Theologe sein heute

Autobiographische Reflexionen in Briefen an meine Kinder, Enkel und Urenkel 2017 – 2019


Diskussionsbeitrag / Streitschrift, 2019
221 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Biografische Schritte
Der Anlass: Ein Gespräch in Waldheim
1 Warum wollte ich selbst Pfarrer werden?
2 Karl Jaspers und seine Bücher
3 Theologe, aber zugleich Soziologe: Begegnung mit Romano Guardini
4 Die Faszination der historisch-kritischen Forschung und Eduard Steinwand
5 Lutherische Theologie in Erlangen: Paul Althaus
6 Soziologie von Creglingen aus: Georg Weippert, Jakobus Wössner und Gerhard Wurzbacher
7 Nachgedanken

Über die Schwierigkeit, in einer von den empirischen Wissenschaften geprägten Lebenswelt an Gott zu glauben – Erinnerung an die Anfänge
1 Johannes Kepler
2 Blaise Pascal
3 Gottfried Wilhelm Leibniz
4 Philipp Matthäus Hahn

Über das hierarchische Verhältnis von Religion und Wissenschaft und über die Umkehrung ihrer Hierarchie in der Moderne
1 Über Reiseberichte, Reisebücher und Reisefotovorträge: Individuelle Interessen, familiäre Traditionen, berufliche Aufgaben
2 Von verehrten Bäumen
3 Die Gesellschaft als Ort der Entstehung unterschiedlicher Formen der Wahrnehmung, Deutung und Gestaltung von Wirklichkeit oder: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit
4 Nankinger Impressionen: Ferne und nahe Lebenswelten
5 Und noch einmal Nanking: Musealisierung und alltagsweltliche Fortdauer von Religion
6 Ein Blick auf die wissenschaftliche Diskussion: Die begrenzte Organisierbarkeit von Religion und die Formen nichtorganisierter Religion
7 Die Wissenschaft an der Spitze der lebensbewältigenden Sinnsysteme
8 Religion in einer wissenschaftlich orientierten Kultur
9 Anpassung und Widerstand: Theologie im System der modernen Wissenschaften
10 Religiöse Gemeinschaften als Sozialgestalten kognitiver Minderheiten
11 Religiöse Vielfalt in säkularisierten Gesellschaften
12 Theologe sein heute – ein persönliches Fazit oder: Der langen Rede kurzer Sinn

Von Gott reden
1 Von Gott reden als wissenschaftlich ausgebildeter Theologe, aber doch hier als Vater und Großvater
2 Von Gott reden: Im Gottesdienst, im Seminar, in Briefen an die Familie
3 Auf der Grundlage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses von Gott reden
4 Von Gott reden als dem Erschaffer von Welt und Mensch
5 Ich glaube an Gott Vater
6 Die Bitten um das Lebensnotwenige im Vaterunser
Die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach in der Berliner Philharmonie am 14. März 2019
7 Jesus von Nazareth, der König der Juden
8 Reden von dem, was nach der Kreuzigung geschah
9 Gelitten, gekreuzigt, gestorben, begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes Die brennende Kathedrale
10 Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern. Das Kommen des Heiligen Geistes
11 Vom Tod des Todes Zum guten Ende

Literatur, die ich erwähnt habe oder die mich besonders beeindruckt hat

Biographische Notiz

Biografische Schritte

Der Anlass: Ein Gespräch in Waldheim

4. August 2017

Ihr Lieben,

schon lange beschäftigt mich meine Zusage, die ich der Margareten-Familie gegeben habe. Es war an einem der März-Geburtstage. Das Kaffeetrinken auf der Terrasse in Waldheim war zu Ende. Möglicherweise – ich kann es nicht mehr genau sagen – war es eine spöttische Bemerkung in Richtung Pablo. Religion war eines der mündlichen Fächer in der Abiturprüfung. Er hatte sie glänzend bestanden. Bei der Abschlussfeier hatte er einen Preis der Landeskirche, vielleicht auch des Landesbischofs, verliehen bekommen. Verlegen hatte er ihn angenommen. Und die innerfamiliäre Erinnerung daran brachte ihn nun wieder in eine Situation, in der er sich nicht ganz wohl fühlte. Ich bin mir sicher, er wäre ein guter Theologe geworden. Aber nicht einmal im Stillen habe ich dies gewünscht. Man muss heute sehr widerständig sein, wenn man Pfarrer werden will. Religion ist Sache einer Minderheit geworden. Dies muss man wissen.

Mutter Margarete nahm das kleine Geplänkel auf. Sie wandte sich an mich, den Vater und Großvater: „Wie verbindest du das eigentlich: in der heutigen Welt zu leben, einer profanen Wissenschaft zu huldigen, in meinem Fall der Soziologie, und trotzdem Pfarrer zu sein, Theologe zu sein und zu versuchen, als Christ zu leben?“ Ich konnte auf die Schnelle nicht antworten. Nur so viel habe ich, meiner Erinnerung nach, geantwortet: Ich lebe in zwei Welten, in der Welt der säkularen Moderne und in der Welt meines Glaubens. Ich lebe mit zwei Identitäten. Und das habe ich auch geäußert: „Ich lebe einen schlichten, fast kindlichen Glauben an Gottes Führung, und ich lebe in der Moderne, die aus der Tradition des christlichen Glaubens stammt, aber vergessen hat, dass sie ihren Ursprung in ihm hat, ihn leugnet, seine gegenwärtigen Formen übersieht und letztlich der wissenschaftlichen Welterklärung die Deutung des Seins überlässt.“

Kann man mit zwei Identitäten leben? Oder gar mit mehreren? Ich glaube, dass viele Menschen dies tun. Und dann, nach diesen kurzen Andeutungen, kam das Versprechen: Ich schreibe Euch auf, wie ich über diese Frage denke. Ihr, damals an den Resten des Kaffeetischs Sitzenden, habt meine Zusage ernstgenommen. Ich versuche jetzt, ihr nachzukommen.

Im Grunde war es ein etwas leichtsinnig gegebenes Versprechen. Die Frage lässt sich nicht mit einem einzigen Satz beantworten. Jedenfalls für mich nicht. Hin und her habe ich über mögliche Vorgehensweise nachgedacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, Euch Briefe zu schreiben, so wie ich es schon einmal gemacht habe, als ich Euch, den Enkeln, von meiner Kindheit auf der Schwäbischen Alb erzählte. Nur wird es diesmal komplizierter. Überfliegen werdet Ihr die Briefe wahrscheinlich nicht können. Nun denn. In den ersten Briefen schreibe ich Euch zunächst über meinen Weg in die Theologie und darüber hinaus.

Lasst es Euch gut gehen. Übermorgen treffe ich viele von Euch. Ich begehe meinen 86. Geburtstag. Wir werden in der Astrid-Lindgren-Straße wieder einmal zusammen sein.

Herzlich grüßt Euch der Vater, Großvater und Urgroßvater

1 Warum wollte ich selbst Pfarrer werden?

16. August 2017

Dass ich Pfarrer geworden bin, ist alles andere als selbstverständlich. Letztlich erinnere ich mich überhaupt nicht mehr, wann mir deutlich geworden ist, dass ich das tun wollte, und wann ich es in der Familie „öffentlich“ gemacht habe.

Es ist mancherlei zusammengekommen, das meinen Entschluss reifen ließ. Und glaubt nur nicht, dass dieser Entschluss reine Freude ausgelöst hätte. Am ehesten bei meiner Großmutter Olga, der Mutter meiner Mutter. Nicht in der Familie Daiber, verkörpert durch Tante Emma, Zeit ihres Lebens mit Haus der Eltern unverheiratet geblieben, auch nicht bei meiner Großmutter Daiber –Großvater Daiber war schon in den letzten Kriegsjahren verstorben –, nicht einmal bei meinem Vater, von allen Mitgliedern unserer Familie wohl am stärksten in christlichen Kreisen beheimatet, etwa im Ebinger CVJM, ein „diskreter Christ“. Kirchenfern waren meine Leute nicht, sondern durchaus kirchlich, jedoch ohne in die Kirche, ohne in den Gottesdienst zu gehen. Schon, dass ich studieren wollte, überschritt das Wunschvermögen meiner engeren Familie. Eine kaufmännische Lehre sei doch gut genug. Und dann noch Pfarrer! Pfarrer waren Respektspersonen, wohl geachtet von den Meinen. Respektpersonen, aber doch vielleicht zu außerweltlich. Wenn studieren, dann Ingenieurswissenschaften, Jura oder Medizin. Aber Pfarrer? Eigentlich undenkbar. So war das in den späten vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Ihr seht, es war mir nicht ins Stammbuch geschrieben, dass ich Pfarrer geworden bin. Aber warum bin ich dann trotzdem Pfarrer geworden?

Eigentlich durch eine Konstellation von Zufällen.

Ich bin in einer christlichen Kultur geboren. Ich bin evangelisch getauft. Ich bin im evangelischen Konfirmandenunterricht unterrichtet geworden. Bei einem Bombenangriff habe ich meine Mutter verloren. Zufällig war ich nicht in meinem zerstörten Elternhaus. Zufällig auch musste ich bei meiner Konfirmation 1946 den Anfang des 73. Psalms deklamieren: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat…“ Welchen Umständen ich meinen Konfirmationsdenkspruch verdanke, weiß ich nicht: „Des Herrn Rat ist wunderbar und er führt es herrlich hinaus“ (Jesaja 28, 29). Zufällig schloss ich Freundschaft mit dem katholischen Mitschüler Veremund Schwarz, der schon von Kindesbeinen an wusste, dass er Priester werden sollte und wollte. Zufällig kam ich in dieselbe Klasse, in der auch Jörg Baur war, ungewöhnlich gescheit und leidenschaftlicher Diskussionspartner, der damals auch nahe daran war, sich für das Theologiestudium zu entscheiden. Zufällig hatte ich, oder hatten wir, einen Religionslehrer, der ein mannhafter theologischer Gelehrter war. Bevor er ans Gymnasium nach Ebingen kam, war er Assistent des höchst bekannten Professors Helmut Thielicke. Er, Hans Conzelmann, hat dafür gesorgt, dass Jörg Baur und ich uns im Rahmen des traditionellen Auswahlverfahrens um einen Stipendienplatz für das Evangelische Stift in Tübingen bemühten. Und dann ging es so weiter: Ich begegnete Elsbeth Frauer, Pfarrerstochter und Jungdiakonisse in Schwäbisch Hall. Zufällig wurde sie während meines zweiten Semesters nach Tübingen versetzt, dorthin, wo ich gerade erst Theologie zu studieren begonnen hatte.

Ihr seht, es waren alles nur Zufälle, die mich letztendlich Pfarrer werden ließen.

Ihr habt es sicherlich schon bemerkt: Es waren zu viele Zufälle, um alles nur dem Zufall überlassen zu sehen. Und so habe ich mich denn zu einer anderen Lebensdeutung entschlossen, nämlich zu sagen: Es musste so sein. „Des Herrn Rat ist wunderbar, und er führt es herrlich hinaus." Dabei verstehe ich das „herrlich“ höchst bescheiden. Ich bin ja nicht Bischof geworden und nicht Vorsitzender des Rates der EKD. Ich war viele Jahre lang ein einfacher Landpfarrer, dessen Karriere im Württembergischen Oberkirchenrat relativ früh als beendet betrachtet worden war. Militärpfarrer sollte ich noch werden oder Stadtpfarrer von Saulgau. Glücklicherweise bin ich diesen Versuchungen nicht erlegen. Die Weichen waren schon anders gestellt.

Eines ist mir fast immer geblieben, eben dies, dass ich die Zufälle meines Lebens als Führungen verstehen lernte. Dass die Zufälle nicht Zufälle waren, sondern Konstellationen, in denen sich der Wille Gottes mit mir verwirklichte. Die protestantische Frömmigkeit ist voll von solchen Lebensdeutungen und Lebensgewissheiten. Man findet sie in der Bibel, aber auch in den Gesangbüchern. Sie waren oft wichtiger als die Bibel selbst. Bei einer meiner letzten Reisen nach Münster im Herrgottstal bekam ich von der damaligen Ortspfarrerin, Frau Sigrid Telian, eine württembergische Ausgabe des Evangelischen Gesangbuches geschenkt: ein schweres und voluminöses Gesangbuch mit sage und schreibe 1712 Seiten. Die deutschen Gesangbuchmacher scheinen dem Irrglauben erlegen zu sein, je dicker das Buch sei, desto eher werde es als Lexikon evangelischen Lebens benutzt. Im Endeffekt sind es einige wenige Lieder, die heute noch als lebensdeutend empfunden werden, so etwa das Lied von Paul Gerhardt von 1653:

Befiel du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege,

Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann (Evangelisches Gesangbuch, Lied 361 Strophe 1).

Ein Lob den württembergischen Gesangbuchmachern, dass sie ein kleines Gedichtchen von Eduard Mörike mit aufgenommen haben:

Herr, schicke was du willst,

Ein Liebes oder Leides;

Ich bin vergnügt, dass beides

Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden

Und wollest mit Leiden

Mich nicht überschütten!

Doch in der Mitten

Liegt holdes Bescheiden.

(Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe Württemberg, S. 715)

Und damit Ihr nicht meint, diese Erfahrungsdeutungen und Lebensbitten seien eben 17. und 19. Jahrhundert – Paul Gerhard noch von der Zeit des Dreißigjährigen Krieges geprägt, Eduard Mörike vom Idealbild eines schwäbischen Biedermeiers –, füge ich eine Strophe von Dieterich Bonhoeffer hinzu, die im Gefängnis entstand, schon damals bedroht von der Todesstrafe:

Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr.

(www.ekd.de)

All diese Strophen sind geschrieben in Ängsten, aber geborgen im Glauben, keinen Zufällen ausgeliefert, sondern von der providentia Dei specialis, also der göttlichen Vorsehung und Fürsorge, geleitet.

Warum sollte der Lebensweg eines Menschen nicht in seiner Gänze als von göttlichem Begleiten mitgedacht sein? Die Stufen meiner Zufälle wären damit gottgewollte Fügungen. So wie dieses Leben geworden ist, wären sie Fügungen nach „des Herren Rat“.

Doch überzieht man damit nicht das eigene Leben mit einer Bedeutsamkeit, die ihm nicht zukommt?

Viel später bin ich Überlegungen des Soziologen Niklas Luhmann begegnet. Er versuchte als Soziologe zu verstehen, warum Menschen an Gott glauben, wie ein Gottesglaube überhaupt entstehen konnte. Und er meinte, im Gottesgedanken begegne uns die Chiffrierung des Kontingenten, alles dessen, was immer auch anderes sein könnte, als es ist oder war oder wurde. Menschliche Gesellschaften könnten das Zufällige nicht aushalten, darum sei die Rede von Gott entstanden. Dadurch könne Lebensbejahung entstehen und Selbstgewissheit, ohne die Gesellschaften nicht existieren könnten.

Meine Lieben, ich habe von den Zufällen berichtet, die mich, alle zusammengenommen, Pfarrer werden ließen. Dies ist an sich schon Lebensdeutung. Dann aber habe ich die andere Perspektive vorgestellt, die der christlichen Tradition und ihres Gottesglaubens. Ich habe das Zufällige als providentia Dei gedeutet, als Fügung, die mein Leben in seine Bahn brachte. Es gibt heute nicht mehr viele Menschen, die mich verstehen, wenn ich das so einfach sage. Die Mehrheit unserer Zeitgenossen denkt anders: Zufall bleibt Zufall. Über die hier angedeutete Spannung müssen wir später reden.

Ich grüße Euch.

2 Karl Jaspers und seine Bücher

18. August 2017

Ich habe versucht, euch zu schreiben, wie ich dazu gekommen bin, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden. Von den Anfängen an wollte ich nie ausschließlich Theologie studieren. Der Religionsunterricht meines Religionslehrers Hans Conzelmann in der Oberstufe des Gymnasiums war für mich zwar nicht gerade unerträglich, aber uninteressant und zugleich aufdringlich. Was ich an seinem Unterricht vermisste, war die historische Einordnung von Texten. Seine Auslegung war mir zu erbaulich. Ich erinnere mich an seine Behandlung des Römerbriefs. Conzelmann stand damals noch ganz unter dem Einfluss von Karl Barth. Für ihn war der Römerbrief das Non plus Ultra seiner Theologie, Glaubensäußerung, die nur in der frommen Hingabe an den Text diesen erschließen konnte. Mir fehlte bei dieser Auslegung die Distanz, die mir die Freiheit gab, mich selbständig dem Text zu nähern, auch kritisch, historisch-kritisch.

Was mich während meiner späten Gymnasialzeit anregte, waren der Deutsch-Unterricht und der Philosophie-Unterricht des leidenschaftlichen Oberstudiendirektors Wills, der wegen Parteimitgliedschaft von Tübingen nach Ebingen versetzt worden war. Seine Einführung in die Philosophie war mir fast mein ganzes Leben lang hilfreich: informationshaltig, systematisch geordnet, an den klassischen Disziplinen orientiert, das Wesentliche herausarbeitend. Das kam mir deshalb entgegen, weil ich Abonnent der Zeitschrift „Universitas“ war, einer Zeitschrift mit dem Anspruch, aus den verschiedenen Disziplinen der Universität die Einheit und Vielheit europäischer Wissenschaftstradition zu präsentieren. Beim Umzug von Creglingern nach Hannover 1971 musste ich mehrere Kartons von Universitas-Heften dem Altpapierhändler überlassen.

Über die Universitas bin ich auf den Heidelberger Philosophen Karl Jaspers gestoßen, neben Martin Heidegger wohl der wichtigste Vertreter der deutschen Existenzphilosophie.

Dieser Tage habe ich das kleine Büchlein „Einführung in die Philosophie“ in meiner Bibliothek gesucht. Ich musste schon auf die höchste Stufe der Leiter steigen, um an die Bücher von Jaspers zu gelangen. Und wirklich, kaum von unten sichtbar, neben einem dicken Jaspers-Wälzer stand das kleine Büchlein. Es ist ein besonders schöner Leinenband mit gepflegtem Schutzumschlag aus dem Artemis-Verlag in Zürich, erschienen 1950. Es enthält zwölf Radiovorträge, gehalten im Herbst 1949 im Studio Basel des Schweizerischen Landessenders Beromünster. In meinen frühen Bücherkäufen ist immer das Erwerbsdatum mit Bleistift eingetragen. Großes D in Sütterlinschrift, sodann II/50. Einige Monate später habe ich das Abitur abgelegt. Ihr merkt es, die Nostalgie hat mich gepackt, wenn ich das schreibe. Ich erinnere mich daran, dass der größte Teil meines Taschengeldes in die Ebinger Buchhandlung Glock gewandert ist. Ich habe damals kaum theologische Literatur gekauft, sondern hauptsächlich Schöngeistiges und Philosophie. So bin ich denn noch einmal in meinen Bücherhimmel gestiegen und habe ein zweites Buch von Jaspers herausgekramt: „Der philosophische Glaube“. Ich besitze ein Exemplar aus dem 6. – 10. Tausend von 1948, erschienen bei R. Piper in München. Der Band enthält ebenfalls Vorlesungen, und zwar von 1947, in Basel gehalten.

Lange schon habe ich mich nicht mehr mit Jaspers beschäftigt, abgesehen vielleicht von einer Aufnahme seiner Theorie der Achsenzeit, die darauf beruht, dass fast gleichzeitig in den verschiedenen Kulturen der Welt prophetische Gestalten aufgetreten sind, die die ethische Dimension religiösen Lebens herausgearbeitet haben: die Propheten des Alten Testaments, Konfuzius, Buddha, auch Entwicklungen in den hinduistischen Traditionen. Und jetzt blättere ich erneut in meinen Jaspers-Büchern und entdecke, wie stark seine Existenzphilosophie Dimensionen einer Religionsphilosophie thematisiert. Für Jaspers ist Religion keineswegs eine überwundene Lebensorientierung, sondern eine bleibende elementare Äußerung menschlicher Weltbegegnung.

Ich versuche mich zu erinnern, was dem Abiturienten von damals an Jaspers so wichtig war. Und ich vermute, dass er für mich eine bedeutende Außenperspektive des religiösen Glaubens thematisierte, den philosophischen Glauben, aber eben auch als Glauben. Der Jaspers von damals war auch Nachkriegsphilosophie, und zwar insofern, als nach den Zerrüttungen, die der Nationalsozialismus hinterlassen hatte, die Anknüpfung an die wertsetzenden Traditionen der Geistesgeschichte als notwendig erlebt wurde. Für mich persönlich war dabei eines wichtig: Ich wollte nicht Theologe in einer christlichen Sonderwelt werden, sondern Theologe in den Auseinandersetzungen mit den geistigen Traditionen neuzeitlichen Denkens. Was ich brauchte und immer wieder suchte, war der Blick von außen auf Glauben und Kirche. So löste ich mich aus Traditionen einer Frömmigkeit, die bewusst Sonderwelt war, sei es pietistischer Prägung oder barthianischer Prägung. Die Barthianer vertraten die Auffassung, das Christentum sei keine Region. In Wirklichkeit haben sie es nur zur einzig möglichen Religion gemacht.

Aus meiner Lektüre von heute, das muss ich Euch dann doch noch mitteilen, habe ich in „Der philosophische Glaube“, in der vierten Vorlesung zum Thema „Philosophie und Religion“, Überlegungen gefunden, die ich noch heute für bemerkenswert halte. Jaspers sagt dort:

„Wenn gar die These aufgestellt wird, gute Beziehungen zwischen Menschen, Friede und Ordnung seien eher durch Vernunft als durch Religion zu verwirklichen; Gerechtigkeit wirke mehr als Glaube, praktische Sittlichkeit mehr als religiöses Bekenntnis; was an Gutem in der Menschheit sei, sei das Werk von Wissenschaft und Vernunft, nicht von Religion – so muss erwidert werden, daß Religion die Vernunft ja nicht ausschließt, und daß bisher Religion in der Tat die meiste haltbare und gehaltvolle Ordnung, und zwar dann mit Hilfe der Vernunft verwirklicht habe, nicht durch direkte Anweisungen, sondern durch glaubende Menschen, deren Ernst und Verläßlichkeit. Dagegen war der Versuch, sich allein auf Vernunft – man meint den Verstand – zu gründen, nach bisheriger historischer Erfahrung schnell von nihilistischem Chaos gefolgt.“ (Der philosophische Glaube, 66f.)

Der späte Helmut Schmidt war da ganz anderer Meinung. Dass Jaspers hier Religion etwas zu undifferenziert bewertet, ist angesichts heutiger Erfahrungen aber auch nicht zu übersehen.

Ihr Lieben, meine beiden Jaspers-Büchlein kehren nicht mehr in meinen Bücherhimmel zurück. Ich stelle sie in die Reihe der Bücher, die für mich besonders wichtig waren. Wenn Ihr mich besucht, zeige ich sie Euch.

3 Theologe, aber zugleich Soziologe: Begegnung mit Romano Guardini

9. September 2017

Dass mich nicht nur theologische Fragen interessierten, sondern auch philosophische, davon habe ich Euch im letzten Brief berichtet. Nun habe ich aber nicht Theologie und Philosophie studiert, sondern Theologie und Soziologie. Dies war eigentlich nicht unbedingt vorgesehen. Soziologie war in meiner Schülerzeit ein relativ unbekanntes Fach.

Ich versuche mich zu besinnen, woher die Anstöße für mein Interesse an der Soziologie kamen. Ein erster Anstoß kam sicherlich aus praktischen Erfahrungen während meiner Fabrikarbeit.

Wer im Württemberg der unmittelbaren Nachkriegszeit mit dem Theologiestudium in Tübingen beginnen wollte, musste nach dem Abitur zunächst ein Kirchliches Dienstjahr ableisten. Ein halbes Jahr lang sollte der künftige Student als ungelernter Arbeiter in einem Industriebetrieb tätig sein. Für ein weiteres halbes Jahr war eine Arbeitsphase in einer diakonischen Einrichtung vorgesehen. Das erste Halbjahr absolvierte ich in der Nadelfabrik Theodor Groz und Söhne in Ebingen. Im zweiten Halbjahr schickte mich der Württembergische Oberkirchenrat in die Evangelische Diakonissenanstalt nach Schwäbisch Hall. Wie sich später herausstellen sollte, war dies eine ganz grundlegende Weichenstellung für mein künftiges Leben. Ich habe dort Eure Mutter, Großmutter und Urgroßmutter Elsbeth Frauer kennengelernt und mich unweigerlich in sie verliebt.

Nun, das hat wenig mit Soziologie zu tun. Ich komme deshalb auf meine Hilfsarbeiterzeit bei Groz und Söhne zurück. Die Nadeln, die dort produziert wurden, waren weder Nähnadeln noch Häkelnadeln oder Stricknadeln, sondern Maschinennadeln, wie sie in der Textilindustrie gebraucht wurden. Ich erwies mich als höchst ungeeignet für die Fließbandarbeit. Aber mein Meister fand für mich einen Posten, auf dem ich nach eigenem Rhythmus arbeiten konnte. Meine Kollegen dort waren Kleinbauern aus Dörfern nahe meiner Heimatstadt. Sie wurden in meiner Fabrikzeit meine hilfreichen Kameraden, ja väterlichen Freunde. In den Pausen erzählten sie von ihren Familien, von ihren Wiesen und kleinen Äckern, von ihren Häusern und Dörfern. Irgendwann muss ich mich in dieser Zeit auch mit der Entstehung des Arbeiterproletariats während des 19. Jahrhunderts in Deutschland beschäftigt haben. Aber diese Arbeitskollegen waren keine Proletarier, keine Fabrikler, wie meine Großmutter geringschätzig sagte, sondern Bürger, Kleinbürger gewiss, aber sie hatten Eigentum, Haus und Hof. Sie fühlten sich für das Leben in ihren Dörfern mitverantwortlich.

Diese Beobachtungen führten mich zu der Frage: Warum sind sie keine Proletarier geworden, warum sind sie bodenständige Bürger geblieben? Die Antwort, die ich fand, lautete: Weil sie nicht eigentumslos waren. Sie waren keine reichen Leute, keine vermögenden Großbauern. Vielleicht hatten sie nicht einmal mehr kleine Höfe. Aber sie hatten ein eigenes Haus, Heimstatt für ihre Familien und sich selbst. Sie waren Mitglieder der dörflichen Gemeinschaft, die zusammenhält, bei allen Spannungen, die dörfliches Leben mit sich bringt, die auch gemeinsame Feste feiert, von Leuten selbst organisiert. Menschen brauchen offenbar Eigentum, um sich entfalten zu können. Das war meine These, und so entstanden erste Impulse, mich mit der Zielperspektive einer diakonischen Kirche zu beschäftigen.

Ich war froh und glücklich, die Nadelfabrik nach einem halben Jahr verlassen zu können. Und so ging es denn in die Diakonie, in dieses große Krankenhaus in Schwäbisch Hall.

Wir waren fünf Abiturienten, die damals in einem ehemaligen großen Krankensaal zusammenlebten, vom Frühjahr bis in den Herbst 1951. Mit zwei von ihnen bin ich ein Leben lang verbunden geblieben, mit dem Ebinger Schulfreund Jörg Baur und mit dem schon verstorbenen Gerhard Schaz aus Saulgau im schwäbischen Oberland.

Im großen Haller Krankenhaus haben wir auf unterschiedlichen Stationen gearbeitet, einer auch in der Verwaltung, ein anderer in einem Altersheim. Und wir hatten einen Mentor. Es war der Pfarrer Richard Haug, dem ich später als Vikar in Metzingen zugeordnet worden bin. Er hat versucht, uns in die hebräische Sprache einzuführen, wenigstens in ersten Anfängen, und vermutlich hat er uns auch an theologische Fragen herangeführt. Viel ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Indessen hatte man in Hall für die Dienstjahrabiturienten auch eine kleine Bibliothek eingerichtet. Und hier fand ich ein kleines Buch, das mir klar machte: Du musst auch Soziologie studieren, nicht, um der Theologie auszuweichen, sondern um die Situationen besser verstehen zu lernen, in denen die Menschen heute, ihre Gesellschaften und darin auch die Kirchen ihren Ort haben. Wieder war es also ein kleines Buch, das eine entscheidende Weichenstellung für mein weiteres Arbeiten einleitete.

Und jetzt, Ihr Lieben, lade ich euch in unser Wohnzimmer in Hannover ein. Links, wenn wir hineinkommen, ein Bücherregal. Dort habe ich in der zweitobersten Reihe ein paar Bücher aufgestellt, die mein Leben verändert haben. Ich habe euch daran schon erinnert, als es um Karl Jaspers ging. Ich ziehe ein kleines Büchlein heraus, kartoniert: Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Werkbund Verlag Würzburg, zuerst in Basel bei Heß erschienen, im Jahr 1950. Als ich Guardinis Arbeit zum ersten Mal in Schwäbisch Hall in die Hand bekam, war es noch ziemlich neu. Entdeckt habe ich es, wie schon erwähnt, in der kleinen Abiturienten-Bibliothek.

Erstaunlich, dass sich das Büchlein dort fand. Der Autor war katholisch, katholischer Priester. Für eine kurze Zeit nach 1948 war er Professor für Religionsphilosophie und christliche Weltanschauung in Tübingen, noch 1948 wurde er von Tübingen nach München berufen. Bis zu seiner Emeritierung war er dort in der philosophischen Fakultät Professor für Religionsphilosophie und christliche Weltanschauung. Mehr will ich nicht über ihn schreiben. Aber Leuten wie Felix oder Pablo und anderen, Ungenannten unter euch empfehle ich, zumindest über Wikipedia weitere Informationen über Guardini einzuholen. Dass er wahrscheinlich einen italienischen Vater hatte, ist schon am Namen erkennbar; dass er deshalb katholisch war, ist ebenfalls zu vermuten. Im Jahr 1951 hatte ich es nicht leicht, Näheres über ihn zu erfahren.

Was mich an Guardinis Überlegungen besonders beeindruckte, waren seine Analysen: zum Mittelalter und vor allem zur Neuzeit. Er stellte den Ort von Kirche und Christentum in der neuzeitlichen Kultur Europas dar, die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Teilbereiche, wie Technik, Wirtschaft, Staat, und das sich ausbildende neue Selbstverständnis der Einzelnen. Die christliche Religion war vorneuzeitlich umfassend kulturbestimmend, das Verständnis von Natur, Kultur und Subjekt von der christlichen Dogmatik vorgegeben. Und dann, in der entstehenden Neuzeit, der Verlust der theologisch-religiösen Grundierung des Lebens. Mit diesen Überlegungen fand ich mich verstanden, nicht zuletzt durch die Herausarbeitung geistiger Neuorientierung im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen. Die Begriffe „Soziologie“ oder „soziologisch“ kommen bei Guardini nicht oft vor, aber eines ihrer Interessen war sichtbar, die gesellschaftlichen Dimensionen menschlichen Denkens und Glaubens, der Weltwahrnehung, der Selbstwahrnehmung zu verstehen, und damit auch dies, den gesellschaftlichen Ort von Religion zu beschreiben.

Um euch Guardinis Anliegen konkreter zu verdeutlichen, zitiere ich einen Abschnitt aus dem dritten Kapitel, in dem ein wichtiges Ergebnis von Guardinis Analyse der Neuzeit und ihre Relevanz für die Gegenwart (Ende der 1940er Jahr in Europa) zum Ausdruck kommt:

„Wissenschaft und Technik haben die Energien der Natur wie des Menschen selbst derart zur Verfügung gestellt, daß Zerstörungen schlechthin unabsehbaren Ausmaßes, akute wie chronische, eintreten können. Mit genauestem Recht kann man sagen, daß von jetzt an ein neuer Abschnitt der Geschichte beginnt. Von jetzt an und für immer wird der Mensch am Rande einer sein ganzes Dasein betreffenden, immer stärker wachsenden Gefahr leben.

Nimmt man noch … die einschlägige Vorstellung einer in sich gesicherten und Sicherheit schaffenden Kultur hinzu, so sieht man, wie wenig die heutige Menschheit vorbereitet ist, das Erbe des bisherigen Machterwerbs zu verwalten. Jederzeit kann die Situation sie überrennen. Und nicht nur die schlaffen Elemente in ihr, sondern gerade auch, nein gerade die aktiven, die Eroberer, Organisatoren, Führer. Das erste, ungeheure Beispiel dafür haben wir in den beiden vergangenen Jahrzehnten erlebt. Die Dinge sehen aber nicht so aus, als ob es wirklich und von hinreichend Vielen verstanden worden sei. Immer wieder gewinnt man den Eindruck, als ob das Mittel, mit welchem die flutartig ansteigenden Probleme bewältigt werden, im letzten doch die Gewalt sei. Das hieße aber, daß der falsche Gebrauch der Macht zur Regel wird.“ (Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 1950, 96 -97).

Man spürt die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, man ahnt die Schrecken des ersten Atombombenabwurfs vom 6. August 1945. Aber man hört auch fundamentale Einsichten unserer Gegenwartserfahrung. Ist doch der Gebrauch der Macht nicht zuletzt heute überwältigendes Thema, und nicht allein der Gebrauch in den politischen Zentralen, sondern die Ausübung der Macht etwa über die Smartphones. Welch bedrohliche Sprache ist in die digitale Kommunikation eingezogen und wirkt sich auf den Alltag der Menschen aus!

Und dann finden sich Textabschnitte bei ihm, die speziell den Ort von Religion, Christentum, Kirche und der einzelnen Gläubigen beschreiben. So spricht Guardini etwa von einer neuzeitlichen Unredlichkeit im Umgang mit dem christlichen Erbe und von einer Unsicherheit des Christen im Verhältnis zur Neuzeit und begründet seine These so:

„Überall fand er in ihr Ideen und Werte, deren christliche Herkunft deutlich war, die aber für allgemeines Eigentum erklärt wurden. Überall stieß er auf Christlich-Eigenes, das aber gegen ihn gekehrt wurde. Wie hätte er da vertrauen sollen? Diese Undurchsichtigkeiten werden aufhören. Wo die kommende Zeit sich gegen das Christentum stellt, wird sie damit ernst machen. Sie wird die säkularisierten Christlichkeiten für Sentimentalitäten erklären, und die Luft wird klar werden. Voll Feindschaft und Gefahr, aber sauber und offen.“ (114)

Vielleicht war das sehr genau vor dem Hintergrund der deutschen Situation um 1950 formuliert. Die lebensdeutenden Prediger waren nach dem Ende des Krieges gefragt. Die Diskussionen in den christlichen Akademien waren Orte gemeinsamer Suche nach verbindenden Werten. Kirchenaustritte waren nicht modern. Guardini hat deutlich gesehen, dass diese Phase schnell zu Ende gehen würde. Auch dies sind Erkenntnisse, die nicht zuletzt heute bedenkenswert sind. Ich erschrecke nicht selten über meine eigene Kirche, weil ich sie als Kirche der säkularisierten Christlichkeiten erlebe. Guardini sucht diese außerhalb der religiösen Gemeinschaft, in Wirklichkeit haben sie auch die Kirchen selbst angesteckt, die Protestanten in Deutschland immer noch mehr als die Katholiken.

Guardini sieht eine neue Geschichtsphase heraufkommen, eine Zeit klaren Bekennens oder sagen wir klarer Kante. Es ist nicht einfach, zu sagen, was das heißt. Soviel ist gewiss, dass religiöse Menschen leicht als Sonderlinge gelten, als Überbleibsel vergangener Zeiten wie die Homöopathen im Kontext naturwissenschaftlicher Medizin. Und trotz allem ist nun Guardini der Meinung, dass es für unsere Kultur entscheidend ist, dass Christen diese Erkenntnis neu, unter den Bedingungen unserer Gegenwart, akzeptieren und leben.

Ich blicke zurück und komme zu dem Eindruck, dass ich Guardinis Analysen hinsichtlich einer neuen Kulturphase, einer postneuzeitlichen Kulturphase, fast mehr abgewinnen kann als damals 1951. Und dies, obwohl deutlich erkennbar ist, dass Guardini manche fundmentalen Veränderungen des Lebens noch nicht sehen konnte. Nur drei Stichworte will ich nennen: das der Globalisierung, das der Digitalisierung und das der neuen weltweiten interreligiösen Spannungen.

Persönliche Bedeutung erlangten für mich damals Guardinis Gegenwartsanalysen, nicht seine Prognosen. Auch heute weiß ich nicht, ob man sagen kann, das Ende der Neuzeit sei gekommen. Ich bezweifle schon allein, dass wir nur von Postmoderne oder Spätmoderne reden können. Was meine wissenschaftliche Arbeit angeht, bin ich nie von Gesamtdeutungen ausgegangen, sondern habe mich auf „Theorien mittlerer Reichweite“ beschränkt. Manchmal erscheinen mir gerade auch im Fach der Soziologie standortbegrenzte Studien als weiterführender als Arbeiten mit umfassender Reichweite. Im Spiegel örtlicher Reformationsgeschichten erfährt man oft mehr über Schatten- und Lichtzeiten der deutschen Reformation des 16. Jahrhunderts als durch „nationalhistorische“ Interpretationen. Assoziationen im Jubeljahr 2017.

Um zu Guardini zurückzukehren: Ich habe ihn höchst subjektiv rezipiert. Eines war mir klar geworden: Ich musste neben der Theologie Soziologie studieren.

Bei unserem Abschied von Schwäbisch Hall habe ich ernsthaft erwogen, Guardinis Büchlein „mitgehen“ zu lassen. Ich hab‘ es dann doch nicht getan. Erst in Hannover habe ich es in einem Antiquariat wiedergefunden. Im Jahr des Wiederfindens wurde es nicht neu gelesen, sondern nur beglückt in die Bücherwand gestellt. Erst dieser Tage habe ich den kleinen gewichtigen Band wieder hervorgeholt und mit großem Interesse studiert, neu als Stück meiner Lebens­geschichte wahrgenommen

Eines will ich euch noch berichten, nämlich wie mein theologiebegleitendes Soziologiestudium begonnen hat.

Im Wintersemester 1951/1952 nahm ich mein Studium in Tübingen auf. Ich war einer der Stipendiaten des Evangelischen Stifts. Unser Studium wurde durch Lehrveranstaltungen der Repetenten begleitet. Besonders die Anfängerkurse waren sehr hilfreich. Hier erwarb ich exegetische Grundkenntnisse. An der Universität studierte ich Kirchengeschichte, hörte philosophische Vorlesungen, auch die Vorlesung des Mediziners Ernst Kretschmer über seine Typenlehre. Und dies alles auf Grund der Anregungen der Repetenten des Stifts. Dafür bin ich heute noch dankbar. Ein Fach war im Stift und in Tübingen fast unbekannt, nämlich die Soziologie. Es gab einen Nationalökonomen, Carl Brinkmann, der auch das Fach Soziologie vertrat. Leider war er in meinen ersten Semestern erkrankt. So gab es keine soziologischen Lehrveranstaltungen. Deshalb suchte ich im Vorlesungsverzeichnis nach einer möglichen Alternative und wurde bei der Pädagogik fündig: Professor Hans Wenke, später in Hamburg zu Ehren gekommen, bot ein Seminar an: „Theorie des geselligen Betragens bei Fichte und Schleiermacher“. Der Titel meiner ersten Seminararbeit lautete: Schleiermachers „Versuch einer Theorie des geselligen Betragens“ von 1799.

Wenn ich mich recht erinnere, ging es Schleiermacher um eine theoretische Annäherung an die Geselligkeit des bürgerlichen Salons seiner Zeit. Er unterschied den Sozialtyp der Gesellschaft von dem anderen der Gemeinschaft und nahm damit eine Unterscheidung von Ferdinand Tönnies vorweg, allerdings mit dem Unterschied, dass das, was bei Schleiermacher Gesellschaft hieß, bei Tönnies Gemeinschaft war. Was bei Schleiermacher Gemeinschaft war, war bei Tönnies Gesellschaft. Ihr Lieben, das Buch von Tönnies könnt Ihr bei mir ausleihen, es ist ein Klassiker der Soziologie. Ich habe noch während des ersten Semesters und dann in den Semesterferien Tönnies gelesen. Es war meine Einführung in die Soziologie. Im zweiten und dritten Semester bin ich dann auf das Thema der kirchlichen Sozialarbeit ausgewichen. Der Praktische Theologe Hermann Faber bot dazu ein Seminar an. Im Fach Kirchengeschichte schrieb ich eine Proseminararbeit über die Leisniger Kastenordnung von 1523, ein frühes Beispiel für die Ordnung der Armenpflege in einer evangelischen Kleinstadt. Luther selbst hatte zu dieser Ordnung Empfehlungen gegeben. Studien dieser Art waren natürlich keine soziologischen Arbeiten; sie behandelten nur Themen, die unmittelbar auch von soziologischem Interesse sein konnten. Sowohl in der praktischen Theologie als auch in der Kirchengeschichte waren meine Themen eher Außenseiterthemen. Ich komme später auf diesen immer wieder unterbrochenen soziologischen Studiengang zurück.

Und nun, meine Freunde. widme ich diesen Teil meiner Erinnerungen Felix Kamradek und Pablo Helmbold. Beide sind noch Herren des Knabenchors Hannover, aber auf dem Sprung ins Studium, beginnend mit dem Wintersemester 2017/2018, der eine in Göttingen, der an der andere an der Universität der Künste in Berlin.

Gott befohlen Ihr und alle anderen.

4 Die Faszination der historisch-kritischen Forschung und Eduard Steinwand

15. September 2017

Heute ist mein erster Hochzeitstag. Ich habe zwei Hochzeitstage, nicht nur einen. Beim zweiten wart Ihr ja dabei, bei der standesamtlichen Trauung mit Margarete, im Reinickendorfer Rathaus zu Berlin. Wisst Ihr noch, wie der Eisregen an diesem 23. Dezember 1999 über uns hereingebrach und wir uns nur schliddernd bewegen konnten? Mein erster Hochzeitstag war der meiner Verheiratung mit Elsbeth Frauer in Besenfeld im Schwarzwald. Es war ein leidlich schöner Herbsttag des Jahres 1955. Wenige Wochen zuvor hatte ich Examen gemacht, nach 8 Semestern Studium der Theologie und verschiedenen Anläufen des Studiums der Soziologie. Ich breche diesen Teil meiner Erinnerungen hier ab und komme auf mein Thema zurück.

Wer, aus frommen württembergischen Kreisen kommend, Theologie zu studieren begann, musste eigentlich bei diesem Beginnen eine Glaubenskrise erleben. Sie ist bei mir jedoch nicht eingetreten. Ganz im Gegenteil, ich konnte Zwänge ablegen, etwa den, immer schon und ausschließlich biblische Texte als für mich letztbedeutsam zu lesen. Ich lernte, diesen zwar aufgeschlossen, aber in Distanz zu begegnen und aus der Distanz meinen eigenen Weg zu ihnen hin zu finden. Dies verdanke ich der historisch-kritischen Bibelforschung.

In diesem Zusammenhang habe ich mich mit der Formgeschichte der Evangelien beschäftigt. Darüber lag ein Buch von Martin Dibelius und ein weiteres von Rudolf Bultmann vor, die theologische Schreckfigur vieler gläubiger Christen bis hinein ins ferne Korea. Vor allem bei Dibelius habe ich gelernt, dass die Jesus-Erzählungen zuerst in einzelnen Gemeinden erzählt worden sind, auch in der Gestalt von Legenden und Mythen, jedenfalls nicht in der Gestalt von Texten einer kritischen Geschichtswissenschaft. Dass ich diese Annäherung an biblische Texte vor allem bei den Tübinger Stiftsrepetenten gelernt habe, ist schon gesagt worden. Ein Vorlesungsfreund war ich nicht, Seminare waren in allen Fächern besonders dann fruchtbar, wenn ich Hausarbeiten in ihrem Zusammenhang schrieb oder ein Referat zu halten hatte, einer Hausarbeit vergleichbar, nicht im Power-Point-Stil.

Mein erstes neutestamentliches Proseminar belegte ich in Erlangen, wo ich mit meinen Freunden Baur und Schaz zwei Semester, im Winter 1953/54 und Sommer 1954, studierte.

Gewissermaßen als Zwischenbemerkung: Natürlich versuchte ich auch in Erlangen Soziologie zu studieren. Es gab dort einen Ökonomen, der auch Lehrveranstaltungen im Fach Soziologie anbot hatte. Leider war er in der Zeit meines Erlanger Studienaufenthalts erkrankt. Das Soziologie-Studium konnte deshalb nicht stattfinden.

Doch nun zurück zur Theologie: In Erlangen war es vom Ablauf des Studiums her an der Zeit, auch die praktisch-theologischen Fächer zu belegen, in Homiletik, der Predigtlehre, und in Katechetik, der Lehre vom Religionsunterricht. Auf diese beiden Fächer war das Fach Praktische Theologie geschrumpft. Im Fach Katechetik belegte ich das Proseminar bei Professor Eduard Steinwand, einem würdigen, väterlichen, auch väterlich-strengen älteren Herrn, einem Balten, der schon an der berühmten Universität Dorpat Professor gewesen war und nun in Erlangen lehrte.

Was Eduard Steinwand mit meiner Freude an der historisch-kritischen Bibelauslegung zu tun hat, will ich Euch jetzt berichten.

Die Studierenden waren verpflichtet, während des Seminars im Beisein der Seminarteilnehmer und natürlich des Professors eine Probekatechese in einer Volksschule, 5. oder 6. Schuljahr, zu halten. Die schriftliche Begründung mit Textauslegung und Planung des Ablaufs der Unterrichtsstunde war vorzulegen. Da der Namen DAIBER relativ weit vorne im Alphabet zu finden ist, war ich unter den ersten, die auftreten mussten. Weil meine Probekatechese in die Adventszeit fiel, erhielt ich einen Abschnitt aus Lukas 1: Ankündigung der Geburt von Johannes dem Täufer und Besuch des Engels bei seinem Vater Zacharias und seiner Mutter Elisabeth, einem sehr alten Paar. Ihr solltet die Geschichte lesen. Und weil ich annehme, dass ihr eure Smartphones bei der Hand habt, gebt bei Google „Lukas 1" ein, und ihr seid schon an der rechten Stelle.

Zur Vorbereitung meiner Unterrichtsstunde suchte ich nach einem Kommentar zum Lukasevangelium. Was die Bibliothek so bot, befriedigte mich nicht, aber ich fand in einem Antiquariat wirklich einen Kommentar, der mich ansprach. Ich habe ihn in den letzten Tagen in meiner Bibliothek gesucht, fand ihn aber nicht. Ich muss ihn bei meiner ersten Verkleinerung der Bibliothek wegegegeben haben. An den Verfasser erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber an das Aussehen des Buchs: Es war kartoniert, hatte einen orangegelbroten Umschlag und war nicht aufgeschnitten. Ihr könnt Euch vermutlich nicht so recht vorstellen, was das heißt. Es meint, das Buch wurde ohne Leinwandeinband verkauft. Nach dem Binden der Seiten war es nicht in die Schneidewerkstatt gegangen. Man musste deshalb die Seiten oben und zum Teil an den Seiten mit dem Messer auftrennen, um an alle Inhalte zu gelangen. Weil mein neuerworbenes Buch nicht aufgeschnitten war, war es auch nicht gelesen worden, also praktisch neuwertig.

Der Kommentar sprach mich deshalb an, weil er keine Hinweise darauf gab, wie gläubige Christen die Texte lesen sollten, sondern das Evangelium als Objekt religionsgeschichtlicher Analyse bearbeitete, etwa nach den Textgattungen fragte und immer nach dem „Sitz im Leben“ der Geschichten. Die Geschichte von Zacharias und Elisabeth war für den Verfasser des Kommentars nicht einem Text eines modernen Historikers vergleichbar, sondern eine Geschichte, die in den ersten christlichen Gemeinden, auch unter ganz einfachen Leuten, erzählt worden war. Und das galt für alle Geschichten in Lukas 1 und auch für die wunderbare Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2. Diese Geschichten wären nicht erzählt worden, wenn die Wunder zwischen Karfreitag und Pfingsten nicht die Sicht der Anhänger Jesu völlig verändert hätten. Nun konnte man sich nicht mehr vorstellen, dass das ganz Besondere des Jesus von Nazareth nicht schon vor seiner Geburt sichtbar geworden ist, auch dann bei seiner Geburt und beim Tempelbesuch des zwölfjährigen Jesus.

Aber warum beginnen diese Gemeindeerzählungen mit den Eltern von Johannes dem Täufer? Die historisch-kritische Auslegung meint: Die Gemeinden, mit denen Lukas zu hatte, waren mit folgendem Problem konfrontiert: Zur Zeit Jesu gab es in den jüdischen Landen zwei wichtige Propheten und Bußprediger, Jesus und Johannes den Täufer. Beide zogen viele Menschen an. Jesus von Nazareth, so wird berichtet, gehörte selbst eine Zeitlang zu den Johannesjüngern. Und es gab bis in die Zeit der ersten christlichen Gemeinden hinein Leute, die Johannes den Vorrang einräumten. Was sollten nun die Jesusjünger tun, wenn sie von Johannesjüngern gefragt wurden? Wie sollten sie sich in dieser Sache verhalten? Folgt man den Kindheitserzählungen nach Lukas, muss die Antwort lauten: Man soll beide als Gottesboten verehren, aber man soll keinen Zweifel daran lassen, dass in Jesus der Christus in die Welt gekommen ist, der Sohn Gottes. Und genau dies hat sich nun in Erzählungen ausgestaltet: Beide, Johannes und Jesus, waren Boten Gottes und bleiben Boten Gottes. Der Rangunterschied zwischen beiden ist aber schon vor der Geburt beider deutlich geworden: Johannes ist das Kind eines Priesterehepaars, von einer Mutter geboren, die so alt war, dass sie eigentlich kein Kind mehr gebären konnte. Jesus aber ist von einer Jungfrau geboren, von Maria. Und zwischen beiden Propheten besteht keine Konkurrenz: Johannes ist der auch von den Christen zu ehrende Vorbote des Heilands. Das also ist der Sitz im Leben der Geschichte von Zacharias und Elisabeth. Johannes, ihr Kind, ist Vorbote. So kennen wir Christen ihn nicht zuletzt aus der christlichen Kunst, auch aus dem Kirchenjahr. Der dritte Adventssonntag ist der Tag Johannes des Täufers.

Sagen die Geschichten, so verstanden, nicht trotzdem die Unwahrheit, sind sie nicht Lügenmärchen? Hinter einer solchen Formulierung steckt die Absicht, ein Stück christlicher Tradition zu entlarven. Natürlich sind sie nicht Unwahrheit, nur muss man wissen: Es sind Glaubenszählungen, in christlichen Gemeinden entstanden. Es sind Deutungen der Person Jesu, viel eindeutiger und viel klarer als die Analysen des Fakten berichtenden Historikers.

Im Augenblick komme ich von einer anderen Erfahrung mit Erzählungen her, in diesem Fall von Erzählungen eines Nordkoreaners, die aus Nordkorea hinausgeschmuggelt worden sind (Bandi, Denunziation, Erzählungen aus Nordkorea, Piper, München, 2. Auflage 2017). Es sind Geschichten darüber, was Leute in diesem Staat erleben. Es sind keine Dokumentationen; vielleicht haben sie einen Kern von Geschehen, das wirklich passiert ist. Aber sie sind Erzählungen, von einem Schriftsteller gestaltet, betroffen von dem Leid, das in seinem Heimatland Menschen zugefügt wird Dabei handelt es sich nicht um Geschichten über Konterrevolutionäre, sondern über Männer und Frauen, die einfach nur dort leben und Leid durch andere erfahren, die das System repräsentieren.

Immer weder lese ich in Zeitungen Berichte von Journalisten über Nordkorea, ich sehe Filme über das Land und den Staat, produziert von Filmemachern, die Dreherlaubnis bekommen haben. Alle diese Produkte befriedigen mich nicht. Vor Jahren war ich gut eineinhalb Tage lang im Norden Nordkoreas. Wir wurden angewiesen, nicht zu fotografieren, mit den Leuten nur in erlaubten und kontrollierten Situationen zu sprechen, bettelnden Kindern keine Gaben zu geben, an Häusern vorbeizufahren, solchen, wie man sie in Südkorea nur noch in Museen sieht, und dann das Land möglichst schnell wieder zu verlassen. Vor diesem Hintergrund habe ich Bandis Buch gelesen: Seine Erzählungen sind wahr. Sie sind wahr, weil sie die Unter­drückung spüren lassen.

Könnte solches nicht auch für die Kindheitserzählungen des Lukas gelten? Sie lassen die Wahrheit des Christusereignisses spüren. Und dies scheint immer noch große Bedeutung zu haben, etwa am Heiligen Abend, wenn die Geschichte von der Geburt Jesu gelesen wird.

Ihr Lieben, ich habe meine Katechese verlassen und kehre jetzt in großem Bogen zurück.

Ich lieferte meine Arbeit bei Eduard Steinwand ab und hielt meine Stunde. Es lief gut mit den Kindern. Herr Professor Steinwand meinte, ich hätte dauernd die Antworten der Kinder im Unterrichtsgespräch vor meiner eigenen Antwort wiederholt. Das sei nicht angemessen. Trotzdem: Ich sei wohl ein pädagogisches Naturtalent. Das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. Auf diese Aussage vertrauend, fuhr ich übrigens dann in der katechetischen Prüfung beim Ersten Examen meine schlechteste Note ein, allerdings, meinem Eindruck nach, nicht ohne eine gewisse Mitverantwortung der examinierenden Themen­steller. Doch zurück nach Erlangen. Professor Steinwand schloss seine Beurteilung meiner Stunde mit einem bemerkenswerten Satz: Mit meinem exegetischen Zugang sei er nicht zufrieden. Ich hätte mich zu einem Nachgespräch bei ihm zu melden. Ihr könnt euch leicht vorstellen, was das bei mir ausgelöst hat.

Das Nachgespräch fand statt, Und er ging mich hart an. Ich hielte wohl nicht sehr viel von Glaubenssätzen der Kirche. Ob ich unter diesen Voraussetzungen wirklich Theologie studieren könne? Er ließ mich aber meinen Standpunkt breit erklären. Was ich euch schon deutlich zu machen versuchte, trug ich auch ihm vor. Und ich erklärte ihm auch, dass ich, weil es diese Auslegungsweise gebe, erst mit den Kindheitsgeschichten des Lukas umgehen gelernt hätte. Genau meine Auslegung habe mir geholfen, heute diese Erzählungen einordnen zu können, sie zu verstehen und sie für wahr zu halten. Ich weiß nicht, ob das ganze Gespräch für ihn nicht auch eine seelsorgerliche Komponente hatte, durchaus unter dem Aspekt meiner Prüfung im Blick darauf, auf welchem Wege in die Theologie ich sei.

Am Ende des Gesprächs passierte Erstaunliches. Eduard Steinwand lud mich zum Abendessen in sein Haus ein.

Es war schön, wie ein Enkel mit den Steinwands zusammen zu sein, in baltischer Gepflegtheit. Es könnte sein, dass noch eine ältere Dame dabei war. Vielleicht haben sie mir von ihrer Flucht erzählt. Vielleicht habe ich ihnen vom Tod meiner Mutter erzählt, und eben fällt es mir ein, genau davon habe ich ihnen auch erzählt.

Jedenfalls war dies nur der Anfang meiner Zusammenarbeit mit Steinwand. Als ich Erlangen nach einem halben Jahr verließ, setzte er mich auf die Spur einer Doktorarbeit: Die Gleichnisrede als Form religiöser Rede. Irgendwo muss ich die Vorarbeiten noch haben. Nicht den Theoretikern der Gleichnisauslegung verdanke ich die Annäherung an die Gleichnisse Jesu, sondern eben Eduard Steinwand. Auch in diesem Zusammenhang habe ich versucht, soziologische Aspekte zu berücksichtigen. Irgendwie kam ich dann aber doch nicht zu Potte. Erst mit einem ganz anderen Thema habe ich mich viel später an Steinwand gewandt. Aber das lag nicht in seinem Interessenbereich. Er meinte: „Da gehen Sie am besten zum Soziologen, zu Georg Weippert.“ So geschah es denn auch. Zum Soziologen zu gehen, das war genau der richtige Rat für mich.

Erst Jahre später entdeckte ich zufällig in einem Hannoverschen Antiquariat eine Gedächtnisschrift für Eduard Steinwand und erfuhr dort, dass Steinwand vor seinem Ruf nach Erlangen ein paar Jahre Pastor an der hiesigen Markuskirche gewesen war.

Eines könntet Ihr Briefempfänger gemerkt haben: Offenbar gibt es gerade in der wissenschaftlichen Theologie Wege, biblische Texte so zu lesen, dass der kritische Verstand nicht abgeschaltet werden muss und uralte Überlieferungen in einem neuen Licht lebenswichtig verstehbar werden.

Wir haben wieder einmal Starkregen in Herrenhausen, auch Blitz und Donner. Margarete ist nass geworden.

Ich grüße Euch herzlich.

5 Lutherische Theologie in Erlangen: Paul Althaus

7. November 2017

Die Chinareise liegt hinter uns. Margarete hat des Abends mit letzter Kraft ihre Berichte geschrieben, und ich habe sie Euch am letzten Tag in Hongkong mit letzter Kraft per E-Mail zugeschickt. So seid Ihr auf dem Laufenden, was unsere neuen Erfahrungen angeht.

Und so kehre ich denn auch zur unterbrochenen Briefserie zurück. Ihr wisst schon, ich beginne mein Thema meistens damit, dass ich auf die Leiter steige und in meiner älteren theologischen Literatur biographisch Relevantes heraussuche, diesmal von und über Paul Althaus, damals Professor für Systematische Theologie in Erlangen.

Wir hatten uns nicht wegen Eduard Steinwand nach Erlangen aufgemacht, sondern vor allem wegen Paul Althaus. Jörg Baur hatte die Idee, und Gerhard Schaz und ich schlossen uns ihm als Adepten an. Ich habe das schon kurz erwähnt.

Unter den Tübinger Stiftlern war Erlangen bei Gott nicht die erste Adresse, kaum die letzte, kaum im Blickpunkt. Die erste Adresse war damals Basel, wo noch Karl Barth lehrte, oder Göttingen, wo man Friedrich Gegarten hören konnte. Althaus in Erlangen – bloß nicht! Seine Nähe zu den Nationalsozialisten konnte man ihm nicht verzeihen. Dabei hätte man in Tübingen ruhig etwas bescheidener sein können. Manche der Professoren, die anfangs der fünfziger Jahre dort lehrten, waren politisch in der NS-Zeit nicht nur bräunlich, sondern braun aufgetreten. Am deutlichsten war das bei Karl Fezer, dem Stiftsephorus: Traditionsgut unter den Studenten. Seine zeitlich höchst begrenzte Begeisterung für den Nationalsozialismus verzieh man ihm vielleicht deshalb weniger, weil er eigentlich die richtige Theologie vertreten hatte – war er es doch, der die Wort-Gottes-Theologie im Gefolge von Karl Barth für die Predigtlehre fruchtbar gemacht hatte. Den schmalen Band „Das Wort Gottes und die Predigt“, erschienen 1925, habe ich in meiner Bibliothek aufgestöbert. Karl Fezer würde sich im Grabe umdrehen, wenn er heutige Predigten, bis hin zu den Bischofspredigten bei Kirchentagen und Jubiläen, hören würde. Für ihn musste der Prediger ganz zurücktreten. Gesten und andere Gefühls­bekundungen waren im Vollzug der Verkündigung des Worts nur schädlich, jederlei Gestik auf der Kanzel war verboten. So habe auch ich es bei Karl Fezer im homiletischen Seminar gelernt.

Ich bin abgeschweift und komme zurück zur Studienplatzwahl Erlangen. Wir waren krasse Außenseiter. Wie kann man nur nach Erlangen gehen, zu Paul Althaus, der die Uroffenbarung lehrt? Für mich war das aber durchaus ein Grund, nach Erlangen zu wechseln. Denn die Lehre von der Uroffenbarung erlaubt einen anderen Blick auf die Welt der Religionen als der von Karl Barth, der sagen konnte: „Religion ist Unglaube“, so geschehen in seiner Kirchlichen Dogmatik, Band I/2. In einem der letzten Dogmatik-Bände hat er dialogoffener geschrieben. Auf die Uroffenbarung komme ich noch zurück.

Keine Frage, ich hatte auch Interesse speziell an der lutherischen Theologie, und da war Erlangen immer noch die erste Adresse. Vielleicht begann dieses Interesse im ersten systematisch-theologischen Tübinger Proseminar bei Helmut Thielicke, einem in ganz Württemberg bekannten Kanzelredner, der von den National­sozialisten von einer Heidelberger Professorenstelle entfernt worden war. Der württembergische Landesbischof Wurm verschaffte ihm berufliche Möglichkeiten in seiner Landeskirche, ehe er dann nach dem Krieg in Tübingen einen Lehrstuhl übertragen bekam, Rektor wurde und nach wenigen Jahren nach Hamburg berufen wurde. Thielicke hatte sich in Erlangen bei Althaus habilitiert. Althaus förderte ihn. Thielicke war lutherischer Theologe, schon seinem Selbstverständnis nach. Vielleicht ist dies auch der Grund für die Wahl des Themas unseres Proseminars: „Einführung in die Systematische Theologie an Hand der Abhandlung von Theodosius Harnack, Die Kirche, ihr Amt, ihr Regiment“. Das Büchlein ist 1862 erschienen. Damals war Harnack Professor in Erlangen. 1947 wurde es bei C. Bertelsmann in Gütersloh wieder gedruckt und von Daiber im November 1952 gekauft. Und jetzt liegt es neben mir auf meinem Schreibtisch. Zu Theodosius Harnack könnte man viel schreiben. Er wurde in St. Petersburg geboren, hat im estnischen Dorpat studiert und gelehrt. Von Erlangen ist er nach Dorpat zurückgekehrt und dort auch gestorben.

Mein lieber Dorin, Du weilst gerade als Musikstudent in Tallinn. Dorpat wirst Du auf der Karte nicht finden, aber Tartu, etwa 200 km von Tallinn entfernt, die zweitgrößte Stadt Estlands, Sitz der Universität. Tartu solltest Du unbedingt besuchen, auch wenn Du kaum Spuren des sehr konservativen Theodosios Harnack finden wirst.

Ich war sehr zufrieden mit dem Thema meines Proseminars, weil es auch meinen soziologischen Interessen Raum gab: Das Predigtamt ist eine soziale Institution und die Kirche eine Organisation. Harnack hat die Unterschiede zwischen empirischer Kirche und der Kirche der Gläubigen scharf herausgestellt. Ihr merkt vielleicht, dass da ein Thema angesprochen ist, das uns bis heute nicht loslässt.

Aber nun wirklich zu Paul Althaus als Theologe der Uroffenbarung. Man muss zunächst sagen, dass es unter den Theologen, zumindest denjenigen von damals, einen breiten Konsens darüber gab, dass das in den biblischen Schriften berichtete Geschehen auf Offenbarung beruhe, genauer gesagt, auf der Selbstoffenbarung Gottes. Was wir von Gott wissen, beruht auf dem, was er selbst von sich kundtut: den Namen Gottes im Alten Testament, den Gottessohn im Neuen Testament, in beiden Traditionen ein Stück seines Wesens und seines Geheimnisses.

Damit aber entsteht die Frage, was in diesem Zusammenhang betrachtet die anderen Traditionen bedeuten, die Religions­traditionen außerhalb der christlich-jüdischen Geschichte. Und hier verweist nun Paul Althaus darauf, dass die Offenbarung im Alten und Neuen Testament Geschichten und Begriffe verwendet, die außerhalb der jüdisch-christlichen Tradition entstanden sind. Auch darauf muss man hinweisen, dass die ethischen Teile der neutestamentlichen Briefliteratur stark von den in der griechisch-römischen Welt vertretenen Moralphilosophien beeinflusst sind. Von daher geht Althaus davon aus, dass sich diese Traditionen selbst wiederum einem Offenbarungs­geschehen verdanken, Gottes Willen vor und jenseits der Geschichte des Christentums zum Ausdruck bringen. Und so formuliert er denn: „Die Offenbarung in Jesus Christus ist das Ende der Religionen, aber zugleich ihre Erfüllung“ (Grundriss der Dogmatik, 20). Mit dieser These unterscheidet er sich von Karl Barth, zumindest von dem jüngeren Barth.

Die Lehre von der Uroffenbarung wird von Althaus natürlich viel breiter entfaltet, als ich sie jetzt berichtet habe. Aber der ausgewählte Punkt ist mir besonders wichtig. Bei unseren Reisen nach Asien hatten wir es ja oft mit Menschen zu tun, die von anderen religiösen Traditionen geprägt waren. Es war schlechterdings unmöglich, deren Frömmigkeit und deren gute Lebenspraxis zu übersehen. Und der Gedanke, der Erfüllung der Religionen durch die Christusoffenbarung ist doch wohl ein Ausdruck der Hoffnung, so wie sie schon im Alten Testament formuliert wird, im Bild des himmlischen Jerusalem, zu dem die Völker strömen.

Etwas ganz Anderes muss man noch hinzufügen: Althaus hatte zu den Tübinger Studenten ein besonderes Verhältnis. Er hatte selbst in Tübingen studiert, war der Verbindung Nicaria beigetreten. Ich war sein Bundesbruder. Und das hat er ernst genommen. Seine Tochter war in der Zeit des Krieges im Klinikum Christophsbad in Göppingen eine Zeitlang Patientin. Die Familie Frauer in Gingen an der Fils holte in dieser Zeit die Althaus-Tochter mehrfach übers Wochenende nach Gingen. Als Eure Großmutter Elsbeth mich in Erlangen besuchte, waren wir natürlich bei Paul Althaus und seiner Frau eingeladen. Diese Verbindung hatte weit in unsere Creglinger Zeit hinein Bestand.

Bei diesem Paul Althaus also besuchte ich in meiner Erlanger Zeit zwei Seminare, das erste über die Augsburger Konfession von 1530. Es war für mich eine wichtige Einführung in die lutherische Theologie. Das Referat, das ich in diesem Seminar hielt, beschäftigte sich mit Artikel 18: Von Polizei und weltlichem Regiment; zu Deutsch: Von den staatlichen und gesellschaftlichen Ordnungen. Althaus betont, dass staatliche und gesellschaftliche Ordnungen dem Willen Gottes entsprechen und dass Christen in der Achtung vor diesen Ordnungen in ihnen mitwirken können. Der Artikel benennt nur eine Grenze: Wenn die Regierenden sündiges Handeln verlangen, muss ein Christenmensch Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Vermutlich habt Ihr gemerkt, dass meine Referatswahl auch meinem Soziologenherz entsprungen ist. Seit diesem Referat habe ich mich immer wieder ausführlich mit der lutherischen Sozialethik beschäftigt. Von daher bin ich allen politischen Bemühungen eines christlichen Gutmenschentums gegenüber kritisch gesonnen. Dass der Artikel auch die Todesstrafe bejaht, hatte ich vergessen. Den Prozess gesellschaftlich-staatlicher Humanisierung hat die lutherische Theologie meiner Meinung nach nur begrenzt vorangebracht. Gut, dass wir noch andere Theologien haben und politische Impulse aus anderen, den humanistisch-aufgeklärten Denktraditionen.

Das zweite Seminar, das ich bei Althaus besuchte, war ein Seminar zur Theologie der Weltreligionen. Ich weiß nicht, wie die Diskussionen im Seminar damals gelaufen sind, wie positiv oder negativ die Weltreligionen in den Referaten dargestellt wurden. Aber eines weiß ich: Ich habe mich damals zum ersten Mal mit dem Konfuzianismus beschäftigt. Warum nur: Nicht, weil mich China besonders interessiert hätte, nein, sondern weil der Konfuzianismus soziologienah war. Die Lehren des Konfuzius sind über weite Teile ja theoretische, genauer weisheitliche, und praktische Sozialethik. Das hat mich interessiert. Bücher über China habe ich mir trotzdem zugelegt, auch ein Buch über Marschall Chiang Kai-shek. Damals hat man seinen Namen noch anders geschrieben als heute.

Mein China-Interesse ist allerdings im Lauf der Jahre erloschen. Die Mao-Bibel habe ich gekauft, auch kleine Schriften von Mao. Aber dann öffnete sich China. Und von Korea aus, wo ich des Öfteren war, war es nur ein kleiner Sprung nach Peking. Zunächst stand die Diakonie im Vordergrund meines Interesses. Erst bei den weiteren Besuchen veränderte sich mein Schwerpunkt, und ich kehrte zu meinen chinesischen Anfängen zurück. So begannen meine Konfuzianismus-Studien von Neuem. Meine Arbeiten zum Thema „Konfuzianismus“ sind keine theologischen Arbeiten. Es sind Arbeiten aus soziologischer Perspektive. Ich verzichte auf die Möglichkeit, den Konfuzianismus, auch den religiösen Konfuzianismus, theologisch zu bewerten. Und doch bleibt theologisches Erbe in meinen Fragestellungen erhalten: ich interessierte mich vor allem auch für die religiösen konfuzianischen Traditionen, darin den aufgeklärten Sinologen nicht folgend, die gerade diese Traditionen nicht recht wahrnehmen.

Und das alles nun, weil der Theologe Paul Althaus mich auf die Spur gesetzt hatte.

Seht mir nach, dass ich zu lang und vielleicht zu umständlich geschrieben habe. Die Althaus-Impulse waren halt wichtig für mich.

Seid gegrüßt.

6 Soziologie von Creglingen aus: Georg Weippert, Jakobus Wössner und Gerhard Wurzbacher

12. November 2017 und die Tage danach

Der Weg zur Soziologie schien schon nach meiner Rückkehr nach Tübingen endgültig verschüttet zu sein, und zwar aus mehreren Gründen. Ich hatte mich mit Elsbeth Frauer, Eurer Mutter und Eurer Großmutter, verlobt. Großmutter Elsbeth war fünf Jahre älter als ich. Sie meinte, wir sollten bald heiraten. Vor der Heirat musste aber das Erste theologische Examen abgelegt werden. Nach acht Semestern Studium, damals noch Regelstudienzeit für die Stiftstheologen, machte ich im Sommer 1955 das Examen, heiratete und wurde Vikar in Metzingen. Markus wurde geboren, Thomas wurde geboren, Barbara wurde als Erste in dem späteren Dienstort Creglingen geboren, ihr folgten Margarete, Joachim und Ursula. Das wisst Ihr ja.

Im Hinblick auf das Erste Examen, genauer gesagt, auf die Erste Kirchliche Dienstprüfung, musste ich mich auf die klassischen theologischen Fächer konzentrieren. In Metzingen war ich mit Religionsunterricht, Jugendarbeit. Bibelstunden, Gottesdiensten ganz gut eingedeckt. Ab 1957 rückte das Zweite Theologische Examen näher und damit auch meine Examensarbeit. Das gewählte Thema entsprach deutlich meinen Interessen: Die Soziallehren des Erlanger lutherischen Theologen Johann Christian Konrad von Hofmann (1810-1877). Paul Althaus war an dieser Themenwahl nicht ganz unschuldig. Aber, Ihr ahnt es schon, hinter dem theologischen Interesse verbarg sich auch ein irgendwie sozialwissenschaftliches. Hofmann entwickelt seine Sozialethik von einer theologischen Lehre der natürlichen Gemeinschaften aus. Eigentlich wollte ich in Creglingen noch an diesem Thema weiterarbeiten und es vielleicht bis zu einer Dissertation erweitern, dies dann aber doch eher in Richtung Kirchentheorie, Volkskirchentheorie. Althaus winkte jedoch ab, als ich mit ihm darüber sprach. Es sei mehr eine praktisch-theologische Arbeit, die mir vorschwebe, ich solle mich doch lieber mit Professor Steinwand in Verbindung setzen. Und das tat ich denn auch. Ich wollte promovieren, wollte wissenschaftlich arbeiten, am besten in Verbindung mit meinem Praxisfeld als Pfarrer. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass es auch eine kleine Fluchtbewegung vor familiärer Inanspruchnahme war. Ich meinte, dies der Familie zumuten zu können: Großmutter Elsbeth war ja nicht ganz allein, Urgroßmutter Johanna Frauer war mit uns nach Creglingen gezogen. Und ein Dienstmädchen hatten wir auch noch – kaum zu fassen.

Eduard Steinwand war schon vor Paul Althaus emeritiert worden. Doktorandenbetreuung wäre für beide noch in Frage gekommen, aber man – und damit meine ich auch mich selbst – überlegt sich, ob man das noch leisten will. Eduard Steinwand hörte mich an und sagte, eigentlich seien meine Erwägungen zu einem kirchen­theoretischen Thema mehr soziologisch bestimmt als theologisch. Der weise Eduard Steinwand riet mir deshalb, mich mit dem zwar einzigen, aber derzeit zumindest einigermaßen gesunden Soziologen und Ökonomen Georg Weippert in Verbindung zu setzen. Und das tat ich denn auch. Ich glaube, dies habe ich in einem früheren Brief schon angedeutet. Nach dem Vorgespräch nahm mich Georg Weippert als Doktorand an und bat mich, einen ersten Entwurf für eine soziologische Dissertation vorzulegen.

Aber nun muss ich Euch zunächst noch über ein „verfahrens­technisches“ Problem berichten: Weil Georg Weippert auch Soziologieprofessor war, konnte man im Erlangen der frühen 1960er Jahre durchaus Soziologie studieren. Als Abschluss dieses Studium war nur die Promotion vorgesehen. Promoviert werden konnte, wer eine Doktorarbeit im Fach Soziologie eingereicht hatte, die von zwei Professoren begutachtet worden war, und sodann ein Drei-Fächer-Rigorosum bestanden hatte. Voraussetzung für die Zulassung zur Prüfung war der Nachweis des Studiums in den vom Kandidaten angegebenen drei Fächern. In einem theologischen Fach konnte ich den entsprechenden Nachweis erbringen, zwei Fächer musste ich jedoch nachstudieren, wenn ich promoviert werden wollte. Ich wählte unter den theologischen Fächern das Fach Systematische Theologie, als weiteres Nebenfach Religionswissenschaft und als Hauptfach selbstredend Soziologie. In diesen beiden letztgenannten Fächern musste ich also noch Seminare und Vorlesungen belegen.

Mein Zweitstudium begann mit der Immatrikulation als Erstsemester-Student. Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag. Ich stand in der langen Schlange der Studienanfänger vor dem Immatrikulationsbüro im Schloss zu Erlangen. Es gab keine Sonderbehandlung für den Herrn Pfarrer aus Creglingen. Ich war Erstsemester unter Erstsemestern. Ihr lieben Erstsemester unter meinen Enkeln vom Herbst 2017, Ihr habt ja die Prozedur zeitnah kennengelernt. Vermutlich verläuft sie heutzutage etwas humaner und einfacher ab als damals.

Ihr wisst ja, der freie Wochentag der Pfarrer sollte der Montag sein. Ich benutzte meinen freien Wochentag, um mindestens sechs Semester lang jeden Montag während der Vorlesungszeit mit dem Auto von Creglingen nach Erlangen zu fahren, immer über Landstraßen, im Winter manchmal eisesglatt, im Sommer durch grüne Wiesen. Je näher man Erlangen kam, desto mehr Kiefernwälder kamen dazu. Ich mochte diese Landschaft.

Meine Frau Elsbeth musste dies alles mitmachen, mit ertragen. Dabei hatte sie gar kein Interesse an einer Karriere ihres Mannes, die über den Dorfpfarrer hinausging. Aber sie ließ mich gewähren und unterstützte mich dadurch.

Meine religionswissenschaftlichen Vorlesungen absolvierte ich vor allem bei dem jüdischen Professor Hans Joachim Schoeps. Er war ein souveräner Vertreter seines Fachs. In einer Zeit, als das Preußentum nicht gerade anerkannt war, hielt er eine faszinierende geisteswissenschaftliche Vorlesung über die Berliner Salons des 19. Jahrhunderts. Er war es auch, der mich später im Rigorosum prüfte. Natürlich über den Konfuzianismus, nicht gerade sein Schwerpunktsinteresse.

Wie es das Leben manchmal fügt – ich fand an meinen Montagen immer auch Lehrveranstaltungen, die nützlich und gut zu belegen waren. So auch Vorlesungen und Seminare meines Doktorvaters Georg Weippert, Soziologe und Ökonom.

Ihr kennt das schon – ich bin an meinen Bücherreihen entlanggegangen und habe nach Georg Weippert gesucht. Es dauerte etwas, bis ich den Weippert-Band gefunden hatte, eine Aufsatzsammlung „Jenseits des Individualismus und Kollektivismus – Studien zum gegenwärtigen Zeitalter“ von 1964, also erschienen in den Jahren, als ich in Erlangen nochmals studierte. Auf der vorderen Innenklappe des Umschlags findet sich ein Foto von Weippert, damals schon ein Professor ohne Krawatte. In dem Band fand ich eine schwarzumrandete Danksagung vom August 1965. Frau Weippert hatte sie an mich geschickt. Sie hat mich offenbar gekannt. Wahrscheinlich war ich das eine oder andere Mal in der Privatwohnung, vermutlich auch zu Kaffee oder Tee eingeladen. Weippert war im Juni 1965 verstorben, etwas mehr als 66 Jahre alt. Schon in jungen Jahren war er an Kinderlähmung erkrankt, ein Leben lang sind ihm körperliche Schäden geblieben, so habe ich es in Erinnerung.

Ihm in seinen Vorlesungen zu folgen, fiel mir schwer, aber trotzdem belegte ich bei ihm ein Seminar über Max Weber. Das hat mich wirklich in die Soziologie hineingenommen. Das erste Kapitel aus „Wirtschaft und Gesellschaft“ über die soziologischen Grundbegriffe bleibt bis heute für mich eine Schrift, auf die ich immer wieder zurückgreife. Erst viel später habe ich mich mit der Religions­soziologie Webers beschäftigt.

Im Gespräch verwies Georg Weippert mehrfach auf die Bedeutung von Friedrich Gottl von Ottlilienfeld, ebenfalls Nationalökonom und Soziologe. Ich studierte also Gottl von Ottlilienfeld, ohne zu begreifen, wo die Relevanz für meine Studien liegen sollte. Heute verstehe ich, warum er für mich hätte so interessant werden können wie für Weippert selbst.

Hinter mir steht mein Zettelkasten. Er enthält alle meine Exzerpte, die ich in der Zeit nach dem Theologiestudium auf Karteikarten angefertigt habe. Dort findet sich auch Gottl von Ottlilienfeld. Und es finden sich vor allem auch meine Aufzeichnungen, die ich bei der Lektüre von Georg Weipperts Texten niedergeschrieben habe, relativ viele. Er hat ja auch als Soziologe Themen bearbeitet, die mir nahe waren: Soziologie des Dorfes, Soziologie der Jugend, Soziologie der „kleinen Leute“. Auch über die Konsumgenossenschaften hat er geschrieben. Und er war wissenschaftstheoretisch bewandert, die Nationalökonomie wollte er als Geisteswissenschaft verstanden wissen, als verstehende Wissenschaft, nicht als erklärende Wissenschaft nach dem naturwissenschaftlichen Modell. Dies verband ihn mit Gottl von Ottlilienfeld. Von diesem Ansatz her fand er vermutlich auch mein kultursoziologisches Interesse, das sich im Laufe meiner Studien immer mehr herausgebildet hatte, förderungswürdig.

Neben den Studien in Erlangen arbeitete ich vor allem an meinem Schreibtisch in Creglingen. Ich wollte das gesellschaftliche Leben der Gegenwart durchschauen und verstehen, um vor diesem Hintergrund die Menschen zu verstehen, auch meine Leute aus Creglingen und den es umgebenden Dörfern. Dieser Sitz im Leben verband meine Aufgabe als Pfarrer mit meinen recht theoretischen soziologischen Studien.

Von 1963 an lehrte in Erlangen auch ein neuer, dort habilitierter Privatdozent, Jakobus Wössner. Seine Vorlesungen waren rhetorisch und didaktisch gleichermaßen ansprechend. Er hatte den Anschluss an die Neuentwicklungen der Soziologie gefunden. Der soziologische Ansatz von Talcott Parsons wurde mir von ihm vorgestellt. Seine strukturfunktionalistische Theoriebildung war mir zuvor gänzlich unbekannt gewesen. Ich hatte meine eigenen struktur­funktionalistischen Analysen ausschließlich vor dem Hintergrund deutscher Kulturanalysen betrieben.

In Wössner traf ich auf einen Lehrer, der in vielfacher Hinsicht mit mir korrespondierte. Seine ersten Veröffentlichungen waren auf einem Abstraktionsniveau, das meinen Überlegungen zur Kulturtheorie vergleichbar war.

Und dann kamen zwei biographische Gegebenheiten hinzu. Er war Schwabe wie ich. Er war in Süßen im Filstal geboren, fast ein Nachbarort von Gingen, wo Elsbeth, meine Frau, aufgewachsen war. Und er war katholischer Priester. Man sagte, er sei aus dem Jesuitenorden ausgetreten. Genau habe ich es nie erfahren. In persönlichen Kontakt sind wir uns trotz vieler anderer Nähen nie gekommen. Vielleicht wollte er seine priesterliche Geschichte, die ihm im evangelischen Pfarrer begegnete, nicht zu sehr wieder aufleben lassen.

In einem war Jakobus Wössner jedenfalls für mich von besonderer Bedeutung. Nach dem Tod von Georg Weippert war ich ohne Doktorvater. Jakobus Wössner sprang ein. Er war nach dem Tode von Weippert nicht nur Privatdozent, sondern auch Lehrstuhlvertreter. Trotz seiner früheren Distanz zur Religionssoziologie war er später, in den siebziger Jahren, derjenige, der einen beachtlichen Sammelband zur neueren Religionssoziologie herausbrachte (Religion im Umbruch, Stuttgart 1972). Damals hatte ich mich auch selbst der Religionssoziologie zugewandt. In meiner Dissertation spielt Religion dagegen eine völlig untergeordnete Rolle. Ich behandelte sie vor allem im Rahmen der Analyse jener sozialen Gebilde, in denen spezifische Formen des Wissens vermittelt werden, die der kulturellen Weltbewältigung dienen. In dieser Form war Religion für mich Element der Kultur, eben des kulturell vermittelten Wissens. Dass ich diesen Ansatz gewählt habe, hängt damit zusammen, dass ich auch hier einen Außenblick auf Religion, Kirche und Frömmigkeit ermöglichen wollte. Von diesem Blickwinkel her gesehen war für mich Religion selbstverständlicher Bestandteil menschlicher Kultur, damit aber auch immer in konkrete Kulturen verwoben. Ihr merkt, Kultur meint in meinem Denken nicht die Kultur als Künste verstanden, sondern Kultur war für mich das Gesamt menschlichen sozialen Lebens. So ist es bis heute geblieben.

Meine Doktorarbeit war fast fertig, als Georg Weippert starb. Gut, dass Jakobus Wössner mich übernahm. Er schrieb das Erstgutachten, das Zweitgutachten Gerhard Wurzbacher, seit 1965 Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie und Sozialanthropologie im Rahmen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, die durch Eingliederung der Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg neu gebildet worden war. So fand denn am 20. Februar 1967 meine Doktorprüfung statt. In der Hauptfachprüfung befragte mich Jakobus Wössner, im Nebenfach Religionswissenschaft der bereits genannte Hans Joachim Schoeps und in der Systematischen Theologie Walter Künneth, ein außergewöhnlich konservativer Vertreter seines Fachs, allerdings in der NS-Zeit ein klarer Gegner des Regimes.

Von meinen Prüfern ist Gerhard Wurzbacher für mein weiteres Leben besonders wichtig geworden. Dies war nicht ohne weiteres voraussehbar. Jakobus Wössner hatte mir nach dem Rigorosum vertraulich mitgeteilt, Kollege Wurzbacher habe geäußert, eigentlich sei diese Doktorarbeit mit dem Titel „Die Kultur als soziales System“ keine soziologische, sondern eine sozialphilo­sophische Arbeit. Obwohl Wurzbacher selbst grundlegende Arbeiten zur theoretischen Soziologie geliefert hatte, hatte er, nach Nürnberg berufen, entschlossen empirischen Analysen auf statischer Grundlage den Vorrang eingeräumt. Allerdings hatte er zuvor schon Arbeiten veröffentlicht, die auf empirischen Detailstudien beruhten. Eine erste Arbeit dieser Art beschäftigte sich unter dem Thema „Gruppe, Führung, Gesellschaft“ mit der Christlichen Pfadfinderschaft. Ich meine mich zu erinnern, dass er dieser Gruppierung persönlich sehr nahestand. Ausgesprochen empirisch orientiert war auch seine Forschungsarbeit „Das Dorf im Spannungsfeld industrieller Entwicklung“, die er zusammen mit Renate Pflaum, später Renate Mayntz, publiziert hatte. Bereits in den frühen 1960er Jahren hatte Gerhard Wurzbacher eine wichtige theoretische Arbeit veröffentlicht. Sie trägt den Titel „Der Mensch als soziales Wesen“. Ich nahm diese Arbeit damals nicht zur Kenntnis. Sie wäre für meine Kultursoziologie aber nützlich gewesen.

Nach Abschluss meines Promotionsverfahrens setzte ich mich mit Wurzbacher in Verbindung und besprach seine Kritik an meiner Arbeit mit ihm. Dies leitete im Blick auf meine Arbeiten so etwas wie eine empirische Wende ein. Höchst überraschend für mich war, dass er mich fragte, ob ich nicht eine Assistentenstelle bei ihm übernehmen wolle. Ich erbat mir eine kleine Bedenkzeit, lehnte aber dann ab. Ich war inzwischen zu sehr Pfarrer und Theologe. Dies war mir aber keine Last. Ich war es gerne. In akademischen Gefilden wollte ich zwar trotzdem weiterkommen, aber in einer Verknüpfung von Soziologie und Theologie. So kam es dazu, dass ich eine Habilitation im Fach der Praktischen Theologie anstrebte. Der Württembergische Oberkirchenrat unterstützte mich, indem er mir einen Forschungsaufrag erteilte und mich gleichzeitig von der Gemeindearbeit entlastete. Erika Schaudt wurde meine Vikarin. Professor Werner Jetter, Praktischer Theologe in Tübingen, stand meinem Vorhaben wohlwollend gegenüber. Ich vermute aber, dass er über meinen Wechsel nach Hannover ganz froh war. Die Tübinger hätten meine Arbeit kaum akzeptiert. Dies war in Göttingen anders. Hier fand ich in Manfred Josuttis einen starken Unterstützer. Gerhard Wurzbacher wurde Drittgutachter in meinem Habilitationsverfahren. Allerdings: Wenn die Studentenrebellion nicht gewesen wäre, wären vermutlich auch in Göttingen alle Bemühungen von Josuttis, meine Arbeit als Habilitationsschrift anzunehmen, umsonst gewesen. Zeit meines akademischen Lebens blieb ich bei nicht wenigen Theologen mit meiner nur soziologischen Promotion verdächtig: Ob er wohl ein richtiger Theologe ist?

Und nun muss ich noch einmal auf Gerhard Wurzbacher zurückkommen: Für meine Projektarbeit über das kommende und damit zu planende evangelische Kirchenwesen im württem­bergischen Hohenlohe hatte er mir die Beratung durch seine Mitarbeiter Ingrid Lukatis, damals wohl noch Ingrid Götz, und Wolfgang Lukatis empfohlen. Beide Lukatis hatten sich schon in die diffizilen statistischen Künste im Dienste empirischer Sozialforschung eingearbeitet und berieten und unterstützten mich mehr als gut.

Doch auch damit war meine Wurzbacher-Geschichte noch nicht erschöpft: Als ich für die neu errichtete Pastoralsoziologische Arbeitsstelle zwei Soziologen suchte, wandte ich mich an Gerhard Wurzbacher: „Das wird schwierig werden. Die heutigen Soziologen haben mit der Kirche nicht viel am Hut.“, meinte er. Nur wenig später kam ein Anruf von Wolfgang Lukatis: „Meine Frau und ich interessieren uns für die beiden Stellen.“ So kamen denn Ingrid und Wolfgang Lukatis nach Hannover. Wir haben zusammen viel auf die Beine gestellt. Nächste Woche, am 24. November 2017, treffen wir uns im alten Kollegenkreis, um die Goldene Hochzeit der beiden zu feiern.

Und noch immer war meine Geschichte mit Gerhard Wurzbacher nicht zu Ende. Du, Thomas, hast nach Deinem Abitur Soziologie zu studieren begonnen, in Nürnberg, bei Gerhard Wurzbacher und seinen Kollegen und Assistenten. Ich selbst bin mit ihm in Verbindung geblieben. In den letzten Jahren vor seinem Tod vor allem über Ingrid und Wolfgang Lukatis.

Ihr seht, dieser Lebensweg eines Theologen, der auch Soziologe ist, ist voller Zufälle zu dem geworden, was er geworden ist. Oder waren es doch nicht nur Zufälle?

Seid alle miteinander herzlich gegrüßt.

PS. Verzeiht mir die Überlänge dieses Briefes. Manchmal bin ich ja so abstrakt geworden wie in „Die Kultur als soziales System“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 221 Seiten

Details

Titel
Theologe sein heute
Untertitel
Autobiographische Reflexionen in Briefen an meine Kinder, Enkel und Urenkel 2017 – 2019
Autor
Jahr
2019
Seiten
221
Katalognummer
V500634
ISBN (eBook)
9783346015723
ISBN (Buch)
9783346015730
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theologe, autobiographische, reflexionen, briefen, kinder, enkel, urenkel
Arbeit zitieren
Karl-Fritz Daiber (Autor), 2019, Theologe sein heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500634

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