Gewinner- und Verliererregionen in Deutschland: empirische Bestätigung polarisationstheoretischer Ansätze?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

19 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ansatz der Polarisationstheorie

2. Polarisationstheorie
2.1 Sektorale Polarisation
2.2 Regionale Polarisation
2.3 Kritik
2.4 Weiterentwickelte polarisationstheoretische Ansätze
2.4.1 Wachstumspolkonzepte
2.4.2 Zentrum-Peripherie-Modelle

3. Gewinnerregion Regensburg
3.1 Neuere Geschichte
3.2 Technologiestandort Regensburg
3.3 Infrastruktur und Wirtschaftskraft

4. Verliererregion Flensburg
4.1 Einleitung
4.2 Ursachen der negativen Entwicklung

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Polarisationstheorie der Wirtschaftsgeographie dargestellt werden und anhand von praktischen Beispielen überprüft werden, ob in der Theorie geschilderte Phänomene und Tendenzen in Gewinner- und Verliererregionen in Deutschland zu erkennen sind.

Die Polarisationstheorie wird dabei zunächst in den wissenschaftlichen Kontext raumwirtschaftlicher Theorien eingeordnet um ihren Ansatz zu verdeutlichen. Im anschließenden Kapitel soll die Theorie ausführlich erläutert und mit Musterbeispielen dargestellt werden. Im Anschluss daran folgt eine Kritik der Theorie.

In den dann folgenden Kapiteln werden je eine Gewinner- und eine Verliererregion aus Deutschland im Hinblick darauf untersucht, was diese Regionen zu Gewinnern bzw. Verlieren macht und ob sich eine Entwicklung im Sinne der Polarisationstheorie abgespielt hat. Im abschließenden Kapitel sollen die Ergebnisse der Arbeit noch einmal kurz zusammengefasst und bewertet werden.

1.1 Ansatz der Polarisationstheorie

Die Polarisationstheorie stellt einen Gegenentwurf zu den neoklassischen Gleichgewichtstheorien dar. Die Neoklassik geht davon aus, dass Faktoren wie die Knappheit von Produktionsfaktoren zu räumlichen Ungleichgewichten führen. Diesen Ungleichgewichten wirken Prozesse wie die Faktorwanderung entgegen, wodurch das Gleichgewicht zwischen zwei Regionen wieder hergestellt wird. Es werden zwei Ausgleichstendenzen unterschieden: die Faktorwanderung und die Ausgleichstendenz durch interregionalen Handel. Die Kritik an der Neoklassik besagt, dass solche Ausgleichstendenzen in der Realität nicht zu beobachten sind, sondern sich Ungleichheiten zwischen Regionen eher noch verstärken wenn sie einmal aufgetreten sind (vgl. Bathelt et. Al. 2002, S. 67 ff.).

Die Polarisationstheorie setzt an dieser Kritik an und betont, das es dauerhafte räumliche Ungleichgewichte gibt, die sich im Laufe der Zeit durch verschiedenen ökonomische und soziale Prozesse verstärken können. Im Grunde gehen polarisationstheoretische Ansätze davon aus, dass gegenwärtiges Handeln in einer Region durch Entwicklungspfade geprägt wird, also durch Bedingungen und Strukturen die schon vergangene Entscheidungen hervorgerufen haben (vgl. Bathelt et. Al. 2002, S. 69 ff.).

Die Polarisationstheorie soll im nun folgenden Kapitel näher betrachtet werden.

2. Polarisationstheorie

2.1 Sektorale Polarisation

Die sektorale Polarisation geht auf Überlegungen Schumpeters von 1911 zurück. Nach Schumpeter wird eine wellenförmige Entwicklung der Wirtschaft durch Innovationen, wie die Produktion oder der Einsatz neuer Produktionsmethoden, in Gang gesetzt. Diese Innovationen werden von Investitionen und der Bildung neuer Branchen begleitet. In diesen nun führenden Branchen kommt es zu einem gehäuften Auftreten von Unternehmen, welches durch Nachahmung und Folgeinnovationen gekennzeichnet ist. Diese greifen auch auf die verbundenen Branchen über. Die bedeutenden Branchen zeichnen sich alle durch eine bedeutende Größe, eine starke Verflechtung mit anderen Sektoren, Dominanz gegenüber anderen Sektoren und ein hohes Wachstum aus. Perroux, der die Theorie der sektoralen Polarisation in den 50er Jahren weiter entwickelte, bezeichnet solche Branchen als motorische Einheiten, die sektoralen Wachstumspolen entsprechen. Zu diesen Branchen zählten bei Perroux die Automobilindustrie und die Petrochemie. Generell werden vor allem Unternehmen des sekundären Sektors als Träger wirtschaftlichen Wachstums angesehen. Man erwartet von diesen motorischen Einheiten eine Erweiterung des Produktionsvolumens, die den sektoralen Polarisationsprozess erweitert. Auch die abhängigen Wirtschaftsbereiche werden von den motorischen Einheiten beeinflusst. In positiver Weise geschieht dies durch Anstoßeffekte, die ein wirtschaftliches Wachstum ermöglichen, in negativer Hinsicht gibt es entsprechende Bremseffekte (vgl. Bathelt et. Al. 2002, S. 70; Schätzl 2001, S. 159 ff.).

Die Arbeiten von Perroux besitzen einen hohen innovatorischen Wert, da sie eine Initialzündung für weiterführende empirische, theoretische und planungsbezogene Forschungen waren. Der Ansatz des Wachstumspolkonzeptes wurde in weiteren Theorien erweitert, die im Folgenden noch vorgestellt werden. Zu den Schwächen der Theorie der sektoralen Polarisation gehört das Fehlen der räumlichen Komponente, dies wurde in den weiterentwickelten Theorien mit einbezogen. Zudem gibt es keine konkreten Aussagen über den Standort einer motorischen Einheit, über die Lage der Wachstumspole im regionalen System und über die räumliche Ausbreitung der Anstoß- und Bremseffekte (vgl. Schätzl 2001, S. 159 ff.).

2.2 Regionale Polarisation

Die Polarisationshypothese von Myrdal hat im Gegensatz zur sektoralen Polarisation Perrouxs einen räumlichen Bezug. Er vertritt eine Hypothese der zirkulären Verursachung eines kumulativen sozioökonomischen Prozesses um wirtschaftliche Entwicklung und Unterentwicklung zu erklären. Die Variablen eines Systems sind dabei unter marktwirtschaftlichen Bedingungen so miteinander verbunden, dass bei der Veränderung einer Variablen eine andere Variable in gleicher Richtung verändert wird und diese wiederum durch eine Rückkopplung die Intensität der ersten Veränderung erhöht und dadurch mit der Zeit einen kumulativen Prozess auslöst. Es werden interdependente ökonomische Faktoren wie Nachfrage, Einkommen, Investition und Produktion verändert, sofern die Veränderung eine ausreichende Intensität und zeitliche Dauer hat. Die positive Veränderung bewirkt einen Wachstumsprozess, die negative Veränderung einen entsprechenden Schrumpfungsprozess. Der zirkulär verursachte Prozess bewirkt innerhalb eines Landes aber auch im internationalen Maßstab eine räumliche Differenzierung in Wachstumszentren und Regionen, die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind. Das Ausmaß der Ungleichgewichte, z.b. Disparitäten im Pro-Kopf-Einkommen, hängt von der Art und Intensität der zentripetalen Entzugseffekte und zentrifugalen Ausbreitungseffekte ab, die wiederum durch das wirtschaftliche Wachstum der Zentren ausgelöst werden (vgl. Schätzl 2002, S. 161 ff.).

Diese Effekte werden durch mobile Produktionsfaktoren wie Arbeitskräfte, Kapital und technischer Fortschritt oder den Handel als alternative Form der interregionalen Interaktion wirksam. Entzugseffekte sind die negativen Veränderungen, welche die wirtschaftliche Expansion eines Zentrums in anderen Regionen hervorruft. Diese Zentren entziehen den peripheren Gebieten die mobilen Produktionsfaktoren. Es wird eine Wanderung von Arbeitskräften durch bessere Arbeits- und auch Lebensbedingungen hervorgerufen. Des weiteren erfolgt ein Transfer privater Ersparnisse, da es im Zentrum günstigere Investitionsmöglichkeiten und höhere Kapitalrendite gibt. Dadurch wird das Produktionspotenzial im Zentrum erhöht und das der rückständigen Regionen reduziert. Die Industriebetriebe der Zentren erhalten durch interne und externe Ersparnisse einen Wettbewerbsvorteil im interregionalen Handel. Dies führt zu einer Überschwemmung der rückständigen Regionen mit Industrieerzeugnissen, durch die das ortsansässige Handwerk und die verarbeitende Industrie zurückgedrängt werden (vgl. Schätzl 2002, S. 163).

Ausbreitungseffekte sind die positiven Veränderungen in anderen Regionen, die durch das wirtschaftliche Wachstum des Zentrums hervorgerufen werden. Hierzu zählen die Ausbreitung technischen Wissens und städtischer Verhaltensweisen, aber auch die außerhalb des Zentrums befriedigte Nachfrage nach Gütern, hier sind vor allem Agrarprodukte zu nennen, sowie Dienstleistungen, vor allem auf dem Gebiet des Naherholungs- und Fremdenverkehrs. Durch diese Effekte werden in den zurückgebliebenen Regionen Entwicklungsimpulse ausgelöst, die das Wachstum des Zentrums jedoch nicht beeinträchtigen (vgl. Schätzl 2002, S.163).

Diese Effekte lassen sich an einem Beispiel verdeutlichen. In einer Gemeinde brennt eine Fabrik ab, die einen großen Teil der Erwerbstätigen beschäftigte. Der Wiederaufbau der Fabrik erfolgt nicht am alten Standort, sondern in einer anderen Gemeinde. Dieses zufällige Ereignis löst nun folgende Prozesse aus. Zunächst werden die Beschäftigten der abgebrannten Fabrik arbeitslos, was zu einer reduzierten Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen führt, die aus der Einkommensverminderung der arbeitslosen Beschäftigten resultiert. Diejenigen Wirtschaftsbereiche, die bisher die Fabrik und deren Arbeiter versorgt haben erleiden Einkommenseinbußen und müssen aufgrund dessen ebenfalls Arbeitskräfte entlassen und die Produktion zurückfahren. Ein Teil der Erwerbslosen wird abwandern, einige Zuliefer- und Dienstleistungsbetriebe, die nun nicht mehr voll ausgelastet sind müssen die Produktion einstellen oder auch abwandern. Jetzt ist die zirkuläre Verursachung mit kumulativen Folgen in Gang gesetzt. Das sinkende Einkommen führt beispielsweise zu verminderten Steuereinnahmen der Gemeinde. Daraufhin muss die Gemeinde die Steuern erhöhen, um die öffentlichen Aufgaben weiterhin erfüllen zu können. Einige Betriebe verlegen daraufhin ihren Standort in eine Gemeinde mit geringerer Steuerbelastung. Dies führt zu weiteren Arbeitslosen in der Gemeinde, die teilweise auch abwandern. Auf diese Weise sinken das Einkommen, die Nachfrage und auch das Steueraufkommen immer weiter. Aufgrund dieser Voraussetzungen siedeln sich auch kaum neue Unternehmen in der Gemeinde an. Aufgrund der Abwanderung junger, leistungsfähiger und aktiver Arbeiter fehlt es an qualifizierten Arbeitskräften. Zudem fehlt es an Zuliefer- und Dienstleistungsbetrieben, da diese ihren Standort verlagert oder die Produktion eingestellt haben. Schließlich fehlt es aufgrund des gesunkenen Steueraufkommens an öffentlichen Investitionsmitteln zur Wirtschaftsförderung. Die Attraktivität der Gemeinde verschlechtert sich folglich immer mehr, angestoßen durch ein zufälliges Ereignis. Gibt es in einer Gemeinde eine positive Veränderung, etwa die Ansiedlung eines neuen Industriebetriebes, so läuft der eben beschriebene kumulative Prozess in umgekehrter Richtung ab (vgl. Schätzl 2002, S. 162).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gewinner- und Verliererregionen in Deutschland: empirische Bestätigung polarisationstheoretischer Ansätze?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Small is beautiful - large is successful!? Großprojekte und Regionalentwicklung
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V49971
ISBN (eBook)
9783638462952
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewinner-, Verliererregionen, Deutschland, Bestätigung, Ansätze, Small, Großprojekte, Regionalentwicklung
Arbeit zitieren
Christian Driever (Autor), 2005, Gewinner- und Verliererregionen in Deutschland: empirische Bestätigung polarisationstheoretischer Ansätze?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49971

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