Dieter Frey "Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können". Eine Buchrezension


Rezension / Literaturbericht, 2018

4 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Buchrezension zu: Dieter Frey (Hrsg.), 2017, Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können

Freys „Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können“ ist vielmehr ein Buchprojekt als eine gewöhnliche Aufsatzsammlung. Dieses Projekt versucht, Märchen und Psychologie zusammenzubringen, da es sich hier um zwei Themengebiete handelt, die beim Menschen Faszinationen hervorrufen. Dies lässt sich beispielsweise damit belegen, dass einerseits die Märchen der Brüder Grimm weltweit am dritthäufigsten publiziert wurden und andererseits, dass Menschen das Bedürfnis haben, sich selbst als auch andere besser zu verstehen.

Die Analysen der Märchen entstanden im Rahmen eines vertiefenden Masterseminars in Angewandter Sozialpsychologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. Frey ist also nicht nur Herausgeber dieses Buches, sondern ebenso Seminarleiter dieses Projekts. Es wird ausdrücklich betont, dass es sich hierbei um ein Buch handelt, welches nicht von vorne nach hinten gelesen werden muss, da respektiv der Interessensstand des Lesers im Fokus liegt. Somit kann das Märchen und dessen Analyse näher betrachtet werden, das den Leser am meisten zuspricht.

Nach dem Vorwort und einer ausführlichen Darstellung des Herausgebers folgt das Inhaltsverzeichnis, in dem deutlich wird, wie vielschichtig diese Aufsatzsammlung bzw. dieses Projekt ist. Hier wird ersichtlich, welche Leser die angesprochenen Adressaten des Buches darstellen und wie die Analysen genutzt werden können. Dieses Buch ist für verschiedene Lesergruppen geeignet, wozu Erzieher*innen, Studierende, Märchenliebende und -interessierte gehören, was sich als ein breites Adressatenspektrum bezeichnen lässt. Durch die Koppelung mit dem Themenbereich der Psychologie können einige Lesergruppen die psychologischen Interpretationen der Märchen nutzen, um sich zu bilden oder um auf bereits vorhandenes Wissen aufzubauen. Zudem kann dieses Werk als Wissensquelle für manche Studierende hinzugezogen werden, da die Analysen der Märchen auf dem neuesten Forschungsstand basieren. Darüber hinaus soll es nicht nur als Lerngegenstand betrachtet werden, da es zusätzlich das Potenzial hat, die Leser zum Weiterfragen und Weiterdenken anzuregen.

Es folgt ein Kapitel, in welchem es noch einmal zusammenfassend darum geht, unter welchen Blickwinkeln das Buch gelesen werden und der Leser es nutzen kann. Hier werden die Erläuterungen aus dem vorigen Kapitel vertieft. Dazu gehören: das Interesse an Märchen zur Auffrischung von Kindheitserinnerungen, das Interesse für den psychologischen Hintergrund sowie die spezifischen Charaktere der Märchen, das Interesse für Psychologie unabhängig von den Märchen und Märchen als Chance für Unterhaltung und Als Ausgangspunkt für tiefer gehende Diskussionen.

Doch worin genau liegt die Faszination der Märchen und Psychologie? Mit dieser Frage beschäftigt sich das darauffolgende Kapitel und geht hierbei einführend zuerst auf die Faszination der Märchen ein, widmet sich anschließend der Faszination der Psychologie und bezieht sich abschließend auf das zugrunde gelegte Welt- und Menschenbild. Frey gelingt es, beide Bereiche zu vereinen als auch voneinander abzugrenzen. Das Besondere an Märchen ist nicht just der Inhalt dieser, darüber hinaus ist das Vorlesen von Märchen etwas Besonderes. Sie dienen der Unterhaltung, erzeugen Spannung beim Leser, erinnern an die eigene Kindheit, aber sprechen auch alle menschlichen Emotionen an. Dies können sie insbesondere durch ihre Mischung aus Realität und Fantasie, vereint mit den ganzen menschlichen Komödien und Tragödien des realen Lebens, wozu sich beispielsweise die Kooperation aus Gut und Böse zählen lässt. Eine Welt kann jedoch mehr gut als böse sein, zumindest kann man sich diesen Wunsch als Ziel nehmen. Dieses Vorhaben nennt sich humanistische und positive Psychologie. Ein Leitgedanke dieses positiven Handels ist beispielsweise bei Immanuel Kants Forderung nach Mündigkeit wiederzufinden, da er postuliert, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. So lassen sich auch Märchen als Basis für eine zukünftige, bessere Welt nutzen, indem sich der Leser den psychologischen Analysen der Märchen dieses Werkes widmet.

Für die Analyse der 41 ausgewählten Märchen innerhalb dieses Projektes lassen sich Muster für bestimmte Vorgehensweisen hinsichtlich der Auseinandersetzung und Analyse erkennen. So wird zum Beispiel zuerst stets auf den Inhalt des Märchens eingegangen, so hat jeder Leser dieselbe Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit dem ausgewählten Märchen. Dann werden die Charaktere des Märchens näher betrachtet, wodurch typische Märchentypen näher kennengelernt werden können. Anschließend folgen dann die psychologischen Phänomene, wo beispielsweise vertiefende Bezüge zu Verhaltensweisen oder gar Krankheiten gezogen werden. Im weiteren Verlauf dieser Rezension soll am Beispiel des Märchens Schneewittchen von den Brüdern Grimm (1857) die vorab genannte Gliederung der Analyse sowie dessen Inhalte näher erläutert werden, um somit einen besseren Einblick in die Lektüre zu bieten.

In dem Kapitel „Schneewittchen von den Gebrüdern Grimm (1857)“ wird als erstes auf den Märcheninhalt eingegangen. Der Inhalt des Märchens beschränkt sich auf eine Buchseite. Es handelt sich hier um eine angemessene Länge einer zusammenfassenden Widergabe des Märchens, da hier alle wichtigen Ereignisse des Märchens dargestellt werden und diese sich zusätzlich wie ein Märchen liest, wodurch Motivation beim Leser erzeugt wird. Neben der Widergabe des Märcheninhaltes sind zwei Zeichnungen sowie kurze Anmerkungen zu finden, die die Märchenwidergabe unterstützen und erweitern. In den Anmerkungen wird erwähnt, welchen medialen Wert dieses Märchen hat, da es unter anderem zu den bekanntesten Märchen der Brüder Grimm gehört. Darauffolgend werden die Charaktere des ausgewählten Märchens kurz näher beleuchtet. In diesem Märchen gehören zu den Charakteren neben Schneewittchen auch ihre Mutter, ihr Vater, ihre böse Stiefmutter, ein Jäger, die sieben Zwerge sowie der Sohn des Königs. Auch hier wird Bezug zum Märcheninhalt genommen, um die Figuren genauer einordnen zu können. Anschließend wird nun analysiert, welche Phänomene in dem Märchen psychologisch betrachtet werden können und welche Bedeutung sie für die heutige Zeit haben, um einen Lebensweltbezug und somit eine Relevanz herzustellen. In Schneewittchen zählen Narzissmus, Neid, Attraktivitätsstereotypen, die Entwicklung vom Mädchen zur jungen Frau, Zivilcourage sowie Hilfeverhalten zu den thematisierten und reflektierten psychologischen Phänomenen des Märchens. Narzissmus und Neid sind zwei psychologische Phänomene, die sich insbesondere in der Figur der bösen Stiefmutter wiedererkennen lassen. Diese Figur leidet an einer übermäßigen Störung im Wert ihres Selbst, was durch ihre gestörte Selbsteinschätzung deutlich wird. Sie zerrt nach positiver Wahrnehmung und Neid, obwohl sie selbst diejenige ist, die neiderfüllt ist. Obwohl Narzissmus nicht direkt einen Krankheitswert hat, ist dieser bei der Figur der bösen Stiefmutter bedenklich, da sie beispielsweise nicht in der Lage ist, zwischenmenschliche Beziehungen zu führen und der Protagonistin den Tod wünscht. So äußern sich bereits narzisstische Motive in diesem Märchen als auch Motive des schwarzen Neids, die, bezogen auf reale Personen, psychologisch bedenklich wären. Da Narzissmus hier und auch im Allgemeinen eine Art metaphorisches Sprungbrett darstellt, um die höchsten Ziele einerseits erreichen zu wollen als auch zu verwirklichen und auch der Neid sowie dazugehörige Gefühle eine kooperative Rolle spielen, finden sich im Anschluss von Teilanalysen Fragen zur eigenen Reflexion wider. Im weiteren Verlauf wird auf den Attraktivitätsstereotypen („Wer schön ist, ist auch gut“) eingegangen und auch hier wird deutlich, dass Neid und Attraktivität eng miteinander verbunden sein können. Nachdem der Halo-Effekt sowie das Queen-Bee-Syndrom beschrieben werden, folgen wie nach den anderen Teilanalysen erneut Fragen zur eigenen Reflexion, wodurch der Leser immer wieder zum Nach- und Weiterdenken angeregt wird. Das genauere Betrachten des Schneewittchen-Märchens soll allerdings nicht vermuten lassen, dass die psychologischen Phänomene in Märchen stets von schlechter Natur seien. Vor allem dieses Märchen zeigt, dass auch positive psychologische Phänomene wie Zivilcourage und Hilfeverhalten vorhanden sind. Die Figur des Jägers ist ein fiktives Beispiel für Zivilcourage, da er, obwohl er den Auftrag hatte, Schneewittchen zu töten, vermutlich aus emotionalen und moralischen Gründen kein unschuldiges Kind töten möchte und stattdessen negative Konsequenzen bezüglich seines nicht erfüllten Auftrages akzeptiert. Die Auseinandersetzung mit den genannten psychologischen Phänomenen ist insofern von Relevanz, weil sie einen Lebensweltbezug haben. Aufgrund dessen werden zum Ende der Schneewittchen-Analyse abschließende Fragen zur eigenen Reflexion gestellt, die alle psychischen Phänomene umfassen, die in dem Märchen enthalten sind. Dabei wird nicht zwischen positiven und negativen psychischen Phänomenen unterschieden, es gibt ja auch nicht nur die eine positive Psychologie.

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Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Dieter Frey "Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können". Eine Buchrezension
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
4
Katalognummer
V500317
ISBN (eBook)
9783346041791
Sprache
Deutsch
Schlagworte
brüder grimm, sprachwissenschaft, literatur, sprache, grimm
Arbeit zitieren
Justine Vivian Prentki (Autor:in), 2018, Dieter Frey "Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können". Eine Buchrezension, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500317

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