Welche Bedeutung hatte die Einführung des Goldstandards für das Deutsche Kaiserreich?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Begriff des Edelmetallstandards

3 Die Frage der optimalen deutschen Währungsordnung
3.1 Handlungsoptionen für die preußische Regierung vor 1871
3.2 Die Debatte um den Standard
3.3 Der Übergang zum Goldstandard nach der Reichsgründung
3.4 Der Einfluss der wirtschaftlichen Entwicklung auf die Währungsdiskussion

4 Kritische Würdigung und Ende des Goldstandards

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

„Nach Golde drängt,

am Golde hängt doch alles!“

(Goethe, Faust I)

1 Einleitung

Das Gold hat seine historisch gewachsene Funktion als Anker der nationalen und internationalen Währungsordnung mittlerweile eingebüßt. So ist es nicht verwunderlich, dass eine Vielzahl von Regierungen weltweit die Veräußerung ihrer Goldreserven in Betracht zieht, um die Lage der öffentlichen Haushalte zu verbessern. Besonders in den EU-Staaten stehen dem aber noch die Unabhängigkeit der Zentralbanken sowie befürchtete Vertrauensschäden und eine erhöhte Inflationsgefahr durch neu geschöpftes Zentralbankgeld entgegen.

Seinen Höhepunkt erlebte das Edelmetall in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nachdem zunächst das neu gegründete Deutsche Reich dem englischen Vorbild folgte und seine neu geschaffene, endlich einheitliche Währung, die Mark, an das Gold gebunden hatte.

Getreu der Aufforderung Gretchens, geblendet vom Geschenk Mephistos, gingen die meisten wichtigen Staaten nach und nach auch zur Goldwährung über. Dadurch gelang es ihnen insbesondere den im Zuge der Industrialisierung stark gestiegenen internationalen Warenaustausch zu erleichtern.

Die vorliegende Arbeit soll aufzeigen, welche Bedeutung und welche Auswirkungen die Einführung des Goldstandards als neuer Währungsordnung in wirtschafts-, geld- und sozialpolitischer Hinsicht auf das kurz zuvor gegründete Deutsche Kaiserreich hatte und welch kontroverse Diskussionen er auslöste. Eingangs muss hierzu der Begriff des Edelmetallstandards als Basis einer Währungsordnung erläutert werden. Anschließend werden seine Alternativen, die Motive seiner Einführung sowie seine Ausgestaltung und Funktionsweise analysiert.

2 Der Begriff des Edelmetallstandards

Währungsordnungen beruhen auf einem Edelmetallstandard, soweit mindestens ein Teil der umlaufenden Banknoten durch Gold- oder Silberbestände einer Notenbank gedeckt ist. Für die Notenbank besteht eine Einlösepflicht, das heißt sie muss die Scheine auf Wunsch jederzeit gegen ein Metall zu einem festgelegten Preis zwischen der Geldeinheit und dem Metall umtauschen können. Im Falle von Gold als alleinigem Währungsmetall wird dabei von der Goldkernwährung gesprochen.

Ebenso kann Gold oder Silber selbst, in manchen Fällen auch Kupfer oder Nickel, als Geld in Form von Münzen dienen. Dabei repräsentieren die Münzen den Wert ihres Metallgehaltes. Zusätzlich können auch hier Banknoten existieren, für die wiederum eine Einlösepflicht der Zentralbank besteht. Wenn Gold das alleinige Währungsmittel ist, handelt es sich um eine Goldumlaufwährung.[1]

Es gilt, den Monometallismus und den Bimetallismus, auch Doppelstandard, zu unterscheiden. Im Monometallismus existiert entweder der Gold- oder der Silberstandard. Im Bimetallismus dagegen sind Gold und Silber nebeneinander gleichberechtigte, wenn auch unterschiedlich werthaltige, gesetzliche Zahlungsmittel, die in einem fixen Verhältnis (von 1800-1870: Gold:Silber um 1:15,5) zueinander stehen.[2]

Vor dem Jahr 1870 war der Goldstandard zunächst de facto 1717 und de jure 1821 in Großbritannien etabliert worden; ebenso in Portugal, Brasilien, der Türkei und Australien. Frankreich, Italien, die Schweiz, Belgien und die USA waren bimetallistische Währungsgebiete. Die zahlreichen unterschiedlichen deutschen Währungssysteme, mit Ausnahme dem von Bremen (Gold), beruhten auf dem Silberstandard; ebenso Österreich, die Niederlande, Skandinavien, Mexiko und Asien.[3]

Beim Goldstandard ist zwischen verschiedenen Varianten zu unterscheiden. Charakteristisch für diese sind insbesondere die unterschiedlichen Deckungsprinzipien. Auf der einen Seite gibt es das sogenannte Currency-Prinzip, wobei die umlaufenden Banknoten vollständig durch Gold oder Goldmünzen gedeckt sein müssen. Andererseits existiert das Banking-Prinzip, wobei sich die Deckung lediglich auf einen prozentualen Anteil beschränkt.[4]

3 Die Frage der optimalen deutschen Währungsordnung

Das Geld- und Bankwesen auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches war Mitte des 19. Jahrhunderts von einer großen Zersplitterung geprägt. Es existierten sieben verschiedene Münzrechensysteme, die sich insbesondere im Namen, im Metallgehalt und der Stückelung unterschieden. Im Umlauf befanden sich zahlreiche ausländische Münzen und solche in schlechtem Erhaltungszustand aus dem 18. Jahrhundert. 33 Notenbanken, so genannte „Zettelbanken“, emittierten Noten. In 20 Bundesstaaten besaß uneinheitliches Staatspapiergeld gesetzliche Zahlungskraft. Auf Grund des zunehmenden Handelsaufkommens zwischen den Staaten wurde der Ruf nach einer radikalen Geldreform immer lauter. Zu hoch waren die Transaktionskosten für komplizierten Geldwechsel und Umrechnungen im Waren- und Zahlungsverkehr.[5] Zunächst einmal war die Forderung nach einer Vereinheitlichung des Geldwesens nationaler Natur. Sie rührte neben der Vielzahl von Münzsystemen aus dem verwirrenden Chaos des Münz- und Papiergeldumlaufs.[6] Der von 35 deutschen Staaten und Österreich 1857 gegründete Münzverein hatte zwar Vereinfachungen mit sich gebracht, jedoch noch längst keine Vereinheitlichung erreicht.[7]

Die Schaffung eines einheitlichen Systems gestaltete sich schwierig, denn neben widerstreitenden wirtschaftlichen Interessen spielten auch politische Motive eine wichtige Rolle. In den Kampf um die Vorherrschaft auf deutschem Boden zwischen Preußen und dem Süden Deutschlands zusammen mit Österreich geriet nun auch die Währungsfrage. Preußen und ein Großteil der norddeutschen Staaten wollten den Taler als einheitliche Hauptmünze installieren. Der Süden dagegen bevorzugte hierfür seinen Gulden, das Zahlungsmittel des zweiten großen Münzsystems.[8]

Von zunehmender Bedeutung war um 1860 die Frage nach einem geeigneten Währungsstandard. Zu dieser Zeit basierten die Währungen der deutschen Territorien auf dem Silberstandard, lediglich Bremen besaß eine Goldwährung. Silber aber war gegenüber Gold aus unten aufgeführten Gründen in die Kritik geraten.

Die Diskussion um eine monetäre Vereinheitlichung und den geeigneten Standard war spätestens mit der starken Expansion des grenzüberschreitenden Freihandels von internationalem - insbesondere europäischem - Interesse.[9]

3.1 Handlungsoptionen für die preußische Regierung vor 1871

Die Vorzüge einer zumindest teilweisen Goldwährung wurden mit dem in Folge der Industrialisierung einsetzenden Wirtschaftswachstum und dem stark zunehmenden innereuropäischen Handel offenbar.[10] Große Zahlungen waren in Gold wesentlich bequemer abzuwickeln. Das weniger wertvolle Silber verursachte aufgrund des höheren Gewichts Transportprobleme für den Zahlungsschuldner.[11] England, das sich schon 1821 dem monometallistischen System des reinen Goldstandards verschrieben hatte, war das weltweite Finanz- und Handelszentrum. Als Vorreiter der Industrialisierung war es das Vorbild für das kontinentale Europa und hier besonders für Preußen und einen Großteil der norddeutschen Staaten, die in Großbritannien ihren Haupthandelspartner sahen. Der Wohlstand, die Geldwertstabilität und der Reichtum Englands wurden dem Goldstandard zugeschrieben. Gold wurde zum Statussymbol und als der natürliche Standard der stärkeren und reicheren Nationen wahrgenommen, während Silber teils sogar als inferiores Metall bezeichnet wurde. Gerade auch diese ideologischen Gründe trugen in Preußen maßgeblich zu einer Abkehr vom Silberstandard bei.[12]

Möglich war diese Abkehr allerdings nur durch die Goldfunde von 1847 in Kalifornien und von 1851 in Australien geworden. Die Entdeckung großer Goldvorkommen zog eine Vervierfachung der weltweiten Goldproduktion nach sich. Das befürchtete Überangebot sorgte für einen Preissturz des Edelmetalls.[13] Dadurch wurde die Beschaffung des Goldes wesentlich vereinfacht und verbilligt. Die Gefahr der Deflation, dem Absinken des Preisniveaus für den Fall der Bindung des Geldangebotes an die Goldreserven, schien gebannt, weil Gold zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als knapp erachtet wurde.

Die Einführung eines neuen Währungsstandards war für Preußen gleichermaßen von nationaler und internationaler Bedeutung. Die Debatte über die angesichts des Währungs- und Bankenchaos überfällige Reform des Geldwesens in den Jahren zwischen 1860 und 1870 ging einher mit dem Streben nach einem nationalen Einheitsstaat. Sie beinhaltete aber auch die Möglichkeiten einer internationalen Koordination und Kooperation in einer globalisierten, integrierten Wirtschaft.[14]

Das Meinungsspektrum der Politiker, Ökonomen und Interessengruppen ging in dieser Frage weit auseinander. Bismarck als Ministerpräsident Preußens sah auch seine Regierung unentschlossen und hielt sich selbst nach außen, besonders in Richtung Frankreich unter Kaiser Napoleon III., lange bedeckt.[15]

In Folge der Währungsturbulenzen für bimetallistische Länder nach dem Goldpreisverfall hatte Frankreich 1865 zusammen mit der Schweiz, Italien und Belgien die bimetallistische „Lateinische Münzunion“ als partielle Währungsunion gegründet. Zur Vollendung eines großen Währungsblocks, dem sich die übrigen Kontinentalmächte kaum entziehen könnten, hoffte man aber noch einen großen Partner wie England oder Preußen gewinnen zu können.[16]

Für Preußen besaß eine innerdeutsche Lösung, mit der ein Schritt in Richtung politischer Einigung erreicht werden sollte, höheres Gewicht. Bismarck stand hier besonders unter dem Einfluss des liberalen Politikers und Ökonomen Ludwig Bamberger und des angesehenen Wirtschaftstheoretikers Prof. Adolf Soetbeer, die Verfechter des Goldstandards waren. Letzterer empfahl 1868 eine auf dem französischen Francs basierende Variante des Münzwesens, auch um Konflikten mit den süddeutschen Staaten aufgrund einer Privilegierung des Talers auszuweichen.[17]

Als problematisch würde sich bei einem Wechsel vom Silber- zum Goldstandard allerdings die Tatsache erweisen, dass riesige Mengen an Silber demonetisiert und im bimetallistischen Ausland gegen Gold verkauft werden mussten, wenn der Silberumlauf durch den Goldumlauf ersetzt werden sollte. Der Verkaufsdruck des Silbers würde über einen Preisverfall auf dem Weltmarkt, der durch zusätzliche Silberförderung noch verstärkt werden könne, zu erheblichen fiskalischen Einbußen führen.[18]

Erschwerend kam für Deutschland hinzu, dass ein Wechsel zur Goldwährung so gut wie nicht finanzierbar war. Hierzu bedurfte es einer Menge an Gold im Wert von einer Milliarde Mark, wie sich in den Jahren 1871 bis 1873 herausstellte.[19] Der auf der Internationalen Währungskonferenz 1867 in Paris allgemein geäußerte Wunsch des Übergangs zum Goldstandard schien für Frankreich wesentlich leichter zu bewältigen. Denn sein bimetallistisches System war ohnehin von einem im Vergleich zum Silber hohen Goldumlauf geprägt, so dass die Einstellung der freien Silberprägung genügt hätte. Frankreich und seine Satellitenstaaten der Münzunion besaßen folglich de facto schon den Goldstandard und sahen keine Dringlichkeit diesen per Gesetz herbeizuführen. Hinzu kam, dass die französische Zentralbank den Bimetallismus bevorzugte. Napoleon III. zögerte in den Jahren um 1867 und hoffte, dass sich deutsche Staaten nicht nur für die Goldwährung, sondern auch für ein international einheitliches Münzsystem unter französischer Vorherrschaft entschließen würden.[20] Weil auch die Vereinigten Staaten und England sich nicht von dem Gedanken einer Weltmünze begeistern ließen, blieb die Währungsfrage auch in der Zeit nach Paris ungelöst.[21]

Der Sieg Preußens bei Sedan 1870 bereitete den französischen Vorstellungen von einer Ablösung Londons durch Paris als Finanzmetropole der Welt ein Ende. Prestige und Einfluss schwanden vorübergehend. Frankreich hatte an Preußen eine Kriegsentschädigung in Höhe von fünf Milliarden Francs oder 4,46 Milliarden Mark zu leisten, die für das neugegründete Deutsche Reich die Eintrittskarte zum Goldstandard bedeutete.[22] Zwar wurden nur rund 250 Millionen Mark in effektivem Gold geleistet. Mit dem Rest, der in Wechseln und Bankanweisungen auf deutsche und andere europäische Plätze sowie Silberzahlungen einging, konnte aber das nötige Währungsgold beschafft werden.[23]

[...]


[1] vgl. Gabler – Wirtschaftslexikon 1997, S. 1618

[2] vgl. Buchheim 1997, S. 140

[3] vgl. Flandreau 1996, S. 862

[4] vgl. Henning 1996, S. 1016

[5] vgl. Borchhardt 1976, S. 3 f.

[6] vgl. Helfferich 1923, S. 142 ff.

[7] vgl. Einaudi 2001, S. 168

[8] vgl. Borchhardt 1976, S. 3 f.

[9] vgl. James 2003, S. 4

[10] vgl. Einaudi 2001, S. 176

[11] vgl. Helfferich 1923, S. 142 f.

[12] vgl. Gallarotti 1993, S. 18 ff.

[13] vgl. Thiemeyer 2002, S. 5 f.

[14] vgl. James 2001, S. 67

[15] vgl. Einaudi 2001, S. 176 f.

[16] vgl. Thiemeyer 2002, S. 15

[17] vgl. James 1923, S. 70

[18] vgl. Borchardt, S. 34

[19] vgl. Flandreau 1996, S. 884

[20] vgl. Redish 1993, S. 77

[21] vgl. Helfferich 1923, S. 145

[22] vgl. Einaudi 2001, S. 185

[23] vgl. Borchardt 1976, S. 6

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Welche Bedeutung hatte die Einführung des Goldstandards für das Deutsche Kaiserreich?
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte Prof. Dr. Buchheim, Fakultät für Volkswirtschaftslehre)
Veranstaltung
Hauptseminar "Wirtschaftsgeschichte Deutschlands während des Kaiserreichs (1871-1918)"
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V50008
ISBN (eBook)
9783638463256
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welche, Bedeutung, Einführung, Goldstandards, Deutsche, Kaiserreich, Hauptseminar, Wirtschaftsgeschichte, Deutschlands, Kaiserreichs
Arbeit zitieren
Sven Kienzle (Autor), 2004, Welche Bedeutung hatte die Einführung des Goldstandards für das Deutsche Kaiserreich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50008

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