Ist Nudging ein effektives Instrument zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung durch Konsumenten?


Bachelorarbeit, 2018
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis I

1. Einleitung

2. Das Problem der Lebensmittelverschwendung
2.1. Begriffsbestimmungen
2.2. Dimension der Lebensmittelverschwendung entlang der Wertschöpfungskette
2.3. Auswirkungen von Lebensmittelverschwendung
2.4. Ursachen und Treiber von Lebensmittelverschwendung

3. Ansätze zur Verminderung der Lebensmittelverschwendung durch Endverbraucher
3.1. Klassische Instrumente
3.2. Der verhaltensökonomische Ansatz
3.3. Beeinflussung des Verbraucherverhaltens mit Hilfe verhaltensökonomischer Interventionen
3.3.1. Das Konzept des Nudging
3.3.2. Nudging als Instrument zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung durch Konsumenten

4. Empirische Befunde
4.1. Akzeptanz von Nudges durch die Konsumenten
4.2. Erinnerungs-Nudges
4.3. Defaults
4.4. Soziale Normen

5. Diskussion

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Lebensmittelverluste und -verschwendung nach Regionen

Abb.2: Internalitäten

1. Einleitung

Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Verein­ten Nationen (FAO) gehen weltweit rund ein Drittel der produzierten Lebensmittel verloren, d.h. sie werden nicht von Menschen verzehrt. Dabei verteilen sich die Einbußen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg auf Landwirtschaft, In­dustrie, Handel, Großverbraucher und Konsumenten[1] (FAO 2011, S. 9). Dadurch werden in hohem Maß unnötig Ressourcen verbraucht. Die Auswir­kungen sind ökologischer, ökonomischer sowie sozialer Natur (Young et al. 2018, S. 1).

Der Lebensmittelsektor ist sehr komplex: Einerseits sind Teile der Welt charakte­risiert durch Unterernährung, unsichere Nahrungsversorgung und durch Bevölke­rungswachstum und Klimawandel belastete Ressourcen. Andererseits stehen die industrialisierten Regionen, in denen nur ein kleiner Teil des Haushaltseinkom­mens für Er­nährung ausgegeben wird, vor Herausforderungen durch Überernäh­rung und Fettleibigkeit (Aschemann-Witzel et al. 2017, S. 34). Insgesamt gibt aber die Größenordnung der verschwendeten Lebensmittel Anlass für eine genauere Be­trach­tung der Problematik.

In der Literatur werden verschiedene Ansätze zur Erreichung dieses Ziels disku­tiert. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu untersuchen, ob der aus der Verhal­tensöko­nomie stammende Ansatz des Nudging ein zielführendes Instrument dar­stellt, die Lebensmittelverschwendung auf der Ebene der Konsumenten zu verrin­gern. Zuvor werden das globale Ausmaß der Lebensmittelverluste und die Vertei­lung entlang der Wertschöpfungskette dargestellt. Im Anschluss daran erfolgt eine theoretische Einführung in das Konzept des Nudgings und eine Abgrenzung zu anderen Instrumenten zur Steuerung des Konsumentenverhaltens. Durch Auswer­tung vorliegender Studien zum Einsatz von Nudges zur Prävention von Lebens­mittel­verschwendung soll die Wirksamkeit des Konzepts untersucht werden. Dabei wird das Konsumentenverhalten sowohl in privaten Haushalten als auch in der Au­ßer-Haus-Verpflegung betrachtet. Die Betrachtung beschränkt sich hierbei auf Selbstbedienungs-Einrichtun­gen wie Buffet-Restaurants, Schul-Ca­feterias, oder Universitäts-Mensen.

Die Forschungsfrage lautet: Können Konsumenten durch den Einsatz von Nud­ges zu einem bewussteren und ressourcenschonenderen Umgang mit Nahrungs­mit­teln motiviert werden und kann so die Lebensmittelverschwendung reduziert wer­den? Darüber hinaus wird untersucht, welche Nudges gegebenenfalls zu diesem Zweck eingesetzt werden können.

2. Das Problem der Lebensmittelverschwendung

2.1. Begriffsbestimmungen

Im Folgenden werden die dieser Arbeit zugrunde liegenden Definitionen zentraler Begriffe dargestellt.

Lebensmittel

Für den Begriff der Lebensmittel folgt die vorliegende Arbeit der Definition aus der Verordnung (EG) Nr. 178/2002 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 28. Januar 2002 zur Festlegung der allgemeinen Grundsätze und Anforde­rungen des Lebensmittelrechts, zur Errichtung der Europäischen Behörde für Le­bensmit­telsicherheit und zur Festlegung von Verfahren:

„Im Sinne dieser Verordnung sind ‚Lebensmittel‘ alle Stoffe oder Erzeugnisse, die dazu bestimmt sind oder von denen nach ver­nünftigem Ermessen erwartet werden kann, dass sie in verarbei­tetem, teilweise verarbeitetem oder unverarbei­tetem Zustand von Menschen aufgenommen werden. Zu ‚Lebensmitteln‘ zählen auch Getränke, Kaugummi sowie alle Stoffe — einschließlich Wasser —, die dem Lebensmittel bei seiner Herstellung oder Ver- oder Bearbeitung absichtlich zuge­setzt werden. Wasser zählt hierzu unbeschadet der Anforderungen der Richtli­nien 80/778/EWG und 98/83/EG ab der Stelle der Einhaltung im Sinne des Arti­kels 6 der Richtlinie 98/83/EG“ (Europäisches Parlament 2002, Artikel 2).

Die Begriffe Nahrungsmittel oder Speisen und Getränke werden in dieser Arbeit synonym zum Begriff Lebensmittel ver­wendet.

Lebensmittelverschwendung

Eine einheitliche Definition, was unter Lebensmittelverschwendung zu verstehen ist, existiert nicht. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Verein­ten Nationen (FAO) unterscheidet zwischen Lebensmittelverlusten („food loss“) und Lebensmittelver­schwendung („food waste“) (FAO 2011, S. 2). Dabei bezieht sich der Begriff Le­bensmittelverluste auf den Teil der Wertschöpfungskette, der in die Erzeugung von für den menschlichen Verzehr bestimmter Nahrung mündet. Ge­schehen diese Verluste erst auf der Handels- oder Konsumentenebene, sind also be­stimmt durch das Verhalten der Konsumenten oder des Handels, spricht die FAO von Lebensmittelverschwendung.[2]

Die Unterscheidung zwischen Lebensmittelverlusten auf der Anbieterseite und Le­bensmittelverschwendung auf der Nachfragerseite ist nicht immer trennscharf. Auch könnte im Extremfall ein Lebensmittelverzehr, der über be­stimmten Refe­renzwerten liegt, als Lebensmittelverschwendung bezeichnet wer­den. In der Folge müssten alle übergewichtigen Menschen als Lebensmittelver­schwender betrach­tet werden (Rutten 2013, S. 2). In weiteren Verlauf dieser Arbeit bezieht sich der Begriff Lebensmittelverschwendung bzw. Lebensmittelabfall auf die Reste von Mahlzeiten aus Privathaushalten sowie rohe und verarbeitete Lebens­mittel, wel­che genusstauglich sind und dennoch vernichtet werden. Außer­dem werden Tel­lerreste in der Außer-Haus-Verpflegung einbezogen. Dabei kann unterschieden werden zwischen vermeidbaren, teilweise vermeidbaren und nicht vermeidbaren Lebensmittelabfällen (Kranert et al. 2012, S. 12-13). Unter den vermeidbaren Le­bensmittelabfällen verstehen die Autoren diejenigen Le­bensmittelabfälle, die zum Zeitpunkt ihrer Entsorgung noch uneingeschränkt ge­nießbar sind oder die bei rechtzeitigem Verzehr genießbar gewesen wären. Als „teilweise vermeidbare Le­bensmittelabfälle“ werden Lebensmittelabfälle bezeich­net, die aufgrund von unter­schiedlichen Gewohnheiten von Verbrauchern als teil­weise vermeidbar eingestuft werden können, wie z.B. Brotrinden oder Apfelscha­len. Diese Kategorie umfasst auch Mischungen aus vermeidbaren und nicht ver­meidbaren Abfällen, wie Spei­sereste oder Kantinen­abfälle. Die nachfolgenden Betrachtungen beschränken sich auf die vermeidbaren Lebensmittelabfälle.

Nachhaltiger Konsum

Der Nachhaltigkeitsbegriff wurde bereits 1987 im so genannten Brundtland-Re­port der Vereinten Nationen wie folgt definiert:

"…to make development sustainable to ensure that it meets the needs oft he present without compomising the ability of future ge­nerations to meet their own needs" (World Comission on Environ­ment and Development 1987, S. 24).

Das bedeutet, künftige Generationen dürfen nicht schlechter gestellt sein als die heutigen. Es wird aber nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine gerechtere glo­bal räumliche Verteilung von Wohlstand und Wachstum angestrebt. Mit diesem Prin­zip sind ver­meidbare Lebensmittelverluste aus ethischer und ökologischer Sicht nicht verein­bar.

2.2. Dimension der Lebensmittelverschwendung entlang der Wert­schöpfungskette

Nach Schätzungen der FAO geht rund ein Drittel der weltweit für den menschli­chen Verzehr produzierten Lebensmittelmenge – ungefähr 1,3 Billionen Tonnen jährlich – verloren oder wird weggeworfen (FAO 2011, S. 4). Diese Verminderung der Menge an von für den menschlichen Verzehr bestimmten Nahrungsmitteln verteilt sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der landwirtschaftli­chen Er­zeugung bis hin zu den privaten Haushalten. In Ländern mit hohen bis mittleren Einkommen werden besonders viele Lebensmittel durch die Endver­braucher weg­geworfen, die noch für den menschlichen Verzehr geeignet sind, während in är­meren Län­dern die Verluste überwiegend in den frühen und mittle­ren Stadien der Wert­schöpfungskette auftreten und die Lebensmittelverschwen­dung auf der Kon­sum­entenebene deutlich geringer ist.

Allerdings gibt es erhebliche Datenlücken bei der Erhebung von Lebensmittelver­lusten und -verschwendung, so dass die genannten Werte zum Teil auf Schät­zun­gen und Annahmen beruhen. Insbesondere die Messung der Lebensmittel­ver­schwendung auf Konsumen­tenebene ist problematisch, da Verbraucher in der Re­gel das Ausmaß ihrer eigenen Verschwendung in Befragungen unterschätzen (HLPE 2014, S. 47). Regelmäßig sind die von Konsumenten selbst in Befragun­gen dokumentierten Mengen geringer als die Mengen, die bei anonymen Unter­suchun­gen der tatsächlichen Abfallmengen anfallen (Langen/ Göbel/ Waskow 2015, S. 73).

Die FAO-Studie ist bislang die einzige globale, alle Stufen der Wertschöpfungs­kette und alle Produktionssektoren umfassende Studie zu Lebensmittelverlusten und -verschwendung. Die Größenordnung von Verlusten und Verschwendung in Höhe von rund einem Drittel der produzierten Nahrungsmittel und die Unter­schiede zwischen Industrie- und Entwicklungslän­dern sind jedoch kohärent mit verschie­denen regionalen oder nationalen Studien bzw. mit Untersuchungen ein­zelner Sektoren (HLPE 2014, S. 28).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Lebensmittelverluste und -verschwendung nach Regionen (FAO 2011, S. 5)

Die Autoren der FAO-Studie beziffern die Lebensmittelverschwendung auf der Konsumentenebene in Europa und Nordamerika auf 95-115 kg pro Kopf und Jahr, während dieser Wert in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und in Süd-/Südostasien lediglich bei 6-11 kg pro Kopf und Jahr liegt (FAO 2011, S. 5). Sten­marck et al. (2016, S. 4) sehen in den Ländern der Europäischen Union die Kon­su­menten als die Hauptverantwortlichen für die Lebensmittelverschwen­dung. Ih­ren Untersu­chungen zufolge sind in den EU-Staaten die privaten Haus­halte für rund 53 Pro­zent der verschwendeten Lebensmittel verantwortlich. In Deutschland ent­sorgt jeder Bundesbürger im Schnitt ca. 82 kg Lebensmittel pro Jahr (Waskow 2018, S. 7). Abbildung 1 illustriert die regionale Verteilung der Le­bensmittelverluste und -verschwendung pro Kopf der Bevölkerung.

2.3. Auswirkungen von Lebensmittelverschwendung

Trotz der beschriebenen Schwierigkeiten bei der Quantifizierung der Lebensmit­te­leinbußen im Verlauf der Wertschöpfungskette kann angesichts der Größenord­nung davon ausgegangen wer­den, dass der mit dem Übergang von der Mangel- zur Überflussgesellschaft in den Industrieländern veränderte Umgang mit Nah­rungsmitteln Folgen ökonomischer, ökolo­gischer, sozialer und ethischer Natur hat (Young et al. 2018, S. 1). Vor diesem Hintergrund haben die Eu­ropäische Union, die Vereinten Nationen und verschiedene nationale Regierun­gen bereits Pro­gramme zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung aufgelegt (He­brok/ Boks 2017, S. 381). Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat im Jahr 2015 die so genannte Agenda 2030 mit 169 Unterzielen für eine nachhaltige glo­bale Entwick­lung einstimmig verabschiedet. Unterziel 12.3. fordert, „bis 2030 die welt­weite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Ver­brau­cherebene zu halbieren…“ (Generalversammlung der Vereinten Nationen 2015, S. 24).

Der monetäre Wert gekaufter und nicht verzehrter Lebensmittel wird in Großbri­tannien für den durchschnittlichen Haushalt auf ₤470 (ca. 530 €) pro Jahr ge­schätzt, für Fa­milien mit Kindern sogar auf bis zu ₤700 (ca. 787 €) jährlich (Young et al. 2018, S. 2). An­dere Studien haben Werte von ca. 1.600 US-Dollar (ca. 1.375 €) jährlich für eine vierköpfige Familie in den USA, 430 € pro Kopf und Jahr in Frankreich oder 310 € pro Kopf und Jahr in Deutschland ermittelt (Ponis et al. 2017, S. 1269). Diese Berechnun­gen zeigen, dass die Budgets der einzelnen Haushalte durch einen sorgsameren Umgang mit Nahrungsmitteln eine deutliche Entlastung erfahren könnten.

Die Verschwendung von verzehrfähigen Lebensmitteln wird zudem mit verant­wort­lich gemacht für die weltweit ansteigenden Preise für Nahrungsmittel. In der Folge können sich die Ärmsten immer weniger Nahrung leisten und die Zahl der man­gel­ernährten Menschen steigt an. Damit hat Lebensmittelverschwendung di­rekte so­ziale Auswirkungen (Young et al. 2017, S. 2).

Die gravierendsten negativen Effekte der globalen Le­bensmittelverschwendung sind aber möglicherweise die daraus resultierenden Umweltschäden. Waldflä­chen werden für die Lebensmittelerzeugung abgeholzt, zudem trägt insbeson­dere die Produktion tierischer Lebensmittel durch die Emission von Treibhausga­sen zum Klimawandel bei (Young et al. 2017, S. 2). Schätzungen zufolge ist die Produktion von Lebensmitteln für 20 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissio­nen verant­wortlich und 92 Prozent des globalen Wasser-Fußabdrucks, also des Süßwasser­verbrauchs, sind der Landwirtschaft zuzuschreiben. Hinzu kommen Probleme wie Bodenverschlechterung, Überfi­schung und lokale Luft- und Was­serverschmutzung durch die Produktion von Nahrungsmitteln (Kallbekken/ Sælen 2013, S. 325). Vor dem Hintergrund, dass nach den FAO-Schätzungen weltweit ein Drittel der für den menschlichen Ver­zehr produzierten Lebensmittel verdirbt oder vernichtet wird, kann davon ausge­gangen werden, dass Lebensmittelver­schwendung einen sub­stanziellen Beitrag zu Umweltveränderungen leistet, auch wenn dieser bisher we­nig beachtet wurde (FAO 2011, S. 4). Würde die Erzeu­gung von Nahrungsmitteln, die niemals zum Verzehr gelangen, minimiert, könnte folglich ein Beitrag zum Er­halt der natürli­chen Ressourcen geleistet werden.

Das Wegwerfen verzehrfähiger Lebensmittel hat also auf der einen Seite nega­tive externe Effekte in Form der oben beschrieben ökologischen und sozialen Auswir­kungen. Andererseits kommt es zu Internalitäten durch selbst getragene Kosten eines höheren Verbrauchs, welche jedoch zum Zeitpunkt der (Kauf-)Handlung nicht vollständig bedacht werden. Von Internalitäten wird gesprochen, wenn heute getroffene Entscheidungen eines Individuums negative Auswirkun­gen auf dessen Wohlbefinden, Wohlfahrt, etc. in der Zukunft haben (Schnellen­bach 2014, S. 6). Neben den negativen ökonomischen Konsequenzen für das Haus­haltsbudget durch zu viel gekaufte und nicht konsumierte Nahrungsmit­tel können zu den Inter­nalitäten auch durch das eigene Verhalten hervorgerufene negative Emotionen gezählt werden. Konsumenten berichten, dass die Vergeu­dung von Le­bensmitteln zuhause oder im Restaurant häufig von negativen Ge­fühlen wie Är­ger, Scham o­der Schuld begleitet wird (Jagau/ Vyrastekova 2017, S. 888).

2.4. Ursachen und Treiber von Lebensmittelverschwendung

Wie in Abschnitt 2.2 bereits gezeigt wurde, tritt Lebensmittelverschwendung durch Konsumenten in erster Linie in Industrieländern auf. Allerdings sehen sich auch Schwellenländer in zunehmendem Maß mit der Problematik konfrontiert. Ein­kom­menszuwächse und demographischer Wandel haben über die letzten zwei Jahr­zehnte zu einer Veränderung der Essgewohnheiten geführt. Dies zeigt sich u.a. in einem stark angestiegenen Verzehr verarbeiteter Nahrungsmittel und wachsen­dem Übergewicht in der Bevölkerung (HLPE 2014, S. 47). Insbesondere in Verbin­dung mit speziellen Ernährungsformen z.B. zur Gewichtsreduktion oder aus ge­sundheitlichen Motiven können Zielkonflikte auftreten. Einerseits erfordert der Di­ätplan Zurückhaltung bei der Nahrungsaufnahme, andererseits sollen aus dem Motiv der Nachhaltigkeit heraus, möglichst wenig Lebensmittelreste übrigge­lassen werden.

Lebensmittelverschwendung tritt in vielfältigen, häufig miteinander ver­knüpften Be­reichen des alltäglichen Lebens auf. Einkaufsgewohnheiten spielen ebenso eine Rolle wie Lagerung, Zubereitung und Essverhalten (Hebrok/ Boks 2017, S. 382). Durch den Überfluss an preiswerten Lebensmitteln in wohlhaben­den Län­dern sinkt die Wertschätzung für diese Lebensmittel. Niedrige Preise für Nah­rungsmittel kön­nen daher als ein möglicher Treiber für Lebensmittelverschwendung an­ge­sehen werden. Der Einfluss des Haushaltseinkommens hingegen ist unklar. Ein signifi­kanter Einflussfaktor auf das Verbraucherverhalten ist das Al­ter: In Großbri­tannien konnte gezeigt werden, dass Konsumenten über 65 Jahre weniger Le­bensmittel verschwenden als alle anderen Altersgruppen (Hebrok/ Boks 2017, S. 383). Zu­mindest für die Industrieländer kann gesagt werden, dass Konsumenten genuss­taugliche Lebensmittel wegwerfen, weil sie es sich leisten können, schlecht zu pla­nen, zu viel zu kaufen und zu kochen oder Essen wegzu­werfen, das gerade nicht ihren aktuellen Konsumpräferenzen entspricht (Jagau/ Vyraste­kova 2017, S. 882).

Das High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition (HLPE) der FAO hat die häufigsten Gründe für Lebensmittelverschwendung zusammengefasst (HLPE 2014, S. 48):

- Mangelnde Planung der Einkäufe führt oft dazu, dass mehr gekauft wird, als benötigt;
- Lebensmittel werden weggeworfen, weil Verbraucher Verfallsdaten bzw. Verbrauchsdaten nicht richtig interpretieren;
- Das häusliche Vorratsmanagement ist unzureichend;
- Es werden größere/mehr Portionen zubereitet als gegessen;
- Mangelhafte Zubereitungsmethoden bzw. fehlende Kenntnisse über Nah­rungszubereitung und -verwertung.

Kameke und Fischer (2018, S.33) beschreiben, dass häufig die Motivation der Konsumenten, Lebensmittelabfälle zu vermeiden, zwar hoch ist, jedoch die dafür erforderlichen Kenntnisse im Umgang mit Lebensmitteln nicht in ausreichendem Maß vorhanden sind. Als wichtigste Kompetenz in diesem Zusammenhang nen­nen sie die Planung der Lebensmitteleinkäufe. Hier se­hen die Autoren das größte Poten­zial, um überschüssige Einkäufe zu vermei­den. Die Planung der Einkäufe um­fasst dabei die Planung der Mahlzeiten, die Prüfung der Vorräte und die Benut­zung einer Einkaufsliste.

Ein häufiges Phänomen ist auch, dass Reste einer Mahlzeit in den Kühlschrank gestellt werden, um sie später zu verzehren. Dies geschieht jedoch häufig nicht, sondern die Reste werden später weggeworfen. Sind sie verdorben, werden die mit dem Wegwerfprozess verbundenen Schuldgefühle reduziert. (He­brok/ Boks 2017, S. 385). Auch der Ablauf des Mindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdatums kann als Rechtfertigung dienen, über den tatsächlichen Bedarf hinaus bevorra­tete Lebensmittel ohne schlechtes Gewissen zu entsorgen (Langen/ Göbel/ Waskow 2015, S. 74).

Rund 25-30 Prozent der von Konsumenten verursachten Lebensmittelabfälle sind Tellerreste in der Außer-Haus-Verpflegung (Hartmann/ Hawes/ Simons 2016, S. 13). Als mögliche Gründe werden die Portionsgröße, der Geschmack der Spei­sen, Zeitdruck im Zusammenhang mit dem Kantinenbesuch, die Einstel­lung zu Le­bens­mittelabfällen, empfundene soziale Normen und die empfundene eigene Ver­hal­tenskontrolle im Hinblick auf Lebensmittelabfälle genannt.

Neben Einstellungen, Werten und Präferenzen der Konsumenten spielen also auch die Entscheidungssituation und die bestehenden Handlungs- und Pro­duktop­tio­nen eine entscheidende Rolle. Systematisch werden zudem Konsumentschei­dungen - auch für oder gegen ein nachhaltiges Konsumverhalten - durch syste­ma­tische Fehlentscheidungen, so genannte Heuristiken und Biases, beeinflusst. Die Folge ist, dass eigentlich positive Einstellungen gegenüber nach­haltigem Kon­sum­ver­halten häufig nicht in reales Konsumverhalten übersetzt wird. Diese Kluft zwi­schen Einstellungen und tatsächlichem Verhalten wird als At­titude-Behavior-Gap bezeichnet (Thorun et al. 2017, S. 19). Auf Heuristiken und Biases wird in Kapitel 3 näher eingegangen.

Es muss betont werden, dass Konsumenten in der Regel nicht willentlich Lebens­mittelverschwendung betreiben. Untersuchungen in Griechenland und Österreich haben gezeigt, dass Verbraucher durchaus willens sind, Lebensmittelabfälle zu ver­meiden und im Zusammenhang mit dem Wegwerfen von Lebensmitteln nega­tive Gefühle wie Schuld verspüren (Abeliotis/ Lasaridi/ Chroni 2014, S. 238). Zu­dem unterschätzt ein Großteil der Verbraucher die Menge der eigenen Lebensmit­tel­abfälle. Häufig entstehen Lebensmittelabfälle im Zu­sammenhang mit Verhal­tens­weisen, die nicht als Verursacher von Lebensmittel­verschwendung empfun­den werden oder die nicht ohne weiteres verändert wer­den können, da sie Teil eines komplexen Lebensstils sind (HLPE 2014, S. 63). Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Menschen öfters spontan außer Haus essen und folglich Schwierigkei­ten haben, ihre Einkäufe darauf abzustimmen.

Nichtsdestotrotz ist die Ernährung häufig mit habitualisierten, wenig reflektierten Verhaltensweisen verknüpft (Kameke/ Fischer 2018, S. 34). Hier scheint sich ein interessan­ter Ansatzpunkt für den Einsatz verhaltensbasier­ter Methoden zu bieten. Daher wird im Folgenden die Anwendung von Nudges in diesem Zusammenhang näher betrachtet.

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Endung bzw. Doppelung verzichtet. Der Plural bezeichnet grundsätzlich beide: Bürgerinnen und Bürger, Verbraucherinnen und Verbraucher, Konsumentinnen und Konsumenten.

[2] Andere Autoren unterscheiden die Begriffe Lebensmittelverluste und Lebensmittelverschwendung hingegen nach der Art oder dem Grund der Einbußen. Sind die Gründe verhaltensbedingt, freiwillig oder das Resultat einer bewussten Entscheidung, wird von Lebensmittelverschwendung gesprochen, andernfalls von Lebensmittelverlusten (HLPE 2014, S. 21). Aufgrund der besseren Abgrenzbarkeit folgt die vorliegende Arbeit jedoch der Definition der FAO.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Ist Nudging ein effektives Instrument zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung durch Konsumenten?
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
43
Katalognummer
V499663
ISBN (eBook)
9783346020437
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensmittelverschwendung, Klimawandel, Ernährung, Welternährung, Nudging, Verhaltensökonomie, Konsumentenverhalten, Lebensmittel, Ressourcen
Arbeit zitieren
Brigitte Molter (Autor), 2018, Ist Nudging ein effektives Instrument zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung durch Konsumenten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499663

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