1. Einleitung
Das antike Zeitalter des Hellenismus hat unsere Geschichte entscheidend geprägt. Die europäische Kulturgeschichte ist heute kaum vorstellbar ohne die Philosophie, die Architektur und die Wissenschaften der alten Griechen. Wie kam es aber zur Entstehung dieses griechischen Machtzentrums?
Die wohl einflussreichste Entwicklung in klassischer Zeit ist die sogenannte „Große Kolonisation“, die als Wegbereiterin des hellenischen Zeitalters gesehen werden kann. Was waren nun die Motive und Hintergründe dieser Expansionsbewegung? Welche gemeinschaftsbildenden und identitätsstiftenden Elemente waren dafür prägend?
Gemeinhin bekannt ist die polytheistische Religion der Griechen. Weniger bekannt ist der konkrete Einfluss religiöser Kulte und Rituale auf das gesellschaftliche und politische Leben. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit der Frage, welche Bedeutung und welche Einflüsse die Religion und die Kulte der alten Griechen auf ihre „Große Kolonisation“ - und damit auf ihren Weg zu einem hellenischen Zeitalter - hatten: Welche Rolle spielte Religion für die Polis? Wie beeinflusste sie das Zusammenleben der Menschen? Welche Rolle spielt die Polis für den Kult? Ist der Kult konstituiv für die Entstehung der Polis? Diese Fragen sollen beleuchtet und geklärt werden.
Die Quellenlage zu diesem Thema ist, wie bei vielen althistorischen Themen, als schwierig zu bewerten. Es finden sich viele Darstellungen in den Werken von Homer, Thukykides, Herodot und anderen bekannten Schriftstellern. Jedoch bleibt es zumeist bei der Darstellung; eine Erklärung der Kulte und Rituale scheint entweder nicht nötig oder war auch verpöntnur die Eingeweihten durften um die tatsächliche Bedeutung wissen.
Jedoch ist die Fragestellung kein Neuland in der wissenschaftlichen Debatte von Althistorikern aller Länder. Neben den Historikern finden sich naheliegenderweise auch Religionswissenschaftler, Theater- und Sprachwissenschaftler, Soziologen, Politologen und viele mehr, die reges Interesse an diesem Thema zeigen. Dass die Fragestellung (auch in unseren Breiten) immer noch aktuell ist, zeigt die Existenz eines aktuellen Sonderforschungsbereichs an der Universität Münster, genauso wie die Curricula althistorischer Seminare. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die „Große Kolonisation“
2. 1. Vorbedingungen
2. 1. 1. Die Entwicklung der griechischen Stadt
2. 1. 2. Die Entwicklung des Polis-Geflechts
2. 2. Die Große Kolonisation – Gründe, Motive, Verlauf
2. 3. Die Gründung einer Kolonie
2. 4. Das anfängliche Leben einer Kolonie
2. 5. Auswirkungen der Kolonisation
3. Bedeutung von Kult und Religion für die Stadtstaaten
3. 1. Die Bipolarität der griechischen Polis und der Ausnahmefall Athens
3. 2. Städtischer Kult und Identität
3. 3. Institutionalisierung der städtischen Rituale
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den essenziellen Einfluss von Religion und Kulten auf die „Große Kolonisation“ und die Entstehung sowie Identitätsbildung der antiken griechischen Stadtstaaten (Poleis).
- Entwicklung des griechischen Polis-Geflechts und Motive der Expansion
- Strukturen bei der Gründung und dem Aufbau neuer Kolonien
- Religiöse und kultische Verankerung der griechischen Stadtgesellschaft
- Bedeutung von Heiligtümern für politische Identität und Machtbalance
Auszug aus dem Buch
2. 3. Die Gründung einer Kolonie
Kolonisation war eine reguläre Aktivität im klassischen und vorklassischen Griechenland. Das Interesse daran war auch von Anfang an sehr groß, wie die vielfältigen Überlieferungen bezeugen. Daher verwundert es auch nicht, dass die Ideen und Praktiken der Einrichtung und Gründung von Kolonien festgeschrieben und weit bekannt waren. Herodot hebt beispielsweise eine Szene heraus (in V.42.2.), wo diese Rituale weggelassen wurden, was wiederum für ihre traditionelle Verankerung spricht.
Wie wichtig Land bei der Kolonisation war, zeigt sich an der genau ausgearbeiteten Organisation der Siedlungsgründungen. Es ist allerdings nicht immer ganz einfach, ein Bild vom tatsächlichen Vorgang der Kolonisation zu entwerfen, da die verstreuten literarischen Belege, die noch erhalten sind, oft von anekdotischem Charakter sind und daher leicht in die Irre führen können.
Die einzige erhaltene konkrete Darstellung der Kolonisation einer speziellen Region findet sich am Beginn des sechsten Buches (1-6) in Thukykides‘ Geschichtswerk, wo die Kolonisation Siziliens (höchstwahrscheinlich nach der verlorenen Lokalgeschichte eines Zeitgenossen des Thukykides, Antiochos von Syrakus) beschrieben ist – ein hervorragendes Beispiel für die Traditionen von Koloniegründungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung der griechischen Antike und stellt die Forschungsfrage nach dem Einfluss von Religion und Kult auf die „Große Kolonisation“.
2. Die „Große Kolonisation“: Dieses Kapitel analysiert die gesellschaftlichen Vorbedingungen, die Gründe für die Expansion sowie den Gründungsprozess und die frühe Lebensrealität in den Kolonien.
3. Bedeutung von Kult und Religion für die Stadtstaaten: Hier wird die Rolle religiöser Stätten für die Identität und politische Struktur der Polis untersucht, unter besonderer Berücksichtigung der Bipolarität von Heiligtümern.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass die Religion ein identitäts- und gemeinschaftsstiftendes Element war, ohne das die griechische Kolonisation kaum möglich gewesen wäre.
Schlüsselwörter
Große Kolonisation, Griechische Stadtstaaten, Polis, Religion, Kult, Heiligtümer, Identitätsbildung, Apoikia, Oikist, Apollon, Gesellschaftliche Entwicklung, Stadtgründung, Rituale, Antike, Hellenismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Wechselwirkung zwischen der antiken griechischen Expansionsbewegung („Große Kolonisation“) und der Bedeutung religiöser Kulte für die Konstituierung der griechischen Stadtstaaten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung der Polis, die Motive und Abläufe der Koloniegründungen sowie die Rolle der Religion bei der Etablierung politischer und gesellschaftlicher Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, wie Religion und Rituale das gesellschaftliche Zusammenleben beeinflussten und ob sie als konstituierend für die Entstehung der Polis anzusehen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, basierend auf der Auswertung antiker Quellen wie Thukydides und Herodot sowie moderner historischer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der historischen Bedingungen und Motive der Kolonisation sowie eine tiefgehende Analyse der religiösen Einflüsse auf die Polis-Identität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Große Kolonisation, Polis, Religion, Kult, Apoikia, Identitätsbildung und städtische Rituale.
Was besagt die These zur „Bipolarität der Heiligtümer“ von François de Polignac?
Polignac postuliert, dass die meisten griechischen Poleis ihre Heiligtümer bipolar zwischen einem städtischen Zentrum (Agora/Akropolis) und einem ländlichen Bereich (Chora) verteilten, um ein Gleichgewicht zu schaffen.
Warum spielt das Orakel von Delphi eine zentrale Rolle bei der Kolonisation?
Delphi fungierte als Schiedsrichter und religiöse Instanz, deren Befragung vor einer Koloniegründung zum heiligen, verpflichtenden Akt wurde, um den Schutz und die Legitimation der Götter zu sichern.
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- Katja Schröder (Author), 2002, Die Große Griechische Kolonisation: Einflüsse und Bedeutung von Religion und Kult, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50052