Geschichte und Fiktion in Hermann Hesses Erzählung "Narziß und Goldmund"


Diplomarbeit, 2018
66 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Kurze konzeptuelle Zusammenfassung (Abstract)

Abstrakt

1. Neuromantische Züge des Romans

2. Spannung zwischen der neuromantischen Fiktionsebene und der Gegenwart der Entstehungszeit

3. Aus dem Druck der Gegenwart erwachsende Einflüsse
3.a Fernöstliche Religionen, Philosophien, spirituelle Lehren
3.b Einfluss der Jungschen Psychoanalyse

4. Fiktionalität des mittelalterlichen Umfeldes
4.a Kloster Mariabronn
4.b Scholastik
4.c Albert Magnus und Thomas von Aquin .

5. Fiktionalität der mittelalterlichen Ebene..

6. Narrative Hauptfiguren als Archetypen
6.a Narziß der Geistesmensch..
6.b Goldmund der Künstler–Archetyp

7. Kontemplation - Meditation.

8. Beichten
8.a Psychoanalyse und Beichten

9. Die Frauen

Resümee

Resumé

Literaturverzeichnis

Abstract

The goal of the my masters thesis is to investigate the fictionality and reality as well as the neuromantic traits in Hermann Hesse's Narcissus and Goldmund in the widest possible variety of literary studies. Another important aspect was to show how Jungian psychoanalysis and Far Eastern religions, such as Buddhism, influenced this novel. I present how the individual mo- tifs of neoromantic occurs in the narrative. Hesse uses the term to show a better demonstration of the mood of each situation and to show what is going on in the depths of the human soul Another research object of mine was Buddhism. In addition to Buddhism, Jungian psychoana- lysis is an important aspect of the novel. The various Jungian archetypes are represented by the individual figures of the novel.

Keywords

Narratology, cultural history, analytical psychology, systematic-exegetical analysis, interpreta- tion, hermeneutics

Kurze konzeptuelle Zusammenfassung (Abstract)

Das Anliegen der vorliegenden Diplomarbeit bestand darin die Fiktionalität und Realität sowie die Neuromantische Charakterzüge in Hermann Hesses Narziß und Goldmund unter möglichst vielfältigen Aspekten literaturwissenschaftlich zu untersuchen. Noch ein wichtiger Aspekt war es aufzuzeigen, wie die Jungsche Psychoanalyse und die fernöstlichen Religionen wie Buddhismus diesen Roman beeinflussten. Es wurde gezeigt, wie die einzelnen Motive der Neuromantik in der Erzählung auftreten. Hesse benutzt sie, um die Stimmung der jeweiligen Situation besser zu vermitteln und statt der Oberflächenerscheinungen auch das zu zeigen, was in der Tiefe der menschlichen Seele vor sich geht. Ein weiteres Forschungsobjekt von mir war der Buddhismus. Neben dem Buddhismus ist die Jungsche Psychoanalyse ein wichtiger Aspekt des Romans. Die verschiedenen Jungschen Archetypen sind von den einzelnen Figu- ren repräsentiert.

Schlüsselworte

Narratologie, Kulturgeschichte, analytischen Psychologie, systematisch-exegetische Analyse, Auslegung, Hermeneutik

Abstrakt

Zámer mojej tu prezentovanej diplomovej práce spočíval v preskúmaní pojmov fikcie a skutočnosti a ich charakteristických čŕt v románe Narcis a Goldmund od nemeckého spisova- teľa Hermanna Hesseho. Daľším významným aspektom bolo preukázanie vplyvu medzi tzv. Jungovou psychoanalýzou a takým náboženským zmýšľaním, ako je napríklad budhizmus. Nesmieme zabudnúť, ze novoromantizmus, ako odborné pomenovanie daného štylistického prostriedku, rád využíva i modely stredovekého charakteru s pozadím javúc sa veľmi exoti- cky. Bezosporný vplyv filozofa C.G.Junga je výborným príkladom psychoanalýzy dominu- júcej práve v hľadaní archetypov protagonistu románu. Veď práve v Jungových publiko- vaných dielach sa stretávame s archetypmi ako sú Anima a Animus, či Velká Matka.

Kľúčové slová

Naratológia, kultúrna história, analytická psychológia C. G. Junga, teoretická systémová in- terpretácia, interpretácia, hermeneutika

1. Neuromantische Züge des Romans

Der Roman Narziß und Goldmund von Hermann Hesse weist vielerlei Charakterzüge und Einflüsse der sogenannten Neuromantik auf. Daher wird es unumgänglich sein, auf den Grundbegriff Neuromantik einzugehen, er ist ja bei der vorliegenden Arbeit von großer Wich- tigkeit. Es wird zu zeigen sein, wie die einzelnen Motive die Neuromantik in der Erzählung auftreten. In dem Kontext von Hesses Werken gilt der Begriff der Neuromantik nicht nur als literaturgeschichtlicher Terminus, sondern vielmehr als die Bezeichnung einer Weltanschau- ung. Einer der Besonderheiten der Erzählung, wegen deren der Roman Narziß und Goldmund zur Neuromantik gezählt werden kann, ist eine nahezu symbolistische Erzählweise. Der quasi Symbolismus der Erzählung stellt ein wichtiges stilistisches und narratives Mittel dar. Hesse benutzt es, um die Stimmung der jeweiligen Situation besser zu vermitteln und statt der Ober- flächenerscheinungen auch das zu zeigen, was in der Tiefe der menschlichen Seele vor sich geht. Für diesen Zweck greift Hesse immer wieder auf sehr detaillierte Naturbeschreibungen zurück; dies kommt schon in dem ersten Kapitel beim Beschreiben des Kastanienbaums zum Vorschein. Diese Naturbeschreibungen begleiten das ganze Werk und sind ein wichtiges Mit- tel, das Hesse mehrmals verwendet, um verschiedene Situationen und Gefühle der Charaktere zu verdeutlichen.

In Narziß und Goldmund bietet die Natur, die von Hesse so eindrucksvoll und verfeinert geschildert wird, Goldmund, dem Romanhelden, den geeigneten Zufluchtsort aus dem Klos- terleben. Der Protagonist tritt eine langjährige Wanderschaft an, auf der Suche nach der Ur- mutter und sich selbst als Künstler zu verwirklichen. Diese Sehnsüchte treiben ihn immer wieder in die Welt der gesellschaftlichen Realität hinein, wo er Tod, Hunger, Kunst und Liebe erlebt. Diese Gegenüberstellung von Natur und Selbstverwirklichung ist ein weiterer wichti- ger Charakterzug der neuromantischen Literatur. Ein weiterer Zusammenhang mit der Neu- romantik ist der Ort und die Zeit der Erzählung. Ein wichtiges Merkmal der Neuromantik ist der Hintergrund. Es kann entweder exotisch oder historisch sein. In diesem Fall hat sich Hes- se für einen historischen Schauplatz und in eins damit für ein bestimmtes Zeitalter in der eu- ropäischen Kulturgeschichte entschieden. Es kommen zu diesen Punkten noch traumatische Erfahrungen, ein gewisser Schönheitskult und das seelische Innenleben des Menschen hinzu, die alle im Zusammenhang mit dieser Epoche wichtig zu sein scheinen. Sowohl diese Themen als auch die schon früher erwähnten Zusammenhänge werden in der vorliegenden Arbeit noch gründlich analysiert.

2. Spannung zwischen der neuromantischen Fiktionsebene und der Gegenwart der Entste- hungszeit

Die Erzählung spielt im mittelalterlichen Deutschland, in der Vorreformationszeit und be- ginnt in einem abgelegenen Kloster. Zu dem mittelalterlichen Milieu gehören noch Kloster, Schloss und Stadt, Vagantendasein, klösterlicher und städtischer Kunstbetrieb. Diese Motive dienen allesamt der neuromantischen Erzählweise des Romans. Die Vorliebe der Neuromantik für das Mittelalter hat mehrere Gründe. Diese Epoche wurde auch als das finstere Mittelalter bezeichnet, obwohl sich zu dieser Zeit auf vielen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens z.B. in der Politik, der Ökonomie und den Wissenschaften vieles entwickelt hat, was die spätere europäisches Kultur nachhaltig geformt hat. Die Neuromantische Verehrung dieser Epoche in nicht geringem Maß auf die Religion zurück.

Das Mittelalter war eine Epoche, die weitgehendst durch Glauben und Religion beeinflusst war. Die Religiosität durchdrang die Wirklichkeit des mittelalterlichen Alltags der Menschen. Eine mögliche Verbundenheit ist dabei die Vorstellung einer doppelten Schöpfung. Sie mani- festiert sich in der Erkenntnis, dass Gott die Welt zweimal geschaffen habe. Einerseits in der gegenständlichen Gestalt von Natur und Weltall, und andererseits in der geistigen Gestalt der Heiligen Schrift. Diese beiden Schöpfungen ergänzen sich gegenseitig. Jedes Geschaffenes trägt einen Hinweis auf das Wesen Gottes. So bekommt jedes in der Heiligen Schrift vor- kommende Wort über die buchstäbliche Bedeutung hinaus noch einen vom göttlichen „Autor” gegebenen geistigen Sinn. So sind Bibel und Welt ein sich gegenseitig erklärende, unbe- schränkte Erkenntnisweisen, die abwechselnd gelesen werden sollen. Für das Mittelalter ist die Welt erst erkannt, wenn die Spur Gottes in beiden Schöpfungen entdeckt und mit Einsicht entziffert sind. Die Entsprechung zum neuromantischen Postulat der Identität von Natur und Geist sind offensichtlich.

Das Mittelalter eignet sich als Zeitraum einer vor langer Zeit realen, nun aber verlorenen Einheit. Das Mittelalter ist allerdings nicht historisch genau entworfen, es ist vielmehr eine gefühlsmäßige und von der Gegenwart der Moderne aus idealisierte Welt. Für die Neuroman- tik erscheint es als eine Zeit, in der die kontemporäre Kluft zwischen Glauben und Wissen, Mensch und Natur, zwischen Traum und Wirklichkeit aufgehoben ist. Für die Neuromantik gilt es, genau diese Einheit wieder herzustellen, und als Erzählwelt erneut zu beleben, und sie somit zu poetisieren.

3. Aus dem Druck der Gegenwart erwachsende Einflüsse

3.a Fernöstliche Religionen, Philosophien, spirituelle Lehren

Die fernöstlichen Religionen üben einen großen Einfluss auf Hesses Werke aus. Narziß und Goldmund bildet in diesem Zusammenhang auch keine Ausnahme. Lehren des Buddhismus lassen sich am Lebensweg Goldmunds als auch an dem Narzißens gut erkennen. Goldmunds Wanderschaft oder Pilgerfahrt sind deutlich genug als Metaphern für die Erleuchtung der See- le zu verstehen. Seine Wanderung führt ihn durch die verschiedensten Phasen menschlichen Lebens hindurch. Er erfährt Gutes und Böses aber am Ende seiner Wanderung findet er die Erleuchtung. Mit dem einschlägigen sanskritischen Begriff könnte man diese Wanderung auch Samsara nennen, also ein beständiges Wandern. Es ist das im Denken des Buddhismus ein immerwährender Zyklus menschlichen Seins, ein Kreislauf von Werden und Vergehen, von Geburt und Wiedergeburt, solange man die volle Erleuchtung nicht erlangt und damit sei- ne „beständige Wanderung” nicht beendet. Zur Erleuchtung gehört die Fähigkeit des Erleuch- teten, loslassen zu können: alle Bindungen, Begierden und Wunschvorstellungen. Eine andere Möglichkeit ist es, durch Erkenntnis dass das Leben nur eine Illusion, Maya ist. Maya – der Name bedeutet auf Sanskrit Illusion oder Zauberei bedeutet ist eine indische Göttin.

Sie verkörpert mehrere Vorstellungen: erstens eine kreative Energie (Pakriti – Urmaterie), dann einen Zustand der geistigen Verblendung und sie ist zudem eine personifizierte Gottheit. Sie wird auch Mahamaya (Große Maya) genannt. Als solche ist sie die Schöpferin des Uni- versums. Sie ist ebenfalls die Göttin der Illusion, aller nur vorgestellten, nicht realen Dinge. Auch steht der Name im Zusammenhang von Dingen, die physisch zwar anwesend sind, die aber nicht so sind, wie sie aussehen. Maya ist auch der Name von Buddhas Mutter. Buddha war wie Goldmund auf der Suche nach seiner Mutter. Viele Vorstellungen, die an Maya haf- ten, lassen sich im Leben von Goldmund ebenfalls beobachten. Am Ende der Erzählung bei- spielsweise, wenn Goldmund wegen einer Verletzung stirbt, gelingt es ihm, die Seelenruhe und den Einklang mit sich selbst gerade in der Vorstellung der Mutter zu erreichen, was in manchem an die Nirwana des Buddhismus erinnert. Der häufige Neubeginn des Lebens von Goldmund während seiner Wanderschaft könnte in einer gewissen Parallelität mit den Neuge- burten des Samsaras gesehen werden. Auch die Zunahme an Erkenntnis während seines Le- bensweges erinnert an das Samsara: nach jedem Ereignis, das ihm widerfährt, wird er erfahrener und beginnt die Welt und ihren Sinn immer tiefer zu verstehen. Immer wenn er von Frauen geliebt wird, wenn er die Schönheit der Natur begreift, wird seine Seele reicher, und wenn er tötet, stirbt er ein wenig mit, aber er kommt nach jedem traumatischen Erlebnis zu neuen Lebenskräften, als würde er neu geboren, oder wiedergeboren, bis er zur vollständigen Erleuchtung gelangt und aus dem Kreislauf dieser Ereignisse austreten kann.

Narziß kann in dieser Analogie, die die fernöstlichen Einflüsse berechtigen, als Ver- körperung eines buddhistischen Bodhisattwa betrachtet werden, d. h. als ein nach höheren Er- kenntnissen und Erleuchtung seiner selbst strebendes Wesen. Der Kerngedanke der einschlä- gigen Lehren ist es, dass der Bodhisattwa nicht nur für sich allein Erleuchtung sucht und fin- det, sondern dass er allen anderen Wesenheiten ebenfalls zur Erlösung zu verhelfen sucht, ih- nen also ebenfalls aus dem endlosen Kreislauf des Samsara auszubrechen hilft. Als eine wei- tere Parallele mit fernöstlichen Religionen kann gedeutet werden, dass Narziß, sobald er be- merkt, dass Goldmund nicht für das Klosterleben bestimmt ist, als Seelenführer für Goldmund zu funktionieren beginnt. Er bringt ihn zur Erkenntnis, das Kloster verlassen und draußen in der „weiten Welt” zu sich selbst finden zu müssen.

3.b Einfluss der Jungschen Psychoanalyse

Die Psychoanalyse von C. G. Jung hat die meisten Werke von Hesse beeinflusst. In seinen Büchern verfolgt er als Autor das Ziel, die verschiedenen Entwicklungsvorgänge in der men- schlichen Seele literarisch zu schildern. Für diesen Zweck greift er auch in diesem Roman die Jungschen Lehren auf. D er Einfluss der Jungschen Psychoanalyse ist in dieser Erzählung in vielfältiger Weise spürbar. Die sogenannten Archetypen von Jung können an den einzelnen Erzählpersönlichkeiten nahezu paradigmatisch erforscht werden. Als Archetypus oder auch Archetyp bekannt, beschreibt in die Analytische Psychologie vorkommende und zu dem kol- lektiven Unbewussten gehörende Grundstrukturen menschlicher Handlung und auch Vorstel- lungsmuster. Das Wort Archetypus stammt aus dem griechischen Wort archē, welche Ur- sprung bedeutet, und typos, welche Schlag oder Abdruck bezeichnet. Wörtlich bedeutet es also etwa die Grundprägung. Eine ungenaue Übersetzung für Archetyp ist das Urbild, weil es auch Oft wird Archetyp sprachlich ungenau mit Urbild übersetzt, weil er sich auch in sym- bolischen Bildern zeigt, deshalb ist der begriff Urform Begrifflich genauer.

Als Archetypen werden psychische Strukturdominanten bezeichnet. Diese beeinflussen auch die unbewusste Wirkfaktoren das menschliche Handlungsweise und das Bewusstsein. Die Kulturgeschichte zb. zeigt zum Bewusstsein und zu seiner Entwicklung archetypische Bilder. So ein Beispiel dafür ist zum Beispiel die Himmelslichter, vor allem die Sonne als Tagesge- stirn. Es gibt Archetypen welche eine Urerfahrung der Menschheit entsprechen wie z. B. die weibliches und männliches Geschlecht, Geburt und Tod, Kindheit und Pubertät. Der Schwei- zer Psychoanalytiker Jung meint das Archetypen universell vorhandene Strukturen sind. Sie befinden sich in der Seele aller Menschen, und es ist ganz unabhängig von ihrer Herkunft und Kultur. Diese Archetypen können sich im Einzelnen und in Gesellschaften unterschiedlich realisieren und sind ausnahmslose Einflüsse in der unbewussten Psyche welche fähig sind die Träume, Vorstellungen, und Emotionen anzuordnen.

Die Jungschen Archetypen, die sich in diesem Roman am meisten nachweisen und untersuchen lassen, sind die folgenden: Anima und Animus. Anima ist ein Archetyp weibli- cher Art, und wird durch archetypische Bilder des Weiblichen im Unbewussten eines Mannes charakterisiert. Anima tritt in Träumen, Visionen und Phantasien verkörpert auf und ist, eine Spontanproduktion des Unbewussten, wo immer Emotionen am Werke sind. Goldmund hat die Charakterzüge der Anima. Eine starke Anima macht den Charakter des Mannes weicher und macht ihn empfindlich, reizbar und launisch. Goldmund ist ein sehr emotionaler Mensch, tagelang denkt er über den Sinn des Lebens nach, aber er kommt immer auf dieselbe Feststel- lung, nämlich dass am Ende ohnehin alles verlorengeht. Jeder Mann trägt das Bild der Frau in sich, aber nicht irgendeiner Frau, sondern einer bestimmten Frau. Goldmund ist auf ständiger Suche nach der Urmutter, durch die lange Wanderungen und die neuen Erfahrungen kommt er dem Geheimnis seiner Künstlerschaft immer näher. Er hat es immer deutlicher vor Augen, was er am Ende seiner Wanderungen tun soll:nämlich aus Liebe zur bildenden Kunst etwas Dauerhaftes zu schaffen. Als er begreift, wie vergänglich das menschliche Leben ist, möchte er etwas herstellten, was ihn weit über das eigene Lebensende hinaus überdauert.

Die Anima Archetyp weist auch eine starke Abhängigkeit von der Natur auf. Das lässt sich an dem Charakter von Goldmund recht gut beobachten. Er ist fasziniert von der Natur und ihren Erscheinungen. Er ist ständig unruhig, kann sich nicht lange an einem und demselben Ort aufhalten. Diese Sehnsucht treibt ihn immer wieder in die Natur hinaus. Goldmund hat seine Mutter früh verloren, er hat auch keine Geschwister gehabt, er war vom strengen Vater erzogen. Eine Person, der ihm hätte mild und sanft erziehen können, hat in seinem Leben schon immer gefehlt. Das könnte einer der Gründe dafür sein, weshalb er ständig die Liebe der Frauen sucht. Nachdem er seine Seele vor Narziß öffnet und über seine Erinnerungen er- zählt, entdeckt Narziß die mütterliche Seite Goldmunds. Er hat das in sich schon seit längerem verdrängt. Narziß bemerkt, dass etwas in seinem jungen Freund erwacht ist und dass das Bild der Mutter immer deutlicher in den Sinn kommt. Die Mutter war eine Tänzerin, eine Art Künstlerin. Auch wirkte sie auf Männer verführerisch, sie stand im Ruf einer Hexe. Gold- mund weist auf ähnliche Charakterzüge auf. Er will auch ein Künstler sein und er ist ein Frauenverführer. Er verzaubert schnell jede Frau, die ihm über den Weg läuft, egal ob sie ein einfaches Bauernweib oder die Geliebte des Stadthalters ist. Er scheint wirklich einen golde- nen Mund zu haben, weil er die Frauen mit seinen Worten verführt. Diese Liebesbeziehungen dauern aber nur kurz. Die Frauen außer einigen Ausnahmen können ihn nicht lange an sich fesseln. Er geht weiter, er ist ständig auf der Suche nach seiner Mutter. Allerdings ist es eine Suche im Innern, eine Reise zu sich selbst. Nur scheinbar ist die reale Welt der Ort, an dem die Mutter gefunden werden soll.

Der logisch denkende Narziß repräsentiert der Animus des väterlichen Logos. Zwischen den beiden Klosterbrüdern entstand schnell eine enge Beziehung, die viel mehr wird als eine ge- wöhnliche Freundschaft. Narziß wird Goldmunds Seelenführer. Auch repräsentiert auch für Goldmund eine Vaterfigur. Goldmunds leiblicher Vater wird nur kurz erwähnt. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn dauert, so intensiv sie auch sein mag, nur kurz und ist durch die Vorgeschichte der verschwundenen Mutter ohnehin belastet. Je mehr Zeit Narziß und Gold- mund zusammen verbringen, desto größer wird die Rolle von Narziß in Goldmunds Leben. Er übernimmt die Rolle eines geistigen Vaters, der Goldmund den richtigen Weg zeigt. In ihm fehlt allerdings die mütterliche Seite. Er widmet sein ganzes Wesen dem Klosterleben. Er kennt die Seele von Goldmund so eingehend, als wäre sie seine eigene, aber er begreift nicht das sein eigenes Leben ein mutterloses ist. Er begreift es erst, als Goldmund im Sterben liegt. Kurz bevor er stirbt, stellt er ihm die Frage, wie man ohne Mutter leben und sterben kann. Narziß versteht da plötzlich, dass sein Freund recht hat, und er beginnt über sein Leben nach- zudenken, ob sein Lebensweg der richtige war und ob er den mütterlichen Ursprung nicht aus den Augen verloren hat. Er erkennt, dass er nicht so glückselig sterben könnte wie Goldmund, weil ihm die Leitvorstellung der Mutter fehlt, die ihn durch das Leben leiten könnte. So wechseln am Ende des Romans unvermittelt die Rollen: aus dem Lehrer wird ein Lernender, aus dem Führenden ein Geleiteter. Goldmunds letzte Worte sind Kritik eines Lebens, die das Mütterliche aus den Augen verlor. Er muss nun über sein Leben nachdenken.Und wenn er wirklich glücklich leben will, so soll er es auch ändern.

In Goldmunds Charakter ist zudem der Jungsche Schatten–Archetyp anwesend. Der Schatten repräsentiert die negativen, unmoralischen und deshalb unterdrückten Charakterzüge der Persönlichkeit. Es ist also ein Teil des Ichs, der wegen gesellschaftsinkompatibler Nei- gungen unbewusst gehalten wird, weil es unmoralisch ist oder Tabus brechen würde. Gold- mund bricht ein Tabu, als er Viktor ermordet. Eines Tages tötet er aus Notwehr den Landstrei- cher, der mit ihm unterwegs ist. Er wollte ihn bestehlen und dabei erwürgen, Goldmund kann ihn jedoch überwinden, aber nur indem er ihn tötet. Er lässt seine Leiche liegen und geht fort, aber dieses Ereignis lässt ihn keine Ruhe. Die Erinnerung kommt ihm immer wieder in den Sinn. Dann geht es ihm nicht mehr gut. Er muss später eine Kirche aufsuchen, um den Mord zu beichten. Der zweite Mord geschieht, als er einen Vergewaltiger tötet. Diese erschüttert ihn aber nicht so tief wie die Ermordung Viktors. Es geschieht ja, nachdem er das Toben der Pest bereits mit erlebt hat, nachdem er mit eigenen Augen gesehen hat, wie wenig in Zeiten einer Epidemie ein menschliches Leben wert ist, wie gnadenlos die Menschen andere vernichten, um ihr eigenes Leben zu retten. Da denkt er nicht mehr an moralische Gebote, sondern er will einfach nur überleben.

Obwohl er wegen Lene tötet, weil der Mann sie vergewaltigen wollte, zeigt er wenig Mitleid, als sie sich mit der Pest ansteckt und im Sterben liegt. Der Schatten Archetyp von Goldmund kommt im Akt des Mordes zwar zum Vorschein, allerdings hat er sowohl die inne- re Fähigkeit wie auch die äußere Gelegenheit, die Folgen in den Griff zu bekommen.

4. Fiktionalität des mittelalterlichen Umfeldes

4.a Kloster Mariabronn

Das Kloster Mariabronn dient als narrativ wichtiger Schauplatz. Auch beginnt die ganze Er- zählung hier. Es wird erzählt, wie lange schon hier gearbeitet, gelehrt und gelebt wird. Hier treffen sich Narziß und Goldmund zum ersten Mal, und hier geschehen auch die Ereignisse der letzten Kapitel. Das Kloster gibt also für die ganze Erzählung einen Rahmen ab. Für beide Charaktere spielt es eine äußerst wichtige Rolle. Narziß will sein ganzes leben hier verbringen und Abt werden. Goldmund hat zuerst auch dieselben Absichten, aber seine Meinung ändert sich schnell. In dem Kloster erkundet Narziß die Seele Goldmunds und da öffnet er ihm auch die Augen. Als wäre Goldmund neugeboren, bekommt sein Leben einen neuen Sinn und eine neue Richtung. Narziß überzeugt ihn, dass er seine Träume au$er der Mauern des Klosters verwirklichen soll.

Das fiktionalisierte Kloster Mariabronn ist eine Anspielung auf das reale Kloster Maulbronn, in dem der Autor in seiner Schulzeit das evangelisch-theologische Seminar besucht hat. Dieser Aufenthalt dauerte allerdings nicht lange, weil er dort am Unterricht sehr gelitten und diese protestantische Bildungsanstalt schließlich auch verlassen hatte. In dem Roman bildete Hesse nun einen neuen Namen für ein Kloster, das es historisch gar nicht gab, aber Name und äußere Erscheinung im Großen und Ganzen an Maulbronn erinnern. Wichtig scheint dabei der Umtand zu sein, dass Hesse das erste Glied des zusammengesetzten Klos- ternamen Maulbronn, also Maul durch Maria ersetzt und so das Kompositum Marienbronn bekommt, wodurch der Name des wichtigsten Ortes im Leben der beiden Romanhelden eine christliche Konnotation erhält, allerdings eine, die fernöstliche Assoziationen etwa mit Maya ebenso nicht ausschließt, wie Gedankenverbindungen mit Jungs Mutterarchetyp (auch Urmut- ter oder Große Mutter genannt). In dem fiktiven geographischen Namen klingt indessen auch eine Metapher an. Setzt man Marie mit der Urmutter gleich, dann erscheint diese in der Brun- nenmetapher als Urquell des Lebens. Hesse bedient sich also dieser Symbolik des Klosterna- mens zur Entfaltung einer Art Muttermythos. Wie das Kloster sich als Ausgangspunkt und Ziel des bewussten Lebenswegs von Goldmund erweist, so wird auch dieser Muttermythos zur Leitvorstellung von Goldmunds ganzem Leben. Ohne Narziß, ohne sein analytisches Wis- sen, dass in ihm den Künstler entdeckt und von den Fesseln eines Lebens im Kloster befreit, wäre die „Erleuchtung” von Goldmund am Ende des Romans undenkbar. Indem das Kloster Goldmund in die weite Welt entlässt, ermöglicht es, dass er ein erfülltes Leben führen kann: Das Kloster erst bringt Goldmund zur Welt. Eine weitere deutliche Parallele zwischen Kloster und Urmutter.

Im Namen Mariabronn ist allerdings auch der Name der Heiligen Mariä enthalten, die in der katholischen Kirche als die jungfräuliche Mutter Gottes verehrt wird. Sie ist gewissermaßen die Mutter von jedem. Insofern wird Goldmunds Suche nach der Urmutter einerseits in den mittelalterlichen Volksglauben eingebettet, andererseits aber auch mit dem Kloster als Mittel- punkt und ständigem Zufluchtsort seiner Wanderschaften verbunden. Die Gestalt Mariä taucht auf der Wanderschaft Goldmunds immer wieder auf. Hesse spielt meisterhaft mit den Wör- tern, er verändert den Namen einer konkreten, realen Ortschaft nur geringfügig, und trotzdem erhält es eine symbolische Zusatzbedeutung.

4.b Scholastik

Unter dem Begriff Scholastik versteht man eine bestimmte theologisch ausgerichtete Denk- weise des Mittelalters, die von den logischen Schriften Aristoteles beeinflusst war und auf einer „schulischen” Interaktion eines Lehrenden und eines Schülers oder mehrerer Lernenden beruhte. Dabei ging man von Prämissen, mithin von Voraussetzungen und Annahmen aus. Bei der scholastischen Methode wird eine Behauptung aufgestellt und in gemeinsamer Arbeit im Unterricht auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht. In diesem Prozess werden zuerst pro und kontra Meinungen erörtert, gegeneinander abgewogen und schließlich bestätigt oder wider- legt. Der Begriff Scholastik wird auch verwendet zur Bezeichnung einer bestimmten Epoche in der Philosophie- und Theologiegeschichte. In dieser Zeitspanne von etwa 300 Jahren (zwi- schen 1200 und 1500) setzte sich das scholastische Prinzip im weitgehend kirchlichen Schul- wesen durch und drückte auch dem höheren Bildungswesen sein Gepräge auf. Im Mittelalter sowohl wie schon in der Antike wurde das Attribut scholasticus benutzt für Lehre und Bil- dung, sofern sie einen schulischen Charakter hatten, also auf eine Zusammenarbeit von Meis- ter und Schüler zurückgingen.

Später bezeichnete der Begriff Scholastik jedoch die Gesamtheit der so vermittelten mittelal- terlichen Theologie und Philosophie. Er wurde für gelehrte Versuche verwendet, die Dogmen des Katholizismus mit philosophischen Mitteln zu rationalisieren. Scholastiker haben die an- tike Dialektik, die Wissenschaft für korrekte Diskussion, fortentwickelt. Mit Hilfe der Dialek- tik sollte man die Fähigkeit erlangen, wissenschaftlich richtig zu diskutieren. Der Scholastiker hatten sehr unterschiedliche Behauptungen zu denselben Themen aufgestellt und die Meinun- gen gingen oft sehr weit auseinander. Die Dialektik diente den Scholastikern zur Erzielung einvernehmlicher Schlüsse. Deshalb war sie für alle Scholastiker eine weithin akzeptierte Vorgehensweise. Die Scholastiker hielten die Erträge ihrer dialektischen Disputationen in ent- sprechenden Lehrbüchern fest. Diese beschäftigten sich vor allem mit Fragen der Wissen- schaftstheorie und ihrer Systematik. Sie rezipierten Autoren der griechischen Klassik sehr in- tensiv. Zu Fragen der Seelenlehre nahmen sie beispielsweise die mit De Anima betitelte Schrift des Aristoteles zur Hilfe.

Der Name des Aristoteles taucht auch in der Erzählung von Hesse mehrmals auf. Er wird er- wähnt, wenn Narziß und Goldmund über die Möglichkeiten und Ziele eines Menschen disku- tieren, und auch wenn sie über die Seele reden. Einmal als Goldmund Narzißens Denkweise nicht verstehen kann, erläutert Narziß seinem Freund, was er machen sollte, um seine Seele voll entfalten zu können. Goldmund sollte weder einen Denker oder einen Asketen nachah- men, sondern er muss er selbst sein, er muss es lernen, sich selbst zu verwirklichen. Die Be- zeichnung Selbstverwirklichung ist aber für ihn ein wenig unklar. Narziß erleuchtet ihm, dass sie ein philosophischer Begriff des Aristoteles sei und für ihn der höchste aller Begriffe das vollkommene Sein wäre.

Die einzige vollkommene Sein ist aber Gott und der Mensch ist zur Vollkommenheit nur teilweise befähigt. Wenn Goldmund die Möglichkeit hat, etwas zu tun, wenn er von der Mög- lichkeit zur Verwirklichung übergeht, ist diese Verwirklichung zu dem Vollkommenen und Göttlichen einen Grad ähnlicher. Er könne diese höhere Entfaltung seiner selbst durch seine Kunstwerke erlangen. Er muss sich als Künstler verwirklichen und wenn seine Figuren wirk- lich gelingen, dann kann er das Bildnis eines Menschen in seiner reinsten Form darstellen, also das Menschenbild gleichsam verwirklichen. Diese Gedankenführung ist auch deshalb von großer Wichtigkeit, weil Narziß die Scholastik vertritt und für die Scholastik die Frage von Bedeutung war, wie präzis Behauptungen über die menschliche Seele sein können. Die Vertreter der Scholastik waren sicher, dass theoretisches Wissen das zuverlässigste Wissen ist, das es überhaupt geben kann, weil es aus allgemeinen Grundsätzen logisch abgeleitet werden kann. Obwohl einfache Beobachtungen falsch oder täuschend sein können, eine logisch aus allgemeingültigen Grundsätzen abgeleitete Feststellung ist aber irrtumsfrei. Deswegen musste man Erscheinungen, die einem solchen logischen Schluss zu widersprechen schienen, so er- klären, dass sie den allgemeinen Grundsätzen und ihrer Kohärenz entsprachen.

4.c Albert Magnus und Thomas von Aquin

Um die Charaktere Narziß und Goldmund besser zu verstehen, ist es lohnenswert, die Bezie- hung zwischen Albert Magnus und Thomas von Aquin als eines der möglichen Vorbilder mit- telalterlicher Meister-Schüler-Freundschaften zu untersuchen. Albert Magnus war ein deut- scher Gelehrter und Bischof. Er war der Wegbereiter für den christlichen Aristotelismus. Es ist dies ein Wissenschaftssystem, das sich an den Lehren des Aristoteles im Laufe der Jahr- hunderte entwickelt hat. Es spielte im hohen Mittelalter eine wichtige Rolle. Albert Magnus studierte fünf Jahre an der Sorbonne, und erhielt da den Titel Magister der Theologie. Hier befasste er sich intensiv mit dem griechischen Philosophen Aristoteles. Zu dieser Zeit schloss sich ihm als Schüler Thomas von Aquin an, der später sogar seinen Meister übertreffen sollte. Es ergeben sich folgende Ähnlichkeiten. Albert Magnus war ein Aristoteles-Forscher, wie in Hesses Roman Narziß. Höchstwahrscheinlich konnte er Griechisch, das auch für Narziß sehr wichtig war. Schon am Anfang der Erzählung wird darauf hingedeutet, dass der junge Lehrer auch wegen seines eleganten Griechisch sehr beliebt ist. Er wird auch schnell als Lehrer engagiert vor allem für den Griechischunterricht. Albert Magnus verbreitete die Ideen des Aris- toteles, die auch Narziß sehr beeinflussen, vor allem im Zusammenhang der Fragen nach der menschlichen Seele. Magnus war der Lehrer und Mentor des Thomas von Aquin, wie Narziß der von Goldmund ist. Er war von seinem Schüler äußerst begeistert, so dass er ihn mit nach Paris nahm, als er an der hiesigen Universität zu lehren begann. Diese Meister-Schüler-Bezie- hung lässt sich als durchaus mit dem Verhältnis zwischen Narziß und Goldmund vergleichen, selbst wenn die Protagonisten der Hesseischen Erzählung andere Ziele haben. Der Name des Thomas von Aquin wird im Roman in der Tat erwähnt.1 Einmal als Goldmund Narziß über die Judenverbrennungen erzählt, fragt er Narziß, wieso ist es möglich, dass niemand diese verhindern konnte, und warum diese Welt so böse sei. Narziß behauptet im Sinne der Scholas- tik, dass die Welt göttlich sei. Es bestehe eine große Harmonie von Sphären, in deren Mitte der Schöpfer thronen würde, und alles, was nur existiert, gut sei. Er fügt hinzu, dass dies so im Aristoteles und beim heiligen Thomas geschrieben stünde. Narziß leugnet das Übel in der Welt nie. Er verehrt nur den allmächtigen Schöpfer. Goldmund ist indessen viel emotionaler als Narziß und er kann dies nicht verstehen.

Das nächste Mal, wo der Name des Thomas von Aquin in der Erzählung vorkommt, ist ein Wendepunkt in Narzißens Leben. Er fühlt seinen inzwischen bewanderten und betagten Freund ins Kloster zurück. Goldmund richtet dort eine Werkstatt ein, aber nach einiger Zeit hat er das Gefühl, dass er wieder auf Reisen gehen muss, um Inspirationen zu sammeln. Als er fortreitet, beginnt Narziß über seinen eigenes Leben nachzudenken. Er ist von seinem Freund sehr begeistert, aber er ist durch den Verlust des Freundes an die Welt auch ärmer und schwä- cher geworden. Das hat er aber Goldmund nie gezeigt, sondern er benimmt sich immer stark und reif, wie es sich für einen Meister schickt. Goldmund hingegen scheint durch Heimat, Kloster und Glaube oft stark verwirrt zu sein und was er von seinem Freund hört, macht ihn mehrmals zweifeln. Er fragt sich, ob ein Mensch wirklich dazu geschaffen ist, Aristoteles und Thomas von Aquin zu studieren und Griechisch zu können. So wird der Name des Heiligen Thomas in dem Kontext erwähnt, der die Wichtigkeit von Narziß hervorhebt und mit realen Gestalten des hohen Mittelalters in eine fast archetypische Beziehung setzt.

Als Albert nach Paris ging, folgte ihm Thomas und für einige Jahre blieb er bei Magnus. Die lange Verbindung des Thomas von Aquin mit diesem großen Philosophen-Theologen blieb der wichtigste Einfluss auf seiner Entwicklung. Schließlich wurde Thomas zu einem Gelehrten mit umfassendem Wissen, der das philosophische Erbe des Aristoteles permanent wahr- nahm. Diese langjährige Verbindung ist der Beziehung zwischen Narziß und Goldmund ähn- lich. Auch für Goldmund ist der Novize die wichtigste Einflussquelle. Er tritt für ihn als See- lenführer auf und erleuchtet ihm den Weg, den er gehen sollte. Er hat ihn allerdings keinen Aristoteles gelehrt, aber andere für Goldmund sehr viel wichtigere Lehren schon, die sich auf seinen Wanderungen ununterbrochen als nützlich erwiesen hatten.

Es gibt indessen eine weitere Parallele zwischen der Kulturgeschichte der scholastischen Philosophie und Hermann Hesses Roman. Auch Albertus unternahm ein Jahr vor seinem To- deine Reise nach Paris, um die Lehren des Thomas von Aquin gegen die Anklage von Stephen Tempier und anderen zu verteidigen, die seine Schriften als zu günstig für die "ungläubigen Philosophen" verurteilen wollten. Dieses Ereignis der realen Geschichte zeigt Ähnlichkeiten damit, wie Goldmund beim Stadthalter erwischt wird und für einen Dieb gehalten und verur- teilt wird. Er ist kurz davor, hingerichtet zu werden und alle Hoffnung auf Rettung fahren zu lassen. Beinahe würde er sein Leben ganz aufgeben, dann versucht er allerdings doch noch zu entkommen. In diesem Augenblick kommt ihm allerdings unerwartet Narziß zur Hilfe und er rettet ihn vor dem Untergang. Die beiden haben sich nun seit vielen Jahren nicht mehr gese- hen. Als Narziß hört, dass sein Freund in eine solche Situation geraten ist, ist er dennoch gleich auf der Stelle. Albertus Magnus hat als Mentor und Lehrer von Thomas von Aquin ei- nen ähnlich großen Beitrag zum Erfolg des Heiligen Thomas geleistet. Die Jahre, in denen die Beiden zusammenarbeiteten, hatte Thomas sehr nachhaltig geprägt. Dessen Summa Theologi- caTheologische Summe wurde von Albertus inspiriert.

Dieses Werk zählt zu den Hauptwerken des Thomas von Aquin und ist einer der Klassiker der Geschichte der Philosophie. Es ist auch eine der einflussreichsten Werke der westlichen Literatur zur Zeit des Mittelalters schlechthin. In diesem Werk erstellte Thomas ein System, in das er Wissen und Glauben seiner Zeit zusammengefasst hatte. Thomas stellt darin fest, dass Gott das Sein selbst ist. Sein Werk war als ein Überblick für Theologiestudenten gedacht. Es war eine Zusammenfassung aller wichtigen theologischen Lehren der katholischen Kirche. Es enthält die Beweisführungen für fast alle Punkte der christlichen Theologie des Abendlandes. Die verschiedenen Themen der Summa Theologica wurden so zusammengestellt, dass sie ei- nem Zyklus folgen. Sie beginnt und endet mit Gott. Der Zyklus ist der folgende: Gottes Exis- tenz, Schöpfung, Mann, Der Zweck des Menschen, Christus, die Sakramente, und am Ende des Zyklus wieder Gott. Goldmund hat ebenfalls sein Meisterwerk, die Johannisfigur nach seinem Freund Narziß gestaltet. Dadurch entsteht folgende strukturelle Ähnlichkeit mit der Summa des Thomas: Das Meisterwerk seiner Bildhauerei ist von jenem Meister seines Lebens beeinflusst, den er nach seinen langjährigen Wanderungen schließlich gestaltete, nachdem er beschlossen hatte, sich als Künstler zu verwirklichen. Damit kehrt er aber zyklisch zum Ur- grund seiner eigenen Kunst, nämlich zum Freund und Meister zurück.

5. Fiktionalität der mittelalterlichen Ebene

Hesse hat in seinen Jugendjahren das evangelischen Seminar Maulbronn, eine Klosterschule besucht. Er hat die Schule nicht beendet, weil er hier eine depressive Phase erlebte, die ihn zwang, den Unterricht abzubrechen. Er wollte nicht da bleiben, er entwich auch mehrmals aus dem Seminar. Nach einen Selbstmordversuch musste er die Schule schließlich endgültig ver- lassen. Später in seinem Leben hat sich Hesses Meinung über die Schule geändert. Er hat sei- ne Erinnerungen in dem Jugendwerk Unterm Rad literarisch festgehalten. Die Erinnerungen an die Klosterschule haben indessen auch die Erzählung Narziß und Goldmund weitgehend beeinflusst. Die Schule wurde im 16. Jahrhundert gebaut, und über die langen Jahren bis in Hesses Zeit hinein bewahrte sie ihr mittelalterliches Milieu. Die reale Aufbau und Konzeption des Klosters Maulbronn spiegelt sich in dem fiktionalisierten Kloster Mariabronn wider. So gelingt es Hesse, ein Spiel mit zwei Ebenen zu entfalten. Der Leser bekommt einen Einblick in eine Welt, die eine Mischung von Wirklichkeit und Fiktionalität darstellt. Wenn das Kloster Mariabronn beschrieben wird, wie es von innen und außen aussieht, dann wird keine Archi- tektur erdacht und erfunden, sondern aus den Erinnerungen der Jugendjahre geschöpft.

Diese Fiktionalisierung ist zudem ein Merkmal der Neuromantik. Hesse verwendet diese Mischung aus Realität und Fiktion nicht nur zum bloßen Rekonstruieren der mittelalterliche Epoche, in der der Roman spielt, sondern auch, um seine poetischen Absichte in die Tat um- zusetzen. Als einem Schriftsteller der Neuromantik gelingt es ihm moderne Denkweisen, wie die Jungsche Psychoanalyse, in eine christlich - mittelalterliche Umgebung zu verpflanzen. Die Psychoanalyse beeinflusst fast alle seiner Werke, und die Handlung von Narziß und Goldmund handelt in der Tat von Seelenentwicklung und über ihre Bereicherung.

Für die Neuromantik ist es wichtig, für die Handlung der Erzählungen eine exotische Kulisse zu wählen. So kommt es zur Vermengung von Moderne und Mittelalter (Prämoderne). Dies geschieht auch In Hesses Roman. Die Dialoge zwischen Narziß und Goldmund über Philoso- phie und Wissenschaft sind viel zu modern, sie passen nicht zum Mittelalter, obwohl sie the- matisch sehr wohl mit der Scholastik zusammenhängen. Narziß redet oft wie ein Psychoanalytiker aus dem 20. Jahrhundert. In der Wirklichkeit des Mittelalters könnte es so nicht statt- gefunden haben. Hesse projiziert seine Sicht der Dinge in eine Welt, in der sie gar nicht mög- lich gewesen wäre.

Eine andere Quelle der Inspiration, aus der Hesse immer wieder zu schöpfen scheint, sind die fernöstlichen Religionen. Obwohl es sie auch schon zur Zeit des Mittelalters gegeben hat, waren sie im europäischen Mittelalter weitgehend unbekannt. Das Abendland war von dem Morgenland getrennt und diese Isolation ließ sich nicht überwinden. Hesses Narziß und Goldmund ist dennoch reich an Motiven aus fernöstlichen Religionen. Asien wird zwar nie erwähnt, aber die Charaktere und deren Lebenswege weisen eindeutig auf die Lehren des Buddhismus und des Hinduismus hin.

Die Entwicklungsdynamik des Romans von Hesse erinnert an den mittleren Weg des Buddhismus. Dieser wird als Grundprinzip verstanden. Im weiteren Sinne bedeutet er die Bestre- bung, dem Extremen als solchem auszuweichen. In den Zeiten des Buddha waren die ver- schiedenen religiösen Schulen von Extremen beherrscht. Selbst Buddha war ursprünglich Mitglied einer solchen extremistisch ausgerichteten Schule. Sie war für die extreme Ausübung der Askese und eine extreme Absonderung von der Welt bekannt. Es geschah auch, dass die Ausübung dieser Extremitäten bis an die Grenze der Selbstvernichtung führten. Davon hat auch Buddha Zeugnis abgelegt. Nachdem er sich von diesen Übungen abgewandt hatte, fand er die Erleuchtung. Als Buddha noch jung war, etwa 29 Jahre alt, hatte er bemerkt, dass Reichtum und Hedonismus keine Fundamente eines glückliches Lebens sein können. Auch wurde ihm bewusst, dass die verschiedenen Leiden wie diverse Krankheiten, Schmerzen, Al- ter und Tod mit dem Lebenszyklus untrennbar verbunden sind. Nachdem es ihm bewusst ge- worden war, ging er auf Reisen. Unterwegs wollte er die unterschiedlichen Religionslehren und die verschiedenen Philosophien erkunden, und zwar zum Zweck, die unverfälschte Natur menschlichen Glücks zu finden. Er verbrachte mehrere Jahre mit der Askese, danach gelang es ihm allerdings mit Hilfe des Studiums und der Meditation den Mittleren Weg zu finden.

Beide, so Narziß wie auch Goldmund, führen ein Leben, das von Extremen geprägt ist. Nar- ziß der Asket widmet sein ganzes Leben den Wissenschaften und dem lieben Gott. Er geht noch in jungen Jahren nach Mariabronn und bleibt dort bis zum Abschluss der Erzählung. Sein Alltag ist vom Beten, Lehren und Leiten des Klosterlebens ausgefüllt. Er hat die weltli- chen Freuden nie erlebt. Was sich in der Welt außerhalb der Mauern des Klosters befindet, sind ihm weitgehend unbekannt geblieben. Die Gefühle wie Liebe, hat er nicht erlebt. Am Ende der Erzählung fragt er sich, ob alles, was er gemacht hat, richtig für ihn war, und ob er wirklich dafür geschaffen wurde. Goldmunds Leben war ganz das Gegenteil von dem Narzi- ßens. Er hat das Kloster nach ein paar Jahren verlassen, um die weite Welt kennenzulernen, sowohl von ihrer schönen wie auch von ihrer bösen Seite. Er hat nahezu alles erlebt, was ein Mensch erleben kann: Liebe, Hunger, Tod und Mord. Er ist von vielen Frauen geliebt, von Vielen bewundert worden, aber er konnte nie für lange Zeit an demselben Ort bleiben.

Nach einiger Zeit beginnt er nicht mehr an Gott zu glauben. Er begreift, dass das menschliche Leben vorläufig ist. Er begreift aber, wenn es ihm gelingt, etwas zu schaffen, was die Zeit und seinen eigenen Tod auch überdauert, so wird sein Name unsterblich. Er widmet sein Leben weltlichen Freuden, er sucht immer nach sexueller Befriedigung von Frauen, auch von sol- chen, die ganz jung sind oder aber verheiratet. Beider Lebensstil ist von Extremen geprägt und beide sollten diese bis zu einem gewissen Grad vernachlässigen und einen mittlere Weg suchen, so könnten die beiden ihr Leben fest genug fundiert leben.

6. Narrative Hauptfiguren als Archetypen

Obwohl Hesses Roman Narziß und Goldmund eine Erzählung über Goldmund und sein Le- ben ist, spielt darin der Novize eine entscheidende Rolle. Mit ihm beginnt die Handlung und mit ihm hört sie auch wieder auf. Zu ihm findet Goldmund immer wieder zurück und der Ge- danke an seinem freund ist es, was ihn vorantreibt und ihn den Sinn des Lebens suchen lässt.

6.a Narziß der Geistesmensch

Narziß gilt als ein „Wunderknabe“, er wird von allem verehrt. Er wird als ein sehr intelligen- ter Mensch charakterisiert, der die wunderbare Eigenschaft besitzt, in die Seele eines Men- schen zu blicken und zu wissen, wofür dieser geschaffen ist. Als Goldmund in die Kloster- schule aufgenommen wird, erkennt Narziß in diesem Schüler einen Seelenverwandten, aber schnell sieht er auch ein, dass Goldmund sein Gegenpol ist. Narziß entdeckt auch den Kom- plex, den Goldmund in sich trägt und an dem er leidet. Er weiß genau, dass Goldmund nicht für ein Klosterleben bestimmt ist, und will ihn beistehen. In einem Gespräch der beiden ge- lingt es ihn, den Freund an seine Kindheit, an seine Mutter zu erinnern.

Nachdem Goldmund zur Einsicht gelangt ist, macht ihn Narziß klar, was er machen sollte, und dann trennen sich ihre Wege. Als sie wieder zusammentreffen, besteht Narzißens Aufgabe nicht mehr darin, Goldmund zur Annahme seiner wahren Natur zu führen, sondern er hilft ihm zurück in die Klosterwelt, wo er an seiner Kunst arbeiten kann. So kommen Kunst und Denken auf geistiger Ebene in Einklang.

Narziß ist der Gegenpol von Goldmund. Sowohl sein Charakter als auch seine Ziele sind ganz andere. Als er dem Kloster beitritt, ist er noch sehr jung und dennoch tritt er das Noviziat an. Wegen seiner besonderen Gaben wird er als Lehrer angestellt. Er bezaubert mit seinem tadel- losen Benehmen und mit dem eleganten Griechisch, das er spricht, jeden. Er führt jeden Be- fehl gehorsam aus und widerspricht nie. Er gehorcht sein ganzes Leben Gott. An ihm findet niemand auch nur das Geringste auszusetzen. Er hat allerdings ein großes Problem. Obwohl ihn jeder gern hat, und einige sogar in ihn verliebt sind, richtig enge Freundschaften hat er keine. Das alles ändert sich, als er Goldmund begegnet. Er wird dann sein einziger und bester Freund. Obwohl die beiden ganz unterschiedlich sind, zwei ungleichmäßige Persönlichkeiten, vervollständigt der eine den anderen. Narziß weiß genau, dass er ständig Freude an den Wis- senschaften haben wird und dass er ganz gewiss zum Klosterleben bestimmt ist. Zu seinen Plänen gehört, dass er Mönch oder sogar Abt wird. Sein Charakter stellt den Priester–Arche- typ dar. Dieser Seelentyp hat die Berufung, den Menschen zu dienen, ihr Leben zu verbessern. Um das zu erreichen, muss er die Anderen dazu bringen, die gleichen hohen Ziele zu verfol- gen und diese auch zu verwirklichen.

Ein Priester kann indessen nicht nur die gleichen Gedanken, die er in sich herumträgt, in die Seele der Anderen pflanzen. Er vermag auch in die Seele der Anderen zu schauen und ihnen beim Erfüllen ihrer Ziele zu helfen. Dies trifft auch für Narziß zu. Als er begreift, dass Gold- mund nicht für das Klosterleben bestimmt ist und als Goldmund dies auch formuliert, ver- sucht er nicht seine Meinung zu ändern, sondern er betrachtet die Situation mit den Augen seines Freundes. Dadurch erleichtert er ihm den Weg, den er nun einzuschlagen hat. Priester- seelen sind sowohl inspiriert als auch inspirierend. Mit seiner Weisheit und seiner Gabe, fremden Menschen in die Seele zu schauen, inspiriert Narziß seinen Freund. Nachdem Gold- mund auf seine Wanderschaft gegangen ist und sein Freund ihn seit Jahren nicht mehr gese- hen hat, denkt dieser trotzdem oft an ihn, an die Lehren, die Narziß ihm auf den Lebensweg mitgegeben hat, hallen nach langer Zeit immer noch in seinen Ohren wider. Aber die Inspira- tion ist keine einseitige Wirkung, vielmehr eine Wechselwirkung. Am Ende der Erzählung, als Goldmund aus dem Gefängnis wieder nach Mariabronn kommt und als er nach seiner letzten Wanderung heimkehrt, betrachtet Narziß ihr ganzes Leben in einer ganz anderen Weise als in der Zeit, ehe Goldmund das Kloster zum ersten Mal verlassen hat.

[...]


1 Der Name des Thomas von Aquin komm auf den folgenden Seiten vor: S.283, S.295, S.314

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Geschichte und Fiktion in Hermann Hesses Erzählung "Narziß und Goldmund"
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
66
Katalognummer
V499622
ISBN (eBook)
9783346031822
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hermann Hesse, Narziss und Goldmund, Narratologie, Kulturgeschichte, systematisch-exegetische Analyse, Auslegung, Hermeneutik, analytischen Psychologie
Arbeit zitieren
Bachelor Istvan Mako (Autor), 2018, Geschichte und Fiktion in Hermann Hesses Erzählung "Narziß und Goldmund", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499622

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