Bücher an die Front - Die Büchersammlungen für die Frontsoldaten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bücher an die Front
Die Erfahrungen des ersten Weltkrieges
Warum Soldaten Bücher brauchen

3. Vorbereitung und Werbung für die Sammlungen
Die Werbemittel
Die ideologische Werbung für die Bücherammlungen
Eine Aufforderung zur Spende von Sachbüchern

4. Durchführung der Sammlungen
Die Sammlungen im Rahmen des Winterhilfswerks
Ehrenamtliche Helfer und Transportmittel

5. Das Sichten und Aussortieren der Spenden

6. Die Sammlungen in Zahlen
43,5 Millionen Bücher in fünf Kriegsjahren
Die Sammelergebnisse nach Jahren geordnet
Wenige nationalsozialistische Schriften unter den Spenden
Gründe für die gleich bleibende Quantität und steigende Qualität

7. Schluss

8. Quell- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Dritten Reich musste das Buch nicht nur als Träger für nationalsozialistisches Gedankengut herhalten und war nicht nur Ziel blinder Vernichtungswut, sondern hatte für die Nationalsozialisten noch einen weiteren Zweck in ihrer Machtpolitik zu erfüllen. Dieser war die Versorgung der Frontsoldaten mit Lesestoff, um die Moral und letztlich die Kampfmoral zu stärken.

Um ihr Vorhaben zu realisieren, wurden gewaltige Anstrengungen unter Beteiligung vieler Institutionen und mit tausenden von Helfern unternommen. Es kann durchaus von einer Versorgungsmaschinerie gesprochen werden, die alljährlich im gesamten Reichsgebiet in Gang gesetzt wurde. Dabei blieb keine Ressource ungenutzt, keiner konnte sich der Sache entziehen, alle waren in Kenntnis gesetzt und in irgendeiner Form davon berührt. Es ist die Rede von über 40 Millionen Bücher die vom Volk gespendet, von ehrenamtlichen Helfern und nationalsozialistischen Institutionen, wie z.B. die Hitlerjugend, gesammelt und sortiert und schließlich von der Leitung der Wehrmacht den Soldaten zugeführt wurden.

Es war dies eine Massenorganisation, in seiner Größe und Wirkung durchaus vergleichbar mit anderen nationalsozialistischen Großveranstaltungen. Den Nationalsozialisten war nicht nur daran gelegen, ihren Soldaten die Langeweile mit Büchern zu vertreiben, sondern sie nutzten die Büchersammlungen im Rahmen des Kriegs-Winterhilfswerks zugleich als Propaganda und Volksmobilisierung.

Erstaunlicherweise ist heute von diesen Aktionen der Nationalsozialisten kaum noch etwas bekannt, was auch der Forschungsstand widerspiegelt. Nur an wenigen Stellen der gegenwärtigen Forschungsliteratur findet das Thema Erwähnung, eine eigenständige Arbeit darüber gibt es nicht. Die gründlichste Bearbeitung findet sich in Jan Pieter Barbians Buch „Literaturpolitik im `Dritten Reich´“[1], in welchem er den Büchersammlungen der NSDAP ungefähr eine Seite widmet. Des Weiteren gibt es noch eine Bearbeitung in der Monographie „Von der öffentlichen Volksbücherei zur Stadtbibliothek“ von Carten Pollnick.[2]

Wegen der dürftigen Forschungsliteratur wurde diese Arbeit fast ausschließlich durch Auswerten der Quellen aus der Zeit von 1939 bis 1945 erstellt. Dabei lagen nur gedruckte Aufsätze vor, die von den Nationalsozialisten selbst verfasst wurden und damit den von der Forschung geforderten Anspruch der Objektivität nicht erfüllen können. Als Ausgleich wurde hier das Ziel angestrebt, möglichst kritisch und an einigen Stellen auch spekulativ mit dem Quellmaterial umzugehen, und so die Ansatzpunkte einer weitergehenden Forschung anzudeuten.

An manchen Stellen dieser Hausarbeit ist neben der Quantität der Bücher auch von Qualität die Rede, was sich immer auf den Inhalt bezieht, und im Sinne der Nationalsozialisten gemeint ist. Daß deren Wertemaßstab mehr als fragwürdig ist, muß eigentlich nicht extra betont werden.

2. Bücher an die Front

Die Erfahrungen des ersten Weltkrieges

Zunächst überrascht die Vorstellung, daß Soldaten an der Front das Bedürfnis zu lesen hatten und daß sie überhaupt Zeit und Muße dafür fanden. Ist doch das Bild, welches von den modernen Medien bezüglich des deutschen Wehrmachtssoldaten vermittelt wird, das eines ständig kämpfenden, nie zur Ruhe kommenden, stets um irgendwelche strategisch wichtigen Terrains ringenden Mannes. Dieses Bild entsteht vielleicht deshalb, weil in Filmen und Reportagen tatsächlich nur die „action-reichen“ und entscheidenden Kämpfe der letzten Kriegsjahre geschildert werden. Ein lesender Soldat im Schützengraben oder im Bunker, der die Schrecknisse des Krieges um sich herum vergisst, passt schlecht in dieses Bild.

Als Reichsführer Rosenberg wenige Wochen nach Kriegsbeginn, am 11.10.1939, eine groß angelegte Büchersammlung initiierte, reagierte er schon vorzeitig auf die kommenden Bedürfnisse der Soldaten nach Büchern. Er baute hierbei auf die im Ersten Weltkrieg gemachten Erfahrungen, wie eine Dissertation von Dr. Inge Ehringhaus mit dem Titel „Die Lektüre unserer Frontsoldaten im Weltkrieg“ von 1941 beweist. Anschaulich untersucht sie das Lesebedürfnis, die Bücherbeschaffung und die Wirkung der Lektüre auf die Soldaten im Ersten Weltkrieg. Sie fordert im Hinblick auf die vorwiegend durch Eigeninitiative der Soldaten geleistete Bücherbeschaffung und Auswahl der Lektüre:

„Aus dem oben Gesagten ergibt sich, daß eine zukünftige Organisation zentralisiert und nach einheitlichen, genau umschriebenen Richtlinien zu arbeiten hat. Richtschnur muss für sie sein, daß den Truppen die ihr Leben vorn einsetzen, das Beste nicht zu gut sein darf, daß bei einer genügenden Variationsbasis, bei der auch anspruchslose Leser etwas sie interessierendes finden, doch alles ausgeschieden werden muss, was den Geist der Truppe hinsichtlich Kampfkraft, Disziplin und Widerstandskraft lähmt.“[3]

Die Vorstellungen Ehringhaus´ setzte Rosenberg fast wörtlich in die Tat um. Es entsprach dem nationalsozialistischen Grundsatz, nichts unkontrolliert und ungesteuert geschehen zu lassen, und so war es nur folgerichtig, daß sich die Nationalsozialisten auch auf dem Feld der „geistige Nahrung“ ihrer Soldaten hervortaten.

Warum Soldaten Bücher brauchen

Warum also war es notwendig, die Frontsoldaten mit Büchern zu versorgen?

Ein Grund, der in den Quellen immer wieder genannt wird, war schlichtweg Langeweile, die Soldaten in Kampfpausen, bei der Wache, verwundet in Lazaretten oder als Besatzung in fremden Ländern erlitten. So schildert z.B. Gerhard Utikal:

„Während der Einsatz der Wasser- und Luftflotte gegen England den deutschen Soldaten aktiv werden ließ, blieb seit Abschluss des Polenfeldzuges der Krieg gegen Frankreich bisher im Wesentlichen ein Nervenkrieg... Es galt, den in ständiger Bereitschaft liegenden, ohne jedoch zum Einsatz kommenden Soldaten die Zeit des Wartens und Ausharrens durch Lesestoff zu verkürzen.“[4]

Ein weiterer Grund, den Soldaten Bücher zu beschaffen, bestand darin, eine Verbindung zur zivilen Bevölkerung aufrecht zu halten. So wird in einem Bericht in der Bücherkunde von Willi Lorch erklärt, daß es selbstverständlich sei, Bücher ins Feld zu schicken (er bezieht sich wahrscheinlich auf Feldpostsendungen), weil die Soldaten ansonsten ja alles hätten. Allerdings würde doch jeder den Soldaten etwas schicken wollen, „ ...schon aus Dankbarkeit und zum Zeichen, daß man täglich an die denkt, die draußen stehen.“ Es sei auch den Soldaten ganz gleich, was in den Päcken wäre, Hauptsache sie würden überhaupt Post bekommen.[5]

In einem anderen Artikel unbekannten Autors von 1942 wird das Buch als eine innere Hilfe für den Soldaten angesehen. So hätte sich für manchen Soldaten die schon im Ersten Weltkrieg gemachten Erfahrungen bestätigt, „daß ein Gedicht von Hölderlin auch im lautesten Lärm der Schlacht nicht zu übertönen gewesen sei...“[6] Der Autor betont allerdings, daß die Unterhaltung und Entspannung eine umfassendere Rolle für das Lesebedürfnis der Soldaten spielen würde.

Eine weitere Motivation der Soldaten zu lesen beschreibt Rudolf Stoffregen im Börsenblatt vom 2.12.1943. Es sei die Sehnsucht nach dem fernen Zuhause, die die Soldaten mit „einer gewissen Gier“ auf alle Druckerzeugnisse von der Heimat warten lässt. Es sei ein „starkes Bindemittel zwischen Feld und Heimat“[7].

Joachim Menzel sieht in den Büchersammlungen der NSDAP einen entscheidenden Beitrag zur geistig-seelischen Betreuung der Truppen. Auch er betont die Notwendigkeit, die Soldaten in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten (vor allem im Osten) „durch das Buch mit der deutschen Kultur in Verbindung zu halten“[8]. Dass das Buch schließlich auch die Kampfmoral der Soldaten fördern sollte wird auch in diesem Artikel indirekt verdeutlicht, wenn Menzel der Frage nachgeht, was der Soldat an der Front braucht:

„ ...eine geistige und selische Erhebung, eine Einführung zu den ewigen und unvergänglichen Werten der deutschen Kunst und des deutschen Geistes zu Deutschlands Unsterblichkeit.“[9]

Durch die Lektüre des „deutschen Gedankengutes“ wird also der Soldat stets daran erinnert, wofür er kämpft und sein Leben einsetzt, nämlich für eine höhere Sache, für das ewige, unsterbliche Deutschland (im nationalsozialistischen Sinne).

Will man den für diese Arbeit vorliegenden Quellen glauben, so rannten Initiatoren der Büchersammlungen mit ihrer Aktion bei den Soldaten offene Türen ein. Da allerdings die Berichte über den großen Erfolg von den Initiatoren oder anderen Nationalsozialisten selbst abgefasst wurden, sind sie natürlich nur bedingt glaubwürdig. Dennoch sollen hier zwei Beispiele genannt werden. So berichtet Utikal vom „Heißhunger“ der Soldaten auf Bücher:

„Allein der Aufruf des Reichsleiters Alfred Rosenberg an die Bevölkerung, Bücher zu spenden, hatte unzählige Anfragen und Wünsche der verschiedenen Truppenteile zur Folge. In den Gegenden, in denen Soldaten in besonders großer Zahl liegen, wurden den die Sammlung durchführenden Politischen Leitern die Bücher förmlich von den Soldaten unter den Händen abgenommen.“[10]

Auch das zweite Beispiel stammt aus derselben Quelle, ein aus einem Feldpostbrief abgedrucktes Zitat:

„Wer zu Hause geblieben ist, jeden Tag seine Zeitung bekommt und Radio hören kann, der kann überhaupt nicht ermessen, wie hungrig man in dieser unkultivierten Polackei nach etwas Gedrucktem ist.“[11]

3. Vorbereitung und Werbung für die Sammlungen

Die Werbemittel

Um die „Volksgenossen“ zum zahlreichen Spenden von Büchern zu bewegen, nutzten die Nationalsozialisten sämtliche ihnen zur Verfügung stehenden Werbemittel. So schreibt Herbert Clausberg in seinem Artikel „Die Büchersamlung der NSDAP. in fünf Kriegsjahren“[12]:

„Der Durchführungsplan sah eine ganze Reihe von reichseinheitlichen Werbemaßnahmen vor... Straßenplakate und kleinere Plakate für die Hausanschlagtafeln, Werbestempel der Reichspost, Vorführung eines Filmdiapositivs in sämtlichen Filmtheatern des Großdeutschen Reiches weisen die deutsche Öffentlichkeit eindringlich auf die Büchersammlung hin.“

Für die Propaganda in der Presse wurden eigens für die Büchersammlungen Referate mit vorbereitetem Pressematerial vor der Reichspressekonferenz und der Kulturschriftleiterkonferenz gehalten. Im Rundfunk wurde durch Reportagen in der Sendung „Aus dem Zeitgeschehen“ für die Büchersammlungen geworben. Die Berichterstattungen bezogen sich auf die Büchersammlung an sich als auch über den Empfang der Spenden bei den belieferten Einheiten. Untermauert wurde das Ganze mit Dankschreiben der Empfänger.

[...]


[1] Barbian, Jan Pieter: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung GmbH 1993, S 14 f.

[2] Pollnick, Carsten: Von der öffentlichen Volksbücherei zur Stadtbibliothek Aschaffenburg. 50 Jahre kommunale Bildungseinrichtung. Aschaffenburg 1984.

[3] Ehringhaus, Inge: Die Lektüre unserer Frontsoldaten im Weltkrieg. Berlin: Junker und Dünnhaupt 1941, S. 147.

[4] Utikal, Gerhard: Die Buch-Spende für die Deutsche Wehrmacht. In: Bücherkunde 7. Hrsg. v. Hans Hagemeyer. Bayreuth: 1940, S. 29.

[5] Lorch, Willi: Wie Bücher an der Front empfangen werden. Ein Bericht nach Soldatenbriefen. In: Bücherkunde 7. Hrsg. v. Hans Hagemeyer. Bayreuth: 1940, S. 31.

[6] Buch und Volk - Buch und Krieg. Die Büchersammlungen der NSDAP. - Sendet Bücher ins Feld - In eigener Sache. In: Buch und Volk. 1942, S. 11.[Autor unbekannt]

[7] Stoffregen, Rudolf: Was lesen unsere Soldaten im fünften Kriegsjahr? In: Börsenblatt Nr.177: Leipzig 02.02.1943, S. 207.

[8] Menzel, Joachim: Idee und Leistung der „Büchersammlung der NSDAP. für die deutsche Wehrmacht“. In: Bücherkunde8. Hrsg. v. Hans Hagemeyer. Bayreuth: Oktober 1941, S 291.

[9] ebd. S. 291

[10] G. Utikal: Die Buch-Spende für die Deutsche Wehrmacht S. 29.

[11] ebd. S. 33.

[12] Clausberg, Herbert: Die Büchersammlungen der NSDAP. In fünf Kriegsjahren. In: Bücherkunde 11: Beyreuth: 1944, S. 115.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Bücher an die Front - Die Büchersammlungen für die Frontsoldaten
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V50026
ISBN (eBook)
9783638463348
Dateigröße
1210 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bücher, Front, Büchersammlungen, Frontsoldaten
Arbeit zitieren
Robert Ludwig (Autor), 2004, Bücher an die Front - Die Büchersammlungen für die Frontsoldaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50026

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