Das bedingungslose Grundeinkommen und Hayeks negatives Freiheitsverständnis


Seminararbeit, 2018
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Negativer Freiheitsbegriff
2.1. Berlins Definition des negativen Freiheitsbegriffs
2.2. Hayeks negatives Freiheitsverständnis

3. Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE)
3.1. Bedingungsloses Grundeinkommen nach Timo Reuter
3.2. „Soziale Gerechtigkeit“ - eine Gefahr für die individuelle Freiheit
3.3. Ist das bedingungslose Grundeinkommen kompatibel mit Hayeks nega- tivem Freiheitsverständnis?

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wem nutzt Freiheit, wenn man verhungert?“1 damit appelliert der Autor Timo Reuter über den Wert unserer Freiheit nachzudenken. Freiheit könne nicht allein durch formale Regelungen geboten werden, wichtig für die Verwirklichung von Freiheit sei vor allem diese nutzen zu können.2 Auf Basis dieses Freiheitsverständnis argumentiert Reuter für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Idee eines Grundeinkommens sei kein neues Phänomen, erste Überlegungen seien bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen. 3 Der Gedanke sei keiner speziellen Denkrichtung zu zuordnen, dennoch könne es laut Reuter vor allem den Liberalismus stützen. 4 „Denn ein bedingungsloses und existenzsicherndes Grundeinkommen könnte vor allem eines leisten: Es könnte die Freiheit der Menschen entscheidend vergrößern.“5 So mag der Schutz der Freiheit Kern liberaler Theorien seien, dennoch ist der Liberalismus geprägt von verschiedenen Strömungen, daher gebe es kein einheitliches Freiheitsverständnis.6 Nach dem österreichischen liberalen Ökonomen und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek7 bedeute Freiheit auch zu hungern. Er fordert, dass wir verstehen müssten „daß wir frei und zugleich elend sein können“8. Diese Einsicht ist für Hayek elementar, nur so könne die individuelle Freiheit geschützt werden. 9 Für die Vertreter des bedingungslosen Grundein- kommens wäre dieser Schutz der Freiheit nicht befriedigend, denn solange Existenznot bestehe, könne kein Mensch wirklich frei sein. Daher soll in der folgenden Ausarbeit der Fragestellung nachgegangen werden, ob das bedingungslose Grundeinkommen dennoch kompatibel mit Hayeks negativem Freiheitsverständnis ist. Zunächst werden Hayeks Beweggründe für sein Freiheitsverständnis erläutert, um anschließend untersuchen zu können, ob das bedingungslose Grundeinkommen trotz Hayeks negativem Freiheitsverständnis ermöglicht werden kann.

2. Negativer Freiheitsbegriff

Zunächst wird in diesem Kapitel auf das Konzept des negativen Freiheitsbegriffes eingegangen, welches vor allem durch den Philosophen Isaiah Berlin erneute Aufmerksamkeit in seinem Buch „Freiheit Vier Versuche“ erhielt. In dem Essay „Zwei Freiheitsbegriffe“ erläutert Berlin die Differenzierung des Freiheitsbegriffes von positiver und negativer Freiheit. 10 Berlins Abgrenzung der negativen von der positiven Freiheit soll helfen Hayeks negatives Freiheitsverständnis zu erfassen.

2.1. Berlins Definition des negativen Freiheitsbegriffs

Bei der „negativen Freiheit“ nach Berlin handelt es sich um einen Bereich des ungehinderten Handelns, dieser sei frei von willentlichen Eingriffen anderer Menschen, diese negative Freiheit benennt Berlin auch als politische (oder auch als individuelle) Freiheit. Im Sinne der Freiheit des Individuums sei eine Grenze zwischen Privatleben und der öffentlichen Gewalt erforderlich. Schon bei Berlins Benennung eines Bereichs von Freiheit wird deutlich, dass diese Freiheit nicht absolut sein kann und dies bestätigt Berlin wenig später. Nicht absolut, da die Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stünden, die Freiheit der einen impliziert eine Einschränkung der anderen. Kein Handeln sei ausschließlich privat. Die unterschiedlichen Meinungen hinsichtlich der Größe des individuellen Bereichs, in welchen das Wesen des Individuums unbeschadet bliebe, erfordere die Findung eines Kompromisses bezüglich der Begrenzung der öffentlichen Gewalt. Irrelevant sei nach welchen Grundsätzen der Bereich der Nichteinmischung skizziert werde, denn „Freiheit in diesem Sinne sei immer Freiheit von etwas; das Fehlen von Übergriffen jenseits einer unfesten, aber stets erkennbaren Grenze.“11 Freiheit möge nicht oberstes Gebot eines jeden Menschen sein, aber es sei keine Freiheit gewonnen, wenn dieser Ausdruck gleichgesetzt werde mit Gerechtigkeit, Gleichheit oder Nächstenliebe. Es dürfe nicht zu einer Verwechselung der Begriffe kommen, diese laufe nur Gefahr, dass dadurch die individuelle Freiheit gemindert werde. Zunehmende ökonomische Freiheit bedeute nicht, dass die individuelle Freiheit in dem Sinne auch zunehme, hierbei müsse unterschieden werden, denn die negative Freiheit sei die Freiheit von willentlichen Eingriffen anderer Menschen und nicht abhängig von der Größe der Existenzgrundlage. Die materielle Grundlage eines ägyptischen Bauers von der eines Professors möge zwar verschieden sein, doch ihr Bereich des frei seins im Sinne der negativen Freiheit sei identisch.12 Die „positive Freiheit“ sei die Freiheit zu etwas. Negative Freiheit sei der Bereich des selbstbestimmten Handelns, dieser sei unabhängig von der Staatsform, während für den Bereich der positiven Freiheit das politische System, welches das Dasein kontrolliere und eine Lebensform zuschreibe oder ermögliche, relevant sei. Hierbei zeigt Berlin das Konfliktpotential des positiven Freiheitsbegriffs auf, dass dieser Gefahr läuft für totalitäre Ideen benutzt zu werden.13 Später wird aufgezeigt, dass auch Hayek vor dieser Gefahr warnt.

2.2. Hayeks negatives Freiheitsverständnis

Freiheit sei die Abwesenheit von Zwang. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jedem Ein- zelnen solle ein privater Bereich gesichert sein, kein Mensch dürfe willkürlich in diesen Bereich eindringen und Zwang ausüben. Freiheit von Zwang könne auch als „persönliche“ oder „individuelle“ Freiheit benannt werden, abgegrenzt werden müsse von diesem Freiheitsbegriff die „politische Freiheit“, „innere Freiheit“ und „Freiheit als Macht“. Entscheidend sei, dass dieses Verständnis von Freiheit im ursprünglichen Sinne nicht verwechselt werde mit anderen Freiheitsauffassungen, da diese einander oftmals widersprechen würden und unterschiedliche Folgen hätten. Letztere Freiheit sei aufgrund der Gleichstellung mit der Freiheit als Abwesenheit von Zwang missbraucht worden, insbesondere bei dem Versuch der Umsetzung sozialistischer Ideen, da Freiheit und Wohlstand fälschlicherweise gleichgesetzt wurde.

„Freiheit als Macht“ erhebe den Anspruch, dass die Menschen, dass tun können, was sie wünschen, doch die individuelle Freiheit sei gefährdet, wenn der Wunsch nach der Freiheit zur Allmacht verwechselt bzw. gleichgesetzt werde mit der individuellen Freiheit, dessen Kern die Abwesenheit von willentlichen Eingriffen sei.14 In der Freiheit zur Macht begründe sich die Forderung der Menschen nach „sozialer Gerechtigkeit“, welcher Hayek kritisch gegenübersteht, denn diese erhebe den Anspruch auf ein festgelegtes Wohlstandsniveau seitens der Behörden. Freiheit hänge nicht von den Wahlmöglichkeiten ab, sondern allein davon, ob der Mensch selbst entscheiden und somit frei von beabsichtigten Zwängen anderer Menschen agieren könne. In Hayeks Sinne ist frei sein also das Ergebnis der sozialen Beziehungen der Menschen untereinander, hinsichtlich dessen wieviel ungestörter Raum jedem einzelnen Indivi- duum gelassen werde, frei vom Zwang anderer Menschen. Hayek differenziert diese Art des Zwanges von dem Zwang der aufgrund jener Umstände resultiert, die nicht direkt auf willentliche Akte eines Menschen oder einer Organisation zurückzuführen sind. Dieser Zwang könne den Bereich der Wahl von Alternativen einschränken, dennoch sei es kein beabsichtigter und schränke somit die individuelle Freiheit nicht ein. Der Mann, der in die Gletscherspalte gefallen sei, sei zwar gefangen in Mitten des Gletschers und folglich eingeschränkt hinsichtlich seiner Entscheidungsfreiheit, doch solange die Ursache keine zwischenmenschliche Interaktion war, ist der Mann dennoch frei in Hayeks ursprünglicher Bedeutung.

Um die individuelle Freiheit jedes Individuums zu schützen, dürfe Zwang zur Einschränkung von Zwang eingesetzt werden, aber allein der Staat halte diese Möglichkeit inne. Dafür habe eine freie Gesellschaft das Monopol über die Ausübung von Zwang dem Staat übertragen, aber auch hier könne nicht nach Willkür gewaltet werden, da die Maßnahmen des Staates abstrakten, allgemeinen und unpersönlichen Regeln gerechten Verhaltens folgen müssten.15 Ursache für jene Regeln, die keinem spezifischen Zwecken dienen sollten, sei unser begrenztes Wissen. Es sei nicht möglich alle Umstände in einer Gesellschaft zu erfassen, daher müsse vor allem ein Rahmen geschaffen werden, in dem jedes einzelne Individuum sich frei entfalten könne nach eigenen Wissen und Talenten. Dieser Rahmen werde durch negative Regeln ermöglicht, da sie vor allem Verbote beinhalten, die das Individuum vor Freiheitsbeschränkungen anderer Individuen schützten.16 Die Resultate des Zusammenwirkens der verschiedenen Handlungen der Menschen nach jenen Regeln und folglich ihrer freien Entfaltung seien Ergebnis einer spontanen Ordnung. Diese Ordnung verfolge kein klares Ziel, dennoch könne sie jede einzelne Handlung der Individuen in ein Gleichgewicht bringen. Allein durch das Ermöglichen einer spontanen Ordnung aufgrund von abstrakten, allgemeinen und unpersönlichen Regeln könne alles verstreute Wissen in der Gesellschaft sinnvoll genutzt werden und so werde eine fortschrittliche Gesellschaft ermöglicht.17 Da die Regierung aufgrund des begrenzten Wissens nur eine abstrakte Ordnung schaffen könne, habe die Regierung für eine negative Basis für die Gesellschaft zu sorgen. So sei Freiheit, wie auch Frieden und Gerechtigkeit in negativer Form der Gesellschaft zu geben.18 Negative Freiheit mindere nicht den Wert der Freiheit, sondern ermögliche erst die Freiheit im ursprüngliche Sinne der „Freiheit von Zwang“.19 „Die Freiheit wird etwas Positives nur durch den Gebrauch, den wir von ihr machen. Sie sichert uns keinerlei bestimmte Möglichkeiten, sondern überläßt es uns, zu entscheiden, was wir aus den Umständen machen, in denen wir uns befinden.“20

[...]


1 Reuter, Timo (2017): Im Herzen des Liberalismus, in Kovce, Philip (Hg.): Soziale Zukunft. Das bedingungslose Grundeinkommen. Die Debatte., Stuttgart: Verlag freies Geistesleben, S.133-140, S.136.

2 Ebd. S.136f.

3 Reuter, Timo (2016): Das bedingungslose Grundeinkommen als liberaler Entwurf. Philosophische Argumente für mehr Gerechtigkeit, Wiesbaden: Springer VS, S.11.

4 Reuter, T.: Im Herzen des Liberalismus, S.134.

5 Ebd.

6 Reuter, T.: Das bedingungslose Grundeinkommen, S.51.

7 Klausinger, Handsjörg (2003): Die größten Ökonomen: Friedrich A. von Hayek, Konstanz und München: UVK Verlagsgesellschaft mbH, S.15; 24.

8 Hayek, Friedrich A. von (2005): Die Verfassung der Freiheit. 4. Aufl., Tübingen: Mohr Siebeck, S.25.

9 Ebd. S.13-26.

10 Berlin, Isaiah (1995): Zwei Freiheitsbegriffe, in: ders. (Hg.): Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt am Main: Fischer, S.197–256, S.204f.

11 Ebd. S.207.

12 Ebd. S.204ff.

13 Ebd. S.210; 225.

14 Hayek, F. A. von: Die Verfassung der Freiheit, S.13-26.

15 Ebd. S.13-30.

16 Hayek, Friedrich A. von (1981): Recht, Gesetzgebung und Freiheit. Band 2: Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit, München: mi-Verlag Moderne Industrie, S.58f.

17 von Hayek, Friedrich A. (1980): Recht, Gesetzgebung und Freiheit. Band 1: Regeln und Ordnung, München: mi-Verlag Moderne Industrie, S.60-75.

18 Hayek, Friedrich A. von (1981): Recht, Gesetzgebung und Freiheit. Band 3: Die Verfassung einer Gesellschaft freier Menschen, München: mi-Verlag Moderne Industrie, S.179f.

19 Hayek, F. A. von: Die Verfassung der Freiheit, S.26.

20 Ebd. S.27.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das bedingungslose Grundeinkommen und Hayeks negatives Freiheitsverständnis
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Politische Theorie der Gegenwart
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V499648
ISBN (eBook)
9783346028242
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hayek, Bedingungslose Grundeinkommen, negative Freiheitsverständnis, BGE
Arbeit zitieren
Laura Wedemeyer (Autor), 2018, Das bedingungslose Grundeinkommen und Hayeks negatives Freiheitsverständnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499648

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