Die Entwicklung des Liberalismus in Preußen und dem Deutschen Reich von 1858 bis 1888

Zum Einfluss der Familiendynamik der englischen und preußischen Königsfamilie


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die familiäre Machtausweitung der Queen Victoria in Europa

3. Die Mission der englischen Prinzessin Victoria in Preußen

4. Die Umsetzung der Liberalisierung durch den Kronprinzen Friedrich

5. Das Scheitern der Liberalisierung durch die Rebellion des Prinzen Wilhelms

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Deutschland des 19. Jahrhunderts konnte sich der Liberalismus nicht durchsetzen. Die Ursachen dieses Scheiterns wurden in der Forschungsliteratur bisher hauptsächlich unter politischen Aspekten erörtert. Es wurde der Frage nachgegangen, wieso sich kein anglophiles, liberalistisches System in Preußen und dem Deutschen Reich durchsetzen konnte. Dabei wurde argumentiert, dass politische Differenzen und Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten die Gründe für das Scheitern der Liberalisierung Deutschlands waren.

In meiner Seminararbeit möchte ich der gleichen Frage nachgehen. Mein Fokus bei der Beantwortung dieser Frage liegt aber stattdessen auf der Auswirkung der persönlichen Beziehungen zwischen der Queen Victoria von England, ihrer Tochter Victoria, dem preußischen Kronprinzen Friedrich und deren Sohn Wilhelm auf die politischen Handlungen in Deutschland zur Umsetzung der Einführung des Liberalismus.

Daher besagt meine These, dass sich die Familiendynamik der preußischen und englischen Königsfamilie negativ auf die Umsetzung der Liberalisierung in Deutschland auswirkte und persönliche Differenzen diesen politischen Systemwechsel verhinderten.

Der Zeitrahmen der Betrachtung beginnt mit der Heirat Victorias und Kronprinz Friedrichs 1858. Folgend beginnt meine Arbeit mit einer Analyse der Bewegründe der Queen für diese Heirat. Anschließend untersuche ich die Durchführung dieser Mission, eine Liberalisierung Preußens, bei der Kronprinzessin Victoria und Kronprinz Friedrich. Die zeitliche Betrachtung endet mit dem Tod Friedrichs im Jahr 1888 und dem damit verbundenen Ende einer möglichen Revolution. So untersuche ich als letztes die Bedeutung des Prinzen Wilhelms für das Scheitern der Liberalisierung.

2. Die familiäre Machtausweitung der Queen Victoria in Europa

Als Queen Victoria im Jahr 1837 den englischen Thron bestieg, befand sich Großbritannien in einer Zeit der politischen und sozialen Turbolenzen. Durch ihre royalen Vorgänger war die Monarchie in England in Verruf geraten. Die Prunksucht des Georg III. und die rebellische, unbeliebte Regierungsweise Georg IV., ihres Onkels, führten zur Empörung über die Institution der Monarchie beim Volk und in der Regierung. Aber nicht nur gegenüber der Monarchie bestanden Vorbehalte, auch im Parlament gab es große Meinungsverschiedenheiten. So führten z.B. Wahlrechtsausweitungen wie die des „Reform Act“ von 1832 zu ständigen Konflikten zwischen Liberalen und Konservativen. Nachdem die traditionelle Macht der Monarchie seit der „Magna Charta“ im Jahr 1215 sukzessive eingeschränkt wurde, bot die Uneinigkeit des Parlaments der Queen hier neue Möglichkeiten zur Einflussnahme.1

Mit ihrem im Jahr 1840 angetrauten Ehemann Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha bekam sie einen politischen Berater und Unterstützer. Sie teilten die Meinung, dass der Monarch nicht nur repräsentative, sondern auch aktive politische Aufgaben hatte. Ihr Ehemann erhielt kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes Zugang zu den offiziellen Dokumenten und den Regierungsgeschäften. Er beeinflusste das politische Handeln seiner Frau bis zu seinem Tod 1861. Außerdem erkannte Albert bereits früh eine Möglichkeit, die Monarchie als Institution in England wieder zu rehabilitieren. Dazu nutzten die Queen und ihr Prinz die Medien der Zeit wie Zeitungen und Publikation. Die Veröffentlichungen von Gemälden und Fotografien sollten den Familienzusammenhalt darstellen. Sie sollten aber auch andere europäische Fürstenhöfe beeindrucken und dem Volk als Vorbild für das perfekte, familiäre Zusammenleben dienen. So hatte Victoria die Königsfamilie nicht nur wieder zu Ansehen gebracht, sondern sie ebenfalls zu einer gesellschaftsübergreifenden Instanz gemacht.2

Da nun das Ansehen der Monarchie widerhergestellt war und sie durch ihren Berater Albert die innenpolitischen Unstimmigkeiten zu ihrem Vorteil auszunutzen versuchte, hatte die Queen eine stabile Ausganglage für die Umsetzung ihres Ziels geschaffen. Sie wollte mehr Einfluss auf die Außenpolitik nehmen und das Desaster des Krimkriegs von 1855 bot ihr nun eine Gelegenheit. Dieser Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich veränderte die diplomatischen Beziehungen in Europa deutlich. Die Queen nutzte diesen Zusammenbruch einiger bisheriger Allianzen 3, indem sie ihre eigenen Kinder in verschiedene europäische Fürstenhäuser und Nationen verheiratete.

Auf der einen Seite gewann die Queen durch diese geschickte Heiratspolitik teilweise einen Einblick in die Regierungsgeschäfte, da ihre Kinder – von ihrer Mutter zu gehorsamem Vermittler zwischen den westlichen und östlichen Mächten in Europa. Briefwechsel erzogen – ihr regelmäßig Bericht aus den königlichen Höfen erstatten, in die sie verheiratet worden waren. Auf der anderen Seite geriet ihre Familie durch das Einheiraten in verschiedene europäische Königshäuser oft in politische Konflikte, weil so Familienmitglieder zu Kontrahenten wurden, die sich in Auseinandersetzungen oft auf der gegnerischen Seite wiederfanden. Der Auslöser für diese Problematik war meist Reichskanzler Otto von Bismarck. Dessen Einigungskriege von 1870 bis 1871 innerhalb des späteren Deutschen Reiches spalteten die Familie der Queen in zwei Interessensgruppen.4

Ihre älteste Tochter Victoria hatte Queen Victoria 1858 mit dem preußischen Thronfolger Friedrich verheiratet, um auch in Preußen ihr Einflussgebiet auszuweiten und eine englisch- preußische Allianz zu schaffen. Ihre jüngere Tochter Helena verheiratete sie später allerdings mit dem dänischen Prinzen Christian von Schleswig-Holstein. Dieser verlor durch die Annektierung Schleswigs durch Bismarck während der Einigungskriege 1871 sein Hoheitsgebiet. Damit wurden die beiden Schwestern – Victoria und Helena – zu politischen Gegnern. Ihre Mutter - Queen Victoria - kritisierte den Reichskanzler ihrer Tochter Victoria, Bismarck, offiziell nicht für sein Verhalten gegenüber dem Land ihrer zweiten Tochter Helena, obwohl es sie sehr verärgerte. Diese Aufgabe übernahmen ihre Minister schließlich.5

Um Queen Victorias Ziel der außenpolitischen Einflussnahme durch ihre Heiratspolitik umsetzen zu können, bedurfte es einer individuellen und persönlichen Erziehung der Kinder. So unterrichtete ihr Ehemann Albert die intelligentesten Kinder in Politik und Gesellschaft. Ihrem Bild in der Öffentlichkeit als „liebevolle Übermutter“ 6 entsprach allerdings nicht der Realität. Tatsächlich verbrachte sie wenig Zeit mit ihren Kindern und sie stillte auch selbst nicht. Stattdessen war es ihr wichtig, Kontrolle über ihre Kinder auszuüben. So verordnete sie ihnen einen stetigen Briefwechsel mit ihr, sobald sie das Schreiben beherrschten. Damit dressierte sie sie schon im frühen Kindesalter zu einer regelmäßigen und umfassenden Berichterstattung, die ihr später noch von großem Nutzen sein sollte. Dieser Nutzen äußerte sich in Informationen von Regierungsgeschäften. Ihre älteste Tochter Victoria leitete an die Queen regelmäßig offizielle Dokumente weiter, sehr zum Missfallen der preußischen Regierung in Berlin. Somit waren ihre Kinder unter anderem ein Mittel der Einflussnahme in Europa für sie.7

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass Queen Victoria einen Wandel in die Lebensweise der englischen Königsfamilie brachte. Sie veränderte den Ruf, sowie die Aufgaben der obersten Familie im Lande nachhaltig. Sie prägte eine ganze Epoche, das sogenannte Viktorianische Zeitalter, und veränderte das Idealbild einer Familie in Großbritannien. Außerdem führte ihre Heiratspolitik zu einem Export von englischem Gedankengut nach Europa. Ein Beispiel dafür ist der Versuch der Einführung des englischen Liberalismus in Preußen durch ihre Tochter Victoria. Die Queen erzog zusammen mit Albert ihre Tochter zu einer gebildeten Engländerin, die selbstbewusst ihre politische Meinung kundtat und damit in Preußen keine große Anglophilie auslöste.

3. Die Mission der englischen Prinzessin Victoria in Preußen

Als in den 1850er Jahren die Interessen der Queen und des preußischen Kronprinzenpaares übereinstimmten, bot dies den Nährboden für eine folgenreiche Eheschließung zwischen den Kindern der beiden Königshäuser. Beide Parteien waren sich über die Notwendigkeit einer innenpolitischen Reform in Preußen und dessen Annäherung an den Westen einig. Die Queen sah in der Vermählung ihrer ältesten und klügsten Tochter Victoria mit dem preußischen Thronerben eine Möglichkeit der Einflussnahme in Preußen und damit der Ausweitung ihrer Macht. Da Albert Preußen die Führungsrolle in einem geeinten Deutschland zuschrieb, gab er seiner intelligentesten Tochter Victoria eine weitreichende Aufgabe mit auf den Weg. Sie sollte als Ehefrau des späteren Kaisers die Liberalisierung des politischen Klimas in Berlin bewirken.8

Nach der Verlobung von Victoria und Friedrich besuchte Alberts Berater Stockmar in den 1850er Jahren das Kronprinzenpaar Wilhelm und Augusta in Berlin. Als er zurückgekehrt war, riet er Prinz Albert zu einer raschen Vorbereitung auf die „besondere Mission“ seiner Tochter in Preußen. Dafür erhielt sie einen Intensivkurs in europäischer Politik mit dem Schwerpunkt auf Preußens Handeln gegenüber den anderen deutschen Staaten. Dieser Unterricht sollte ihr aber nicht helfen, sich in dieser neuen Kultur, die sie erwartete, zurecht zu finden. Stattdessen sollte sie erlernen, wie sie diese Kultur zu englischen Gunsten verändern könne. Nach der Heirat mit Friedrich zog die englische Prinzessin zu ihrem Ehegatten nach Berlin und lebte fortan als Frau des preußischen Thronfolgers an seiner Seite am preußischen Hof. Nun begann ihre „Mission“, auf die sie ihr Vater und dessen Berater lange vorbereitet hatten. Victoria sollte nun mithilfe ihres Ehegatten Friedrich einer liberalen Regierung in Preußen den Weg bereiten. Durch die enge Beziehung zwischen Victoria und Friedrich, erhoffte die Queen sich eine Beeinflussung des Kronprinzen. 9

Es herrschte in der Tat eine gegenseitige, ständige Beeinflussung zwischen den beiden Eheleuten. Friedrich bat oft um Rat bei seiner Frau. Er erörterte politische, sowie private Themen mit ihr. Dies tat er vor allem, da Friedrich die Intelligenz, Bildung und Energie seiner Frau sehr bewunderte. Sie stimmten darüber hinaus auch in fast allen privaten wie auch politischen Belangen überein. Victoria baute außerdem das durch seine Eltern zerstörte Selbstwertgefühl Friedrichs wieder auf und unterstützte ihn in nahezu allen Belangen. Damit war der erste Schritt für das Vorhaben der Queen und damit ihrer Tochter Victoria getan. Kronprinzessin Victoria hatte Friedrich erfolgreich von der Liberalisierung Preußens überzeugt und damit den ersten Teil ihrer Mission erfüllt. Nun kam es darauf an, dass das Kronprinzenpaar gemeinsam auch das Volk und die Regierung für ein liberales Klima begeisterte. Dabei sollten sie allerdings nicht erfolgreich sein. 10

Obwohl Kronprinzessin Victoria sich selbst als Preußin sah und in europäischen Fragen mit Preußen übereinstimmte, war ihre weltpolitische Einstellung von britischem Imperialismus geprägt. Dadurch war sie beim Volk, den Politikern und den Hohenzollern nur als die „Engländerin“ verkannt. In Preußen stand Victoria aufgrund der dort herrschenden Anglophobie in ständiger Kritik. Großbritannien stellte in der Mitte des 19. Jahrhunderts die größte Wirtschaftsmacht dar und war dementsprechend der bedeutendste Konkurrent Preußens. Victoria selbst stützte diese Ablehnung gegenüber allem Englischen durch ihr eigenes Verhalten. Aus Heimweh und Heimatverbundenheit kaufte sie ausschließlich englische Produkte. Auch schwärmte sie stets von der Überlegenheit der englischen gegenüber der preußischen Kultur.11

Dabei war diese Betonung der Überlegenheit ihres Heimatlandes vermutlich Victorias Antwort auf die gesellschaftlichen Zustände in Preußen. Sie war verwundert und enttäuscht über die geringe Präsenz des weiblichen Adels in der Öffentlichkeit. In England präsentieren sich die Frauen der höheren Klassen gerne selbstbewusst als Gebildete in der Öffentlichkeit. Dies schlug sich negativ in der preußischen Öffentlichkeit nieder.12

[...]


1 Vgl. Bogdanor 1995, S. 16-21.

2 Vgl. Urbach 2011, S. 82-85. Bogdanor 1995, S. 23-27.

3 Österreich-Ungarn verlor durch den Krieg seinen Bündnispartner Russland und Preußen profierte als

4 Vgl. Urbach 2011, S. 100. Ebd., S. 138. Ebd., S. 141.

5 Vgl. Urbach 2011, S. 126. Ebd., S. 141f.

6 Zitat nach Urbach 2011, S. 96.

7 Vgl. Urbach 2011, S. 95-96.

8 Vgl. Herre 1987, S. 48.

9 Vgl. Hessen 2007, S. 69f.

10 Vgl. Müller 2013, S. 53-56. Ebd., S. 68. Hessen 2007, S. 73.

11 Vgl. Müller 2013, S. 63. Urbach 2008, S. 123. Ebd., S. 128.

12 Vgl. Urbach 2008, S. 119.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des Liberalismus in Preußen und dem Deutschen Reich von 1858 bis 1888
Untertitel
Zum Einfluss der Familiendynamik der englischen und preußischen Königsfamilie
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Zwischen Empire und Europa. Großbritannien 1870-1973
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V500066
ISBN (eBook)
9783346039897
ISBN (Buch)
9783346039903
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liberalismus, Kaisserreich, Preußen, England, Großbritannien, Queen Victoria, Kaiser Wilhelm, Familienpolitik, Kaiser, Wilhelm II
Arbeit zitieren
Tamina Grasme (Autor), 2016, Die Entwicklung des Liberalismus in Preußen und dem Deutschen Reich von 1858 bis 1888, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500066

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