dessen Hilfe „Freuden und Leiden […] in Dauer und Intensität gemessen […] und über die Individuen saldiert werden.“14 Das führt zu einer gewissen Problematik:

„Im Prinzip dürfen für eine bestimmte mögliche Handlung negative Handlungsfolgen in erheblichem Umfang in Kauf genommen werden, wenn sie unvermeidlich sind, um ein größeres positives Gut zu verwirklichen.“15

Problematisch ist hier außerdem, wie man die Nützlichkeit der Präferenzen von verschiedenen Individuen generalisieren kann. Verschiedene Utilitaristen, wie z.B. David Brink, John von Neumann und Oskar Morgenstern, Armartya Sen und William Vickrey haben dazu mehr oder weniger umstrittene Vorschläge gemacht. Hervorzuheben ist ein Gedanke von John Rawls, dass es ‚primary goods‘ und ‚secondary goods‘ gibt. Bei ersteren ist davon auszugehen, dass jeder Mensch nach ihnen strebt, letztere werden nicht zwingend benötigt, um ein glückliches Leben zu führen, sondern sind beispielsweise bestimmte Kulturen eigen.16

John Harsanyi sagt, dass es außerdem einer gewissen Portion „empathischer Phantasie“ bedürfe, um herauszufinden, was andere Individuen anstreben. Denn für jeden Menschen gelten andere Wert- und Zielvorstellungen: Ein Kind wird sich über einen Schokoriegel mehr freuen als ein Erwachsener.17

1.2.4 Maximierung

Utilitaristischen Ethiken geht es darum, das Glück der Welt zu maximieren. Es ist also geboten, immer die Handlung vorzunehmen, die größtmögliche Glückseligkeit verspricht. Die Schwierigkeit liegt darin, die Maximierung von Glück zu messen, wenn das Prinzip der Aggregation auf solch hölzernen Füßen steht, wie oben beschrieben. Außerdem sind Situationen denkbar, in denen des einen Freud des anderen Leid ist.18

Während der klassische Utilitarismus die Maximierung des Gesamtnutzens fordert, merken moderne Utilitaristen wie Amartya Sen an, dass das Wohlergehen nicht gleichmäßig verteilt sein könnte. Somit plädieren sie für eine Erhöhung des durchschnittlichen Glücks. Bei diesen sozialethischen Gedanken kann Rawls‘ ‚veil of ignorance‘ hilfreich sein, der letztlich darum wirbt, zuerst denen mehr Glück zu verschaffen, die am meisten Leid erfahren.19

Problematisch an der Maximierung ist das Aufwiegen der Freuden und Leiden der Menschen, wenn der Schaden weniger zum Nutzen vieler Menschen führt:

In manchen Situationen erscheint es gerecht, eine kleine Anzahl Menschen leiden zu lassen, um andere oder mehrere zu retten. So würde in einem Krieg kaum bestritten werden, dass ein Land das Recht auf Verteidigung und dabei eben auch das ‚Recht‘ hat, andere Menschen zu töten. Utilitaristen aber gehen eben so weit, dann von einer moralischen Pflicht zum Töten zu sprechen, wenn dadurch die Leben von mehreren gerettet werden können.20

1.2.5 Universalismus

Der Universalismus bezieht sich auf alle Menschen, die Glück und Leid erfahren. Ziel des Universalismus ist es, dass sich die Maximierung der Glückseligkeit auf alle Menschen auswirkt. „Die universalistische Doktrin des Universalismus geht also davon aus, dass die Interessen eines jeden Bürgers gleichermaßen zählen.“21

Dabei ergibt sich immer wieder ein Spannungsfeld zwischen Maximierung und Universalismus: Oft muss ein Akteur zwischen Handlungen wählen, die viel Nutzen für wenige oder wenig Nutzen für viele Individuen bringen.22 Abhilfe kann hier die Theorie des abnehmenden Grenznutzens des Wiener Nationalökonomen Carl Menger schaffen: Danach ist der zusätzliche Nutzen eines Quantums des Gutes x für jemanden, der schon eine große Menge x besitzt, geringer, als für jemanden, der nur eine geringe Menge des Gutes x besitzt.

[...]


1 Wojciech Boloz überschreibt ein Kapitel in „Utilitarismus in der Bioethik“(s.u.) mit „Warum ist Peter Singers Utilitarismus gefährlich?“. Die päpstliche Enzyklika „Evangelium Vitae“ (J.P.II) spricht im Hinblick auf Singer von einer „Kultur des Todes“.

2 Michael Hampel, Karim Bschir: Teleologie. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Band 3. Hamburg, 2010. S.2721

3 Nasher, Jack: Die Moral des Glücks, eine Einführung in den Utilitarismus. Berlin, 2009. S.11

4 Vgl. Ritter, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, völlig neu bearbeitete Ausgabe des „Wörterbuchs der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler. U-V. Stuttgart, 1971. S.503

5 Vgl. Boloz, Wojciech; Höver, Gerhard (Hrsg.): Utilitarismus in der Bioethik, seine Voraussetzungen und Folgen am Beispiel der Anschauungen von Peter Singer. Münster, 2002. S. 12f.

6 Vgl. Nasher, 2009. S.83

7 Vgl. Ders. S.14 f.

8 Ders. S.16 f.

9 Vgl. Ders. S.17-19

10 Vgl. Ders. S. 19

11 Vgl. Ders. S. 19 f.

12 Vgl. Ders. S. 20 f.

13 Ders. S.22

14 Ders. S.23

15 Dieter Birnbacher: Utilitarismus und Konsequenzialismus. In: Nida-Rümlein, Spiegel, Tiedemann (Hrsg.): Handbuch Philosophie und Ethik, Band 2: Disziplinen und Themen. Paderborn, 2015. S.57

16 Vgl. Nasher, 2009. S.23 f.

17 Vgl. Ders. S.24f.

18 Vgl. Ders. S.26

19 Vgl. Ders. S.27

20 Ders. S.27 f.

21 Ders. S.28

22 Vgl. Ders. S.29

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Positionen des Utilitarismus zur Abtreibung
Untertitel
Eine Übersicht am Beispiel Peter Singers
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für katholische Theologie)
Note
15
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V499516
ISBN (eBook)
9783346033703
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Utilitarismus, Peter SInger, Ethik, Abtreibung, Schwangerschaftsabbruch, Moral
Arbeit zitieren
Raimund Lippok (Autor), 2019, Positionen des Utilitarismus zur Abtreibung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499516

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