Elterliche Gewalt gegen Kinder


Hausarbeit, 2002

32 Seiten, Note: 15 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der involvierte Personenkreis
1.1. Definition Kind
1.1.1. Definition der UN-Konvention
1.1.2. Juristische Definition
1.1.3. Psychologische Definition
1.1.3.1. Reifeentwicklung im frühen Kindesalter
1.1.3.1.1. Bindungsphase
1.1.3.1.2. Lösungsphase
1.1.3.1.3. Leitbildphase
1.2. Definition Familie

2. Rechte des Kindes - Pflichten der Eltern
2.1. Grundlagen im Familienrecht

3. Theoretische Aspekte der Gewalt
3.1. Definition Gewalt
3.1.1. Triebtheorie
3.1.2. Aggressions - Frustrations - Theorie
3.1.3. Katharsis - Hypothese
3.1.4. Lerntheorie
3.2 Formen der Gewalt
3.3 Ursachen
3.3.1. Risikofaktoren
3.3.2. Besonderheiten beim sexuellen Mißbrauch
3.3.3. Besonderheiten bei Vernachlässigung
3.4. Historischer Rückblick

4. Wer sind die Opfer - wer sind die Täter?
4.1. Physische Gewalt
4.2. Sexuelle Gewalt
4.3. Täter

5. Folgen von Gewalt
5.1. Typische Anzeichen nach körperlichen Mißhandlungen
5.2. Psychische Folgen
5.3. Folgen von sexueller Gewalt

6. Intervention

7. Rechtliche Grundlagen
7.1. Kindesentzug
7.2. Strafgesetzbuch

8. Prävention

Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Familiäre Gewalt steht heute mehr denn je im öffentlichen Interesse. Es vergeht kein Tag ohne eine Berichterstattung der Medien über neue Fälle von Mißhandlungen. Läßt sich dieses vermehrte Interesse der Gesellschaft darauf zurückführen, daß physische, psychische und sexuelle Mißhandlung heute mehr vertreten ist als in früheren Zeiten? Familiäre Gewalt ist ein sehr komplexes Thema und aufgrund der bestehenden Tabuisierung ein sehr schwer zu fassender Bereich. Dies ist der Grund, weshalb ich mich bei der Ausarbeitung des Referats nur auf den engsten Kreis der Familie beschränkt habe, nämlich die Gewaltanwendung der Eltern gegen ihre Kinder. Gerade hier herrscht eine enorm hohe Dunkelziffer, aber schon die Anzahl der gemeldeten Fälle läßt durchblicken, daß die Anwendung von Gewalt in der Familie keine Seltenheit ist. Die Dunkelziffer macht auch genaue wissenschaftliche Untersuchungen teilweise sehr schwierig, da unter anderem eine exakte Festlegung der betroffenen Gewaltopfer nicht möglich ist. Die Untersuchungen beruhen zum größten Teil auf Schätzungen. Erschreckend ist die Tatsache, daß davon auszugehen ist, daß jedes 10. Kind Opfer von einer Form der Gewaltanwendung in schwerer Ausprägung in Zusammenhang mit der Familie betroffen ist. An dieser Stelle muß die Frage gestellt werden: „Ist die Familie der gefährlichste Ort für Kinder?“.

Eine umfassende Beschäftigung mit dem Thema Gewaltanwendung gegen Kinder ausgehend von den Eltern ist sehr wichtig, um dem Mißbrauch wirkungsvoll vorbeugen zu können bzw. ihn bereits in Frühphasen zu erkennen. Dieses Referat soll erläutern, warum es in der Familie zu gewalttätigen Handlungen kommen kann. Liegt es daran, daß es sich bei den schlagenden Eltern um Monster handelt oder sind es ganz „normale“ Menschen? Außerdem soll es einen Einblick verschaffen, daß es außer der körperlichen Gewalt noch andere Mißhandlungsformen gibt. Wenn man an Gewalt gegen Kinder denkt, so ist das meistens in Verbindung mit körperlicher Gewalt. Es gibt jedoch noch andere Mißhandlungsformen, die leider nicht so offensichtlich sind, aber teilweise noch schlimmere Schäden verursachen. Es ist erschreckend, daß in dieser Hinsicht die elterliche Phantasie keine Grenzen kennt.

Das schwierige Thema des sexuellen Mißbrauch habe ich, wenn nötig gesondert behandelt, da es sich teilweise von den anderen Gewaltformen unterscheidet.

Vor der Auseinandersetzung mit diesen Themen muß man sich mit grundlegenden Begriffen und Themen ein wenig beschäftigen. Gerade bei Gewalt gegen Kinder müssen alle eine Rolle spielenden Faktoren berücksichtigt werden. Die ersten 3 Kapitel stellen in diesem Referat die Fundamente dar, auf denen alle weiteren Ausführungen beruhen. Hier geht es vor allem um die Definition einiger Begriffe. Wichtig ist vor allem das Wissen, was Gewalt ist und wie es zu ihrer Entstehung kommt.

1. Der involvierte Personenkreis

1.1. Definition Kind

Wir alle durchlaufen Lebensphasen und werden in ihnen mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert. Die wichtigsten Merkmale der menschlichen Existenz sind: körperliche Veränderungen, Persönlichkeitsveränderungen, die Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten, Veränderungen unser Emotion und unserer Einstellung.

An dieser Stelle muß zunächst der Begriff Kind definiert werden. Es gibt viele verschiedene Definitionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, von denen ich mir drei aus verschiedenen Richtungen ausgewählt habe.

1.1.1. UN-Konvention über die Rechte des Kindes (Artikel 1): Kinder sind im Sinne der Konvention alle Menschen bis zum Alter von 18 Jahren. [Günther Deegnener 1998, Kindesmißbrauch erkennen, helfen vorbeugen, S. 208]

1.1.2. Die juristisch Definition lautet: Ein Kind ist der Abkömmling seiner Eltern, ohne eine Einschränkung durch das Alter. Schlußfolgernd bleibt man ein Leben lang das Kind seiner Eltern.

1.1.3. Psychologische Definition (Auszug aus P. G. Zimbardo, Psychologie, S. 106)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1.3.1. Reifeentwicklung im frühen Kindesalter

Um die steigende Gewaltbereitschaft und entstandene psychische Folgeschäden durch erfahrene Gewalt erklären zu können, muß man Kenntnis über einige Entwicklungsschwerpunkte des Kindes haben. Die Reifeentwicklung des Kindes ist geprägt durch einzelne Phasen. Einflüsse, die in dieser Zeit auf das Kind einwirken, haben einen entscheidende Wirkung darauf, ob die entsprechende Phase beschleunigt oder behindert wird. Das Leben eines Kindes ist durchzogen von Bindungs-, Lösungs- und Idealbildphasen.

1.1.3.1.1. Bindungsphase

In der Bindungsphase ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wärme und Schlaf und die uneingeschränkte Bindung an eine Bezugsperson für das Wohl des Kindes unentbehrlich. Die dadurch empfundene Geborgenheit ermöglicht den Aufbau von Vertrauen, welches dem Kind möglich macht, die Umwelt angstfrei zu erkunden und in sein Weltbild zu integrieren. Außerdem befähigt sie ihn später zur Einordnung in eine Gemeinschaft. Heute ist es jedoch so, daß die familiäre Situation, bedingt durch die Situation auf dem Arbeitsmarkt, einen ständigen Wechsel der Bezugsperson erfordert, die gerade in dieser Phase von großem Nachteil ist, wodurch es zu einem mangelhaftem Aufbau eines Urvertrauens kommt. Dieses kann zu einer Entwicklung von Passivität, Ängste, Resignation oder Dauertrotz führen, die sich auch im Lebensweg eines Erwachsenen störend auswirken können.

1.1.3.1.2. Lösungsphase

Die nachfolgende Lösungsphase kann sich nur aus einer erfolgreich aufgebauten Bindungsphase entwickeln. Nun kommt es zu einer relativen Ablösung von den Eltern, um auf eigenen Füßen zu stehen. In dieser Phase kommen Kinder ins Trotzalter, in der sie versuchen, ihren Handlungsspielraum zu erfahren. Durch die entstehenden Grenzen, die ihnen gesetzt werden, erleben sie Regeln, ohne die ein Miteinander nicht möglich wäre. Hier erproben sie ihr Durchsetzungsvermögen und gewinnen Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten.

1.1.3.1.3. Leitbildphase

Anschließend vollzieht sich die Leitbildphase, die das Kind kurz vor Eintritt in die Schule bis etwa zur Mitte des 2. Schuljahres durchläuft. Hier bemerkt es, daß seine Allmachtvorstellungen Grenzen haben und seine Wünsche nicht unendlich sein können. Es entwickelt ein Gespür für richtig und falsch und was das für sich und seine Mitmenschen bedeutet. Es gesellen sich andere Leitfiguren aus dem Umfeld neben die Eltern, die dem Kind bei der Orientierung hilfreich sind. Die erwachsene Instanz entscheidet auch über die Art und Weise, wie das Kind mit Aggressionen umgeht. Ein ohne Regeln aufgewachsenes Kind entwickelt ein hohes Maß an Aggression, da es nie gelernt hat, sein Aggressionspotential bei Auseinandersetzungen mit Erwachsenen in positive Bahnen zu lenken.

1.2. Definition der Familie

Während der letzten Jahrzehnte haben in der BRD die verschiedenen Familienformen statistisch zugenommen, die nicht dem Bild der Normalfamilie (= Zwei-Eltern-Familie) entsprechen, wie z. B. nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern, Ein-Eltern-Familien und Wiederverheiratungen (Stiefelternschaften). Insgesamt gibt es 15 Familienformen.

2. Rechte des Kindes - Pflichten der Eltern

Bei der Erziehung des Kindes durch die Eltern geht es nicht primär um die Eigeninteressen der Erziehungsberechtigten, sondern um die Interessen und das Wohl des Kindes. Das heißt, daß die Eltern auf dasjenige Sorgeverhalten verpflichtet sind, das voraussichtlich der Integrität und der Entfaltung des Kindes am besten dient. Es ist den staatlichen Organen nicht erlaubt in jedem Fall einzuschreiten, wenn ihrer Meinung nach das optimale Kindeswohl nicht erreicht oder angestrebt wird.

2.1. Grundlagen im Familienrecht

§ 1626 BGB [Elterliche Sorge, Grundsätze] (1) Die Eltern haben die Pflicht und das Recht, für das minderjährige Kind zu sorgen (elterliche Sorge). Die elterliche Sorge umfaßt die Sorge für die Person des Kindes (Personensorge) und das Vermögen des Kindes (Vermögenssorge)

(2) Bei der Pflege und Erziehung berücksichtigen die Eltern die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes zu selbständigem verantwortungsbewußtem Handeln. Sie besprechen mit dem Kind, soweit es nach dessen Entwicklungsstand angezeigt ist, Fragen der elterlichen Sorge und streben Einvernehmen an.

(3) Zum Wohl des Kindes gehört in der Regel der Umgang mit beiden Elternteilen. Gleiches gilt für den Umgang mit anderen Personen, zu denen das Kind Bindungen besitzt, wenn ihre Aufrechterhaltung für seine Entwicklung förderlich ist.

§ 1631 BGB [Inhalt der Personensorge; Verbot entwürdigender Maßnahmen; Unterstützung der Eltern] (1)Die Personensorge umfaßt insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.

(2) Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

3. Theoretische Aspekte der Gewalt

3.1. Definition Gewalt

„Als Gewalt bezeichnet man jede aktive Handlung (oder auch Duldung bzw. Unterlassung), die an der Durchsetzung des eigenen Zieles bei einer anderen Person orientiert ist, ohne Rücksicht auf damit verbundene physische oder psychischen Schäden bei dieser.“ [Rosemarie Nave-Herz,1994, Familie heute, S. 78]

Gewalt hat immer mit Aggressionen zu tun. In der Wissenschaft ist Aggression der übergeordnete Begriff. Die ursprüngliche Bedeutung von Aggression ist „auf-etwas-zugehen“ und kommt von dem Verb aggredi aus dem Lateinischen. Im ursprünglichem Sinne muß Aggression also nicht unbedingt schlecht sein. Wer in der Lage ist diese verantwortungsbewußt einzusetzen lebt seine Aggressivität, übt jedoch keine Gewalt aus. Sie ist eine entwicklungsfördernde Antriebskraft, macht die Grenzen des eigenen Handelns erfahbar und fördert somit die Gewissensbildung. Dieser angeborene Mechanismus dient der Sicherung der elementaren Lebensbedürfnisse und wurde von Erich Fromm als „defensive Aggression“ definiert.

Diese unterscheidet sich grundlegend von der bösartigen bzw. zerstörerischen Aggression. Sie kann mörderische Formen annehmen. Ein Mensch kann einen anderen Menschen ohne einen erkennbaren biologischen oder ökonomischen Grund quälen oder umbringen. Dies ist ein großer Unterschied zu den Tieren, denn sie sind dem Diktat ihrer Instinkte unterworfen. Beim Menschen ist das anders, da aufgrund des Gedächtnisses und der Fähigkeit zum vernünftigen Abwägen seine Handlung nicht aus dem Moment heraus entsteht. Sie ist vielmehr die Konsequenz der Erinnerung und gedanklicher Vorstellung. Ebenso sind angeborene Beschwichtigungsgebärden, wie sie im Tierreich vorkommen (z. B. der schwächere Hund legt sich auf den Rücken), die die Aggression des Gegners hemmen sollen, beim Menschen nicht vorhanden. Es läßt sich schwer vorhersagen, unter welchen Bedingungen die Signale von Schwäche und Unterwerfung beim Gegner Sympathie auslösen oder noch aggressivere Auseinandersetzungen hervorrufen.

Wichtig ist auch die Unterscheidung von Aggression und Aggressivität. Die Absicht zur Handlung wird als Aggressivität, deren Ausführung als Aggression bezeichnet. Im herkömmliche Sinne wird unter Gewalt die körperliche Aggression verstanden, das heißt jemanden Schaden mittels physischer Stärke zuzufügen. Demnach ist die körperliche Gewalt eine Teilmenge von Aggression.

In der Psychologie gibt es verschiedene Ansichten darüber, wie es zu Aggressionen kommt. Die vier gängigsten Theorien möchte ich hier kurz vorstellen:

3.1.1 Die Triebtherorie:

Sie geht davon aus, daß der Mensch aggressive Instinkte besitzt, die die Bewahrung der eigenen Existenz und die Selbstbehauptung in der Gruppe wahren sollen. Dieses angeborene Verhalten wird allerdings von sozialen und individuellen Lebensumständen beeinflußt. Die Triebtheorie wird aber von einigen Psychologen angezweifelt, da sie sich weniger auf tiefenpsychologische Fundamente, sondern auf Untersuchungsergebnisse aus Tierbeobachtungen stützt. Andere aber halten diese Triebtheorie für triebabhängige Verhaltensweisen, wie z. B. essen, trinken, sich fortzupflanzen, zu atmen oder sich aggressiv einen Platz in der Gesellschaft zu sichern, für zutreffend.

3.1.2. Die Aggressions - Frustrationstheorie:

In dieser Theorie wird davon ausgegangen, daß Aggressionen als Reaktion von Frustrationen ausgelöst werden. Frustration ist ein Zustand, der auftritt, wenn Situationen unterbrochen bzw. verwehrt werden, die ein Mensch anstrebt und führt so zu Entbehrungserlebnissen. Es ist jedoch nicht so, daß jede Frustration in Aggression mündet. Wenn sie zu schwach sind, stellen sie höchstens einen Anreiz für aggressives Verhalten dar.

Die Intensität der Frustration ist von drei Faktoren abhängig:

- Motivationsstärke
- Abweichungsgrad vom erwünschtem Ziel
- Häufigkeit der Frustration

3.1.3. Die Katharsis - Hypothese:

Sigmung Freud war der Ansicht, daß der Mensch von Geburt an zwei Unterschiedlichen Trieben unterworfen sei:

- einem Lebenstrieb (Eros)
- einem Todestrieb (Thanatos)

Im Körper wird, nach Freuds Meinung, ständig Energie für den Todestrieb bereitgestellt. Diese wird dann in Form von sozial akzeptablen Aggressionen an die Umwelt abgegeben.

Dieser Vorgang wird mit dem Begriff Katharis, der aus dem Griechischen kommt, beschrieben und heißt soviel wie der Prozeß der Reinigung. Ist der Mensch aber unfähig die erzeugte Energie in kleinen Mengen abzugeben, staut sie sich auf und es kommt zu einer extremen Form von Aggression. Genauso kann es sein, daß ein gewalttätiger Mensch zuviel Energie des Todestriebes erzeugt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Elterliche Gewalt gegen Kinder
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2002
Seiten
32
Katalognummer
V4999
ISBN (eBook)
9783638130479
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elterliche, Gewalt, Kinder
Arbeit zitieren
Matthias Teichert (Autor), 2002, Elterliche Gewalt gegen Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4999

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