Gleichgeschlechtliche Lebensweisen aufgezeigt am Beispiel von Jugendliteratur


Magisterarbeit, 2005

138 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhalt

Motivation

Aufbau der Arbeit

1. Wie Normalität hergestellt wird
1.1. Normalität als Konstruktion von Macht bezogen auf die Kategorien Geschlecht – Sexualität - Lebensform
1.1.1. Zuweisungen von Geschlechterrollen Geschlechterspezifische Arbeitsteilung
1.2. Normalbiographie
1.2.1. Wahl der Lebensform Überblick verschiedene Lebensformen

2. Gesellschaftliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen
Exkurs - Homosexualität historischer Überblick ab Weimarer Zeit
2.1. Lesbischer Mütter - schwuler Väter und deren Kinder
2.2. Exemplarische Darstellung wie gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der Schule thematisiert werden – Aufklärungsprojekt Lambda

3. Weibliche Pubertät und Adoleszenz
3.1. Die Loslösung vom Elternhaus
3.1.1. Geschlechtsidentität und weibliche Rollenmuster
3.1.2. Der fremde Blick
3.1.3. Die Freudsche Theorie und männliche Anerkennung durch „organischen Mangel“
3.2. Mädchenfreundschaften
3.3. Sexuelle Entwicklung und der weibliche Körper
3.4. Gleichgeschlechtliche Liebe in der Pubertät

4. Diskursanalyse
4.1. Analyse von Literatur nach der Diskurstheorie von Siegfried Jäger
4.2. Diskursanalyse und künstlerischer Text (Weertje Willms)

5. Gleichgeschlechtliche Lebensweisen – Beispiele aus der Jugendliteratur
5.1. Vorstellung der drei Werke
I. Cornelia, Funke: Die wilden Hühner und die Liebe (2003)
II. Mirijam, Müntefering: Verknallt in Camilla (2004)
III. Kristina, Dunker „Der Himmel ist achteckig“ (1999)
5.2. Reihenfolge der Analyse: Fragestellungen
5.2.1. Normalität - Normalbiographie / Familie
5.2.2. Gesellschaftliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen
5.2.2.1. Geht das soziale Umfeld der Protagonistinnen in den drei Werken von einer Heterosexualität der Mädchen aus?
5.2.2.2. Inwieweit wird gleichgeschlechtliche Lebensweise problematisiert?
5.2.2.3. Vorurteile/Diskriminierungen/Lesbenklischees
5.2.2.4. Wird lesbische Liebe auch als glückliche Lebensweise dargestellt?
5.2.2.5. Kategorien, Heterosexualität, Homosexualität oder Bisexualität Ist die Entscheidung für eine Lebensweise endgültig? Gesellschaftlicher Grundsatz Monogamie
5.2.3. Zuweisung von Geschlechterrollen
5.2.3.1. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Rollenverhältnis und feministische Diskurse
5.2.4. Pubertät
5.2.4.1. Gefühlsschwankungen: Freude, Ängste, Verlorenheit- Einsamkeit
5.2.4.2. Mädchenfreundschaften
5.2.4.3. Die Abgrenzung zu den Eltern und die Mutter-Tochter Beziehung
5.2.4.4. Schule
5.2.4.5. Wertschätzung der Weiblichkeit durch männliche Anerkennung
5.2.4.6. Aussehen
5.2.4.7. Selbstinszenierung und Selbstdarstellung

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

Motivation

Wenn ich aus Kindern- oder Jugendbüchern vorgelesen habe, ist mir immer wieder aufgefallen, dass hier größtenteils ganz bestimmte Personen, Familien oder Beziehungszusammenhänge dargestellt werden. Die Eltern sind zumeist heterosexuell, gehören der Mittelschicht an, sind „weiß“, „gesund“ und weisen gleichzeitig eine traditionelle Familienstruktur auf: Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Des Weiteren werden überwiegend gesellschaftlich zugeschriebene, geschlechtsspezifische Rollenmuster vorgestellt. Oft geht der Vater einer Erwerbstätigkeit nach, während die Mutter Familienarbeit leistet. In den Jugendbüchern entwickeln sich zudem die Mädchen und Jungen überwiegend heterosexuell und es werden bezüglich der ersten Liebe bestimmte geschlechtsspezifische Verhaltensweisen dargestellt. Gesellschaftliche Normen und Werte werden auch durch die Literatur vermittelt. Besonders Kinder und Jugendliche, die - oder deren Eltern - nicht der Norm entsprechen, beispielsweise weil sie nicht in herkömmlichen Familienstrukturen (Mutter-Vater-Kind-Kleinfamilie) aufwachsen und/oder sich nicht heterosexuell entwickeln, können sich in den meisten Büchern nicht wiederfinden. So ging ich auf die Suche nach Kinder- und Jugendbüchern, in denen gesellschaftliche Werte und Normen gebrochen werden. Schließlich entdeckte ich einige Kinderbücher, in denen gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Eltern dargestellt werden, und viele Jugendbücher, in denen sich die ProtagonistInnen[1] für eine gleichgeschlechtliche Lebensweise entscheiden. Da mich die Darstellung der gleichgeschlechtlichen Lebensweise in der Literatur interessiert, möchte ich mich mit diesem Thema in meiner Magisterarbeit auseinandersetzen. Um das Thema einzugrenzen, entschied ich mich für Jugendliteratur, in denen weibliche Protagonistinnen im Vordergrund stehen. Dafür habe ich drei Werke ausgewählt:

I. Cornelia Funke: Die wilden Hühner und die Liebe (2003)

II. Mirjam Müntefering: Verknallt in Camilla (2004)

III. Kristina .Dunker Der Himmel ist achteckig (1999)

Aufbau der Arbeit

Bestimmte Normen und Werte begleiten uns im Alltag, selten können wir frei davon sein. Passt etwas nicht in unser Bild, sind wir irritiert. Aber woher kommen solche Bilder? Wer gibt uns Normen vor und mit welchem Ziel? Warum orientieren sich Menschen an der Mehrheit? Diesen Fragen möchte ich im ersten Teil meiner Arbeit nachgehen. Dazu werde ich auf das Werk von Jürgen Link: Versuch über Normalismus eingehen. Ich möchte herausfinden, wie Normalismus funktioniert. Welche Mechanismen von Macht werden durch Normierungen und Normalisierungen ausgelöst? Auf welche Art und Weise äußert sich diese Macht, und wie und von wem wird sie ausgeübt? In allen Bereichen, beispielsweise in den Medien durch Filme, Liedertexte, Werbung, Schulbücher und fiktive Literatur, wird uns die heterosexuelle Norm präsentiert, die von bestimmten Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern geprägt ist. Um diese Bilder aufzugreifen, möchte ich auf die Zuweisung von Geschlechterrollen, die geschlechterspezifische Arbeitsteilung, die Normalbiographie sowie die Wahl der Lebensform eingehen. Gleichgeschlechtliche Lebensweisen sind Abweichungen von der gesellschaftlichen Norm sowie von der Normalbiographie. Der Frage, wie sie in der Gesellschaft akzeptiert werden und inwieweit sie integriert sind, werde ich im zweiten Teil meiner Arbeit nachgehen. Mit einem historischen Exkurs (Weimarer Zeit) möchte ich aufzeigen, wie sehr uns bestimmte gesellschaftliche Diskurse aus der Vergangenheit bis heute beeinflussen und unsere Gedanken, Meinungen und Ängste bestimmen. Darauf aufbauend gehe ich auf die aktuelle Situation von Kindern mit lesbischen Müttern bzw. schwulen Vätern ein. Wie Sexualität und Lebensweisen in der Schule thematisiert werden, möchte ich im Folgenden exemplarisch vorstellen und beziehe hierfür das Aufklärungsprojekt Lambda mit ein.

Die Bücher, die ich diskustheoretisch analysieren möchte, sind für Jugendliche geschrieben. Um mich dieser Lebensphase zu nähern, werde ich im dritten Teil auf die weibliche Adoleszenz und Pubertät eingehen. Dabei möchte ich herausfinden, welche Aufgaben die Jugendlichen zu bewältigen haben. Erfolgt die Loslösung vom Elternhaus reibungslos? Unsere Gesellschaft geht von zwei Geschlechtern aus, demnach werden aus Mädchen Frauen; aber wie entwickelt sich bei den Mädchen die Geschlechtsidentität und erfolgt diese Entwicklung ohne Widerstand? Was müssen die Mädchen in dieser Lebensphase aufgeben und welche Rolle spielt hierfür die gesellschaftliche Vorstellung von Weiblichkeit? Wie gestalten sich ihre Entwicklungsmöglichkeiten in unserer Gesellschaft? In verschiedenen psychoanalytischen Theorien geht es in dieser Lebensphase der Mädchen um die Wertschätzung ihrer Weiblichkeit über männliche Anerkennung. Dies möchte ich im Folgenden aufgreifen und eine Verknüpfung mit der Freudschen Theorie herstellen. Im Anschluss gehe ich der Frage nach, wie viel Anerkennung die Mädchen sich selbst geben und durch andere Mädchen und Frauen erfahren können. Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die Mädchenfreundschaften? Wie verlaufen die sexuelle Entwicklung und die Beziehung der Mädchen zum eigenen Körper? Mit dem Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe in der Pubertät schließe ich diesen Teil ab und leite gleichzeitig den vierten und fünften Teil meiner Arbeit -gleichgeschlechtliche Lebensweisen aufgezeigt am Beispiel von Jugendliteratur- ein. Da ich die drei Jugendbücher diskurstheoretisch untersuche, stelle ich im vierten Kapitel die Diskurstheorie von Siegfried Jäger vor und beziehe mich im Weiteren bezüglich künstlerischer Literatur, auf die Studie von Weertje Willms. Nach einer Inhaltsangabe der Bücher formuliere ich meine diskursanalytischen Fragestellungen, die auf alle hier angeführten Kapitel Bezug nehmen. Die Texte aus der Jugendliteratur werde ich zu den einzelnen Fragestellungen parallel analysieren und vergleichen. Mit einem Ausblick und eventuell offen gebliebenen Fragen möchte ich die Arbeit schließen.

1. Wie Normalität hergestellt wird

Der Diskurstheoretiker und Literaturwissenschaftler Jürgen Link, bezieht in seinen Überlegungen bezüglich der Thematik: Wie Normalität produziert wird, Machtanalysen von Foucault mit ein. Normalität ist gebunden an diskursive Ereignisse. Zu den wichtigsten „diskursiven Ereignissen“ gehören, besonders im Sinne der Foucaultschen Diskurstheorie, das Auftauchen und die Vermehrung/Verbreitung diskurstragender Kategorien. (Vgl. Link, 1997:15) „Diskurstragende Kategorien sind solche, durch deren ‚Entfremdung’ – wenn man sie sozusagen aus dem betreffenden Diskurs ‚herauszöge’ wie die Stahlteile aus einer Betonkonstruktion – der betreffende Diskurs nicht länger ‚halten’ könnte und in sich zusammenbräche wie ein Kartenhaus.“ (Link, 1997:15) Solche Kategorien sind nicht durch einzelne verbindungslose Wörter aufzugreifen, sondern sie sind inklusiv ihrer Praxisbezogenheit semantische Komplexe, welche „wiederum mit kreuzweise angeordneten Stahlteilen in Beton“ verglichen werden können. (ebd.) Ein sehr anschauliches Beispiel der frühen Vergangenheit ist der Komplex „normal“, „Normalität“, „normalisieren“, „Normalisierung“ ect. Link betrachtet Normalität zwar im Zusammenhang mit dem Terminus Norm, hebt aber den Unterschied der Begriffe Normativität und Normalität hervor. Die beiden Begriffe haben zwar den gleichen lexikalischen Ursprung; jedoch mit Beginn des 18. Jahrhunderts haben sie sich getrennt weiterentwickelt. (Vgl. Link, 1969:24) Normen, und die mit ihnen im Zusammenhang stehende Normativität, sind: „ explizite oder implizite Regulative, die material oder formal bestimmten Personengruppen ein bestimmtes Handeln vorschreiben.“ (Link, 1996: S.24) Ihrem Wesen nach sind diese Normen dem Handeln prä-existent. Dagegen handelt es sich bei der Normalität nach Link: „um eine historisch-spezifische ‚Errungenschaft’ „moderner“ okzidentaler Gesellschaften, die zuvor niemals existierte und auch heute in zahlreichen Gesellschaften nicht oder bloß in Ansätzen existiert.“ (ebd.) Normalität setzt hauptsächlich statistische Dispositive[2] voraus und wird auf „Durchschnitte“ oder „Mittelwerte“ hin aufgezeigt. So stellt Normalität eine am Durchschnitt des menschlichen Handelns orientierte Größe dar und setzt „mehr oder weniger vollständig verdatete Gesellschaften voraus.“ (ebd.) Im Gegensatz zu den Normen, die prä-existent sind, ist Normalität dem Handeln wesentlich post-existent. Nach Link steht demnach vorher fest, ob ein Handeln „normativ“ ist, also der Norm entspricht, aber ob dieses Handeln „normal“ war, ist mit Sicherheit erst im Nachhinein feststellbar. In gegenwärtigen Gesellschaften dominiert die Normalität über die Normativität. (Vgl. Link, 1996:24) Demzufolge wird es für Menschen ein wichtiges Anliegen, Normalität zu verkörpern. Die Übereinstimmung mit einer Norm ist nach Link nicht das zentrale Bedürfnis des Individuum, vielmehr dominiert das Bedürfnis (noch) als normal zu gelten, sozusagen zu „sein, wie andere sind“, wenn auch teilweise in Abweichung von gegenwärtigen Normen. (Vgl. Link, 1996: 21) Da Link diese Inhalte entkontextualisierend und verallgemeinernd darstellt, erscheint ihm die Variante, dass Menschen ihre Verhaltensweisen nicht auf die Normalität der Mehrheit ausrichten, so nur als Ausnahme. (Vgl. Hartmann, 2001:.40) Dazu formuliert Jutta Hartmann: „Als einen Weg, widerständiges Handeln zu denken, erscheinen mir diese Möglichkeiten jedoch als durchaus relevant.“ (ebd.:40)

Bei der Herstellung von Normalität geht Becker von drei maßgeblichen Faktoren aus: Erstens von der kollektiven, subjektiven Konstitution von Normalität. Zweitens von den Gesetzmäßigkeiten verschiedener ‚Klassen’ von Normalität, verschiedener Normalitäts-Standards in verschiedenen Ländern und Regionen der Erde sowie drittens von der Dynamik der Normalität – was gestern noch normal war, kann heute schon anormal sein. Normalitäts-Standards können schnell wechseln. (Vgl. Link, 1997:23) Der Alltagsdiskurs verfährt bei der Markierung einer Normalitätsgrenze mehr oder weniger unbewusst. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei, ob sich bei solchen instinktiven Annahmen bezüglich bestimmter Abgrenzungen, die Mehrheit in der Bevölkerung, die beispielsweise durch Meinungsumfragen beurteilt wird, „sicher“ fühlt. (Vgl. ebd.) Hier zeigt sich die Zirkelschlüssigkeit des alltäglichen Normalismus, welche wahrscheinlich auf jeden weiteren Normalismus zutrifft. Offen bleibt die Frage, wo die Toleranz-Grenze beziehungsweise die Normalitäts-Grenze für eine „versichernde“ Mehrheit der Bevölkerung, liegt. (Vgl. ebd.) Es gilt Merkwürdigerweise genau das als „normal“, was „normalerweise“ als „normal“ gilt. Das heißt, dass die Dinge, die „normalerweise“ als nicht „so ernsthaft störend empfunden“ werden, bei denen also kein dringender Handlungs- und Interventionsbedarf besteht, als normal gelten. Was als „normal“ verstanden wird, ist nicht einfach gleichzusetzen mit dem, was unter „normgemäß“ begriffen wird sowie „Normgeltung“ nicht zwangsläufig identisch mit „Normalität“ ist. (Vgl. ebd.:23) Des Weiteren bezieht sich Link sprachlich auf den medizinisch-psychologischen Bereich: Demnach gelten „hauptsächlich zwei fundamentale Gleichungen: erstens die Gleichung: „normal = nicht deviant und daher = de facto akzeptabel, tragbar, tolerabel“- und zweitens die Gleichung „normal = nicht wirklich ernsthaft störend“, „normal = nicht zu dringender Intervention zwingend, keinen dringenden Handlungsbedarf auslösend.“ (Link, 1997:21) Sozial hergestellte Ereignisse sind normale wie nicht-normale Vorgänge, die veränderlich erscheinen. Daraus ergibt sich die Frage, wo die Grenze zwischen Normalität und Anormalität liegt? Bei alltäglicher sowie unreflektierter „Normalität“ handelt es sich immer um unbeständige Verhaltens-Grenzen. Da diese Grenzen sich beständig verschieben können, werden sie als Toleranz-Grenzen bzw. Handlungsbedarf-Grenzen wahrgenommen, wodurch sie sich von den „Normen“ im Zusammenhang mit „normativer Grenzen“, beispielsweise juristischer, ethischer oder solcher des „Brauchtums“, unterscheiden. (Vgl. ebd.) Der weitläufige zweifelsfreie Bereich ohne dringenden Handlungs- und Interventionsbedarf ist gleichzusetzen mit dem umfangreichen Gebiet sicherer, unbestreitbarer Normalität im „Inneren“ der Toleranz-Grenzen. Im Umkehrschluss gilt für den „Äußeren“ Bereich ein zweifelsfreier Interventionsbedarf, eine indiskutable Anormalität, also ein abweichendes Verhalten. (Vgl. Link, 1997:21) Dieser Gebrauch ist auch im „Alltag“ generalisiert worden. Wenn es sich beispielsweise um Normalität von Arbeitszeiten oder Steuer- oder Abtreibungs- Belastungen handelt , „dann vollzieht sich eine Art ‚Einpendeln’ von Toleranz-Grenzen bzw. Handlungsbedarfs-Grenzen wie umgekehrt um das Verhindern von Durchdrehen. “ ( Link, 1997:21/22) Normalität können wir uns als einen auf einer Mess-Skala ablesbaren Wert vorstellen, als eine festgelegte Übergangszone innerhalb welcher alles Verhalten als normal gilt bzw. toleriert wird. Für Normativität ergibt sich eher ein Entweder-Oder Prinzip, sozusagen ein binäres Ausschlussprinzip; Ja - oder- Nein, Drinnen - oder- Draußen. (Vgl. Hartmann, 2001:40) Folglich stellt sich die Frage, wie sich Normativität im realen Leben darstellt und wie sich dies auf die Akzeptanz der Menschen untereinander auswirkt. Es ergibt sich eine grundsätzliche Kontinuität zwischen normal und anormal, da die statistischen Verfahren zwar durchschnittliche Verteilungen angeben, aber keine „qualitativen“ Abweichungen. (Vgl. Link, 1996:25) Das heißt Quantität wird zur Qualität umgedeutet mit dem Ziel, dass Individuen das Bedürfnis haben, der Mehrheit anzugehören und glauben, wenn die Mehrheit sich so verhält, (beispielsweise sich für eine heterosexuelle Zweierbeziehung entscheidet) dann >kann es nur - muss es doch< richtig sein. Die grundlegende Kontinuität zwischen normal und „anormal“ charakterisiert Link als Quelle großer Angst, die er „Denormalisierungsangst“ nennt:

„Wenn es keine Wesensgrenze gibt, dann können wir alle „anormal“ sein oder werden. Wenn sich alle Werte auf dem Kontinuum verschieben können, dann können wir womöglich unversehens über die Grenze gleiten und nicht wieder zurückkommen. Schon Auguste Comte reagierte auf diese Art Angst mit der Etablierung symbolisch fixer Normalitätsgrenzen, die ich als „Stigmagrenzen“ bezeichne.“ (ebd.:26)

Eine denkbare Grenze zwischen normal und anormal zu ziehen, hängt von der jeweiligen Diskussion und der Entwicklung normalistischer Strategien ab. Das Verschwimmen der Grenzen kann aus normalisierender Perspektive zur Denormalisierung führen. (Vgl. Link, 1996: 26) Demnach werden Personen, die sich in der Mitte bewegen, als normal bezeichnet und gestärkt. Während die Personen, die sich außerhalb dieser Mitte befinden, als Extreme bezeichnet und ausgegrenzt werden, da sie von der Norm abweichen. Während die protonormalistische Strategie Dressur, Autorität und Repression beinhaltet, steht für den flexiblen Normalismus die >>Autonomie<< der Individuen im Mittelpunkt mit dem Ziel, dass sie sich selbst normalisieren: „Die Kenntnis der statistischen Verteilungen setzt die Subjekte in Stand, „autonom“ über ihre riskanten Explorationen von borderlines zu entscheiden und sich notfalls immer kurzfristig in gut ver-sicherte Mittelzonen zurückflüchten zu können.“ (Link, 1969:26f) Daraus schlussfolgernd kann festgehalten werden, dass Normalisierungsmacht weniger über Ausgrenzung einer als anormal benannten Person wirkt, sondern vielmehr über Mechanismen der Spezifizierung oder Einverleibung. (Vgl. Hartmann, 2001:41) Mit der Normalisierungsmacht wird ein starker Druck auf die einzelnen Individuen ausgeübt, welche beständig danach streben - wenn auch oftmals unterbewusst - sich einzuordnen und anzupassen und damit häufig gegen ihre eigenen Bedürfnisse leben. In diesem Zusammenhang hält Hartmann fest: „Verstehen wir Normalisierung als eine „nachträgliche Angleichung“ der um Normalität bemühten Subjekte an die Durchschnittswerte und an die um sie herum gruppierten statistischen Toleranzzonen, dann kommt den Sozialwissenschaften eine fragwürdige Funktion als Normalisierungsinstanz zu.“ (Hartmann, 2001:41) Mittels wissenschaftlicher Verdatung kann gesellschaftliche Realität, durch die Erzeugung neuen Wissens und damit neuer Normalitäten, gefestigt, aber auch verfremdet werden. Dadurch können Subjekte bewertet, verglichen, homogenisiert, hierarchisiert und auf diesem Wege kontrolliert werden. (Vgl. ebd.) Diesen Zusammenhang kennzeichnet Link als „paradoxe Wirklichkeit von Normalitätsgrenzen.“ (Link, 1997:339) Diese Realität, die einerseits vollständig vom Diskurs bestimmt wird, kann auf diese Weise scheinbar durchgängig als fließend bezeichnet werden, während sie andererseits über eine - vielleicht bis zur gewaltsamen Auseinandersetzung gehende - „Härte“ verfügt. Nach Link sind Normalitätsgrenzen dort existent, wo sie tatsächlich „gelten“ – und sie „gelten“ dort, wo sie von der Mehrheit der Personen wahrgenommen werden. (Vgl. Link, 1997:339) Diese mehrheitliche Wahrnehmung der Normalitätsgrenze (politologisch „Konsens“ genannt) wird nicht zuletzt durch die normalistische Mentalität arrangiert, welche sich beständig an Durchschnitt und „Mitte“ orientiert und vorbehaltlos diesem Durchschnitt folgt. Die normalistische Mentalität geht hierfür von zwei „Grenzwerten“ und einen bestimmten „Bereich normaler Abweichung“ aus. (Vgl. ebd.)

Demnach ist Normalität „keine natural gegebene und nachwachsende Ressource, sondern stets Produkt von Normalisierung, d.h. von Normalisierungs- Dispositiven, und demnach exklusives Produkt moderner Gesellschaften.“ (Link, 1997:425) Der Normalismus ist als ver-sicherndes und regulierendes Dispositiv im generativen Prozess der Moderne unverzichtbar. Ohne Normalismus ist die Moderne nicht mehr denkbar. (Vgl. ebd.:428ff) Mit der Industrialisierung konnten bestimmte Traditionen und festgelegte Normen und Werte gelockert werden. Dennoch ist die Art und Weise, wie Menschen zusammenleben und für welche Lebensform sie sich entscheiden, abhängig von gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Normen und Normalitätsvorstellungen. Mechanismen von Normierung und Normalisierung dienen als Machtstrukturen, indem sie eine enge Verbindung zwischen Individuum und Gesellschaft herstellen und somit nicht mehr getrennt betrachtet werden können. (Vgl. Hartmann, 2001:39) Wie sich diese Machtstrukturen auf die einzelnen Subjekte und auf ihre Lebensform auswirken, mit welchen Mitteln sie sich durchsetzten, und wie Normalität Macht konstruiert, möchte ich im folgenden Kapitel aufzeigen.

1.1. Normalität als Konstruktion von Macht bezogen auf die Kategorien Geschlecht - Sexualität – Lebensform

Mit Foucault (1977) können Normen als eine moderne Form der Macht erfasst werden. Macht existiert nicht nur in bestimmten Institutionen, sondern entfaltet auch grundlegende Wirkung auf Personen. (Vgl. Hartmann, 2001:4) Normen funktionieren auf verschiedenen Ebenen. Abhängig von der jeweiligen Norm wirken sie auf unterschiedlichste Art und Weise. Normen konkretisieren „sich in sozialpolitischen Maßnahmen, Sprache, Bewusstsein, Identitäten, Körpern, Gefühlen und Begehren, die durch diese hervorgebracht und durchdrungen werden. Normativität kann so in Normalität übergehen.“ (Hartmann, 2001:4) Macht ist nach Foucault beweglich und Teil alltäglicher Normalität sowie Herrschaft als verhärtete Macht erfasst werden kann. Mit dieser Annahme steigt nach Rommelsbacher (1995:32) die Verantwortung der Personen, die Normalität konstruieren und reproduzieren. Jutta Hartmann zeigt auf, dass mit diesem Foucaultschen Machtverhältnis die mit gesellschaftlichen und symbolischen Ungleichheiten verbundenen Kategorien; Geschlecht, Sexualität und Lebensform, daher als zentrale Dispositive der Macht verstanden werden können. Diese Dispositive der Macht stehen in engem Bezug mit persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Ansichten und Möglichkeiten und hängen darüber hinaus mit politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen zusammen. (Vgl. Hartmann, 2001:4) Daher sind wir in unseren Entscheidungen hinsichtlich der Berufswahl, Lebensform, zwischenmenschlichen Beziehungen und der zugewiesenen Geschlechterrolle nicht unabhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Noch immer existieren bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen über Männer und Frauen, von denen wir geprägt sind und denen wir alltäglich begegnen. Kaum verändert steht Männlichkeit in dieser Gesellschaft meistens für Aktivität, Mut, Verstand und Durchsetzungskraft. Hingegen Weiblichkeit oft für Ruhe, Schwäche, Emotionalität und Einfühlsamkeit steht. Mit diesen Geschlechterzuweisungen wachsen wir auf. Damit wir nicht von dieser Geschlechternorm abweichen, passen wir uns von klein auf an. Dies gilt für öffentliche Einrichtungen, wie beispielsweise im Kindergarten, in der Schule, in der Berufsausbildung etc. bis hin zum Elternhaus[3]. Um anerkannt, geliebt und nicht ausgeschlossen zu werden, fügen sich die meisten Mädchen und Jungen, Frauen und Männer in die bestehende Geschlechternorm. Diese Einteilungen schränken jedoch unsere vielfältigen Möglichkeiten, unsere reichhaltigen Charaktere und Handlungsweisen auf ein nach Geschlecht eingegrenztes Repertoire ein. Indem die Eigenschaften, die den Männern oft zugeordnet sind höher bewertet wurden, entwickelte sich neben der sozialen Ungleichheit parallel auch eine soziale Hierarchisierung. (Vgl. Hartmann, 1993:35/36) Die Konstruktion der Geschlechter verändert sich je nach gesellschaftlichen Anforderungen und steht in Verbindung mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Ziel. Beispielsweise die geschlechtspezifische Arbeitsteilung (siehe Kapitel 1.1.1.) mit dem Ziel, Frauen aus politischen ökonomischen Entscheidungsebenen auszuschließen. Mit dieser Polarisierung von Weiblichkeit und Männlichkeit müssen Frauen und Männer heute nicht mehr unbedingt -abhängig vom jeweiligen sozialen Umfeld- übereinstimmen. Dem ungeachtet bleiben bestimmte Kategorisierungen in unserem Frauen- und Männerbild bestehen. Ähnlich wie bei der sozialen Konstruktion der Geschlechter soll auch Sexualität einer bestimmten sozialen, gesellschaftlichen Vorstellung entsprechen. Heterosexualität kann somit als eine gesellschaftliche Institution verstanden werden (Vgl. Hartmann, 1993:35f):

„Institutionen sind stabile, dauerhafte Muster menschlicher Beziehungen, die in einer Gesellschaft erzwungen oder durch die allseits als legitim geltenden Ordnungsvorstellungen getragen und tatsächlich gelebt werden. Gesellschaftliche Institutionen entlasten Menschen von Entscheidungen, können aber auch eine Quelle der Unterdrückung und Fremdbestimmung darstellen“. (Hartfiel, 1972:301)

In unserer patriarchalen Kultur wachsen wir mit der Vorstellung auf, dass Mann und Frau erst zusammen vollständig sind. Es wird uns nahe gelegt, Heterosexualität und die daran gebundenen Normierungen als normal und natürlich zu verstehen. Diese Normierungen begleiten uns im täglichen Leben und stellen Herrschaft dar. Diese Gesamtheit von Normierungen bezüglich der Kategorien Geschlecht - Sexualität - Lebensform wird nach Astrid Albrecht Heide Heterozentrismus genannt. Mit dem Begriff wird nicht gegen Heterosexualität gesprochen, sondern damit soll aufgezeigt werden, welche individuellen und gesellschaftlichen Folgen sich durch diese Normierungen und dem daraus folgenden gesellschaftlichen Zwangscharakter ergeben. (Vgl. Albrecht-Heide, Holzkamp, 1998:21) Da gesellschaftliche Normen kaum hinterfragt werden, wird „normalerweise“ von einer Einheit des anatomischen Geschlechts mit dem sozialen Geschlecht und dem körperlichen Begehren ausgegangen. Folglich wird angenommen, dass ein weiblicher Körper mit einer weiblichen Identität übereinstimmt, und zwangsläufig seine sexuelle Begierde auf den Mann gerichtet ist. Der üblichen Auffassung nach, gibt es von Natur aus nur zwei Geschlechter, Mann und Frau: Bereits vor der Geburt wird mit Hilfe der pränatalen Diagnostik das Geschlecht[4] festgestellt. Gegebenenfalls werden sogar die Körper angeglichen, wenn beispielsweise ein Kind zur Welt kommt, das nicht eindeutige Körpermerkmale -männliche oder weibliche- aufweist, wird der Körper operativ passend gemacht, so dass es entweder als Junge/Mann oder als Mädchen/Frau aufwächst.[5] Seit den 90er Jahren werden, angeregt von anglo-amerikanischen Auseinandersetzungen, auch im deutschsprachigen Raum die Kategorien Geschlecht und Sexualität in ihrer binären Anordnung entscheidend in Frage gestellt. Besonders durch Studien von Judith Butler (1991; 1995) wurde das Thema der kulturell-gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht über Gender hinaus auch auf den Bereich des anatomischen Geschlechts aufgegriffen. (Vgl. Hartmann, 2001:4) Die angenommene Naturgegebenheit, bezeichnet mit dem Begriff Sex, wird grundlegend als verschobener „Biologismus“ (Gildemeister/Wetterer, 1992:207) kritisch diskutiert. Butlers Konzept der Heteronormativität zeigt zum einen das dominierende Verständnis von Sexualität auf: Die Übereinstimmung des anatomischen Geschlechts mit dem sexuellen Begehren, welches auf das andere Geschlecht gerichtet ist. Zum anderen die hegemoniale Vorstellung von zwei sich ausschließenden Geschlechtern: Mann oder Frau. Heterosexualität gilt als Norm. Dieses heteronormative Denken braucht Homosexualität als das Andere, zur Bestätigung der Heterosexualität. Damit können Auffassungen von „essentiellen bzw. substantiellen und damit lebenslang gleich bleibenden Identitäten“ vermittelt werden. (Hartmann, 1993:4) „Die normative Verbindung von biologischem Geschlecht, sozialem Geschlecht und sexuellem Begehren erweist sich diesem Konzept folgend als ein gesellschaftlich funktionales Herrschaftsinstrument. Den identitätsstiftenden Kategorien liegen verhärtete Machtverhältnisse zu Grunde.“ (Hartmann, 1993:4f) Bei dem System der Zweigeschlechtlichkeit in dem wir leben, handelt es sich um eine soziale Konstruktion, die der Machtverstärkung und Machterhaltung dient. Damit bleiben einerseits bestehende Hierarchisierungen erhalten. Andererseits geht es den Machthabenden darum, bestehende gesellschaftliche Normen und Werte zu bewahren, um politische und ökonomische Ziele zu erreichen. Darüber hinaus soll die patriarchale Gesellschaft weiterhin aufrechterhalten werden. Wichtig ist hier auch noch mal der Link’sche Normalitätsgedanke, dass Quantität in Qualität umgedeutet wird. Individuen sind daher bestrebt, sich der Mehrheit unhinterfragt anzupassen. Selbst wenn wir versuchen, dieser Kategorisierung etwas entgegenzusetzen, werden wir beständig eingeordnet. Wenn wir von der „Norm“ abweichen, kommen wir oft in Erklärungszwang, während Menschen, die sich in der „Norm“ bewegen, sich nicht erklären müssen. Auch dadurch bewegen sich diese Menschen in einer Machtposition. Zum Beispiel werden Lesben und Schwule oft gefragt: „Wer ist denn bei euch der Mann und wer die Frau?“ Ich denke, solche Fragen entstehen nicht nur aus Neugier, sondern erstens um wieder Kategorisierungen vorzunehmen und zweitens, um die Homosexualität an die Heterosexualität anzugleichen. Die Normen, die für die Heterosexualität gelten, werden den Homosexuellen damit ebenso auferlegt und es wird klar, dass diese Normen sich über alles andere erheben und allgemein gültig und richtig zu sein haben >wenn schon homosexuell, dann mit entsprechender Rollenverteilung< Es kommt selten vor, dass Heterosexuelle ihre gelebte Sexualität beziehungsweise Lebensform erklären müssen. Denn wer in der „Norm“, wenn auch nur äußerlich, lebt, bekommt solche klischeehaften Fragen nicht gestellt. Oft glauben die, die sich in der „Norm“ bewegen, den Personen, die nicht den traditionellen Bildern entsprechen, intimste Fragen stellen zu können, was umgekehrt selten der Fall ist (wobei auch in heterosexuellen Beziehungen nicht unbedingt die traditionellen Rollen gelebt werden). Dies ist ein Beispiel für typisch hierarchische Verhaltensweisen (von oben nach unten), welche für alle Konstruktionszusammenhänge „Norm“ und Abweichung“ „des Anderen“ gelten. Wir sind entweder Mann oder Frau, Mutter oder Vater, Hetero oder Homo, Paar oder Single ect. Es wird kaum Raum für etwas dazwischen geboten. Die Möglichkeit, Sexualität vielfältig und auch innerhalb einer Biographie unterschiedlich zu leben, bleibt verborgen und ausgegrenzt. (Vgl. ebd.:22) Zu der sozialen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit gehört auch die Heterosexualität. Beides zusammen sind normative gesellschaftliche Erwartungen, die als natürlich untrennbar miteinander verknüpft gelten und als normal beschrieben werden. Mit der Naturalisierung der Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität können Herrschaftsverhältnisse unsichtbar gemacht werden. Damit bleiben Machtkonstruktionen im Verborgenen, weil deren Resultat einfach als natürlich charakterisiert wird. Die Einstufungen in „normal“ und „anormal“ sind deutliche Anzeichen auf derartig unwahrnehmbar abgemachten Machtkonstruktionen und Machtverhältnisse, mit den jeweils dazugehörenden Ausgrenzungen. (Vgl. ebd.:22) Auch der gesellschaftlich gewünschte Zusammenhang zwischen Geschlecht, Sexualität und Lebensform dient der Machterhaltung. Foucault beschreibt Machtbeziehungen auf der einen Seite als unmittelbare Auswirkungen von Teilungen; Ungleichheiten und Ungleichgewichten, die in wirtschaftlichen Prozessen, Erkenntnisrelationen, und sexuellen Beziehungen entstehen. Auf der anderen Seite sind Machtbeziehungen die innere Bedingung jener Differenzierungen. (Vgl. Jäger, 2004:174) Beispielsweise ist das symbolische System der Zweigeschlechtlichkeit und der damit verbundenen Werthierarchie, mit institutionellen und ökonomischen Machtverhältnissen abgestimmt (Vgl. Hagemann-White, 1984:103) und dies wird auch durch die geschlechterspezifische Arbeitsteilung deutlich.

1.1.1. Zuweisungen von Geschlechterrollen Geschlechterspezifische Arbeitsteilung

Mit der Industrialisierung wurde die gesellschaftlich notwendige Arbeit in bezahlte und unbezahlte Arbeit eingeteilt. Dieser wirtschaftliche und soziale Strukturwandel wirkte sich enorm auf die Geschlechterordnung aus. (Vgl. Hausen, 1993:54) Mit der eingeführten Lohnarbeit wurde einerseits der erarbeitete Lohn nur noch in Geld (nicht mehr in Naturalien) ausgezahlt. Andererseits wurden nun auch unterschiedliche Arbeitsleistungen nur mit dem allgemein verwendbaren, einheitlichen Maßstab des Geldes bewertet. Gleichzeitig konnte mit diesem System auch die Hierarchie der Arbeitsteilung entwickelt werden. Damit erhielt die Geschlechterhierarchie bezüglich der Arbeits- und Erwerbsverhältnisse eine Darstellungsweise, die nun über das Gehalt verglichen werden konnte. (Vgl.ebd.:54) Unter diesen Voraussetzungen von Markt- und Geldverhältnissen erscheint die gesellschaftliche Dominanz von Männern infolgedessen als ökonomische Höherwertigkeit und die niedere soziale Stufe der Frauen als ökonomische Minderwertigkeit. Die stetige Verteilung und ungleiche Ausgestaltung von bezahlter und unbezahlter Arbeit hat zur Veränderung der Beziehung zwischen den Geschlechtern beigetragen. Die Männer waren durch die Erwerbsarbeit nicht mehr im Haushalt als Lebens- und Arbeitszusammenhang tätig. Langfristig arbeiteten sie zeitlich und räumlich getrennt von unbezahlter Haus-, Familien- und sonstiger Subsistenzarbeit. (Vgl.ebd.:54f) Unter dem Druck der gesellschaftlichen Veränderungen wurde neu durchdacht, wie Männer und Frauen zu sein haben und was ihnen zukommt und was nicht. Diese Neuformierung hatte vollkommen neue Konsequenzen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in allen Industrieländern der seit 1830 ausgebildete Grundsatz, dass auch der Lohnarbeiter, genauso wie der Beamte oder der Geschäftsmann, für seine Familie der alleinige „Ernährer“ zu sein habe, zur dominierenden Anschauung. (Vgl.ebd.:55) Eine sozialpolitische Forderung lautete: „jeder Mann müsse als Ernährer in die Lage versetzt werden, jederzeit alleine das für seine gesamte Familie erforderliche Geld verdienen zu können.“ (ebd.:55) Die praktischen Auswirkungen, dieser als „natürlich“ verstandenen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, sind uns vertraut. So sollten sich Männer mit komplettem Einsatz und ohne Ablenkung durch Haus- und Familienarbeiten dem Geldverdienen und ihrer Erwerbsarbeit zuwenden. Dementsprechend sollten Frauen weit weg von der Erwerbsarbeit ihren unbezahlten und >natürlichen< Hauptberuf als Hausfrau, Gattin und Mutter mehr oder weniger ausschließlich ausüben. Oft galt es auch schon für die Töchter, die Haus- und Familienarbeiten bestmöglich zu bewerkstelligen. (Vgl.ebd.:55) Auf diese Aufgabenbereiche wurden Frauen und Männer durch Erziehung und Ausbildung -in Familie und Schule- schon frühzeitig vorbereitet. Einzelne Tätigkeiten und Verhaltensweisen, verbunden mit Wissen über das Frau-Sein und das Mann-Sein, wurden erlernt. Diese geschlechtsspezifischen Zuordnungen gewannen auf dem Arbeitsmarkt sowie an konkreten Arbeitsplätzen ausschlaggebende Bedeutung. (Vgl.ebd.:56) In diesem Diskurs wurde nicht bedacht, dass Frauen -freiwillig oder notgedrungen- für sich selbst beziehungsweise zusätzlich für weitere Familienangehörige den vollen Lebensunterhalt allein erwirtschafteten. (Vgl.ebd.:56) Im 19. und 20. Jahrhundert spiegelte sich für Männer wie für Frauen mit dem jeweiligen möglichen Angebot an Arbeitsplätzen auch ein Entwurf der idealen Geschlechterverhältnisse wider. Die für Frauen und Männer aufgeteilten und hierarchisierten Arbeitsplätze bezogen sich nicht willkürlich auf Angebot und Nachfrage bezüglich des Arbeitsmarktes, sondern sie stellten die sozial verankerten gesellschaftspolitischen Standpunkte der „fortschrittlichen“ Wirtschaft dar. (Vgl.ebd.:56) Die für Frauen erreichbaren Arbeitsplätze begrenzten sich tatsächlich auf vergleichsweise wenige Arbeiten mit geringem Lohn, welche für Männer nicht erstrebenswert waren.

„Üblich war nun eine Charakterisierung der weiblichen Arbeitskraft per Fingerfertigkeit statt Muskelkraft, Bevorzugung von Sauberkeit statt Schmutz, Eignung für unqualifizierte, nur ausführende Teilarbeit statt Handwerkerkönnen, Nebenbeschäftigung statt Hauptberuf, sowie nicht zuletzt die Hervorhebung der weiblichen Geduld und Bereitschaft zur Unterordnung.“ (ebd.:63)

Einerseits konnten mit Hilfe dieser geschlechtsspezifischen Zuschreibungen die Niedriglöhne für Frauen gerechtfertigt werden. Andererseits wurden nun die öffentlichen Tätigkeiten von weiblichen und männlichen Arbeitskräften ausdrücklich voneinander abgetrennt. Frauen bekamen Arbeitsbereiche zugeteilt, um welche Männer nicht konkurrieren. (Vgl.ebd.:63)

„Im 20. Jahrhundert lieferten nicht zuletzt die Arbeitswissenschaft, die Arbeitsmarktpolitik und die Arbeitssoziologie einschlägige Hilfestellungen, um nun auch wissenschaftlich dieses kulturell begründete Erwerbssystem patriarchaler Prägung mit seinem privilegierenden Job-Modell für Männer und diskriminierenden Gender-Modell für Frauen als ein optimales gesellschaftliches Ordnungsgefüge weiterhin zu fundieren und zu legitimieren.“ (ebd.:S.67)

Es bestand eine vielschichtige Verzweigung zwischen Geschlechter-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Im Laufe der Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung im Industriekapitalismus konnte auf die wechselseitige Durchdringung innerhalb dieses Systems nicht verzichtet werden. (Vgl.ebd.:42) Beispielsweise unterscheiden wir in unserem Denken bezüglich Wirtschaft und Gesellschaft zwischen öffentlichen und privaten Bereichen. Vom Privatbereich reden wir zumeist dann, wenn es sich beispielsweise um die Geschlechtsverhältnisse handelt und die Interaktion zwischen Frauen und Männer im Mittelpunkt steht. Dagegen dominiert beim Nachdenken über den Öffentlichkeitsbereich die Illusion des geschlechtsneutralen, beim intensiveren Betrachten jedoch unschwer als Mann identifizierbaren Individuums. (Vgl.ebd.:42) Für die andauernde Geschlechterhierarchie im Erwerbsleben ist derzeit vordergründig das Regelsystem der konsequenten Ausschließung der Frauen von den Männerarbeitsplätzen wesentlich entscheidend. (Vgl.ebd.:8) Solange Frauen für so genannte Männerberufe nicht berücksichtigt werden, lässt sich die schlechtere Entlohnung der Frauen leichter legitimieren. Ebenso stellen diese Niedriglöhne keine Gefahr für die Erwerbschancen von Männern dar, da durch die Aufteilung in Männer und Frauenberufe beide prinzipiell nicht in Konkurrenz zueinander treten können. (Vgl.ebd.:9) In dieser Konstellation bleibt auch die Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Leistung“ erst einmal für die geschlechtsspezifisch entscheidenden ungleichen Erwerbsmöglichkeiten wirkungslos, da die Segregierung der Arbeitsplätze dazu beiträgt, dass Frauen keinesfalls die gleichen Arbeiten und Leistungen erzielen können wie Männer. (Vgl.ebd.:9) Die Hierarchisierungen der Arbeitsplätze durch die geschlechterspezifische Arbeitsteilung hat sich in den Strukturen der modernen Erwerbswelt festgesetzt. Seither haben sie sich auch gegenüber gezielten Interventionen einer Gleichstellungspolitik als weitgehend widerstandsfähig gezeigt. (Vgl.ebd.:9) „Denn bei gleichwertigen Einkommenschancen für Frauen und Männer verlören die mit dem Schein des Sachzwanges stabilisierten Abhängigkeits- und Unterordnungsverhältnisse in den Geschlechterbeziehungen ihren materiellen Kern.“ (ebd.:9/10) Daneben ist es noch wichtig zu bedenken, dass bei einer geschlechtsunspezifischen Einkommensverteilung die enorm unterbezahlten charakteristischen Frauenarbeiten im Pflege- Dienstleistungs- und sozialen Bereich dann nicht mehr zur derzeitigen Billig-Entlohnung zur Verfügung stehen würden. Des Weiteren wären Frauen bei einem höheren Anreiz einer Erwerbsarbeit nachzugehen, weniger als bisher geneigt, dieser zu entsagen, um unbezahlte Familien- und ehrenamtliche Sozialarbeit zu leisten. Unter anderem sind dies Gründe, weshalb ökonomisch und politisch kein Interesse vorhanden ist, diese bestehende Arbeitsteilung und geschlechtsspezifische Einkommensverteilung aufzuheben, da hierdurch große Versorgungsengpässe im sozialen Bereich auftreten würden. So bleiben unter den gegebenen Arbeitsmarkt- und Erwerbsverhältnissen Personalentscheidungen noch immer weitgehend ungebrochen Privilegien von Männern auch trotz gezielter Gleichstellungspolitik. (Vgl.ebd.:10) Die geschlechtspezifische Diskriminierung bzw. Privilegierung in der gesellschaftlichen Ordnung des Arbeitens hat eine lange Tradition, so wurde beispielsweise jeder Verstoß gegen diese Privilegierung als Gefahr für die >natürliche Ordnung< der Verhältnisse kommentiert. Da diese Tatsache über einen so langen Zeitraum hinweg als selbstverständlich und als >natürlich< schien, wurde die geschlechtsspezifische Strukturierung von Arbeits- und Erwerbsverhältnissen kaum hinterfragt. So bestand sie in den bestimmten historischen Zusammenhängen fort und reproduzierte sich im Prozess des historischen Wandels immer wieder neu. (Vgl.ebd.:10ff) Der „gendering“ - Prozess ist folglich die stets wiederholte Konstruktion und die Bekräftigung der sozial erwünschten Geschlechterordnung und ist ein elementarer Bestandteil des Wirtschaftens. Spiegelbildlich geht die Wirtschaft, in ihrer spezifischen Anordnung und Dynamik, in den sozialen Prozess des „gendering“ ein. (Vgl. Knapp, 1993:25ff) Geschlechterspezifische Arbeitsteilung ist auch gegenwärtig ein vielseitiges Prinzip der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die reale Ausgestaltung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung präsentiert bezeichnende Variationen: So sind immer noch überwiegend Frauen für die Fürsorge kleiner Kinder, für die Essenszubereitung und für die Reinigung von Kleidung zuständig (wenn diese Arbeiten nicht von Dienstleistungseinrichtungen durchgeführt werden). (Vgl. Hausen, 1993.:50) Die vielfältigen außerhäuslichen Arbeitsaufgaben werden an die jeweilige gesellschaftliche Situation angepasst und folglich sehr unterschiedlich auf Frauen und Männer verteilt. So lassen die meisten Gesellschaften „einen gewissen Spielraum zu, wie strikt die normativen Grenzen zwischen Frauen- und Männerarbeiten einzuhalten sind bzw. wie geschmeidig diese Norm von Fall zu Fall außer Acht gelassen und die Arbeitsteilung je nach den aktuellen Erfordernissen vorgenommen werden kann.“ (Hausen, 1993:50f) Wenn es sich beispielsweise um eine längerfristige Arbeitsteilung handelte, galt diese dann auch stets als angemessener Ausdruck der gesellschaftlich ansprechenden Männerdominanz. Durch dieses Fazit bleibt uns nun die Frage erspart, „ob nun die mindere Bewertung der jeweiligen Frauenarbeit eine Folge der Männerdominanz ist oder ob die Männerdominanz dazu führt, dass Frauen stets die als minderwertig geltenden Arbeiten ausführen.“ (ebd.:52) Beispielsweise wurde meine Arbeit als Erzieherin im Kinderheim von einigen Männern folgendermaßen bewertet: >Dass kann jede Mutter, ein bisschen mit Kindern spielen, das ist doch keine Arbeit<. Dieser Beruf wurde damals ausschließlich von Frauen ausgeübt. Als dies zunehmend wechselte und auch Männer Erzieher oder Sozialpädagogen wurden, veränderte sich auch die Bewertung dieser Arbeit. Die Dominanz der Männer in einer Gesellschaft zeigt sich immer auch durch die Arbeitsteilung und durch die Bewertung und Beurteilung bestimmter Arbeitsbereiche. Kommt es also zu einer länger anhaltenden Verschiebung der Arbeitsteilung, so wird auf der einen Seite die neue Aufteilung als eine „gerechte“ Aufteilung festgeschrieben.[6] Auf der anderen Seite wird vermutlich auch eine neue definitive Einigung darüber erfolgen, dass Männer nun die statushöheren Arbeiten bewerkstelligen, selbst wenn diese zuvor dem Bereich der weiblichen Arbeitskräfte zugeordnet wurden. Festzuhalten bleibt, dass Frauen und Männer mit großer Wahrscheinlichkeit die intensivierte Dynamik der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen sehr konkret in ihrem Leben und in die normative Ordnung ihrer Lebenswelt integrieren. (Vgl.ebd.:52) Trotz starkem Veränderungsdruck von Seiten der Frauenbewegung und trotz Gleichberechtigungsforderungen, konnte diese „modernisierte“ Strategie sich ausgiebig und erfolgreich durchsetzen. Erst kürzlich „ist das Funktionsprinzip der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung wiederum durch Wissenschaft, die sich nun allerdings ausdrücklich in den Dienst von Fraueninteressen gestellt hat, aufgedeckt, analysiert und fundiert kritisiert worden.“ (ebd.63) Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wirkt sich auch auf die Geschlechterbeziehung bzw. auf die Paarbeziehung aus. Da die Rolle der Menschen, die außerhalb der Familie arbeiten, gesellschaftlich höher bewertet und außerdem entlohnt wird, kann dies, wenn die gesellschaftliche Zuordnung nicht kritisch hinterfragt wird, hierarchische Folgen innerhalb der Familie haben. Trotz vielfältigen Veränderungen bezüglich der Lebensweisen, begleiten uns diese geschlechtsspezifischen Zuweisungen. Da das Einkommen der Männer höher ist als das der Frauen, sind Frauen, die in einer gleichgeschlechtlichen Lebensweise leben, finanziell oftmals schlechter gestellt als vergleichsweise Frauen in heterosexuellen Beziehungen oder als Männer in gleichgeschlechtlichen Beziehungen.[7] Es wird nur selten reflektiert, dass die bestehende Pluralisierung der Lebensformen auf vielen Ebenen weiterhin einer geschlechtshierarchischen Vorstellung entspricht. Die zentralen Voraussetzungen der Lebensgestaltung existieren größtenteils nach wie vor: Damit bleibt für Frauen z.B. die Institution Mutterschaft und für Männer die Vorstellung einer langjährigen Berufstätigkeit ohne Unterbrechung bestehen. Für die Mehrheit der Männer gehört Vaterschaft, die eine Entsagung anderer „zentraler“ Lebensbereiche erforderlich machen würde, nicht zum Lebensentwurf. (ebd.:32)

1.2. Normalbiographie

In der Soziologie entstand die Bezeichnung: „Normalbiographie“ als es in der zweiten Nachkriegszeit vielfach zu Umgestaltungen der traditionalen Familienrollen und Gender-Viten kam. (Vgl. Link, 1997:372) Somit wurde gewissermaßen durch Renè Lavy vorerst der traditionale Stand benannt, von dem sich dann neue, „emanzipierte“ und flexible Möglichkeiten abzweigten. Als „Normalbiographie“ galt beispielsweise bei der mittelständischen westlichen Frau: „Heiraten, Berufstätigkeit aufgeben, Kinder bekommen und großziehen, Nachkinderphase durchleben.“ (Lavy, 1977:43ff) Gleichzeitig hatte die Bezeichnung „Normal“ eine Doppelbedeutung: Einerseits beinhaltete sie statistische Überlegenheit, was sich in der Folgezeit mehr oder weniger schnell wandelte und auf der anderen Seite wurde „normgerecht“ im Sinne eines traditionellen Rollenverständnisses verstanden. Hierbei wurden Normalität und Normativität nicht nur verbunden, sondern auch konzeptuell vermischt. (Vgl. Link, 1997:372) Da die erwähnte „Normalbiographie“ auf das Leben vieler Personen nicht mehr bzw. immer weniger zutraf, konnten diese so genannten Abweichungen nicht mehr als „anormal“ bezeichnet werden und damit musste auch die Terminologie erweitert werden. (Vgl. ebd.) Durch die Pluralisierung der Lebensformen wurden zwar zunehmend frühere Selbstverständlichkeiten der Lebensgestaltung hinterfragt, aber dennoch bleiben bestimmte Normen und Geschlechterdichotomien erhalten. Da noch immer gesellschaftliche Normierungen und institutionelle Rahmenbedingungen besonders bezüglich der Kategorien Geschlecht und Sexualität beeinflussend wirken, ist die Wahl der Lebensgestaltung nur scheinbar eine freie. (Vgl. Hartmann, 2001:38) Durch das Zusammentreffen von Diskurs und Realität werden Normen beständig strukturiert. Damit werden Normen in der gelebten sozialen Realität gefestigt und im diskursiven Prozess immer wieder neu hergestellt. Besonders durch sozialwissenschaftliche Studien wird diese Realität beständig hervorgehoben. (Vgl.ebd.:38f) Wenn Diskurse als ein Faktor, der eine Vergesellschaftung von Individuen hervorbringt, verstanden werden kann, dann trägt die dominierende Diskussion bezüglich der Lebensformen dazu bei, dass die gesellschaftlich positiv sanktionierte Vater-Mutter-Kind-Familie im Mittelpunkt steht. Dadurch werden andere Lebensformen, mittels verschiedenster Konstruktionsmechanismen, den Normalisierungsabsichten ausgesetzt und damit ausgegrenzt und stigmatisiert. (Vgl.ebd.:39) Abläufe, die die hierarchische Zweigeschlechtlichkeit und normative Heterosexualität reproduzieren, haben konservative Wirkung, da sie Vielfältigkeiten in der Lebensweise[8]: Familie, Sexualität und Geschlecht begrenzen. (Vgl.ebd.:39) Verstärkt wandeln sich einengende Auffassungen bezüglich der Triade Geschlecht - Sexualität - Lebensform. Dennoch sind diskursive Konstruktionsmechanismen, die eine hegemoniale Auffassung im Zusammenhang von Kategorien Geschlecht und Sexualität vertreten, weiterhin wirksam. Sie reproduzieren Normalitätsvorstellungen in Form von heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit und bewirken eine Begrenzung der Lebensformen und deren hierarchischer Strukturierung. (Vgl. Hartmann, 2001:3) Hartmann geht von einer Effizienz folgender Normen für die westlich industrialisierten Gesellschaften in der Triade Geschlecht - Sexualität - Lebensform aus: Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität, Monosexualität, Kleinfamilie und die daran geknüpften normativen geschlechtshierarchischen Erwartungen. (Vgl.ebd.:3) Inwieweit diese Normen die Wahl der Lebensweise beeinflussen und wie sich diese im Laufe der Jahre verändern, möchte ich im Folgenden aufzeigen.

1.2.1. Wahl der Lebensformen Überblick verschiedene Lebensformen

Lebensform charakterisiert die Art und Weise, wie Menschen ihre private Lebensführung gemeinsam mit ihren wichtigen sozialen Beziehungen arrangieren und festigen. (Vgl. Limmer,Schneider, 1998:76) Die Institutionalisierung der Lebensform erstreckt sich auf zwei Ebenen: Erstens werden individuelle Vereinbarungen zur Gestaltung des Zusammenlebens geschlossen. In einer partnerschaftlichen Beziehung handelt es sich zum Beispiel um Abmachungen zur Aufgabenverteilung. Zweitens beeinflussen bei der Institutionalisierung der Beziehungen die bestehenden Normen die Interaktionspartner. Mit diesen implizierten Normen werden klassische und milieuspezifische Standards erwartet, und es existiert eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit über die Gestaltung der Paarbeziehungen. (Vgl.ebd.:76) Abweichungen von diesen gesellschaftlich erwarteten Prinzipien werden häufig negativ sanktioniert. Dies geschieht zum Beispiel durch Untersagung von Bigamie oder durch Herabsetzung gleichgeschlechtlicher, partnerschaftlicher und familialer Lebensformen. (Vgl.ebd.76)

„Lebensformen und Identitäten werden so erkennbar als von Menschen in bestimmten Kulturen, zu bestimmten historischen Zeiten, unter bestimmten Bedingungen, in bestimmter Weise, selbst hergestellte und eben nicht als von Natur aus gegebene oder vom Schicksal vorherbestimmte.“ (Hartmann, 1998:38)

Die gebräuchliche Unterscheidung von Lebensformen richtet sich einzig nach äußeren Gestaltungseigenschaften. So wird zum Beispiel auch im Rahmen der Statistik nach diesem Prinzip vorgegangen. Zu den äußeren Strukturmerkmalen werden der Familienstand, die Elternschaft und Kinderzahl sowie der Haushaltskontext und die Verwandtschaftsverhältnisse gerechnet. Lebensformen, die auf der Ebene äußerlicher Strukturmerkmale von der herkömmlichen Kernfamilie abweichen, werden in der Literatur oftmals zu den unkonventionellen oder alternativen Lebensformen gezählt. (Vgl. Limmer,Schneider, 1998:79) Über die Lebensformen, welche normalerweise als unkonventionell eingestuft werden, beispielsweise Einelternfamilien, Alleinlebende mit und ohne feste Partnerschaft oder nichteheliche Lebensformen, gibt es nur geringe Informationen, die über rein strukturelle Besonderheiten hinausgehen. Aus diesem Grund liegt keine Schätzung darüber vor, wie verbreitet diese als nichtkonventionell geltenden Lebensformen sind. Als nichtkonventionelle Lebensformen, die als beständige Alternative eine bestimmte Verbreitung gefunden haben, zählen nach Meinung von Ruth Limmer und Norbert F. Schneider Paare, die gewollt kinderlos leben, living-apart-together Beziehungen[9], Menschen, die gewollt dauerhaft partnerlos leben, sowie gleichgeschlechtliche, partnerschaftliche und familiale Lebensformen.[10] Es bleibt zu beachten, dass gesellschaftlich davon ausgegangen wird, dass, wer sich einmal für eine bestimmte Lebensweise entschieden hat, diese auch nicht mehr wechselt: also einmal lesbisch immer lesbisch. Lebensweisen können aber auch wechseln. Nach Schätzungen von Ruth Limmer und Norbert F. Schneider dürften in den vorgestellten Lebensformen maximal 10% der erwachsenen Gesamtbevölkerung leben. (Vgl. Schneider, Rosenkranz, Limmer, 1998:75) Eine zunehmende Bedeutung bekommen nichtkonventionelle Lebensformen zusätzlich als Vor-, Nach-, und Zwischenformen zu konventionellen Lebensformen. In Gegenüberstellung zu den 50er und 60er Jahren wird gegenwärtig in der Entwicklung der Partnerschaftsbiographie eine größere Anzahl von Lebensformen gewählt. So lebt beinahe jeder und jede zumindest einmal für eine begrenzte Zeit in einer Lebensform jenseits althergebrachter Leitbilder. (Vgl.ebd.:25ff) Bezüglich der Gestaltung der Lebensformen hat es große Veränderungen gegeben. Beinah jeder/m sind Lebensformen wie z.B. die living-apart-together Beziehungen, allein erziehende Väter oder lesbische Eltern bekannt. So werden frühere Selbstverständlichkeiten durch die Pluralisierung der Lebensformen zunehmend hinterfragt:

„Zum einen als gesellschaftlicher Entwicklungsprozess, in dem immer mehr Menschen unterschiedliche Lebensformen leben und neue Lebensformen entstehen, zum anderen als gestiegene Bereitschaft, die zum Teil schon früher existierende Vielfalt als solche wahrzunehmen und zu diskutieren.“ (Hartmann, 2001:1)

‚Elternhaus’ und ‚Familie’ beinhalten zunehmend verschiedenste Lebenskonstellationen. Damit hat sich auch das soziale Umfeld, in dem sich Mädchen und Jungen entwickeln, verändert. Kinder und Jugendliche sind verschiedener ethnischer und sozialer Herkunft und darüber hinaus wachsen sie auch in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen heran. Beispielsweise mit ihrer allein erziehenden Mutter, mit ihrem Vater in einer Wohngemeinschaft, bei gleichgeschlechtlichen Paaren, bei den Großeltern, mit Mutter und Lebensgefährten sowie deren Kindern, in einer betreuten Jugend-Wohngemeinschaft ect. (Vgl. ebd.) Wenn diese Vielfalt von Lebensweisen in der Gesellschaft (Medien, Literatur, Filme, päd. Einrichtungen ect.) nicht aufgenommen wird, erleben diese Kinder und Jugendliche, dass ihre Lebenszusammenhänge und Erfahrungen nicht mit der vermeintlichen Normalität der Kleinfamilie übereinstimmen. Mit dieser unterschwelligen Methode werden sie ausgeschlossen und diskriminiert. (Vgl.ebd.:1) Dennoch werden immer mehr Mädchen und Jungen dazu angehalten, einen eigenen Lebensentwurf zu entwerfen. Es zeigt sich, dass Frauen und Männer bezüglich der Wahl der Lebensweise gesellschaftlich gewünschte Normen nicht unbedingt einhalten müssen. Damit sind sie in der Wahl ihrer Lebensweise zunehmend freier. Kinder und Jugendliche können sich in ihrem Lebensentwurf vielschichtiger orientieren und haben eine große Bandbreite an Wahlmöglichkeiten, um sich auszuprobieren. Dadurch, dass Strukturen nicht vorgegeben werden, müssen immer wieder neue Entscheidungen getroffen werden. Dies bedeutet eine ständige Auseinandersetzung mit der aktuellen Lebenssituation. (Vgl. Bilden 1991:298) Damit scheint alles für alle ausführbar. Es wird über eine Entwicklung, die aus der Normalbiographie in eine Wahlbiographie steuere, geredet. (Vgl. Beck, Beck, 1990:52ff) Dies suggeriert die Chance, sich die individuell ansprechendste - angeblich gleichrangige Lebenskonzeption - auszuwählen. Jedoch sind Wahlmöglichkeiten häufig nur scheinbar frei, denn sie werden durch gesellschaftliche Normen und institutionelle Rahmenbedingungen beeinflusst. Darüber hinaus wirken „unbewusste Prozesse der Identitätskonstitution, biographische Einflüsse, Gelegenheitsstrukturen und Kontingenzen.“ (Hartmann, 2001:1) Doch schon allein im Hinblick auf Zugangsmöglichkeiten, zum Beispiel zum Arbeitsmarkt, übergeht die These der Wahlbiographie damit reale Diskriminierungsachsen entlang gesellschaftlicher Kategorien wie Geschlecht, Ethnie, soziale Herkunft und Behinderung. (Vgl. Hartmann, 1998:32) Bestehende gesellschaftliche Hierarchien wie >weiß< sein, der Mittelschicht angehören und > gesund< sein, werden bezüglich der >freien Wahl< nicht bedacht. Damit werden auch die mit den einzelnen Lebensentwürfen verbundenen Hierarchisierungen und Diskriminierungen nicht aufgezeigt.

Wie Menschen, die sich für eine gleichgeschlechtliche Lebensweise entschieden haben, in der heutigen Gesellschaft akzeptiert werden, möchte ich im Folgenden betrachten. Als Ausgangsbasis für die aktuelle Situation beziehe ich mich dafür vorerst auf die Weimarer Zeit.

2. Gesellschaftliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen

Exkurs – Homosexualität: historischer Überblick ab Weimarer Zeit

Homosexualität ist ein Begriff der Neuzeit. Dessen ungeachtet haben allerorts und zu jeder Zeit gleichgeschlechtliche Handlungen statt gefunden. Diese wurden immer wieder von Seiten der Regierung oder anderweitig verfolgt. (Vgl. Schoppmann, 2000:127f) Besonders von der Kirche wurde gleichgeschlechtliche Liebe als krankhafte Sünde bezeichnet. Mit der Herausbildung von Sexualwissenschaften konnte dieser Standpunkt zunehmend aufgeweicht werden. (Vgl.ebd.:128) In der Frauenbewegung der Weimarer Republik[11] wurde weibliche Homosexualität nicht diskutiert. Aus diesem Grunde schlossen sich die lesbischen Frauen, wenn auch nur vereinzelt, den männlich dominierten Homosexuellengruppen an. (Vgl. Schoppmann, 1990:11) Der Arzt Magnus Hirschfeld (1868-1935) gründete 1897 das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee“ (WhK). Dieses setzte sich vor allem das Ziel, den §175 StGB, der homosexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte, abzuschaffen. Um dies zu erreichen, strebte das WhK eine wissenschaftliche Aufklärung der Öffentlichkeit an. Das WhK war eher an einflussreiche Personen interessiert, da sich ihre Orientierung auf eine Strafreform und eine akademische Struktur dieser Organisation richtete. (Vgl.ebd.:11) Damit waren Frauen, die erst ab 1908 an den Universitäten zugelassen waren, weniger vertreten. Zudem war es Frauen untersagt (bis 1908), sich politisch zu organisieren (Vgl.ebd.:11). „Erst die Errungenschaften der Demokratie; Versammlungsfreiheit sowie Freiheit der Meinungsäußerung und der Presse, ermöglichten nach 1918 eine Organisierung und Sichtbarwerdung lesbischer Frauen, wie sie bis dahin in Deutschland nicht existiert hatte.“ (Schoppmann, 1990:11) Berlin war das Zentrum der homosexuellen Kultur und Emanzipationsbewegung. Aber auch in anderen Städten[12] gab es in den 20er Jahren für lesbische Frauen ein großes Angebot an Vereinen und Bars (allein in Berlin konnten cirka 70 solcher Clubs gezählt werden). Lesbische Frauen waren in diesen Treffpunkten keine Minderheit, sondern als tragende Gruppe sehr präsent. Sie hatten in diesen öffentlichen Räumen Möglichkeiten ihrem eigenen Lebensgefühl nachzugehen und konnten dabei gesellschaftlich vorgeschriebene Regeln ausblenden. (Vgl. Schader, 2000:19)

„Sie konnten mit heterosexuellen Normen spielen, neue Regeln erschaffen oder sich völlig entgegengesetzt zum eigenen sowie zum fremden Bild verhalten. Verhaltensweisen wurden hier auf ihre Tauglichkeit überprüft. Individuelle Kleidungsstile konnten zur Mode gemacht oder abgelehnt werden. Freundinnen wurden gesucht, gefunden und wieder verloren. In dieser Umgebung entwickelten sich mehr oder weniger langlebige Normen für homosexuelle Frauen.“ (ebd.:16)

Durch diese verschiedenen Vereine und Lokale wurde auch der Emanzipationsprozess gefördert. Einige dieser Vereine waren zudem auch in gemischten Homosexuellenorganisationen aktiv. Wie bspw. in dem „Bund für Menschenrechte“ (BfM), deren Hauptanliegen die Abschaffung des §175 und der Zusammenschluss homosexueller Personen war. (Vgl. Schoppmann, 1990:12) Der Vorsitzende der BfM war einer der bedeutendsten Verleger homosexueller Medien. Trotz eingeschränkter Pressefreiheit gab es Zeitschriften, die speziell an lesbische Frauen gerichtet waren: „Ledige Frauen“, Frauenliebe“, „Garçonne“, „Blätter für ideale Frauenfreundschaft“ sowie „Die Freundin“. (ebd.:12) Diese waren an Kiosken in Berlin erhältlich. Die Zeitschriften konnten teilweise auch über die Grenzen Deutschlands hinaus erworben werden. (Vgl. Schader 2000:9) „Aus keinem Zeitraum sind so viele Zeitschriftenhomosexueller Frauen bekannt die parallel oder mit kurzer zeitlicher Verschiebung existierten.“ (ebd.:14)[13] Gleichzeitig gab es vielfältige lesbische Belletristik, die identifikatorische Angebote beinhaltete. Frauen aller Schichten waren nun auch in der Öffentlichkeit als homosexuelle Frauen erkennbar. (Vgl.ebd.:8) Sie waren Bürgerinnen der Gesellschaft und somit als Frauen sozialisiert. Durch diese weibliche Sozialisation wirkten traditionelle, wissenschaftliche und gesellschaftliche Modelle auf den Entwurf ihrer Selbstinszenierung. (Vgl. ebd.:14) Einen großen Einfluss hatten hierbei die in den zwanziger Jahren weit verbreiteten sexualwissenschaftlichen Theorien.[14] Sie verschafften lesbischen Frauen Möglichkeiten zur Auseinandersetzung und Identifikation, wenngleich diese auch eingeschränkt auf die Typen >viril und feminin< war. Homosexuelle Frauen mussten für ihre Lebensgestaltung einen Entwurf finden, damit ihre Lebensweise der Norm, die auch bezüglich gleichgeschlechtlicher Beziehungen existierte, der damaligen Gesellschaft entsprach. Aus diesem Anliegen heraus, dem gesellschaftlichen Bild von weiblicher Homosexualität zu entsprechen, entwickelte sich die Vorstellung von der Virilität der homosexuellen Frau. (Vgl. ebd.:14) Dies stand zwar in Korrespondenz mit gesellschaftlichen Ansichten, wurde aber auch neu entwickelt und umgestaltet. Jedoch waren diese Freiräume, die Lesben und Schwule erreicht hatten, nicht sicher. So entstand eine Vielzahl von antihomosexueller und antifeministischer Literatur. Diese Autoren befürworteten eine Kriminalisierung der Homosexualität und griffen die Frauenbewegung an:

„Die Frauenbewegung stelle nicht nur die herrschenden Machtstrukturen ungerechtfertigterweise infrage; er warf der angeblich lesbisch unterwanderten Frauenbewegung außerdem vor, Frauen zu „verführen“, sie dem Mann, der Institution Ehe und damit auch dem Staat zu entziehen“. (ebd.12f)

Der öffentliche Verkauf einiger Zeitschriften wurde eingeschränkt und teilweise verboten. Auch viele Vereine hatten sich die Bekämpfung der Homosexualität zum Ziel gesetzt. Des Weiteren wurden 1932 Tanzveranstaltungen und Versammlungen für Lesben und Schwule untersagt. (Vgl.ebd.:13) Auch die Frauenbewegung sollte mit dieser Kriminalisierung der Homosexualität an ihrer Arbeit gehindert werden. Homosexualität wurde unter den Sammelbegriff „Unzucht“ eingeordnet. Dies betraf nach Ansicht der Nationalsozialisten jede Sexualität, die außerhalb der Ehe stattfand und nicht der Fortpflanzung diente. (Vgl.ebd.14f) Die Propaganda gegen ledige und kinderlose Frauen traf besonders lesbische Frauen, da sie zum größten Teil unverheiratet waren. Jedoch heirateten viele auch, um dem gesellschaftlichen Druck zu entgehen: „Im günstigsten Fall konnten die Frauen einen homosexuellen Mann heiraten, dem die Eheschließung ebenfalls, größeren, wenngleich keineswegs absoluten Schutz bot.“ (ebd.:21) Der §175 sollte nach einer Strafrechtdebatte im Reichsjustizministerium auch auf lesbische Frauen ausgeweitet werden.[15] Da aber die meisten Juristen und Bevölkerungspolitiker die Ansicht vertraten, dass die Gefahr der „Verführung“ bei Frauen für den Staat nicht so bedrohlich ist, wie bei homosexuellen Männern, argumentierten sie wie folgt: Eine verführte Frau würde dadurch nicht dem normalen Geschlechtsverkehr entzogen werden, sondern würde bevölkerungspolitisch weiterhin „nutzbar bleiben“. (Vgl. ebd.:22) „(…)weibliche Homosexualität wurde zumeist, (…) über die „Geschlechtsbereitschaft“ und Fortpflanzungsfähigkeit“ der lesbischen Frauen, als „Pseudohomosexualität“ und damit „kurierbar“ entschärft, wenn sie überhaupt erwähnt wurde.“ (ebd.:24) 1933 wurde die Homosexuellenbewegung und –subkultur weitgehend zerstört. Die Organisationen, wie das Institut für Sexualwissenschaft (IfS), BfM und der dem BfM angeschlossene Vereine mussten aufgelöst werden. Weiterhin wurden die Lokale geschlossen und überwacht und das Kommunikationsnetz (Medien) verboten. (Vgl. ebd.:163f.) Die Konzentrationslager, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten errichtet wurden, sollten für Menschen, die allein wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden, eine „Umerziehungsfunktion“ haben. Mit diesem zynischen Begriff wird die Situation, in der sich Homosexuelle befanden, heruntergespielt. (Vgl.ebd.:224)

Die Geschichte der homosexuellen Männer wird zumeist getrennt betrachtet, ohne dass ein Bezug zu lesbischen Frauen hergestellt wird – oder ggf. die Gründe für diese Ausblendung erwähnt werden. Frauen, die mit Frauen zusammen waren, wurden nicht im selben Ausmaß von Staat und Gesellschaft wahrgenommen und verfolgt wie homosexuelle Männer. Dadurch erschwert sich die Rekonstruktion der Geschichte von lesbischen Frauen.[16] Bis heute ist unklar, ob es eine gesondert gekennzeichnete Gruppe lesbischer Frauen in den Konzentrationslagern gab. (Vgl.ebd.:228)[17] Hingegen gab es zahlreiche „getarnte“ Verfolgungen und Einweisungen lesbischer Frauen. Hierfür wurde jedoch nicht Homosexualität als Grund genannt sondern andere Kategorien, wie beispielsweise „Asoziale“, angegeben. Damit blieb die Homosexualität nach außen, z.B. in der Statistik, als Inhaftierungs-(mit)grund in der Regel unsichtbar und wurde nur in Einzelfällen nachgewiesen. Quantitative Angaben können aus diesem Grund nicht gemacht werden. (Vgl. ebd.:230)

„Mit Sicherheit kann man wohl nur sagen, dass es aus Macht- und Bevölkerungspolitischen Gründen keine systematische Verfolgung lesbischer Frauen gegeben hat, die mit derjenigen homosexueller Männer (etwa 500.000 rechtskräftig Verurteilte und 10-15000 KZ-Inhaftierte) vergleichbar wäre.“ (ebd.)

Lesbische Frauen konnten einer Verfolgung dann entkommen, wenn sie nicht wegen anderer Stigmata bedroht waren. Zudem mussten sie sich an die heterosexistische Gesellschaftsstruktur anpassen und ihr homosexuelles Begehren unsichtbar machen. „Ihre Lebensweise wurde dagegen zerstört, was sich nicht nur in psychischen Schädigungen einzelner, sondern auch in der bis weit in die heutige Zeit reichende Tabuisierung und Diskriminierung der weiblichen Homosexualität insgesamt niederschlug.“ (ebd.:253)

Die Weimarer Republik stellt eine Zeit dar, an die wieder angeknüpft werden konnte. Dies geschah jedoch nicht sofort. Zwar kam es nach dem Krieg, zumindest in Berlin, zu einem vorübergehenden Aufleben der lesbischen Kultur (Jäger, 1998:60f)[18] doch insgesamt waren die 50er und 60er Jahre von einer repressiven Lage gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe geprägt. Denn in dieser Zeit kam es zu einer „Hochblüte heterosexueller ‚Verpaarung’.“ (ebd.:61) Ein Grund dafür war, dass es den Menschen besonders nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges, ein Bedürfnis war >Normalität< herzustellen. Erst mit Beginn der Neuen Frauenbewegung konnten durch gesellschaftliche Veränderungen, durch soziale Bewegungen (bspw. die Ereignisse von 1968) die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass „sich in der alten Bundesrepublik zu Beginn der 70er Jahre lesbische Frauen im Rahmen des frauenbewegten Aufbruchs zu vernetzen begannen.“ (Jäger, 1998: 60)

Mit der Abschaffung des §175[19] StGB wurde die Voraussetzung geschaffen, homosexuelle Beziehungen nicht mehr zu kriminalisieren. Vorerst zumindest werden sie strafrechtlich betrachtet den heterosexuellen Beziehungen gleichgestellt. (Vgl. Krüger, 1993:11) Auch werden die Belange von Lesben und Schwulen gesellschaftlich zunehmend ernst genommen und besprochen. Thomas Krüger, Senator für Jugend und Familie, sagte in der Eröffnungsrede zum pädagogischen Kongress: „Lebensformen und Sexualität“ am 16. September 1992, dass die Abteilung Familie sich die Aufgabe stellt, Familienpolitik nicht mehr nur auf die heterosexuelle Kleinfamilie zu beziehen, sondern die Vielzahl verschiedener existierender Lebensweisen mit einzubeziehen. Diesen vielfältigen Lebensweisen muss die Politik und Pädagogik, vor allem im Zusammenhang mit der nächsten Generation, gerecht werden. (Vgl.ebd.:12) Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Thema veränderte Lebensweisen und Sexualität wurde in den vergangenen 20 Jahren hauptsächlich in kleinen Gruppen (die sich zumeist aus einem Personenkreis zusammensetzte, der dieser Thematik privat sehr nahe stand) durchgeführt. Vom Senator für Schulwesen fordert die GEW Berlin (Gewerkschaft - Erziehung und Wissenschaft Landesverband Berlin), die Resultate der neuen Sexualforschung in den Rahmenplänen mit einzubeziehen. Das sollte nicht nur im Fach Biologie geschehen, denn Sexualerziehung kann nicht nur an ein Unterrichtsfach gekoppelt sein, sondern sollte als Unterrichtsprinzip in verschiedenen Bereichen eingeordnet werden. Wenn Sexualerziehung auf das Fach Biologie beschränkt bleibt, besteht die Gefahr, dass Homosexualität auf das rein körperliche, genetische beschränkt wird. Es würde außer Acht gelassen, dass Liebe und Begehren zentrale Themen im Leben eines Menschen sind und das die Hinwendung zu einer gleichgeschlechtlichen Lebensweise nicht in erster Linie eine sexuelle, körperliche Entscheidung ist. Eine Behandlung des Themas ausschließlich im biologischen Kontext würde den Anschein erwecken, es handelte sich um etwas außerhalb der Norm stehendes; als eine Möglichkeit zwar, aber nicht als das „normale“. Durch das ausschließen des Themas Homosexualität aus anderen Schulfächern, wie beispielsweise Deutsch, Geschichte oder Sozialkunde, würde sie von den Schülern - wenn überhaupt - als eine befremdende, eher seltene Randerscheinung wahrgenommen. Als eine tatsächlich nur auf das körperliche und rein sexuelle begrenzte Angelegenheit, der aber ansonsten im gesellschaftlichen Kontext eine so untergeordnete Rolle zukommt, dass sie in anderen, nicht rein biologischen Zusammenhängen nicht weiter erwähnenswert scheint.

Die GEW Berlin setzt sich für die Realisierung einer emanzipatorischen Sexualerziehung ein und stellt dafür drei Forderungen auf: Erstens die Gleichstellung der Geschlechter sowie zweitens die Gleichstellung von Homosexualität und Heterosexualität als gleichberechtigte Lebensform. Drittens verlangt die GEW eine Aufklärung darüber, dass Sexualunterdrückung eine politische Funktion hat. (Vgl.ebd.:15) Hierfür sollten neue Materialien fertig gestellt werden und LehrerInnen und ErzieherInnen in Qualifizierungen bei der Durchführung von Rahmenplänen begleitet werden. Besonders LehrerInnen und PädagogInnen haben die Aufgabe, Vorurteile gegen Homosexuelle abzubauen. Kindern und Jugendlichen sollte die Möglichkeit gegeben werden, mit Homosexuellen in Kontakt zu treten, wie es vereinzelt schon durchgeführt wird. Das Stichwort „Lebensformenpolitik“ wurde erst in den letzten Jahren in der Bundes- und Landespolitik eingeführt. Trotzdem besteht bei der Frage nach dem Familienstand meistens nur die Möglichkeit „ledig“, „verheiratet“, „geschieden“ oder „verwitwet“ anzukreuzen. (Vgl. Strahmer, 1998:15) Einige Formulare, z.B. das vom Arbeitsamt, haben nach der Einführung der Homosexuellenehe auch die Variante „eingetragene Partnerschaft“ hinzugefügt. Jedoch ist es sehr aufschlussreich für die Annerkennung der gleichgeschlechtlichen Lebensform, dass hier nicht die gleichwertige Bezeichnung „verheiratet“ gewählt wurde. Das Bafög-Formular hingegen bietet neben den üblichen anzukreuzenden Möglichkeiten nur die Bezeichnung „dauernd getrennt lebend“ an. „Eine Vielzahl der heute gelebten Lebensformen, findet sich in dieser Begrenzung auf die Frage nach dem Verheiratetsein oder -gewesensein noch immer nicht wieder.“ (Strahmer,1998:15) Anderseits ist ein öffentliches statistisches outen nicht notwenig. Denn wenn sich aus dem Angekreuzten keine steuerlichen oder sonstigen Vergünstigungen bzw. Veränderungen ergeben, hat es die Ämter nicht zu interessieren, für welche Lebensweise sich Personen entschieden haben.

Seit Beginn der 90er Jahre nehmen die politischen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland immer mehr die Veränderungen der gewählten Lebensformen wahr und reagieren darauf: Die Bundesländer Brandenburg, Thüringen und Berlin haben in dem Grundrechtkatalog ihrer Verfassung aufgenommen, dass „niemand...wegen seiner sexuellen Identität...benachteiligt oder bevorzugt werden (darf)“ und dass „andere auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaften. Anspruch auf Schutz vor Diskriminierung (haben).“[20] Die Akzeptanz verschiedener Lebensformen in der Schule zu fördern und dabei Homo-, Hetero-, und Bisexualität als gleichwertige Ausdrucksformen menschlicher Sexualität vorzustellen, wurde somit auch von einigen Kultusministerien beabsichtigt. (Vgl. Hartmann, 1998:11) Die Senatorin für Schule, Jugend und Sport, Ingrid Strahmer, schrieb dazu: „Jeder Mensch muß seine Lebensform selbst bestimmen und eigenverantwortlich leben können. Ich setze mich deshalb für rechtliche Absicherung verschiedener Lebensformen und deren soziale Anerkennung ein.“ (Strahmer, 1998:15) Ähnlich wie vorangehend in Brandenburg und Thüringen wurde in die Berliner Verfassung 1995 folgender Artikel hinzugefügt: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung oder seiner sexuellen Identität benachteiligt oder bevorzugt werden.“[21] In Artikel 12 heißt es: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“. Im zweiten Absatz heißt es weiter: „Andere auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaften haben Anspruch auf Schutz vor Diskriminierung“[22] Mit der Reform des Kindschaftsrechts auf Bundesebene soll die Gleichstellung ehelicher und nichtehelicher Kinder erreicht werden.

[...]


[1] Zur besseren Lesbarkeit werde ich im Folgenden für die Benennung von Frauen und Männer das große ’I’, anstatt die Schreibweise (Protagonistinnen und Protagonisten), verwenden.

[2] Dispositive bezeichnet ein Diskursfeld, ein Netz diskursiver und nicht-diskursiver Praxen, das als ein zentrales Bündel an Machtbeziehungen über die sprachliche Produktion und Zirkulation von Wissen (Diskursen) hinaus nicht-sprachliche Aspekte wie Institutionen, Interaktionen, Ökonomie umfasst. (Vgl. Hartmann, 2001:5)

[3] Den meisten Frauen sind Aufforderungen und Ermahnungen seitens der Eltern, wie: >sei ein braves Mädchen< oder >so sitzt ein Mädchen nicht!<, bekannt.

[4] Nach Hagemann-White gibt es etwa fünf Möglichkeiten der körperlichen Geschlechtsbestimmung: Das Chromosomengeschlecht, das Keimdrüsengeschlecht, das morphologische Geschlecht (innere Geschlechts-organe, äußere Geschlechtsorgane, geschlechtstypischer Körperbau) das Hormongeschlecht, geschlechtstypische Besonderheiten im Gehirn. (Vgl.1984:34f) Wellner und Brodder halten weiterhin dazu fest: „Das äußere morphologische Geschlecht ist, wie wir wissen, nur eine Geschlechtsbestimmung unter mehreren möglichen. Es hängt zwar im Normalfall eng mit den anderem zusammen; es gibt jedoch –zumindest aus biologischer Sicht– keinen Grund, warum in psychologischen Untersuchungen ausgerechnet das morphologische Geschlecht als unabhängige Geschlechtsvariable gewählt werden sollte“ (1979:126)

[5] Vgl. Dr. Appel, Essen, Katrin: Thieme Fachzeitschrift- Geburtshilfe und Frauenheilkunde. 5/2004

[6] Ein prägnantes Beispiel für einen Geschlechtswechsel vom Männerberuf zum Frauenberuf ist die Geschichte des Sekretärsberufs (Vgl. Frevert, 1984: 82ff) In höheren Position jedoch üben Männer heute noch vielfach diesen Beruf aus (Staatssekretäre)

[7] „Frauen verdienten 2003 rund 30% weniger als Männer“ Statistisches Bundesamt (Hg.): Pressemitteilung 03.03.04 (Internetrecherche vom .02.03.05)

[8] Den Begriff Lebensweise habe ich von Jutta Hartmann entnommen, den sie den Term der Lebensform vorzieht: „Zum einen lässt sich mit dem Begriff Lebens weisen die Erörterung von Strukturmerkmalen der Lebensformendebatte mit Fragen zu geschlechtlichen und sexuellen Existenzweisen verbinden. Geschlecht und Sexualität erscheinen dann nicht mehr als selbstverständliche und feststehend in Lebensformen eingehende Größen, sondern als gesellschaftlich-kulturelle Diskurse, als ‚Kunstwerke’ im Sinne kontinuierlicher Performativität, eigensinniger Einzigartigkeit und möglicher aktiv-kreativer Formung(…) Zum anderen vermag der Term der Lebens weise das dekonstruktive Potential des Unbestimmten und Unabgeschlossenen aufzunehmen. Anders als mit dem klar umgrenzten Begriff der Lebensform möglich, verbinde ich mit dem offenen Begriff der Lebens weise den Gedanken der différance im Sinne der Dekonstruktion. (Derrida 1986)“ (2001:99)

[9] Unter living-apart-together sind Paare zu verstehen, die auf einen gemeinsamen Haushalt verzichten, weil dies ihrer Vorstellung von Partnerschaft am meisten entspricht.

[10] „Die zumeist verwendeten Begrifflichkeiten wie „nicht-eheliche Lebensgemeinschaft“, „Ein-Elternfamilie“ oder „Stieffamilie“ referieren auf die traditionell-bürgerliche Lebensform, schreiben den vielfältigen Möglichkeiten jenseits von Ehe und traditioneller Familienkonstellation keinen eigenständigen Wert zu und reproduzieren letztgenannte als Normalitätsmuster“ (Hartmann, 1998:32)

[11] Auch in dieser Zeit existierte ein bestimmtes Frauenbild. Die neue Frau der Moderne sollte jung, sportlich, selbstbewusst, schlank und schön sein. Rauchende selbstsichere Frauen gehörten zum Straßenbild von Berlin. Ein zweiter wesentlicher Faktor war die Kleidung, die Berufskleidung, außerhäusliche Kleidung und Sportkleidung, bezüglich der Frisur war der „Bubikopf“ modegerecht. Obwohl das Berufsverbot für Frauen aufgehoben war, wurden sie schlechter bezahlt als Männer. Aus diesem Grunde konnten sich viele Frauen dieses aufwändige Image nicht leisten. (Vgl. auch Ankum, 1999, Frevert, 1989, Koch, 1988) Nach Ankum gab es drei verschiedene Frauentypen: Gretchen, Girl und Garçonne. (Vgl. Ankum, 1997)“

[12] „Die Anonymität der Großstadt und ein fortschrittliches Klima hatten dies begünstigt. Demgegenüber war die soziale Kontrolle durch Familie und Umwelt auf dem Land und in den Kleinstädten viel repressiver.“ (ebd.:11f)

[13] „In den Zeitschriften formulierten sie ein Idealbild der virilen, d.h. männlich bestimmten, homosexuellen Frau für alle homosexuellen Frauen, um auf dieser Basis die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexualität zu fordern. Gleichzeitig resultierte aus diesem Ideal die Forderung nach männlichen Privilegien (z.B. Annerkennung der beruflichen Leistungen und freier Zugang zu männlich dominierten Führungspositionen). Dieser „emanzipatorische“ Ansatz darf aber nicht überbewertet werden. Er ist logischer Schluss aus dem Ideal der Virilität und bezieht sich auf gegebene patriarchale Strukturen, ohne diese in Frage zu stellen. Auf der Beziehungsebene zwischen homosexuellen Frauen ist „viril“ Teil des erotischen Konzeptes von viril und feminin. Auf dieser Ebene ist viril nicht denkbar ohne den erotischen Gegenpol feminin.“ (Schader, 2000:15)

[14] In den 20er Jahren galt als wissenschaftlich belegt, dass der Geschlechtscharakter determiniert sei und damit bestimmte männliche und weibliche Verhaltensweisen festgelegt sind. Homosexuelle Handlungen widersprachen diesem Gesellschaftsmodell und ließen sich daher nicht einfach integrieren. Damit, dass lesbische Frauen ihr Begehren auf Frauen richten, wurde angenommen, dass es in ihnen „männliche Anteile“ geben müsse. Damit wurde ihr „Frau-Sein“ in Frage gestellt. Von Seiten der Sexualwissenschaft wurden homosexuelle Frauen als „defizitäre Männer“ beschrieben. (Vgl. ebd.:12f) „Die Positionierung von Homosexualität zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, eine von den Sexualwissenschaftlern neu festgelegte Ordnung, wurde selten hinterfragt und hat auch heute noch Relevanz.“ (ebd.:13)

[15] In einem Artikel im VB („Völkischer Beobachter“) wurde zuvor (1929) die Zwangssterilisation von Homosexuellen gefordert. Ab 1930 gab es keine Stellungnahme der NSDAP zur Homosexualität mehr. (Vgl.ebd.:16) „Daß hing wohl damit zusammen, dass 1931 die Homosexualität des SA- Stabschef Ernst Roehm aufgrund von Briefveröffentlichungen „entdeckt“ wurde und in der Presse 1931/1932 für Wirbel sorgte, der den Nazis sehr ungelegen kommen musste“ (ebd.) Die SPD startete eine Artikelserie zum Thema „Faschismus und Homosexualität“, die die Doppelmoral der Nazis in Frage stellte. Gleichzeitig benutzte die SPD die Homophobie der Mehrheit der Bevölkerung um sie gegen Homosexuelle aufzuhetzen. Teilweise äußerte die KPD ähnliche Ansichten. Hitler und Himmler deckten Roehm ausschließlich aus taktischen Gründen, da sie glaubten, dass er zur Durchsetzung der Machtübernahme bedeutend sei. (Vgl. ebd.) „Doch dies änderte nichts an der prinzipiellen Kampfansage gegen Homosexuelle – insbesondere gegen sichtbare und politisch organisierte Form. Sie war logischer Bestandteil einer Ideologie, die die Menschen der freien Selbstbestimmung über ihre Sexualität beraubte.“ (ebd.)

[16] Es gibt nur sehr wenige Quellen aus der Sicht der Verfolgungsbehörden (Bspw. kein §175 oder rosa Winkel als Suchkriterium). Gleichzeitig hatten die Frauen oft nicht die Möglichkeit, ihre Situation schriftlich festzuhalten oder an die Öffentlichkeit zu treten. (Vgl.ebd.:128)

[17] „Auch mehr als 45 Jahre nach Kriegsende gibt es „vergessene“ Seiten im unrühmlichsten Kapitel deutscher Geschichte. So war die Einstellung der Nationalsozialisten zur Homosexualität, und insbesondere(…)die Geschichte lesbischer Frauen, für die Geschichtswissenschaft bisher kein Thema.“ (Schoppmann, 1990:V)

[18] 1951/52 erschienen in Hamburg sogar einige Ausgaben einer Lesbenzeitschrift mit dem Titel Wir Freundinnen, eine „Monatsschrift für Frauenfreundschaft.“ Diese wurde aber nach wenigen Ausgaben eingestellt. Erst 1975 folgte die nächste Lesbenzeitschrift Unsere kleine Zeitung. Gefolgt von vielen weiteren Lesbenzeitschriften. (Vgl. Schupp, 1998:30)

[19] 1969 Strafrechtsreform: Sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern (Altersgrenze 21J. ab 1973 18J.) werden straffrei. 1994 Abschaffung des § 175. (Vgl. Homepage Gesetze www. beepworld.de/gesetze.htm.)

[20] Verfassung des Landes Brandenburg, 1992, Art.12 (2) und 26 (2); Verfassung des Freistaates Thüringen, 1993, Art.2 (3); Verfassung von Berlin,1995, Art.10 (2) und 12 (2)

[21] Verfassung des Landes Brandenburg, 1992, (Artikel 10 (2) )

[22] Verfassung des Landes Brandenburg, 1992, (Artikel 12 (2) )

Ende der Leseprobe aus 138 Seiten

Details

Titel
Gleichgeschlechtliche Lebensweisen aufgezeigt am Beispiel von Jugendliteratur
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Erziehungswissenschaften)
Note
1-
Autor
Jahr
2005
Seiten
138
Katalognummer
V50057
ISBN (eBook)
9783638463591
ISBN (Buch)
9783638680141
Dateigröße
1312 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gleichgeschlechtliche, Lebensweisen, Beispiel, Jugendliteratur
Arbeit zitieren
Kathrin Kadasch (Autor), 2005, Gleichgeschlechtliche Lebensweisen aufgezeigt am Beispiel von Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50057

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